Archiv für den Monat: Januar 2015

Zitatkunst

Zitate faszinieren die Menschen vermutlich schon so lange, wie es Literatur gibt: Eine einmal gefundene glückliche Formulierung, die auch außerhalb ihres ursprünglichen Kontexts ihren Sinn behält oder einen neuen hinzugewinnt, wird gern wiederaufgegriffen. Auch das Bemühen, einen künstlerischen Rahmen für die Worte, die einen bewegen, zu schaffen, ist nicht neu und reicht von Formen der Volkskunst (wie gestickten Sinnsprüchen an der Wand) über gelehrte Spielereien (beispielsweise die Emblemkunst der Renaissance) bis hin zu der Fülle von gefällig bis hintersinnig illustrierten Zitatsammlungen, -kalendern und -postkarten, die heutzutage fast jede Buchhandlung anbietet. Ein besonders schönes Beispiel sind dabei die Literaturkalender aus dem Korsch Verlag, die ansprechende Fotos mit den unterschiedlichsten Zitaten kombinieren.
Abseits dieses bei aller liebevollen Gestaltung eher kommerziell ausgerichteten Umgangs mit Zitaten gibt es jedoch nach wie vor auch von künstlerischem Anspruch geprägte Umsetzungen, wie etwa die Edition Artlit zeigt, in deren Drucken prägnante Sätze aus der Weltliteratur zu Kunstwerken werden.
Dass man noch einen Schritt weitergehen kann und sich nicht immer nur auf einen griffigen Aphorismus beschränken muss, um Zitatkunst zu schaffen, beweist die Grafikerin Sam Jehanzeb von saje design, die einen ganzen Abschnitt aus Truman Capotes Musik für Chamäleons in ein Gemälde verwandelt und so die sprachlich Schönheit des Texts ebenso wie seine inhaltlichen Untiefen virtuos bildlich heraufbeschwört: Zitatkunst von Sam Jehanzeb
Den Allgemeinplatz, dass ein Bild mehr als tausend Worte sagt, kann man also vielleicht um eine Beobachtung ergänzen: Wenn Worte selbst zum Bild werden, können sie im besten Fall das, was Text und grafische Gestaltung allein jeweils zu bieten haben, vertiefen und übertreffen.