1066

1066. Der Kampf um Englands Krone

Die Schlacht bei Hastings im Jahre 1066 und die hauptsächliche Bildquelle dazu – der Teppich von Bayeux – sind sicher den meisten historisch Interessierten ein Begriff. Die Assoziationen, die sich damit verbinden, sind aber oft noch stark von einer nationalistisch orientierten Geschichtsschreibung geprägt, die in der Eroberung Englands durch die Normannen primär das Ergebnis eines Konflikts zweier Völker sah.
Eine zeitgemäßere Perspektive, die den tatsächlichen mittelalterlichen Verhältnissen besser gerecht wird, bietet Jörg Peltzers packend erzähltes Buch 1066. Zwar wählt er das titelgebende Jahr mit seinen drei entsetzlichen Schlachten bei Fulford Gate, Stamford Bridge und schließlich Hastings als Kristallisationspunkt seiner Schilderung, doch im Mittelpunkt stehen die Voraussetzungen, unter denen es überhaupt zu diesen Auseinandersetzungen kommen konnte.
Zentral für das Verständnis der Vorgänge sind die drei wesentlichen Protagonisten, die nach dem Tod Eduards des Bekenners im Kampf um Englands Krone (so der Untertitel) aufeinandertrafen: Wilhelm der Eroberer, der trotz seiner unehelichen Geburt seinem Vater früh als Herzog der Normandie nachfolgte und seine Position in zahlreichen Kriegen festigte, Harold Godwinson, der als Repräsentant einer der führenden angelsächsischen Adelsfamilien nach der Herrschaft griff, und Harald Hardrada, der nach einem abenteuerlichen Leben schon die norwegische Krone errungen hatte und nun auch noch England seinem Einflussbereich hinzuzufügen trachtete.
In ihrer Bereitschaft zu skrupellosem Vorgehen (teilweise auch zulasten ihrer jeweiligen Familienangehörigen) schenkten alle drei sich wenig. Folgerichtig schildert Peltzer die fast gleichzeitigen Angriffe Haralds und Wilhelms auf England und Harolds gegen Ersteren erfolgreiche, gegen Letzteren aber gescheiterte Abwehr auch primär als Ringen dreier brutaler Machtmenschen, das in einen größeren Kontext der Transformation und Konsolidierung von Herrschaft im 11. Jahrhundert einzubetten ist.
Dass diese Prozesse trotz aller regionalen kulturellen Unterschiede in England, Nordfrankreich und Skandinavien ähnlich verliefen, erklärt sich unter anderem auch daraus, dass der Nordseeraum in dieser Epoche ein eng vernetztes Gebilde darstellte, in dem familiäre Bindungen und Handelsbeziehungen, aber auch Söldnertum und Raubzüge ständige Kontakte schufen. Während Rechts- und Ehrvorstellungen teilweise differierten und gerade zu dieser Zeit in einem Umbruchsprozess begriffen waren, blieben die administrativen Strukturen überall stark personenzentriert.
Überspitzt ausgedrückt gelang die normannische Eroberung Englands deshalb vor allem, weil es Wilhelm anders als seinen beiden Rivalen glückte, bis zum Ende der Kämpfe und darüber hinaus am Leben zu bleiben – und weil auch der Widerstand gegen ihn in den folgenden Jahrzehnten eher von den Partikularinteressen einzelner Führungsgestalten bestimmt war, als eine geschlossene Front zu bilden. Wenngleich nach und nach eine quasi vollständige Verdrängung der alten angelsächsischen Elite durch normannische Große erfolgte, agierten auch einige von diesen selbst auf englischem Boden gegen den König, um eigene Ansprüche durchzusetzen. Wie wichtig deshalb neben der Abwehr weiterer skandinavischer Eroberungsversuche auch die Legitimation nach innen für Wilhelm blieb, zeigt ein genaues Studium der zeitgenössischen historiographischen Quellen und ihrer Argumentationsstrategien, die hier klarsichtig durchleuchtet werden.
Das alles liest sich spannender und lebendiger, als eine trockene Inhaltsskizze vermitteln kann, denn Peltzer erweist sich im Laufe des Buchs als hervorragender Erzähler, der bei aller wissenschaftlichen Seriosität viel Freude an atmosphärischen Beschreibungen und an charmanten Details erkennen lässt (z.B. erfährt man am Rande auch, dass Haralds Kettenhemd „Emma“ hieß). Kartenmaterial und zahlreiche Abbildungen (unter anderem von archäologischen Funden und Gebäuden, aber auch von Ausschnitten des Teppichs von Bayeux) komplettieren den schönen Band. Mitreißend wie ein Roman und auch für Laien gut verständlich, ohne je in Anspruchslosigkeit abzugleiten, ist 1066 ein rundum gelungener Ausflug ins Mittelalter.

Jörg Peltzer: 1066. Der Kampf um Englands Krone. München, C. H. Beck, 2016, 432 Seiten.
ISBN: 9783406697500

 


Genre: Geschichte