1177 v. Chr.

1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation

Der Titel von Eric H. Clines Studie über Blütezeit und Untergang der bronzezeitlichen Kulturen des östlichen Mittelmeerraums ist etwas irreführend, denn eigentlich erfährt man darin nur sehr wenig über 1177 v. Chr. – nach Einschätzung vieler, wenn auch nicht aller Experten das Jahr, in dem sich Pharao Ramses III. eine entscheidende Schlacht mit den sogenannten „Seevölkern“ lieferte. Der Reiz der griffigen Jahreszahl, die eine zeitlich eng begrenzte, klar fassbare Katastrophe suggeriert, war Autor und Verlag wohl wichtiger als ein Hinweis auf den eigentlichen Inhalt. Denn was Cline vorlegt, ist vielmehr ein an ein breites Publikum gerichtetes Panorama der bronzezeitlichen Zivilisation ab dem 15. Jahrhundert v. Chr. und der möglichen Ursachen ihres desaströsen Endes.
Es entsteht das Bild einer für damalige Verhältnisse durchaus globalisierten Welt. Minoer und Mykener, Ägypten und das Hethiterreich, Ugarit, Mitanni und Mesopotamien waren diplomatisch und dynastisch, aber auch geistesgeschichtlich und nicht zuletzt wirtschaftlich aufs Engste miteinander verflochten.
Cline zeichnet dabei nicht nur die politische und militärische Geschichte mit ihren wichtigen Einzelereignissen (wie etwa der Schlacht von Kadesch 1274 v. Chr.) spannend und gut lesbar nach, sondern widmet sich auch wichtigen archäologischen Funden (z.B. dem Schiffswrack von Uluburun, das von einer bronzezeitlichen Handelsfahrt zeugt) und daneben eher mythischen Vorgängen wie dem Trojanischen Krieg oder dem Auszug der Israeliten aus Ägypten. Auf die Frage, welche tatsächlichen historischen Konstellationen hier ihre literarische Überhöhung gefunden haben könnten, bietet er überzeugend zurückhaltende Antworten an.
Genau diese wissenschaftliche Redlichkeit wird dem Buch jedoch zumindest unter erzählerischen Gesichtspunkten bis zu einem gewissen Grade zum Verhängnis, wenn der Autor nach langem Vorlauf auf das im Untertitel verheißene Thema, den „Untergang der Zivilisation“, sprechen kommt, denn was ihn auslöste, bleibt weitestgehend im Dunkeln.
Der „Seevölkersturm“ allein – also ein ausgedehnter militärischer Konflikt, der mehreren Staaten den Todesstoß versetzt haben könnte – reicht Clines Einschätzung nach zur Erklärung der Katastrophe nicht aus (zur gegenteiligen Meinung vgl. etwa Armin Eich). So führt er akribisch alle nur erdenklichen weiteren Faktoren ins Feld, von Naturkatastrophen über innenpolitische Wirren bis hin zu Wirtschaftskrisen. Unter Rückgriff auf die Komplexitätstheorie kommt er zu dem Schluss, dass bei einem vielfach verflochtenen System wie der bronzezeitlichen Staatenwelt oft der Zusammenbruch eines einzelnen Elements ausreicht, um einen Dominoeffekt zu erzeugen und alle anderen Teile mit ins Verderben zu reißen. Mit einer eindeutigen Meinung darüber, worin in diesem Fall der alles entscheidende Anstoß bestanden haben könnte, hält er sich jedoch zurück.
Daher stellt sich gegen Ende des Buchs das Gefühl ein, eigentlich mehr über das erfahren zu haben, was in den Verwerfungen der späten Bronzezeit verloren ging, als über die konkreten Gründe für diesen Verlust. Dies ist doppelt bedauerlich, da Cline schon in der Einleitung selbst den Bogen zu unserer heutigen globalisierten Zeit und all ihren Risiken schlägt. Gerade vor diesem Hintergrund mutet es auch doppelt zynisch an, dass er zu dem nur scheinbar tröstlichen Fazit kommt, dass es gelegentlich „eben einen Flächenbrand“ erfordere, erstarrte alte Strukturen zu überwinden und den Weg für (positive) Neuentwicklungen freizumachen. Angesichts des tausendfachen menschlichen Leids, das mit solch einem gewaltsamen Wandel unweigerlich einhergeht, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Cline hier doch ein wenig zu sehr dem distanzierten Historikerblick auf das große Ganze erliegt und individuelle Erfahrungen zu gering veranschlagt.
Wie sehr man sich daran stört, ist jedoch sicher eine Ermessensfrage, und auch diesbezügliche Bedenken ändern nichts daran, dass 1177 v. Chr. insgesamt anregende Lektüre und einen guten Einstieg in die Welt der mediterranen Bronzezeit bildet.

Eric H. Cline: 1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation. Darmstadt, Theiss (WBG), 2015, 336 Seiten.
ISBN: 9783806231953


Genre: Geschichte