Bach

Bach. Musik für die Himmelsburg

Die Zahl 14 spielte eine große Rolle für Johann Sebastian Bach (1685-1750), betrachtete er sie doch als Quersumme aus seinem Nachnamen (B=2, A=1 etc.). Die Spielereien, die der Komponist damit in seinen Stücken betrieb, greift John Eliot Gardiner subtil auf, indem er Bach. Musik für die Himmelsburg in 14 Kapitel unterteilt. Diese Mischung aus wacher Beobachtungsgabe und tiefem Verständnis prägt den Ton der gesamten anspruchsvollen Biographie, der es bei aller Detailverliebtheit nie an Humor und Menschlichkeit fehlt.
Die durchweg überzeugende Qualität des Buchs ist sicher auch der Tatsache zu verdanken, dass Gardiner nicht nur einer der profiliertesten Bach-Interpreten ist, sondern vor seiner endgültigen Hinwendung zu einer Musikkarriere auch mehrere Semester Geschichte studiert hat. Neben der musikwissenschaftlichen Perspektive, die sich in liebevollen Werkanalysen insbesondere der Johannes- und Matthäuspassion und der h-Moll-Messe niederschlägt, ist immer auch die Sicht des Historikers präsent, der seinen Protagonisten gekonnt in den kulturgeschichtlichen Kontext einzuordnen weiß.
In eine weitverzweigte Musikerfamilie hineingeboren, aber früh verwaist, erhielt Bach zunächst von seinem älteren Bruder Johann Christoph und danach als Chorschüler in Lüneburg eine gründliche musikalische Ausbildung. Nach wechselnden Organistenstellen und einer Zeit des Wirkens in Adelsdiensten in Weimar und Köthen hatte er von 1723 bis zu seinem Tode den Posten des Thomaskantors in Leipzig inne, das Amt, mit dem er heute wohl am stärksten assoziiert wird.
Während trotz beträchtlicher Verluste umfangreiche Teile seines kompositorischen Schaffens überliefert sind, ist der Mensch Bach, der bei privater Korrespondenz eher schreibfaul war, weit schwieriger zu fassen, wie Gardiner gerade im Vergleich mit anderen ungefähr gleichaltrigen Musikern (z.B. Georg Friedrich Händel, Georg Philipp Telemann, Jean-Philippe Rameau oder Domenico Scarlatti) zu belegen weiß. Die Persönlichkeit, die sich beim genauen Hinsehen aus den Quellen herausschält, ist nicht ohne Widersprüche: Einem bisweilen jähzornigen und arroganten Mann, der gerade in jungen Jahren mehrfach in Tätlichkeiten verwickelt war, später mit Arbeitgebern und Kollegen im Dauerstreit lag und wohl auch nicht davor zurückschreckte, die Haushaltsbücher zu fälschen, um die eigene Frau über kostspielige Buchkäufe zu täuschen, steht ein tiefreligiöser und berückend sensibler Künstler gegenüber, der äußerst einfühlsam Worte, Gefühle und Musik zu verbinden verstand.
Obwohl auch weltliche Stücke zur Sprache kommen, deren Aufführung oft genug nicht etwa an Fürstenhöfen, sondern in Leipziger Kaffeehäusern stattfand, gilt Gardiners Hauptaugenmerk Bachs geistlichen Werken, insbesondere auch seinen Kantaten. Interesse an der Musik selbst und an den mit ihr verbundenen Glaubensinhalten sollte man bei der Lektüre durchaus mitbringen, denn beide Aspekten werden gerade in den späteren Kapiteln bis in alle Einzelheiten beleuchtet (wobei im Zweifelsfalle ein Glossar beim Verständnis musikalischer Fachbegriffe hilft). Die Himmelsburg des Untertitels bezieht sich nicht ausschließlich auf eine von Bachs Wirkungsstätten (eine heute zerstörte Weimarer Schlosskirche gleichen Namens); zentraler ist die  übertragene Bedeutung.
Dabei gibt es manch Unerwartetes und Erstaunliches zu erfahren, so etwa, dass Bach aufgrund bestimmter theologischer Aussagen, die in seinen Stücken mitschwangen, in Konflikt mit der eher konservativen Leipziger Geistlichkeit geriet, der sein Blickwinkel zu originell und radikal war. Deutlich wird aber zugleich, dass dennoch gerade Leipzig Bach Freiräume und Entfaltungsmöglichkeiten bot, die er anderswo vermutlich nicht gehabt hätte, so dass sein Werk nicht losgelöst von seiner beruflichen Laufbahn betrachtet werden kann.
Dass sich dies alles wunderbar flüssig und anregend liest, ist in der deutschen Fassung auch der Übersetzung von Richard Barth zu verdanken, die einen über weite Strecken vergessen lässt, dass man es mit einem im Original auf Englisch verfassten Buch zu tun hat.
Abgerundet wird der Band durch eine Fülle von Abbildungen, die nicht immer nur rein illustrierende Funktion haben, sondern teilweise selbst zum Objekt spannender Interpretationen werden. Eines der wiedergegebenen Kunstwerke – ein Aquarell der Thomaskantorei von Felix Mendelssohn Bartholdy – bringt den Autor zu dem Urteil, Mendelssohn sei „auf jedem Gebiet (…), dem er sich zuwandte“, begabt gewesen. Das möchte man nach der Lektüre auch Gardiner selbst bescheinigen, denn eine so brillante Annäherung an Bach, wie er sie hier vorlegt, ist vielleicht noch niemandem sonst gelungen.

John Eliot Gardiner: Bach. Musik für die Himmelsburg. München, Hanser, 2016, 735 Seiten.
ISBN: 9783446246195

 


Genre: Biographie, Kunst und Kultur