Bilder einer Ausstellung

Bilder einer Ausstellung

Die Londonerin Claire erleidet eine Fehlgeburt, für die sie indirekt ihren Mann Rob verantwortlich macht. Nicht nur ihre Ehe gerät dadurch in eine tiefe Krise. Doch dann erhält Rob aus dem Nachlass seiner kürzlich verstorbenen Großmutter mehrere Briefe, die ihr im Zweiten Weltkrieg ihre Cousine Daisy geschrieben hat, an die sich rätselhafterweise kein noch lebendes Familienmitglied zu erinnern scheint. Fasziniert beginnt Claire, auf Daisys Spuren zu wandeln und Parallelen zwischen ihren eigenen Erlebnissen und denen der unbekannten Verwandten zu entdecken. Dass sie dabei in ihrem Kummer den falschen Weg einzuschlagen droht, wird ihr erst sehr spät bewusst …
So weit, so konventionell, möchte man meinen, sind doch auf zwei Zeitebenen erzählte Geschichten um tatsächlich oder vermeintlich seelenverwandte Frauengestalten im Prinzip nichts Neues. Doch was Camilla Macphersons Bilder einer Ausstellung zu etwas Besonderem macht, ist der originelle Einfall, in beiden Handlungssträngen der Schilderung realer Gemälde (die auch im Buch abgebildet sind) breiten Raum zu geben.
Die Londoner National Gallery lagerte zwar im Zweiten Weltkrieg ihre Bestände aus Sicherheitsgründen aus, zeigte jedoch jeden Monat ein einziges Gemälde als Picture of the month. Das jeweilige Bild besichtigt Daisy in den Jahren 1942 und 1943 und schildert ihre Eindrücke in ihren Briefen. Davon inspiriert fasst Claire den Entschluss, ebenfalls allmonatlich die National Gallery aufzusuchen und sich nach und nach dieselben Werke anzusehen.
Keine der beiden jungen Frauen ist kunsthistorisch sonderlich bewandert. Gerade die Daisy in die Feder gelegten, herrlich unbefangenen Deutungen sind nicht ohne Fehlinformationen, bestechen aber durch ihre Beobachtungsgabe und den unkonventionellen Blick auf Details. Claires Interpretationen wirken oft etwas gewollter (etwa bei dem letzten der 14 Gemälde, Renoirs Regenschirmen, die auch das Cover dieser Ausgabe zieren), zeigen aber ebenfalls einfühlsam auf, wie sehr die Auseinandersetzung mit Kunst von der eigenen Lebenssituation beeinflusst wird und umgekehrt wieder darauf zurückwirkt. Von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert, von Italien bis England werden so die unterschiedlichsten Epochen und Länder durchlaufen, wobei jedoch trotz aller historischen und stilistischen Unterschiede immer wieder Konstanten in den zwischenmenschlichen Beziehungen und im Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt aufscheinen.
Mit den Bildbetrachtungen verflochten sind zwei erst durch die Museumsbesuche ausgelöste Dreiecksbeziehungen mit sehr unterschiedlichem Ausgang. Hier spitzt Macpherson Tragik und Romantik der einen Geschichte vielleicht etwas zu sehr zu, um sie mit der alltäglicheren und gerade dadurch hoffnungsvolleren Entwicklung der anderen zu kontrastieren. Insgesamt macht es aber dennoch großen Spaß, die Interaktionen des recht kleinen Figurenensembles zu verfolgen, zumal sich Theda Krohm-Linkes Übersetzung leicht, locker und angenehm liest. Wer einen unterhaltsamen und anrührenden Roman mit einer Prise Kunstgenuss sucht, kann mit den Bildern einer Ausstellung also nicht viel falsch machen.

Camilla Macpherson: Bilder einer Ausstellung. Berlin, Ullstein, 2015 (vorliegende Ausgabe; dt. Erstausgabe 2011 unter dem Titel Am Tag und in der Nacht), 396 Seiten.
ISBN: 9783548287171


Genre: Roman