Das klassische Griechenland

Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit

Warum gelten gerade das 5. und das 4. Jahrhundert vor Christus als „klassische“ und damit vorbildliche Epoche der griechischen Geschichte, obwohl diese Zeit stark von alles andere als nachahmenswerten Aktivitäten gekennzeichnet war? Vor dem Hintergrund von maßlosem Machtstreben und permanenten kriegerischen Auseinandersetzungen, die regelmäßig zu Gräueltaten wie Massakern und Massenversklavungen führten, nimmt Sebastian Schmidt-Hofner eine Problematisierung des Begriffs der „Klassik“ zum Ausgangspunkt, um die Entwicklung des Klassischen Griechenland durch Perserkrieg und Peloponnesischen Krieg bis hin zum Aufstieg Makedoniens unter Philipp II. und Alexander dem Großen zu schildern.
Sein Hauptaugenmerk gilt dabei der politischen Geschichte und in ihrem Kontext auch der Entwicklung von Ideen. Insbesondere beschäftigt ihn der Freiheitsbegriff, der in vielen Konflikten zum prägenden Schlagwort wurde, aber er schildert auch die Herausbildung einer griechischen Identität in Abgrenzung von den „Barbaren“ und insbesondere vom Perserreich. Durch diese Schwerpunktsetzung erscheinen, anders als in dem in derselben Reihe erschienenen Band zur historisch unmittelbar vorausgehenden Epoche, materielle Kultur und Alltagsleben allenfalls ganz am Rande.
Zudem sollte man vielleicht die Bezeichnung „Griechenland“ im Titel mit einem Fragezeichen versehen, denn treffender wäre eigentlich eine Formulierung wie „Athen und die anderen“, steht doch über weite Strecken Athen im Zentrum von Schmidt-Hofners Interesse. Neben der ereignishistorischen Bedeutung der Stadt mag das im gewissen Maße auch der Quellenlage geschuldet sein, die für Athen eine deutlichere Rekonstruktion der inneren Verhältnisse erlaubt als für andere Poleis. Selbst Sparta, das als zweiter Stadtstaat mit hegemonialen Ambitionen natürlich auch eine gewichtige Rolle spielt, wird diesbezüglich relativ kurz abgehandelt. Die Vielzahl der übrigen Gemeinwesen, die es im antiken griechischen Kulturraum gab, rückt allenfalls punktuell einmal ins Rampenlicht.
Im Rahmen dieser Gewichtung glückt Schmidt-Hofner jedoch ein guter und eingängiger Überblick über die bewegte Epoche, der die großen Entwicklungslinien ebenso nachvollziehbar präsentiert wie unterschiedliche Forschungsmeinungen zu Detailproblemen. Allzu viele Vorkenntnisse sind nicht nötig, um sich zurechtzufinden, da hier noch stärker als in den anderen Bänden der Reihe auf deren Einführungscharakter Rücksicht genommen wird. So werden z.B. Aussprachehilfen für die nicht immer intuitiv zu erschließende Betonung altgriechischer Orts- und Personennamen geboten. Quellenzitate sind in aller Regel in recht moderner Ausdrucksweise übersetzt, die dem heutigen Leser das Verständnis erleichtert, einen aber auch manchmal stutzen lässt, wenn etwa von „peers“ oder „Training“ die Rede ist. Hier kann man sich fragen, ob nicht vielleicht etwas zu stark neuzeitliche Vorstellungen in die Originaltexte rückprojiziert werden. Auch fällt auf, dass der Autor sich in Fällen, in denen verschiedene Varianten eines Namens existieren, nicht immer für die gängigste entscheidet (so bevorzugt er z.B. „Stagiros“ statt „Stageira“ für den Geburtsort des Aristoteles).
Trotz dieser Besonderheiten, über die man geteilter Meinung sein kann, liest sich die Darstellung unkompliziert und angenehm. So lässt man sich gern zu Schmidt-Hofners Schlussfolgerung mitnehmen, das das Klassische Griechenland diese Bezeichnung trotz aller Vorbehalte verdient: nicht als goldenes Zeitalter, sondern als die Epoche, in der verschiedene politische und philosophische Ideen wie etwa Demokratie und Autonomie zum ersten Mal historisch fassbar werden. Neben ihrer oft zahlreichen Einschränkungen unterworfenen praktischen Umsetzung ist dabei auch die theoretische Unterfütterung hervorhebenswert, die viele Konzepte  seinerzeit erhielten – unter anderem auch das der Geschichtsschreibung. Bei aller berechtigten Kritik an einer Idealisierung der Griechen und einer zu bereitwilligen Ausblendung von Schattenseiten bleibt also am Ende doch der Gedanke bestehen, dass geistesgeschichtlich manch eine europäische Tradition bei ihnen wenn auch vielleicht nicht ihren Ursprung, so doch einen frühen Höhepunkt fand – ganz klassisch eben.

Sebastian Schmidt-Hofner: Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit. München, C. H. Beck, 2016, 368 Seiten.
ISBN: 9783406679155


Genre: Geschichte