Die Liebe meines Vaters

Die Liebe meines Vaters

Im Jahre 1930 reist der angehende Lehrer Loris aus einer Laune heraus nach Budapest. Für den kunstsinnigen jungen Mann bildet die kosmopolitische Stadt einen verlockenden Gegensatz zur provinziellen Enge seiner württembergischen Heimat. Durch die Zufallsbekanntschaft mit dem Journalisten Béla findet er schnell Anschluss an einen ungarischen Freundeskreis und verliebt sich in die selbstbewusste und intelligente Hutmacherin Éva. Was als unbeschwerte Sommerbeziehung beginnt, wird den beiden trotz langer Trennungsphasen immer wichtiger und steht doch unter keinem guten Stern: Die Verwerfungen am Vorabend des Zweiten Weltkriegs sprengen selbst enge Freundschaften, und der eher unpolitische Loris muss die bittere Erfahrung machen, dass höfliche Zurückhaltung einen nicht davor bewahrt, in den Strudel der Katastrophe gerissen zu werden, die radikalere Geister angestoßen haben. Als er, längst mit einer anderen verheiratet, in den Krieg zieht, der sein weiteres Schicksal bestimmen soll, scheinen seine Budapester Erlebnisse sehr fern – und doch werden sie Jahre später für seine Tochter Maria noch große Bedeutung gewinnen.
Vor allem eine Liebesgeschichte also? Ja und nein. Natürlich ist die Nähe, die sich bei aller nicht nur geographischen Ferne zwischen Loris und Éva entwickelt, der Kern, um den sich die gesamte Handlung entspinnt. Doch der Roman ist auch und vor allem ein pralles Panorama einer bewegten Epoche.
Die sinnlichen Beschreibungen des alten Budapest mit seinen Gerüchen, seiner kulturellen Vielfalt und immer wieder auch seinem leitmotivisch wiederkehrenden Himmel erinnern an den besten Stellen atmosphärisch an Joseph Roths Schilderungen des späten Habsburgerreichs. Diesem Schwelgen in kulinarischen Genüssen, Musik, Prachtbauten und Lichtstimmungen stehen im Mittelteil des Romans ebenso intensive Darstellungen der Kriegsgräuel, mit denen Loris als Opfer wie als Täter konfrontiert ist, und des harten Lebens seiner oft überforderten Frau Elsa auf der Schwäbischen Alb gegenüber. Die auf echten Vorbildern beruhenden Feldpostbriefe, mit denen die beiden Kontakt halten, zeichnen hautnah und präzise das Scheitern einer Ehe an den Zeitläuften und an gegenseitigem Unverständnis nach.
Doch nicht nur in ihnen zeigt sich Eichhorsts Talent, fein beobachtete Charakterstudien der Figuren zu entwerfen, die den historischen Rahmen ebenso sehr prägen, wie sie von ihm geprägt werden: Von den Bauern, bei denen Elsa Unterschlupf findet, über die Soldaten in Loris‘ Umfeld bis hin zu Évas quirliger Schwesternschar, immer hat man das Gefühl, es eher mit lebenden Menschen als mit Romangestalten zu tun zu haben.
Ein wiederkehrendes Thema sind dabei Familienstrukturen und ihre Auswirkungen, am sinnfälligsten vielleicht in der titelgebenden Liebe meines Vaters zu fassen, die sich nicht etwa nur auf die Jugendliebe von Marias Vater bezieht, sondern ebenso sehr auf den Verlust von Vaterliebe (der sie und ihre Mutter Elsa jeweils trifft), die unerfüllte Sehnsucht danach (die in Loris‘ eigener Biographie mitschwingt) und schließlich den Segen, den ein tatsächlich liebender Vater bedeuten kann, wie der weise György, dem Éva einen Gutteil ihrer Selbstsicherheit und Lebenstüchtigkeit verdankt.
Doch Mehrdeutigkeit und Reichtum an Sinnebenen sind nicht auf den Titel allein beschränkt, sondern schwingen auch in Details wie der sicher nicht zufälligen Namensgebung mit: So verhilft Éva zur Erkenntnis und ist Bewohnerin eines Paradieses, das verloren geht. Maria dagegen, schon als Kind von ihrem von seiner Ehe enttäuschten Vater zur privaten Heilsbringerin überhöht, hat die Hoffnung, dieses Paradies in gewissem Maße zurückzugewinnen – doch dazu ist erst die Rückbesinnung auf Éva notwendig.
Schade ist allein, dass Marias Geschichte, die in etwa die letzten 80 Seiten umfasst, so eher die Funktion eines Nachspiels zu der ihres Vaters erhält und nicht noch tiefer ausgelotet wird, denn die Kürze ist mit einigen Raffungen erkauft (beispielsweise wird der weitere Weg einer für den Beginn des Romans so zentralen Gestalt wie Béla nur in wenigen Sätzen referiert, und man ertappt sich bei dem Wunsch, man hätte mehr davon miterleben dürfen).
Alles in allem jedoch ist Die Liebe meines Vaters so nachdenklich, unendlich traurig, tröstlich und dabei immer wieder auch herzzerreißend schön, dass der Roman durchaus das Zeug hat, zu einem modernen Klassiker zu werden. Es wäre ihm zu wünschen.

Sabine Eichhorst: Die Liebe meines Vaters. München, Droemer Knaur, 2016, 363 Seiten.
ISBN: 9783426516652


Genre: Roman