Die Merowinger

Die Merowinger

Komplizierte dynastische Verhältnisse, Reichsteilungen und kriegerische Verwerfungen, ständig wechselnde Allianzen und nicht zuletzt der allmähliche Übergang von der Antike ins Mittelalter – die Merowingerzeit ist in ihrer Vielschichtigkeit keine Epoche, die sich leicht durchschauen lässt.
Umso verdienstvoller ist es, dass es Sebastian Scholz gelingt, auf nur 342 Seiten das Wesentliche der drei Jahrhunderte zwischen den Anfängen des Frankenreichs und der Machtübernahme durch die Karolinger im Jahre 751 zu vermitteln. Sein besonderes Augenmerk gilt dabei der Kirchengeschichte und in ihrem Rahmen der Rolle der Bischöfe.
Seit die gallorömische Aristokratie in der Spätantike das Bischofsamt als Machtfaktor und ideale Ergänzung einer weltlichen Karriere für sich entdeckt hatte, waren die Übergänge zwischen Kirchenführung und politischer Elite fließend. Die Entscheidung des Reichsgründers Chlodwig, sich katholisch taufen zu lassen und auf die Unterstützung der Bischöfe zu bauen, war insofern folgerichtig, setzte aber eine Entwicklung in Gang, die in ein Geflecht immer stärkerer gegenseitiger Abhängigkeiten von Königtum und Episkopat mündete. Die Nutzung, wenn nicht gar der Missbrauch von Religion als Herrschaftslegitimation und Kriegsgrund war damit nur noch eine Frage der Zeit.
Im Gegenzug lässt sich ein wachsender Einfluss der zeitgenössischen kirchlichen Lehre auf die Gesetzgebung feststellen, teilweise mit positiven Folgen (wie etwa der Einschränkung von Blutrache und Lynchjustiz), aber durchaus auch mit merklichen Schattenseiten (z.B. der Ausgrenzung der Juden). Manche kanonische Bestimmung reizt dabei aus heutiger Sicht eher zum Schmunzeln (wenn etwa in Bezug auf Kirchweihfeiern gefordert wird, dass dabei „Insbesondere (…) Frauenchöre keine unanständigen Gesänge zu Gehör bringen“ sollen). Aber die Weichen für die schleichende Durchdringung aller Lebensbereiche durch die christliche Religion und ihre Moralvorstellungen waren damit trotz mancher Widerstände für das gesamte Mittelalter gestellt.
Dagegen mutet der von Bruderkriegen, Polygamie und skrupellosem Machtstreben geprägte Lebenswandel des Herrscherhauses selbst alles andere als fromm an. Durch die oft chaotische Ereignisgeschichte führt Scholz mit sicherer Hand nahe an den vielfach auszugsweise zitierten Quellen, die er gründlich und auch für Laien gut verständlich erläutert. Bei seinen Interpretationen ist das Gleichgewicht zwischen eigener Quellenkritik und der Würdigung fremder Forschungsmeinungen optimal gewahrt. So erfährt man nicht nur Grundlegendes über die Merowingerzeit selbst, sondern auch viel über den sich wandelnden Blick neuzeitlicher Historiker darauf.
Knappe, aber informative Exkurse zu Themen wie Gesellschaft, Wirtschaft und Bildung runden die gelungene Darstellung ab. Nur bei den Stammtafeln im Anhang scheint der Fehlerteufel kräftig die Hand im Spiel gehabt zu haben (zumindest findet man dort z.B. die erstaunliche Information, König Chilperich I. sei mit dem Langobarden Alboin verheiratet gewesen – eine Ehe, die immerhin die Phantasie sehr anregt, auch wenn die historische Quellenbasis dafür eher gering sein dürfte).
Abgesehen davon aber sind Die Merowinger als ebenso fundierter wie sympathisch geschriebener Einstieg in die Welt des Frankenreichs unbedingt empfehlenswert.

Sebastian Scholz: Die Merowinger. Stuttgart, W. Kohlhammer, 2015, 342 Seiten.
ISBN: 9783170225077

Nachtrag (30.08.2016): Dem freundlichen Hinweis des Autors verdanke ich die Information, dass der oben erwähnte Fehler in den Stammtafeln schon in Eugen Ewigs Klassiker Die Merowinger und das Frankenreich auftaucht und für das vorliegende Werk eigentlich korrigiert war, sich dann aber irgendwie doch wieder eingeschlichen hat. In künftigen Auflagen wird die Ehe zwischen Chilperich und Alboin also vermutlich erfolgreich annulliert sein.


Genre: Geschichte