Germania Superior

Germania Superior. Eine römische Provinz in Deutschland, Frankreich und der Schweiz

Die römische Provinz Germania Superior umfasste Gebiete, die heute in Deutschland, Frankreich und der Schweiz liegen. Dass sie auch schon zur Zeit ihres Bestehens ein recht heterogenes Gebilde mit den unterschiedlichsten Traditionen war, belegt eindrucksvoll Margot Klees detaillierte und umfassende Darstellung der Provinzgeschichte.
Von den Römern unter Caesar und in der frühen Kaiserzeit nach und nach erobert, erhielt der geographische Raum zwischen Langres, Genf und Taunus mit der Provinzgründung unter Domitian im späten 1. Jh. n. Chr. eine neue politische Struktur und einen in Mainz residierenden Statthalter. Als Verwaltungseinheit sollte die Provinz bis in die beginnende Spätantike bestehen und erst unter Diocletian 284 n. Chr. neu aufgeteilt werden. Was aus den etwa 200 Jahren dazwischen wissenswert ist, findet man hier optimal zusammengefasst.
Prägend war für die Provinz Germania Superior vor allem, dass hier neben zugewanderten Römern verschiedene keltische und germanische Gruppen lebten, die nicht allein sprachlich und religiös jeweils ihre Eigenheiten aufwiesen. Während die ältere Forschung zumeist von einer rasch erfolgten durchgängigen Romanisierung der Einheimischen ausging, weist Klee anhand archäologischer Funde nach, dass vor allem abseits der städtischen Zentren Lebensweise und kollektive Identität nur einen sehr langsamen Wandel durchliefen und vielleicht nie komplett und ausschließlich „römisch“ wurden. Das Beharrungsvermögen alter Bau- und Wirtschaftsformen in abgelegenen Gegenden ist in dieser Beziehung ebenso aufschlussreich wie die Tatsache, dass sich in Inschriften noch lange Personennamen und Stammesbezeichnungen lokalen Ursprungs finden. Zugleich entfalteten jedoch gerade an den zentralen Orten Einflüsse aus anderen Teilen des Römischen Reichs ihre Wirkung (etwa bestimmte Kulte oder künstlerische Strömungen).
Germania Superior erscheint mithin als eine multikulturelle Region. Dementsprechend differenziert ist auch das Bild, das Klee nicht nur von der Ereignisgeschichte, sondern auch und vor allem von Lokalpolitik, Architektur, Landwirtschaft, Handwerk, Handel, Alltag, Bestattungsbräuchen und Religiosität der Provinzbewohner zeichnet. Pauschale Aussagen würden nur den Blick auf die bunte Wirklichkeit verstellen, und man verfolgt fasziniert, wie die Autorin einzelnen Entwicklungslinien nachspürt und immer wieder den Blick über das vermeintlich typisch Römische hinaus auf Besonderheiten lenkt.
Eingebettet ist diese lebendige Schilderung der so facettenreichen Provinz in eine Skizze der Ereignisgeschichte des römischen Reichs von Caesar bis zum Untergang Westroms. Obwohl Klee die Entwicklungen klar und verständlich umreißt, schadet es nichts, als Leser auf diesem Gebiet einige Vorkenntnisse mitzubringen, denn angesichts der Fülle von Rückbezügen zwischen dem Sonderweg der Germania Superior und dem Gesamtreich bietet es einen Verständnisvorteil, manche Namen und Daten von vornherein parat zu haben.
Der einzige echte Nachteil des insgesamt äußerst lesenswerten, reich bebilderten Buchs ist dem aus moderner Sicht „grenzübergreifenden“ Charakter der Provinz geschuldet. Natürlich ist auch die historische Forschung zu Spezialthemen und archäologischen Fundstätten auf mehrere Länder verteilt, und so ist das hier abgedruckte Kartenmaterial aus anderen Publikationen teilweise nur mit einer französischen Legende versehen. Die darin enthaltenen Fachbegriffe (z.B. zu verschiedenen Gesteinsarten) kann man selbst bei deutschen Lesern mit Fremdsprachenkenntnissen nicht in jedem Fall als bekannt voraussetzen. Hier wäre es schön gewesen, wenn von der Autorin oder von Verlagsseite Übersetzungen bereitgestellt worden wären.
Abgesehen davon ist Germania Superior jedoch eine rundum empfehlenswerte und sehr anregende Lektüre, die mit manchem Vorurteil über die Römerzeit aufräumt und einem Lust darauf macht, manche der beschriebenen Orte auch einmal selbst zu erkunden.

Margot Klee: Germania Superior. Eine römische Provinz in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Regensburg, Verlag Friedrich Pustet, 2013, 246 Seiten.
ISBN: 9783791723679


Genre: Geschichte