Happy Ends

Happy Ends. Liebesgeschichten, die gut ausgehen

Liebesgeschichten mit Garantie auf einen glücklichen Ausgang gelten gemeinhin als Domäne der Unterhaltungs- und Trivialliteratur. So ist es wohl bezeichnend, dass die anspruchsvollen Erzählungen, die Daniel Kampa in Happy Ends. Liebesgeschichten, die gut ausgehen zusammenstellt, nur in manchen Fällen ein klassisches gutes Ende bieten, in anderen hingegen eher eine Kontrafaktur des „Happy End“, die diese literarische Konvention subtil hinterfragt. Auch die Entscheidung, die Sammlung mit Kurt Tucholskys zynischem Gedicht Danach zu beschließen, ironisiert das Konzept, das laut Titel der Anthologie zugrundeliegen soll.
Doch gerade diese Spannung zwischen dem Ideal und immer wieder mit anklingenden schnöden Wirklichkeit macht den Charme dieses Reigens von Liebesgeschichten mit Ecken und Kanten aus. Zeitlich spannt sich der Bogen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, geographisch nicht nur bei den Handlungsorten, sondern auch bei der Herkunft der Autoren von Russland bis nach Amerika, so dass viele unterschiedliche Verfasser vereint sind (einzig der auf dem Cover versprochene Beitrag von Philippe Djian ist im Buch nirgendwo zu finden).
Auch die geschilderten Liebespaare selbst repräsentieren eine Fülle von Nationalitäten, Altersgruppen und gesellschaftlichen Schichten, sind jedoch in der einen Hinsicht relativ einförmig, dass es in allen Beispielen um die Liebe zwischen Mann und Frau geht; homosexuelle Paare und alternative Lebensentwürfe kommen nicht vor. Stört einen diese Einschränkung nicht, kann man sich aber von den in ihrer Perspektive ansonsten durchaus vielfältigen Annäherungen an das Thema Liebe gut unterhalten lassen und Anregungen zum Nachdenken finden.
Die typischen Komponenten einer Liebesgeschichte kommen dabei wohl am stärksten in Alexander Puschkins Verwechslungskomödie Schneesturm und F. Scott Fitzgeralds um eine von beiden Beteiligten überhöhte Zufallsbegegnung kreisender Liebe in der Nacht zum Tragen. Eine im Grunde altbewährte Handlung lässt sich aber auch überreich an Absurditäten erzählen, wie in Viktorija Tokarjewas Schweinesieg, in dem gleich drei sehr unterschiedliche Männer Interesse an der zunächst auf einer Geflügelfarm angestellten und nicht unbedingt zur romantischen Heldin prädestinierten Protagonistin entwickeln. Das in allen drei Geschichten präsente Element der Trennung vor dem erneuten Zusammentreffen ist in Ray Bradburys Schwerer Diebstahl noch deutlicher ausgeprägt, geht es hier doch ebenso anrührend wie amüsant um eine zweite Chance in vorgerücktem Alter.
Zu den Beiträgen mit eher heiterem Grundton zählt neben Ingrid Nolls Annika, dem erstaunlichen Beweis dafür, dass man selbst eine Inzestbefürchtung scherzhaft abhandeln kann, auch Isabel Allendes Geschichte Die Liebenden im Guggenheimmuseum, wenngleich hier die Darstellung des ermittelnden Polizisten, der sich mit dem von phantastischen Vorkommnissen geprägten Fall zweier im Liebesrausch in ein Museum eingedrungener Fremder auseinandersetzen muss, den Titelfiguren eindeutig die Schau stiehlt.
Andere Ansätze dagegen sind verstörend, so etwa T. C. Boyles Auf dem Dach der Welt, das bei nüchterner Betrachtung kaum mehr als die Romantisierung eines hartnäckigen Stalkers ist, oder Anne Gavaldas Ambre, der in derber Sprache gehaltene Monolog eines von Drogenexzessen fast zugrundegerichteten Musikstars, der seine schwierige Annäherung an eine Fotografin schildert.
Auch Doris Dörries „I love you, wie klingt denn das?“ erzählt an der Oberfläche zunächst einmal keine erfolgreiche Liebesgeschichte; hier sind es die Hintergrundereignisse, die zu einer überraschenden Schlusspointe führen. Mit der kann auch Bernhard Schlinks Nachsaison aufwarten, wird der Leser doch im letzten Augenblick mit der Frage alleingelassen, ob die Liebe zu einem einzelnen Menschen oder nicht vielmehr die ebenso ausgeprägte zu einem ganzen Umfeld entscheidend ist.
Als einziger Autor der Anthologie rückt Guy de Maupassant nicht die Entstehung oder Entwicklung einer Beziehung in den Mittelpunkt. Das Glück zeigt aus der Perspektive eines außenstehenden Beobachters das Langzeitergebnis dessen, was bei seinem Beginn allen außer den Beteiligten als Amour fou erscheint, und bildet so in gewisser Weise ein Gegengewicht zu der in Tucholskys oben erwähntem Gedicht geäußerten Annahme, es habe schon seinen Grund, dass „beim happy end im Film jewöhnlich abjeblendt“ werde. Zwar wird durch die Anordnung der Sammlung am Ende ausdrücklich diese spöttische Distanz beschworen, doch wirkt das fast wie eine Schutzbehauptung, als wolle man ja nicht zu sehr in die Nähe tatsächlich oder scheinbar naiver Genreliteratur geraten. Nicht jedem glücklichen Ende mag zu trauen sein – aber darum ist zugleich noch längst nicht jedes eine bloße Illusion.

 

Daniel Kampa (Hrsg.): Happy Ends. Liebesgeschichten, die gut ausgehen. Zürich, Diogenes, 2012, 296 Seiten.
ISBN: 978-3257241617


Genre: Anthologie