Landleben im römischen Deutschland

Landleben im römischen Deutschland

Das römische Reich ging aus einem Stadtstaat hervor, und viele der bekanntesten erhaltenen Bauwerke der Römerzeit vom Kolosseum bis zur Porta Nigra befinden sich in Städten. So ist man es gewohnt, Rom primär als städtische Zivilisation zu begreifen. Doch die Mehrzahl der Menschen lebte und arbeitete in der Antike auf dem Land, auch in den Gegenden Deutschlands, die damals zu den germanischen Provinzen des Imperiums oder zu Gallien gehörten. Wie es um Wohnverhältnisse, Wirtschaftsweise, Infrastruktur, Verwaltung und Religion in diesem Gebiet bestellt war, erfährt man in dem von Vera Rupp und Heide Birley herausgegebenen Bildband Landleben im römischen Deutschland.
Das Buch ist als Sammlung kürzerer Beiträge der verschiedensten Autoren angelegt und in zwei Teile gegliedert: Während der erste thematisch geordnet ist und kompakte Einführungen in alle möglichen Aspekte des ländlichen Alltags zur Römerzeit bietet, stellt der zweite 44 Fundstätten vor (neben einzelnen Gebäuden und Siedlungen auch größere Bereiche wie etwa das Umland von Köln).
Da für die Verhältnisse im Nordosten des römischen Reichs insbesondere die Schriftquellen rarer gesät sind als für den Mittelmeerraum, enthält die erste Buchhälfte auch einiges Material aus anderen geographischen Regionen (z.B. einen absolut lesenswerten Beschwerdebrief über einen dreisten Wolldiebstahl in Ägypten). Die Informationen sind ansprechend und allgemeinverständlich aufbereitet, gehen aber nicht unbedingt allzu sehr in die Tiefe. Für eine erste Annäherung reicht das wunderbar aus, doch wer schon einiges über die Römerzeit gelesen hat, wünscht sich hier vielleicht zusätzliche Details.
Mehr Einzelheiten bieten die Artikel im zweiten Teil, die vor allem die Vielfalt ländlicher Lebensweisen fassbar machen: Neben dem Landgut (villa rustica), das in allen Varianten vom kleinen Bauernhof über den spezialisierten Großbetrieb bis hin zum palastartigen Luxusanwesen existierte, gab es auch die dörfliche Siedlung (vicus), in der, anders als in späteren Zeiten, keine Landwirtschaft betrieben wurde. Stattdessen waren dort Händler, Handwerker und sonstige Gewerbetreibende ansässig, die entweder die nähere Umgebung oder eines der zahlreichen Militärkastelle versorgten. Eine Siedlungskontinuität von der Römerzeit bis heute scheint dabei im ländlichen Raum seltener zu sein als im städtischen, doch gibt es Ausnahmen: So konnte etwa der vicus Iuliacum dadurch, dass er in der Spätantike befestigt wurde, anders als viele andere Dörfer überdauern und an Bedeutung gewinnen, um dann im Mittelalter zur Stadt Jülich zu werden.
Spannend an den Einzelfallschilderungen ist auch der sehr unterschiedliche heutige Umgang mit erhaltenen und ergrabenen Ruinen: Konservierung, Rekonstruktion und touristische Erschließung stehen Vernachlässigung oder Zerstörung (etwa durch moderne Bauprojekte) gegenüber.
Während sich die einzelnen Beiträge überwiegend interessant lesen, krankt das Buch als Gesamtpaket ein wenig daran, dass ihr Zusammenspiel nicht immer optimal abgestimmt wirkt. Manche Informationen wiederholen sich unnötig oft (so wird z.B. mehrfach von unterschiedlichen Verfassern genauestens erklärt, welche Räume zu römischen Thermen gehörten, für die es auch auf dem Lande viele beeindruckend komfortable Beispiele gibt). Auch ein wenig mehr Einheitlichkeit in der Gestaltung hätte man sich manchmal gewünscht. Ob z.B. Grundrissplänen eine Legende beigegeben ist oder nicht, scheint im Ermessen des jeweiligen Autors gelegen zu haben. In anderer Hinsicht hingegen ist besser auf die praktische Nutzbarkeit geachtet worden. So gibt es etwa ein Glossar lateinischer Begriffe und auch Informationen zu Besichtigungsmöglichkeiten und Museen.
Alles in allem überwiegt der positive Eindruck, gerade auch durch das üppige Bildmaterial: Einen ersten Blick in die Römerzeit kann man hier bedenkenlos werfen, um dann vielleicht anderswo noch vertiefende Lektüre zu suchen, wenn die Neugier erst einmal geweckt ist.

Heide Birley, Vera Rupp (Hrsg.): Landleben im römischen Deutschland. Stuttgart, Theiss (WBG), 2012, 192 Seiten.
ISBN: 9783806225730

 


Genre: Geschichte