Maria Sibylla Merian

Maria Sibylla Merian. Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau

Am 13. Januar 1717 starb in Amsterdam Maria Sibylla Merian, und ihr 300. Todestag mag mit ein Anlass für die versierte Biographin Barbara Beuys gewesen sein, sich in einem lesenswerten, reich bebilderten Buch mit der – so der Untertitel – Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau zu befassen.
Als Tochter des berühmten Kupferstechers Matthäus Merian des Älteren wurde Maria Sibylla Merian 1646 in Frankfurt am Main geboren. Früh Halbwaise wurde sie durch ihren Stiefvater im Zeichnen und Malen ausgebildet und heiratete 1665 dessen Schüler Johann Andreas Graff. Wenige Jahre später zog sie mit ihm nach Nürnberg, wo sie sich nicht nur als Kunstlehrerin und durch die Veröffentlichung von Blumendarstellungen einen Namen machte, sondern auch ihrem Hauptinteresse nachging: der Erforschung von Raupen und ihrer Metamorphose zu Schmetterlingen. Mit ihren ab 1679 publizierten Illustrationen und Forschungsberichten leistete sie auf diesem Gebiet Pionierarbeit.
Nach dem Tod ihres Stiefvaters mit ihrer Familie nach Frankfurt zurückgekehrt, schloss sie sich 1685 zusammen mit ihrer verwitweten Mutter und ihren beiden Töchtern in den Niederlanden der Sekte der Labadisten an – ein Schritt, der zur Trennung und schließlich zur Scheidung von ihrem Mann führte. Nachdem ihre Mutter gestorben war, löste Merian sich 1691 wieder von den religiösen Gemeinschaft und zog mit ihren Töchtern nach Amsterdam, wo sie als Künstlerin und Händlerin für Malerbedarf und Insektenpräparate neue Erfolge feierte. 1699 reiste sie mit ihrer jüngeren Tochter nach Surinam, um auch die dortige Insektenwelt zu erforschen. Eine Malariaerkrankung zwang sie, 1701 früher als geplant zurückzukehren, und sollte sich für den Rest ihres Lebens negativ auf ihre Gesundheit auswirken. Dennoch setzte sie ihre Arbeit bis zu einem Schlaganfall, dessen Folgen ihre letzten Lebensjahre prägten, unermüdlich fort und fand über ihren Tod hinaus Anerkennung als Künstlerin und Wissenschaftlerin.
Dieses bewegte und erfüllte Leben und seine Stationen bettet Barbara Beuys in ein Panorama seines Umfelds ein. Man erfährt nicht nur viel über die Menschen, mit denen Merian an den unterschiedlichsten Orten in Kontakt stand, sondern auch über das späte 17. und frühe 18. Jahrhundert allgemein. Interessant ist in diesem Zusammenhang etwa die Information, dass Merian zwar außerordentlich begabt war, als berufstätige Frau in ihrer Epoche aber keine Ausnahme darstellte, da es in Künstlerfamilien durchaus nicht unüblich war, auch Töchter auszubilden. Ungewöhnlich bleibt dagegen, dass Merian sich als Autodidaktin mit der Insektenforschung ein Gebiet erschloss, das damals noch in den Kinderschuhen steckte und durch sie entscheidend vorangebracht wurde.
Beuys schreibt mit erkennbarer Sympathie für ihre Heldin. Einerseits gelingt ihr so eine ansprechende und mitreißende Annäherung, andererseits hat man aber das Gefühl, dass bisweilen etwas mehr Distanz gutgetan hätte. Denn die Schattenseiten von Merians Persönlichkeit und Lebensweg werden kaum hinterfragt, wenn nicht gar etwas beschönigt. So wird ihre neutrale bis gleichgültige Haltung der Sklaverei in Surinam gegenüber eher entschuldigt als erklärt, und an ihrer Hinwendung zu den Labadisten wird vor allem die selbstbewusste Trennung von ihrem Ehemann herausgestrichen. Abgesehen von dieser manchmal etwas zu unkritischen Perspektive fallen auch einige Flüchtigkeitsfehler negativ auf (so wird im Fließtext etwa der dänische König Christian V. durchgängig falsch als Christian IV. bezeichnet, im Register dagegen richtig als Christian V.).
Trotz dieser Einschränkungen lohnt es sich aber, der flüssig und angenehm zu lesenden Biographie eine Chance zu geben, gerade auch, wenn man das Genre sonst aus Angst vor zu trockener Wissenschaftlichkeit eher meidet. Denn anregend und niemals langweilig ist die Lektüre allemal, und als Ausgangspunkt für eine genauere Beschäftigung mit Maria Sibylla Merian und ihrer Zeit unbedingt geeignet.

Barbara Beuys: Maria Sibylla Merian. Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau. Berlin, Insel, 2016, 285 Seiten.
ISBN: 978-3458361800


Genre: Biographie