Mirabellensommer

Mirabellensommer

Die Domaine de Lafleur ist ein mediterranes Idyll unweit der Parfümstadt Grasse. Die Haushälterin Ségolène Verbier und ihr Mann sind schon lange mit dem ivorischen Einwandererehepaar Babajou befreundet, pflegt doch Babette Babajou seit Jahren den alten Gutsbesitzer Georges Lafleur. Als der Patriarch unerwartet stirbt, lernen sich auf seiner Beerdigung Julie, die Enkelin der Verbiers, und Rachid, der Sohn der Babajous, kennen und lieben. Doch Julie ist die Tochter eines Front-National-Wählers, der sich einen muslimischen Schwarzen als Schwiegersohn in spe nun wirklich nicht vorstellen kann, während Rachids fleißiger Vater umgekehrt entsetzt ist, dass sein eben noch so braver und strebsamer Sohn unter den Einfluss einer rebellischen Schulabbrecherin zu geraten droht, die mindestens so viele Piercings hat wie Weltverbesserungspläne. Eine illegale Aktion der jungen Leute und der Unfalltod eines Huhns heizen die Spannungen zwischen den beiden Familien weiter an. Während Julie und Rachid ihr Heil in der Flucht suchen, erkennt aber auch Babette allmählich, dass sie noch mehr vom Leben erwartet als den ewiggleichen Alltagstrott …
Mirabellensommer ist die Fortsetzung des Romans Sonnensegeln, in dem die Liebesgeschichte zwischen Georges‘ Sohn Lucien und der Deutschen Marita im Vordergrund steht, lässt sich aber auch ohne Kenntnis dieses ersten Bandes problemlos lesen. Beschwingt, sonnendurchflutet und humorvoll lebt das Buch vor allem von den schönen Schilderungen Südfrankreichs, das in all seiner sommerlichen Pracht den Hintergrund für eine Geschichte um alte und junge Liebe und den Mut, über den eigenen Schatten zu springen, bildet. Zusätzlichen Charme gewinnt Mirabellensommer durch den erzählerischen Kniff, dass gelegentlich der verstorbene Georges das Geschehen aus dem Jenseits beobachten und kommentieren darf.
Doch was auf den ersten Blick nur gefällige Unterhaltung zu sein scheint, hat es auf den zweiten thematisch in sich. Mit Babette Babajou steht eine originelle Heldin im Mittelpunkt, denn eigentlich ist sie genau die Art von Gestalt, die in den allermeisten Romanen wohl nur als Nebenfigur durchs Bild huschen würde: eine afrikanische Migrantin Ende vierzig, die als vierfache Mutter ein Leben voll harter Arbeit im Schatten ihres Mannes hinter sich hat. In gängige Schablonen passt sie gleichwohl nicht. Ihre Biographie ist mit interessanten Details gewürzt (so hat sie z.B. als Christin gegen alle Widerstände der Familie einen Muslim geheiratet), und wie sie sich ganz sanft und allmählich neu orientiert, ist eine Freude zu lesen.
Auch insgesamt werden aktuelle Probleme wie Fremdenfeindlichkeit, Gentrifizierung und wirtschaftliche Verdrängungsprozesse keinesfalls ausgeblendet. Zwar kommt es nicht ganz arg –  Mirabellensommer ist schließlich keine Tragödie, sondern ein Roman zum Weglesen und Wohlfühlen -, aber wenn man genau hinschaut, findet man doch viele Denkanstöße.
Letzten Endes überwiegt jedoch die positive und hoffnungsvolle Grundstimmung, und inmitten einer Kulisse aus duftenden Rosenfeldern, verwinkelten Altstadtgassen und leuchtenden Farben kann das wohl auch gar nicht anders sein. Wer noch die passende Urlaubslektüre sucht, um sie im Handgepäck mit ans Mittelmeer zu nehmen oder sich vom heimatlichen Balkon aus dorthin zu träumen, findet sie hier garantiert.
Nur eines bleibt leider rätselhaft: Der Zusammenhang zwischen dem Roman und seinem – zugegebenermaßen poetischen – Titel. Zwar ist ein nettes Rezept für Mirabellen-Mango-Chutney enthalten, und am Rande wird dieses neben zahlreichen anderen Köstlichkeiten, die Babette zu kochen weiß, auch erwähnt. Doch Mirabellen speziell spielen in der Geschichte keine größere Rolle, so dass man sich des Verdachts nicht erwehren kann, dass der Wohlklang des Titels hier wichtiger war als ein sinnvoller Bezug zur Handlung.

Marie Matisek: Mirabellensommer. München, Knaur, 2017, 288 Seiten.
ISBN: 9783426517406


Genre: Roman