Sextus Valerius: Varusgold

Sextus Valerius: Varusgold

Voller Träume von Ruhm und Heldentaten hat sich der junge Sextus Valerius der römischen Armee angeschlossen – nur, um sich mitten in der vernichtenden Niederlage des Varus gegen Arminius wiederzufinden. Bei der Flucht aus der aussichtslosen Schlacht gerät Sextus durch seinen Freund Lucius an eine kleine Schar Überlebender um den zwielichtigen Signifer Kaeso, die sich mit der Kriegskasse des toten Feldherrn davonmacht und nichts Gutes im Schilde führt. Der unterwegs gefangen genommene Schmied Gernot ist Sextus bald sympathischer als seine undurchsichtigen Kameraden, doch dem Germanen scheint keine sehr rosige Zukunft bevorzustehen. Und auch Sextus selbst muss als lästiger Zeuge der kriminellen Machenschaften seiner einstigen Kampfgefährten bald um sein Leben fürchten …
Der Handlungsabriss lässt es schon ahnen: Sextus Valerius: Varusgold ist zunächst einmal ein Abenteuerroman mit leichten Krimielementen, dem es an Intrigen, Liebeswirren und militärischen Unternehmungen nicht mangelt. Das Geschehen wird abwechselnd aus der Sicht des Ich-Erzählers Sextus und aus verschiedenen Perspektiven in der dritten Person dargeboten, so dass man neben dem Weg des Helden auch die Unternehmungen der Schurken aus nächster Nähe verfolgen kann.
Darüber hinaus weist das Buch aber ein unterschwelliges didaktisches Element auf, ist doch deutlich das Bemühen erkennbar, die Antike nicht nur als exotische Kulisse zu nutzen, sondern den Lesern in unterhaltsamer Form (kultur-)historische Einzelheiten über die Römerzeit zu vermitteln, einmal im Roman selbst, dann aber auch in Form einer „Spurensuche“ im Anhang, die für die Handlung relevante Fundorte und archäologische Museen vorstellt.
Erster Anknüpfungspunkt ist dabei die Varusschlacht die, wohl auch angeregt durch das Jubiläumsjahr 2009, in letzter Zeit Eingang in mehrere historische Romane gefunden hat. Anders als einige andere Autoren (wie z.B. Iris Kammerer in ihrem lesenswerten Varus) legt Michael Kuhn den Schwerpunkt jedoch nicht auf Zustandekommen und Verlauf der Kämpfe, sondern auf die ersten Jahre nach der Clades Variana, in denen sein Protagonist sich damit auseinandersetzen muss, dass er ungewollt zum Mitwisser eines Verbrechens geworden ist und nicht allzu viel gegen die Umtriebe der Schuldigen auszurichten vermag.
Dabei hat Sextus es übrigens nicht allein mit fiktiven Figuren zu tun, sondern auch mit zahlreichen historischen Persönlichkeiten, von berühmten wie Germanicus oder Cassius Chaerea bis hin zu nur inschriftlich belegten und lokal bedeutenden (so ist Sextus‘ Freund und späterer Gegenspieler Lucius offenbar der Lucius Poblicius, dessen prächtiges Grabmal heute eines der Prunkstücke des Römisch-Germanischen Museums in Köln bildet). In ihrer Charakterisierung versteckt sich der ein oder andere historische Insiderwitz (so darf etwa Chaerea Jahrzehnte vor seiner tatsächlichen Beteiligung an der Ermordung Caligulas schon darüber phantasieren, diesen – hier noch ein ungezogenes Kleinkind – im Rhein zu ertränken).
Zu den vielschichtigsten Gestalten zählt sicher Lucius, der trotz aller Verschlagenheit mit mehr Gewissensbissen ringt als seine skrupellosen Komplizen, die munter über Leichen gehen. In der ambivalenten Tavernenwirtin Lucilla, die sowohl zu ihm als auch zu Sextus Beziehungen pflegt, hat er ein ebenbürtiges weibliches Pendant.
Dagegen wünscht man ihrer Rivalin um Sextus‘ Gunst, der jungen Germanin Hildiko, im Stillen ein bisschen weniger Unschuld und Naivität. Selbst der verliebte Sextus vergleicht sie in Gedanken ein wenig zu oft mit einem Kind, und dass sich die beiden wirklich auf Augenhöhe begegnen können, glaubt man bis zum Schluss nicht ganz. Hier kann man nur hoffen, dass die Figurenentwicklung in der angekündigten Fortsetzung dem Verhältnis seinen schalen Beigeschmack nehmen wird.
Doch diese kleine Merkwürdigkeit und auch die Tatsache, dass das Korrektorat gerade bei historischen Namen und Fachbegriffen einige Flüchtigkeitsfehler übersehen hat, verzeiht man gern, weil der Roman sich insgesamt spannend liest und die Neugier auf die weitere Entwicklung der Ereignisse um Sextus und seine Freunde und Feinde wachzuhalten weiß. Originell und reich an unvorhersehbaren Wendungen ist die Handlung nämlich allemal, und so können Fans historischer Romane an Varusgold durchaus ihre Freude haben.

Michael Kuhn: Sextus Valerius: Varusgold. Aachen, Ammianus, 2015, 464 Seiten.
ISBN: 9783945025079


Genre: Roman