Unglaube im Zeitalter des Glaubens

Unglaube im „Zeitalter des Glaubens“

Wer bei den Jesuiten zur Schule gegangen sei – so der Hamburger Historiker Frank Golczewski einmal augenzwinkernd in einer Vorlesung -, sei hinterher entweder Bischof oder Atheist oder beides. Dass diese auf den ersten Blick verblüffende Kombination schon lange vor der Gründung des Jesuitenordens vorkommen konnte, zeigt die Geschichte eines italienischen Bischofs aus dem 13. Jahrhundert, der auf dem Sterbebett erklärte, mit dem christlichen Glauben überhaupt nichts anfangen zu können und nur aus finanziellen und gesellschaftlichen Motiven das Bischofsamt übernommen zu haben.
Dies ist nur einer von gar nicht einmal wenigen Fällen, die der Mediävist Peter Dinzelbacher in seiner Studie Unglaube im „Zeitalter des Glaubens“ aufführt, um das gängige Bild vom Mittelalter als einer Epoche, in der jeder entweder kirchentreu oder ein ebenso frommer Ketzer war, mit einem Fragezeichen zu versehen. Zwar warnt er davor, die Quellen zu unkritisch zu lesen, da der Vorwurf der Gottlosigkeit schnell erhoben wurde, ohne dass die davon Betroffenen im modernen Sinne Atheisten oder Religionskritiker waren. Doch auch bei vorsichtiger Auswertung der Überlieferung finden sich zahlreiche Belege dafür, dass im Mittelalter bei weitem nicht alle tiefreligiös oder überhaupt gläubig waren.
Nach einem leider nur sehr kurzen Blick auf in altnordischen Sagas überlieferten Unglauben in paganer Zeit untersucht Dinzelbacher die Situation bei Geistlichen und anderen Gebildeten des christlichen Mittelalters sowie bei Laien. Schnell wird deutlich, dass eigentlich in keiner Schicht Menschen fehlten, die in unterschiedlichem Maße an der dominierenden Religion zweifelten oder sie völlig ablehnten. Die Gründe für solche Positionen waren vielfältig, verraten aber oft eine reflektierte Auseinandersetzung mit Dogmen und Glaubenspraxis: Die Lektüre antiker Philosophen konnte sich hier ebenso auswirken wie persönliche Schicksalsschläge oder das Aufdecken innerer Widersprüche in kirchlichen Lehren.
Sich offen kritisch zu äußern, war allerdings gefährlich, wie im Fall des für seine Religionskritik hingerichteten niederländischen Dominikaners Herman van Rijswijk, den auch die Tatsache, dass viele Menschen aus religiösen Gründen getötet wurden, zur Abwendung vom Christentum gebracht hatte. Für manch anderen ging die Sache etwas glimpflicher aus, wenn gotteslästerliche Aussagen vom Umfeld nicht als selbstverschuldet, sondern als Ergebnis teuflischer Besessenheit oder Einflüsterung verbucht wurden, so dass man sich um eine Rettung des vermeintlich vom Bösen Beeinflussten bemühte, statt gleich die Strafverfolgung in Gang zu setzen. Etwas mehr Spielraum, unbehelligt ablehnende Ansichten zu äußern, bestand allenfalls für diejenigen, die aufgrund ihrer sozialen Stellung unangreifbar waren. So ist für Barbara von Cilli, die zweite Ehefrau Kaiser Sigismunds, nicht nur in Einschätzungen Dritter, sondern auch in ihrer eigenen Korrespondenz tradiert, dass sie den Jenseitsglauben vieler ihrer Zeitgenossen nicht teilte. Neben all diesen Personen, denen es primär um die eigene Lebenseinstellung und vielleicht auch um die Weitergabe ihrer Meinung ging, stehen andere, die selbst ebenfalls nicht fromm waren, aber den Glauben der breiten Masse arglistig ausnutzten, um sich etwa als Heilige auszugeben oder andere Vorteile zu erlangen.
Es ist vor allem diese Fülle von sorgsam zusammengetragenen Einzelbeobachtungen, aus der Dinzelbachers Buch seinen Reiz gewinnt. Schlaglichtartig gewähren sie Einblicke in Lebenswirklichkeit und Mentalität der unterschiedlichsten Jahrhunderte des Mittelalters und räumen mit dem Vorurteil auf, geistig und geistlich habe mehr oder minder Homogenität geherrscht. Die Kehrseite dieses Konzepts besteht allerdings darin, dass viel Interessantes nur im Vorübergehen angesprochen und nicht tiefer analysiert wird. Hier hätte man dem Unglauben im „Zeitalter des Glaubens“ durchaus einen größeren Umfang und eine detailliertere Diskussion bestimmter Aspekte gewünscht, doch als erster Einstieg ins Thema macht er neugierig auf mehr.

Peter Dinzelbacher: Unglaube im „Zeitalter des Glaubens“. Atheismus und Skeptizismus im Mittelalter. Badenweiler, Bachmann, 2009, 166 Seiten.
ISBN: 9783940523013


Genre: Geschichte