Winterlied

Winterlied

Einst – so erzählt man sich – wurden die Vorfahren der sogenannten Wanderer von der Burg Falkenflug vertrieben. Seither ziehen ihre Nachkommen als fahrenden Spielleute durch die Lande. Auch der junge Tir gehört solch einer Gauklertruppe an, die sich aufgrund eines besonders harten und stürmischen Winters gezwungen sieht, ausgerechnet auf Falkenflug Zuflucht zu suchen. Vom undurchsichtigen Burgherrn Cyran bis hin zur Dienerschaft ist niemand sonderlich angetan davon, die Fahrenden für längere Zeit beherbergen zu müssen – bis auf Ailys, die blinde Tochter des Burgherrn, in der die Musik der Wanderer den Drang weckt, ihrem überbehüteten Dasein zu entfliehen. Dass sie sich mit Tir anfreundet, sieht niemand gern, und das nicht etwa nur aufgrund der drohenden Mesalliance. Vielmehr kommen die beiden jungen Leute einem magischen Geheimnis auf die Spur, dessen Aufdeckung nicht nur ihr eigenes Leben entscheidend verändern könnte …
Birgit Ottens Winterlied ist vor allem ein Buch, dem man mehr Tiefe und Detailfreude wünscht. Das bezieht sich nicht allein auf die äußerst geradlinig und zweckdienlich erzählte Handlung, sondern vor allem auf die Welt des Romans, die eigenartig unausgestaltet bleibt. Zwar ist nachvollziehbar, dass sich das Geschehen angesichts des bedrohlichen Winterwetters auf die Burg und ihre unmittelbare Umgebung beschränkt, aber was es jenseits davon gibt und welche Spielregeln abgesehen von dem oft beschworenen Gegensatz zwischen Wanderern und Sesshaften das Leben prägen, erfährt man leider nicht einmal in Andeutungen.
Selbst die für den Plot nicht unwichtige Magie ist in ihren Wirkmöglichkeiten und Begrenzungen ziemlich vage gefasst. Unwillkürlich hat man den Verdacht, dass die Autorin, die auch schon unter dem Pseudonym Katjana May veröffentlicht hat, den gängigen Schreibtipp, alles Überflüssige wegzulassen, etwas zu gut und gründlich befolgen wollte. Das Ergebnis wirkt streckenweise wie das bloße Gerippe einer Erzählung, die durch mehr Einzelheiten und ein paar Umwege einiges an Charme und Originalität hätte gewinnen können.
Denn eigentlich ist die Geschichte der Annäherung zwischen Ailys und Tir recht nett erzählt, auch wenn Tir mit seiner sehr selektiven Empathie, die insbesondere seiner ersten Geliebten Mayra gegenüber versagt, nicht unbedingt ein Hauptgewinn in der Partnerlotterie ist (zugegebenermaßen ein Zug, den er mit erschreckend vielen Liebesromanhelden teilt). Auch abenteuerliche Erlebnisse – komplett mit dramatischem Showdown mit einer unerwarteten Gegenspielerin – dürfen Tir und Ailys gemeinsam überstehen, obwohl die entscheidenderen Entwicklungen auf zwischenmenschlicher Ebene stattfinden. Wie Ailys nach und nach bemerkt, dass ihre scheinbar mütterlich um sie besorgte Dienerin und selbst ihr eigener Vater nicht unbedingt nur ihr Wohl im Sinn haben, ist glaubwürdig geschildert, ebenso auch Tirs allmähliche Entfremdung von seinem bisherigen sozialen Umfeld. Hier werden Zwischentöne fassbar, die dem kleinen Roman auch auf anderen Gebieten gutgetan hätten.
Da es sich bei Winterlied den Angaben im Buch nach um den Einstiegsband einer geplanten Trilogie handelt, kann man nur hoffen, dass es Birgit Otten in den Fortsetzungen gelingt, aus der durchaus reizvollen Idee noch mehr zu machen und den Hintergrund ihrer Geschichte etwas liebevoller auszuarbeiten. In dem Fall könnte es sich durchaus lohnen, Das Erbe der Wanderer als potentiell spannende Serie im Auge zu behalten. So, wie das Winterlied bisher vorliegt, ist es dagegen nur eine streckenweise unterhaltsame kleine Lektüre für zwischendurch und nicht mehr.

Birgit Otten: Winterlied. Das Erbe der Wanderer 1. Norderstedt, BoD, 2016, 164 Seiten.
ISBN: 9783739249025


Genre: Roman