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Altweiberwohnen

Buchempfehlung: Altweiberwohnen

Die Arbeiten der Fotografin Juliana Socher begeistern mich seit Jahren immer wieder. Gemeinsam mit der Architekturprofessorin Ulrike Scherzer hat sie nun ein wunderschönes und auf stille Art äußerst wichtiges Buch veröffentlicht: Altweiberwohnen. Gespräche und Fotografien über das Wohnen im Alter.
Die Wohnsituation alter Frauen ist kein oft behandeltes Thema, und kommt sie doch einmal zur Sprache, sind klischeebehaftete Bilder an der Tagesordnung. Dem Idyll der treusorgenden Großmutter im Kreise ihrer Familie steht die Schreckensvision der im tristen Altersheim dahinvegetierenden Greisin gegenüber. Wer Altweiberwohnen aufschlägt, kann diese Vorurteile getrost vergessen, denn Juliana Socher und Ulrike Scherzer stellen gerade die „alten Weiber“ in den Mittelpunkt, die in der allgemeinen Vorstellungswelt keinen Platz haben und doch in der Realität sehr häufig sind: allein lebende Frauen, die ihren Alltag zu Hause noch überwiegend selbständig meistern und in aus Gesprächen mit ihnen entstandenen Texten ausführlich zu Wort kommen.
Vorgestellt werden neunzehn Frauen im Alter zwischen Mitte 70 und weit über 90, und das im wahrsten Sinne des Wortes anhand ihrer „Lebensräume“. Der geographische Rahmen erstreckt sich von Österreich bis Norddeutschland, während das Spektrum der Wohnformen schier unerschöpflich scheint. Von der bescheidenen Genossenschaftswohnung über den Platz im modernen Wohnprojekt oder das zur Altersbleibe umfunktionierte Feriendomizil bis hin zum seit Jahrzehnten geliebten Eigenheim ist alles dabei. Diese Umgebungen mit ihrer Einrichtung und den zahlreichen persönlichen Gegenständen fängt Juliana Socher in unendlich feinfühligen, aber zugleich unsentimentalen Bildern ein, in denen ein Stück Butter oder eine Badewannenecke dieselbe präzise Aufmerksamkeit erhält wie ein atmosphärisches Wohnzimmerinterieur oder ein Ausblick in einen überbordenden Garten. Ähnlich variantenreich ist die fotografische Darstellung der Bewohnerinnen selbst: Ist manch eine nur als Hand beim Umblättern oder in diskreter Rückenansicht präsent, werden andere in klassischerem Sinne porträtiert, aber niemals so, dass sie gestellt posieren. Immer hat man den Eindruck, einen unverfälschten Blick in ein fremdes Leben zu erhaschen.
Dieses Gefühl von Authentizität und Intimität setzt sich in den Texten fort, die als kleine (Wohn-)Biographien zugleich zeitgeschichtliche Dokumente von unschätzbarem Wert sind. Für die meisten interviewten Frauen war der Zweite Weltkrieg eine entscheidende Zäsur im Lebenslauf. Doch während die Härten und Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre ein wiederkehrendes Element in den Geschichten sind, erweisen sie sich ansonsten als berückend individuell. Hausfrauen stehen neben Berufstätigen (von denen einige noch aktiv sind), Heimatverbundene neben Weitgereisten, und nicht jede war und blieb verheiratet oder wurde Mutter. Mehr als eine Lebensleistung nötigt einem höchsten Respekt ab. In einigen der mit eingeflochtenen persönlichen Gewohnheiten und Vorlieben kann man sich generationenübergreifend selbst wiederfinden, während andere einen zum halb bewundernden Schmunzeln reizen mögen. Abhärtungsbäder in der Regentonne, zu denen auch die Enkel animiert werden, lernt man hier jedenfalls ebenso kennen wie eine mehrere Schränke umfassende Sammlung hochhackiger Schuhe (alle noch in Gebrauch!). Ernster, aber dafür umso anrührender sind die Schilderungen des Umgangs mit Altern und Tod von Angehörigen und Freunden sowie der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit.
So unterschiedlich die verschiedenen Frauen und ihre Wohnverhältnisse auch sind, kristallisieren sich doch in der Zusammenschau zwei Dinge heraus, die – ganz unabhängig von Gesundheitszustand und Finanzen – für ein gutes Leben im Alter entscheidend zu sein scheinen: Kontakt zu anderen Menschen in einem Umfang, der einem selbst zusagt (ob nun zur Familie, zu Nachbarn oder zu Gleichgesinnten in einem Verein), und die Pflege eigener Interessen, die über den Alltagstrott hinausgehen, ganz gleich, ob es sich dabei um Gärtnern, Lesen, Forschen, Schmuckgestaltung oder Religion handeln mag. Wie entscheidend gerade für dieses lebenswichtige Festhalten an persönlichen Neigungen die eigene Wohnumgebung ist, macht der Bildband eindrucksvoll deutlich und regt einen dadurch auch zum Nachdenken über die eigene Zukunft an.
Damit geht Altweiberwohnen letztlich über die reine Dokumentation hinaus und gewinnt eine philosophische Komponente, die einen sicher noch lange nach der ersten Lektüre immer wieder zu dem Buch greifen lässt, um über kluge und witzige Zitate nachzudenken und in der Bilderfülle zu schwelgen. Unbedingt empfehlenswert!

Ulrike Scherzer, Juliana Socher: Altweiberwohnen. Gespräche und Fotografien über das Wohnen im Alter. Salzburg/Wien, Residenz Verlag, 2016, 152 Seiten.
ISBN: 9783701733934

Buchtipps: Natur

Wer schon länger auf Ardeija.de mitliest, weiß wahrscheinlich, dass ich eigentlich aus gutem Grund keine naturwissenschaftlichen Sachbücher vorstelle. Wie gesagt, eigentlich – denn einige Bücher aus diesem Bereich sind einfach viel zu schön und interessant, um sie nicht zu erwähnen, auch wenn keine ganzen Rezensionen daraus geworden sind. Mehr dazu hier.

Geformt mit göttlichem Atem

Neu rezensiert: Geformt mit göttlichem Atem

Unter den Funden aus der Römerzeit zählen Glasgegenstände oft zu den schönsten. Wie viel sich an ihnen über ihren künstlerischen Wert hinaus ablesen lässt, schildert die Archäologin Andrea Rottloff in Geformt mit göttlichem Atem, einem hochinteressanten Buch, das aber leider als Bildband seine Schwächen hat. Die neue Rezension ist hier zu finden.

Aus Liebe zum Buch

Neu rezensiert: Aus Liebe zum Buch

Ironischerweise habe ich ausgerechnet Ann Patchetts Aus Liebe zum Buch, ein Büchlein, in dem es um die Gründung einer Buchhandlung und den Zauber solcher Läden geht, keinem Einkauf in der Buchhandlung am Sand  zu verdanken, aus der mein Lektürenachschub meist stammt, sondern einem Gewinnspiel. Ein Zufallsbuch also, das sich aber gut liest – mehr darüber in der neuen Rezension.

Reigen unrezensierter Bücher

Der Reigen unrezensierter Bücher

In meinen allgemeinen Bemerkungen zum Rezensieren habe ich einmal erklärt, dass nicht jedes Buch, das ich lese, auch auf Ardeija.de besprochen wird. Warum darunter auch manch eines ist, das inhaltlich eigentlich gut zu den anderen im Blog passen würde, soll hier rasch an einigen Beispielen aus meiner Lektüre der letzten Wochen erläutert werden.

Das erste unrezensierte Buch, Harry Sidebottoms militärhistorische Studie Der Krieg in der antiken Welt (ISBN 9783150203972), ist eigentlich lesenswert, geht es darin doch weniger ums schiere Hauen und Stechen als um die kulturelle Bedeutung des Kriegs für Selbst- und Fremdbild der Menschen des Altertums und für die Entwicklung bestimmter sozialer Phänomene, daneben aber auch um die moderne Rezeption antiker Kriege und mögliche Fehlannahmen darüber. Doch naturgemäß gibt es weitreichende thematische Überschneidungen mit Armin Eichs vor kurzem besprochenen Söhnen des Mars, die – umfangreicher und von der Perspektive her grundsätzlicher ausgerichtet – noch ein wenig mehr zu bieten haben. Nach der Betrachtung von Eichs Buch wäre eine tiefergehende Beschäftigung mit Sidebottoms Werk daher nicht sonderlich abwechslungsreich gewesen, und so ist es als kurzer Tipp am Rande besser aufgehoben.

Auch im Falle der beiden im 18. Jahrhundert angesiedelten Historienkrimis von Petra Oelker, Die Schwestern vom Roten Haus (ISBN 9783499246111) und Die Nacht des Schierlings (ISBN 9783499254390), ist es nicht im engeren Sinne eine Frage der Qualität, dass sie es nicht zu einer Rezension gebracht haben. Das Problem ist ein ganz anderes: Obwohl die beiden Romane als getrennte Episoden der auf relativ in sich abgeschlossene Einzelbände angelegten Serie um die Schauspielerin Rosina verkauft werden, gehören sie eng zusammen und können kaum getrennt gelesen oder besprochen werden. Fast hat man den Verdacht, dass hier – vielleicht von Verlagsseite? – aus Umfangsgründen eine einzige lange und verwickelte Geschichte mehr schlecht als recht in zwei Teile gespalten wurde, ohne den Zusammenhang äußerlich kenntlich zu machen. So aber bleiben in den Schwestern zentrale Fragen eines ganzen Handlungsstrangs ungeklärt, während in der Nacht das erst sehr spät eingeführte Mordmotiv wie ein deus oder vielmehr diabolus ex machina wirkt, wenn man das vorhergehende Buch nicht kennt, in dem die Grundlagen zum Verständnis des folgenden Falls geschaffen werden. Was also tun? Eine Doppelrezension für zwei zwar solide und unterhaltsame, aber auch nicht herausragende Krimis konzipieren oder aber ganz auf eine Besprechung verzichten? Ich habe mich für die zweite Variante entschieden.

Dagegen ist es Ari Turunens Kann mir bitte jemand das Wasser reichen? Eine kurze Geschichte der Arroganz (ISBN 9783312006717) zum Verhängnis geworden, dass jede Kritik unweigerlich zu einem halben Verriss geraten wäre. Das mochte ich dem Buch dann auch wieder nicht antun, denn im Prinzip ist Turunens Grundidee löblich: Er zeigt auf, dass viele katastrophale Fehlentscheidungen in der Geschichte und im heutigen Wirtschaftsleben auf Arroganz und Selbstüberschätzung zurückzuführen sind.
Problematisch daran ist jedoch, dass er ohne jegliche Quellenkritik Anekdoten als historische Wahrheit kolportiert oder schlicht falsche Feststellungen trifft. Am besten lässt sich sein sehr freier Umgang mit den Fakten veranschaulichen, wenn man seine Angaben über einen konkreten Vorfall mit dem vergleicht, was darüber tatsächlich in Erfahrung zu bringen ist. So liest man etwa bei Turunen mit Befremden: „Der spanische König Philipp II. verbrannte vor seinem Kamin, weil sein Hofstaat den Beamten, dessen Aufgabe es war, den Sessel des Königs zu verrücken, nicht schnell genug fand.“
Eine Quelle für diese wilde Geschichte gibt Turunen nicht an, aber der Bericht, der ihn inspiriert haben dürfte, hat Philipp III. (und nicht etwa seinen Vater) zum Protagonisten und findet sich in den Memoiren des François de Bassompierre, der aus seiner Perspektive als französischer Gesandter am spanischen Hof die dortige Besessenheit von Etikette und Rangfolgen karikiert. Doch bei allem unterschwelligen Spott über die spanischen Gebräuche stellt Bassompierre den Sachverhalt nicht ganz so dramatisch dar: Hier fordert der gesundheitlich bereits schwer angeschlagene König einen anwesenden Herzog auf, ein Kohlenbecken zu verschieben, dessen Hitze ihm lästig wird, woraufhin der Angesprochene auf die Zuständigkeit eines anderen verweist, der erst umständlich herbeigeholt wird. Die lange Wärmeeinwirkung wird als Grund dafür angegeben, dass sich beim König am Folgetag Fieber und Hautausschlag entwickeln, denen er letzten Endes erliegt.
Sollte es sich tatsächlich so zugetragen haben, bietet auch diese Version noch reichlich Anlass zu Kritik an den Zwängen des Hofzeremoniells und am individuellen Verhalten Beteiligter, aber von der Schauermär über einen aus reinem Hochmut in Flammen aufgegangenen Herrscher ist sie weit entfernt.
Die Versuchung, auch andere Aussagen Turunens ähnlich auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen, wäre bei einer Rezension sehr groß gewesen, und hätte vielleicht auch in Eifer des Gefechts zu mehr Spott verleitet, als ihn das eigentlich gut gemeinte und immerhin anregend und flüssig geschriebene Buch verdient hätte.

So bleibt allen vier Werken also auf Ardeija.de nur die Rolle, vor Augen zu führen, welche Überlegungen einer Besprechung im Wege stehen können.

 

Tricontium

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Tricontium wurde schon 2013 zum ersten Mal veröffentlicht, aber nun liegt mein Roman in einer überarbeiteten Neuausgabe vor und ist ab sofort im Buchhandel bestellbar.

Gerechtigkeit ist oft nicht mehr als ein frommer Wunsch – das weiß Herrad, die Richterin, die mit ihrer Versetzung in das abgelegene Tricontium hadert, ebenso gut wie Ardeija, der drachenzähmende Hauptmann ihrer Krieger, oder Wulfila, der Dieb, der Jahre nach seiner Verurteilung unerwartet wieder in ihr Leben tritt. Doch als sich in den Grenzlanden Geisterspuk und gewaltsame Übergriffe zu häufen beginnen, wollen die drei nicht tatenlos zusehen, auch wenn bald keine Menge Tee mehr ausreicht, um gelassen zu bleiben. Denn die Hintergründe der rätselhaften Vorgänge scheinen in einer Zeit zu liegen, die alle gern vergessen würden: Den düsteren Tagen des Bürgerkriegs …

Wer Lust hat, einen Ausflug in ein eher sagenhaftes als historisches Frühmittelalter zu unternehmen, in dem neben römischen Ruinen nicht nur ein paar gezielte Anachronismen, sondern auch reichlich Gespenster und Fabelwesen zu finden sind, für den ist Tricontium das richtige Reiseziel.

Tricontium ist bei BoD erschienen und als Taschenbuch (ISBN: 9783739239743, 17 EUR) oder als eBook (ISBN: 9783741246968, in den ersten zwei Wochen: Aktionspreis 5,99 EUR, danach 6,99 EUR) erhältlich.

Mehr über meine Geschichten auch hier.

Greifen, Grabraub und Gelichter

Werbung in eigener Sache: Greifen, Grabraub und Gelichter

Seit dem Erscheinen von Tricontium sind mittlerweile zweieinhalb Jahre vergangen – höchste Zeit also, den nächsten Ausflug nach Aquae Calicis und Umgebung zu unternehmen!
Mein neues Buch Greifen, Grabraub und Gelichter ist ab sofort im Handel. Diesmal ist es allerdings kein Roman geworden, sondern eine Sammlung kürzerer Geschichten:

Kleine Greifen haben ein gutes Gespür dafür, wo Futter und Wärme zu finden sind – und das kann nicht schaden in einer Welt, in der Kriegerinnen und Diebe gleichermaßen gefährlich leben, kein einziges Weihnachtsfest in frommer Besinnlichkeit verläuft und auch die Totenruhe nicht ungestört bleibt, wenn es nicht umgekehrt die Toten selbst sind, die gerade die Ruhe stören … Fünf Geschichten laden ein zu einem Ausflug (nicht nur) nach Aquae Calicis.

Auch wenn einige Texte ein Wiedersehen mit alten Bekannten bieten, setzt die Lektüre der Anthologie die Kenntnis von Tricontium nicht voraus, sondern nur die Bereitschaft, sich mit kleinen und großen Greifen anzufreunden, vor Kirchendiebstahl ebenso wenig zurückzuschrecken wie vor Wikingerüberfällen und unsachgemäße Ausgrabungen an einem steppennomadischen Kurgan aus der Perspektive einer Grabbeigabe zu erdulden. Für reichlich Tee, Verpflegung und Gespenster ist selbstverständlich wie immer gesorgt.

Greifen, Grabraub und Gelichter ist bei BoD erschienen und als Taschenbuch (ISBN: 978-3739220130, 8,99 EUR) oder als eBook (ISBN: 978-3739286013, in den nächsten 28 Tagen: Aktionspreis 4,99 EUR, danach 5,99 EUR) erhältlich.

 

Gedanken über das Rezensieren

Ardeija.de besteht nun schon gut ein halbes Jahr, und so ist es vielleicht an der Zeit, die praktische Arbeit des Bloggens auf ein theoretisches Fundament zu stellen. Inspiriert von einem entsprechenden Beitrag in Moyas Buchgewimmel habe auch ich mir die Frage nach meinem Zugang zum Rezensieren gestellt.

Von Geschichte und Geschichten

Der Hauptgrund dafür, dass ich Bücher rezensiere, deckt sich mit dem dafür, dass ich sie gern lese und schreibe, und hatte auch auf die Wahl meiner Studienfächer und meines Berufs beträchtlichen Einfluss: Geschichten faszinieren mich. Das ist nicht allein ihrem Unterhaltungswert geschuldet. Vielmehr halte ich sie für eines der wichtigsten Mittel, das den Menschen zur Verfügung steht, um die Welt zu deuten und zu begreifen. Denn Geschichten werden nicht nur in Romanen, Novellen, Märchen, Sagen und dergleichen mehr erzählt. Auch auf wissenschaftliche Distanz und Objektivität abzielende, der Realität verhaftete Bücher, die Fakten vermitteln wollen, bauen oft auf narrative Elemente, und sei es nur, dass Fallbeispiele, die den Kern einer kleinen Geschichte enthalten, zur Verdeutlichung abstrakter Konzepte dienen (vom philosophischen Gedankenspiel bis zur Textaufgabe im Mathebuch).
Besonders sinnfällig ist das bei allen historischen Themen, denn Geschichtsschreibung ist immer in gewissem Maße ein Versuch, die oft unüberschaubare vergangene Realität in (eine) halbwegs kohärente Geschichte zu verwandeln, bei der ganz ähnlich wie in fiktionalen Texten Entwicklungslinien, zentrale Ereignisse und oftmals auch besonders hervorgehobene Figuren inszeniert werden – ganz gleich, ob es nun um eine quellenmäßig gut fassbare historische Persönlichkeit geht oder um den Versuch, aus den spärlichen Informationen eines Grabfunds, einer Inschrift oder einer Urkunde ein ansonsten verlorenes Einzelschicksal in groben Zügen zu rekonstruieren.
Fast alle Bücher enthalten daher mindestens ansatzweise eine Geschichte, sei es eine mehr oder minder wahre oder eine ganz der Phantasie entsprungene (und doch auf anderer Ebene für die Wirklichkeit relevante). Funktion und Aussageabsicht sind natürlich je nach Gattung und Genre ganz unterschiedlich, doch grundlegende Techniken des Erzählens und der Informationsvermittlung und die Art, wie wir als Leser darauf reagieren, spielen überall eine Rolle. Wenn ich in meinen Rezensionen zu verdeutlichen versuche, was in einem Buch erzählt wird, mit welchen Mitteln es geschieht und welche Konsequenzen sich möglicherweise daraus ergeben, soll das also nicht allein eine Auswahlhilfe bei der Suche nach eigener Lektüre sein, sondern immer auch ein Denkanstoß.

Gelesen, aber nicht besprochen

Obwohl also vieles Anknüpfungspunkte für das bietet, was mich an Büchern interessiert und was ich an ihnen hervorheben möchte, findet nicht alles, was ich lese, auf Ardeija.de Erwähnung. Auch wenn ich meinen eigenen Blog unter anderem begonnen habe, um nicht mehr ausschließlich Fantasy zu rezensieren, bespreche ich hier nicht meine komplette Lektüre. Die Beschränkung auf Romane und auf Sachbücher zu historischen und kulturellen Themen hat ihren Grund: Als Rezensentin möchte ich nicht nur die sprachliche und (erzähl-)technische Qualität eines Werks beurteilen, sondern auch zumindest im Großen und Ganzen die sachliche Richtigkeit, das Ausmaß der vorausgesetzten Vorkenntnisse und die Informationsauswahl einschätzen können.
Deshalb werden auf Ardeija.de auch künftig keine Bücher z.B. zu naturwissenschaftlichen Themen besprochen werden, auch wenn ich sie lese. So hatte ich zwar als interessierte Laiin großen Spaß an Randall Munroes What if? (ISBN: 978-3813506525), der Buchfassung der gleichnamigen Unterabteilung des Webcomics xkcd, und könnte dazu vielleicht einiges hinsichtlich der Tücken des Wechsels von einem Medium ins andere oder der allgemeinen Lesbarkeit sagen, aber über die Inhalte könnte ich mich nicht so qualifiziert äußern wie jemand vom Fach, so dass eine Rezension sich nicht lohnen würde.
Doch auch aus meinen Lieblingsgebieten schafft es nicht jedes Buch auf die Rezensionsliste – ganz einfach, weil es nicht immer viel Mitteilenswertes dazu zu sagen gibt. Hat man Anlass zu Lob oder Kritik, rezensiert sich ein Werk leicht, aber erschreckend viele Bücher erscheinen mir einfach ziemlich nichtssagend; wenn nicht viel Konkretes gegen sie spricht, aber auch nichts im Guten hervorsticht, reduziert sich mein Mitteilungsbedürfnis sehr.

Alles in Maßen

In aller Regel zeichnet sich schon während der Lektüre ab, ob ein Buch sich für eine Rezension eignet, und in dem Fall beginne ich, Notizen zu machen, aus denen dann nach Abschluss des Lesens die Besprechung entsteht.
Oberstes Gebot ist für mich dabei, dem jeweiligen Buch und auch den Bloglesern gegenüber fair zu sein. Bisweilen bedeutet das, die eigene Begeisterung etwas zu zügeln, wenn ich spüre, dass meine subjektive Freude an bestimmten Elementen gerade in Romanen die Wahrnehmung vorhandener Schwächen zu überlagern droht. So schwer es fällt, den Jubel dann etwas zu dämpfen – jede Empfehlung, die ich ausspreche, soll auch auf objektiv nachvollziehbaren Kriterien beruhen und nicht nur auf persönlichen Vorlieben.
Umgekehrt gilt aber auch, dass ich nicht aus reiner Lust am Zerfetzen Verrisse schreiben möchte. Auch das kann Beherrschung kosten, denn manche Sachfehler, Stilblüten oder merkwürdigen Überlegungen sind die reinsten Steilvorlagen, um ein Buch gehörig durch den Kakao zu ziehen. Aber ich bemühe mich, es damit nicht zu übertreiben. In Häme soll meine Kritik nie abgleiten. Schließlich schreibe ich selbst auch anderes als Rezensionen und weiß, wie leicht es ist, dabei einiges falsch zu machen. Wenn ich mir von anderen eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem, was ich verfasse, wünsche, dann muss ich mit dieser Haltung auch an fremde Texte herangehen.