Archiv der Kategorie: Fundstücke

Lesetipp: How Bees Fly

Zugegeben, beim heutigen Lesetipp bin ich eindeutig parteiisch, da ich die Autorin Simone Heller schon lange kenne und schätze. Doch auch wenn diese persönliche Bekanntschaft nicht wäre, könnte ich ihre erste englischsprachige Geschichte How Bees Fly, die in der neuesten Ausgabe (# 125) von Clarkesworld erschienen ist, nur empfehlen.

How Bees Fly entführt in eine düstere postapokalyptische Welt, deren Bewohner den Umgang mit der überkommenen Technik nur noch in Form von abergläubischen Praktiken beherrschen. Tödliche Stürme sind nur eine der Gefahren in den verseuchten Landstrichen unter dem leaden sky, und die Ich-Erzählerin, die sich als Hebamme und Imkerin bisweilen aus dem Schutz ihrer sicheren Siedlung hervorwagen muss, bekommt es prompt mit einem viel furchteinflößenderen Phänomen zu tun: Dämonen, auf deren wahre Natur sie keine noch so schaurige alte Geschichte vorbereiten konnte …

Wer aber nun glaubt, hier ein reißerisches Schreckensszenario vor sich zu haben, in dem es primär um Grusel und Abenteuer geht, wird eine handfeste Überraschung erleben. Auch wenn es sehr spannend wird und durchaus physische Bedrohungen zu meistern sind, ist How Bees Fly nämlich vor allem eine psychologisch und philosophisch ausgefeilte Studie über volkstümlich tradiertes Wissen mit all seinen Stärken und Schwächen, Verbindendes über scheinbar starre Grenzen hinweg und damit nicht zuletzt auch in Ängsten wurzelnde Vorurteile und ihre Überwindung. Erschütternd und hoffnungsvoll zugleich entspinnt sich ein Kammerspiel um das Hinterfragen vermeintlicher Gewissheiten, das einen auch dazu anregt, das eigene Bild von Gut und Böse einmal einer Überprüfung zu unterziehen. Zum wahren Leckerbissen wird die Geschichte jedoch vor allem durch das mitschwingende Hintergrundwissen über Ethnologie und Kulturgeschichte und das beneidenswerte Gespür der Autorin für sprachliche Feinheiten.

Neugierig geworden? How Bees Fly ist online hier zu finden, aber natürlich gibt es die Zeitschrift auch als e-Book zu kaufen.

Hortensienblüte im Herbst

Lesetipps in Kurzform 4 (Bücher und Links)

Der Herbst schreitet voran, und wie immer geht es mir so, dass mit der dunklen Jahreszeit der Wunsch in mir aufkeimt, mich wieder etwas mehr mit Märchen, Sagen und Mythen zu beschäftigen. Der November mit seinem oft trüben Wetter eignet sich vielleicht besser als jeder andere Monat, um beim Lesen in ferne (Vorstellungs-)Welten abzutauchen.
Hier folgen einige Buchtipps zum Thema und am Ende des Beitrags die schon traditionellen, nicht ausschließlich literarischen Linktipps zu allem, was sonst noch Spaß macht.

Buchtipps

Das große Sagenbuch

Auf der Suche nach einem ersten Überblick über die europäische Sagenwelt oder nach einer guten Zusammenfassung, um verschüttete eigene Kenntnisse der alten Stoffe wieder aufzufrischen? Dann ist Johannes Carstensens Großes Sagenbuch genau das Richtige. Begonnen bei der griechischen Götter- und Heldenwelt über die römischen und altnordischen Mythen bis hin zu mittelalterlichen Sagen aus Deutschland, Frankreich, Spanien und England wird hier ein Grundstock von alten Geschichten, die man kennen sollte, in klassischem Stil nacherzählt. Sympathisch ist, dass Carstensen dort, wo es konkurrierende Überlieferungen gibt, zumeist die Variante wählt, die etwas glimpflicher und menschenfreundlicher ausgeht (so etwa bei der Hildebrandssage, bei der er der Version des Jüngeren Hildebrandslieds folgt und den Kampf zwischen Vater und Sohn nicht tödlich enden lässt).

Johannes Carstensen: Das große Sagenbuch. Die schönsten Götter-, Helden- und Rittersagen, gesammelt und neu erzählt von Johannes Carstensen. Zürich, Diogenes, 1996 (Erstausgabe: 1992), 464 Seiten.
ISBN: 9783257228755

Keltische Märchen

Der Titel ist fast ein wenig irreführend, denn Heinrich Dickerhoff präsentiert in seiner vielfältigen Sammlung nicht allein typische Märchen, sondern auch keltische Sagen und christliche Legenden mit märchenhaften Zügen. So trifft man hier außer den märchentypischen Feen, Geistern, Königen und Prinzessinnen mehrere Sagenhelden wie Cuchulainn oder den Artusritter Gawain und am Ende sogar biblische Gestalten. Neben den mit ihren hübschen Initialen auch buchgestalterisch schön aufgemachten Geschichten und den zugehörigen Quellenhinweisen ist für jeden Eintrag eine kleine psychologisierende Deutung des Herausgebers enthalten. Vielleicht interpretiert man nicht jedes Märchen so, wie er es tut, doch interessante Denkanstöße finden sich hier allemal.

Heinrich Dickerhoff (Hrsg.): Keltische Märchen. Zum Erzählen und Vorlesen. Krummwisch bei Kiel, Königsfurt-Urania, 2012, 190 Seiten.
ISBN: 9783868260335

Trickster Makes This World

Implizit durchaus in der Tradition von Joseph Campbells Heros in tausend Gestalten nimmt Lewis Hyde in seinem elegant geschriebenen Buch die Gestalt des göttlichen Tricksters in den Blick, den er primär als Mittler des Übergangs zwischen Heiligem und Profanem, Götter- und Menschenwelt, Leben und Tod, Gestattetem und Tabuisiertem sieht. Am Beispiel von Hermes und Loki in Europa, Eshu und Legba in Afrika, Rabe und Kojote in Nordamerika und dem Affenkönig in Asien zeigt er weltweite Gemeinsamkeiten von Trickstermythen auf. Deren Strukturen und ihre ambivalente Funktion zur Stabilisierung, aber auch Transformation von kulturellen Gegebenheiten überträgt er auf die Rolle moderner Schriftsteller und bildender Künstler. Manche Parallele wirkt hier vielleicht etwas zu gewollt und reizt zum Widerspruch, aber insgesamt lernt man viel über traditionelle Mythen und den Ersatz, den wir uns dafür in einer vielleicht nur vermeintlich rationalen und säkularisierten Welt schaffen.

Lewis Hyde: Trickster Makes This World. How Disruptive Imagination Creates Culture. Edinburgh, Canongate Books, 2008 (Original: 1998), 417 Seiten.
ISBN: 9781847672254

Linktipps

Im Moment lohnt es sich sehr, auf dem Blog des Archäologischen Museums Hamburg vorbeizuschauen, denn der Archäologe Bent Jensen zeichnet zur Ausstellung EisZeiten charmante Comics, in denen die Steinzeit und die Antike (sein eigentliches Fachgebiet) gegenübergestellt werden. Der besonders lustige zum Thema Mischwesen aus Mensch und Tier ist hier zu finden. Übrigens sind seine Comicfiguren auch in humorvollen Rekonstruktionszeichnungen in der insgesamt sehr spannenden und gut präsentierten Ausstellung zu finden. Wer also in Hamburg wohnt oder gerade dort zu Gast ist, sollte unbedingt einen Abstecher ins Museum unternehmen.

Petra van Cronenburgs Blog ist eigentlich immer lesenswert, und das gilt besonders für ihren aktuellen Artikel über ihre Erfahrungen auf einer Kunsthandwerkerausstellung. Die kleine Typenlehre der dort vertretenen Kunden ist zum Schreien komisch, hat aber natürlich einen ernsten Hintergrund. Denn was sich hier über die (mangelnde) Wertschätzung kreativer Arbeit lernen lässt, gilt nicht nur für die Schmuckherstellung, sondern für viele Bereiche einschließlich der Buchwelt.

Eine besonders aufregende Neuigkeit kommt von Sam Jehanzeb, die ihrer künstlerischen Laufbahn eine neue Facette hinzufügt und von nun an auch Autorin ist. Noch ist ihr Buch zwar nicht erschienen, aber alle Fantasyfans können sich demnächst wirklich auf einen Leckerbissen freuen. Und zur Überbrückung der Wartezeit bleibt ja immer noch die Freude an ihren Scherenschnitten, die es inzwischen auch als Wearable Art gibt, z.B. als Weihnachtstasche.

Lesemaus auf Büchertreppe

Lesetipps in Kurzform 3 (Bücher und Links)

An einem Sonntag mit so trübem Regenwetter wie heute braucht man besonders dicke Wohlfühlbücher, um sich abzulenken. Hier sind drei Buchtipps für in jeder Hinsicht vielseitigen Lesespaß, gefolgt von interessanten Links:

Buchtipps

Van Gogh. Sein Leben

Egal ob man nun Kunstliebhaber ist oder nicht, die grandiose Van-Gogh-Biographie von Steven Naifeh und Gregory White Smith sollte man sich nicht entgehen lassen. Wenigen Werken gelingt es so gut, eine bekannte Persönlichkeit zugleich als Menschen und als Künstler fassbar zu machen. Sprechen einen zuerst die vielen Abbildungen an, die Vincent van Goghs Umfeld, seine Kunst und seine Zeit lebendig werden lassen, ist es am Ende doch die quellennah gearbeitete Darstellung, die am meisten fasziniert und berührt. Zudem warten die beiden Autoren noch mit einer Neuinterpretation von van Goghs Todesumständen auf, die sich spannend wie ein Krimi liest und einem – ob man ihr nun folgen will oder nicht – zumindest demonstriert, dass scheinbare Gewissheiten oft erst dadurch zustandekommen, dass sie über Jahrzehnte hinweg als wahr tradiert werden.
Nicht zuletzt kann jeder Kreative, der gelegentlich mit den eigenen Misserfolgen hadert, aus der tragischen Lebensgeschichte einen Hauch von Hoffnung schöpfen: Was man selbst vielleicht als Scheitern erlebt, sagt nicht viel darüber aus, wie die eigene Kunst später einmal wahrgenommen werden wird.

Steven Naifeh, Gregory White Smith: Van Gogh. Sein Leben. Frankfurt am Main, S. Fischer, 2012, 1213 Seiten.
ISBN: 9783100515100

Die frühen Völker Eurasiens

Wird im ersten heute vorgestellten Buch das Leben eines Einzelnen aus einer uns historisch sehr nahen Epoche nachgezeichnet, geht es im zweiten um die Rekonstruktion des Daseins ganzer Kulturen in Zeiten, aus denen schriftliche Überlieferungen entweder fehlen oder nur von fremden Beobachtern stammen. Wer sich für Skythen, Hunnen und ähnliche Steppenvölker begeistern kann, für den kommt es der Seligkeit schon recht nahe, in Hermann Parzingers wunderbarem Werk zu versinken. Minutiöse archäologische Fund- und Befundbeschreibungen, scharfsinnige Interpretationen, hilfreiche Epochenübersichten sowie umfangreiches Bild- und Kartenmaterial lassen keine Wünsche offen. Die traumhaften Aufnahmen von Steppenlandschaften zu unterschiedlichen Jahreszeiten hätten eigentlich statt der ihnen gewidmeten Farbtafeln fast schon einen eigenen Bildband verdient, so gelungen sind sie. Übrigens lassen sich die einzelnen Abschnitte auch gut unabhängig voneinander lesen, so dass man bei Bedarf gleich zu seinem Lieblingsthema springen kann, statt sich nach und nach dorthin vorzuarbeiten.

Hermann Parzinger: Die frühen Völker Eurasiens. Vom Neolithikum bis zum Mittelalter. München, C. H. Beck, 2006, 1045 Seiten.
ISBN: 978346549618

Das große deutsche Sagenbuch

Zu düsteren Lichtverhältnissen und zum wohligen Rückzug in den Lesesessel passen besonders gut auch unheimliche und gespenstische Geschichten, und die bietet Heinz Röllekes Sammlung von Sagen aus dem gesamten deutschen Sprachraum in Hülle und Fülle. Von bekannten Figuren wie Klaus Störtebeker über eher lokal bedeutende Spukgestalten und Fabelwesen bis hin zu völlig bizarren Erscheinungen (so etwa einem lebendig gewordenen Kuchen) kann einem hier so einiges begegnen. Über 1000 zumeist kurze Sagen sind nach Herkunftslandschaften geordnet präsentiert und bieten einen mythisch-magischen Blick auf bekannte Orte und ihre Geschichte in Mittelalter und Neuzeit.

Heinz Rölleke: Das große deutsche Sagenbuch. Von Hexen und Zwergen, Teufeln und Geistern, Riesen, Kobolden und Wassernixen. Düsseldorf, Artemis & Winkler, 3. Aufl. 2008, 1019 Seiten.
ISBN: 9783538040052

Linktipps

Unbedingt lesen sollte man Petra van Cronenburgs klugen Artikel über ihren Entschluss, künstlerisch noch einmal ganz neu durchzustarten. Ihre Gedanken über das Älterwerden als kreative Freiberuflerin und nicht zuletzt auch über Mut und Zuversicht verdienen es, weithin rezipiert zu werden.

Spannend ist auch ein neuer Beitrag auf Moyas Buchgewimmel, in dem Sam den merkwürdigen Begriff „Stimmungsleser“ unter die Lupe nimmt. Ihre Beobachtungen lassen einen durchaus ins Grübeln kommen, was die Auswirkungen von Blogs und sozialen Medien auf den Umgang mit Literatur betrifft.

Lesemäuse

Lesetipps in Kurzform 2 (Bücher und Links)

Spätestens am Mittwoch wird es doch eigentlich Zeit, sich Gedanken über die Wochenendgestaltung zu machen. Wer noch auf der Suche nach dem nötigen Lesestoff für die nächsten freien Tage ist, findet hier ein paar Tipps.

Buchtipps

Altes Land

Seit Dörte Hansens Roman die Bestsellerlisten im Sturm erobert hat, ist darüber schon so viel geschrieben worden, dass sich eine ausführliche Rezension kaum lohnt. Dennoch verdient die Geschichte um die unangepasste Vera von Kamcke, die als ostpreußisches Flüchtlingskind im Alten Land nahe Hamburg strandet, und ihre aus anderen Gründen vom Leben gebeutelte Nichte Anne, die es Jahrzehnte später ebenfalls dorthin verschlägt, immerhin eine kurze Erwähnung. Denn die Auseinandersetzung mit dem eigentlich sehr ernsten Thema, wie eine nie aufgearbeitete Vergangenheit noch die nachgeborenen Generationen belasten kann, ist unerwartet humorvoll und vergnüglich. Zu einem Gutteil ist das den herrlich sperrigen Charakteren zu verdanken, aber auch der atmosphärischen Schilderung von Veras altem Bauernhaus (das fast selbst eine Figur mit eigenem Willen zu sein scheint) und nicht zuletzt den bisweilen boshaften, aber durchaus treffenden Karikaturen verschiedener Menschentypen der Hamburger Gesellschaft. Eine klare Lesenempfehlung für alle, die es mögen, wenn ein Buch, das einen eben noch angerührt oder gar schockiert hat, auf der nächsten Seite schon wieder zum Schmunzeln reizt.

Dörte Hansen: Altes Land. München, Knaus, 2015, 288 Seiten.
ISBN: 9783813506471

Skriptorium

Zugegeben, man kann umfangreichere und ausführlichere Sachbücher zum Thema Paläographie finden, aber wohl kaum ein charmanteres als Vera Trosts unterhaltsame kleine Einführung in die mittelalterliche Buchherstellung. Man erfährt nicht nur das Grundlegendste über Schreiber, Pergament, Farben und Tinte, sondern kann sich auch an zahlreichen Abbildungen aus Handschriften und Inkunabeln erfreuen. Daneben gibt es Fotos von Schreibmaterialien zu bestaunen. Zahlreiche, oft auch zweisprachig wiedergegebene Zitate aus mittelalterlichen Quellen erschließen nicht nur überliefertes Wissen über Farbpigmente oder den pfleglichen Umgang mit Büchern, sondern lassen einen auch einen Blick auf den Alltag erhaschen, wenn etwa ein Schreiber in Wort und Bild über eine lästige Maus flucht.

Vera Trost: Skriptorium. Stuttgart, Belser, 2011, 48 Seiten.
ISBN: 9783763025947

Linktipps

Auf dem auch sonst immer lesenswerten Literaturblog Kölner Leselust findet noch bis zum 23.4. ein lustiges Gewinnspiel statt, das bisher sträflich wenig Beachtung gefunden hat: Es gilt, ein Aprilgedicht zu schreiben, um eine Reclam-Anthologie mit – genau! – Aprilgedichten zu gewinnen.

Zu guter Letzt noch der traditionelle nichtliterarische Linktipp: Sam Jehanzeb von saje design hat ihre Website um einen sehenswerten Shop erweitert, in dem man ihre originellen Kreationen bestellen kann. Die Kunstwerke sind für Lesefans übrigens besonders attraktiv, denn neben Sams Zitatkunst gibt es auch Kunstdrucke und filigrane Scherenschnitte zu mythologischen Themen und Märchensujets zu entdecken.

 

Ursuli litterati

Lesetipps in Kurzform (Bücher und Links)

Die nächste längere Rezension ist bereits in Arbeit, doch um die Zeit bis zu ihrer Veröffentlichung zu überbrücken, gibt es hier schon einmal ein paar Lesetipps in Kurzform, mit denen sich auch ein Wochenende mit ungemütlichem Wetter gut überstehen lässt.

Buchtipps

Ritter und Elfen, Liebe und Tod

Gerade in der dunklen Jahreszeit kann es großen Spaß machen, sich literarisch in ferne und mythische Welten zu flüchten. Dass dazu nicht immer ein Fantasyroman notwendig ist, beweist diese schöne Anthologie skandinavischer Balladen, die ihre Wurzeln zumeist im Spätmittelalter haben und vom 16. bis ins 19. Jahrhundert gesammelt wurden. Während die Einleitung und der Anhang mit mehr oder minder knappem Kommentar zu jedem einzelnen Gedicht eine kulturhistorische Einordnung erlauben, liegt der Hauptreiz des auch in seiner Aufmachung attraktiven Bandes natürlich in den von der Textgestalt her oft schlichten, aber vor düsterer Fabulierfreude überbordenden Balladen. Hier gibt es Elfen, Werwölfe und in Bäume verwandelte Jungfrauen zu entdecken, aber auch Mord und Totschlag sind nicht fern. Am besten skizzieren lässt sich die vorherrschende Atmosphäre wohl mit der Einschätzung der Herausgeber, dass die Ballade eine Art dunklere und pessimistischere Schwestergattung zum Märchen bildet, dessen verzauberte Welt sie teilt. Aber keine Sorge: Das ein oder andere glückliche Ende lässt sich selbst in diesem Buch finden!

Klaus Böldl, Katarina Yngborn (Hrsg.): Ritter und Elfen, Liebe und Tod. Nordische Balladen des Mittelalters. München, C.H. Beck, 2011, 157 Seiten.
ISBN: 978-3406623950

Pompeii und die Römische Goldküste. Ein Zeitreiseführer in das Jahr 78

Eine ganz andere Art von Phantasiereise lässt sich mithilfe von Karl-Wilhelm Weebers reich  illustriertem „Zeitreiseführer“ unternehmen: Scheinbar an römerzeitliche Leser gerichtet gibt es hier in moderner Sprache reichlich Tipps, um als Tourist in Pompeii und nahegelegenen Orten im Jahr vor dem fatalen Vesuvausbruch einen angenehmen Aufenthalt zu verbringen. Neben den Beschreibungen von Sehenswürdigkeiten machen vor allem die zahlreichen praktischen Hinweise Spaß, aus denen sich teilweise durchaus einiges über das römische Alltagsleben lernen lässt, während andere Details einfach nur witzig und zeitlos sind (so etwa die Tatsache, dass im kleinen lateinischen Sprachführer des Buchs auch für den Fall vorgesorgt ist, dass man sich über eine Fliege im Essen beschweren möchte). Ganz gleich, ob man nun lieber vom Sightseeing in einer noch unzerstörten Römerstadt träumt oder davon, sich im mondänen Baiae auf ein Fest einladen zu lassen – viel Lesespaß ist hier garantiert.

Karl-Wilhelm Weeber: Pompeii und die römische Goldküste. Ein Zeitreiseführer in das Jahr 78. Darmstadt, Primus Verlag (WBG), 2011, 143 Seiten.
ISBN: 978-3896788054

Linktipps

Wer nicht nur gern liest, sondern auch selbst schreibt, findet auf Skriving interessante Anregungen. Schreibtipps gibt es im Internet zwar wie Sand am Meer, aber viele laufen darauf hinaus, die relativ einförmigen und austauschbaren Stilelemente einzuüben, von denen gerade Unterhaltungsromane heute stark geprägt sind. Auf Skriving ist das ein wenig anders, denn hier finden sich neben schreibtechnischen Empfehlungen (wie den Wochen-Schreibtipps) vor allem charmante Ideen, wie man Inspiration suchen und finden kann – etwa indem man in abstrakten Bildern etwas Konkretes zu erkennen versucht und darüber schreibt, was, wie sich hier und hier zeigt, zu sehr unterschiedlichen Interpretationen führen kann …

Und zu guter Letzt noch ein unliterarischer Tipp, der nach all der geistigen Nahrung für das leibliche Wohl sorgt: Nach wiederholten Selbstversuchen kann ich bestätigen, dass  Moyas Earl Grey Cookies zu den leckersten Keksen gehören, die man backen kann, ganz abgesehen davon, dass sich das Rezept in seinem liebevollen Plauderton auch ausgesprochen nett liest.

Ostergewinnspiel bei saje design

Die Grafikerin Sam Jehanzeb ist Lesern dieses Blogs sicher noch aus dem Artikel über Zitatkunst ein Begriff. Jetzt gibt es auf ihrer Website ein tolles Ostergewinnspiel mit sehr verlockenden Preisen:  Unter anderem ist nämlich auch ein Wortkunstwerk nach Wunsch zu gewinnen, und egal, ob man am Ende zu den glücklichen Gewinnern zählt oder nicht, die fröhliche Ostereiersuche macht ohnehin großen Spaß und lohnt sich deshalb auf jeden Fall.

Mit diesem Hinweis verabschiedet sich Ardeija.de in die Osterpause und wünscht allen Lesern frohe Ostern – nach den Feiertagen geht es hier weiter!

Büchergewinnspiel

Dank Moyas Buchgewimmel bin ich darauf aufmerksam geworden, dass es auf Böhmerts Hasenbrot heute ein spannendes Gewinnspiel gibt: Frank Böhmert verlost Belegexemplare seiner Übersetzung von Tim O’Rourkes FLASHES, und um eines davon zu ergattern, muss man nur schnell genug einen vorgegebenen kleinen Textausschnitt aus eben diesem Buch übersetzen und in den Kommentaren einstellen. Also los – es macht Spaß und lohnt sich!

Historisches in unterhaltsamer Form

Heute gibt es zur Abwechslung einmal ein paar Surftipps, die für Aufheiterung an trüben Wintertagen sorgen sollen: Neben zahllosen Websites, die sich historischen Themen ernsthaft nähern, findet man auch einige, die vor allem das Unterhaltsame der Weltgeschichte in den Vordergrund stellen. Den folgenden dreien glückt das auf ganz unterschiedliche, aber jeweils bemerkenswerte Art.

1. Ask the Past

Im Blog der Historikerin Elizabeth Archibald dreht sich alles um teils fragwürdige, teils verblüffende, aber immer höchst amüsante lebenspraktische Hinweise aus historischen Texten. Die abgedeckte Zeitspanne reicht von der Antike bis ins beginnende 20. Jahrhundert, der Schwerpunkt liegt aber eindeutig auf Mittelalter und früher Neuzeit. Wer schon immer gern übers Wasser gewandelt wäre, exotischen kulinarischen Genüssen gegenüber aufgeschlossen ist oder auch nur Klebstoff braucht, findet hier eine Fülle von Tipps und Tricks, die in den meisten Fällen allerdings nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen sind …

 

2. Hark! A Vagrant

Der episodische Webcomic der Kanadierin Kate Beaton befasst sich primär, aber nicht ausschließlich mit historischen Themen. Boshaft, absolut respektlos und oft in deftiger Sprache, aber immer sehr humorvoll werden historische und literarische Figuren aller Art durch den Kakao gezogen: Herodot und Thukydides bekommen ebenso ihr Fett weg wie berühmte Komponisten, die Wikinger oder Jane Austens Stolz und Vorurteil. Häufig gilt die unterschwellige Kritik aber auch gar nicht den dargestellten Persönlichkeiten an sich, sondern ihrer Wahrnehmung in der modernen Populärkultur (so etwa im Falle der Tudors). Lesenswert sind übrigens auch die Kommentare der Autorin zum jeweiligen Comic.

 

3. Hist-Rom

Zugegeben, einen Nachteil hat Stefan Crammes Bibliographie- und Rezensionsseite zu historischen Romanen über das alte Rom: Updates gibt es nur alle Jubeljahre einmal, ob nun auf der Hauptseite oder im zugehörigen Blog. Auch wer Spoiler fürchtet wie der Teufel das Weihwasser ist hier nicht gut bedient, denn in jeder Rezension wird die Handlung des besprochenen Romans bis ins Detail vollständig nacherzählt, so dass bei einer Lektüre keine großen Überraschungen mehr bleiben dürften. Wer mit beidem leben kann, wird jedoch reich belohnt, denn es gibt wahrscheinlich kaum eine andere Website, auf der historische Romane so fundiert auf ihren geschichtlichen Gehalt abgeklopft werden wie hier. Auf sehr unterhaltsame Weise kann man so noch manch ein Detail zum alten Rom dazulernen, denn Cramme entgeht vom Tippfehler bis zum historischen Missverständnis so gut wie nichts. Bei aller Ernsthaftigkeit blitzt dabei durchaus hier und da Humor auf, wie etwa bei dieser Rezension eines allem Anschein nach ziemlich haarsträubenden Buchs.

Zitatkunst

Zitate faszinieren die Menschen vermutlich schon so lange, wie es Literatur gibt: Eine einmal gefundene glückliche Formulierung, die auch außerhalb ihres ursprünglichen Kontexts ihren Sinn behält oder einen neuen hinzugewinnt, wird gern wiederaufgegriffen. Auch das Bemühen, einen künstlerischen Rahmen für die Worte, die einen bewegen, zu schaffen, ist nicht neu und reicht von Formen der Volkskunst (wie gestickten Sinnsprüchen an der Wand) über gelehrte Spielereien (beispielsweise die Emblemkunst der Renaissance) bis hin zu der Fülle von gefällig bis hintersinnig illustrierten Zitatsammlungen, -kalendern und -postkarten, die heutzutage fast jede Buchhandlung anbietet. Ein besonders schönes Beispiel sind dabei die Literaturkalender aus dem Korsch Verlag, die ansprechende Fotos mit den unterschiedlichsten Zitaten kombinieren.
Abseits dieses bei aller liebevollen Gestaltung eher kommerziell ausgerichteten Umgangs mit Zitaten gibt es jedoch nach wie vor auch von künstlerischem Anspruch geprägte Umsetzungen, wie etwa die Edition Artlit zeigt, in deren Drucken prägnante Sätze aus der Weltliteratur zu Kunstwerken werden.
Dass man noch einen Schritt weitergehen kann und sich nicht immer nur auf einen griffigen Aphorismus beschränken muss, um Zitatkunst zu schaffen, beweist die Grafikerin Sam Jehanzeb von saje design, die einen ganzen Abschnitt aus Truman Capotes Musik für Chamäleons in ein Gemälde verwandelt und so die sprachlich Schönheit des Texts ebenso wie seine inhaltlichen Untiefen virtuos bildlich heraufbeschwört: Zitatkunst von Sam Jehanzeb
Den Allgemeinplatz, dass ein Bild mehr als tausend Worte sagt, kann man also vielleicht um eine Beobachtung ergänzen: Wenn Worte selbst zum Bild werden, können sie im besten Fall das, was Text und grafische Gestaltung allein jeweils zu bieten haben, vertiefen und übertreffen.