Archive

Mrs. Tsenhor

Mrs. Tsenhor. A Female Entrepreneur in Ancient Egypt

Obwohl Frauen im Alten Ägypten Männern gegenüber in manchen Bereichen benachteiligt waren (z.B. durch rituelle Tabus bezüglich der Menstruation), hatten sie doch insgesamt sozial und wirtschaftlich eine wesentlich stärkere Stellung inne als viele ihrer Zeitgenossinnen in anderen Kulturen rings um das Mittelmeer. In ihrer Geschäftsfähigkeit waren sie nicht eingeschränkt, sondern konnten Vermögen besitzen, erben und vererben, sich scheiden lassen, unterschiedlichsten Berufen nachgehen und unternehmerisch tätig sein. Obwohl es hier also auf allen gesellschaftlichen Ebenen viel Interessantes zu entdecken gibt, stehen als Einzelpersönlichkeiten meist nur Herrscherinnen oder andere Angehörige der Elite im Fokus der Forschung. Koenraad Donker van Heels vergnüglich zu lesende Quellenstudie Mrs. Tsenhor gewinnt ihren Reiz gerade daraus, dass er stattdessen die Biographie einer Durchschnittsfrau aus der ägyptischen Mittelschicht aus in Form von Papyri überlieferten Dokumenten rekonstruiert.
Tsenhor, deren Name „Schwester des Horus“ bedeutet, wurde um 550 v. Chr. in eine Familie in Theben hineingeboren, die dem Berufsstand der Choachyten angehörte – Personen, die professionell den Totenkult ausübten. Mit Einbalsamierung und Bestattung allein war in der jenseitsverliebten Kultur des alten Ägypten noch nicht genug für das ewige Leben vorgesorgt. Den Verstorbenen mussten dauerhaft Trank- und Speiseopfer dargebracht werden, eine Tätigkeit, für die man die Choachyten engagierte und gut bezahlte (etwa durch die Übereignung von Feldern, denn eine Geldwirtschaft war noch nicht gebräuchlich).
Auch Tsenhor übte als Erwachsene diesen Beruf aus und erbte von ihrem Vater ein Viertel des Familienunternehmens (die restlichen Anteile entfielen auf ihre drei Brüder). Nach einer ersten Ehe, der ihr vermutlich relativ jung verstorbener Sohn Peteamunhotep entstammte, heiratete sie spätestens 517 den Choachyten Psenese, mit dem sie die Tochter Ruru und den Sohn Ituru hatte, die nach Pseneses Tod (zwischen 498 und 494) als seine Erben zu gleichen Teilen bezeugt sind. Tsenhor überlebte ihren Mann und erscheint bis ins vorgerückte Alter weiter in verschiedensten Urkunden. Sie starb nach 490.
Aus den erhaltenen Dokumenten, die wohl entweder von Tsenhor selbst oder von einem ihrer Nachkommen gesammelt und verwahrt wurden, ergibt sich eine erstaunliche Fülle von Details über Rechtsgeschäfte aller Art, von Erbschaftsregelungen über den Kauf eines Sklaven oder Tsenhors und Pseneses gemeinsamen Hausbau (praktischerweise direkt neben der Werkstatt eines Balsamierers) bis hin zur Miete eines Rinds zum Pflügen der Ackerlands der Familie. Auf diese Weise entsteht ein detailliertes Bild des Alltagslebens in Ägypten zur Zeit der persischen Herrschaft.
Bei aller Quellennähe schreibt Donker van Heel in einem humorvollen, bisweilen sprachlich etwas flapsigen Stil, der einem allgemeinen Publikum sehr entgegenkommt. Inhaltlich bleiben seine Angaben aber seriös, und er weist stets darauf hin, wenn es in der Ägyptologie noch andere Deutungen als die jeweils von ihm vertretene gibt.
Zur Stützung seiner Argumentation und zum Vergleich zieht der Autor neben den Urkunden, die sich auf Tsenhor und ihr Umfeld beziehen, auch eine Fülle von anderen Quellen aus verschiedensten Epochen vom Alten Reich bis zur koptischen Zeit heran. Manche Traditionen waren, wie sich zeigt, über Jahrhunderte wenn nicht gar Jahrtausende sehr beharrlich, etwa bestimmte Formen der Erbschaftsaufteilung – und leider auch die entsprechenden Erbstreitigkeiten. So erfährt man im Zuge der Lektüre sehr viel über das alte Ägypten abseits von Pyramiden und Pharaonen, beispielsweise über verwickelte Familienverhältnisse (die durch Adoptionen noch zusätzlich verkompliziert werden konnten), den Hang eines Schreibers zu angeberischen Titeln, mit denen er seine Urkunden signierte, Pannen im Berufsalltag von Bestattern, die auch schon einmal vergaßen, eine Mumie in ihr Grab zu transportieren, und dergleichen mehr.
Wer sich für Alltagsgeschichte interessiert, wird an Mrs. Tsenhor auf alle Fälle seine Freude haben, und findet in der Titelfigur eine ansprechende Protagonistin, an deren Seite er ihre ferne und fremde, aber in bestimmten Belangen zeitlos wirkende Welt erkunden kann.

Koenraad Donker van Heel: Mrs. Tsenhor. A Female Entrepreneur in Ancient Egypt. Kairo, New York, The American University in Cairo Press, 2015, 229 Seiten.
ISBN: 9789774166778


Genre: Biographie, Geschichte
Landleben im römischen Deutschland

Landleben im römischen Deutschland

Das römische Reich ging aus einem Stadtstaat hervor, und viele der bekanntesten erhaltenen Bauwerke der Römerzeit vom Kolosseum bis zur Porta Nigra befinden sich in Städten. So ist man es gewohnt, Rom primär als städtische Zivilisation zu begreifen. Doch die Mehrzahl der Menschen lebte und arbeitete in der Antike auf dem Land, auch in den Gegenden Deutschlands, die damals zu den germanischen Provinzen des Imperiums oder zu Gallien gehörten. Wie es um Wohnverhältnisse, Wirtschaftsweise, Infrastruktur, Verwaltung und Religion in diesem Gebiet bestellt war, erfährt man in dem von Vera Rupp und Heide Birley herausgegebenen Bildband Landleben im römischen Deutschland.
Das Buch ist als Sammlung kürzerer Beiträge der verschiedensten Autoren angelegt und in zwei Teile gegliedert: Während der erste thematisch geordnet ist und kompakte Einführungen in alle möglichen Aspekte des ländlichen Alltags zur Römerzeit bietet, stellt der zweite 44 Fundstätten vor (neben einzelnen Gebäuden und Siedlungen auch größere Bereiche wie etwa das Umland von Köln).
Da für die Verhältnisse im Nordosten des römischen Reichs insbesondere die Schriftquellen rarer gesät sind als für den Mittelmeerraum, enthält die erste Buchhälfte auch einiges Material aus anderen geographischen Regionen (z.B. einen absolut lesenswerten Beschwerdebrief über einen dreisten Wolldiebstahl in Ägypten). Die Informationen sind ansprechend und allgemeinverständlich aufbereitet, gehen aber nicht unbedingt allzu sehr in die Tiefe. Für eine erste Annäherung reicht das wunderbar aus, doch wer schon einiges über die Römerzeit gelesen hat, wünscht sich hier vielleicht zusätzliche Details.
Mehr Einzelheiten bieten die Artikel im zweiten Teil, die vor allem die Vielfalt ländlicher Lebensweisen fassbar machen: Neben dem Landgut (villa rustica), das in allen Varianten vom kleinen Bauernhof über den spezialisierten Großbetrieb bis hin zum palastartigen Luxusanwesen existierte, gab es auch die dörfliche Siedlung (vicus), in der, anders als in späteren Zeiten, keine Landwirtschaft betrieben wurde. Stattdessen waren dort Händler, Handwerker und sonstige Gewerbetreibende ansässig, die entweder die nähere Umgebung oder eines der zahlreichen Militärkastelle versorgten. Eine Siedlungskontinuität von der Römerzeit bis heute scheint dabei im ländlichen Raum seltener zu sein als im städtischen, doch gibt es Ausnahmen: So konnte etwa der vicus Iuliacum dadurch, dass er in der Spätantike befestigt wurde, anders als viele andere Dörfer überdauern und an Bedeutung gewinnen, um dann im Mittelalter zur Stadt Jülich zu werden.
Spannend an den Einzelfallschilderungen ist auch der sehr unterschiedliche heutige Umgang mit erhaltenen und ergrabenen Ruinen: Konservierung, Rekonstruktion und touristische Erschließung stehen Vernachlässigung oder Zerstörung (etwa durch moderne Bauprojekte) gegenüber.
Während sich die einzelnen Beiträge überwiegend interessant lesen, krankt das Buch als Gesamtpaket ein wenig daran, dass ihr Zusammenspiel nicht immer optimal abgestimmt wirkt. Manche Informationen wiederholen sich unnötig oft (so wird z.B. mehrfach von unterschiedlichen Verfassern genauestens erklärt, welche Räume zu römischen Thermen gehörten, für die es auch auf dem Lande viele beeindruckend komfortable Beispiele gibt). Auch ein wenig mehr Einheitlichkeit in der Gestaltung hätte man sich manchmal gewünscht. Ob z.B. Grundrissplänen eine Legende beigegeben ist oder nicht, scheint im Ermessen des jeweiligen Autors gelegen zu haben. In anderer Hinsicht hingegen ist besser auf die praktische Nutzbarkeit geachtet worden. So gibt es etwa ein Glossar lateinischer Begriffe und auch Informationen zu Besichtigungsmöglichkeiten und Museen.
Alles in allem überwiegt der positive Eindruck, gerade auch durch das üppige Bildmaterial: Einen ersten Blick in die Römerzeit kann man hier bedenkenlos werfen, um dann vielleicht anderswo noch vertiefende Lektüre zu suchen, wenn die Neugier erst einmal geweckt ist.

Heide Birley, Vera Rupp (Hrsg.): Landleben im römischen Deutschland. Stuttgart, Theiss (WBG), 2012, 192 Seiten.
ISBN: 9783806225730

 


Genre: Geschichte
Die Hethiter

Die Hethiter

Obwohl sie zu den großen Kulturen des bronzezeitlichen Orients zählen, waren die Hethiter lange im allgemeinen Bewusstsein weit weniger präsent als ihre mesopotamischen oder ägyptischen Zeitgenossen. Bis auf einige biblische Erwähnungen aus ihrer Spätzeit gerieten sie größtenteils in Vergessenheit. Erst im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden ihre diplomatische Korrespondenz vor allem mit Ägypten, die Ruinen ihrer Hauptstadt Hattusa und ihre indogermanische Sprache wiederentdeckt.
Konsequenterweise beginnt Jörg Klinger daher seine lesenswerte Einführung Die Hethiter mit einem forschungshistorischen Überblick, um dann in zwei ereignisgeschichtlichen Abschnitten und einem zwischen diesen eingefügten Kapitel zur hethitischen Kultur dem auch heute noch in vielerlei Hinsicht rätselhaften Volk nachzuspüren. Denn während die politische und zum Teil auch die religiöse Geschichte aufgrund von in Tontafelarchiven und Inschriften erhaltenen Briefen, historiographischen Texten, Kultschilderungen und dergleichen mehr recht gut rekonstruiert werden können, fehlen im administrativen und sozialen Bereich oft die passenden Schriftquellen, um archäologische Funde korrekt zu deuten. Dies hängt auch mit dem jeweils gewählten Beschreibstoff zusammen, denn viele Urkunden waren auf Holz oder Metall festgehalten und wurden so im Laufe der Zeit entweder zerstört oder wiederverwertet.
Auch wenn man sich also an manchen Stellen der frustrierenden Situation gegenübersieht, dass das, was man gern noch wissen würde, auf Grundlage der uns zugänglichen Überlieferung schlicht und einfach nicht mehr zu ermitteln ist, bietet das Vorhandene interessante Informationen. Klinger schildert sachlich und unter Verzicht auf übertriebene Spekulationen den Aufstieg eines Verbands gemischter ethnischer Herkunft, der sich im frühen 2. Jahrtausend v. Chr. zunächst wohl nur durch Raubzüge im anatolischen und kleinasiatischen Raum hervortat, zur Hochkultur und zum ab ca. 1600 v. Chr. immer stärker als Großmacht agierenden Königreich, dessen Herrscher im 14. und 13. Jahrhundert v. Chr. den Pharaonen auf Augenhöhe begegnen konnten.
Es ist vor allem diese Epoche, die auch Laien immer wieder neugierig auf die Hethiter macht. So ist die Schlacht bei Kadesch (von Klinger auf 1275 v. Chr. datiert, sonst oft auf 1274 v. Chr.) auch aufgrund der Tatsache, dass der bis heute bekannte und populäre Pharao Ramses II. darin den Hethitern gegenüberstand, sicher vielen Geschichtsbegeisterten ein Begriff. Auch die Frage nach einer möglichen Historizität des Trojanischen Kriegs und einer Identität des aus hethitischen Dokumenten bekannten Ortsnamens „Wilusa“ mit Ilion/Troja führt in diese Zeit zurück. Selbst hier referiert Klinger ungeachtet aller aufgeheizten Forschungsdebatten zum Thema knapp und angenehm nüchtern, ohne sich in Hypothesen zu versteigen.
Weshalb genau es um 1200 v. Chr. zum Zusammenbruch des Hethiterreichs, zur Aufspaltung seiner Überreste in mehrere kleinere Staaten und zur Aufgabe von Hattusa als Hauptstadt kam, ist Klingers Auffassung nach mehr oder minder ungeklärt. Die Annahme, der aus ägyptischen Quellen bekannte Seevölkersturm habe auch das Hethiterreich hinweggefegt, wertet er als überholt und favorisiert eher ein Ursachenbündel aus Missernten und inneren Wirren, zu dem dann ergänzend militärische Niederlagen und Wanderungsbewegungen hinzugekommen sein könnten (eine Einschätzung, die der von Eric H. Cline ähnelt).
So bleibt auch diese nicht unwichtige Frage wie so manche im Laufe des Buchs am Ende offen. Lust darauf, sich noch eingehender mit den Hethitern zu befassen, hat man aber nach der Lektüre ohnehin auf alle Fälle.

Jörg Klinger: Die Hethiter. München, C.H. Beck, 2. durchgesehene Auflage 2012, 128 Seiten.
ISBN: 9783406536250


Genre: Geschichte
Reisen im Mittelalter

Reisen im Mittelalter

Mobilität und weite Reisen werden gewöhnlich vor allem mit der Neuzeit assoziiert. Das Mittelalter erscheint im allgemeinen Bewusstsein dagegen fälschlich oft eher als Epoche, in der kaum jemand über sein Heimatdorf hinauskam, von Ausnahmen wie Marco Polo oder den bis Nordamerika segelnden Wikingern einmal abgesehen. Auch diese bekannten Fernreisen spielen in Norbert Ohlers spannender Überblicksdarstellung Reisen im Mittelalter natürlich eine Rolle, aber vor allem wird deutlich, dass zwischen Spätantike und früher Neuzeit in kleinerem geographischen Rahmen erstaunlich viele Angehörige der unterschiedlichsten sozialen Gruppen unterwegs waren.
Während sich bei manchen – etwa Boten, Kaufleuten, Handwerkern oder auch Königen – Reisen aus Beruf oder Amt ergaben, hatten andere private Gründe, von Religiosität (etwa bei Pilgerfahrten im christlichen wie im islamischen Bereich) über Bildungshunger bis hin zu Forscherdrang (der z.B. Petrarca zu einer Bergwanderung auf den Mont Ventoux in Südfrankreich motivierte). Auch weniger erfreuliche Anlässe, wie Flucht oder Kriegszüge, brachten Menschen in Bewegung.
Den äußeren Bedingungen dieser verschiedenen Reisetypen ist der erste Abschnitt des Buches gewidmet. Neben umfassenden Angaben zu Umwelt, Wetter, Reit- und Zugtieren, Schiffahrt, Unterkunftsmöglichkeiten, Straßen, Brücken und Reisegeschwindigkeiten findet man hier auch Kuriositäten wie einen frühmittelalterlichen Sprachführer, dessen Verfasser offenbar davon ausging, dass man in die Situation kommen könnte, seinem Gesprächspartner charmanterweise „Hör doch zu, du Narr!“ an den Kopf zu werfen. Nicht zuletzt für alle, die Geschichten, Erzählungen oder Romane über vormoderne Gesellschaften schreiben (ob nun im historischen Genre oder in der Fantasy) und ihre Figuren auf Reisen zu schicken gedenken, ist dieser Teil des Buchs eine wahre Fundgrube.
Der zweite Großabschnitt schildert quellennah eine ganze Reihe konkreter Reisen, die zwischen Merowingerzeit und Spätmittelalter stattfanden (die chronologische Anordnung wird dabei allerdings teilweise zugunsten thematischer Schwerpunktsetzungen unterbrochen). Neben berühmten Reisenden wie Wilhelm von Rubruk, Ibn Battuta, Kolumbus oder Albrecht Dürer begegnen einem hier auch einige eher unbekannte, so z.B. eine versklavte Geisel und ihr Befreier auf der Flucht durchs Frankenreich, und sogar literarische Gestalten, lassen sich doch auch aus fiktionalen Schilderungen durchaus Schlüsse über das echte Leben ziehen.
Ohlers angenehmer Stil macht die Lektüre beider Teile zu einem großen Vergnügen, denn er schreibt nicht nur lesbar und allgemeinverständlich, sondern auch sehr menschlich, mit viel Gespür für Alltägliches und über die Jahrhunderte hinweg Verbindendes, gelegentlich sogar mit unterschwelligem Humor.
Abgerundet wird die Darstellung durch zahlreiche Abbildungen und einen nützlichen Anhang, der unter anderem eine Zeittafel zu wichtigen Reisen zwischen dem 5. und 16. Jahrhundert bietet.
Die Forschung zu einzelnen Aspekten des Reisens im Mittelalter mag vielleicht in den letzten Jahrzehnten noch etwas vorangekommen sein. Alles in allem bietet Ohlers Buch jedoch immer noch einen hervorragenden Einstieg in das Themengebiet, der Lust auf mehr macht und einen vor allem so nahe an die zeitgenössischen Quellen heranführt, dass man etwaige Berührungsängste schnell verliert. Allen Neugierigen seien die Reisen im Mittelalter also hiermit ausdrücklich ans Herz gelegt.

Norbert Ohler: Reisen im Mittelalter. München, DTV, 4. Auflage 1995 (Original: 1986), 456 Seiten.
ISBN: 3760819133


Genre: Geschichte
The Mystery of the Hanging Garden of Babylon

The Mystery of the Hanging Garden of Babylon

Als eines der sieben Weltwunder der Antike sind die Hängenden Gärten von Babylon allgemein bekannt, aber dennoch weiß man zugleich fast nichts über sie. Während andere Weltwunder entweder in – freilich meist geringen – Resten bis heute überdauert haben oder zumindest in Schilderungen zeitgenössischer Augenzeugen ausführlich dokumentiert sind, setzen die Quellen im Falle der Hängenden Gärten erst Jahrhunderte nach ihrer Entstehung (und vielleicht auch Zerstörung) ein. Die zwischen hellenistischer Zeit und Spätantike verfassten Beschreibungen der Gärten sind sich zwar über die terrassenartige Anlage und das versteckte Bewässerungssystem einig, aber nicht einmal darüber, wer das Weltwunder erbauen ließ – neben der legendären Königin Semiramis werden auch Nebukadnezar II. und ein namentlich nicht genannter (as)syrischer König ins Spiel gebracht.
An dieser Stelle setzt die Theorie der renommierten Assyriologin Stephanie Dalley an. In dem namenlosen assyrischen König der antiken Schilderungen sieht sie den um 700 v. Chr. regierenden Sanherib, aus dessen Zeit nicht nur ausgedehnte Aquädukte erhalten sind, die seine Residenzstadt Ninive mit Wasser versorgten, sondern auch Schrift- und Bildquellen, die die Existenz eines terrassenförmig angelegten, mit einem innovativen Schraubensystem bewässerten Palastgartens belegen.
Die Auswertung dieses auch in zahlreichen Abbildungen liebevoll aufbereiteten Materials macht das Herzstück des Buchs aus und liest sich faszinierend, vor allem, da der anscheinend sehr technikbegeisterte Sanherib darin in Ansätzen individuelle Züge gewinnt, die bei vielen anderen altorientalischen Herrschern allenfalls undeutlich auszumachen sind.
Phantasievoller und damit auch unsicherer wird es dagegen, wenn Dalley Überlegungen anstellt, wie es in der Antike zur Verwechslung von Sanheribs Garten mit einem vielleicht gar nicht in dieser Form vorhandenen in Babylon gekommen sein könnte. Zu all den Thesen einer Gleichsetzung Ninives mit Babylon, eines Verschmelzens der Herrschergestalten Sanherib und Nebukadnezar und eines Überdauerns der Gärten oder des Wissens darum über die Verwüstung Ninives 612 v. Chr. hinaus bis in die Epoche Alexanders des Großen kann man eigentlich nur sagen, dass das,  was Dalley vermutet, zwar möglich, aber nicht erwiesen ist.
Wie bei fast allen historischen Sachbüchern, die anhand von Indizien und Spekulationen eine Neubewertung vermeintlich gesicherten Wissens präsentieren, bleiben daher auch nach dieser Lektüre leise Zweifel. Dalleys Argumentation wirkt zwar in vielen Bereichen überzeugend, aber unanfechtbar ist sie nicht, und vor allem die Frage, ob Sanheribs „hängender“ Garten nicht auch anderswo – vielleicht eben in Babylon – kopiert worden sein könnte, lässt sich auf Basis des heute Bekannten einfach nicht abschließend klären.
Doch darauf kommt es letztlich auch gar nicht an, denn was die von ihr herangezogenen Quellen und Funde eindringlich zeigen, ist, dass es in Ninive eine hochstehende Gartenkunst und eine ausgefeilte Bewässerungstechnik gegeben haben muss. Gerade vor dem Hintergrund der Tatsache, dass man sich die Assyrer oft nur als kriegerisches Volk ausmalt und sich über ihre Interessen und Leistungen in Friedenszeiten viel zu selten Gedanken macht, ist diese Erkenntnis allein die Lektüre des Buchs mehr als wert, ganz gleich, ob es sich bei Sanheribs Garten nun um die berühmten „Hängenden Gärten“ gehandelt haben mag oder nicht.

Stephanie Dalley: The Mystery of the Hanging Garden of Babylon. An Elusive World Wonder Traced. Oxford, Oxford University Press, 2015 (Originalausgabe: 2013), 279 Seiten.
ISBN: 9780198728849


Genre: Geschichte
Bilderwelten der Bronzezeit

Bilderwelten der Bronzezeit

Felskunst assoziiert man oft vor allem mit der Steinzeit. An vielen Stellen in Skandinavien und in weit geringerem Maße auch in Norddeutschland sind jedoch in Felsen und Steine gemeißelte oder geritzte Bilder überliefert, die aus der Bronzezeit stammen. Der zeitliche Schwerpunkt ihrer Entstehung lag wohl in der jüngeren Bronzezeit (in den Jahrhunderten um 1000 v.Chr.), da stilistische Vergleiche mit Gravuren auf Bronzeobjekten dieser Epoche große Ähnlichkeiten zu den Felsdarstellungen erkennen lassen.
Diesen Bilderwelten der Bronzezeit spürt Torsten Capelle in seinem reizvollen, handlichen Bildband nach und bleibt in seiner Beschreibung der stark stilisierten Darstellungen wohltuend sachlich und nüchtern, statt sich auf übertriebene Spekulationen einzulassen. Da Schriftquellen fehlen, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit rekonstruieren, was die oft wohl nur lokal tätigen Künstler mit ihren Felsbildern ausdrücken wollten. Auffällig ist jedoch, dass diese meist abseits von Siedlungen lagen und nicht unbedingt einen repräsentativen Querschnitt des Alltagslebens wiedergeben.
Vor allem zeigt sich dies an der Auswahl der abgebildeten Menschen, die nicht die tatsächliche Zusammensetzung der damaligen (oder sonst irgendeiner) Gesellschaft widerspiegelt: Wo die stark abstrahierten Silhouetten überhaupt eine Geschlechtsbestimmung erlauben, scheint es sich bei den Gezeigten überwiegend um unbekleidete Männer zu handeln. Eindeutig als Frauen zu bestimmende Figuren treten seltener auf, Kinder praktisch nie. Dagegen scheint es sich in der Tierwelt teilweise genau umgekehrt zu verhalten: So sind z.B. zahlreiche Elchkühe in den Felsbildern belegt, dagegen aber kein einziger Elchbulle (oder doch zumindest keiner mit Schaufelgeweih).
Auch die festgehaltenen Situationen stammen aus nur wenigen Bereichen, die nicht den gesamten menschlichen Erfahrungsschatz umfassen. So finden sich neben Tier-, Wagen- und Schiffsbildern und imitierten Hand- und Fußabdrücken vor allem Szenen mit Kämpfen, Jagden und Tänzen, möglicherweise auch mit rituellen Handlungen (auch wenn Capelle sich hier in der Interpretation sehr zurücknimmt). Ein kultischer Hintergrund irgendeiner Art ist zumindest bei den Bildern anzunehmen, die gar nicht (dauerhaft) für die Augen lebender Betrachter bestimmt waren, sondern sich auf der Innenseite von Steinkistengräbern finden. Gerade bei diesem Phänomen hätte man sich Vergleiche mit ähnlichen Bräuchen etwa in mediterranen Kulturen gewünscht und muss bedauern, dass hier die skandinavische Bronzezeit relativ isoliert betrachtet wird.
Doch der informative und lesenswerte Text ist zugegebenermaßen gar nicht der Teil des Buchs, der am meisten Freude macht. Viel mehr Spaß bereitet es einem, in der Fülle von Fotos und Umzeichnungen der Funde selbst auf Entdeckungstour zu gehen, nach wiederkehrenden Motiven zu suchen und eigene Überlegungen anzustellen. Jedem, der sich auch nur ein bisschen für prähistorische Kunst interessiert, sei daher dieser Band als guter Einstieg in ein spannendes Thema ans Herz gelegt.

Torsten Capelle: Bilderwelten der Bronzezeit. Felsbilder in Norddeutschland und Skandinavien. Mainz, Philipp von Zabern, 2008, 128 Seiten.
ISBN: 9783805338332


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur
Trier

Trier. Biographie einer römischen Stadt

Die erhaltenen römischen Bauwerke in Trier wie z.B. die Porta Nigra oder die Kaiserthermen zählen sicher zu den bekanntesten Zeugnissen der Antike in Deutschland. Wie diese Stadt mit ihrer multikulturellen Bevölkerung (zu der neben Römern auch keltische Treverer und griechischsprachige Zuwanderer aus dem Osten des römischen Reichs zählten) entstand und sich entwickelte, zeichnet Frank Unruh in seinem lesenswerten Bildband Trier. Biographie einer römischen Stadt nach.
Unter Augustus wohl um 17 v.Chr. – so zumindest die dendrochronologische Datierung der ersten nachweisbaren Moselbrücke – als Augusta Treverorum gegründet, entwickelte Trier sich trotz gelegentlicher politscher Unruhen zum Wirtschaftszentrum und Verkehrsknotenpunkt. Wichtig war dabei nicht zuletzt die Lage in bequemer Nähe zum Grenzgebiet am Rhein, aber doch zugleich im vor Überfällen und Angriffen relativ geschützten Hinterland. Gerade in der für weite Teile des römischen Reichs eher krisenhaften Zeit ab dem 3. Jahrhundert konnte Trier so noch einmal zu einer besonderen Blüte gelangen. Unter den Tetrarchen sogar zur Kaiserresidenz aufgestiegen, wurde die nun als Treveris bezeichnete Stadt in der Spätantike zu einem bedeutenden Bischofssitz des jungen Christentums. Während sich einerseits nach einer langen Übergangsperiode des Nebeneinanders von heidnischer und christlicher Welt die Intoleranz der neuen Religion zeigte (so sind schon für das 4. Jahrhundert Verurteilungen und Hinrichtungen von Häretikern belegt), trug sie andererseits dazu bei, über das Ende der weströmischen Herrschaft hinaus ein gewisses Maß an administrativer Kontinuität und kollektiver Identität zu sichern, bis Trier 484 dem expandierenden Frankenreich einverleibt wurde und eine neue Epoche begann.
Unruh legt dabei in seinem flüssig geschriebenen Text den Schwerpunkt auf Bau- und Ereignisgeschichte, die eng miteinander verquickt sind. Neben Fotos der erhaltenen Gebäude bzw. Ruinen finden sich unter den Illustrationen daher auch zahlreiche Rekonstruktionsdarstellungen, bei denen erfreulich klar darauf hingewiesen wird, was belegt und was nur Interpretation ist. Da für Triers Geschichte die religiöse Entwicklung von so zentraler Bedeutung war, wird ausführlich auf Tempel-, Grab- und Kirchenarchitektur eingegangen, in denen die sich wandelnden Glaubenssysteme ihren sichtbarsten Ausdruck fanden. Aber auch Details der Ausstattung von Wohnhäusern und öffentlichen Bauten (z.B. Wandmalereien und Mosaiken) nehmen breiten Raum ein. Einzelfunde wie Glas, Keramik, Münzen oder Schmuck kommen zwar auch zur Sprache und werden prächtig ins Bild gesetzt, doch insgesamt tritt der Bereich der Alltagshistorie etwas stärker in den Hintergrund als in vergleichbaren regionalgeschichtlichen Publikationen (wie etwa Thomas Fischers und Marcus Triers Das römische Köln).
Positiv fällt auf, dass in vielen Fällen hervorgehoben wird, ob und wie Reste von Gebäuden und besonders interessante Funde heute für Besucher zugänglich oder museal präsentiert sind. So macht die Lektüre auch und vor allem Lust, Triers römisches Erbe einmal selbst zu erkunden.

Frank Unruh: Trier. Biographie einer römischen Stadt. Philipp von Zabern (WBG), Darmstadt, 2017, 112 Seiten.
ISBN: 9783805350112 (Antike-Welt-Sonderheft, hier besprochen; ISBN der Buchhandelsausgabe: 9783805350129)


Genre: Geschichte
Neues über die alten Römer

Neues über die alten Römer. Von A wie Aftershave bis Z wie Zocker

An Karl-Wilhelm Weeber kommt man seit vielen Jahren nicht vorbei, wenn es um populärwissenschaftliche Bücher zur römischen Kulturgeschichte geht: In der Sache immer seriös, zugleich aber äußerst unterhaltsam informiert er über die unterschiedlichsten Aspekte des alten Rom. Auch Neues über die alten Römer enttäuscht in dieser Hinsicht nicht und bietet wirklich das im Titel versprochene „Neue“, werden in dem kleinen Lexikon doch gerade die Themen aufgegriffen, die in den meisten anderen Überblicksdarstellungen zu kurz kommen oder schamhaft verschwiegen werden. Hier werden sie nicht nur quellennah erörtert, sondern teilweise auch noch von Ferdinand Wedler sehr witzig in Illustrationen eingefangen, die stilistisch von römischen Graffiti inspiriert sind.
Die Stichwörter sind bewusst modern gehalten – so findet man etwa Einträge zum Thema Deodorant (in gewisser Form bekannt und wirksam), Verhütungsmittel (in gewisser Form bekannt und wirksam) oder Voodoo-Puppe (in gewisser Form bekannt und … nun ja, schon damals in ihrer Wirksamkeit eindeutig Ansichtssache).
Auf Sonderseiten unter der Überschrift Stimmt es, dass … werden zudem viele populäre Fehlannahmen aufgeklärt und scheinbare Gewissheiten hinterfragt. In dieser Rubrik lernt man beispielsweise, dass bis heute unklar ist, ob man unter der in literarischen Quellen mit dem Ausdruck (con)verso pollice – „mit gewendetem Daumen“ – beschriebenen Geste, die über das Schicksal eines Gladiators entschied, wirklich eine Drehung des Daumens nach unten verstehen kann, wie man im 19. Jahrhundert glaubte. Denn ein Bild der Gebärde ist aus der Römerzeit nicht überliefert (oder zumindest bisher nicht entdeckt worden).
Weeber legt dabei viel Wert darauf, die Antike in ihrer Fremdartigkeit ernstzunehmen, scheut sich aber dennoch nicht, berechtigte Kritik an vielen Eigenheiten des Lebens im Römischen Reich zu üben: Sklaverei, mangelnde Gleichberechtigung und Brutalität (die sich nicht nur in blutigen Tierhetzen und Gladiatorenspielen zeigte, sondern etwa auch in Gewalt in der Erziehung oder im Umgang mit Gefangenen) werden nicht schöngeredet. Problemen wie Altersarmut oder Kinderarbeit sind sogar ganze Abschnitte gewidmet.
Umgekehrt wird jedoch auch hervorgehoben, dass die Römer uns Heutigen in manchen Belangen voraus waren und durchaus Vorbildfunktion entfalten könnten. So sind zwar Vorurteile gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen punktuell überliefert, aber Rassismus im neuzeitlichen Sinne oder eine generelle Migrantenfeindlichkeit gab es nicht.
In anderen Bereichen wiederum ist die Antike der Gegenwart so ähnlich, dass man ein Schmunzeln nicht unterdrücken kann: Am Kauf von nicht in jedem Fall geschmackvollen Souvenirs und Fanartikeln hatten die Menschen offenbar auch vor zweitausend Jahren schon genauso viel Spaß wie heute.
Dieses Bekannte im Andersartigen und das doch etwas Andersartige im (vermeintlich) Bekannten greifbar zu machen, ist Weebers großes Talent, und sein Humor und seine Begeisterung für Rom sind noch bei den abseitigsten Fragestellungen zu spüren. Nicht ohne Grund hätte er, wie er im Vorwort ausführt, gern ein Zitat einer seiner Lateinschülerinnen als Titel für dieses Buch gewählt, stieß dabei aber leider beim Verlag auf wenig Gegenliebe: „Am schönsten ist es, wenn Herr Weeber von römischen Klos erzählt.“
Dem kann man bei allem Kopfschütteln über die deftige Formulierung nur zustimmen.

Karl-Wilhelm Weeber: Neues von den alten Römern. Von A wie Aftershave bis Z wie Zocker. Darmstadt, Theiss (WBG), 2015, 336 Seiten.
ISBN: 9783806228410


Genre: Geschichte
Helenas Töchter

Helenas Töchter

Unter Althistorikern gilt Mode- und Kostümgeschichte oft allenfalls als Nischenthema. Wie grundfalsch es jedoch ist, Kleidung, Accessoires und ihren raschen oder langsamen Wandel als bloße Oberflächlichkeit abzutun, zeigen Klaus Junker und Sina Tauchert in ihrem schönen, reich illustrierten Band Helenas Töchter. Frauen und Mode im frühen Griechenland.
Herstellung und Pflege von Textilien waren im alten Griechenland mit seiner ausgeprägten Geschlechterrollenverteilung ein zentrales Aufgabenfeld der Frauen. Doch Kleidung machte nicht nur Arbeit, sondern war auch ein unverzichtbares Element weiblicher Selbstdarstellung in einer Welt, die Frauen ansonsten abgesehen von bestimmten religiösen Funktionen nur wenige Möglichkeiten einräumte, sich öffentlich zu präsentieren und auszudrücken.
Weil Kleider in aller Regel die Jahrtausende gar nicht oder allenfalls fragmentarisch überdauern, ist zur Rekonstruktion der Mode der hier behandelten archaischen bis frühklassischen Zeit ein Rückgriff auf Text- und vor allem Bildquellen notwendig. Neben Vasenbildern, die gerade im früheren Teil der Epoche oft stark stilisiert und deshalb nur bedingt aussagekräftig sind, spielen Reliefs und Statuen eine große Rolle. Da Reste ihrer ursprünglichen Bemalung mit modernen Methoden wieder sichtbar gemacht werden können, geben sie nicht nur Aufschluss über die Art der Gewänder, sondern auch über Farbgebung, Muster und Ornamente.
Deutlich wird vor allem ein beharrlicher Grundzug, der im Vergleich zur heutigen Kleidung, aber auch zu der zeitgleicher Kulturen (etwa im alten Orient) überrascht: In der altgriechischen Mode wurde so wenig wie möglich genäht und kaum etwas zugeschnitten. Der wichtigste Herstellungsschritt war das Weben, bei dem gern schon Verzierungen eingefügt wurden; die Stoffbahnen drapierte man dann mithilfe von Gürteln und Gewandnadeln am Körper. Die so entstandenen Kleidergrundformen Chiton und Peplos existierten jahrhundertelang, wurden aber in Stoffqualität und Trageweise und mit allerlei Accessoires erstaunlich vielfältig variiert.
Einfluss auf die Mode hatten dabei nicht nur individuelle Vorlieben, obwohl auch sie immer wieder aufscheinen. Vielmehr waren auch kultureller Austausch und politische Situation von nicht zu unterschätzender Bedeutung. So zeigen Junker und Tauchert etwa am Beispiel der durch Fernhandel reich gewordenen Inselpolis Samos, wie ägyptische und kleinasiatische Vorbilder in der griechischen Damenmode abgewandelt wurden. Die Entwicklung in Athen dagegen zeigt die Abhängigkeit dessen, was als angemessene Kleidung galt, von der jeweiligen Herrschaftsform: Während man unter der Tyrannis der Peisistratiden versuchte, sich gegenseitig durch prunkvolle Gewänder, reichen Schmuck und üppige Frisuren zu übertrumpfen, wandelte sich die Mode mit dem Erstarken der Demokratie und des Gleichheitsgedankens grundlegend. Nun waren schlichtere Kleider aus oft ungemusterten Stoffen und unkompliziert hochgebundene Haare gefragt. Mit den Perserkriegen schließlich erreichten modische Anregungen aus dem Orient auch das griechische Festland: Plötzlich sind auch hier tunikaähnliche Kleidungsstücke mit langen Ärmeln nachweisbar.
Zur Ergänzung des spannenden Bilds, das sich aus den vielen akribischen Einzelbeobachtungen ergibt, hätte man sich nur zweierlei noch gewünscht: ein genaueres Eingehen auf die nur ganz am Rande erwähnte Fußbekleidung (oder ihr gelegentliches Fehlen) und einen Ausblick in die spätere Klassik und die hellenistische Zeit (für die allerdings die Quellenbasis dürftiger ist, wie die Autoren selbst erläutern). Ein wenig entschädigt für das Fehlen der weiteren antiken Entwicklung allerdings ein Exkurs, der auf die moderne Rezeption altgriechischer Kleidung eingeht, deren charakteristische Elemente Anfang des 20. Jahrhunderts der spanische Designer Fortuny mit dem Delphos-Kleid aufgriff.
Der schönste Schluss, den man aus der vergnüglichen und bereichernden Lektüre ziehen kann, ist also vielleicht der, dass sich die Beschäftigung mit der Antike nicht nur aus historischem Interesse lohnt, sondern auch reichlich ästhetische Inspiration zu bieten hat.

Klaus Junker, Sina Tauchert: Helenas Töchter. Frauen und Mode im frühen Griechenland. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2015, 136 Seiten.
ISBN: 9783805348584


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur
Pantheon

Pantheon

Schon auf dem schön gestalteten Umschlag verspricht Jörg Rüpkes Pantheon eine Geschichte der antiken Religionen. Titel und Untertitel führen jedoch in die Irre, und das nicht nur, weil der geographische Schwerpunkt allein auf Italien und insbesondere Rom liegt, so dass etwa die Religion in Griechenland bis auf wenige Erwähnungen am Rande ausgespart bleibt. Vor allem ist es der Begriff „Pantheon“, der die falschen Assoziationen weckt, denn wer detaillierte Informationen über die Götterwelt der Antike und die mit den verschiedenen Gottheiten verbundenen Mythen, Bildwerke und Bräuche erwartet, wird hier nicht fündig. Rüpke geht es gerade nicht darum, Sagen nachzuerzählen oder bis in alle Einzelheiten die Praktiken individueller Kulte auszuloten. Vielmehr fragt er nach den großen Entwicklungslinien und dem Wesen von Religion an sich und ist dabei bemüht, einengende Denkschablonen aufzubrechen.
Religion ist für ihn primär die Kommunikation des Einzelnen mit höheren Mächten, zugleich aber auch mit anderen Menschen, deren Billigung, Duldung oder Ablehnung des individuellen religiösen Handelns zu allen Zeiten einen entscheidenden Faktor bildete. Mehr oder minder öffentlich gelebte Religiosität war daher immer auch Selbstdarstellung – sei es ganz unverhohlen in Form von Stifterinschriften oder Grabbauten, sei es mittelbar durch die Übernahme spezifischer Rollen im kultischen Kontext, den Vollzug bestimmter Rituale oder die Betonung eines besonders engen Verhältnisses zu ausgewählten Gottheiten.
Die entscheidende Entwicklung, die sich dabei zwischen der nur bruchstückhaft zu rekonstruierenden Religiosität der Eisenzeit und der Spätantike mit ihren Mysterienkulten und der Genese des Christentums vollzog, ist für Rüpke der Wandel von einem Primat situativ angemessenen rituellen Handelns zur identitätsstiftenden, aber auch ab- und ausgrenzenden Zugehörigkeit zu einer Religion.
Parallel zu dieser Entwicklung wurden religiöse Kenntnisse immer stärker systematisiert und dogmatisiert: Standen am Anfang ein Lernen durch Beobachtung von und Teilnahme an religiösen Handlungen und eine gewisse Offenheit, bemühte man sich schon in der späten Republik und in der Kaiserzeit, Überliefertes schriftlich festzuhalten und zu ordnen, während mit dem aufkommenden Christentum die Texte selbst zum konstituierenden Element einer Glaubensüberzeugung werden konnten. Mit dieser allmählichen Herausbildung eines theologischen Expertenwissen gingen auch eine Einschränkung der religiösen Kompetenz, die man Individuen zubilligte, und eine fortschreitende Institutionalisierung und Hierarchisierung religiöser Gemeinschaften einher. Am Ende der Antike bestand dann in den Grundzügen bereits etwas, das unserem heutigen Verständnis von Religion nahekam, aber von den Anfängen sehr weit entfernt war.
Diese Geschichte erzählt Jörg Rüpke ungemein kenntnisreich, mit spürbarer Begeisterung für sein Thema und unter Verwendung zahlreicher einleuchtender Beispiele aus literarischen und archäologischen Quellen. Besonders erfreulich ist, dass er den Blick auf religiöse Ausdrucksformen und Handlungsspielräume von Männern und Frauen gleichermaßen lenkt und hier auch deutlich macht, wie stark soziale und religiöse Rollenzuschreibungen sich beeinflussen konnten (z.B. bei der Zuweisung des doch recht einschränkenden Vestalinnenamtes allein an Frauen oder bei deren Verdrängung aus dem christlichen Episkopat).
Allein stilistisch wird es bisweilen ein wenig sperrig. Man hat durchaus Verständnis dafür, dass Rüpke in seinem Bemühen, einen ungewohnten Zugang zur Religion in der Antike zu suchen, gezielt differenzierte Formulierungen wählt und neue Begrifflichkeiten etablieren möchte. Aber begegnet man zum wiederholten Male z.B. den „nicht unbezweifelbar plausiblen Akteuren“ – so Rüpkes Sammelbegriff für Götter, Ahnen und andere übernatürliche Adressaten religiösen Handelns -, sehnt man sich doch insgeheim nach einem unkomplizierteren Ausdruck.
Davon sollte man sich jedoch von der Lektüre nicht abschrecken lassen, denn um die Denkanstöße, die einem sonst entgehen würden, wäre es schade. Ein spannendes und intellektuell anregendes Buch!

Jörg Rüpke: Pantheon. Geschichte der antiken Religionen. München, C. H. Beck, 2016, 559 Seiten.
ISBN: 9783406696411


Genre: Geschichte