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Der Geschmack des Weltreichs

Der Geschmack des Weltreichs

Die Alltagsgeschichte der römischen Antike ist nicht nur in der Forschung, sondern auch bei historisch Interessierten ein beliebtes Thema, und die Esskultur ist daraus nicht wegzudenken: Speisen, die man nachkochen und probieren kann, bieten schließlich mit den unmittelbarsten sinnlichen Zugang zu einer vergangenen Welt. Die überlieferten Rezepte sind jedoch in Mengenangaben und Zubereitungsempfehlungen oft äußerst vage. Abhilfe schaffen Kochbücher, die das antike Textmaterial heutigen Gepflogenheiten entsprechend ausdeuten. Der Geschmack des Weltreichs ist ein Beispiel für diese Buchgattung, das ins römische Germanien führt.
Der Romanautor Michael Kuhn nähert sich der römischen Kochkunst nicht aus streng wissenschaftlicher Perspektive, sondern von der unterhaltsamen Seite. Eine strikte Rekonstruktion steht nicht im Vordergrund, sondern der Spaß für Hobbyköchinnen und -köche. So sind die Rezepte in eine kleine Geschichte um das Pech eines jungen Legionärs eingebettet, der unfreiwillig als Küchenhilfe beim Gastmahl seines Vorgesetzten einspringen muss, und kommen in Geschmacksrichtung und Zutatenauswahl heutigen Vorlieben sehr entgegen. Wer also hofft, hier eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für orgiastische Prassereien à la Trimalchio zu erhalten, dürfte eher enttäuscht sein.
Stattdessen gibt es freie Interpretationen derjenigen antiken Rezepte (etwa von Apicius oder Cato), die im weitesten Sinne so etwas wie solide Hausmannskost ergeben, vom Fladenbrot über Linseneintopf und Schinken im Teigmantel bis hin zum Honig-Käsekuchen. Bequemlichkeit geht dabei teilweise vor historischer Korrektheit (so wird z.B. ein Wurstrezept in eines für Frikadellen umgewandelt und auch durchaus einmal Backpulver in den Teig gemischt). Aber nicht immer ist der Griff zu modernen Zutaten so bewusst: Ein Gericht wird mit grünen Bohnen zubereitet, die den Römern eigentlich noch unbekannt gewesen sein dürften, da sie aus der Neuen Welt stammen.
Nicht ganz klar geworden ist mir die Logik hinter der Grammatik der lateinischen Rezeptnamen, bei denen Nominativ und Akkusativ munter abwechseln. Hier hätte man sich ein gründlicheres und sprachkundigeres Lektorat gewünscht.
Auch bei den Illustrationen schwankt die Qualität ein wenig. Während die Fotos der einzelnen Gerichte ansprechend geraten sind, wirken die Grafiken mit der Übersicht über die den Römern bekannten und unbekannten Lebensmittel etwas unscharf und hätten eine hübschere Gestaltung verdient.
Ein Gesamturteil über den Geschmack des Weltreichs fällt daher im Endeffekt schwer. Einerseits ist einem an dem Buch die Intention sympathisch, römische Esskultur für Laien ohne großen Aufwand und mit raschen Erfolgserlebnissen nachvollziehbar zu machen, und die fiktiven Szenen lesen sich ganz unterhaltsam, auch wenn ihnen der didaktische Charakter anzumerken ist. Andererseits hätte man sich doch etwas mehr Genauigkeit im Detail gewünscht. Wer in der Antike einfach nur ein paar vergnügliche Anregungen für die Küchenpraxis sucht, kann hier fündig werden, aber alle, die auf bis in alle Einzelheiten belastbare Informationen Wert legen, sollten zumindest zusätzlich oder gleich ganz zu anderen Werken greifen.

Michael Kuhn: Der Geschmack des Weltreichs. Einführung in die römische Küche. Aachen, Ammianus, 2017, 96 Seiten.
ISBN: 9783945025604


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein
Pompeji

Pompeji. Das Leben in einer römischen Stadt

Pompeji zählt unbestreitbar zu den berühmtesten und eindrucksvollsten Fundstätten der römischen Antike. Dementsprechend viel ist über die beim Ausbruch des Vesuv 79 n. Chr. verschüttete Stadt auch schon geschrieben worden. In Pompeji. Das Leben in einer römischen Stadt versucht sich nun die bekannte britische Althistorikerin Mary Beard  an dem Thema und stellt weniger die nur einführend skizzierte Katastrophe in den Mittelpunkt als das tägliche Leben in einer römischen Stadt und dessen Erforschung. Herausgekommen ist dabei eine lesenswerte, aber stellenweise nicht unproblematische Einführung für ein allgemeines Publikum, die eine Fülle interessanter Sachinformationen mit reichlich Polemik würzt.
Wer einfach nur einen locker und vergnüglich zu lesenden Einstieg in die römische Alltagswelt sucht, ist hier an der richtigen Stelle: Beard schreibt anschaulich, spritzig und humorvoll. So lernt man vom Straßensystem über Wohnverhältnisse, Kunst, Wirtschaft, Politik, Ernährung und Freizeitgestaltung bis hin zur Religion alle wichtigen Bereiche des städtischen Lebens kennen (nur die Dinge, die danach kamen – also Bestattungssitten und Grabarchitektur – sind leider in einen sehr knappen Epilog verwiesen). Hier finden sich viele spannende, unerwartete oder auch einfach nur nette Einzelheiten, und man lernt auch schlaglichtartig Pompejaner kennen, über die man aus Inschriften und archäologischen Funden ein paar biographische Details rekonstruieren kann. Ob nun der Auktionator, der von Stoffen über Maultiere bis hin zu Sklaven alles versteigerte, die Großmutter, die engagiert Wahlwerbung für ihren Enkel betrieb, oder die örtliche Schweinehirtin – Durchschnittsmenschen der Antike sind einem hier plötzlich sehr nah. Diese pralle Lebendigkeit ist unbestreitbar die größte Stärke von Pompeji.
Ärgerlich ist dagegen das überwiegende Fehlen konkreter Quellengaben, die nur für vereinzelte antike Texte vorliegen, nicht aber bei den oft wörtlichen Sekundärliteraturzitaten. Gerade da Beard andere Forschungsmeinungen oft scharf angreift, wäre es sowohl den Kritisierten als auch der Leserschaft gegenüber fairer gewesen, nachzuweisen, aus welchen Werken hier eigentlich zitiert wird und in welchen Zusammenhang die Versatzstücke gehören.
Einige von Beards kritischen Überlegungen sind durchaus bedenkenswert: So setzt sie etwa ein Fragezeichen hinter das gängige Bild der komplett mit allem Inventar erhaltenen Stadt, indem sie darauf hinweist, dass schon in der Antike Bergungstrupps und Plünderer Ausgrabungen unternahmen, die oft nur die leere Hülle eines Gebäudes hinterließen. Auch die Betonung der Tatsache, dass nicht nur der Zweite Weltkrieg und der Tourismus, sondern auch unsachgemäße Restaurierungen große Schäden an den Ruinen angerichtet haben, ist wichtig.
Manches, was Beard als neue Erkenntnis verkauft, ist allerdings auch ein alter Hut – dass nicht jede freizügige Darstellung in einem pompejanischen Wandgemälde zwingend auf ein Bordell hindeutet, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Auf anderen Gebieten wiederum (etwa bei der Beschreibung der römischen Religion) bleibt Beard selbst sehr konventionell und bietet keine neuen Denkanstöße.
Auch eigene Ungenauigkeiten leistet die Autorin sich hier und da. Wenn z.B. die inschriftlich belegten „Publius Cornelius Felix und Vitalis, Sklave des Cuspius“ ein paar Sätze später pauschal als „diese einfachen Sklaven“ bezeichnet werden, wundert man sich, denn die tria nomina des erstgenannten Mannes deuten eigentlich auf einen römischen Bürger hin. Andere Fehler gehen vermutlich auf die ansonsten frische und gut lesbare Übersetzung von Ursula Blank-Sangmeister (unter Mitarbeit von Anna Raupach) zurück: So rätselt man, warum hier ständig römische Handwerker mit einem „Kompass“ zugange sind, bis man darauf kommt, dass wohl das englische compass, das auch „Zirkel“ bedeuten kann, für den Kontext falsch übersetzt wurde.
Solch Flüchtigkeiten würden im Prinzip nicht weiter stören, wenn Beard nicht selbst ständig so wacker austeilen würde. Bei solch einer Grundhaltung erwartet man natürlich besondere Genauigkeit und bleibt so nach der Lektüre insgesamt mit einem zwiespältigen Eindruck zurück. Ein mitreißender Ausflug in die Antike, ja – aber mit einer Reiseleitung, die man sich manchmal etwas bescheidener und zurückhaltender gewünscht hätte.

Mary Beard: Pompeji. Das Leben in einer römischen Stadt. Frankfurt am Main, Fischer, 2017 (Original: London 2008), 480 Seiten.
ISBN: 9783596299690


Genre: Geschichte
Augustinus

Augustinus

Augustinus von Hippo (354 – 430) prägt bis heute das Christentum wie kaum ein anderer Denker. Der renommierte Althistoriker Robin Lane Fox nähert sich ihm aus der interessanten Perspektive eines modernen Betrachters, der Augustinus‘ Glauben ausdrücklich nicht teilt, aber von seiner Klugheit, Wortgewalt und schriftstellerischen Produktivität zutiefst beeindruckt ist.
Augustinus. Bekenntnisse und Bekehrungen im Leben eines antiken Menschen ist dabei keine Biographie in ganz klassischem Sinne, sondern eher eine intensive Auseinandersetzung mit Augustinus‘ autobiographischen Confessiones. Das Werk wird allerdings nicht isoliert betrachtet, sondern umfassend in seinen (geistes-)geschichtlichen Kontext eingebettet und auch immer wieder mit den Selbstaussagen zweier Zeitgenossen aus dem Ostteil des römischen Reichs verglichen und kontrastiert. Einer von ihnen, der Heide Libanios, hatte mit Augustinus den Beruf als Rhetor gemein, der andere, der Christ Synesios, wurde wie Augustinus Bischof, entstammte aber anders als er der Oberschicht. Vor der Folie ihrer geradlinigeren und in vielerlei Hinsicht konventionelleren Lebenswege wird deutlich, was das Besondere an Augustinus und seiner Sinnsuche ausmacht.
In eine Familie mittelständischer Landbesitzer im nordafrikanischen Thagaste hineingeboren, kam Augustinus durch seine fromme Mutter Monnica zwar schon früh mit dem Christentum in Berührung, schloss sich aber als junger Mann für längere Zeit den Manichäern an und führte ein sinnenfrohes Leben mit einer Geliebten. Erst in seiner Heimat, später in Italien war er als Rhetor tätig. In Mailand entschloss er sich unter dem Einfluss seiner Mutter und des dortigen Bischofs Ambrosius nicht nur zur Taufe, sondern hatte auch ein Bekehrungserlebnis, das ihn fortan ein keusches und asketisches Leben führen ließ. Nach Nordafrika zurückgekehrt gründete er eine klösterliche Gemeinschaft, der auch sein unehelicher Sohn bis zu dessen frühem Tod angehörte, wurde nolens volens zum Priester geweiht und schließlich zum Bischof von Hippo erhoben. Dieses Amt übte er bis an sein Lebensende aus.
In Erinnerung geblieben ist Augustinus vor allem durch eine Fülle religiöser Schriften, zu denen auch die in Form einer Art autobiographischen Gebets komponierten Confessiones zählen, in denen er seinen Werdegang schildert.
Ausgehend von ihnen entwirft Robin Lane Fox das Psychogramm eines hochintelligenten, aber emotional fragilen Menschen, der gerade im privaten Bereich immer wieder fragwürdige Entscheidungen traf (so wirkt z.B. sein Umgang mit seiner langjährigen Geliebten, die er in der Hoffnung auf eine vorteilhafte Heirat verstieß, äußerst schäbig).
Auf Jahrhunderte hinaus vorbildhaft wurden jedoch seine theologischen Gedankengänge, auch wenn nicht alle von ihnen eine erfolgreiche Wahrheitsfindung ihres Urhebers darstellten. Charakteristisch für sie ist aus Lane Fox‘ Sicht vielmehr sehr häufig das „kreative Missverständnis“: Da die lateinischen Übersetzungen, in denen Augustinus biblische Texte las, oft fehlerhaft waren, basierten seine Interpretationen mehr als einmal auf Irrtümern und falschen Begriffen, sind aber bis heute prägend für beide große Konfessionen des christlichen Westens, ob es nun um die Erbsünde, die Gnadenlehre oder die Überhöhung der vita contemplativa geht. Gerade in diesem Zusammenhang ist auch bemerkenswert, dass Augustinus seine Überlegungen nicht etwa aus der Bibel allein entwickelte, sondern in hohem Maße von der neuplatonischen Philosophie beeinflusst war.
Die Herausbildung dieser speziellen Kombination aus antikem Erbe und Christentum war bei Augustinus zum Zeitpunkt der Abfassung der Confessiones überwiegend abgeschlossen, so dass die Beschränkung auf seinen Weg bis dorthin verständlich ist. Der Nachteil dieser Schwerpunktsetzung besteht allerdings darin, dass bestimmte problematische Aspekte von Augustinus‘ Verhalten, die in seinem späteren Leben prononcierter waren (so etwa seine wiederholten Versuche, die Staatsgewalt gegen Andersdenkende zu mobilisieren), nur am Rande gestreift werden. Hier hätte man dem Buch noch einen etwas ausführlicheren Ausblick auf die letzten Jahre seines Protagonisten gewünscht.
Als Charakterstudie, aber auch als Panorama einer bunten und vielfältigen Spätantike ist es dennoch ein herausragendes Werk, das auch von Robin Lane Fox‘ sehr lesbarem und zugänglichem Stil lebt, der in der Übersetzung von Karin Schuler und Heike Schlatterer kongenial eingefangen ist. Allen, die mehr über eine faszinierende Epoche und einen ihrer wirkmächtigsten Akteure erfahren wollen, ist die Lektüre also nur zu empfehlen.

Robin Lane Fox: Augustinus. Bekenntnisse und Bekehrungen im Leben eines antiken Menschen. Stuttgart, Klett-Cotta 2017, 752 Seiten.
ISBN: 9783608981155


Genre: Biographie, Geschichte
Römer und Germanen am Main

Römer und Germanen am Main

Geht es um Funde aus der Römerzeit am Main, denkt man spontan meist an die archäologisch gut erschlossenen Gebiete im heutigen Hessen. Dass es auch weiter östlich viel Spannendes aus der Epoche zu entdecken gibt, beweist der Archäologe Bernd Steidl mit Römer und Germanen am Main. Anders als man vielleicht auf den ersten Blick vermuten könnte, handelt es sich dabei nicht um eine Monographie, sondern um eine Sammlung überwiegend schon an anderer Stelle veröffentlichter Aufsätze (der älteste stammt aus den späten 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts). Zu größeren Überarbeitungen der einzelnen Beiträge scheint es im Zuge der Neuedition nicht gekommen zu sein, allerdings ist teilweise zusätzliches Bildmaterial eingefügt worden.
Zu drei großen Abschnitten geordnet schildern die Einzeluntersuchungen in der Zusammenschau zunächst die historische Entwicklung am Main von den Kelten bis zum Ende der Römerzeit, um dann die germanischen Siedlungen am Maindreieck in den Blick zu nehmen und sich schließlich detailliert der Benefiziarierstation von Obernburg am Main zu widmen. Obwohl man dabei aufgrund der Genese des Buchs aus ursprünglich für sich stehenden Texten einige Wiederholungen in Kauf nehmen muss, ergibt sich nach und nach das faszinierende Gesamtbild einer kulturell heterogenen Region, in der eine zunächst primär keltische Bevölkerung im 1. Jahrhundert v. Chr. von germanischen Gruppen verdrängt wurde, teilweise aber auch in ihnen aufging. Nach der römischen Eroberung West- und Süddeutschlands um Christi Geburt verlieft durch das Maingebiet jahrhundertelang eine Grenze, die nicht nur politische Räume, sondern auch sehr unterschiedliche Lebensweisen voneinander trennte. So übernahmen die Germanen nur selektiv typisch Römisches. Während bestimmte Schmuckstücke wohl auch aufgrund ihres materiellen Werts beliebt waren, verharrte man in anderen Bereichen von der Landwirtschaft bis zur Frisurenmode offensichtlich lieber beim Gewohnten. Erst mit dem Zustrom plünderungslustiger elbgermanischer Siedler im weiteren Verlauf der Kaiserzeit änderten sich die Verhältnisse diesbezüglich ein wenig, denn es gibt z.B. Hinweise auf römische Handwerker, die wohl aus dem Reichsinnern in die Germania magna verschleppt wurden und dort mit den lokal zur Verfügung stehenden Mitteln die aus ihrer Heimat gewohnten Gefäßformen zu produzieren versuchten, ohne jedoch einen langfristigen Trend schaffen zu können.
Werden in den ersten beiden Buchteilen eher die großen Entwicklungslinien nachvollziehbar, erhellt die genaue Betrachtung von Obernburg schlaglichtartig Alltag und Selbstdarstellung der mit polizeilichen und administrativen Aufgaben betrauten Benefiziarier, die jeweils ein halbes Jahr lang in der ergrabenen statio Dienst taten und sich zum Abschied in deren Weihebezirk mit einem Altar verewigten. Zwar sind nicht alle Altäre erhalten, aber aufgrund der Nutzungsdauer der Station von etwa 80 bis 90 Jahren von kurz vor Mitte des 2. Jahrhunderts an ist dennoch eine Fülle an Inschriften überliefert. So unverzichtbar die Weihungen wohl auch waren, es wird dennoch deutlich, dass der Übergang zwischen sakralem Raum und Müllkippe hier durchaus fließend war, da es wohl weniger um die persönliche Religiosität als um die Bekundung der Treue zum Kaiserhaus und zum Staatskult ging.
Neben der Vorstellung der Funde selbst und ihrer Deutung bieten die Aufsätze auch interessante Einsichten in die archäologische Arbeit und die Schwierigkeiten, die sich damit verbinden, sei es nun die Beschädigung von Befunden durch Baumaßnahmen oder die Tatsache, dass die modernen Bundeslandgrenzen, an denen sich Zuständigkeiten oft orientieren, nur mit viel Glück mit den Umrissen antiker Siedlungsräume in Deckung zu bringen sind.
Alles in allem sind die Römer und Germanen am Main also eine empfehlenswerte Lektüre. Ein wenig Grundwissen über römische Geschichte sollte man zum Verständnis sicher mitbringen, doch wenn die Voraussetzung gegeben ist, können auch neugierige Laien ihre Freude an den Fachtexten haben.

Bernd Steidl: Römer und Germanen am Main. Ausgewählte archäologische Studien. Obernburg am Main, Logo Verlag, 2016, 336 Seiten.
ISBN: 9783939462293


Genre: Geschichte
Unglaube im Zeitalter des Glaubens

Unglaube im „Zeitalter des Glaubens“

Wer bei den Jesuiten zur Schule gegangen sei – so der Hamburger Historiker Frank Golczewski einmal augenzwinkernd in einer Vorlesung -, sei hinterher entweder Bischof oder Atheist oder beides. Dass diese auf den ersten Blick verblüffende Kombination schon lange vor der Gründung des Jesuitenordens vorkommen konnte, zeigt die Geschichte eines italienischen Bischofs aus dem 13. Jahrhundert, der auf dem Sterbebett erklärte, mit dem christlichen Glauben überhaupt nichts anfangen zu können und nur aus finanziellen und gesellschaftlichen Motiven das Bischofsamt übernommen zu haben.
Dies ist nur einer von gar nicht einmal wenigen Fällen, die der Mediävist Peter Dinzelbacher in seiner Studie Unglaube im „Zeitalter des Glaubens“ aufführt, um das gängige Bild vom Mittelalter als einer Epoche, in der jeder entweder kirchentreu oder ein ebenso frommer Ketzer war, mit einem Fragezeichen zu versehen. Zwar warnt er davor, die Quellen zu unkritisch zu lesen, da der Vorwurf der Gottlosigkeit schnell erhoben wurde, ohne dass die davon Betroffenen im modernen Sinne Atheisten oder Religionskritiker waren. Doch auch bei vorsichtiger Auswertung der Überlieferung finden sich zahlreiche Belege dafür, dass im Mittelalter bei weitem nicht alle tiefreligiös oder überhaupt gläubig waren.
Nach einem leider nur sehr kurzen Blick auf in altnordischen Sagas überlieferten Unglauben in paganer Zeit untersucht Dinzelbacher die Situation bei Geistlichen und anderen Gebildeten des christlichen Mittelalters sowie bei Laien. Schnell wird deutlich, dass eigentlich in keiner Schicht Menschen fehlten, die in unterschiedlichem Maße an der dominierenden Religion zweifelten oder sie völlig ablehnten. Die Gründe für solche Positionen waren vielfältig, verraten aber oft eine reflektierte Auseinandersetzung mit Dogmen und Glaubenspraxis: Die Lektüre antiker Philosophen konnte sich hier ebenso auswirken wie persönliche Schicksalsschläge oder das Aufdecken innerer Widersprüche in kirchlichen Lehren.
Sich offen kritisch zu äußern, war allerdings gefährlich, wie im Fall des für seine Religionskritik hingerichteten niederländischen Dominikaners Herman van Rijswijk, den auch die Tatsache, dass viele Menschen aus religiösen Gründen getötet wurden, zur Abwendung vom Christentum gebracht hatte. Für manch anderen ging die Sache etwas glimpflicher aus, wenn gotteslästerliche Aussagen vom Umfeld nicht als selbstverschuldet, sondern als Ergebnis teuflischer Besessenheit oder Einflüsterung verbucht wurden, so dass man sich um eine Rettung des vermeintlich vom Bösen Beeinflussten bemühte, statt gleich die Strafverfolgung in Gang zu setzen. Etwas mehr Spielraum, unbehelligt ablehnende Ansichten zu äußern, bestand allenfalls für diejenigen, die aufgrund ihrer sozialen Stellung unangreifbar waren. So ist für Barbara von Cilli, die zweite Ehefrau Kaiser Sigismunds, nicht nur in Einschätzungen Dritter, sondern auch in ihrer eigenen Korrespondenz tradiert, dass sie den Jenseitsglauben vieler ihrer Zeitgenossen nicht teilte. Neben all diesen Personen, denen es primär um die eigene Lebenseinstellung und vielleicht auch um die Weitergabe ihrer Meinung ging, stehen andere, die selbst ebenfalls nicht fromm waren, aber den Glauben der breiten Masse arglistig ausnutzten, um sich etwa als Heilige auszugeben oder andere Vorteile zu erlangen.
Es ist vor allem diese Fülle von sorgsam zusammengetragenen Einzelbeobachtungen, aus der Dinzelbachers Buch seinen Reiz gewinnt. Schlaglichtartig gewähren sie Einblicke in Lebenswirklichkeit und Mentalität der unterschiedlichsten Jahrhunderte des Mittelalters und räumen mit dem Vorurteil auf, geistig und geistlich habe mehr oder minder Homogenität geherrscht. Die Kehrseite dieses Konzepts besteht allerdings darin, dass viel Interessantes nur im Vorübergehen angesprochen und nicht tiefer analysiert wird. Hier hätte man dem Unglauben im „Zeitalter des Glaubens“ durchaus einen größeren Umfang und eine detailliertere Diskussion bestimmter Aspekte gewünscht, doch als erster Einstieg ins Thema macht er neugierig auf mehr.

Peter Dinzelbacher: Unglaube im „Zeitalter des Glaubens“. Atheismus und Skeptizismus im Mittelalter. Badenweiler, Bachmann, 2009, 166 Seiten.
ISBN: 9783940523013


Genre: Geschichte
Akanthus und Zitronen

Akanthus und Zitronen

Im römischen Reich spielten Zier- und Nutzgärten in allen Epochen eine wichtige Rolle. Anders als viele Aspekte der materiellen Kultur der Antike sind sie jedoch erst in den letzten Jahrzehnten verstärkt erforscht worden, und bis heute sind viele Fehlannahmen in Umlauf.
So beginnt Stephanie Hauschild Akanthus und Rosen, ihren angenehm zu lesenden und reich bebilderten Spaziergang durch die römische Gartenkultur, konsequenterweise auch nicht mit den antiken Gärten selbst, sondern mit ihren neuzeitlichen Rekonstruktionen, die neben gelungenen immer auch problematische Aspekte haben. Der Vergleich von Ansätzen des 19. Jahrhunderts (wie sie in den Gemälden Lawrence Alma-Tademas oder im Pompejanum in Aschaffenburg greifbar werden) mit modernen Nachahmungen antiker Gärten macht zweierlei deutlich: Einerseits ist das Wissen um Gestaltungsprinzipien und in der Römerzeit bekannte Pflanzen mittlerweile sehr gewachsen. Andererseits bestimmen jedoch immer noch in vielen Fällen Zeitgeschmack und praktische Anforderungen das, was in einem rekonstruierten „römischen“ Garten gezeigt wird (so wird z.B. oft pflegeleichteren Pflanzen der Vorzug gegenüber historisch korrekten gegeben).
Da neu angelegte Gärten nach antikem Vorbild deshalb nur einen groben ersten Eindruck vermitteln können, hilft nur der Blick in Schrift- und Bildquellen sowie auf archäologische Funde. Hier gibt es eine Fülle von spannenden Informationen zu entdecken, vom Ziergarten als Ort der Repräsentation und Muße für die Oberschicht über Obst-, Gemüse- und Kräuteranbau zur Selbstversorgung bis hin zur kommerziellen Blumen- und Fruchtproduktion für die Parfümherstellung (denn neben heute noch zu diesem Zweck eingesetzten Pflanzen wie Rosen und Veilchen waren im alten Rom auch ungewöhnliche Duftnoten populär – etwa Quitte). Tiere im Garten haben ebenso ihren Auftritt wie Dekorationsobjekte und Gartenmöbel, und man erfährt, dass einige Blumen aus der Römerzeit erhalten sind: als Sträuße und Kränze, die in Ägypten als Grabbeigabe dienten und im dortigen Wüstenklima so perfekt trockneten, dass man heute noch bestimmen kann, was für eine Rosensorte verwendet wurde. Auch die Frage, wer eigentlich in Gärten arbeitete, wird diskutiert (so gab es z.B. mit den topiarii schon begehrte und angesehene Gartengestaltungsspezialisten, über die wir mehr wissen als über die wohl für einen Großteil der anfallenden Arbeiten zuständigen Sklaven, Angestellten und Eigentümerfamilien). Aufgrund des geringen Umfangs des Buchs werden viele Themen nur kurz angerissen, doch was man zu lesen bekommt, ist gut und allgemeinverständlich aufbereitet und macht neugierig auf mehr.
Hauschild möchte aber nicht nur ein theoretisches Bild der antiken Gartenkultur vermitteln, sondern auch zum praktischen Nacherleben anregen. Sie räumt ein, dass ein gänzlich als Spiegelbild der Römerzeit gestalteter Garten oder Balkon kaum jemandem Spaß machen dürfte (unter anderem müsste man auf viele heute beliebte, den Römern aber noch unbekannte Pflanzen verzichten). Doch als die antike Kultur, die – übrigens anders als die Griechen! – engagiert Stadtgärten hegte und pflegte, können die Römer all denen Inspirationen liefern, die aus einer kleinen Fläche viel zu machen versuchen. Neben Tipps zu geeigneten Pflanzen finden sich auch einige dem Kochbuch des Apicius entlehnte Rezepte mit Gartenprodukten. Bei dem für einen „Brotsalat mit Kapern nach Apicius“ hat allerdings der Fehlerteufel munter mitgekocht, denn die Überschneidungen zwischen Zutatenliste und Zubereitungsanweisungen sind gering. Wer hoffnungsvoll Minze, Sellerie, Eigelb und Honig bereitgestellt hat, muss sich beim Salatanmischen schnell überlegen, wie er all diese plötzlich nicht mehr benötigten Ingredienzien in Kapern, Gurken und Hühnerleber verwandeln will.
Abgesehen von dieser in ihrer Rätselhaftigkeit irgendwie auch amüsanten Panne ist Akanthus und Zitronen jedoch ein rundum gelungenes Buch, das sowohl Gartenfans einen Ausflug in die Antike ermöglicht als auch Römerbegeisterten einen ersten Einblick in ein sonst oft vernachlässigtes Stück Kulturgeschichte bietet.

Stephanie Hauschild: Akanthus und Zitronen. Die Welt der römischen Gärten. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2017, 168 Seiten.
ISBN: 9783805350709


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur
Die Römer in Deutschland

Die Römer in Deutschland

Die Römerzeit hat den Süden und Westen Deutschlands in vielerlei Hinsicht geprägt. Andreas Thiel bietet in seinem Bildband Die Römer in Deutschland eine gut lesbare, auf ein allgemeines Publikum zugeschnittene Einführung in Ereignis- und Kulturgeschichte der Epoche. Besondere Vorkenntnisse werden nicht vorausgesetzt, und auch bei der Bebilderung stehen Anschaulichkeit und Verständlichkeit im Vordergrund: Neben Bildern von Ruinen und archäologischen Funden nehmen Rekonstruktionen einen breiten Raum ein (ob nun Zeichnungen, Computergrafiken oder Fotos z.B. von Nachbauten römischer Häuser).
Ein umfassender Überblick über alle Fundstätten und Spezialgebiete ist dabei nicht angestrebt; eher geht es darum, anhand griffiger Beispiele Typisches herauszuarbeiten und die Grundzüge von zentralen Bereichen (wie etwa Alltagsleben, Militär oder Religion) zu skizzieren. Über einzelne Besonderheiten – z.B. die weitverbreiteten Streifenhäuer oder die für die germanischen Provinzen charakteristischen Jupitersäulen – finden sich in Kästen neben dem Fließtext genauere Informationen. So wird, angereichert um einige interessante Details, die man nicht überall findet, ein solides Basiswissen über materielle Kultur, Verwaltungsstrukturen und Weltanschauung vermittelt.
Eng mit diesen Sachthemen verwoben wird die historische Entwicklung von Caesar bis in die Spätantike nachgezeichnet. Obwohl Thiel die für die keltische und germanische Bevölkerung zunächst leidvolle Eroberung nicht beschönigt, betrachtet er die zügige Romanisierung als überwiegend positiven Prozess, der merkliche Verbesserungen im Hinblick auf Wirtschaft, Infrastruktur und Lebensqualität mit sich brachte und aufgrund der nicht nur in religiösen Dingen toleranten Haltung der Römer auch nicht mit einer kompletten Aufgabe der eigenen Kultur erkauft werden musste. Den Hauptgrund für den Untergang des römischen Reichs und seines über Jahrhunderte relativ stabilen und erfolgreichen Gesellschaftsmodells sieht Thiel in zwei zeitgleichen Entwicklungen: Während im Imperium selbst spätestens ab der Epoche der Soldatenkaiser immer mehr innere Konflikte bis hin zum Bürgerkrieg herrschten, bildeten sich in dem zuvor politisch sehr zersplitterten Gebiet jenseits seiner Grenzen zum ersten Mal dauerhaft größere Verbände heraus (wie etwa die Franken oder die Alamannen), die den geschwächten Römern militärisch gewachsen waren.
Bestimmte Traditionen überdauerten jedoch das Ende des römischen Reichs als Herrschaftsgebilde, von weiter genutzten Siedlungsplätzen bis hin zum Gebrauch der lateinischen Sprache insbesondere zu administrativen Zwecken. Dass manche dieser Kontinuitäten sich bis heute erstrecken, soll das abschließende Kapitel deutlich machen, das sich nicht nur mit dem Fortwirken der römischen Antike, sondern auch mit ihrer Erforschung seit der Renaissance befasst. Dieser Teil enthält leider Ungenauigkeiten (so ist z.B. die Aussage „Bis zum 12. Jahrhundert waren alle Texte ausschließlich in Latein verfasst“ schlicht falsch), ist aber immerhin in seinem Bemühen lobenswert, fassbar zu machen, weshalb die Römerzeit uns auch heute noch etwas angeht. Leider endet der kleine Forschungsüberblick jedoch schon in der wilhelminischen Zeit; hier hätte man sich gewünscht, auch noch die letzten hundert Jahre abgedeckt zu sehen.
Trotz dieser kleinen Schwächen kann man Die Römer in Deutschland als Wegbegleiter auf einem Streifzug durch die Antike durchaus empfehlen, weil alles Wichtige kompakt und leicht zugänglich vermittelt wird. Wer sich allerdings schon näher mit der römischen Geschichte befasst hat, wird hier sehr viel Bekanntes finden und kann aus anderen Werken vielleicht mehr Gewinn ziehen.

Andreas Thiel: Die Römer in Deutschland. Stuttgart, Theiss (WBG), 2008, 176 Seiten.
ISBN: 9783860220674


Genre: Geschichte
Mrs. Tsenhor

Mrs. Tsenhor. A Female Entrepreneur in Ancient Egypt

Obwohl Frauen im Alten Ägypten Männern gegenüber in manchen Bereichen benachteiligt waren (z.B. durch rituelle Tabus bezüglich der Menstruation), hatten sie doch insgesamt sozial und wirtschaftlich eine wesentlich stärkere Stellung inne als viele ihrer Zeitgenossinnen in anderen Kulturen rings um das Mittelmeer. In ihrer Geschäftsfähigkeit waren sie nicht eingeschränkt, sondern konnten Vermögen besitzen, erben und vererben, sich scheiden lassen, unterschiedlichsten Berufen nachgehen und unternehmerisch tätig sein. Obwohl es hier also auf allen gesellschaftlichen Ebenen viel Interessantes zu entdecken gibt, stehen als Einzelpersönlichkeiten meist nur Herrscherinnen oder andere Angehörige der Elite im Fokus der Forschung. Koenraad Donker van Heels vergnüglich zu lesende Quellenstudie Mrs. Tsenhor gewinnt ihren Reiz gerade daraus, dass er stattdessen die Biographie einer Durchschnittsfrau aus der ägyptischen Mittelschicht aus in Form von Papyri überlieferten Dokumenten rekonstruiert.
Tsenhor, deren Name „Schwester des Horus“ bedeutet, wurde um 550 v. Chr. in eine Familie in Theben hineingeboren, die dem Berufsstand der Choachyten angehörte – Personen, die professionell den Totenkult ausübten. Mit Einbalsamierung und Bestattung allein war in der jenseitsverliebten Kultur des alten Ägypten noch nicht genug für das ewige Leben vorgesorgt. Den Verstorbenen mussten dauerhaft Trank- und Speiseopfer dargebracht werden, eine Tätigkeit, für die man die Choachyten engagierte und gut bezahlte (etwa durch die Übereignung von Feldern, denn eine Geldwirtschaft war noch nicht gebräuchlich).
Auch Tsenhor übte als Erwachsene diesen Beruf aus und erbte von ihrem Vater ein Viertel des Familienunternehmens (die restlichen Anteile entfielen auf ihre drei Brüder). Nach einer ersten Ehe, der ihr vermutlich relativ jung verstorbener Sohn Peteamunhotep entstammte, heiratete sie spätestens 517 den Choachyten Psenese, mit dem sie die Tochter Ruru und den Sohn Ituru hatte, die nach Pseneses Tod (zwischen 498 und 494) als seine Erben zu gleichen Teilen bezeugt sind. Tsenhor überlebte ihren Mann und erscheint bis ins vorgerückte Alter weiter in verschiedensten Urkunden. Sie starb nach 490.
Aus den erhaltenen Dokumenten, die wohl entweder von Tsenhor selbst oder von einem ihrer Nachkommen gesammelt und verwahrt wurden, ergibt sich eine erstaunliche Fülle von Details über Rechtsgeschäfte aller Art, von Erbschaftsregelungen über den Kauf eines Sklaven oder Tsenhors und Pseneses gemeinsamen Hausbau (praktischerweise direkt neben der Werkstatt eines Balsamierers) bis hin zur Miete eines Rinds zum Pflügen der Ackerlands der Familie. Auf diese Weise entsteht ein detailliertes Bild des Alltagslebens in Ägypten zur Zeit der persischen Herrschaft.
Bei aller Quellennähe schreibt Donker van Heel in einem humorvollen, bisweilen sprachlich etwas flapsigen Stil, der einem allgemeinen Publikum sehr entgegenkommt. Inhaltlich bleiben seine Angaben aber seriös, und er weist stets darauf hin, wenn es in der Ägyptologie noch andere Deutungen als die jeweils von ihm vertretene gibt.
Zur Stützung seiner Argumentation und zum Vergleich zieht der Autor neben den Urkunden, die sich auf Tsenhor und ihr Umfeld beziehen, auch eine Fülle von anderen Quellen aus verschiedensten Epochen vom Alten Reich bis zur koptischen Zeit heran. Manche Traditionen waren, wie sich zeigt, über Jahrhunderte wenn nicht gar Jahrtausende sehr beharrlich, etwa bestimmte Formen der Erbschaftsaufteilung – und leider auch die entsprechenden Erbstreitigkeiten. So erfährt man im Zuge der Lektüre sehr viel über das alte Ägypten abseits von Pyramiden und Pharaonen, beispielsweise über verwickelte Familienverhältnisse (die durch Adoptionen noch zusätzlich verkompliziert werden konnten), den Hang eines Schreibers zu angeberischen Titeln, mit denen er seine Urkunden signierte, Pannen im Berufsalltag von Bestattern, die auch schon einmal vergaßen, eine Mumie in ihr Grab zu transportieren, und dergleichen mehr.
Wer sich für Alltagsgeschichte interessiert, wird an Mrs. Tsenhor auf alle Fälle seine Freude haben, und findet in der Titelfigur eine ansprechende Protagonistin, an deren Seite er ihre ferne und fremde, aber in bestimmten Belangen zeitlos wirkende Welt erkunden kann.

Koenraad Donker van Heel: Mrs. Tsenhor. A Female Entrepreneur in Ancient Egypt. Kairo, New York, The American University in Cairo Press, 2015, 229 Seiten.
ISBN: 9789774166778


Genre: Biographie, Geschichte
Landleben im römischen Deutschland

Landleben im römischen Deutschland

Das römische Reich ging aus einem Stadtstaat hervor, und viele der bekanntesten erhaltenen Bauwerke der Römerzeit vom Kolosseum bis zur Porta Nigra befinden sich in Städten. So ist man es gewohnt, Rom primär als städtische Zivilisation zu begreifen. Doch die Mehrzahl der Menschen lebte und arbeitete in der Antike auf dem Land, auch in den Gegenden Deutschlands, die damals zu den germanischen Provinzen des Imperiums oder zu Gallien gehörten. Wie es um Wohnverhältnisse, Wirtschaftsweise, Infrastruktur, Verwaltung und Religion in diesem Gebiet bestellt war, erfährt man in dem von Vera Rupp und Heide Birley herausgegebenen Bildband Landleben im römischen Deutschland.
Das Buch ist als Sammlung kürzerer Beiträge der verschiedensten Autoren angelegt und in zwei Teile gegliedert: Während der erste thematisch geordnet ist und kompakte Einführungen in alle möglichen Aspekte des ländlichen Alltags zur Römerzeit bietet, stellt der zweite 44 Fundstätten vor (neben einzelnen Gebäuden und Siedlungen auch größere Bereiche wie etwa das Umland von Köln).
Da für die Verhältnisse im Nordosten des römischen Reichs insbesondere die Schriftquellen rarer gesät sind als für den Mittelmeerraum, enthält die erste Buchhälfte auch einiges Material aus anderen geographischen Regionen (z.B. einen absolut lesenswerten Beschwerdebrief über einen dreisten Wolldiebstahl in Ägypten). Die Informationen sind ansprechend und allgemeinverständlich aufbereitet, gehen aber nicht unbedingt allzu sehr in die Tiefe. Für eine erste Annäherung reicht das wunderbar aus, doch wer schon einiges über die Römerzeit gelesen hat, wünscht sich hier vielleicht zusätzliche Details.
Mehr Einzelheiten bieten die Artikel im zweiten Teil, die vor allem die Vielfalt ländlicher Lebensweisen fassbar machen: Neben dem Landgut (villa rustica), das in allen Varianten vom kleinen Bauernhof über den spezialisierten Großbetrieb bis hin zum palastartigen Luxusanwesen existierte, gab es auch die dörfliche Siedlung (vicus), in der, anders als in späteren Zeiten, keine Landwirtschaft betrieben wurde. Stattdessen waren dort Händler, Handwerker und sonstige Gewerbetreibende ansässig, die entweder die nähere Umgebung oder eines der zahlreichen Militärkastelle versorgten. Eine Siedlungskontinuität von der Römerzeit bis heute scheint dabei im ländlichen Raum seltener zu sein als im städtischen, doch gibt es Ausnahmen: So konnte etwa der vicus Iuliacum dadurch, dass er in der Spätantike befestigt wurde, anders als viele andere Dörfer überdauern und an Bedeutung gewinnen, um dann im Mittelalter zur Stadt Jülich zu werden.
Spannend an den Einzelfallschilderungen ist auch der sehr unterschiedliche heutige Umgang mit erhaltenen und ergrabenen Ruinen: Konservierung, Rekonstruktion und touristische Erschließung stehen Vernachlässigung oder Zerstörung (etwa durch moderne Bauprojekte) gegenüber.
Während sich die einzelnen Beiträge überwiegend interessant lesen, krankt das Buch als Gesamtpaket ein wenig daran, dass ihr Zusammenspiel nicht immer optimal abgestimmt wirkt. Manche Informationen wiederholen sich unnötig oft (so wird z.B. mehrfach von unterschiedlichen Verfassern genauestens erklärt, welche Räume zu römischen Thermen gehörten, für die es auch auf dem Lande viele beeindruckend komfortable Beispiele gibt). Auch ein wenig mehr Einheitlichkeit in der Gestaltung hätte man sich manchmal gewünscht. Ob z.B. Grundrissplänen eine Legende beigegeben ist oder nicht, scheint im Ermessen des jeweiligen Autors gelegen zu haben. In anderer Hinsicht hingegen ist besser auf die praktische Nutzbarkeit geachtet worden. So gibt es etwa ein Glossar lateinischer Begriffe und auch Informationen zu Besichtigungsmöglichkeiten und Museen.
Alles in allem überwiegt der positive Eindruck, gerade auch durch das üppige Bildmaterial: Einen ersten Blick in die Römerzeit kann man hier bedenkenlos werfen, um dann vielleicht anderswo noch vertiefende Lektüre zu suchen, wenn die Neugier erst einmal geweckt ist.

Heide Birley, Vera Rupp (Hrsg.): Landleben im römischen Deutschland. Stuttgart, Theiss (WBG), 2012, 192 Seiten.
ISBN: 9783806225730

 


Genre: Geschichte
Die Hethiter

Die Hethiter

Obwohl sie zu den großen Kulturen des bronzezeitlichen Orients zählen, waren die Hethiter lange im allgemeinen Bewusstsein weit weniger präsent als ihre mesopotamischen oder ägyptischen Zeitgenossen. Bis auf einige biblische Erwähnungen aus ihrer Spätzeit gerieten sie größtenteils in Vergessenheit. Erst im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden ihre diplomatische Korrespondenz vor allem mit Ägypten, die Ruinen ihrer Hauptstadt Hattusa und ihre indogermanische Sprache wiederentdeckt.
Konsequenterweise beginnt Jörg Klinger daher seine lesenswerte Einführung Die Hethiter mit einem forschungshistorischen Überblick, um dann in zwei ereignisgeschichtlichen Abschnitten und einem zwischen diesen eingefügten Kapitel zur hethitischen Kultur dem auch heute noch in vielerlei Hinsicht rätselhaften Volk nachzuspüren. Denn während die politische und zum Teil auch die religiöse Geschichte aufgrund von in Tontafelarchiven und Inschriften erhaltenen Briefen, historiographischen Texten, Kultschilderungen und dergleichen mehr recht gut rekonstruiert werden können, fehlen im administrativen und sozialen Bereich oft die passenden Schriftquellen, um archäologische Funde korrekt zu deuten. Dies hängt auch mit dem jeweils gewählten Beschreibstoff zusammen, denn viele Urkunden waren auf Holz oder Metall festgehalten und wurden so im Laufe der Zeit entweder zerstört oder wiederverwertet.
Auch wenn man sich also an manchen Stellen der frustrierenden Situation gegenübersieht, dass das, was man gern noch wissen würde, auf Grundlage der uns zugänglichen Überlieferung schlicht und einfach nicht mehr zu ermitteln ist, bietet das Vorhandene interessante Informationen. Klinger schildert sachlich und unter Verzicht auf übertriebene Spekulationen den Aufstieg eines Verbands gemischter ethnischer Herkunft, der sich im frühen 2. Jahrtausend v. Chr. zunächst wohl nur durch Raubzüge im anatolischen und kleinasiatischen Raum hervortat, zur Hochkultur und zum ab ca. 1600 v. Chr. immer stärker als Großmacht agierenden Königreich, dessen Herrscher im 14. und 13. Jahrhundert v. Chr. den Pharaonen auf Augenhöhe begegnen konnten.
Es ist vor allem diese Epoche, die auch Laien immer wieder neugierig auf die Hethiter macht. So ist die Schlacht bei Kadesch (von Klinger auf 1275 v. Chr. datiert, sonst oft auf 1274 v. Chr.) auch aufgrund der Tatsache, dass der bis heute bekannte und populäre Pharao Ramses II. darin den Hethitern gegenüberstand, sicher vielen Geschichtsbegeisterten ein Begriff. Auch die Frage nach einer möglichen Historizität des Trojanischen Kriegs und einer Identität des aus hethitischen Dokumenten bekannten Ortsnamens „Wilusa“ mit Ilion/Troja führt in diese Zeit zurück. Selbst hier referiert Klinger ungeachtet aller aufgeheizten Forschungsdebatten zum Thema knapp und angenehm nüchtern, ohne sich in Hypothesen zu versteigen.
Weshalb genau es um 1200 v. Chr. zum Zusammenbruch des Hethiterreichs, zur Aufspaltung seiner Überreste in mehrere kleinere Staaten und zur Aufgabe von Hattusa als Hauptstadt kam, ist Klingers Auffassung nach mehr oder minder ungeklärt. Die Annahme, der aus ägyptischen Quellen bekannte Seevölkersturm habe auch das Hethiterreich hinweggefegt, wertet er als überholt und favorisiert eher ein Ursachenbündel aus Missernten und inneren Wirren, zu dem dann ergänzend militärische Niederlagen und Wanderungsbewegungen hinzugekommen sein könnten (eine Einschätzung, die der von Eric H. Cline ähnelt).
So bleibt auch diese nicht unwichtige Frage wie so manche im Laufe des Buchs am Ende offen. Lust darauf, sich noch eingehender mit den Hethitern zu befassen, hat man aber nach der Lektüre ohnehin auf alle Fälle.

Jörg Klinger: Die Hethiter. München, C.H. Beck, 2. durchgesehene Auflage 2012, 128 Seiten.
ISBN: 9783406536250


Genre: Geschichte