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Unglaube im Zeitalter des Glaubens

Unglaube im „Zeitalter des Glaubens“

Wer bei den Jesuiten zur Schule gegangen sei – so der Hamburger Historiker Frank Golczewski einmal augenzwinkernd in einer Vorlesung -, sei hinterher entweder Bischof oder Atheist oder beides. Dass diese auf den ersten Blick verblüffende Kombination schon lange vor der Gründung des Jesuitenordens vorkommen konnte, zeigt die Geschichte eines italienischen Bischofs aus dem 13. Jahrhundert, der auf dem Sterbebett erklärte, mit dem christlichen Glauben überhaupt nichts anfangen zu können und nur aus finanziellen und gesellschaftlichen Motiven das Bischofsamt übernommen zu haben.
Dies ist nur einer von gar nicht einmal wenigen Fällen, die der Mediävist Peter Dinzelbacher in seiner Studie Unglaube im „Zeitalter des Glaubens“ aufführt, um das gängige Bild vom Mittelalter als einer Epoche, in der jeder entweder kirchentreu oder ein ebenso frommer Ketzer war, mit einem Fragezeichen zu versehen. Zwar warnt er davor, die Quellen zu unkritisch zu lesen, da der Vorwurf der Gottlosigkeit schnell erhoben wurde, ohne dass die davon Betroffenen im modernen Sinne Atheisten oder Religionskritiker waren. Doch auch bei vorsichtiger Auswertung der Überlieferung finden sich zahlreiche Belege dafür, dass im Mittelalter bei weitem nicht alle tiefreligiös oder überhaupt gläubig waren.
Nach einem leider nur sehr kurzen Blick auf in altnordischen Sagas überlieferten Unglauben in paganer Zeit untersucht Dinzelbacher die Situation bei Geistlichen und anderen Gebildeten des christlichen Mittelalters sowie bei Laien. Schnell wird deutlich, dass eigentlich in keiner Schicht Menschen fehlten, die in unterschiedlichem Maße an der dominierenden Religion zweifelten oder sie völlig ablehnten. Die Gründe für solche Positionen waren vielfältig, verraten aber oft eine reflektierte Auseinandersetzung mit Dogmen und Glaubenspraxis: Die Lektüre antiker Philosophen konnte sich hier ebenso auswirken wie persönliche Schicksalsschläge oder das Aufdecken innerer Widersprüche in kirchlichen Lehren.
Sich offen kritisch zu äußern, war allerdings gefährlich, wie im Fall des für seine Religionskritik hingerichteten niederländischen Dominikaners Herman van Rijswijk, den auch die Tatsache, dass viele Menschen aus religiösen Gründen getötet wurden, zur Abwendung vom Christentum gebracht hatte. Für manch anderen ging die Sache etwas glimpflicher aus, wenn gotteslästerliche Aussagen vom Umfeld nicht als selbstverschuldet, sondern als Ergebnis teuflischer Besessenheit oder Einflüsterung verbucht wurden, so dass man sich um eine Rettung des vermeintlich vom Bösen Beeinflussten bemühte, statt gleich die Strafverfolgung in Gang zu setzen. Etwas mehr Spielraum, unbehelligt ablehnende Ansichten zu äußern, bestand allenfalls für diejenigen, die aufgrund ihrer sozialen Stellung unangreifbar waren. So ist für Barbara von Cilli, die zweite Ehefrau Kaiser Sigismunds, nicht nur in Einschätzungen Dritter, sondern auch in ihrer eigenen Korrespondenz tradiert, dass sie den Jenseitsglauben vieler ihrer Zeitgenossen nicht teilte. Neben all diesen Personen, denen es primär um die eigene Lebenseinstellung und vielleicht auch um die Weitergabe ihrer Meinung ging, stehen andere, die selbst ebenfalls nicht fromm waren, aber den Glauben der breiten Masse arglistig ausnutzten, um sich etwa als Heilige auszugeben oder andere Vorteile zu erlangen.
Es ist vor allem diese Fülle von sorgsam zusammengetragenen Einzelbeobachtungen, aus der Dinzelbachers Buch seinen Reiz gewinnt. Schlaglichtartig gewähren sie Einblicke in Lebenswirklichkeit und Mentalität der unterschiedlichsten Jahrhunderte des Mittelalters und räumen mit dem Vorurteil auf, geistig und geistlich habe mehr oder minder Homogenität geherrscht. Die Kehrseite dieses Konzepts besteht allerdings darin, dass viel Interessantes nur im Vorübergehen angesprochen und nicht tiefer analysiert wird. Hier hätte man dem Unglauben im „Zeitalter des Glaubens“ durchaus einen größeren Umfang und eine detailliertere Diskussion bestimmter Aspekte gewünscht, doch als erster Einstieg ins Thema macht er neugierig auf mehr.

Peter Dinzelbacher: Unglaube im „Zeitalter des Glaubens“. Atheismus und Skeptizismus im Mittelalter. Badenweiler, Bachmann, 2009, 166 Seiten.
ISBN: 9783940523013


Genre: Geschichte
Akanthus und Zitronen

Akanthus und Zitronen

Im römischen Reich spielten Zier- und Nutzgärten in allen Epochen eine wichtige Rolle. Anders als viele Aspekte der materiellen Kultur der Antike sind sie jedoch erst in den letzten Jahrzehnten verstärkt erforscht worden, und bis heute sind viele Fehlannahmen in Umlauf.
So beginnt Stephanie Hauschild Akanthus und Rosen, ihren angenehm zu lesenden und reich bebilderten Spaziergang durch die römische Gartenkultur, konsequenterweise auch nicht mit den antiken Gärten selbst, sondern mit ihren neuzeitlichen Rekonstruktionen, die neben gelungenen immer auch problematische Aspekte haben. Der Vergleich von Ansätzen des 19. Jahrhunderts (wie sie in den Gemälden Lawrence Alma-Tademas oder im Pompejanum in Aschaffenburg greifbar werden) mit modernen Nachahmungen antiker Gärten macht zweierlei deutlich: Einerseits ist das Wissen um Gestaltungsprinzipien und in der Römerzeit bekannte Pflanzen mittlerweile sehr gewachsen. Andererseits bestimmen jedoch immer noch in vielen Fällen Zeitgeschmack und praktische Anforderungen das, was in einem rekonstruierten „römischen“ Garten gezeigt wird (so wird z.B. oft pflegeleichteren Pflanzen der Vorzug gegenüber historisch korrekten gegeben).
Da neu angelegte Gärten nach antikem Vorbild deshalb nur einen groben ersten Eindruck vermitteln können, hilft nur der Blick in Schrift- und Bildquellen sowie auf archäologische Funde. Hier gibt es eine Fülle von spannenden Informationen zu entdecken, vom Ziergarten als Ort der Repräsentation und Muße für die Oberschicht über Obst-, Gemüse- und Kräuteranbau zur Selbstversorgung bis hin zur kommerziellen Blumen- und Fruchtproduktion für die Parfümherstellung (denn neben heute noch zu diesem Zweck eingesetzten Pflanzen wie Rosen und Veilchen waren im alten Rom auch ungewöhnliche Duftnoten populär – etwa Quitte). Tiere im Garten haben ebenso ihren Auftritt wie Dekorationsobjekte und Gartenmöbel, und man erfährt, dass einige Blumen aus der Römerzeit erhalten sind: als Sträuße und Kränze, die in Ägypten als Grabbeigabe dienten und im dortigen Wüstenklima so perfekt trockneten, dass man heute noch bestimmen kann, was für eine Rosensorte verwendet wurde. Auch die Frage, wer eigentlich in Gärten arbeitete, wird diskutiert (so gab es z.B. mit den topiarii schon begehrte und angesehene Gartengestaltungsspezialisten, über die wir mehr wissen als über die wohl für einen Großteil der anfallenden Arbeiten zuständigen Sklaven, Angestellten und Eigentümerfamilien). Aufgrund des geringen Umfangs des Buchs werden viele Themen nur kurz angerissen, doch was man zu lesen bekommt, ist gut und allgemeinverständlich aufbereitet und macht neugierig auf mehr.
Hauschild möchte aber nicht nur ein theoretisches Bild der antiken Gartenkultur vermitteln, sondern auch zum praktischen Nacherleben anregen. Sie räumt ein, dass ein gänzlich als Spiegelbild der Römerzeit gestalteter Garten oder Balkon kaum jemandem Spaß machen dürfte (unter anderem müsste man auf viele heute beliebte, den Römern aber noch unbekannte Pflanzen verzichten). Doch als die antike Kultur, die – übrigens anders als die Griechen! – engagiert Stadtgärten hegte und pflegte, können die Römer all denen Inspirationen liefern, die aus einer kleinen Fläche viel zu machen versuchen. Neben Tipps zu geeigneten Pflanzen finden sich auch einige dem Kochbuch des Apicius entlehnte Rezepte mit Gartenprodukten. Bei dem für einen „Brotsalat mit Kapern nach Apicius“ hat allerdings der Fehlerteufel munter mitgekocht, denn die Überschneidungen zwischen Zutatenliste und Zubereitungsanweisungen sind gering. Wer hoffnungsvoll Minze, Sellerie, Eigelb und Honig bereitgestellt hat, muss sich beim Salatanmischen schnell überlegen, wie er all diese plötzlich nicht mehr benötigten Ingredienzien in Kapern, Gurken und Hühnerleber verwandeln will.
Abgesehen von dieser in ihrer Rätselhaftigkeit irgendwie auch amüsanten Panne ist Akanthus und Zitronen jedoch ein rundum gelungenes Buch, das sowohl Gartenfans einen Ausflug in die Antike ermöglicht als auch Römerbegeisterten einen ersten Einblick in ein sonst oft vernachlässigtes Stück Kulturgeschichte bietet.

Stephanie Hauschild: Akanthus und Zitronen. Die Welt der römischen Gärten. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2017, 168 Seiten.
ISBN: 9783805350709


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur
Die Römer in Deutschland

Die Römer in Deutschland

Die Römerzeit hat den Süden und Westen Deutschlands in vielerlei Hinsicht geprägt. Andreas Thiel bietet in seinem Bildband Die Römer in Deutschland eine gut lesbare, auf ein allgemeines Publikum zugeschnittene Einführung in Ereignis- und Kulturgeschichte der Epoche. Besondere Vorkenntnisse werden nicht vorausgesetzt, und auch bei der Bebilderung stehen Anschaulichkeit und Verständlichkeit im Vordergrund: Neben Bildern von Ruinen und archäologischen Funden nehmen Rekonstruktionen einen breiten Raum ein (ob nun Zeichnungen, Computergrafiken oder Fotos z.B. von Nachbauten römischer Häuser).
Ein umfassender Überblick über alle Fundstätten und Spezialgebiete ist dabei nicht angestrebt; eher geht es darum, anhand griffiger Beispiele Typisches herauszuarbeiten und die Grundzüge von zentralen Bereichen (wie etwa Alltagsleben, Militär oder Religion) zu skizzieren. Über einzelne Besonderheiten – z.B. die weitverbreiteten Streifenhäuer oder die für die germanischen Provinzen charakteristischen Jupitersäulen – finden sich in Kästen neben dem Fließtext genauere Informationen. So wird, angereichert um einige interessante Details, die man nicht überall findet, ein solides Basiswissen über materielle Kultur, Verwaltungsstrukturen und Weltanschauung vermittelt.
Eng mit diesen Sachthemen verwoben wird die historische Entwicklung von Caesar bis in die Spätantike nachgezeichnet. Obwohl Thiel die für die keltische und germanische Bevölkerung zunächst leidvolle Eroberung nicht beschönigt, betrachtet er die zügige Romanisierung als überwiegend positiven Prozess, der merkliche Verbesserungen im Hinblick auf Wirtschaft, Infrastruktur und Lebensqualität mit sich brachte und aufgrund der nicht nur in religiösen Dingen toleranten Haltung der Römer auch nicht mit einer kompletten Aufgabe der eigenen Kultur erkauft werden musste. Den Hauptgrund für den Untergang des römischen Reichs und seines über Jahrhunderte relativ stabilen und erfolgreichen Gesellschaftsmodells sieht Thiel in zwei zeitgleichen Entwicklungen: Während im Imperium selbst spätestens ab der Epoche der Soldatenkaiser immer mehr innere Konflikte bis hin zum Bürgerkrieg herrschten, bildeten sich in dem zuvor politisch sehr zersplitterten Gebiet jenseits seiner Grenzen zum ersten Mal dauerhaft größere Verbände heraus (wie etwa die Franken oder die Alamannen), die den geschwächten Römern militärisch gewachsen waren.
Bestimmte Traditionen überdauerten jedoch das Ende des römischen Reichs als Herrschaftsgebilde, von weiter genutzten Siedlungsplätzen bis hin zum Gebrauch der lateinischen Sprache insbesondere zu administrativen Zwecken. Dass manche dieser Kontinuitäten sich bis heute erstrecken, soll das abschließende Kapitel deutlich machen, das sich nicht nur mit dem Fortwirken der römischen Antike, sondern auch mit ihrer Erforschung seit der Renaissance befasst. Dieser Teil enthält leider Ungenauigkeiten (so ist z.B. die Aussage „Bis zum 12. Jahrhundert waren alle Texte ausschließlich in Latein verfasst“ schlicht falsch), ist aber immerhin in seinem Bemühen lobenswert, fassbar zu machen, weshalb die Römerzeit uns auch heute noch etwas angeht. Leider endet der kleine Forschungsüberblick jedoch schon in der wilhelminischen Zeit; hier hätte man sich gewünscht, auch noch die letzten hundert Jahre abgedeckt zu sehen.
Trotz dieser kleinen Schwächen kann man Die Römer in Deutschland als Wegbegleiter auf einem Streifzug durch die Antike durchaus empfehlen, weil alles Wichtige kompakt und leicht zugänglich vermittelt wird. Wer sich allerdings schon näher mit der römischen Geschichte befasst hat, wird hier sehr viel Bekanntes finden und kann aus anderen Werken vielleicht mehr Gewinn ziehen.

Andreas Thiel: Die Römer in Deutschland. Stuttgart, Theiss (WBG), 2008, 176 Seiten.
ISBN: 9783860220674


Genre: Geschichte
Mrs. Tsenhor

Mrs. Tsenhor. A Female Entrepreneur in Ancient Egypt

Obwohl Frauen im Alten Ägypten Männern gegenüber in manchen Bereichen benachteiligt waren (z.B. durch rituelle Tabus bezüglich der Menstruation), hatten sie doch insgesamt sozial und wirtschaftlich eine wesentlich stärkere Stellung inne als viele ihrer Zeitgenossinnen in anderen Kulturen rings um das Mittelmeer. In ihrer Geschäftsfähigkeit waren sie nicht eingeschränkt, sondern konnten Vermögen besitzen, erben und vererben, sich scheiden lassen, unterschiedlichsten Berufen nachgehen und unternehmerisch tätig sein. Obwohl es hier also auf allen gesellschaftlichen Ebenen viel Interessantes zu entdecken gibt, stehen als Einzelpersönlichkeiten meist nur Herrscherinnen oder andere Angehörige der Elite im Fokus der Forschung. Koenraad Donker van Heels vergnüglich zu lesende Quellenstudie Mrs. Tsenhor gewinnt ihren Reiz gerade daraus, dass er stattdessen die Biographie einer Durchschnittsfrau aus der ägyptischen Mittelschicht aus in Form von Papyri überlieferten Dokumenten rekonstruiert.
Tsenhor, deren Name „Schwester des Horus“ bedeutet, wurde um 550 v. Chr. in eine Familie in Theben hineingeboren, die dem Berufsstand der Choachyten angehörte – Personen, die professionell den Totenkult ausübten. Mit Einbalsamierung und Bestattung allein war in der jenseitsverliebten Kultur des alten Ägypten noch nicht genug für das ewige Leben vorgesorgt. Den Verstorbenen mussten dauerhaft Trank- und Speiseopfer dargebracht werden, eine Tätigkeit, für die man die Choachyten engagierte und gut bezahlte (etwa durch die Übereignung von Feldern, denn eine Geldwirtschaft war noch nicht gebräuchlich).
Auch Tsenhor übte als Erwachsene diesen Beruf aus und erbte von ihrem Vater ein Viertel des Familienunternehmens (die restlichen Anteile entfielen auf ihre drei Brüder). Nach einer ersten Ehe, der ihr vermutlich relativ jung verstorbener Sohn Peteamunhotep entstammte, heiratete sie spätestens 517 den Choachyten Psenese, mit dem sie die Tochter Ruru und den Sohn Ituru hatte, die nach Pseneses Tod (zwischen 498 und 494) als seine Erben zu gleichen Teilen bezeugt sind. Tsenhor überlebte ihren Mann und erscheint bis ins vorgerückte Alter weiter in verschiedensten Urkunden. Sie starb nach 490.
Aus den erhaltenen Dokumenten, die wohl entweder von Tsenhor selbst oder von einem ihrer Nachkommen gesammelt und verwahrt wurden, ergibt sich eine erstaunliche Fülle von Details über Rechtsgeschäfte aller Art, von Erbschaftsregelungen über den Kauf eines Sklaven oder Tsenhors und Pseneses gemeinsamen Hausbau (praktischerweise direkt neben der Werkstatt eines Balsamierers) bis hin zur Miete eines Rinds zum Pflügen der Ackerlands der Familie. Auf diese Weise entsteht ein detailliertes Bild des Alltagslebens in Ägypten zur Zeit der persischen Herrschaft.
Bei aller Quellennähe schreibt Donker van Heel in einem humorvollen, bisweilen sprachlich etwas flapsigen Stil, der einem allgemeinen Publikum sehr entgegenkommt. Inhaltlich bleiben seine Angaben aber seriös, und er weist stets darauf hin, wenn es in der Ägyptologie noch andere Deutungen als die jeweils von ihm vertretene gibt.
Zur Stützung seiner Argumentation und zum Vergleich zieht der Autor neben den Urkunden, die sich auf Tsenhor und ihr Umfeld beziehen, auch eine Fülle von anderen Quellen aus verschiedensten Epochen vom Alten Reich bis zur koptischen Zeit heran. Manche Traditionen waren, wie sich zeigt, über Jahrhunderte wenn nicht gar Jahrtausende sehr beharrlich, etwa bestimmte Formen der Erbschaftsaufteilung – und leider auch die entsprechenden Erbstreitigkeiten. So erfährt man im Zuge der Lektüre sehr viel über das alte Ägypten abseits von Pyramiden und Pharaonen, beispielsweise über verwickelte Familienverhältnisse (die durch Adoptionen noch zusätzlich verkompliziert werden konnten), den Hang eines Schreibers zu angeberischen Titeln, mit denen er seine Urkunden signierte, Pannen im Berufsalltag von Bestattern, die auch schon einmal vergaßen, eine Mumie in ihr Grab zu transportieren, und dergleichen mehr.
Wer sich für Alltagsgeschichte interessiert, wird an Mrs. Tsenhor auf alle Fälle seine Freude haben, und findet in der Titelfigur eine ansprechende Protagonistin, an deren Seite er ihre ferne und fremde, aber in bestimmten Belangen zeitlos wirkende Welt erkunden kann.

Koenraad Donker van Heel: Mrs. Tsenhor. A Female Entrepreneur in Ancient Egypt. Kairo, New York, The American University in Cairo Press, 2015, 229 Seiten.
ISBN: 9789774166778


Genre: Biographie, Geschichte
Landleben im römischen Deutschland

Landleben im römischen Deutschland

Das römische Reich ging aus einem Stadtstaat hervor, und viele der bekanntesten erhaltenen Bauwerke der Römerzeit vom Kolosseum bis zur Porta Nigra befinden sich in Städten. So ist man es gewohnt, Rom primär als städtische Zivilisation zu begreifen. Doch die Mehrzahl der Menschen lebte und arbeitete in der Antike auf dem Land, auch in den Gegenden Deutschlands, die damals zu den germanischen Provinzen des Imperiums oder zu Gallien gehörten. Wie es um Wohnverhältnisse, Wirtschaftsweise, Infrastruktur, Verwaltung und Religion in diesem Gebiet bestellt war, erfährt man in dem von Vera Rupp und Heide Birley herausgegebenen Bildband Landleben im römischen Deutschland.
Das Buch ist als Sammlung kürzerer Beiträge der verschiedensten Autoren angelegt und in zwei Teile gegliedert: Während der erste thematisch geordnet ist und kompakte Einführungen in alle möglichen Aspekte des ländlichen Alltags zur Römerzeit bietet, stellt der zweite 44 Fundstätten vor (neben einzelnen Gebäuden und Siedlungen auch größere Bereiche wie etwa das Umland von Köln).
Da für die Verhältnisse im Nordosten des römischen Reichs insbesondere die Schriftquellen rarer gesät sind als für den Mittelmeerraum, enthält die erste Buchhälfte auch einiges Material aus anderen geographischen Regionen (z.B. einen absolut lesenswerten Beschwerdebrief über einen dreisten Wolldiebstahl in Ägypten). Die Informationen sind ansprechend und allgemeinverständlich aufbereitet, gehen aber nicht unbedingt allzu sehr in die Tiefe. Für eine erste Annäherung reicht das wunderbar aus, doch wer schon einiges über die Römerzeit gelesen hat, wünscht sich hier vielleicht zusätzliche Details.
Mehr Einzelheiten bieten die Artikel im zweiten Teil, die vor allem die Vielfalt ländlicher Lebensweisen fassbar machen: Neben dem Landgut (villa rustica), das in allen Varianten vom kleinen Bauernhof über den spezialisierten Großbetrieb bis hin zum palastartigen Luxusanwesen existierte, gab es auch die dörfliche Siedlung (vicus), in der, anders als in späteren Zeiten, keine Landwirtschaft betrieben wurde. Stattdessen waren dort Händler, Handwerker und sonstige Gewerbetreibende ansässig, die entweder die nähere Umgebung oder eines der zahlreichen Militärkastelle versorgten. Eine Siedlungskontinuität von der Römerzeit bis heute scheint dabei im ländlichen Raum seltener zu sein als im städtischen, doch gibt es Ausnahmen: So konnte etwa der vicus Iuliacum dadurch, dass er in der Spätantike befestigt wurde, anders als viele andere Dörfer überdauern und an Bedeutung gewinnen, um dann im Mittelalter zur Stadt Jülich zu werden.
Spannend an den Einzelfallschilderungen ist auch der sehr unterschiedliche heutige Umgang mit erhaltenen und ergrabenen Ruinen: Konservierung, Rekonstruktion und touristische Erschließung stehen Vernachlässigung oder Zerstörung (etwa durch moderne Bauprojekte) gegenüber.
Während sich die einzelnen Beiträge überwiegend interessant lesen, krankt das Buch als Gesamtpaket ein wenig daran, dass ihr Zusammenspiel nicht immer optimal abgestimmt wirkt. Manche Informationen wiederholen sich unnötig oft (so wird z.B. mehrfach von unterschiedlichen Verfassern genauestens erklärt, welche Räume zu römischen Thermen gehörten, für die es auch auf dem Lande viele beeindruckend komfortable Beispiele gibt). Auch ein wenig mehr Einheitlichkeit in der Gestaltung hätte man sich manchmal gewünscht. Ob z.B. Grundrissplänen eine Legende beigegeben ist oder nicht, scheint im Ermessen des jeweiligen Autors gelegen zu haben. In anderer Hinsicht hingegen ist besser auf die praktische Nutzbarkeit geachtet worden. So gibt es etwa ein Glossar lateinischer Begriffe und auch Informationen zu Besichtigungsmöglichkeiten und Museen.
Alles in allem überwiegt der positive Eindruck, gerade auch durch das üppige Bildmaterial: Einen ersten Blick in die Römerzeit kann man hier bedenkenlos werfen, um dann vielleicht anderswo noch vertiefende Lektüre zu suchen, wenn die Neugier erst einmal geweckt ist.

Heide Birley, Vera Rupp (Hrsg.): Landleben im römischen Deutschland. Stuttgart, Theiss (WBG), 2012, 192 Seiten.
ISBN: 9783806225730

 


Genre: Geschichte
Die Hethiter

Die Hethiter

Obwohl sie zu den großen Kulturen des bronzezeitlichen Orients zählen, waren die Hethiter lange im allgemeinen Bewusstsein weit weniger präsent als ihre mesopotamischen oder ägyptischen Zeitgenossen. Bis auf einige biblische Erwähnungen aus ihrer Spätzeit gerieten sie größtenteils in Vergessenheit. Erst im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden ihre diplomatische Korrespondenz vor allem mit Ägypten, die Ruinen ihrer Hauptstadt Hattusa und ihre indogermanische Sprache wiederentdeckt.
Konsequenterweise beginnt Jörg Klinger daher seine lesenswerte Einführung Die Hethiter mit einem forschungshistorischen Überblick, um dann in zwei ereignisgeschichtlichen Abschnitten und einem zwischen diesen eingefügten Kapitel zur hethitischen Kultur dem auch heute noch in vielerlei Hinsicht rätselhaften Volk nachzuspüren. Denn während die politische und zum Teil auch die religiöse Geschichte aufgrund von in Tontafelarchiven und Inschriften erhaltenen Briefen, historiographischen Texten, Kultschilderungen und dergleichen mehr recht gut rekonstruiert werden können, fehlen im administrativen und sozialen Bereich oft die passenden Schriftquellen, um archäologische Funde korrekt zu deuten. Dies hängt auch mit dem jeweils gewählten Beschreibstoff zusammen, denn viele Urkunden waren auf Holz oder Metall festgehalten und wurden so im Laufe der Zeit entweder zerstört oder wiederverwertet.
Auch wenn man sich also an manchen Stellen der frustrierenden Situation gegenübersieht, dass das, was man gern noch wissen würde, auf Grundlage der uns zugänglichen Überlieferung schlicht und einfach nicht mehr zu ermitteln ist, bietet das Vorhandene interessante Informationen. Klinger schildert sachlich und unter Verzicht auf übertriebene Spekulationen den Aufstieg eines Verbands gemischter ethnischer Herkunft, der sich im frühen 2. Jahrtausend v. Chr. zunächst wohl nur durch Raubzüge im anatolischen und kleinasiatischen Raum hervortat, zur Hochkultur und zum ab ca. 1600 v. Chr. immer stärker als Großmacht agierenden Königreich, dessen Herrscher im 14. und 13. Jahrhundert v. Chr. den Pharaonen auf Augenhöhe begegnen konnten.
Es ist vor allem diese Epoche, die auch Laien immer wieder neugierig auf die Hethiter macht. So ist die Schlacht bei Kadesch (von Klinger auf 1275 v. Chr. datiert, sonst oft auf 1274 v. Chr.) auch aufgrund der Tatsache, dass der bis heute bekannte und populäre Pharao Ramses II. darin den Hethitern gegenüberstand, sicher vielen Geschichtsbegeisterten ein Begriff. Auch die Frage nach einer möglichen Historizität des Trojanischen Kriegs und einer Identität des aus hethitischen Dokumenten bekannten Ortsnamens „Wilusa“ mit Ilion/Troja führt in diese Zeit zurück. Selbst hier referiert Klinger ungeachtet aller aufgeheizten Forschungsdebatten zum Thema knapp und angenehm nüchtern, ohne sich in Hypothesen zu versteigen.
Weshalb genau es um 1200 v. Chr. zum Zusammenbruch des Hethiterreichs, zur Aufspaltung seiner Überreste in mehrere kleinere Staaten und zur Aufgabe von Hattusa als Hauptstadt kam, ist Klingers Auffassung nach mehr oder minder ungeklärt. Die Annahme, der aus ägyptischen Quellen bekannte Seevölkersturm habe auch das Hethiterreich hinweggefegt, wertet er als überholt und favorisiert eher ein Ursachenbündel aus Missernten und inneren Wirren, zu dem dann ergänzend militärische Niederlagen und Wanderungsbewegungen hinzugekommen sein könnten (eine Einschätzung, die der von Eric H. Cline ähnelt).
So bleibt auch diese nicht unwichtige Frage wie so manche im Laufe des Buchs am Ende offen. Lust darauf, sich noch eingehender mit den Hethitern zu befassen, hat man aber nach der Lektüre ohnehin auf alle Fälle.

Jörg Klinger: Die Hethiter. München, C.H. Beck, 2. durchgesehene Auflage 2012, 128 Seiten.
ISBN: 9783406536250


Genre: Geschichte
Reisen im Mittelalter

Reisen im Mittelalter

Mobilität und weite Reisen werden gewöhnlich vor allem mit der Neuzeit assoziiert. Das Mittelalter erscheint im allgemeinen Bewusstsein dagegen fälschlich oft eher als Epoche, in der kaum jemand über sein Heimatdorf hinauskam, von Ausnahmen wie Marco Polo oder den bis Nordamerika segelnden Wikingern einmal abgesehen. Auch diese bekannten Fernreisen spielen in Norbert Ohlers spannender Überblicksdarstellung Reisen im Mittelalter natürlich eine Rolle, aber vor allem wird deutlich, dass zwischen Spätantike und früher Neuzeit in kleinerem geographischen Rahmen erstaunlich viele Angehörige der unterschiedlichsten sozialen Gruppen unterwegs waren.
Während sich bei manchen – etwa Boten, Kaufleuten, Handwerkern oder auch Königen – Reisen aus Beruf oder Amt ergaben, hatten andere private Gründe, von Religiosität (etwa bei Pilgerfahrten im christlichen wie im islamischen Bereich) über Bildungshunger bis hin zu Forscherdrang (der z.B. Petrarca zu einer Bergwanderung auf den Mont Ventoux in Südfrankreich motivierte). Auch weniger erfreuliche Anlässe, wie Flucht oder Kriegszüge, brachten Menschen in Bewegung.
Den äußeren Bedingungen dieser verschiedenen Reisetypen ist der erste Abschnitt des Buches gewidmet. Neben umfassenden Angaben zu Umwelt, Wetter, Reit- und Zugtieren, Schiffahrt, Unterkunftsmöglichkeiten, Straßen, Brücken und Reisegeschwindigkeiten findet man hier auch Kuriositäten wie einen frühmittelalterlichen Sprachführer, dessen Verfasser offenbar davon ausging, dass man in die Situation kommen könnte, seinem Gesprächspartner charmanterweise „Hör doch zu, du Narr!“ an den Kopf zu werfen. Nicht zuletzt für alle, die Geschichten, Erzählungen oder Romane über vormoderne Gesellschaften schreiben (ob nun im historischen Genre oder in der Fantasy) und ihre Figuren auf Reisen zu schicken gedenken, ist dieser Teil des Buchs eine wahre Fundgrube.
Der zweite Großabschnitt schildert quellennah eine ganze Reihe konkreter Reisen, die zwischen Merowingerzeit und Spätmittelalter stattfanden (die chronologische Anordnung wird dabei allerdings teilweise zugunsten thematischer Schwerpunktsetzungen unterbrochen). Neben berühmten Reisenden wie Wilhelm von Rubruk, Ibn Battuta, Kolumbus oder Albrecht Dürer begegnen einem hier auch einige eher unbekannte, so z.B. eine versklavte Geisel und ihr Befreier auf der Flucht durchs Frankenreich, und sogar literarische Gestalten, lassen sich doch auch aus fiktionalen Schilderungen durchaus Schlüsse über das echte Leben ziehen.
Ohlers angenehmer Stil macht die Lektüre beider Teile zu einem großen Vergnügen, denn er schreibt nicht nur lesbar und allgemeinverständlich, sondern auch sehr menschlich, mit viel Gespür für Alltägliches und über die Jahrhunderte hinweg Verbindendes, gelegentlich sogar mit unterschwelligem Humor.
Abgerundet wird die Darstellung durch zahlreiche Abbildungen und einen nützlichen Anhang, der unter anderem eine Zeittafel zu wichtigen Reisen zwischen dem 5. und 16. Jahrhundert bietet.
Die Forschung zu einzelnen Aspekten des Reisens im Mittelalter mag vielleicht in den letzten Jahrzehnten noch etwas vorangekommen sein. Alles in allem bietet Ohlers Buch jedoch immer noch einen hervorragenden Einstieg in das Themengebiet, der Lust auf mehr macht und einen vor allem so nahe an die zeitgenössischen Quellen heranführt, dass man etwaige Berührungsängste schnell verliert. Allen Neugierigen seien die Reisen im Mittelalter also hiermit ausdrücklich ans Herz gelegt.

Norbert Ohler: Reisen im Mittelalter. München, DTV, 4. Auflage 1995 (Original: 1986), 456 Seiten.
ISBN: 3760819133


Genre: Geschichte
The Mystery of the Hanging Garden of Babylon

The Mystery of the Hanging Garden of Babylon

Als eines der sieben Weltwunder der Antike sind die Hängenden Gärten von Babylon allgemein bekannt, aber dennoch weiß man zugleich fast nichts über sie. Während andere Weltwunder entweder in – freilich meist geringen – Resten bis heute überdauert haben oder zumindest in Schilderungen zeitgenössischer Augenzeugen ausführlich dokumentiert sind, setzen die Quellen im Falle der Hängenden Gärten erst Jahrhunderte nach ihrer Entstehung (und vielleicht auch Zerstörung) ein. Die zwischen hellenistischer Zeit und Spätantike verfassten Beschreibungen der Gärten sind sich zwar über die terrassenartige Anlage und das versteckte Bewässerungssystem einig, aber nicht einmal darüber, wer das Weltwunder erbauen ließ – neben der legendären Königin Semiramis werden auch Nebukadnezar II. und ein namentlich nicht genannter (as)syrischer König ins Spiel gebracht.
An dieser Stelle setzt die Theorie der renommierten Assyriologin Stephanie Dalley an. In dem namenlosen assyrischen König der antiken Schilderungen sieht sie den um 700 v. Chr. regierenden Sanherib, aus dessen Zeit nicht nur ausgedehnte Aquädukte erhalten sind, die seine Residenzstadt Ninive mit Wasser versorgten, sondern auch Schrift- und Bildquellen, die die Existenz eines terrassenförmig angelegten, mit einem innovativen Schraubensystem bewässerten Palastgartens belegen.
Die Auswertung dieses auch in zahlreichen Abbildungen liebevoll aufbereiteten Materials macht das Herzstück des Buchs aus und liest sich faszinierend, vor allem, da der anscheinend sehr technikbegeisterte Sanherib darin in Ansätzen individuelle Züge gewinnt, die bei vielen anderen altorientalischen Herrschern allenfalls undeutlich auszumachen sind.
Phantasievoller und damit auch unsicherer wird es dagegen, wenn Dalley Überlegungen anstellt, wie es in der Antike zur Verwechslung von Sanheribs Garten mit einem vielleicht gar nicht in dieser Form vorhandenen in Babylon gekommen sein könnte. Zu all den Thesen einer Gleichsetzung Ninives mit Babylon, eines Verschmelzens der Herrschergestalten Sanherib und Nebukadnezar und eines Überdauerns der Gärten oder des Wissens darum über die Verwüstung Ninives 612 v. Chr. hinaus bis in die Epoche Alexanders des Großen kann man eigentlich nur sagen, dass das,  was Dalley vermutet, zwar möglich, aber nicht erwiesen ist.
Wie bei fast allen historischen Sachbüchern, die anhand von Indizien und Spekulationen eine Neubewertung vermeintlich gesicherten Wissens präsentieren, bleiben daher auch nach dieser Lektüre leise Zweifel. Dalleys Argumentation wirkt zwar in vielen Bereichen überzeugend, aber unanfechtbar ist sie nicht, und vor allem die Frage, ob Sanheribs „hängender“ Garten nicht auch anderswo – vielleicht eben in Babylon – kopiert worden sein könnte, lässt sich auf Basis des heute Bekannten einfach nicht abschließend klären.
Doch darauf kommt es letztlich auch gar nicht an, denn was die von ihr herangezogenen Quellen und Funde eindringlich zeigen, ist, dass es in Ninive eine hochstehende Gartenkunst und eine ausgefeilte Bewässerungstechnik gegeben haben muss. Gerade vor dem Hintergrund der Tatsache, dass man sich die Assyrer oft nur als kriegerisches Volk ausmalt und sich über ihre Interessen und Leistungen in Friedenszeiten viel zu selten Gedanken macht, ist diese Erkenntnis allein die Lektüre des Buchs mehr als wert, ganz gleich, ob es sich bei Sanheribs Garten nun um die berühmten „Hängenden Gärten“ gehandelt haben mag oder nicht.

Stephanie Dalley: The Mystery of the Hanging Garden of Babylon. An Elusive World Wonder Traced. Oxford, Oxford University Press, 2015 (Originalausgabe: 2013), 279 Seiten.
ISBN: 9780198728849


Genre: Geschichte
Bilderwelten der Bronzezeit

Bilderwelten der Bronzezeit

Felskunst assoziiert man oft vor allem mit der Steinzeit. An vielen Stellen in Skandinavien und in weit geringerem Maße auch in Norddeutschland sind jedoch in Felsen und Steine gemeißelte oder geritzte Bilder überliefert, die aus der Bronzezeit stammen. Der zeitliche Schwerpunkt ihrer Entstehung lag wohl in der jüngeren Bronzezeit (in den Jahrhunderten um 1000 v.Chr.), da stilistische Vergleiche mit Gravuren auf Bronzeobjekten dieser Epoche große Ähnlichkeiten zu den Felsdarstellungen erkennen lassen.
Diesen Bilderwelten der Bronzezeit spürt Torsten Capelle in seinem reizvollen, handlichen Bildband nach und bleibt in seiner Beschreibung der stark stilisierten Darstellungen wohltuend sachlich und nüchtern, statt sich auf übertriebene Spekulationen einzulassen. Da Schriftquellen fehlen, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit rekonstruieren, was die oft wohl nur lokal tätigen Künstler mit ihren Felsbildern ausdrücken wollten. Auffällig ist jedoch, dass diese meist abseits von Siedlungen lagen und nicht unbedingt einen repräsentativen Querschnitt des Alltagslebens wiedergeben.
Vor allem zeigt sich dies an der Auswahl der abgebildeten Menschen, die nicht die tatsächliche Zusammensetzung der damaligen (oder sonst irgendeiner) Gesellschaft widerspiegelt: Wo die stark abstrahierten Silhouetten überhaupt eine Geschlechtsbestimmung erlauben, scheint es sich bei den Gezeigten überwiegend um unbekleidete Männer zu handeln. Eindeutig als Frauen zu bestimmende Figuren treten seltener auf, Kinder praktisch nie. Dagegen scheint es sich in der Tierwelt teilweise genau umgekehrt zu verhalten: So sind z.B. zahlreiche Elchkühe in den Felsbildern belegt, dagegen aber kein einziger Elchbulle (oder doch zumindest keiner mit Schaufelgeweih).
Auch die festgehaltenen Situationen stammen aus nur wenigen Bereichen, die nicht den gesamten menschlichen Erfahrungsschatz umfassen. So finden sich neben Tier-, Wagen- und Schiffsbildern und imitierten Hand- und Fußabdrücken vor allem Szenen mit Kämpfen, Jagden und Tänzen, möglicherweise auch mit rituellen Handlungen (auch wenn Capelle sich hier in der Interpretation sehr zurücknimmt). Ein kultischer Hintergrund irgendeiner Art ist zumindest bei den Bildern anzunehmen, die gar nicht (dauerhaft) für die Augen lebender Betrachter bestimmt waren, sondern sich auf der Innenseite von Steinkistengräbern finden. Gerade bei diesem Phänomen hätte man sich Vergleiche mit ähnlichen Bräuchen etwa in mediterranen Kulturen gewünscht und muss bedauern, dass hier die skandinavische Bronzezeit relativ isoliert betrachtet wird.
Doch der informative und lesenswerte Text ist zugegebenermaßen gar nicht der Teil des Buchs, der am meisten Freude macht. Viel mehr Spaß bereitet es einem, in der Fülle von Fotos und Umzeichnungen der Funde selbst auf Entdeckungstour zu gehen, nach wiederkehrenden Motiven zu suchen und eigene Überlegungen anzustellen. Jedem, der sich auch nur ein bisschen für prähistorische Kunst interessiert, sei daher dieser Band als guter Einstieg in ein spannendes Thema ans Herz gelegt.

Torsten Capelle: Bilderwelten der Bronzezeit. Felsbilder in Norddeutschland und Skandinavien. Mainz, Philipp von Zabern, 2008, 128 Seiten.
ISBN: 9783805338332


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur
Trier

Trier. Biographie einer römischen Stadt

Die erhaltenen römischen Bauwerke in Trier wie z.B. die Porta Nigra oder die Kaiserthermen zählen sicher zu den bekanntesten Zeugnissen der Antike in Deutschland. Wie diese Stadt mit ihrer multikulturellen Bevölkerung (zu der neben Römern auch keltische Treverer und griechischsprachige Zuwanderer aus dem Osten des römischen Reichs zählten) entstand und sich entwickelte, zeichnet Frank Unruh in seinem lesenswerten Bildband Trier. Biographie einer römischen Stadt nach.
Unter Augustus wohl um 17 v.Chr. – so zumindest die dendrochronologische Datierung der ersten nachweisbaren Moselbrücke – als Augusta Treverorum gegründet, entwickelte Trier sich trotz gelegentlicher politscher Unruhen zum Wirtschaftszentrum und Verkehrsknotenpunkt. Wichtig war dabei nicht zuletzt die Lage in bequemer Nähe zum Grenzgebiet am Rhein, aber doch zugleich im vor Überfällen und Angriffen relativ geschützten Hinterland. Gerade in der für weite Teile des römischen Reichs eher krisenhaften Zeit ab dem 3. Jahrhundert konnte Trier so noch einmal zu einer besonderen Blüte gelangen. Unter den Tetrarchen sogar zur Kaiserresidenz aufgestiegen, wurde die nun als Treveris bezeichnete Stadt in der Spätantike zu einem bedeutenden Bischofssitz des jungen Christentums. Während sich einerseits nach einer langen Übergangsperiode des Nebeneinanders von heidnischer und christlicher Welt die Intoleranz der neuen Religion zeigte (so sind schon für das 4. Jahrhundert Verurteilungen und Hinrichtungen von Häretikern belegt), trug sie andererseits dazu bei, über das Ende der weströmischen Herrschaft hinaus ein gewisses Maß an administrativer Kontinuität und kollektiver Identität zu sichern, bis Trier 484 dem expandierenden Frankenreich einverleibt wurde und eine neue Epoche begann.
Unruh legt dabei in seinem flüssig geschriebenen Text den Schwerpunkt auf Bau- und Ereignisgeschichte, die eng miteinander verquickt sind. Neben Fotos der erhaltenen Gebäude bzw. Ruinen finden sich unter den Illustrationen daher auch zahlreiche Rekonstruktionsdarstellungen, bei denen erfreulich klar darauf hingewiesen wird, was belegt und was nur Interpretation ist. Da für Triers Geschichte die religiöse Entwicklung von so zentraler Bedeutung war, wird ausführlich auf Tempel-, Grab- und Kirchenarchitektur eingegangen, in denen die sich wandelnden Glaubenssysteme ihren sichtbarsten Ausdruck fanden. Aber auch Details der Ausstattung von Wohnhäusern und öffentlichen Bauten (z.B. Wandmalereien und Mosaiken) nehmen breiten Raum ein. Einzelfunde wie Glas, Keramik, Münzen oder Schmuck kommen zwar auch zur Sprache und werden prächtig ins Bild gesetzt, doch insgesamt tritt der Bereich der Alltagshistorie etwas stärker in den Hintergrund als in vergleichbaren regionalgeschichtlichen Publikationen (wie etwa Thomas Fischers und Marcus Triers Das römische Köln).
Positiv fällt auf, dass in vielen Fällen hervorgehoben wird, ob und wie Reste von Gebäuden und besonders interessante Funde heute für Besucher zugänglich oder museal präsentiert sind. So macht die Lektüre auch und vor allem Lust, Triers römisches Erbe einmal selbst zu erkunden.

Frank Unruh: Trier. Biographie einer römischen Stadt. Philipp von Zabern (WBG), Darmstadt, 2017, 112 Seiten.
ISBN: 9783805350112 (Antike-Welt-Sonderheft, hier besprochen; ISBN der Buchhandelsausgabe: 9783805350129)


Genre: Geschichte