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Reisen im Mittelalter

Reisen im Mittelalter

Mobilität und weite Reisen werden gewöhnlich vor allem mit der Neuzeit assoziiert. Das Mittelalter erscheint im allgemeinen Bewusstsein dagegen fälschlich oft eher als Epoche, in der kaum jemand über sein Heimatdorf hinauskam, von Ausnahmen wie Marco Polo oder den bis Nordamerika segelnden Wikingern einmal abgesehen. Auch diese bekannten Fernreisen spielen in Norbert Ohlers spannender Überblicksdarstellung Reisen im Mittelalter natürlich eine Rolle, aber vor allem wird deutlich, dass zwischen Spätantike und früher Neuzeit in kleinerem geographischen Rahmen erstaunlich viele Angehörige der unterschiedlichsten sozialen Gruppen unterwegs waren.
Während sich bei manchen – etwa Boten, Kaufleuten, Handwerkern oder auch Königen – Reisen aus Beruf oder Amt ergaben, hatten andere private Gründe, von Religiosität (etwa bei Pilgerfahrten im christlichen wie im islamischen Bereich) über Bildungshunger bis hin zu Forscherdrang (der z.B. Petrarca zu einer Bergwanderung auf den Mont Ventoux in Südfrankreich motivierte). Auch weniger erfreuliche Anlässe, wie Flucht oder Kriegszüge, brachten Menschen in Bewegung.
Den äußeren Bedingungen dieser verschiedenen Reisetypen ist der erste Abschnitt des Buches gewidmet. Neben umfassenden Angaben zu Umwelt, Wetter, Reit- und Zugtieren, Schiffahrt, Unterkunftsmöglichkeiten, Straßen, Brücken und Reisegeschwindigkeiten findet man hier auch Kuriositäten wie einen frühmittelalterlichen Sprachführer, dessen Verfasser offenbar davon ausging, dass man in die Situation kommen könnte, seinem Gesprächspartner charmanterweise „Hör doch zu, du Narr!“ an den Kopf zu werfen. Nicht zuletzt für alle, die Geschichten, Erzählungen oder Romane über vormoderne Gesellschaften schreiben (ob nun im historischen Genre oder in der Fantasy) und ihre Figuren auf Reisen zu schicken gedenken, ist dieser Teil des Buchs eine wahre Fundgrube.
Der zweite Großabschnitt schildert quellennah eine ganze Reihe konkreter Reisen, die zwischen Merowingerzeit und Spätmittelalter stattfanden (die chronologische Anordnung wird dabei allerdings teilweise zugunsten thematischer Schwerpunktsetzungen unterbrochen). Neben berühmten Reisenden wie Wilhelm von Rubruk, Ibn Battuta, Kolumbus oder Albrecht Dürer begegnen einem hier auch einige eher unbekannte, so z.B. eine versklavte Geisel und ihr Befreier auf der Flucht durchs Frankenreich, und sogar literarische Gestalten, lassen sich doch auch aus fiktionalen Schilderungen durchaus Schlüsse über das echte Leben ziehen.
Ohlers angenehmer Stil macht die Lektüre beider Teile zu einem großen Vergnügen, denn er schreibt nicht nur lesbar und allgemeinverständlich, sondern auch sehr menschlich, mit viel Gespür für Alltägliches und über die Jahrhunderte hinweg Verbindendes, gelegentlich sogar mit unterschwelligem Humor.
Abgerundet wird die Darstellung durch zahlreiche Abbildungen und einen nützlichen Anhang, der unter anderem eine Zeittafel zu wichtigen Reisen zwischen dem 5. und 16. Jahrhundert bietet.
Die Forschung zu einzelnen Aspekten des Reisens im Mittelalter mag vielleicht in den letzten Jahrzehnten noch etwas vorangekommen sein. Alles in allem bietet Ohlers Buch jedoch immer noch einen hervorragenden Einstieg in das Themengebiet, der Lust auf mehr macht und einen vor allem so nahe an die zeitgenössischen Quellen heranführt, dass man etwaige Berührungsängste schnell verliert. Allen Neugierigen seien die Reisen im Mittelalter also hiermit ausdrücklich ans Herz gelegt.

Norbert Ohler: Reisen im Mittelalter. München, DTV, 4. Auflage 1995 (Original: 1986), 456 Seiten.
ISBN: 3760819133


Genre: Geschichte
The Mystery of the Hanging Garden of Babylon

The Mystery of the Hanging Garden of Babylon

Als eines der sieben Weltwunder der Antike sind die Hängenden Gärten von Babylon allgemein bekannt, aber dennoch weiß man zugleich fast nichts über sie. Während andere Weltwunder entweder in – freilich meist geringen – Resten bis heute überdauert haben oder zumindest in Schilderungen zeitgenössischer Augenzeugen ausführlich dokumentiert sind, setzen die Quellen im Falle der Hängenden Gärten erst Jahrhunderte nach ihrer Entstehung (und vielleicht auch Zerstörung) ein. Die zwischen hellenistischer Zeit und Spätantike verfassten Beschreibungen der Gärten sind sich zwar über die terrassenartige Anlage und das versteckte Bewässerungssystem einig, aber nicht einmal darüber, wer das Weltwunder erbauen ließ – neben der legendären Königin Semiramis werden auch Nebukadnezar II. und ein namentlich nicht genannter (as)syrischer König ins Spiel gebracht.
An dieser Stelle setzt die Theorie der renommierten Assyriologin Stephanie Dalley an. In dem namenlosen assyrischen König der antiken Schilderungen sieht sie den um 700 v. Chr. regierenden Sanherib, aus dessen Zeit nicht nur ausgedehnte Aquädukte erhalten sind, die seine Residenzstadt Ninive mit Wasser versorgten, sondern auch Schrift- und Bildquellen, die die Existenz eines terrassenförmig angelegten, mit einem innovativen Schraubensystem bewässerten Palastgartens belegen.
Die Auswertung dieses auch in zahlreichen Abbildungen liebevoll aufbereiteten Materials macht das Herzstück des Buchs aus und liest sich faszinierend, vor allem, da der anscheinend sehr technikbegeisterte Sanherib darin in Ansätzen individuelle Züge gewinnt, die bei vielen anderen altorientalischen Herrschern allenfalls undeutlich auszumachen sind.
Phantasievoller und damit auch unsicherer wird es dagegen, wenn Dalley Überlegungen anstellt, wie es in der Antike zur Verwechslung von Sanheribs Garten mit einem vielleicht gar nicht in dieser Form vorhandenen in Babylon gekommen sein könnte. Zu all den Thesen einer Gleichsetzung Ninives mit Babylon, eines Verschmelzens der Herrschergestalten Sanherib und Nebukadnezar und eines Überdauerns der Gärten oder des Wissens darum über die Verwüstung Ninives 612 v. Chr. hinaus bis in die Epoche Alexanders des Großen kann man eigentlich nur sagen, dass das,  was Dalley vermutet, zwar möglich, aber nicht erwiesen ist.
Wie bei fast allen historischen Sachbüchern, die anhand von Indizien und Spekulationen eine Neubewertung vermeintlich gesicherten Wissens präsentieren, bleiben daher auch nach dieser Lektüre leise Zweifel. Dalleys Argumentation wirkt zwar in vielen Bereichen überzeugend, aber unanfechtbar ist sie nicht, und vor allem die Frage, ob Sanheribs „hängender“ Garten nicht auch anderswo – vielleicht eben in Babylon – kopiert worden sein könnte, lässt sich auf Basis des heute Bekannten einfach nicht abschließend klären.
Doch darauf kommt es letztlich auch gar nicht an, denn was die von ihr herangezogenen Quellen und Funde eindringlich zeigen, ist, dass es in Ninive eine hochstehende Gartenkunst und eine ausgefeilte Bewässerungstechnik gegeben haben muss. Gerade vor dem Hintergrund der Tatsache, dass man sich die Assyrer oft nur als kriegerisches Volk ausmalt und sich über ihre Interessen und Leistungen in Friedenszeiten viel zu selten Gedanken macht, ist diese Erkenntnis allein die Lektüre des Buchs mehr als wert, ganz gleich, ob es sich bei Sanheribs Garten nun um die berühmten „Hängenden Gärten“ gehandelt haben mag oder nicht.

Stephanie Dalley: The Mystery of the Hanging Garden of Babylon. An Elusive World Wonder Traced. Oxford, Oxford University Press, 2015 (Originalausgabe: 2013), 279 Seiten.
ISBN: 9780198728849


Genre: Geschichte
Bilderwelten der Bronzezeit

Bilderwelten der Bronzezeit

Felskunst assoziiert man oft vor allem mit der Steinzeit. An vielen Stellen in Skandinavien und in weit geringerem Maße auch in Norddeutschland sind jedoch in Felsen und Steine gemeißelte oder geritzte Bilder überliefert, die aus der Bronzezeit stammen. Der zeitliche Schwerpunkt ihrer Entstehung lag wohl in der jüngeren Bronzezeit (in den Jahrhunderten um 1000 v.Chr.), da stilistische Vergleiche mit Gravuren auf Bronzeobjekten dieser Epoche große Ähnlichkeiten zu den Felsdarstellungen erkennen lassen.
Diesen Bilderwelten der Bronzezeit spürt Torsten Capelle in seinem reizvollen, handlichen Bildband nach und bleibt in seiner Beschreibung der stark stilisierten Darstellungen wohltuend sachlich und nüchtern, statt sich auf übertriebene Spekulationen einzulassen. Da Schriftquellen fehlen, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit rekonstruieren, was die oft wohl nur lokal tätigen Künstler mit ihren Felsbildern ausdrücken wollten. Auffällig ist jedoch, dass diese meist abseits von Siedlungen lagen und nicht unbedingt einen repräsentativen Querschnitt des Alltagslebens wiedergeben.
Vor allem zeigt sich dies an der Auswahl der abgebildeten Menschen, die nicht die tatsächliche Zusammensetzung der damaligen (oder sonst irgendeiner) Gesellschaft widerspiegelt: Wo die stark abstrahierten Silhouetten überhaupt eine Geschlechtsbestimmung erlauben, scheint es sich bei den Gezeigten überwiegend um unbekleidete Männer zu handeln. Eindeutig als Frauen zu bestimmende Figuren treten seltener auf, Kinder praktisch nie. Dagegen scheint es sich in der Tierwelt teilweise genau umgekehrt zu verhalten: So sind z.B. zahlreiche Elchkühe in den Felsbildern belegt, dagegen aber kein einziger Elchbulle (oder doch zumindest keiner mit Schaufelgeweih).
Auch die festgehaltenen Situationen stammen aus nur wenigen Bereichen, die nicht den gesamten menschlichen Erfahrungsschatz umfassen. So finden sich neben Tier-, Wagen- und Schiffsbildern und imitierten Hand- und Fußabdrücken vor allem Szenen mit Kämpfen, Jagden und Tänzen, möglicherweise auch mit rituellen Handlungen (auch wenn Capelle sich hier in der Interpretation sehr zurücknimmt). Ein kultischer Hintergrund irgendeiner Art ist zumindest bei den Bildern anzunehmen, die gar nicht (dauerhaft) für die Augen lebender Betrachter bestimmt waren, sondern sich auf der Innenseite von Steinkistengräbern finden. Gerade bei diesem Phänomen hätte man sich Vergleiche mit ähnlichen Bräuchen etwa in mediterranen Kulturen gewünscht und muss bedauern, dass hier die skandinavische Bronzezeit relativ isoliert betrachtet wird.
Doch der informative und lesenswerte Text ist zugegebenermaßen gar nicht der Teil des Buchs, der am meisten Freude macht. Viel mehr Spaß bereitet es einem, in der Fülle von Fotos und Umzeichnungen der Funde selbst auf Entdeckungstour zu gehen, nach wiederkehrenden Motiven zu suchen und eigene Überlegungen anzustellen. Jedem, der sich auch nur ein bisschen für prähistorische Kunst interessiert, sei daher dieser Band als guter Einstieg in ein spannendes Thema ans Herz gelegt.

Torsten Capelle: Bilderwelten der Bronzezeit. Felsbilder in Norddeutschland und Skandinavien. Mainz, Philipp von Zabern, 2008, 128 Seiten.
ISBN: 9783805338332


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur
Trier

Trier. Biographie einer römischen Stadt

Die erhaltenen römischen Bauwerke in Trier wie z.B. die Porta Nigra oder die Kaiserthermen zählen sicher zu den bekanntesten Zeugnissen der Antike in Deutschland. Wie diese Stadt mit ihrer multikulturellen Bevölkerung (zu der neben Römern auch keltische Treverer und griechischsprachige Zuwanderer aus dem Osten des römischen Reichs zählten) entstand und sich entwickelte, zeichnet Frank Unruh in seinem lesenswerten Bildband Trier. Biographie einer römischen Stadt nach.
Unter Augustus wohl um 17 v.Chr. – so zumindest die dendrochronologische Datierung der ersten nachweisbaren Moselbrücke – als Augusta Treverorum gegründet, entwickelte Trier sich trotz gelegentlicher politscher Unruhen zum Wirtschaftszentrum und Verkehrsknotenpunkt. Wichtig war dabei nicht zuletzt die Lage in bequemer Nähe zum Grenzgebiet am Rhein, aber doch zugleich im vor Überfällen und Angriffen relativ geschützten Hinterland. Gerade in der für weite Teile des römischen Reichs eher krisenhaften Zeit ab dem 3. Jahrhundert konnte Trier so noch einmal zu einer besonderen Blüte gelangen. Unter den Tetrarchen sogar zur Kaiserresidenz aufgestiegen, wurde die nun als Treveris bezeichnete Stadt in der Spätantike zu einem bedeutenden Bischofssitz des jungen Christentums. Während sich einerseits nach einer langen Übergangsperiode des Nebeneinanders von heidnischer und christlicher Welt die Intoleranz der neuen Religion zeigte (so sind schon für das 4. Jahrhundert Verurteilungen und Hinrichtungen von Häretikern belegt), trug sie andererseits dazu bei, über das Ende der weströmischen Herrschaft hinaus ein gewisses Maß an administrativer Kontinuität und kollektiver Identität zu sichern, bis Trier 484 dem expandierenden Frankenreich einverleibt wurde und eine neue Epoche begann.
Unruh legt dabei in seinem flüssig geschriebenen Text den Schwerpunkt auf Bau- und Ereignisgeschichte, die eng miteinander verquickt sind. Neben Fotos der erhaltenen Gebäude bzw. Ruinen finden sich unter den Illustrationen daher auch zahlreiche Rekonstruktionsdarstellungen, bei denen erfreulich klar darauf hingewiesen wird, was belegt und was nur Interpretation ist. Da für Triers Geschichte die religiöse Entwicklung von so zentraler Bedeutung war, wird ausführlich auf Tempel-, Grab- und Kirchenarchitektur eingegangen, in denen die sich wandelnden Glaubenssysteme ihren sichtbarsten Ausdruck fanden. Aber auch Details der Ausstattung von Wohnhäusern und öffentlichen Bauten (z.B. Wandmalereien und Mosaiken) nehmen breiten Raum ein. Einzelfunde wie Glas, Keramik, Münzen oder Schmuck kommen zwar auch zur Sprache und werden prächtig ins Bild gesetzt, doch insgesamt tritt der Bereich der Alltagshistorie etwas stärker in den Hintergrund als in vergleichbaren regionalgeschichtlichen Publikationen (wie etwa Thomas Fischers und Marcus Triers Das römische Köln).
Positiv fällt auf, dass in vielen Fällen hervorgehoben wird, ob und wie Reste von Gebäuden und besonders interessante Funde heute für Besucher zugänglich oder museal präsentiert sind. So macht die Lektüre auch und vor allem Lust, Triers römisches Erbe einmal selbst zu erkunden.

Frank Unruh: Trier. Biographie einer römischen Stadt. Philipp von Zabern (WBG), Darmstadt, 2017, 112 Seiten.
ISBN: 9783805350112 (Antike-Welt-Sonderheft, hier besprochen; ISBN der Buchhandelsausgabe: 9783805350129)


Genre: Geschichte
Neues über die alten Römer

Neues über die alten Römer. Von A wie Aftershave bis Z wie Zocker

An Karl-Wilhelm Weeber kommt man seit vielen Jahren nicht vorbei, wenn es um populärwissenschaftliche Bücher zur römischen Kulturgeschichte geht: In der Sache immer seriös, zugleich aber äußerst unterhaltsam informiert er über die unterschiedlichsten Aspekte des alten Rom. Auch Neues über die alten Römer enttäuscht in dieser Hinsicht nicht und bietet wirklich das im Titel versprochene „Neue“, werden in dem kleinen Lexikon doch gerade die Themen aufgegriffen, die in den meisten anderen Überblicksdarstellungen zu kurz kommen oder schamhaft verschwiegen werden. Hier werden sie nicht nur quellennah erörtert, sondern teilweise auch noch von Ferdinand Wedler sehr witzig in Illustrationen eingefangen, die stilistisch von römischen Graffiti inspiriert sind.
Die Stichwörter sind bewusst modern gehalten – so findet man etwa Einträge zum Thema Deodorant (in gewisser Form bekannt und wirksam), Verhütungsmittel (in gewisser Form bekannt und wirksam) oder Voodoo-Puppe (in gewisser Form bekannt und … nun ja, schon damals in ihrer Wirksamkeit eindeutig Ansichtssache).
Auf Sonderseiten unter der Überschrift Stimmt es, dass … werden zudem viele populäre Fehlannahmen aufgeklärt und scheinbare Gewissheiten hinterfragt. In dieser Rubrik lernt man beispielsweise, dass bis heute unklar ist, ob man unter der in literarischen Quellen mit dem Ausdruck (con)verso pollice – „mit gewendetem Daumen“ – beschriebenen Geste, die über das Schicksal eines Gladiators entschied, wirklich eine Drehung des Daumens nach unten verstehen kann, wie man im 19. Jahrhundert glaubte. Denn ein Bild der Gebärde ist aus der Römerzeit nicht überliefert (oder zumindest bisher nicht entdeckt worden).
Weeber legt dabei viel Wert darauf, die Antike in ihrer Fremdartigkeit ernstzunehmen, scheut sich aber dennoch nicht, berechtigte Kritik an vielen Eigenheiten des Lebens im Römischen Reich zu üben: Sklaverei, mangelnde Gleichberechtigung und Brutalität (die sich nicht nur in blutigen Tierhetzen und Gladiatorenspielen zeigte, sondern etwa auch in Gewalt in der Erziehung oder im Umgang mit Gefangenen) werden nicht schöngeredet. Problemen wie Altersarmut oder Kinderarbeit sind sogar ganze Abschnitte gewidmet.
Umgekehrt wird jedoch auch hervorgehoben, dass die Römer uns Heutigen in manchen Belangen voraus waren und durchaus Vorbildfunktion entfalten könnten. So sind zwar Vorurteile gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen punktuell überliefert, aber Rassismus im neuzeitlichen Sinne oder eine generelle Migrantenfeindlichkeit gab es nicht.
In anderen Bereichen wiederum ist die Antike der Gegenwart so ähnlich, dass man ein Schmunzeln nicht unterdrücken kann: Am Kauf von nicht in jedem Fall geschmackvollen Souvenirs und Fanartikeln hatten die Menschen offenbar auch vor zweitausend Jahren schon genauso viel Spaß wie heute.
Dieses Bekannte im Andersartigen und das doch etwas Andersartige im (vermeintlich) Bekannten greifbar zu machen, ist Weebers großes Talent, und sein Humor und seine Begeisterung für Rom sind noch bei den abseitigsten Fragestellungen zu spüren. Nicht ohne Grund hätte er, wie er im Vorwort ausführt, gern ein Zitat einer seiner Lateinschülerinnen als Titel für dieses Buch gewählt, stieß dabei aber leider beim Verlag auf wenig Gegenliebe: „Am schönsten ist es, wenn Herr Weeber von römischen Klos erzählt.“
Dem kann man bei allem Kopfschütteln über die deftige Formulierung nur zustimmen.

Karl-Wilhelm Weeber: Neues von den alten Römern. Von A wie Aftershave bis Z wie Zocker. Darmstadt, Theiss (WBG), 2015, 336 Seiten.
ISBN: 9783806228410


Genre: Geschichte
Helenas Töchter

Helenas Töchter

Unter Althistorikern gilt Mode- und Kostümgeschichte oft allenfalls als Nischenthema. Wie grundfalsch es jedoch ist, Kleidung, Accessoires und ihren raschen oder langsamen Wandel als bloße Oberflächlichkeit abzutun, zeigen Klaus Junker und Sina Tauchert in ihrem schönen, reich illustrierten Band Helenas Töchter. Frauen und Mode im frühen Griechenland.
Herstellung und Pflege von Textilien waren im alten Griechenland mit seiner ausgeprägten Geschlechterrollenverteilung ein zentrales Aufgabenfeld der Frauen. Doch Kleidung machte nicht nur Arbeit, sondern war auch ein unverzichtbares Element weiblicher Selbstdarstellung in einer Welt, die Frauen ansonsten abgesehen von bestimmten religiösen Funktionen nur wenige Möglichkeiten einräumte, sich öffentlich zu präsentieren und auszudrücken.
Weil Kleider in aller Regel die Jahrtausende gar nicht oder allenfalls fragmentarisch überdauern, ist zur Rekonstruktion der Mode der hier behandelten archaischen bis frühklassischen Zeit ein Rückgriff auf Text- und vor allem Bildquellen notwendig. Neben Vasenbildern, die gerade im früheren Teil der Epoche oft stark stilisiert und deshalb nur bedingt aussagekräftig sind, spielen Reliefs und Statuen eine große Rolle. Da Reste ihrer ursprünglichen Bemalung mit modernen Methoden wieder sichtbar gemacht werden können, geben sie nicht nur Aufschluss über die Art der Gewänder, sondern auch über Farbgebung, Muster und Ornamente.
Deutlich wird vor allem ein beharrlicher Grundzug, der im Vergleich zur heutigen Kleidung, aber auch zu der zeitgleicher Kulturen (etwa im alten Orient) überrascht: In der altgriechischen Mode wurde so wenig wie möglich genäht und kaum etwas zugeschnitten. Der wichtigste Herstellungsschritt war das Weben, bei dem gern schon Verzierungen eingefügt wurden; die Stoffbahnen drapierte man dann mithilfe von Gürteln und Gewandnadeln am Körper. Die so entstandenen Kleidergrundformen Chiton und Peplos existierten jahrhundertelang, wurden aber in Stoffqualität und Trageweise und mit allerlei Accessoires erstaunlich vielfältig variiert.
Einfluss auf die Mode hatten dabei nicht nur individuelle Vorlieben, obwohl auch sie immer wieder aufscheinen. Vielmehr waren auch kultureller Austausch und politische Situation von nicht zu unterschätzender Bedeutung. So zeigen Junker und Tauchert etwa am Beispiel der durch Fernhandel reich gewordenen Inselpolis Samos, wie ägyptische und kleinasiatische Vorbilder in der griechischen Damenmode abgewandelt wurden. Die Entwicklung in Athen dagegen zeigt die Abhängigkeit dessen, was als angemessene Kleidung galt, von der jeweiligen Herrschaftsform: Während man unter der Tyrannis der Peisistratiden versuchte, sich gegenseitig durch prunkvolle Gewänder, reichen Schmuck und üppige Frisuren zu übertrumpfen, wandelte sich die Mode mit dem Erstarken der Demokratie und des Gleichheitsgedankens grundlegend. Nun waren schlichtere Kleider aus oft ungemusterten Stoffen und unkompliziert hochgebundene Haare gefragt. Mit den Perserkriegen schließlich erreichten modische Anregungen aus dem Orient auch das griechische Festland: Plötzlich sind auch hier tunikaähnliche Kleidungsstücke mit langen Ärmeln nachweisbar.
Zur Ergänzung des spannenden Bilds, das sich aus den vielen akribischen Einzelbeobachtungen ergibt, hätte man sich nur zweierlei noch gewünscht: ein genaueres Eingehen auf die nur ganz am Rande erwähnte Fußbekleidung (oder ihr gelegentliches Fehlen) und einen Ausblick in die spätere Klassik und die hellenistische Zeit (für die allerdings die Quellenbasis dürftiger ist, wie die Autoren selbst erläutern). Ein wenig entschädigt für das Fehlen der weiteren antiken Entwicklung allerdings ein Exkurs, der auf die moderne Rezeption altgriechischer Kleidung eingeht, deren charakteristische Elemente Anfang des 20. Jahrhunderts der spanische Designer Fortuny mit dem Delphos-Kleid aufgriff.
Der schönste Schluss, den man aus der vergnüglichen und bereichernden Lektüre ziehen kann, ist also vielleicht der, dass sich die Beschäftigung mit der Antike nicht nur aus historischem Interesse lohnt, sondern auch reichlich ästhetische Inspiration zu bieten hat.

Klaus Junker, Sina Tauchert: Helenas Töchter. Frauen und Mode im frühen Griechenland. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2015, 136 Seiten.
ISBN: 9783805348584


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur
Pantheon

Pantheon

Schon auf dem schön gestalteten Umschlag verspricht Jörg Rüpkes Pantheon eine Geschichte der antiken Religionen. Titel und Untertitel führen jedoch in die Irre, und das nicht nur, weil der geographische Schwerpunkt allein auf Italien und insbesondere Rom liegt, so dass etwa die Religion in Griechenland bis auf wenige Erwähnungen am Rande ausgespart bleibt. Vor allem ist es der Begriff „Pantheon“, der die falschen Assoziationen weckt, denn wer detaillierte Informationen über die Götterwelt der Antike und die mit den verschiedenen Gottheiten verbundenen Mythen, Bildwerke und Bräuche erwartet, wird hier nicht fündig. Rüpke geht es gerade nicht darum, Sagen nachzuerzählen oder bis in alle Einzelheiten die Praktiken individueller Kulte auszuloten. Vielmehr fragt er nach den großen Entwicklungslinien und dem Wesen von Religion an sich und ist dabei bemüht, einengende Denkschablonen aufzubrechen.
Religion ist für ihn primär die Kommunikation des Einzelnen mit höheren Mächten, zugleich aber auch mit anderen Menschen, deren Billigung, Duldung oder Ablehnung des individuellen religiösen Handelns zu allen Zeiten einen entscheidenden Faktor bildete. Mehr oder minder öffentlich gelebte Religiosität war daher immer auch Selbstdarstellung – sei es ganz unverhohlen in Form von Stifterinschriften oder Grabbauten, sei es mittelbar durch die Übernahme spezifischer Rollen im kultischen Kontext, den Vollzug bestimmter Rituale oder die Betonung eines besonders engen Verhältnisses zu ausgewählten Gottheiten.
Die entscheidende Entwicklung, die sich dabei zwischen der nur bruchstückhaft zu rekonstruierenden Religiosität der Eisenzeit und der Spätantike mit ihren Mysterienkulten und der Genese des Christentums vollzog, ist für Rüpke der Wandel von einem Primat situativ angemessenen rituellen Handelns zur identitätsstiftenden, aber auch ab- und ausgrenzenden Zugehörigkeit zu einer Religion.
Parallel zu dieser Entwicklung wurden religiöse Kenntnisse immer stärker systematisiert und dogmatisiert: Standen am Anfang ein Lernen durch Beobachtung von und Teilnahme an religiösen Handlungen und eine gewisse Offenheit, bemühte man sich schon in der späten Republik und in der Kaiserzeit, Überliefertes schriftlich festzuhalten und zu ordnen, während mit dem aufkommenden Christentum die Texte selbst zum konstituierenden Element einer Glaubensüberzeugung werden konnten. Mit dieser allmählichen Herausbildung eines theologischen Expertenwissen gingen auch eine Einschränkung der religiösen Kompetenz, die man Individuen zubilligte, und eine fortschreitende Institutionalisierung und Hierarchisierung religiöser Gemeinschaften einher. Am Ende der Antike bestand dann in den Grundzügen bereits etwas, das unserem heutigen Verständnis von Religion nahekam, aber von den Anfängen sehr weit entfernt war.
Diese Geschichte erzählt Jörg Rüpke ungemein kenntnisreich, mit spürbarer Begeisterung für sein Thema und unter Verwendung zahlreicher einleuchtender Beispiele aus literarischen und archäologischen Quellen. Besonders erfreulich ist, dass er den Blick auf religiöse Ausdrucksformen und Handlungsspielräume von Männern und Frauen gleichermaßen lenkt und hier auch deutlich macht, wie stark soziale und religiöse Rollenzuschreibungen sich beeinflussen konnten (z.B. bei der Zuweisung des doch recht einschränkenden Vestalinnenamtes allein an Frauen oder bei deren Verdrängung aus dem christlichen Episkopat).
Allein stilistisch wird es bisweilen ein wenig sperrig. Man hat durchaus Verständnis dafür, dass Rüpke in seinem Bemühen, einen ungewohnten Zugang zur Religion in der Antike zu suchen, gezielt differenzierte Formulierungen wählt und neue Begrifflichkeiten etablieren möchte. Aber begegnet man zum wiederholten Male z.B. den „nicht unbezweifelbar plausiblen Akteuren“ – so Rüpkes Sammelbegriff für Götter, Ahnen und andere übernatürliche Adressaten religiösen Handelns -, sehnt man sich doch insgeheim nach einem unkomplizierteren Ausdruck.
Davon sollte man sich jedoch von der Lektüre nicht abschrecken lassen, denn um die Denkanstöße, die einem sonst entgehen würden, wäre es schade. Ein spannendes und intellektuell anregendes Buch!

Jörg Rüpke: Pantheon. Geschichte der antiken Religionen. München, C. H. Beck, 2016, 559 Seiten.
ISBN: 9783406696411


Genre: Geschichte
1066

1066. Der Kampf um Englands Krone

Die Schlacht bei Hastings im Jahre 1066 und die hauptsächliche Bildquelle dazu – der Teppich von Bayeux – sind sicher den meisten historisch Interessierten ein Begriff. Die Assoziationen, die sich damit verbinden, sind aber oft noch stark von einer nationalistisch orientierten Geschichtsschreibung geprägt, die in der Eroberung Englands durch die Normannen primär das Ergebnis eines Konflikts zweier Völker sah.
Eine zeitgemäßere Perspektive, die den tatsächlichen mittelalterlichen Verhältnissen besser gerecht wird, bietet Jörg Peltzers packend erzähltes Buch 1066. Zwar wählt er das titelgebende Jahr mit seinen drei entsetzlichen Schlachten bei Fulford Gate, Stamford Bridge und schließlich Hastings als Kristallisationspunkt seiner Schilderung, doch im Mittelpunkt stehen die Voraussetzungen, unter denen es überhaupt zu diesen Auseinandersetzungen kommen konnte.
Zentral für das Verständnis der Vorgänge sind die drei wesentlichen Protagonisten, die nach dem Tod Eduards des Bekenners im Kampf um Englands Krone (so der Untertitel) aufeinandertrafen: Wilhelm der Eroberer, der trotz seiner unehelichen Geburt seinem Vater früh als Herzog der Normandie nachfolgte und seine Position in zahlreichen Kriegen festigte, Harold Godwinson, der als Repräsentant einer der führenden angelsächsischen Adelsfamilien nach der Herrschaft griff, und Harald Hardrada, der nach einem abenteuerlichen Leben schon die norwegische Krone errungen hatte und nun auch noch England seinem Einflussbereich hinzuzufügen trachtete.
In ihrer Bereitschaft zu skrupellosem Vorgehen (teilweise auch zulasten ihrer jeweiligen Familienangehörigen) schenkten alle drei sich wenig. Folgerichtig schildert Peltzer die fast gleichzeitigen Angriffe Haralds und Wilhelms auf England und Harolds gegen Ersteren erfolgreiche, gegen Letzteren aber gescheiterte Abwehr auch primär als Ringen dreier brutaler Machtmenschen, das in einen größeren Kontext der Transformation und Konsolidierung von Herrschaft im 11. Jahrhundert einzubetten ist.
Dass diese Prozesse trotz aller regionalen kulturellen Unterschiede in England, Nordfrankreich und Skandinavien ähnlich verliefen, erklärt sich unter anderem auch daraus, dass der Nordseeraum in dieser Epoche ein eng vernetztes Gebilde darstellte, in dem familiäre Bindungen und Handelsbeziehungen, aber auch Söldnertum und Raubzüge ständige Kontakte schufen. Während Rechts- und Ehrvorstellungen teilweise differierten und gerade zu dieser Zeit in einem Umbruchsprozess begriffen waren, blieben die administrativen Strukturen überall stark personenzentriert.
Überspitzt ausgedrückt gelang die normannische Eroberung Englands deshalb vor allem, weil es Wilhelm anders als seinen beiden Rivalen glückte, bis zum Ende der Kämpfe und darüber hinaus am Leben zu bleiben – und weil auch der Widerstand gegen ihn in den folgenden Jahrzehnten eher von den Partikularinteressen einzelner Führungsgestalten bestimmt war, als eine geschlossene Front zu bilden. Wenngleich nach und nach eine quasi vollständige Verdrängung der alten angelsächsischen Elite durch normannische Große erfolgte, agierten auch einige von diesen selbst auf englischem Boden gegen den König, um eigene Ansprüche durchzusetzen. Wie wichtig deshalb neben der Abwehr weiterer skandinavischer Eroberungsversuche auch die Legitimation nach innen für Wilhelm blieb, zeigt ein genaues Studium der zeitgenössischen historiographischen Quellen und ihrer Argumentationsstrategien, die hier klarsichtig durchleuchtet werden.
Das alles liest sich spannender und lebendiger, als eine trockene Inhaltsskizze vermitteln kann, denn Peltzer erweist sich im Laufe des Buchs als hervorragender Erzähler, der bei aller wissenschaftlichen Seriosität viel Freude an atmosphärischen Beschreibungen und an charmanten Details erkennen lässt (z.B. erfährt man am Rande auch, dass Haralds Kettenhemd „Emma“ hieß). Kartenmaterial und zahlreiche Abbildungen (unter anderem von archäologischen Funden und Gebäuden, aber auch von Ausschnitten des Teppichs von Bayeux) komplettieren den schönen Band. Mitreißend wie ein Roman und auch für Laien gut verständlich, ohne je in Anspruchslosigkeit abzugleiten, ist 1066 ein rundum gelungener Ausflug ins Mittelalter.

Jörg Peltzer: 1066. Der Kampf um Englands Krone. München, C. H. Beck, 2016, 432 Seiten.
ISBN: 9783406697500

 


Genre: Geschichte
Die Skythen

Die Skythen

Von allen Nomaden, die als Zeitgenossen der antiken Griechen Eurasien bevölkerten, haben sich die Skythen den höchsten Bekanntheitsgrad bewahrt – ein erstaunliches Faktum, wenn man bedenkt, dass sie selbst schriftlos waren und man ihre vom 8. bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. fassbare Geschichte nur ansatzweise aus Nachrichten Außenstehender rekonstruieren kann. Zu ihrer bis heute andauernden Popularität tragen in erheblichem Maße aber auch die eindrucksvollen Funde aus ihren Kurganen (Grabhügeln) bei.
Dabei ist der Begriff „Skythen“ sowohl in der Antike als auch in der modernen Forschung mehrdeutig. Bezeichnet er einerseits eine spezifische Ethnie nördlich des Schwarzen Meers, über deren Lebensweise wir relativ umfassend informiert sind, wird er andererseits oft auch auf eine ganze Reihe von Völkern im eurasischen Steppengürtel ausgedehnt. Sauromaten, Massageten, Saken, Issedonen und noch manch andere pflegten die gleiche materielle Kultur wie die eigentlichen Skythen, unterschieden sich aber in Rechtsverständnis und Sozialstruktur teilweise stark von ihnen (z.B., was die jeweilige Stellung von Mann und Frau betraf). Die Schriftquellen in Deckung mit den archäologischen Funden zu bringen, ist nicht immer ganz einfach (etwa hinsichtlich der geographischen Verortung einzelner Siedlungsgebiete).
Hermann Parzinger macht das Beste aus dieser komplizierten Gemengelage. Nach einer für den begrenzten Rahmen des Buchs ausführlichen Vorstellung der historiographischen Quellen behandelt er zunächst die unter dem weitgefassten Skythenbegriff subsumierten Kulturen Sibiriens und Mittelasiens, bevor er ausführlich auf die eigentlichen (Schwarzmeer-)Skythen eingeht, über die sich, unter anderem dank Herodot, die genauesten Aussagen zu Wirtschaftsformen, Gesellschaft, Religion und Begräbnisriten treffen lassen. Ein kurzer Ausblick befasst sich mit dem skythischen Einfluss am Ostrand Mitteleuropas.
So entsteht ein spannendes Bild einer faszinierenden, wenn auch aus heutiger Sicht teilweise sehr fremden Lebenswelt, deren Bräuche Totenfolge und blutige Opferriten aller Art einschlossen, die aber zugleich auch Kontakte nach Griechenland, Persien und China unterhielt und mit ihrem charakteristischen Tierstil eine Kunst hervorbrachte, die zeitlos lebendig und ansprechend wirkt.
Einige Teile des Inhalts werden allen bekannt vorkommen, die schon Die frühen Völker Eurasiens aus der Feder desselben Autors gelesen haben, denn Die Skythen bieten in vielen Fällen eine verkürzte Variante von Fundbeschreibungen, die schon im umfangreicheren Buch Verwendung gefunden haben. Auch die Interpretationen sind im vorliegenden Werk entsprechend komprimiert und oft auch – wohl der breiteren Zielgruppe angepasst – vereinfacht und vereindeutigt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Beschreibung der Doppelbestattung aus dem Kurgan II von Pazyryk, bei der hier konventionell der offenbar gewaltsam umgekommene Mann als fürstlicher Grabherr dargestellt wird, dem die Frau (deren Todesursache unklar ist) im Rahmen des auch literarisch belegten Totenfolgebrauchs beigegeben wurde. In den Frühen Völkern Eurasiens wird dagegen zusätzlich die Möglichkeit diskutiert, dass für eine eines natürlichen Todes gestorbene hochgestellte Frau ein niederrangiger Mann als Grabbeigabe getötet worden sein könnte. Die Verengung auf die gewissermaßen klassische der beiden Alternativen ist angesichts der Kürze des Buchs verständlich, suggeriert aber natürlich auch eine Eindeutigkeit des Befunds, die vielleicht gar nicht gegeben ist.
Karten, Rekonstruktionen und Fundzeichnungen runden den kompakten Band ab. Auf Fotos wurde dagegen leider abgesehen von der Coverabbildung verzichtet; sie hätten noch eine sinnvolle Ergänzung bilden können, bestechen doch viele skythische Funde (ob nun die Werke der Goldschmiedekunst oder die im Dauerfrostboden erhaltenen Textilien und Holzschnitzereien) vor allem durch ihr Material und ihre Farbenpracht.
Doch auch ohne die Unterstützung solcher Bilder versteht Parzinger die Faszination der skythischen Kultur greifbar zu machen, und wer nach der Lektüre dieser gelungenen Einführung neugierig geworden ist, findet in den knappen Literaturhinweisen gute Anregungen für eine tiefergehende Beschäftigung mit dem Thema.

Hermann Parzinger: Die Skythen. München. C. H. Beck, 3. Aufl. 2009, 128 Seiten.
ISBN: 9783406508424


Genre: Geschichte
Im Schatten der Paläste

Im Schatten der Paläste

Standen traditionell eher das klassische Athen oder der Hellenismus im Fokus der Forschung über die Griechen der Antike, ist seit einigen Jahren ein verstärktes Interesse an der archaischen Epoche zu beobachten (man denke etwa an Robin Lane Fox‘ Reisende Helden oder an Elke Stein-Hölkeskamps Die Stadt und das Meer). Auch Klaus Bringmann nimmt sich nun in Im Schatten der Paläste der Archaik und der vorausgehenden Dunklen Jahrhunderte an, in denen sich nach dem Ende der Mykenischen Kultur allmählich das herausbildete, was wir als spezifisch griechisch begreifen.
Große Einheitlichkeit ist damit freilich nicht impliziert, denn Griechenland war in der Antike alles andere als ein politisch homogenes Gebilde und bestand aus über 1000 zumindest nominell unabhängigen Gemeinwesen, die sich in ihrer inneren Organisation, ihren Dialekten und in ihrem Selbstbild oft erheblich voneinander unterschieden. Für die meisten dieser Poleis ist die Quellenlage weit dürftiger als für die bekannten Beispiele Athen und Sparta, die spätestens mit dem Ende der archaischen Zeit (die für Bringmann in den Perserkriegen ihren Abschluss findet) zu überregional bedeutenden Mächten aufstiegen.
Die Geschichte des frühen Griechenlands – so der Untertitel – lässt sich daher nicht als kontinuierliche Ereignisfolge erzählen, sondern eher als Tableau langfristiger kultureller und sozialer Entwicklungen, die bei aller heterogenen Kleinstaaterei Gemeinsamkeiten zeigen.
Neben der Religion, die durch allgemein anerkannte Kultstätten (wie etwa das Orakel von Delphi) und Veranstaltungen (z.B. die Olympischen Spiele) als verbindendes Element wirkte, erschließen sich in Bringmanns Perspektive vor allem zwei Faktoren, die für den gesamten griechischen Raum prägend waren. Zum einen ist dies die relativ krage Landwirtschaft, die nicht allen ein einträgliches Auskommen bot und so viele in den Seehandel, die Piraterie oder die Koloniegründung trieb, zum anderen aber die gesellschaftliche Dominanz einer in permanenter interner Konkurrenz lebenden Adelsschicht. Sowohl das Wetteifern untereinander (sei es in kriegerischen Auseinandersetzungen oder friedlicher in Sport und Prachtentfaltung) als auch familiäre und freundschaftliche Bindungen endeten für diese Elite nicht an den Grenzen des Stadtstaats oder auch nur des griechischen Sprachraums. Wie diverse Einzelschicksale zeigen, war für viele führende Griechen auch der Wechsel in die Dienste des persischen Großkönigs durchaus eine Option.
Dementsprechend erteilt Bringmann auch allen Interpretationen der Perserkriege als Kampf zwischen Europa und Orient oder gar Freiheitsliebe und monarchischer Unterdrückung eine Absage, ohne jedoch die geistesgeschichtliche Bedeutung dieser Einschätzung zu negieren. Für ihn ist vielmehr auch dieser Konflikt ein Auswuchs des immer weiter gesteigerten Ringens um Vorrang und Einfluss, das innenpolitisch – mit Ausnahme von Sonderfällen wie Sparta – letztlich nur in zwei gegenläufige Entwicklungen münden konnte: die Durchsetzung der Herrschaft eines Einzelnen, wie sie in der Tyrannis manifest wurde, oder die institutionelle Verhinderung eines solchen Ungleichgewichts durch die Kontrollmechanismen einer Demokratie.
Dies alles wird angenehm quellennah mit ausführlichen Zitaten aus zeitgenössischen literarischen Werken vermittelt. Positiv fallen auch die ausführlichen Bildunterschriften der zahlreichen Illustrationen auf, die so besser als in vielen anderen Publikationen erläutert und in den Kontext eingeordnet werden.
Zu  allen spekulativen Theorien bleibt Bringmann dagegen auf Distanz und stützt sich gerade in Fällen, in denen in den letzten Jahren viele neue Hypothesen aufgestellt worden sind (z.B. beim sogenannten Seevölkersturm oder bei der Dorischen Wanderung), auf bewährte Erkenntnisse.
Um einen soliden Überblick über die griechische Frühzeit zu gewinnen, ist Im Schatten der Paläste also bestens geeignet. Wer noch tiefer ins Thema einsteigen möchte, findet in der ausführlich kommentierten Bibliographie gegen Ende des Bandes fundierte Hinweise.

Klaus Bringmann: Im Schatten der Paläste. Geschichte des frühen Griechenlands. Von den Dunklen Jahrhunderten bis zu den Perserkriegen. München, C. H. Beck, 2016,
ISBN: 9783406697166


Genre: Geschichte