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Vor den 7 Bergen

Vor den 7 Bergen

Sieben Geschwister wünschen sich nichts sehnlicher, als aus ihrer verregneten Heimat zur Großmutter in die Berge zu fahren. Doch obwohl sie findig den Aufenthalt mit der alten Dame absprechen, kommt so einiges dazwischen, bevor es endlich losgehen kann – erst steht eine Erkrankung dem Projekt im Wege, dann sorgen berufliche Verpflichtungen der alleinerziehenden Mutter für eine Verzögerung. Als dann die lang geplante Reise endlich beginnt, droht in letzter Sekunde alles an einer Autopanne zu scheitern. Wie das Abenteuer doch noch ein glückliches Ende nimmt, lässt sich in Vor den 7 Bergen. Davon, wie Schneewittchens Enkel in die Berge wollen und alles schiefgeht nachlesen.
Es ist eine charmante, in kindgerecht einfache Sprache gefasste Geschichte, die hier erzählt wird, aber vor allem lebt sie vom glänzenden Zusammenspiel zwischen Annette Feldmanns Worten und Mareike Engelkes Bildern, die nahtlos ineinandergreifen. Die Illustrationen – eine ganz eigene Mischung aus Collage, Stilisierung und vermeintlichen Kinderzeichnungen – rahmen nicht nur den Fließtext, sondern sind auch fast comichaft mit an Handschrift gemahnender wörtlicher Rede versehen, die das Medium Bilderbuch optimal ausnutzt. Die hochwertige Ausstattung (komplett mit Glitzerveredlung der Äpfel auf dem Cover) tut ein Übriges, Vor den 7 Bergen zum kleinen Gesamtkunstwerk zu machen.
Kinder werden sicher vor allem ihren Spaß an den vielfältigen Alltagserlebnissen der quirligen, aus ganz verschiedenen Persönlichkeiten bestehenden Geschwisterschar haben und sich vom visuellen Humor angesprochen fühlen; gerade die munteren Aktionen des Familienhunds bringen einen immer wieder zum Schmunzeln.
Für vor- oder mitlesende Erwachsene ergeben sich noch zahlreiche zusätzliche Entdeckungen. Vor allem springen die liebevollen Details ins Auge, von der Auflistung von Apfelnamen auf dem Vorsatzblatt bis hin zu der Tatsache, dass Einzelheiten der dargestellten Landschaft das Niederrheingebiet erahnen lassen, aus dem Autorin und Illustratorin stammen. Den größten Spaß macht aber vielleicht, dass die Geschichte unzählige Versatzstücke aus dem in Titel und Untertitel anklingenden Märchen von Schneewittchen in einen modernen und mehr oder minder realistischen Kontext überführt und teilweise sanft ironisiert. Die sieben „Zwerge“ bzw. Kinder sind hier nur das augenfälligste Element. Auch ein Apfelgeschenk (nicht tödlich) und ein rettend eingreifender Prinz (pardon, Eisverkäufer) spielen eine entscheidende Rolle, und die zwischen ihm und der Mutter im Hintergrund ablaufende Liebesgeschichte wird dezent und herzerwärmend erzählt.
Bilderbuchfans aller Altersstufen dürfen sich hier also auf einen liebenswerten literarischen Leckerbissen mit einem Hauch von Apfelgeschmack freuen. Unbedingt empfehlenswert!

Mareike Engelke, Annette Feldmann: Vor den 7 Bergen. Davon, wie Schneewittchens Enkel in die Berge wollen und alles schiefgeht. Mannheim, Kunstanstifter, 2017, 36 Seiten.
ISBN: 9783942795487


Genre: Kinderbuch
Vögel auf Weltreise

Vögel auf Weltreise

Der Vogelzug gehört zu den auffälligsten und spannendsten Naturphänomenen, die alljährlich in unseren Breiten zu beobachten sind. In ihrem primär für Kinder bestimmten, aber auch für Erwachsene interessanten Sachbuch Vögel auf Weltreise tragen Fleur Daugey und Sandrine Thommen humorvoll und leicht verständlich eine Fülle von nützlichen und teilweise verblüffenden Einzelheiten darüber zusammen.
Ausgangspunkt ist dabei die Tatsache, dass der Vogelzug über Jahrtausende hinweg erstaunlich schlecht erforscht war und zu aus heutiger Sicht eher amüsanten Theorien anregte – etwa zu der, manche Vögel würden Winterschlaf halten und wären deshalb für die Menschen zu dieser Jahreszeit nicht zu sehen. Während das auf die allermeisten natürlich nicht zutrifft, erfährt man hier gleich noch, dass es tatsächlich einen Vogel gibt, der dazu in der Lage ist: Die Winternachschwalbe. Alle anderen, denen mit dem nahenden Winter die Nahrung ausgeht – ob nun Star, Storch oder Schlangenadler -, müssen sich jedoch auf Reisen begeben. Fliegen manche nur vom Hochgebirge in tiefere Lagen wie die Alpenbraunelle, geht es für andere wie die Küstenseeschwalbe um den halben Globus.
Neben grundlegenden Informationen zu Zugrouten, Verhalten und Eigenschaften der Vögel werden auch Veränderungen in jüngster Zeit in den Blick genommen (z.B. die Auswirkungen des Klimawandels, der dafür sorgt, dass manche Vögel nur noch kürzere Strecken ziehen oder gleich ganzjährig in ihren Brutgebieten bleiben). Daneben stehen wissenswerte Einzelfakten (so etwa, dass ein bedauernswerter Sperbergeier seinen Höhenrekord von 11.300 Metern mit einer tödlichen Kollision mit einem Flugzeug bezahlte). Allzu sehr in die Tiefe gehen kann das Buch dabei aufgrund seines relativ begrenzten Umfangs nicht, und es bietet in manchen Passagen auch eher eine Sammlung kurz angerissener Details als eine durchgängige Argumentation, doch das, was Erwähnung findet, bleibt auch dank der gelungenen Illustrationen gut hängen. Leicht stilisiert, aber immer eindeutig zu erkennen werden die unterschiedlichsten Vogelarten ebenso ins Bild gesetzt wie Forschungsmethoden (z.B. Beringung oder Telemetrie) und Umgebungen. Auch das Kartenmaterial ist grafisch sehr nett gestaltet.
Edmund Jacobys Übersetzung aus dem Französischen liest sich flüssig und abwechslungsreich, muss aber allein schon aufgrund der Vielzahl der erwähnten und nicht immer gleichermaßen bekannten Vogelarten eine Herausforderung gewesen sein. Leider haben sich einige kleine Fehler eingeschlichen (z.B. ist die Darstellung eines Graureihers als „Kranich“ beschriftet, und auch der begleitende Text scheint eher auf Reiher als auf Kraniche zu passen, wird aber letzteren zugeordnet).
Abgesehen davon jedoch bieten die Vögel auf Weltreise nicht nur jungen Lesern die Möglichkeit zu einem sehr charmanten und lehrreichen Ausflug in eine partiell vertraute und doch zugleich fremde Welt. Auch wer die erste Lektüre schon hinter sich hat, wird das Buch sicher gern noch mehr als einmal zur Hand nehmen – und sei es nur, um die wirklich sehenswerten Zeichnungen zu betrachten.

Fleur Daugey, Sandrine Thommen: Vögel auf Weltreise. Alles über Zugvögel. Berlin, Jacoby & Stuart, 2016.
ISBN: 9783941787537


Genre: Kinderbuch, Sachbuch allgemein
Girls, Goddesses & Giants

Girls, Goddesses & Giants

Als sie einer Gruppe von Neunjährigen einmal eine Geschichte erzählte – so die Autorin Lari Don in ihrem Nachwort -, machte sie aus einem Drachentöter spontan eine Drachentöterin, um dem ewigen Klischee der passiven Frau zu entkommen, die nur als Siegespreis für den Helden taugt, aber selbst wenig unternehmen darf.
Bei den Kindern war die abgewandelte Version ein voller Erfolg, für Don aber letzlich unbefriedigend, weil sie ihr Quellenmaterial massiv hatte verändern müssen. Inspiriert von der Erfahrung ging sie daher auf die Suche nach alten Mythen, Sagen und Märchen, bei denen schon im Original eine Frau oder ein Mädchen die Heldenrolle einnimmt. Das Ergebnis liegt in dem handlichen Bändchen Girls, Goddesses & Giants vor, in dem Heldinnen aus aller Welt durchaus kindgerecht, aber nicht verniedlicht präsentiert werden.
Gottheiten wie Inanna und Durga sind ebenso vertreten wie zahlreiche Sagen- und Märchenfiguren (z.B. ein patentes Rotkäppchen aus einer frühen Fassung der Geschichte); mit Telesilla kommt sogar eine legendenumwobene historische Gestalt zum Zuge. Ebenso weit gespannt wie der Jahrtausende umfassende zeitliche Bogen ist der geographische Rahmen, der Europa, Asien, Afrika und Amerika abdeckt.
Don erzählt ihre Variante von zwölf ganz unterschiedlichen Geschichten, deren Quellen jeweils im Nachwort offengelegt werden, mit viel Verve und Humor und verleiht so selbst den ältesten Sagen einen Hauch moderner Leichtigkeit. Bei allem Respekt vor der Tradition ironisiert sie treffsicher problematische Aspekte: So wird die klassische böse Stiefmutter als nicht mit den viel netteren Exemplaren aus dem wahren Leben vergleichbar eingeführt, und dass Inanna sich als Göttin zu gut ist, sich die Hände schmutzig zu machen, und daher eine menschliche Begleiterin fürs Grobe benötigt, ist ebenfalls ein paar Spitzen wert.
Abgesehen von dieser Vorliebe für augenzwinkernde Seitenhiebe auf fragwürdige Elemente der Überlieferung ist das Vergnügen der Autorin an schwungvollen Actionszenen und gekonnt geschilderten Monstern unverkennbar. Ob nun Seeschlange, Drache oder Dämon, geheimnisvolle sumerische Ungeheuer oder der gestaltwandelnde Wolf, dem Rotkäppchen begegnet, die Antagonisten werden so liebevoll in Szene gesetzt wie die Heldinnen, die ihnen unweigerlich das Handwerk legen.
Zur charmanten Atmosphäre des Buchs tragen in hohem Maße auch Francesca Greenwoods scherenschnittartige Illustrationen bei, die charakteristische Elemente der einzelnen Geschichten aufgreifen, durch ihre Silhouettenhaftigkeit aber der Phantasie breiten Raum lassen.
Girls, Goddesses & Giants bietet übrigens nicht nur für eine junge Leserschaft einen amüsanten und einfachen Zugang zu sonst weitverstreuten Überlieferungen. Erwachsene werden das Büchlein zwar schnell verschlungen haben, aber um einen ersten Eindruck davon zu gewinnen, dass die traditionellen Erzählungen der verschiedensten Kulturen mehr starke und kämpferische Frauen als vielleicht erwartet zu bieten haben, eignet es sich allemal.

Lari Don: Girls, Goddesses & Giants. Stories of Heroines from around the World. London, A & C Black (Bloomsbury), 2013, 126 Seiten.
ISBN: 9781408188224

 


Genre: Kinderbuch, Märchen und Mythen
Zeichnen für verkannte Künstler

Zeichnen für verkannte Künstler

Die künstlerischen Ambitionen sind groß – aber mangelnde Übung, Selbstzweifel und Unsicherheit, wie man mit Kritik umgehen soll, verhindern die Umsetzung? John Cassidy und der als Roald-Dahl-Illustrator bekannte Quentin Blake versprechen Abhilfe für verkannte Künstler jeglichen Alters. In der Tat kann wahrscheinlich jeder vom Grundschulkind bis zum Rentner großes Vergnügen an diesem etwas anderen Zeichenlehrgang haben, der einen animieren will, spontan „nach der Einfach-Drauf-Los-Methode“ ausdrucksvolle Skizzen hinzuwerfen.
Fotorealistische Zeichnungen werden einem auf diesem Wege zwar nicht gelingen, aber wer es darauf nicht abgesehen hat, findet hier viele Anregungen und am Rande sogar sehr sinnvolle Grundlagentipps zu Perspektive, Anatomie von Mensch und Tier, Mimik und Gestik oder Licht und Schatten. Selbst diese eigentlich ernsthaften Inhalte sind aber augenzwinkernd verpackt (so steht zum Üben des Schattenwurfs etwa ein Hase in unterschiedlichen Posen vor einem Scheinwerfer Modell).
Vor allem aber finden sich viele Zeichnungen zum Vervollständigen (der „grässliche, gefürchtete, 14-beinige Galumposaurus braucht noch ein Hinterteil“) und herrlich absurde Vorschläge (etwa der, „einen Eimer im Londoner Nebel“ aufs Papier zu bringen), die man dank reichlich Platz ggf. auch direkt im Buch umsetzen kann. Charmant wird dabei immer wieder vor übertriebenem Perfektionismus, harscher Selbstkritik und zu starker Orientierung am Urteil anderer gewarnt. Auch dies geschieht zwar in humorvoller und witziger Form, ist aber als Ermunterung und Ermutigung nicht nur beim Zeichnen, sondern bei allen kreativen Tätigkeiten erstaunlich wirkungsvoll.
Ein wenig schade ist allein, dass die Übersetzung dort, wo es gilt, lückentextartig den eigenen Namen einzusetzen, nicht in jedem Fall geschlechtsneutral formuliert ist oder zumindest mehrere Optionen offenhält. Hier würden sich sicher viele kleine und große Künstlerinnen wünschen, mit berücksichtigt worden zu sein.
Doch abgesehen von diesem Wermutstropfen, für den nicht die Autoren, sondern die Tücken der deutschen Grammatik und der Umgang damit verantwortlich sind, ist Zeichnen für verkannte Künstler einfach ein Riesenspaß, der einen auf jeder Seite zum Lachen bringt und einem dabei die Angst davor nimmt, in Sachen Kunst ohnehin ein hoffnungsloser Fall zu sein.

Quentin Blake, John Cassidy: Zeichnen für verkannte Künstler. München, Antje Kunstmann, 2010, 108 Seiten.
ISBN: 9783888976902


Genre: Kinderbuch, Kunst und Kultur
Die Kelten

Die Kelten. Verborgene Welt der Barden und Druiden

Die Kelten erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit: Neben archäologischen Funden und historischer Bedeutung faszinieren insbesondere auch ihre Kunst und ihre reiche Mythologie. So ist es nur konsequent, dass Anne Bernhardi und Birgit Fricke in ihrer für junge Leser gedachten Einführung Die Kelten, die aber auch als lockerer und charmanter Einstieg für Erwachsene taugt, den überzeugend aufbereiteten Sachinformationen gefällige Nacherzählungen irischer und walisischer Sagen an die Seite stellen.
Grundgerüst des Buchs sind thematisch und kulturhistorisch orientierte Kapitel (z.B. zu Gesellschaft, Lebensformen, Krieg und Religion), in die zugleich Hinweise zur Ereignisgeschichte der Kelten von der Hallstattzeit bis hin zur „Irischen Renaissance“ des 19. und frühen 20. Jahrhunderts eingeflochten sind (wobei die späteren Epochen weitaus selektiver behandelt werden als die früheren).
Bei aller der Zielgruppe geschuldeten Raffung und Vereinfachung ist die Darstellung bis auf einige kleine Fehler, die sich eingeschlichen haben (so gab es z.B., anders als hier angegeben, nie ein Jahr 0), kenntnisreich und spart auch heikle und für heutige Gemüter potentiell abschreckende Aspekte (wie etwa den keltischen Kopfkult) nicht aus, ohne sie zu dämonisieren. Neben Quellenzitaten wird durchaus auch überzeugende Quellenkritik geboten (etwa an der Außenperspektive der Griechen und Römer auf das Leben der „Barbaren“) und mehr als einmal eingestanden, dass vieles eben nicht genau zu rekonstruieren und dementsprechend strittig ist. Die ferne Zeit bleibt damit über weite Strecken die Verborgene Welt der Barden und Druiden, die der Untertitel heraufbeschwört, wenngleich in der Formulierung gewiss auch ein wenig die in den literarischen Adaptationen evozierte Anderswelt mit anklingen soll. Wann immer möglich wird auch mit liebgewonnenen Klischees aufgeräumt – Asterix und seine ständig mit der Wildschweinjagd beschäftigten Mitgallier sind, wie rasch deutlich wird, in Sachen keltischer Kultur eben doch nicht der Weisheit letzter Schluss.
Ein nützlicher Anhang mit Glossar samt Aussprachehilfen für keltische Namen, sparsamer Bibliographie, Zeitleiste und Liste von Keltenmuseen im deutschsprachigen Raum rundet das Angebot des Bandes ab.
So empfehlenswert der Text allein insgesamt auch schon wäre, er ist höchstens das halbe Buch. Denn dieses lebt vor allem von Anne Bernhardis ebenso prachtvollen wie sensiblen Illustrationen: Von akkuraten Wiedergaben archäologischer Funde über fabulierfreudige Phantastiedarstellungen aus der Welt der Mythen bis hin zu vielen, vielen Kelten (die – soweit männlichen Geschlechts – oft mit herrlich übersteigerten Schnurrbärten ausgestattet sind), gibt es hier allerlei zum Schwelgen und Schmunzeln zu entdecken. Das Titelbild kann allenfalls einen kleinen Eindruck vermitteln, aber nicht adäquat auf die Kunstfülle vorbereiten, die einen zwischen den Buchdeckeln erwartet. Auch diese ist eine ganz eigene Verborgene Welt, die man mit Wonne erforscht und sicher auch nach der Erstlektüre von Zeit zu Zeit wieder aufsuchen möchte.

Anne Bernhardi, Birgit Fricke: Die Kelten. Verborgene Welt der Barden und Druiden. Hildesheim, Gerstenberg, 2. Aufl. 2010, 128 Seiten.
ISBN: 978-3836953238


Genre: Geschichte, Kinderbuch
Der faule Freund

Der faule Freund

Vielleicht ist es der traditionsreichen französischen Comickultur zu verdanken, dass gerade unser Nachbarland immer wieder brillante Zeichner hervorbringt, die sich darauf verstehen, eine Geschichte auch ohne Worte spannend und anrührend zu erzählen. Ein reines Bilderbuch ohne Text bietet sich für sie als Medium natürlich geradezu an. Im Peter Hammer Verlag sind bereits einige schöne Beispiele dafür erschienen (darunter Béatrice Rodriguez‘ konkurrenzlos guter Hühnerdieb). Nun gesellt sich mit Ronan Badels Faulem Freund ein weiteres, liebevoll gestaltetes Kleinod hinzu.
Schlange, Tukan, Frosch und Faultier leben vergnügt (und sogar kartenspielend) in den Wipfeln einiger Urwaldriesen. Ein Holzfäller setzt diesem Idyll ein abruptes Ende, doch vollends zum Drama wird das unschöne Ereignis erst dadurch, dass das Faultier beim Abtransport der Stämme noch immer an seinem Aststumpf hängt und seine Entführung glatt verschläft. Dass ihr Freund so einfach verschleppt wird, will die Schlange nicht zulassen, und so stürzt sie sich heldenhaft ins Abenteuer, das über holprige Dschungelpisten, eine wackelige Hängebrücke und durch einen Fluss voller Krokodile führt …
Ihren Unterhaltungswert gewinnt die Geschichte dabei nicht nur aus der Wahl der ungewöhnlichen und sehr beweglichen Heldin, sondern auch aus der Tatsache, dass das Faultier ungerührt über (fast) alles hinwegschläft, was die klassische Dynamik eines Rettungsplots natürlich bis ins Absurde gesteigert auf die Spitze treibt. Diesem inhaltlichen Humor steht aber ein feinsinniger visueller zur Seite, der sich vor allem in der herrlichen Mimik der kleinen und großen Urwaldbewohner niederschlägt.
Trotz des skizzenhaft und locker wirkenden Stils sind die Zeichnungen erstaunlich detailfreudig, so dass man manche handlungsrelevante Einzelheit erst auf den zweiten Blick erspäht (z.B. den Laster des Holzfällers, der ganz am Rande des scheinbar friedlichen ersten Bilds schon unheilverkündend naht). Die zarte, recht gedämpfte Farbpalette, die kein Element allein durch schrille Buntheit hervorhebt, lädt aber auch zu genauem Hinsehen und Mitdenken ein. Jedes einzelne der ganzseitigen Kunstwerke hat seinen eigenen Charme, und ein einmaliges Durchblättern reicht garantiert nicht, um alle angemessen zu würdigen.
Das ist aber kein Nachteil, denn obwohl man in der Tat die im Klappentext versprochene „verrückte Geschichte ohne Worte“ geboten bekommt, geht sie zugleich zu Herzen und ist dramaturgisch so geschickt konzipiert, dass Betrachter jeden Alters sicher gern mehr als einmal darin versinken. Bei mehrfacher Beschäftigung damit eröffnen sich nicht nur für die Augen, sondern auch für die Gedanken immer neue Blickwinkel.
Steht bei der Erst“lektüre“ noch die Neugier auf Verlauf und Ausgang der wilden Rettungsaktion im Vordergrund, überlegt man später, was hier eigentlich still und philosophisch über das Wesen der Freundschaft ausgesagt wird.  „Freund Faultier“ – denn auch so, und nicht nur durch die vom Verlag gewählte Formulierung, ließe sich der doppelsinnige französische Originaltitel L’ami paresseux übersetzen – ist beileibe nicht der Aktivste, aber dennoch (wortwörtlich) anhänglich und ausgesprochen rettenswert. So nimmt man am Ende die unaufdringliche Botschaft mit, dass eine Freundschaft sich gar nicht unbedingt durch perfekte Symmetrie auszeichnen muss, um zu funktionieren; viel wichtiger sind Zuneigung und die Entschlossenheit, im Rahmen der jeweils eigenen Möglichkeiten aneinander festzuhalten.
Wem das kein glückliches Schmunzeln abringt, das mit dem entspannten Faultierlächeln des Schlussbilds mithalten kann, der hat vielleicht die schönste Ebene der Beschäftigung mit dem Faulen Freund versäumt.

 

Ronan Badel: Der Faule Freund. Wuppertal, Peter Hammer Verlag, 2015, 25 Seiten.
ISBN: 978-3779505150


Genre: Kinderbuch
Snöfrid aus dem Wiesental

Snöfrid aus dem Wiesental. Die ganz und gar unglaubliche Rettung von Nordland

Lesern dieses Blogs ist es nicht neu, dass ich der Meinung bin, dass Kinderbücher auch für erwachsene Leser einen hohen Unterhaltungswert haben können, wenn sie liebevoll gestaltet sind und eine charmante Geschichte erzählen. Beides trifft auf Andreas H. Schmachtls Snöfrid aus dem Wiesental zu, der darüber hinaus noch einen herrlich humorvollen Stil zu bieten hat, der viel mit augenzwinkernder Leseransprache arbeitet und schon in der einleitenden Quellenfiktion zum Tragen kommt, die ironisch mit der (Un-)Glaubwürdigkeit mündlicher Überlieferung spielt.
Der Titelheld Snöfrid – was für das pelzige Kerlchen Name und Artbezeichnung zugleich ist – führt im bukolischen Wiesental ein zufriedenes Leben zwischen Haferbrei und Schlafkörbchen und sehnt sich auch nicht sehr nach Gesellschaft, reicht dem Eigenbrötler doch meist ein ausdrucksvolles „Hm“ zur Kommunikation. Dann aber rettet er eher zufällig ein im wahrsten Sinne des Wortes in die Klemme geratenes Feenmännlein und gilt dessen Volk künftig als der ideale Held, um die entführte Prinzessin Gunilla aus der Gewalt des schurkischen Asgrimur zu befreien, der mithilfe abstoßender Trolle im hohen Norden eine Schreckensherrschaft errichtet hat. Snöfrid ist von der Aufgabe zunächst alles andere als begeistert, lässt sich dann aber doch breitschlagen, auf die beschwerliche Reise zu gehen, die einige Gefahren bereithält, ihm in Gestalt des hermelinähnlichen Teutwart aber auch einen Freund beschert, mit dem es mehr auf sich hat, als Snöfrid ahnen kann …
Eine ganz klassische Questengeschichte also, die auf kindgerechtes Niveau heruntergebrochen ist und vor allem von ihrem wunderbar unwilligen Helden lebt, in ihrem Verlauf aber keine großen Überraschungen bietet – bis auf ihr Ende, das mit leichter Hand deutlich macht, dass die Rolle des „Bösen“ ebenso wenig bewusst und freiwillig gewählt sein muss wie die des „Guten“.
Sprachlich hätte manche Stelle noch etwas poliert werden können. Möglicherweise bin ich hier aber auch überkritisch, weil mit „Sie hieß Frau Lundby“ einer meiner Lieblingsfehler begangen und eine Anrede als Namensbestandteil behandelt wird (sollte sich allerdings in etwaigen Folgebänden herausstellen, dass die gute Frau mit Vornamen tatsächlich „Frau“ heißt, nehme ich selbstverständlich alles zurück).
Apropos Frau: In der Hinsicht hätte man sich von Snöfrid etwas mehr Vielfalt gewünscht, denn weibliche Gestalten sind entweder Rettungsobjekte oder treusorgende Köchinnen und entwickeln kaum Eigeninitiative. Fairerweise muss man allerdings betonen, dass ohnehin Snöfrid selbst die am besten ausgearbeitete Figur ist und Gefährten, Helfer und Feinde in den Schatten stellt, so dass auch einige männlich besetzte Nebenrollen eher blass bleiben.
Zwei Qualitäten des Buchs lassen einen die leise Enttäuschung darüber allerdings schnell wieder vergessen: Der Weltenbau und die reizenden Illustrationen. Das im Untertitel beschworene „Nordland“ ist stark an Norwegen angelehnt und wartet mit einer Fülle von witzigen Details auf, von runensteinhütenden Moschusochsen über findige Wurzelmännchen bis hin zu einer ganz speziellen Form von Erosion, bei der das Land bei mangelndem Festtreten durch Schafe einfach davonschwebt. Diese überschäumende Fabulierfreude setzt sich in den vom Autor selbst stammenden Bildern fort, die den Text rahmen und begleiten und das märchenhafte Skandinavien mit seinen kleinen und großen Bewohnern zum Leben erwecken. Vor allem Snöfrids niedliche und dabei sehr abwechslungsreiche Mimik lässt einen immer wieder schmunzeln.
Obwohl der Roman in sich abgeschlossen ist, stolpert man gegen Ende über einige Elemente, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob sie das Tor zu einer möglichen Fortsetzung offenhalten sollen (z.B. relativ unvermittelt eingeführte Flugechsen, deren Fehlen der Geschichte nicht sehr geschadet hätte). Dringend notwendig wäre solch ein hypothetischer zweiter Band nicht, aber dank Schmachtls teilweise kreativer Nutzung überkommener Erzählmuster vielleicht durchaus amüsant.
Vorerst nimmt man jedoch in dem Bewusstsein Abschied von Snöfrid, dass der kleine Geselle einem einige unterhaltsame Stunden Lektüre beschert hat, die auch gut für sich bestehen können.

Andreas H. Schmachtl: Snöfrid aus dem Wiesental. Die ganz und gar unglaubliche Rettung von Nordland. Würzburg, Arena, 2015, 235 Seiten.
ISBN: 978-3401705811


Genre: Kinderbuch
Die Muskeltiere

Die Muskeltiere

Gelegentlich stößt man auf ein Kinderbuch, das auch Erwachsenen großen Spaß machen kann, wie etwa auf Ute Krauses Die Muskeltiere. Einer für alle, alle für einen, eine vergnügliche Geschichte um vier tierische Freunde, die miteinander durch dick und dünn gehen.
Sehr menschliche Nagetiere, insbesondere Mäuse, als Kinderbuchhelden sind im Prinzip nichts Neues: Seien es nun die Bewohner von Jill Barklems Brombeerhag, die New Yorker Mäuse in Jean van Leeuwens Die große Käseverschwörung, die in einem ländlichen Milieu agierenden Mäuse und Ratten aus Erwin Mosers Der Mond hinter den Scheunen oder Bernhard und Bianca, die einem breiten Publikum wohl eher durch die Disneyfilme als durch die Buchvorlage von Margery Sharp bekannt sind, an anthropomorphen Nagern mangelt es nicht.
Ute Krause leistet mit Die Muskeltiere einen sehr amüsanten und warmherzigen Beitrag zu dieser literarischen Tradition.
Mäuserich Picandou hat es wahrlich nicht leicht: Nicht genug damit, dass das Hamburger Feinkostgeschäft, in dem er bisher ein geruhsames Leben geführt hat, von der Schließung bedroht ist, durch eine Verkettung unglücklicher Umstände sieht er sich auch noch gezwungen, der an Amnesie leidenden Ratte Gruyère und dem gerade noch dem Kammerjäger entkommenen Kneipenmäuserich Ernie alias Pomme de Terre Unterschlupf zu gewähren. Bald hat sich das ungleiche Trio genug zusammengerauft, um auf die Suche nach einem Kreuzfahrtschiff zu gehen, zu dem Gruyère in einer geheimnisvollen Beziehung zu stehen scheint. Unterwegs gabeln die drei noch den Hamster Bertram auf, der seinem öden Käfigdasein bisher nur in der Phantasie entfliehen konnte – und die hat bei ihm vor allem ein Hörbuch über d’Artagnan und die drei (wie er es versteht) „Muskeltiere“ beflügelt, denen er nun nachzueifern gedenkt. Aber angesichts gewaltbereiter Hafenratten, hungriger Möwen und nicht zuletzt krimineller Menschen wird die Sache dann doch ein wenig abenteuerlicher, als selbst er es sich vorgestellt hat …
Die turbulente Questenhandlung, von der man insbesondere hinsichtlich der Interaktion von Nager- und Menschenwelt nicht unbedingt großen Realismus erwarten sollte, lebt dabei vor allem von den liebevoll ausgearbeiteten, durchaus vielschichtigen Figuren, die einen immer wieder zum Schmunzeln bringen und nicht nur durch ihre mit viel Sprachwitz charakterisierte unterschiedliche Sprechweise jeweils eine ganz eigene Stimme erhalten. So oft sie einen in ihrer Gegensätzlichkeit auch zum Lachen reizen, werden doch an ihren Schicksalen durchaus auch ernste Themen kindgerecht abgehandelt, von Tierversuchen über Obdachlosigkeit bis hin zur geistigen Flucht in fiktive Welten als Bewältigungsstrategie, um mit einer belastenden Lebenssituation zurechtzukommen.
Darüber hinaus trägt zum Reiz des Romans natürlich nicht unerheblich bei, dass die vertraute Topographie Hamburgs such aus Nagetierperspektive ganz anders ausnimmt als aus Menschensicht: Hier lauern für kleine Wesen zahlreiche Gefahren, aber eben auch ungeahnte Möglichkeiten. Die Lebenswelt der winzigen Helden ist mit vielen reizenden Details ausgestattet: Stibitzte Briefmarken dienen als Wanddekoration im Mauseloch, ein Müllsack mit Lebensmittelresten erweist sich als höchst attraktives Bestechungsgut, und der arge Fluch „Katzenkleister“ reizt immer wieder zum Lächeln.
Dieser charmanten Humor zieht sich bis in die Ausspracheerklärungen für französische Namen und Begriffe – so transkribiert man d’Artagnan für deutsche Leser laut Ute Krause z.B. am besten als Dartanjo, denn das „o“ ist in Wirklichkeit ein Nasal, aber den kann man nicht schreiben.  Auch die detailfreudigen Illustrationen, die von der Autorin selbst stammen, sind so lustig und liebenswert gestaltet, dass sie Betrachtern aller Altersklassen viel Vergnügen bereiten.
Für jeden vom Grundschulalter an aufwärts, der Freude an witzigen Abenteuergeschichten mit einem Schuss Selbstironie hat, ist die Lektüre also nur zu empfehlen!

Ute Krause: Die Muskeltiere. Einer für alle, alle für einen. Mit Illustrationen von Ute Krause. cbj, 2014, 208 Seiten.
ISBN: 978-3570159033


Genre: Kinderbuch