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Der Sieger von Kadesch

Der Sieger von Kadesch

Hattusili III. ist als Usurpator auf den Thron des Hethiterreichs gelangt. Ein großes religiöses Fest im Jahre 1265 v. Chr. soll ihm daher nicht nur die Götter gewogen machen, sondern auch seine Herrschaft an der Seite seiner Gemahlin Puduhepa in den Augen der eigenen Untertanen und fremder Mächte legitimieren. Zunächst scheint alles ganz nach Plan zu verlaufen, und selbst eine kostbare goldene Statue der Göttin Istar wird noch rechtzeitig zu den Feierlichkeiten fertig. Dann aber wird zur Unzeit eine Leiche gefunden. Was zunächst noch nach einem bizarren Unfall aussieht, erweist sich rasch als Mord, der Hattusilis grandiose Selbstinszenierung zum Scheitern bringen könnte. Der königliche Schreiber Walwaziti soll den Fall möglichst schnell und unauffällig klären, bekommt es aber schon bald mit einem weiteren Todesfall zu tun und muss erkennen, dass sein Herr womöglich in viel größerer Gefahr schwebt als nur in der, öffentlich das Gesicht zu verlieren …
Die Inhaltszusammenfassung zeigt es schon: Der Sieger von Kadesch ist ein Historienkrimi, allerdings einer, der vor einem originellen und noch unverbrauchten Hintergrund angesiedelt ist. Während das römische Reich oder das europäische Mittelalter in einer Vielzahl von Einzelbänden und Serien zum Schauplatz mehr oder minder grausiger Verbrechen werden, wird im bronzezeitlichen Anatolien zumindest literarisch eher selten gemordet. Dass es hier geschieht, ist – bei allem Mitgefühl mit den Opfern – sehr zu begrüßen, denn Birgit Brandau beschwört die fremde Welt ungemein überzeugend und lebendig herauf. Nicht nur dem in seiner Trennung von Fakten und Fiktion akribischen Nachwort merkt man an, dass die Autorin auch schon Sachbücher zum Thema verfasst hat (Hethiter. Die unbekannte Weltmacht, mit Hartmut Schickert; Troia. Eine Stadt und ihr Mythos). Lebenswirklichkeit, Religion, soziale und politische Verhältnisse werden in enger Anlehnung an die Schriftzeugnisse und archäologischen Quellen geschildert, so dass man aus dem Roman tatsächlich einiges lernen kann und es nicht nur mit einer bunten Kulisse zu tun hat.
Die Figuren sind in ihrer Psychologie und ihrer Prioritätensetzung überzeugend aus diesem Umfeld heraus entwickelt, bleiben aber dennoch sehr menschlich und sind in vielen Fällen recht sympathisch gezeichnet. Besonders der Ermittler Walwaziti, der Wein und gutes Essen schätzt und insgeheim mehr als nur ein wenig in die Königin verliebt ist, wächst einem schnell ans Herz. Doch auch viele seiner Mitstreiter und der Verdächtigen sind ansprechend charakterisiert. „Viele“ ist übrigens keine Übertreibung, denn für einen eher kurzen Krimi bekommt man es mit einer Fülle von (häufig sogar historisch belegten) Personen zu tun, die munter im Intrigengewirr um den Hethiterhof und in der Mordserie mitmischen. Einerseits macht das die Sache spannend, andererseits ist man aber zu aufmerksamer Lektüre gezwungen, um keine Verwicklung zu überlesen. Wer einen reinen Unterhaltungsroman sucht, von dem er sich angenehm berieseln lassen kann, hat daran wahrscheinlich weniger Spaß als Fans des Miträtselns und konzentrierten Einlassens auf kompliziert konstruierte Fälle.
Doch – so viel sei verraten – es lohnt sich, tief in das Buch einzusteigen. Selbst als der eigentliche Krimiplot schon aufgelöst erscheint, ergibt sich noch eine ebenso überraschende wie schlüssige Wendung, die das Motiv in ganz neuem Licht erscheinen lässt, und alle politischen und persönlichen Probleme sind mit der Überführung des Täters noch längst nicht vom Tisch.
Aufgrund dieser Besonderheiten ist Der Sieger von Kadesch auch einer der wenigen Krimis, die man gern mehr als einmal liest. Ist sonst oft mit der Auflösung der Reiz verflogen, funktioniert dieser hier auch auf der Ebene des historischen Romans so gut , dass man gern noch einmal Details nachspürt und neue Kleinigkeiten entdeckt.
Umso bedauerlicher ist es, dass Walwazitis mittlerweile schon über fünfzehn Jahre alte Abenteuer nie eine Fortsetzung erhalten haben oder sogar zur Serie ausgebaut worden sind – aber vielleicht sind die Hethiter unverdientermaßen einfach nicht populär genug, um große Leserscharen anzulocken?

Birgit Brandau: Der Sieger von Kadesch. Roman aus dem Land der Hethiter. München, DTV, 2. Aufl. 2002, 279 Seiten.
ISBN: 3423242884


Genre: Roman
Winterlied

Winterlied

Einst – so erzählt man sich – wurden die Vorfahren der sogenannten Wanderer von der Burg Falkenflug vertrieben. Seither ziehen ihre Nachkommen als fahrenden Spielleute durch die Lande. Auch der junge Tir gehört solch einer Gauklertruppe an, die sich aufgrund eines besonders harten und stürmischen Winters gezwungen sieht, ausgerechnet auf Falkenflug Zuflucht zu suchen. Vom undurchsichtigen Burgherrn Cyran bis hin zur Dienerschaft ist niemand sonderlich angetan davon, die Fahrenden für längere Zeit beherbergen zu müssen – bis auf Ailys, die blinde Tochter des Burgherrn, in der die Musik der Wanderer den Drang weckt, ihrem überbehüteten Dasein zu entfliehen. Dass sie sich mit Tir anfreundet, sieht niemand gern, und das nicht etwa nur aufgrund der drohenden Mesalliance. Vielmehr kommen die beiden jungen Leute einem magischen Geheimnis auf die Spur, dessen Aufdeckung nicht nur ihr eigenes Leben entscheidend verändern könnte …
Birgit Ottens Winterlied ist vor allem ein Buch, dem man mehr Tiefe und Detailfreude wünscht. Das bezieht sich nicht allein auf die äußerst geradlinig und zweckdienlich erzählte Handlung, sondern vor allem auf die Welt des Romans, die eigenartig unausgestaltet bleibt. Zwar ist nachvollziehbar, dass sich das Geschehen angesichts des bedrohlichen Winterwetters auf die Burg und ihre unmittelbare Umgebung beschränkt, aber was es jenseits davon gibt und welche Spielregeln abgesehen von dem oft beschworenen Gegensatz zwischen Wanderern und Sesshaften das Leben prägen, erfährt man leider nicht einmal in Andeutungen.
Selbst die für den Plot nicht unwichtige Magie ist in ihren Wirkmöglichkeiten und Begrenzungen ziemlich vage gefasst. Unwillkürlich hat man den Verdacht, dass die Autorin, die auch schon unter dem Pseudonym Katjana May veröffentlicht hat, den gängigen Schreibtipp, alles Überflüssige wegzulassen, etwas zu gut und gründlich befolgen wollte. Das Ergebnis wirkt streckenweise wie das bloße Gerippe einer Erzählung, die durch mehr Einzelheiten und ein paar Umwege einiges an Charme und Originalität hätte gewinnen können.
Denn eigentlich ist die Geschichte der Annäherung zwischen Ailys und Tir recht nett erzählt, auch wenn Tir mit seiner sehr selektiven Empathie, die insbesondere seiner ersten Geliebten Mayra gegenüber versagt, nicht unbedingt ein Hauptgewinn in der Partnerlotterie ist (zugegebenermaßen ein Zug, den er mit erschreckend vielen Liebesromanhelden teilt). Auch abenteuerliche Erlebnisse – komplett mit dramatischem Showdown mit einer unerwarteten Gegenspielerin – dürfen Tir und Ailys gemeinsam überstehen, obwohl die entscheidenderen Entwicklungen auf zwischenmenschlicher Ebene stattfinden. Wie Ailys nach und nach bemerkt, dass ihre scheinbar mütterlich um sie besorgte Dienerin und selbst ihr eigener Vater nicht unbedingt nur ihr Wohl im Sinn haben, ist glaubwürdig geschildert, ebenso auch Tirs allmähliche Entfremdung von seinem bisherigen sozialen Umfeld. Hier werden Zwischentöne fassbar, die dem kleinen Roman auch auf anderen Gebieten gutgetan hätten.
Da es sich bei Winterlied den Angaben im Buch nach um den Einstiegsband einer geplanten Trilogie handelt, kann man nur hoffen, dass es Birgit Otten in den Fortsetzungen gelingt, aus der durchaus reizvollen Idee noch mehr zu machen und den Hintergrund ihrer Geschichte etwas liebevoller auszuarbeiten. In dem Fall könnte es sich durchaus lohnen, Das Erbe der Wanderer als potentiell spannende Serie im Auge zu behalten. So, wie das Winterlied bisher vorliegt, ist es dagegen nur eine streckenweise unterhaltsame kleine Lektüre für zwischendurch und nicht mehr.

Birgit Otten: Winterlied. Das Erbe der Wanderer 1. Norderstedt, BoD, 2016, 164 Seiten.
ISBN: 9783739249025


Genre: Roman
Lavendelblues

Lavendelblues

Der ganz auf Rosenmotive ausgerichtete Kunsthandwerks- und Antiquitätenladen, den Dahlia im Elsass führt, steht kurz vor der Pleite. Auch ihre Freundin, die Sängerin Estelle, hat kaum noch Erfolg und fühlt sich noch dazu von ihrer Beziehung zu dem eigentlich ganz liebenswerten Yves eingeengt. Besser getroffen zu haben scheint es nur Bruni, die Dritte im Bunde, die mit ihrem Geliebten im malerischen Quercy lebt und ihre Freundinnen mit schwärmerischen Postkarten aus ihrem kleinen Paradies förmlich überschüttet. Doch als Dahlia und Estelle spontan zu einem Überraschungsbesuch bei Bruni aufbrechen, erweist sich sehr schnell, dass auch das südfranzösische Idyll seine Schattenseiten hat – und dass die vermeintlich so triste eigene Situation vielleicht doch mehr Anlass zur Hoffnung bietet, als man sich selbst bisher eingestehen wollte …
Weder die Inhaltszusammenfassung noch die Covergestaltung kann Petra van Cronenburgs Roman gerecht werden, denn beides lässt einen auf den ersten Blick wohl zunächst an einen gefälligen Unterhaltungsroman denken. Dass der Lavendelblues sich nicht unterhaltsam liest, kann man auch nicht behaupten – aber er hat nichts Seichtes oder Glattgebügeltes, sondern ist ein tiefsinniger, poetischer und auf seine Art sehr literarischer Roman.
In hohem Maße ist das den unbestechlich, aber oft mit viel Sympathie gezeichneten Figuren zu verdanken: der Ich-Erzählerin Dahlia, deren Ringen mit den zweifelhaften Freuden der beruflichen Selbständigkeit realitätsnah wirkt, der ihr zunächst lästigen Madame Frédéric, hinter deren Erzählungen von der schlechten alten Zeit unverhofft viel Mut und Menschlichkeit stecken, einem Münchhausen unter den Künstlern und nicht zuletzt einem weisen jüdischen Philosophen, der an seinem harten Schicksal nicht zerbrochen ist, sondern die Lebensfreude mehr als jeder andere zu zelebrieren weiß.
Das tut auch der Roman selbst, denn seine zweite große Stärke sind die sinnlich nachempfindbaren Schilderungen der Natur und Umgebung, aber auch der Macht der Kunst. Bei der Beschreibung der Reise der Protagonistinnen durch halb Frankreich läuft man Gefahr, akutes Fernweh zu entwickeln (bei mir war es spätestens an dem Punkt so weit, an dem Weiden voller weißer Charolais-Rinder und der heilige Leodegar von Autun erwähnt werden). Andere Stellen dagegen lassen einen in den Eindrücken, Gefühlen und Gedanken versinken, die Musik, Tanz oder Bilder in einem hervorrufen können. Ein improvisierter Straßentheaterauftritt wird zur verzauberten Traumvision, und künstlerische Fotos erweisen sich als Wegweiser Richtung Selbsterkenntnis. Gelegentlich wünscht man dieser ganzen Fülle den Platz, tiefer ausgelotet und nicht nur impressionistisch angedeutet zu werden; fünfzig Seiten mehr hätten dem Roman vielleicht nicht geschadet.
Doch das, was da ist, muss man einfach genießen und als Denkanstoß nehmen: Denn Lavendelblues ist bei allem mitschwingenden Wissen darum, wie übel das Leben sein kann, und aller berechtigten Kritik an Egoismus, vulgärem Gebaren und schierer Bräsigkeit einfach eine Feier des Schönen, der Kunst und des Muts, sich nicht von Selbstmitleid unterkriegen zu lassen. Die lyrische Sprache, die reizend Unerwartetes bietet (darunter eine sehr charmante Kröte mit einem Bauch voller Sterne), und die wunderbaren Kapitelüberschriften (leider heutzutage Mangelware) runden den angenehmen Lektüreeindruck ab.
Wer Frankreich liebt, eine Aufmunterung braucht oder einfach nur einmal wieder einen Roman lesen möchte, der einen zufrieden und erfüllt zurücklässt, sollte also unbedingt zu diesem Buch greifen.

Petra van Cronenburg: Lavendelblues. Bergisch Gladbach, BLT (Lübbe), 2006, 254 Seiten.
ISBN: 9783404922147

Die hier besprochene Taschenbuchausgabe ist leider nur noch antiquarisch erhältlich, aber es gibt den Lavendelblues auch als e-Book.


Genre: Roman
Mirabellensommer

Mirabellensommer

Die Domaine de Lafleur ist ein mediterranes Idyll unweit der Parfümstadt Grasse. Die Haushälterin Ségolène Verbier und ihr Mann sind schon lange mit dem ivorischen Einwandererehepaar Babajou befreundet, pflegt doch Babette Babajou seit Jahren den alten Gutsbesitzer Georges Lafleur. Als der Patriarch unerwartet stirbt, lernen sich auf seiner Beerdigung Julie, die Enkelin der Verbiers, und Rachid, der Sohn der Babajous, kennen und lieben. Doch Julie ist die Tochter eines Front-National-Wählers, der sich einen muslimischen Schwarzen als Schwiegersohn in spe nun wirklich nicht vorstellen kann, während Rachids fleißiger Vater umgekehrt entsetzt ist, dass sein eben noch so braver und strebsamer Sohn unter den Einfluss einer rebellischen Schulabbrecherin zu geraten droht, die mindestens so viele Piercings hat wie Weltverbesserungspläne. Eine illegale Aktion der jungen Leute und der Unfalltod eines Huhns heizen die Spannungen zwischen den beiden Familien weiter an. Während Julie und Rachid ihr Heil in der Flucht suchen, erkennt aber auch Babette allmählich, dass sie noch mehr vom Leben erwartet als den ewiggleichen Alltagstrott …
Mirabellensommer ist die Fortsetzung des Romans Sonnensegeln, in dem die Liebesgeschichte zwischen Georges‘ Sohn Lucien und der Deutschen Marita im Vordergrund steht, lässt sich aber auch ohne Kenntnis dieses ersten Bandes problemlos lesen. Beschwingt, sonnendurchflutet und humorvoll lebt das Buch vor allem von den schönen Schilderungen Südfrankreichs, das in all seiner sommerlichen Pracht den Hintergrund für eine Geschichte um alte und junge Liebe und den Mut, über den eigenen Schatten zu springen, bildet. Zusätzlichen Charme gewinnt Mirabellensommer durch den erzählerischen Kniff, dass gelegentlich der verstorbene Georges das Geschehen aus dem Jenseits beobachten und kommentieren darf.
Doch was auf den ersten Blick nur gefällige Unterhaltung zu sein scheint, hat es auf den zweiten thematisch in sich. Mit Babette Babajou steht eine originelle Heldin im Mittelpunkt, denn eigentlich ist sie genau die Art von Gestalt, die in den allermeisten Romanen wohl nur als Nebenfigur durchs Bild huschen würde: eine afrikanische Migrantin Ende vierzig, die als vierfache Mutter ein Leben voll harter Arbeit im Schatten ihres Mannes hinter sich hat. In gängige Schablonen passt sie gleichwohl nicht. Ihre Biographie ist mit interessanten Details gewürzt (so hat sie z.B. als Christin gegen alle Widerstände der Familie einen Muslim geheiratet), und wie sie sich ganz sanft und allmählich neu orientiert, ist eine Freude zu lesen.
Auch insgesamt werden aktuelle Probleme wie Fremdenfeindlichkeit, Gentrifizierung und wirtschaftliche Verdrängungsprozesse keinesfalls ausgeblendet. Zwar kommt es nicht ganz arg –  Mirabellensommer ist schließlich keine Tragödie, sondern ein Roman zum Weglesen und Wohlfühlen -, aber wenn man genau hinschaut, findet man doch viele Denkanstöße.
Letzten Endes überwiegt jedoch die positive und hoffnungsvolle Grundstimmung, und inmitten einer Kulisse aus duftenden Rosenfeldern, verwinkelten Altstadtgassen und leuchtenden Farben kann das wohl auch gar nicht anders sein. Wer noch die passende Urlaubslektüre sucht, um sie im Handgepäck mit ans Mittelmeer zu nehmen oder sich vom heimatlichen Balkon aus dorthin zu träumen, findet sie hier garantiert.
Nur eines bleibt leider rätselhaft: Der Zusammenhang zwischen dem Roman und seinem – zugegebenermaßen poetischen – Titel. Zwar ist ein nettes Rezept für Mirabellen-Mango-Chutney enthalten, und am Rande wird dieses neben zahlreichen anderen Köstlichkeiten, die Babette zu kochen weiß, auch erwähnt. Doch Mirabellen speziell spielen in der Geschichte keine größere Rolle, so dass man sich des Verdachts nicht erwehren kann, dass der Wohlklang des Titels hier wichtiger war als ein sinnvoller Bezug zur Handlung.

Marie Matisek: Mirabellensommer. München, Knaur, 2017, 288 Seiten.
ISBN: 9783426517406


Genre: Roman
Ein Himmel voller Sterne

Ein Himmel voller Sterne

Eigentlich könnte der Illustrator Merlin zufrieden sein: Mit seiner großen Liebe Prune hat er sich in vorgerücktem Alter den Traum vom Haus auf dem Lande erfüllt. Trotz einer erdrückenden Fülle von Renovierungsarbeiten sieht die Zukunft gar nicht schlecht aus, da auch sein Herzensprojekt, die Comicserie Wild Oregon, mit dem 13. Band auf einmal den langersehnten Erfolg zu haben scheint. Doch dann stirbt unerwartet sein bester Freund Laurent, die Inspiration für seinen Comichelden Jim „Bear“ Oregon, und hinterlässt ihm nicht nur seine übellaunige Katze, sondern auch noch einen letzten Willen, der es in sich hat. Denn wenn es nach Laurent geht, soll Jim gefälligst endlich die große Liebe finden – und dann auch noch einen eindrucksvollen Abgang hinlegen …
Ein augenzwinkernder Blick auf den (Künstler-)Alltag, liebenswerte und kauzige Charaktere (allen voran der Ich-Erzähler Merlin mit seiner Mischung aus Eitelkeit und Selbstironie), Katzen, Vögel, Baumaßnahmen, Whiskey und immer wieder kleine Plotausschnitte aus einem herrlich abgefahrenen Space Western – Marie-Sabine Rogers Ein Himmel voller Sterne ist eine ziemlich unwiderstehliche Mischung.
Wer selbst schon einmal in irgendeiner Form kreativ gearbeitet hat, wird daran wohl besonders seinen Spaß haben, denn das Ineinandergreifen von realem Leben und künstlerischem Werk wird hier mit viel Verve und hohem Wiedererkennungswert geschildert. Wie Merlin sowohl Menschen, die ihm am Herzen liegen, als auch unerfreuliche Zeitgenossen in seinem Comic verewigt, bringt einen dabei immer wieder zum Lachen, und auch fiktive Figuren, die beharrlich darauf bestehen, dass ihre Erlebnisse doch eigentlich ganz anders verlaufen sollten, dürften jedem bekannt vorkommen, der schon einmal selbst eine Geschichte geschrieben hat.
In das fabulierfreudige Vergnügen mischen sich jedoch auch nachdenkliche Töne, vor allem, da unaufdringlich Kritik an manch hartnäckigem Klischee populärer Literatur geübt wird, etwa am kernigen Serienhelden, der sich nie ändern und schon gar nicht erfolgreich verlieben darf, oder am typischen male gaze, der aus so gut wie jeder Frauengestalt eine Sexbombe in unwahrscheinlicher Garderobe macht.
Mit vorgehaltenem Zeigefinger schreibt Roger dennoch nicht, sondern vielmehr sehr warmherzig und menschlich. Merlins durch Laurents letzte Wünsche angestoßene Erkenntnis, dass sich in seinem Comic einiges ändern muss, geht letztlich auch mit dem Eingeständnis einher, dass Wild Oregon nicht nur für ihn, sondern auch für einige seiner Lieblingsleser Lebensbewältigung ist. Dass man nicht immer in eine vorgefertigte Schublade passen muss und selbst dann, wenn schon alles vorbei zu sein scheint, noch eine überraschende Wendung warten kann, ist dabei eine zentrale Botschaft des Romans. Der Blick auf Vergänglichkeit und verpasste Chancen ist trotz aller traurigen Elemente recht versöhnlich, denn es schwingt der Eindruck mit, dass selbst jemand wie der versoffene und in vielerlei Hinsicht gescheiterte Laurent mehr richtig gemacht hat, als ihm selbst je bewusst geworden ist.
Philosophisches, Skurriles und Alltägliches gleichermaßen werden mit viel Leichtigkeit und Sprachwitz heraufbeschworen, und es gelingt der Übersetzerin Claudia Kalscheuer grandios, auch die verrücktesten Wortspiele überzeugend ins Deutsche zu übertragen. So ist die Lektüre nicht nur emotional befriedigend, sondern auch sprachlich ein Genuss, und wenn man am Ende eines bedauert, dann wohl nur, dass es einem in der realen Welt leider verwehrt ist, sich als Nächstes einen Wild-Oregon-Comic zuzulegen (am liebsten natürlich Band 14).

Marie-Sabine Roger: Ein Himmel voller Sterne. Hamburg, Atlantik (Hoffmann und Campe), 2017, 301 Seiten.
ISBN: 9783455600575


Genre: Roman
Mordkapelle

Mordkapelle

Im beschaulichen Bad Oeynhausen brennt eine Kapelle lichterloh – und in ihr ein Mensch im Rollstuhl. Die Reporterin Ira Wittekind, die über den Vorfall berichten soll, ist entsetzt, dass es sich bei dem Toten um den allseits beliebten Apotheker Ludwig Hahnwald handelt, den auch sie schon seit ihrer Kindheit kennt. Wer ihm den Tod gewünscht haben könnte, scheint erst unverständlich. Doch bei ihren Recherchen für einen Nachruf stolpert Ira bald über die hässlichen Seiten des „schönen Ludwig“, der seine Familie tyrannisierte und einiges zu verbergen hatte. Neugierig geworden versucht Ira, mehr herauszufinden, aber das ist alles andere als einfach, zumal ihr ein mysteriöser Blogger bei ihren Nachforschungen stets einen Schritt voraus ist. Wie sehr sie sich bei dem Wettlauf um Informationen selbst in Gefahr begibt, bemerkt sie erst viel zu spät …
Abgründe hinter der wohlanständigen Fassade der Provinzelite, überraschende Wendungen und Enthüllungen, falsche Fährten und mit dem Fortschreiten der Geschichte auch noch immer mehr Action und Dramatik – Carla Berlings Mordkapelle hat alles, was ein Krimi braucht, um sich süffig wegzulesen.
Ihr eigentliches Talent zeigt die Autorin aber bei den präzisen und fein beobachteten Beschreibungen der alltäglichen, unheimlichen oder einfach nur herrlich schrägen Typen (besonders die trinkfesten alten Tanten von Iras Freund Andy drängeln sich forsch ins Leserherz) und der Umgebung, in der sie sich bewegen. Dabei führt die Handlung nicht nur durch ein mitsamt seinen wortkargen Bewohnern augenzwinkernd heraufbeschworenes Ostwestfalen, das ja schon im Nachnamen der Protagonistin anklingt, der vielleicht ein wenig auf Widukind als eine der bekanntesten historischen Persönlichkeiten der Region anspielt. Da Iras Lokalzeitung ihr einen spontanen Recherchetrip nach Südfrankreich finanziert (die Glückliche!) und eine Spur in dem Kriminalfall nach Hamburg weist, haben auch die schönsten Ecken der Côte d’Azur und die Hansestadt kleine Gastauftritte.
An der Krimihandlung selbst fällt zweierlei positiv auf. Zum einen spielt Carla Berling fair und gibt schon früh diskrete Hinweise auf die Person, die hinter dem Mord steckt, so dass man miträtseln kann und spätestens in der Rückschau erkennt, dass das ganze Buch auf die präsentierte Lösung hinführt. Zum anderen bleibt der Plot insofern realistisch, als Iras Perspektive konsequent durchgehalten wird und am Ende zwar vieles, aber nicht alles geklärt ist. Zwar stellen die Protagonisten schlüssige Hypothesen über manche Zusammenhänge auf, aber ein paar Geheimnisse dürfen die Verdächtigen behalten. Das ist in vielen Standardkrimis anders (wie Ira auch romanintern ironisch anmerken darf), und so empfindet man es als ganz erfrischend, dass Berling hier ein wenig näher am wirklichen Leben zu bleiben versucht.
Wer einen unterhaltsamen Krimi sucht, kann mit Mordkapelle also nicht viel falsch machen und wird auch Freude an netten Details wie den Steckbriefen der Hauptpersonen und der Kartenskizze der wichtigsten Handlungsorte haben. Eine Merkwürdigkeit sei allerdings nicht unterschlagen (auch wenn sie nichts mit dem Text an sich zu tun hat): Durch eine Art Prägung, die wohl originell wirken soll, fühlt sich der Einband des Romans an wie Sandpapier. Man kann nur hoffen, dass der Verlag bei einer Neuauflage oder etwaigen Folgebänden auf eine konventionellere Gestaltung zurückgreift, bei der man das Buch dann auch im Wortsinn genau so gern zur Hand nimmt, wie man es liest.

Carla Berling: Mordkapelle. Kriminalroman. München, Heyne, 2017, 400 Seiten.
ISBN: 9783453419964


Genre: Roman
Zwei Schwestern

Zwei Schwestern

Im Jahre 1530 ist Hamburg eine protestantische Stadt – zumindest offiziell. Nur die Nonnen des Zisterzienserinnenkonvents Harvestehude sperren sich gegen den neuen Glauben und werden erst durch die Zerstörung des Klosters gefügig gemacht. Während viele sich ganz auf die Reformation einlassen und heiraten oder in ihre Familien zurückkehren, bleibt eine kleine Schar zwangsbekehrter Stiftsdamen beisammen. Unter ihnen ist auch Reimare Hogenstraat, die intensiv mit ihren religiösen Überzeugungen ringt und es dadurch noch schwerer als manch andere hat, sich mit der radikal veränderten Welt zu arrangieren. Ihre Schwester Anna, eine reiche Witwe, würde sie gern mit ihrem Arzt verkuppeln – doch Jahrzehnte des Klosterlebens lassen sich nicht so einfach abschütteln …
Um Enttäuschungen vorzubeugen, sei eines gleich vorab verraten: Oberflächlich betrachtet ist die nachdenkliche kleine Erzählung, die Petra Oelker pünktlich zum Reformationsjubiläum 2017 vorlegt, nicht unbedingt typisch für die Autorin. Der an Abenteuern und Krimielementen reiche Plot und die lebenslustigen Gestalten, die man sonst von ihr gewohnt ist, fehlen hier größtenteils, und auch der unterschwellige Humor ist sehr zurückgenommen und blitzt nur in wenigen Passagen auf.
Vielmehr bieten die Zwei Schwestern eine lose Reihung von präzise beobachteten, melancholischen Vignetten um die beiden nur selten direkt interagierenden Titelfiguren, die sich über ihre Spiritualität und Lebensführung Gedanken machen und exemplarisch für einen sehr unterschiedlichen Umgang mit dem noch jungen Protestantismus stehen können. Das Ende ist dementsprechend auch eher bittersüß als restlos glücklich, und man ertappt sich bei dem Wunsch, die etwas unterhaltsameren und zugänglicheren Nebenfiguren hätten breiteren Raum bekommen. So hat etwa der quirlige Neffe der beiden Schwestern große Pläne, die auf einen weiteren Wandel verweisen, der sich quasi zeitgleich zur Reformation vollzieht (die Entdeckung und Erkundung fremder Kontinente), und auch über die rührend schüchterne Liebesgeschichte, die sich zwischen einer von Reimares Mitschwestern und einem ehemaligen Franziskaner entspinnt, hätte man gern mehr gelesen als die wenigen Andeutungen, die ihr hier gegönnt werden.
Typisch für Petra Oelker ist dagegen auch in diesem Buch das überzeugende, von sorgfältiger Recherche getragene Heraufbeschwören einer vergangenen Epoche in all ihrer Fremdheit, aber auch in ihren zeitlos menschlichen Zügen. Licht- und Schattenseiten der Reformation werden dabei gleichermaßen in den Blick genommen. Einerseits erscheint sie zwar als wichtiger Schritt in die Moderne, da durch das Nebeneinander zweier Konfessionen für Einzelpersonen nun plötzlich eine – wenn auch begrenzte – Wahlmöglichkeit in Glaubensdingen besteht. Andererseits wird jedoch auch deutlich, dass der radikale Bruch mit gewachsenen Institutionen und Lebensformen ein hohes Maß an sozialen Verwerfungen nach sich zieht und insbesondere Frauen noch stärker als im Mittelalter auf Ehe und Familie beschränkt.
Dementsprechend wird am Nonnenkloster vor allem seine positive Funktion als wirtschaftlich unabhängige und männlichem Einfluss nur begrenzt unterworfene Frauengemeinschaft hervorgehoben. Als Bild dafür steht der Chorgesang der Nonnen, der leitmotivisch an zentralen Stellen der Handlung auftaucht und in seiner schwankenden Qualität viel über den Zustand der Schwesternschaft und über Reimares individuelle Entwicklung aussagt.
Eine ähnlich wichtige symbolische Rolle spielt auch Hinrik Funhofs den Nonnen abgenommene Maria im Ährenkleid (heute eines der Prunkstücke der Hamburger Kunsthalle), und vielleicht ist es kein Zufall, dass Reimare in den wie immer liebevollen und detaillierten Illustrationen von Andrea Offermann ein wenig der Stifterfigur auf dem Gemälde ähnelt.
Die auch daraus sprechende Dominanz von Innerlichkeit und religiöser Thematik wird nicht unbedingt jedermanns Sache sein, doch sie passt zur geschilderten Epoche, und wer einen angenehm lesbaren ersten Zugang zur Reformationszeit sucht, wird ihn hier finden.

Petra Oelker: Zwei Schwestern. Eine Geschichte aus unruhiger Zeit. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, 2017, 176 Seiten.
ISBN: 9783499290459


Genre: Roman
Der Tod wird euch verschlingen

Der Tod wird euch verschlingen

Der Stamm der Uí Fidgente hat die Oberhoheit König Colgús noch nie bereitwillig anerkannt. Ausgerechnet Colgús Leibwächter Gormán soll nun auf der Burg des Stammesfürsten heimtückisch einen bedeutenden Kirchenmann ermordet haben. Religiöse Fanatiker fordern die Hinrichtung des vermeintlich Schuldigen, die zum endgültigen Bruch zwischen dem König und den Uí Fidgente führen würde. Bevor die heikle Situation in einen Bürgerkrieg münden kann, sollen Colgús Schwester Fidelma und ihr Mann Eadulf herausfinden, was sich wirklich abgespielt hat. Doch das erweist sich als ungeahnt kompliziert, da mehr als eine einflussreiche Person Interesse daran hat, die Wahrheit nie ans Tageslicht kommen zu lassen …
Nachdem Peter Tremaynes im Irland des 7. Jahrhunderts angesiedelte Krimireihe um die juristisch gebildete Adlige Fidelma in den letzten Bänden eher etwas geschwächelt hat, meldet er sich mit Der Tod wird euch verschlingen in alter Frische zurück und präsentiert ein komplexes, aber in sich stimmiges Szenario, in dem Politik und persönliche Motive eng ineinandergreifen. Allerdings hat man wahrscheinlich mehr von der Lektüre, wenn man die letzten zwei oder drei Episoden der Serie gelesen hat, da einige dort geschilderte Vorgänge für das hier im Zentrum stehende Verbrechen entscheidend sind. Zwar werden die Hintergründe noch einmal gerafft erläutert, doch aufgrund der recht verästelten Zusammenhänge hat man mit ein bisschen Vorwissen einfach mehr Spaß daran, wie hier Ereignisse und Figuren aus unterschiedlichen Geschichten zusammengeführt werden. Neben den Helden und ihrer Entourage kehren diesmal auch Verdächtige aus früheren Fällen auf die Bühne zurück. So hat etwa der undurchsichtige Abt Nannid inzwischen beste Aussichten, sich zum Dauerantagonisten des Ermittlerduos zu entwickeln, und der hellseherisch begabte Druide Deogaire darf einen starken Auftritt in ganz unerwarteter Rolle hinlegen.
Gewohnt breiten Raum nehmen Gespräche über Rechtssystem und unterschiedliche religiöse Richtungen im alten Irland ein. Tremayne spielt seine historischen und sprachlichen Kenntnisse aber nicht nur bei diesen ernsten Themen aus, sondern nutzt sie auch humorvoll, wenn z.B. eine Botschaft in so schwer verständlichem Latein übermittelt wird, dass der Empfänger noch rätselt, was ihm eigentlich mitgeteilt werden soll, als das ihm angekündigte Ereignis schon in vollem Gange ist. Auch die Action kommt nicht zu kurz, und es bleibt bei weitem nicht bei einer einzigen Leiche, treibt doch außer den am ersten Mord Schuldigen auch noch eine Bande von Räubern und Aufständischen ihr blutiges Unwesen.
Die wie immer von Irmhild und Otto Brandstätter erstellte Übersetzung liest sich im Großen und Ganzen flüssig, wirkt aber an einigen Stellen etwas lieblos, da unmotiviert englische Begriffe im deutschen Text stehen bleiben (z.B. „Macha von den Red Tresses“ als Name einer legendären Königin).
Trotz dieser kleinen Kritikpunkte ist Der Tod wird euch verschlingen alles in allem ein unterhaltsamer und streckenweise packender Roman, der Lust auf weitere Abenteuer mit Fidelma und Eadulf macht.

Peter Tremayne: De Tod wird euch verschlingen. Berlin, Aufbau, 2016, 429 Seiten.
ISBN: 9783746632551


Genre: Roman
Lostage

Lostage

Ein Ingenieur beißt sich beim U-Bahn-Bau an uralten Steinen buchstäblich die Zähne aus.
Mit dieser surrealen Szene von verstörender Intensität setzt Tina Pruschmanns Debütroman Lostage ein. Es ist – so viel sei vorab verraten – die Art von Erstlingswerk, die einen wünschen lässt, noch viel aus der Feder dieser Autorin lesen zu dürfen.
Die Lostage des Titels kennt man eigentlich eher aus der volkstümlichen Wettervorhersage, doch bei Pruschmann beziehen sie sich auf schicksalhafte Wendungen, die das Menschenlos beeinflussen und Lebenswege dauerhaft um- und ablenken. Passend zu dieser Fokussierung auf den einen entscheidenden Augenblick entfaltet sich die Romanhandlung auch nicht als kontinuierliche chronologische Erzählung, sondern als episodenhafter Reigen eines komplizierten Beziehungsgeflechts von Figuren kreuz und quer durch alle Zeiten zwischen den 1960er Jahren und der Gegenwart. Das Reigenbild ist übrigens ganz wörtlich zu nehmen. Denn die auf den ersten Blick jeweils in sich abgeschlossenen Szenen sind zu einer langen Kette verknüpft, die am Ende sogar den Bogen zurück zum U-Bahn-Bau des Anfangs schlägt. Oft, wenn auch nicht immer ist das verbindende Element eine aus dem vorherigen Kapitel bereits bekannte Person, und diese Figuren haben es in sich.
Die alte Elena blickt auf ein eigentlich ganz generationentypisches, aber mit ungeahnten Untiefen bestücktes Leben zurück. Ihre Tochter Martina wird nicht erst seit dem Unfalltod einer ungeliebten Freundin von Ängsten geplagt, während Enkel Daniel vordergründig auf der Suche nach einer neuen Arbeit ist, in Wirklichkeit aber nach ganz anderen Dingen. Seine intersexuelle Partnerin Sasha flüchtet nicht nur vor den Mobbingerfahrungen ihrer Jugend in ein Dasein als Abenteurerin und Kriegsfotografin, die davon besessen ist, den einen Moment zwischen dem Zünden einer Sprengladung und der Explosion im Bild festzuhalten. Sie ist nicht die Einzige, die ihren Ex-Freund Jan, den Sohn einer tschechischen Schriftstellerin, im Laufe seines Lebens verlassen hat, doch die Erinnerung an sie schwingt selbst noch in seiner Beziehung zu Anja mit, ihrer einstigen Schulkameradin, die immer wieder die Erwartungen ihres Umfelds und am meisten wohl sich selbst enttäuscht. Jans Vater Malte wiederum gilt als geisteskrank – und doch fragt man sich unwillkürlich, ob er neben einem namenlosen Jungen nicht derjenige ist, der durch das, was Halluzination, Traumphantasie oder schlicht sehr individueller Realitätsbezug sein mag, noch den sinnvollsten Umgang mit der trostlosen Welt eines ostdeutschen Tagebaureviers findet, aus der die Handlung mehrfach Abstecher in andere, stets ähnlich greifbar geschilderte Gegenden unternimmt.
Dem geographischen Schwerpunkt angemessen beeinflussen DDR-Unrecht, die Schatten der Nazizeit und der kurzlebige Hoffnungsschimmer des Prager Frühlings so manche Protagonistenbiographie. Doch auch die Moderne wird unbestechlich seziert, nicht nur, was erschütternde Belange wie Krieg, Selbstmordattentate, bewusst provozierte Krawalle und häusliche Gewalt betrifft. Die präzise Beobachtungsgabe der Autorin spricht auch aus dem boshaft-satirischen Blick auf Freiberuflerprekariat und Unternehmensunkultur manch einer Internetfirma, der die ganze Oberflächlichkeit von Erfolgs- und Selbstoptimierungswahn ebenso bloßlegt wie die Gefahren der Unterwerfung unter ihr Diktat.
Vor allem aber beschwört Pruschmann in lyrischer Sprache sinnlich und fast körperlich spürbar Alltägliches herauf und enthüllt, was ihm innewohnt: ebenso oft Grauen wie Magie. In all die kleinen Bosheiten, Gleichgültigkeiten und Egoismen, die für den Einzelnen nicht minder verheerend sein können als weltbewegende Verwerfungen, stiehlt sich durch diesen magischen Realismus zunächst fast unbemerkt, aber gegen Ende immer stärker eine tröstliche und versöhnliche Note. Die Ahnung, dass so etwas wie Glück und Zufriedenheit im unendlich verletzlichen Menschendasein eine Sache des Aufgehens im Augenblick sein könnten, wird im Roman, der nicht zuletzt auch von geschickt offen gelassenen Fragen geprägt ist, zwar nicht explizit bestätigt, klingt aber nach der Lektüre noch lange in einem nach.
Kein Buch wie alle anderen also, sondern ein Erlebnis!

Tina Pruschmann: Lostage. Salzburg/Wien, Residenz Verlag, 2017, 218 Seiten.
ISBN: 9783701716807


Genre: Roman
Domnall and the Borrowed Child

Domnall and the Borrowed Child

Ein verheerender übernatürlicher Krieg und die immer weiter fortschreitende Vereinnahmung des Landes durch die Menschen haben die schottischen Feen dezimiert. Der Invalide Domnall ist des eingeschränkten Daseins, das ihm und seinem Volk noch bleibt, eigentlich überdrüssig, doch als eines der wenigen Feenkinder schwer erkrankt, ist er gefordert. Helfen kann hier nur menschliche Muttermilch, die für Feen ein Allheilmittel darstellt, und dem erfahrenen Kundschafter Domnall fällt es zu, Wechselbalg und Menschenkind gegeneinander zu vertauschen. Doch was ihm in der Vergangenheit oft geglückt ist, nimmt einen unerwarteten Verlauf, und schon bald beschränken Domnalls Schwierigkeiten sich nicht mehr darauf, wenig hilfsbereite Schafe zu melken oder die Abenteuerlust seiner Schülerin Micol zu zügeln, sondern nehmen lebensgefährliche Dimensionen an …
Man merkt der kleinen Erzählung Domnall and the Borrowed Child im gewissen Maße an, dass Sylvia Spruck Wrigley ansonsten eher Kurzgeschichtenspezialistin ist: Für einen längeren Text geht es fast zu geradlinig voran. Ein paar zusätzliche Umwege und unerwartete Wendungen hätten dem Plot vielleicht ganz gut getan, der sich nie weit vom roten Faden der Beschaffung der heilenden Muttermilch entfernt.
Dennoch lohnt sich die Lektüre allein schon aufgrund des gebrochenen kauzigen Helden, der mit derben Späßen und kreativen Problemlösungsansätzen sich selbst und die Leserschaft immer nur phasenweise darüber hinwegtäuschen kann, dass er eigentlich an Leib und Seele leidet. In seinem Verhältnis zu der begeisterungsfähigen Micol schwankt er glaubhaft zwischen widerwillig übernommener Mentorenrolle, Freundschaft und vielleicht noch mehr.
Davon abgesehen lebt Domnall and the Borrowed Child vor allem von der originellen Idee, die eher düsteren Aspekte der Feen des Volksglaubens (wie Kindesentführungen und die Bezauberung von Menschen) einmal aus der Sicht der Täter zu schildern und zu begründen, so dass manches, was aus menschlicher Perspektive wie willkürliche Bosheit wirken muss, plötzlich als bittere Notwendigkeit erscheint.
Ohnehin ist das Feenleben charmant und mit Liebe zum Detail ausgemalt und vereint Fremdartiges und leicht Unheimliches gekonnt mit eher niedlichen und vergnüglichen Elementen. Dabei kommt Spruck Wrigley ihr Talent zugute, mit knappen Mitteln sehr atmosphärische Schilderungen aufs Papier zu zaubern. Ganz gleich, ob ein Schaf gemolken, ein Dach erklettert, eine Wanderung durch die Wildnis unternommen oder eine Browniehöhle aufgesucht wird, die zugehörigen Sinneseindrücke werden greifbar und überzeugend heraufbeschworen.
Die Menschenwelt, mit der die Feen immer wieder konfrontiert sind, bleibt allerdings in ihrer zeitlichen Einordnung widersprüchlich und lässt sich allenfalls auf ein diffuses „Früher“ eingrenzen. Während manche Indizien (Baumwollkleidung bei der einfachen Bevölkerung und wuchernde Städte) auf die Industrialisierung zu verweisen scheinen, haben die Highland Clearances offenbar noch nicht stattgefunden (da die Feen die zunehmende Zersiedlung des Hochlands beklagen), und ein Wolfsangriff und der Rat an eine unverheiratete Mutter, ins Kloster zu gehen, lassen gar an noch ältere Epochen denken.
Doch vielleicht sollte man sich darüber gar keine großen Gedanken machen, denn in ihrer Märchenhaftigkeit ist die Geschichte letzten Endes zeitlos und bedarf keiner exakten historischen Verortung, um sich flott und unterhaltsam zu lesen.
Am Ende bleibt man allerdings beinahe mit dem Eindruck zurück, nur die Einleitung zu einem längeren Werk verschlungen zu haben. Die Episode aus dem Feenalltag ist abgeschlossen, die Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten sind entworfen und einige interessante Charaktere etabliert, aber nun wünscht man diesen eigentlich, manch offene Frage noch befriedigend klären und ein größeres Abenteuer erleben zu dürfen. Für eine Fortsetzung sind auf alle Fälle genügend Anknüpfungspunkte vorhanden, und man kann nur hoffen, dass Sylvia Spruck Wrigley den nötigen Erfolg hat, um ihr kleines Buch zur Serie auszubauen – denn das Potential dazu haben Domnall und seine Freunde allemal.

Sylvia Spruck Wrigley: Domnall and the Borrowed Child. New York, Tor, 2015, 110 Seiten.
ISBN: 9780765385314


Genre: Roman