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Der Tod des Teemeisters

Der Tod des Teemeisters

Japan Ende des 16. Jahrhunderts. Der Ich-Erzähler Honkaku lebt schon seit Jahren zurückgezogen als Mönch in einem Tempel, doch einst war er ein Schüler des berühmten Teemeisters Rikyū, der sich unter ungeklärten Umständen das Leben nahm – angeblich auf Befehl seines Dienstherrn, des mächtigen Fürsten Hideyoshi. Eine Zufallsbegegnung mit einem alten Bekannten seines Meisters zwingt Honkaku, sich seinen Erinnerungen zu stellen, und weckt nach langer Vermeidung doch noch seine Neugier, herauszufinden, was damals eigentlich vorgefallen ist und warum Rikyū sterben musste.
In Rezensionen von Yasushi Inoues Tod des Teemeisters wird gern einerseits der Aspekt des historischen Romans betont (viele Figuren wie etwa der Titelheld Sen no Rikyū und sein Gönner Toyotomi Hideyoshi sind fiktionalisierte Versionen realer Gestalten), andererseits aber hervorgehoben, dass die genauen Schilderungen von Teekultur und ritualisierten Verhaltensweisen Einblicke in die aus europäischer Sicht fremdartige und bisweilen unverständliche Lebenswirklichkeit des alten Japan bieten. Beides ist nicht falsch, greift aber zu kurz, um zu umreißen, was die Besonderheit des Buchs eigentlich ausmacht.
Dafür, dass es um hochdramatische und teilweise kriegerische Ereignisse geht, ist Der Tod des Teemeisters ein ungewöhnlich stiller und zurückgenommener Roman, ganz so, als würde die Ruhe der mehrfach mit all ihren Zutaten lyrisch heraufbeschworenen Teezeremonie sich auf den Gang der Handlung übertragen. Der Stoff würde ohne weiteres auch einen Krimi hergeben, doch auf entsprechende Elemente wird größtenteils verzichtet. Honkakus Nachforschungen, die sich über ein Vierteljahrhundert hinziehen, schreiten äußerst gemessen voran, und es geht eigentlich weniger darum, am Ende zu enthüllen, wer welche Strippen gezogen hat, als um feine Charakterskizzen des lange rätselhaft bleibenden Rikyū und seines Umfelds. Fast kammerspielartig treten sie im realen Leben, aber auch – insbesondere, was den toten Teemeister betrifft – in Form von Traumvisionen und Geistererscheinungen mit Honkaku in Kontakt und lassen so nach und nach ein Bild der Geschehnisse und Konflikte entstehen, die zu dem titelgebenden Selbstmord geführt haben, ja vielleicht sogar führen mussten.
Während die Ausprägung, die diese Abläufe annehmen, typisch japanisch sein mag und auf eine bestimmte Epoche verweist, sind die angesprochenen Themen an sich zeitlos und nicht an einen spezifischen geographischen Rahmen gebunden. Ästhetik und Philosophie stehen pragmatischer Machtpolitik und Geltungsdrang gegenüber, und aus der explosiven Mischung ergibt sich auf sehr leise Art ein Ausloten der Frage nach persönlicher Integrität und den Kompromissen, die man einzugehen bereit ist (oder eben auch nicht). Dass die unterschiedlichen Antworten, die man darauf finden kann, auch innerhalb einer einzigen Kultur größte Ferne und Fremdheit erzeugen können, macht der melancholische Schluss deutlich, denn auch, wenn Honkaku am Ende intellektuell nachvollziehen kann, was sich abgespielt haben muss, fällt ihm der emotionale Zugang zur radikalen Entschlossenheit Rikyūs mindestens so schwer wie dem Leser.
Gerade diese Sprödigkeit sorgt aber vielleicht dafür, dass Der Tod des Teemeisters einen nach der Lektüre noch lange nicht loslässt und viele Denkanstöße bietet, denen man sich nur schwer entziehen kann.

Yasushi Inoue: Der Tod des Teemeisters. Frankfurt am Main, Suhrkamp, 6. Auflage 2015 (Original: 1981), 169 Seiten.
ISBN: 9783518460252


Genre: Roman
Feast of Sorrow

Feast of Sorrow

Eine Mischung aus Downton Abbey und Game of Thrones vor antiker Kulisse gefällig? Willkommen in Feast of Sorrow, Crystal Kings Roman über den römischen Gourmet Marcus Gavius Apicius und seinen (fiktiven) Sklaven Thrasius.
Für den Ich-Erzähler Thrasius sieht die Zukunft zunächst düster aus, als er als junger Koch in den Haushalt des Apicius verkauft wird: Sein Vorgänger ist von der Mutter seines Besitzers vergiftet worden, und dieser selbst gilt als unberechenbar. Von Geltungsdrang und Genusssucht getrieben, schwankt er Sklaven und Angehörigen gegenüber ständig zwischen Großzügigkeit und Brutalität. Doch anders als seine Standesgenossen liebt Apicius nicht nur das Essen, sondern auch das Kochen, und so freunden sich Herr und Sklave im Laufe der Jahre fast ein wenig an. Dementsprechend entsetzt ist Thrasius, als sich erweist, dass Apicius durch eigene Schuld erpressbar ist und der skrupellose Aufsteiger Sejanus sein Wissen darum auf eine Weise zu nutzen gedenkt, die auch Apicius‘ Tochter Apicata bedroht …
Historisch Bewanderte ahnen spätestens jetzt, worum es geht: Neben der römischen Küche und Esskultur stellt King mit der Geschichte des machthungrigen Prätorianerpräfekten Lucius Aelius Sejanus eine der unerfreulichsten Episoden der frühen Kaiserzeit in den Mittelpunkt ihres Romans. Wie es mit einigen der historisch verbürgten Personen ausgehen wird, weiß man also schon bei ihrem ersten Auftreten, so dass die Einführung der zahlreichen fiktiven Sklavenfiguren einen entscheidenden Vorteil hat. Mit ihnen kann man das Buch hindurch hoffen und bangen – oft eher Letzteres, denn King steigert munter das im Quellenmaterial schon nicht geringe Maß an Gewalt und Intrigen und ergänzt es um einen phantastischen Einschlag. Verfluchungen sind bei ihr ein hochwirksames Mittel, um jemandem das Leben gründlich zu ruinieren, und dunkle Prophezeiungen sollte man tunlichst ernst nehmen.
Vor diesem Hintergrund darf man Feast of Sorrow nicht allzu sehr als historischen Roman über Rom, wie es gewesen sein könnte, lesen, sondern eher als fabulierfreudige Erzählung auf Basis von Anekdoten, Skandalgerüchten und populären Vorstellungen. King ist zwar erkennbar um gründliche Recherche bemüht, aber keine Expertin. Auf einige Schnitzer muss man sich gefasst machen, darunter ein paar auch für Laien offensichtliche: So ist von Briefumschlägen und Adrenalin die Rede – und was für eine Sprache soll man sich in der Antike wohl unter Spanish vorstellen? In manchen Fällen steckt dahinter allerdings wohl auch die Tradition des angloamerikanischen historischen Romans (z.B. ist die pauschale Bezeichnung von Angehörigen der Oberschicht als patricians für die Kaiserzeit falsch, aber in solchen Werken gängig).
Trotz dieser Schönheitsfehler ist das Buch vor allem in zwei Bereichen gelungen: Als Schilderung der Tücken einer streng hierarchischen Gesellschafts- und Familienstruktur, in der das Machtgefälle auch intimste Beziehungen vergiften kann, und als schwelgerische Feier der Freude an Zubereitung und Verzehr von Köstlichkeiten aller Art.
Den einzelnen Kapiteln sind Rezepte aus dem mit dem Namen des Apicius verbundenen antiken Kochbuch vorangestellt, und vieles davon kommt im Verlauf der Handlung tatsächlich auf den Tisch. Zugegeben – bestimmte Speisen sind für den heutigen Geschmack eher exotisch als verlockend (z.B. Flamingozungen oder gefüllte Siebenschläfer), und einige Genüsse müssen uns ohnehin verwehrt bleiben, da etwa die begehrte Gewürzpflanze Silphium schon zur Zeit des Apicius im Aussterben begriffen war. Doch aus Gemüse geschnitzte Blumen als Liebesgabe, die Suche nach den perfekten Zutaten oder die Begeisterung über ein vorzügliches Küchenmesser sind zeitlos und lassen einen vom ersten bis zum letzten Festmahl neben allem Schaudern auch manch vergnüglichen Lesemoment erleben.

Crystal King: Feast of Sorrow. A Novel of Ancient Rome. New York, Touchstone (Simon&Schuster), 2017, 407 Seiten.
ISBN: 9781501145131


Genre: Roman
Augustus

Augustus

Historische Romane sind immer ein Balanceakt zwischen Überlieferung und Phantasie. Dementsprechend bietet auch Augustus  – wie John Williams einen gleich im Vorwort warnt – nicht die historische Wahrheit über den ersten römischen Kaiser, sondern nur eine literarische. Doch diese zu finden, mithin also eine überzeugende Figurenriege in einer plausiblen Welt heraufzubeschwören, die den geschichtlichen Tatsachen nicht allzu sehr widerspricht, gelingt dem amerikanischen Schriftsteller in seinem zuerst 1971 erschienenen Werk sehr gut.
Gaius Octavius – der spätere Augustus – ist ein kränklicher und vermeintlich harmloser junger Mann, als ihn die Nachricht von der Ermordung seines Großonkels Caesar erreicht, der ihn testamentarisch adoptiert. Gegen den Rat seiner Mutter macht er sich in Begleitung seiner drei besten Freunde Agrippa, Maecenas und Salvidienus Rufus auf, das schwierige Erbe anzutreten. Getrieben wird er dabei nicht nur von seinem Ehrgeiz, sondern auch von seiner Vision eines besseren Rom, das an die Stelle der bürgerkriegsgeplagten späten Republik treten soll. Wider Erwarten haben seine hochfliegenden Pläne Erfolg, doch der wiederum hat seinen Preis, denn Octavius verliert auf dem Weg zur Macht nicht nur Freunde, sondern opfert ihr nach und nach auch das Glück seiner Schwester, seine Tochter, seine Ehe und den Menschen, der er hätte sein können.
Es ist nicht allein dieses deutliche Fragezeichen hinter der Geschichte eines kometenhaften Aufstiegs, das die Besonderheit von Augustus ausmacht, sondern vor allem auch die Art des Erzählens. Ungewöhnlich für einen in der Antike angesiedelten Text wählt Williams die Form des Briefromans (wobei sich zwischen Schreiben mit Absender und Empfänger auch autobiographische Aufzeichnungen und dergleichen mehr mischen). So hat man es in den drei großen Abschnitten, in die das Buch unterteilt ist, gleich mit einer ganzen Schar mehr oder minder unzuverlässiger Erzähler zu tun, deren Blick aufs Geschehen jeweils recht viel über bewusst gespielte Rollen und Lebenslügen verrät. Beeindruckend ist, wie gut Williams dabei jedem eine unverwechselbare Stimme zu verleihen weiß. In den Fällen, in denen die historischen Vorbilder Schriftliches hinterlassen haben, ist er dabei oft nahe am Original (vor allem bei dem einerseits geistreichen, andererseits aber auch von seiner Eitelkeit geblendeten Cicero).
Die Annäherung an Augustus selbst erfolgt schrittweise. Schildern im ersten Buch überwiegend politische Gegner und Weggefährten den Aufstieg eines lange Unterschätzten, dominiert im zweiten Buch das persönliche Umfeld aus Intellektuellen und Familienangehörigen, insbesondere in Gestalt der in Ungnade gefallenen Tochter Julia, die in ihrer Verbannung auf der unwirtlichen Insel Pandateria auf ein Leben zurückblickt, in dem nicht nur Eheschließungen und öffentliche Auftritte, sondern sogar scheinbar aus Neigung eingegangene Liebesbeziehungen eine politische Dimension hatten. Erst in der letzten Phase des Romans kommt der sterbende Kaiser selbst ausführlich zu Wort und lässt manch bisherige Gewissheit noch einmal in ganz neuem Licht erscheinen. Gerade die hier aufscheinende desillusionierte Beobachtung, dass Frieden und Wohlstand allein den Menschen anscheinend nicht genügen und darum auch nicht von Dauer sind, wirkt verblüffend aktuell. Dass Williams Augustus in diesem Kontext auch den künftigen Untergang des römischen Reichs und sogar eine religiöse Entwicklung, in der man das Christentum vermuten kann, vorausahnen lässt, verrät ein wenig zu stark die Perspektive des Autors. Insgesamt jedoch berührt der nachdenkliche Monolog, und es ist gewiss kein Zufall, dass er mit einer Erinnerung an ein Opfertier schließt, das mit Augustus die im Roman oft beschworenen blauen Augen gemein hat.
Die Übersetzung von Bernhard Robben fängt brillant die unterschiedlichen Stilebenen und Ausdrucksweisen ein. Sprachlich irritiert nur, dass Williams (und das laut Vorwort absichtlich) heutige und antike Ortsnamen munter mischt: Reggio steht neben Brundisium, Arezzo neben Perusia. Auch abgesehen davon muten einzelne Formulierungen etwas zu modern an, wenn Ich-Erzähler etwa auf Metaphern aus dem den Römern noch unbekannten Schachspiel zurückgreifen oder wenn mehrfach von Oboen die Rede ist (sind hier vielleicht Auloi gemeint?).
Von solchen Details einmal abgesehen, ist Augustus jedoch ein Lektüregenuss, vor allem, wenn man sich in der römischen Geschichte ein bisschen auskennt und Vergnügen daran hat, die Figuren mit dem, was man über ihre realen Vorbilder weiß, zu vergleichen.

John Williams: Augustus. 3. Aufl. München, DTV, 2016 (Original: 1971, Neuausgabe 2014), 474 Seiten.
ISBN: 9783423280891


Genre: Roman
The Invisible Library

The Invisible Library

Irene ist Bibliothekarin, doch nicht in einer gewöhnlichen Bibliothek. Die, für die sie arbeitet, liegt zwischen unzähligen Parallelwelten, und Irene und ihre Kollegen haben die Aufgabe, dem Bestand ganz besondere Bücher hinzuzufügen, was nicht selten Gefahr für Leib und Leben mit sich bringt. Gerade von einer dramatischen Buchbeschaffungsmission zurückgekehrt, findet Irene sich mit einer neuen betraut, die noch weitaus riskanter klingt: Aus einem alternativen viktorianischen London voller Feen, Vampire, Werwölfe und schräger Technik soll ein Märchenbuch besorgt werden, das offenbar schon seinen Vorbesitzer das Leben gekostet hat. Irenes alte Rivalin Bradamant ist erpicht darauf, ihr den Auftrag abzujagen, und zu allem Elend soll Irene auch noch den undurchsichtigen Kai als Auszubildenden mitnehmen und betreuen. In London angekommen, müssen die beiden erkennen, dass es andere ebenfalls auf das Buch abgesehen haben – darunter der finstere Alberich, ein abtrünniger Bibliothekar, der über Leichen geht, um seinen Willen durchzusetzen …
Vor allem zwei Dinge machen Genevieve Cogmans The Invisible Library attraktiv und zu einer über weite Strecken amüsanten Lektüre: Der fabulierfreudige Weltenbau, der ein klassisches Steampunklondon mit Luftschiffen und übernatürlichen Wesen um herrlich unerwartete Details wie ein zum politischen Schwergewicht aufgestiegenes Liechtenstein ergänzt, und die quirlige Figurenriege.
Besonders Irene – halb Agentin, halb Gelehrte und wie alle Angehörigen der Bibliothek einer besonderen Magie kundig, die durch präzise Sprache wirkt – ist eine ansprechende Heldin und hat in der gleichermaßen zupackenden Bradamant eine interessante Gegenspielerin (und gelegentlich widerwillige Verbündete). Ein wenig bedauerlich ist, dass Cogman offenbar auf eine schon zu oft gesehene Art von Dreiecksverhältnis hinarbeitet, wenn sie mit Kai und dem weltläufigen Privatdetektiv Vale gleich zwei Männer in Stellung bringt, die ihre Protagonistin unwiderstehlich findet (auch wenn in diesem Band in der Hinsicht noch nicht allzu viel passiert). Immerhin sind die beiden aber auch aus sich heraus spannende Figuren: Kai ist weitaus mehr als der in den Dienst der Bibliothek gepresste jugendliche Gauner, als der er zunächst eingeführt wird, und Vales prononcierte Abneigung gegen Magie macht seine Annäherung an Irene kompliziert.
Ohnehin wird manches, was erst klar erscheint, im Laufe der Geschichte infrage gestellt, so auch die Rolle der Bibliothek selbst, die mit ihren strikten Hierarchien und inneren Machtkämpfen zunehmend dystopische Züge gewinnt und vielleicht gar nicht so edlen Zwecken dient, wie Irene gern glauben möchte.
Hier gäbe es also viel auszuloten, aber man merkt dem Roman deutlich an, dass er gezielt als Reihenauftakt konzipiert ist: Es wird zwar eine Fülle von Fragen angerissen, aber kaum eine befriedigend beantwortet. Während die geschilderte Handlungsepisode leidlich in sich abgeschlossen ist, bleibt auf der übergeordneten Ebene vieles offen und soll wohl dazu verlocken, zu den Fortsetzungen zu greifen.
Als Einzelband betrachtet ist das Buch etwas zu sehr auf flotte Lesbarkeit getrimmt. Wann immer ein Gespräch interessant zu werden droht, schlägt unweigerlich die nächste Actionszene in Form angriffslustiger mechanischer Kreaturen, fremdbestimmter Alligatoren oder wildgewordener Silberfischchen zu (wobei hier und da auch auf Ekeleffekte gesetzt wird). Langeweile kommt so zwar nicht auf, aber nach einer Weile ist das Schema doch vorhersehbar und man wartet ungeduldig darauf, dass die neueste Gefahr abgehakt wird.
In gewisser Weise stellt sich das Buch also damit selbst ein Bein, dass es so bereitwillig die auf äußeren Ereignissen fußende Daueraufregung bietet, die vielen Lesern mitreißend erscheint. Wenn der Handlung und den Charakteren mehr Atempausen vergönnt wären, hätte vielleicht ein schönerer Roman mit mehr Tiefgang entstehen können, der über reine Unterhaltung hinausgekommen wäre. Da die Figuren und die Welt nett geschildert sind, ist das kein zwingender Grund, nicht zum zweiten und dritten Band zu greifen, doch leises Bedauern über das zugunsten einer einfachen Erfolgsformel verschenkte Potential bleibt dennoch.

Genevieve Cogman: The Invisible Library. London, Tor, 2015, 329 Seiten.
ISBN: 9781447256236


Genre: Roman
Der Sieger von Kadesch

Der Sieger von Kadesch

Hattusili III. ist als Usurpator auf den Thron des Hethiterreichs gelangt. Ein großes religiöses Fest im Jahre 1265 v. Chr. soll ihm daher nicht nur die Götter gewogen machen, sondern auch seine Herrschaft an der Seite seiner Gemahlin Puduhepa in den Augen der eigenen Untertanen und fremder Mächte legitimieren. Zunächst scheint alles ganz nach Plan zu verlaufen, und selbst eine kostbare goldene Statue der Göttin Istar wird noch rechtzeitig zu den Feierlichkeiten fertig. Dann aber wird zur Unzeit eine Leiche gefunden. Was zunächst noch nach einem bizarren Unfall aussieht, erweist sich rasch als Mord, der Hattusilis grandiose Selbstinszenierung zum Scheitern bringen könnte. Der königliche Schreiber Walwaziti soll den Fall möglichst schnell und unauffällig klären, bekommt es aber schon bald mit einem weiteren Todesfall zu tun und muss erkennen, dass sein Herr womöglich in viel größerer Gefahr schwebt als nur in der, öffentlich das Gesicht zu verlieren …
Die Inhaltszusammenfassung zeigt es schon: Der Sieger von Kadesch ist ein Historienkrimi, allerdings einer, der vor einem originellen und noch unverbrauchten Hintergrund angesiedelt ist. Während das römische Reich oder das europäische Mittelalter in einer Vielzahl von Einzelbänden und Serien zum Schauplatz mehr oder minder grausiger Verbrechen werden, wird im bronzezeitlichen Anatolien zumindest literarisch eher selten gemordet. Dass es hier geschieht, ist – bei allem Mitgefühl mit den Opfern – sehr zu begrüßen, denn Birgit Brandau beschwört die fremde Welt ungemein überzeugend und lebendig herauf. Nicht nur dem in seiner Trennung von Fakten und Fiktion akribischen Nachwort merkt man an, dass die Autorin auch schon Sachbücher zum Thema verfasst hat (Hethiter. Die unbekannte Weltmacht, mit Hartmut Schickert; Troia. Eine Stadt und ihr Mythos). Lebenswirklichkeit, Religion, soziale und politische Verhältnisse werden in enger Anlehnung an die Schriftzeugnisse und archäologischen Quellen geschildert, so dass man aus dem Roman tatsächlich einiges lernen kann und es nicht nur mit einer bunten Kulisse zu tun hat.
Die Figuren sind in ihrer Psychologie und ihrer Prioritätensetzung überzeugend aus diesem Umfeld heraus entwickelt, bleiben aber dennoch sehr menschlich und sind in vielen Fällen recht sympathisch gezeichnet. Besonders der Ermittler Walwaziti, der Wein und gutes Essen schätzt und insgeheim mehr als nur ein wenig in die Königin verliebt ist, wächst einem schnell ans Herz. Doch auch viele seiner Mitstreiter und der Verdächtigen sind ansprechend charakterisiert. „Viele“ ist übrigens keine Übertreibung, denn für einen eher kurzen Krimi bekommt man es mit einer Fülle von (häufig sogar historisch belegten) Personen zu tun, die munter im Intrigengewirr um den Hethiterhof und in der Mordserie mitmischen. Einerseits macht das die Sache spannend, andererseits ist man aber zu aufmerksamer Lektüre gezwungen, um keine Verwicklung zu überlesen. Wer einen reinen Unterhaltungsroman sucht, von dem er sich angenehm berieseln lassen kann, hat daran wahrscheinlich weniger Spaß als Fans des Miträtselns und konzentrierten Einlassens auf kompliziert konstruierte Fälle.
Doch – so viel sei verraten – es lohnt sich, tief in das Buch einzusteigen. Selbst als der eigentliche Krimiplot schon aufgelöst erscheint, ergibt sich noch eine ebenso überraschende wie schlüssige Wendung, die das Motiv in ganz neuem Licht erscheinen lässt, und alle politischen und persönlichen Probleme sind mit der Überführung des Täters noch längst nicht vom Tisch.
Aufgrund dieser Besonderheiten ist Der Sieger von Kadesch auch einer der wenigen Krimis, die man gern mehr als einmal liest. Ist sonst oft mit der Auflösung der Reiz verflogen, funktioniert dieser hier auch auf der Ebene des historischen Romans so gut , dass man gern noch einmal Details nachspürt und neue Kleinigkeiten entdeckt.
Umso bedauerlicher ist es, dass Walwazitis mittlerweile schon über fünfzehn Jahre alte Abenteuer nie eine Fortsetzung erhalten haben oder sogar zur Serie ausgebaut worden sind – aber vielleicht sind die Hethiter unverdientermaßen einfach nicht populär genug, um große Leserscharen anzulocken?

Birgit Brandau: Der Sieger von Kadesch. Roman aus dem Land der Hethiter. München, DTV, 2. Aufl. 2002, 279 Seiten.
ISBN: 3423242884


Genre: Roman
Winterlied

Winterlied

Einst – so erzählt man sich – wurden die Vorfahren der sogenannten Wanderer von der Burg Falkenflug vertrieben. Seither ziehen ihre Nachkommen als fahrenden Spielleute durch die Lande. Auch der junge Tir gehört solch einer Gauklertruppe an, die sich aufgrund eines besonders harten und stürmischen Winters gezwungen sieht, ausgerechnet auf Falkenflug Zuflucht zu suchen. Vom undurchsichtigen Burgherrn Cyran bis hin zur Dienerschaft ist niemand sonderlich angetan davon, die Fahrenden für längere Zeit beherbergen zu müssen – bis auf Ailys, die blinde Tochter des Burgherrn, in der die Musik der Wanderer den Drang weckt, ihrem überbehüteten Dasein zu entfliehen. Dass sie sich mit Tir anfreundet, sieht niemand gern, und das nicht etwa nur aufgrund der drohenden Mesalliance. Vielmehr kommen die beiden jungen Leute einem magischen Geheimnis auf die Spur, dessen Aufdeckung nicht nur ihr eigenes Leben entscheidend verändern könnte …
Birgit Ottens Winterlied ist vor allem ein Buch, dem man mehr Tiefe und Detailfreude wünscht. Das bezieht sich nicht allein auf die äußerst geradlinig und zweckdienlich erzählte Handlung, sondern vor allem auf die Welt des Romans, die eigenartig unausgestaltet bleibt. Zwar ist nachvollziehbar, dass sich das Geschehen angesichts des bedrohlichen Winterwetters auf die Burg und ihre unmittelbare Umgebung beschränkt, aber was es jenseits davon gibt und welche Spielregeln abgesehen von dem oft beschworenen Gegensatz zwischen Wanderern und Sesshaften das Leben prägen, erfährt man leider nicht einmal in Andeutungen.
Selbst die für den Plot nicht unwichtige Magie ist in ihren Wirkmöglichkeiten und Begrenzungen ziemlich vage gefasst. Unwillkürlich hat man den Verdacht, dass die Autorin, die auch schon unter dem Pseudonym Katjana May veröffentlicht hat, den gängigen Schreibtipp, alles Überflüssige wegzulassen, etwas zu gut und gründlich befolgen wollte. Das Ergebnis wirkt streckenweise wie das bloße Gerippe einer Erzählung, die durch mehr Einzelheiten und ein paar Umwege einiges an Charme und Originalität hätte gewinnen können.
Denn eigentlich ist die Geschichte der Annäherung zwischen Ailys und Tir recht nett erzählt, auch wenn Tir mit seiner sehr selektiven Empathie, die insbesondere seiner ersten Geliebten Mayra gegenüber versagt, nicht unbedingt ein Hauptgewinn in der Partnerlotterie ist (zugegebenermaßen ein Zug, den er mit erschreckend vielen Liebesromanhelden teilt). Auch abenteuerliche Erlebnisse – komplett mit dramatischem Showdown mit einer unerwarteten Gegenspielerin – dürfen Tir und Ailys gemeinsam überstehen, obwohl die entscheidenderen Entwicklungen auf zwischenmenschlicher Ebene stattfinden. Wie Ailys nach und nach bemerkt, dass ihre scheinbar mütterlich um sie besorgte Dienerin und selbst ihr eigener Vater nicht unbedingt nur ihr Wohl im Sinn haben, ist glaubwürdig geschildert, ebenso auch Tirs allmähliche Entfremdung von seinem bisherigen sozialen Umfeld. Hier werden Zwischentöne fassbar, die dem kleinen Roman auch auf anderen Gebieten gutgetan hätten.
Da es sich bei Winterlied den Angaben im Buch nach um den Einstiegsband einer geplanten Trilogie handelt, kann man nur hoffen, dass es Birgit Otten in den Fortsetzungen gelingt, aus der durchaus reizvollen Idee noch mehr zu machen und den Hintergrund ihrer Geschichte etwas liebevoller auszuarbeiten. In dem Fall könnte es sich durchaus lohnen, Das Erbe der Wanderer als potentiell spannende Serie im Auge zu behalten. So, wie das Winterlied bisher vorliegt, ist es dagegen nur eine streckenweise unterhaltsame kleine Lektüre für zwischendurch und nicht mehr.

Birgit Otten: Winterlied. Das Erbe der Wanderer 1. Norderstedt, BoD, 2016, 164 Seiten.
ISBN: 9783739249025


Genre: Roman
Lavendelblues

Lavendelblues

Der ganz auf Rosenmotive ausgerichtete Kunsthandwerks- und Antiquitätenladen, den Dahlia im Elsass führt, steht kurz vor der Pleite. Auch ihre Freundin, die Sängerin Estelle, hat kaum noch Erfolg und fühlt sich noch dazu von ihrer Beziehung zu dem eigentlich ganz liebenswerten Yves eingeengt. Besser getroffen zu haben scheint es nur Bruni, die Dritte im Bunde, die mit ihrem Geliebten im malerischen Quercy lebt und ihre Freundinnen mit schwärmerischen Postkarten aus ihrem kleinen Paradies förmlich überschüttet. Doch als Dahlia und Estelle spontan zu einem Überraschungsbesuch bei Bruni aufbrechen, erweist sich sehr schnell, dass auch das südfranzösische Idyll seine Schattenseiten hat – und dass die vermeintlich so triste eigene Situation vielleicht doch mehr Anlass zur Hoffnung bietet, als man sich selbst bisher eingestehen wollte …
Weder die Inhaltszusammenfassung noch die Covergestaltung kann Petra van Cronenburgs Roman gerecht werden, denn beides lässt einen auf den ersten Blick wohl zunächst an einen gefälligen Unterhaltungsroman denken. Dass der Lavendelblues sich nicht unterhaltsam liest, kann man auch nicht behaupten – aber er hat nichts Seichtes oder Glattgebügeltes, sondern ist ein tiefsinniger, poetischer und auf seine Art sehr literarischer Roman.
In hohem Maße ist das den unbestechlich, aber oft mit viel Sympathie gezeichneten Figuren zu verdanken: der Ich-Erzählerin Dahlia, deren Ringen mit den zweifelhaften Freuden der beruflichen Selbständigkeit realitätsnah wirkt, der ihr zunächst lästigen Madame Frédéric, hinter deren Erzählungen von der schlechten alten Zeit unverhofft viel Mut und Menschlichkeit stecken, einem Münchhausen unter den Künstlern und nicht zuletzt einem weisen jüdischen Philosophen, der an seinem harten Schicksal nicht zerbrochen ist, sondern die Lebensfreude mehr als jeder andere zu zelebrieren weiß.
Das tut auch der Roman selbst, denn seine zweite große Stärke sind die sinnlich nachempfindbaren Schilderungen der Natur und Umgebung, aber auch der Macht der Kunst. Bei der Beschreibung der Reise der Protagonistinnen durch halb Frankreich läuft man Gefahr, akutes Fernweh zu entwickeln (bei mir war es spätestens an dem Punkt so weit, an dem Weiden voller weißer Charolais-Rinder und der heilige Leodegar von Autun erwähnt werden). Andere Stellen dagegen lassen einen in den Eindrücken, Gefühlen und Gedanken versinken, die Musik, Tanz oder Bilder in einem hervorrufen können. Ein improvisierter Straßentheaterauftritt wird zur verzauberten Traumvision, und künstlerische Fotos erweisen sich als Wegweiser Richtung Selbsterkenntnis. Gelegentlich wünscht man dieser ganzen Fülle den Platz, tiefer ausgelotet und nicht nur impressionistisch angedeutet zu werden; fünfzig Seiten mehr hätten dem Roman vielleicht nicht geschadet.
Doch das, was da ist, muss man einfach genießen und als Denkanstoß nehmen: Denn Lavendelblues ist bei allem mitschwingenden Wissen darum, wie übel das Leben sein kann, und aller berechtigten Kritik an Egoismus, vulgärem Gebaren und schierer Bräsigkeit einfach eine Feier des Schönen, der Kunst und des Muts, sich nicht von Selbstmitleid unterkriegen zu lassen. Die lyrische Sprache, die reizend Unerwartetes bietet (darunter eine sehr charmante Kröte mit einem Bauch voller Sterne), und die wunderbaren Kapitelüberschriften (leider heutzutage Mangelware) runden den angenehmen Lektüreeindruck ab.
Wer Frankreich liebt, eine Aufmunterung braucht oder einfach nur einmal wieder einen Roman lesen möchte, der einen zufrieden und erfüllt zurücklässt, sollte also unbedingt zu diesem Buch greifen.

Petra van Cronenburg: Lavendelblues. Bergisch Gladbach, BLT (Lübbe), 2006, 254 Seiten.
ISBN: 9783404922147

Die hier besprochene Taschenbuchausgabe ist leider nur noch antiquarisch erhältlich, aber es gibt den Lavendelblues auch als e-Book.


Genre: Roman
Mirabellensommer

Mirabellensommer

Die Domaine de Lafleur ist ein mediterranes Idyll unweit der Parfümstadt Grasse. Die Haushälterin Ségolène Verbier und ihr Mann sind schon lange mit dem ivorischen Einwandererehepaar Babajou befreundet, pflegt doch Babette Babajou seit Jahren den alten Gutsbesitzer Georges Lafleur. Als der Patriarch unerwartet stirbt, lernen sich auf seiner Beerdigung Julie, die Enkelin der Verbiers, und Rachid, der Sohn der Babajous, kennen und lieben. Doch Julie ist die Tochter eines Front-National-Wählers, der sich einen muslimischen Schwarzen als Schwiegersohn in spe nun wirklich nicht vorstellen kann, während Rachids fleißiger Vater umgekehrt entsetzt ist, dass sein eben noch so braver und strebsamer Sohn unter den Einfluss einer rebellischen Schulabbrecherin zu geraten droht, die mindestens so viele Piercings hat wie Weltverbesserungspläne. Eine illegale Aktion der jungen Leute und der Unfalltod eines Huhns heizen die Spannungen zwischen den beiden Familien weiter an. Während Julie und Rachid ihr Heil in der Flucht suchen, erkennt aber auch Babette allmählich, dass sie noch mehr vom Leben erwartet als den ewiggleichen Alltagstrott …
Mirabellensommer ist die Fortsetzung des Romans Sonnensegeln, in dem die Liebesgeschichte zwischen Georges‘ Sohn Lucien und der Deutschen Marita im Vordergrund steht, lässt sich aber auch ohne Kenntnis dieses ersten Bandes problemlos lesen. Beschwingt, sonnendurchflutet und humorvoll lebt das Buch vor allem von den schönen Schilderungen Südfrankreichs, das in all seiner sommerlichen Pracht den Hintergrund für eine Geschichte um alte und junge Liebe und den Mut, über den eigenen Schatten zu springen, bildet. Zusätzlichen Charme gewinnt Mirabellensommer durch den erzählerischen Kniff, dass gelegentlich der verstorbene Georges das Geschehen aus dem Jenseits beobachten und kommentieren darf.
Doch was auf den ersten Blick nur gefällige Unterhaltung zu sein scheint, hat es auf den zweiten thematisch in sich. Mit Babette Babajou steht eine originelle Heldin im Mittelpunkt, denn eigentlich ist sie genau die Art von Gestalt, die in den allermeisten Romanen wohl nur als Nebenfigur durchs Bild huschen würde: eine afrikanische Migrantin Ende vierzig, die als vierfache Mutter ein Leben voll harter Arbeit im Schatten ihres Mannes hinter sich hat. In gängige Schablonen passt sie gleichwohl nicht. Ihre Biographie ist mit interessanten Details gewürzt (so hat sie z.B. als Christin gegen alle Widerstände der Familie einen Muslim geheiratet), und wie sie sich ganz sanft und allmählich neu orientiert, ist eine Freude zu lesen.
Auch insgesamt werden aktuelle Probleme wie Fremdenfeindlichkeit, Gentrifizierung und wirtschaftliche Verdrängungsprozesse keinesfalls ausgeblendet. Zwar kommt es nicht ganz arg –  Mirabellensommer ist schließlich keine Tragödie, sondern ein Roman zum Weglesen und Wohlfühlen -, aber wenn man genau hinschaut, findet man doch viele Denkanstöße.
Letzten Endes überwiegt jedoch die positive und hoffnungsvolle Grundstimmung, und inmitten einer Kulisse aus duftenden Rosenfeldern, verwinkelten Altstadtgassen und leuchtenden Farben kann das wohl auch gar nicht anders sein. Wer noch die passende Urlaubslektüre sucht, um sie im Handgepäck mit ans Mittelmeer zu nehmen oder sich vom heimatlichen Balkon aus dorthin zu träumen, findet sie hier garantiert.
Nur eines bleibt leider rätselhaft: Der Zusammenhang zwischen dem Roman und seinem – zugegebenermaßen poetischen – Titel. Zwar ist ein nettes Rezept für Mirabellen-Mango-Chutney enthalten, und am Rande wird dieses neben zahlreichen anderen Köstlichkeiten, die Babette zu kochen weiß, auch erwähnt. Doch Mirabellen speziell spielen in der Geschichte keine größere Rolle, so dass man sich des Verdachts nicht erwehren kann, dass der Wohlklang des Titels hier wichtiger war als ein sinnvoller Bezug zur Handlung.

Marie Matisek: Mirabellensommer. München, Knaur, 2017, 288 Seiten.
ISBN: 9783426517406


Genre: Roman
Ein Himmel voller Sterne

Ein Himmel voller Sterne

Eigentlich könnte der Illustrator Merlin zufrieden sein: Mit seiner großen Liebe Prune hat er sich in vorgerücktem Alter den Traum vom Haus auf dem Lande erfüllt. Trotz einer erdrückenden Fülle von Renovierungsarbeiten sieht die Zukunft gar nicht schlecht aus, da auch sein Herzensprojekt, die Comicserie Wild Oregon, mit dem 13. Band auf einmal den langersehnten Erfolg zu haben scheint. Doch dann stirbt unerwartet sein bester Freund Laurent, die Inspiration für seinen Comichelden Jim „Bear“ Oregon, und hinterlässt ihm nicht nur seine übellaunige Katze, sondern auch noch einen letzten Willen, der es in sich hat. Denn wenn es nach Laurent geht, soll Jim gefälligst endlich die große Liebe finden – und dann auch noch einen eindrucksvollen Abgang hinlegen …
Ein augenzwinkernder Blick auf den (Künstler-)Alltag, liebenswerte und kauzige Charaktere (allen voran der Ich-Erzähler Merlin mit seiner Mischung aus Eitelkeit und Selbstironie), Katzen, Vögel, Baumaßnahmen, Whiskey und immer wieder kleine Plotausschnitte aus einem herrlich abgefahrenen Space Western – Marie-Sabine Rogers Ein Himmel voller Sterne ist eine ziemlich unwiderstehliche Mischung.
Wer selbst schon einmal in irgendeiner Form kreativ gearbeitet hat, wird daran wohl besonders seinen Spaß haben, denn das Ineinandergreifen von realem Leben und künstlerischem Werk wird hier mit viel Verve und hohem Wiedererkennungswert geschildert. Wie Merlin sowohl Menschen, die ihm am Herzen liegen, als auch unerfreuliche Zeitgenossen in seinem Comic verewigt, bringt einen dabei immer wieder zum Lachen, und auch fiktive Figuren, die beharrlich darauf bestehen, dass ihre Erlebnisse doch eigentlich ganz anders verlaufen sollten, dürften jedem bekannt vorkommen, der schon einmal selbst eine Geschichte geschrieben hat.
In das fabulierfreudige Vergnügen mischen sich jedoch auch nachdenkliche Töne, vor allem, da unaufdringlich Kritik an manch hartnäckigem Klischee populärer Literatur geübt wird, etwa am kernigen Serienhelden, der sich nie ändern und schon gar nicht erfolgreich verlieben darf, oder am typischen male gaze, der aus so gut wie jeder Frauengestalt eine Sexbombe in unwahrscheinlicher Garderobe macht.
Mit vorgehaltenem Zeigefinger schreibt Roger dennoch nicht, sondern vielmehr sehr warmherzig und menschlich. Merlins durch Laurents letzte Wünsche angestoßene Erkenntnis, dass sich in seinem Comic einiges ändern muss, geht letztlich auch mit dem Eingeständnis einher, dass Wild Oregon nicht nur für ihn, sondern auch für einige seiner Lieblingsleser Lebensbewältigung ist. Dass man nicht immer in eine vorgefertigte Schublade passen muss und selbst dann, wenn schon alles vorbei zu sein scheint, noch eine überraschende Wendung warten kann, ist dabei eine zentrale Botschaft des Romans. Der Blick auf Vergänglichkeit und verpasste Chancen ist trotz aller traurigen Elemente recht versöhnlich, denn es schwingt der Eindruck mit, dass selbst jemand wie der versoffene und in vielerlei Hinsicht gescheiterte Laurent mehr richtig gemacht hat, als ihm selbst je bewusst geworden ist.
Philosophisches, Skurriles und Alltägliches gleichermaßen werden mit viel Leichtigkeit und Sprachwitz heraufbeschworen, und es gelingt der Übersetzerin Claudia Kalscheuer grandios, auch die verrücktesten Wortspiele überzeugend ins Deutsche zu übertragen. So ist die Lektüre nicht nur emotional befriedigend, sondern auch sprachlich ein Genuss, und wenn man am Ende eines bedauert, dann wohl nur, dass es einem in der realen Welt leider verwehrt ist, sich als Nächstes einen Wild-Oregon-Comic zuzulegen (am liebsten natürlich Band 14).

Marie-Sabine Roger: Ein Himmel voller Sterne. Hamburg, Atlantik (Hoffmann und Campe), 2017, 301 Seiten.
ISBN: 9783455600575


Genre: Roman
Mordkapelle

Mordkapelle

Im beschaulichen Bad Oeynhausen brennt eine Kapelle lichterloh – und in ihr ein Mensch im Rollstuhl. Die Reporterin Ira Wittekind, die über den Vorfall berichten soll, ist entsetzt, dass es sich bei dem Toten um den allseits beliebten Apotheker Ludwig Hahnwald handelt, den auch sie schon seit ihrer Kindheit kennt. Wer ihm den Tod gewünscht haben könnte, scheint erst unverständlich. Doch bei ihren Recherchen für einen Nachruf stolpert Ira bald über die hässlichen Seiten des „schönen Ludwig“, der seine Familie tyrannisierte und einiges zu verbergen hatte. Neugierig geworden versucht Ira, mehr herauszufinden, aber das ist alles andere als einfach, zumal ihr ein mysteriöser Blogger bei ihren Nachforschungen stets einen Schritt voraus ist. Wie sehr sie sich bei dem Wettlauf um Informationen selbst in Gefahr begibt, bemerkt sie erst viel zu spät …
Abgründe hinter der wohlanständigen Fassade der Provinzelite, überraschende Wendungen und Enthüllungen, falsche Fährten und mit dem Fortschreiten der Geschichte auch noch immer mehr Action und Dramatik – Carla Berlings Mordkapelle hat alles, was ein Krimi braucht, um sich süffig wegzulesen.
Ihr eigentliches Talent zeigt die Autorin aber bei den präzisen und fein beobachteten Beschreibungen der alltäglichen, unheimlichen oder einfach nur herrlich schrägen Typen (besonders die trinkfesten alten Tanten von Iras Freund Andy drängeln sich forsch ins Leserherz) und der Umgebung, in der sie sich bewegen. Dabei führt die Handlung nicht nur durch ein mitsamt seinen wortkargen Bewohnern augenzwinkernd heraufbeschworenes Ostwestfalen, das ja schon im Nachnamen der Protagonistin anklingt, der vielleicht ein wenig auf Widukind als eine der bekanntesten historischen Persönlichkeiten der Region anspielt. Da Iras Lokalzeitung ihr einen spontanen Recherchetrip nach Südfrankreich finanziert (die Glückliche!) und eine Spur in dem Kriminalfall nach Hamburg weist, haben auch die schönsten Ecken der Côte d’Azur und die Hansestadt kleine Gastauftritte.
An der Krimihandlung selbst fällt zweierlei positiv auf. Zum einen spielt Carla Berling fair und gibt schon früh diskrete Hinweise auf die Person, die hinter dem Mord steckt, so dass man miträtseln kann und spätestens in der Rückschau erkennt, dass das ganze Buch auf die präsentierte Lösung hinführt. Zum anderen bleibt der Plot insofern realistisch, als Iras Perspektive konsequent durchgehalten wird und am Ende zwar vieles, aber nicht alles geklärt ist. Zwar stellen die Protagonisten schlüssige Hypothesen über manche Zusammenhänge auf, aber ein paar Geheimnisse dürfen die Verdächtigen behalten. Das ist in vielen Standardkrimis anders (wie Ira auch romanintern ironisch anmerken darf), und so empfindet man es als ganz erfrischend, dass Berling hier ein wenig näher am wirklichen Leben zu bleiben versucht.
Wer einen unterhaltsamen Krimi sucht, kann mit Mordkapelle also nicht viel falsch machen und wird auch Freude an netten Details wie den Steckbriefen der Hauptpersonen und der Kartenskizze der wichtigsten Handlungsorte haben. Eine Merkwürdigkeit sei allerdings nicht unterschlagen (auch wenn sie nichts mit dem Text an sich zu tun hat): Durch eine Art Prägung, die wohl originell wirken soll, fühlt sich der Einband des Romans an wie Sandpapier. Man kann nur hoffen, dass der Verlag bei einer Neuauflage oder etwaigen Folgebänden auf eine konventionellere Gestaltung zurückgreift, bei der man das Buch dann auch im Wortsinn genau so gern zur Hand nimmt, wie man es liest.

Carla Berling: Mordkapelle. Kriminalroman. München, Heyne, 2017, 400 Seiten.
ISBN: 9783453419964


Genre: Roman