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Die Weisheit der Wölfe

Die Weisheit der Wölfe

Wölfe haben in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer keinen leichten Stand: Das Image des „bösen Wolfs“ ist schwer abzuschütteln, und die andererseits bisweilen betriebene Romantisierung wird den klugen und sozialen Tieren ebenso wenig gerecht. Dem wirklichen Wesen der Wölfe versucht Elli H. Radinger sich in Die Weisheit der Wölfe anzunähern.
Das Buch in eine der gängigen Schubladen einzuordnen, ist dabei fast unmöglich: Vordergründig ist es zwar naturkundlich ausgerichtet und schildert vor allem Beobachtungen an den Wolfsrudeln im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark, doch es hat zugleich eine philosophische Komponente, wenn Radinger immer wieder herausarbeitet, inwieweit das Verhalten der Wölfe dem menschlichen ähnelt oder ihm sogar als Vorbild dienen kann. Wer eher trockene Sachtexte gewohnt ist, wird vielleicht sogar einen kleinen Kulturschock erleben, denn Die Weisheit der Wölfe ist bewusst emotional geschrieben – nicht sentimental (die Tiere werden keineswegs verniedlicht), sondern von viel Enthusiasmus und Sympathie für Wölfe im Allgemeinen und manche Exemplare im Besonderen getragen. Ob und inwieweit man sich darauf einlassen mag, ist sicher Geschmackssache, aber wenn man es tut, wird man mit einem intensiven Ausflug in eine faszinierende Welt belohnt.
Wie Wölfe in freier Wildbahn miteinander, mit ihrer Beute und mit weiteren Lebewesen interagieren, ist, wie man hier erfährt, erst relativ spät erforscht worden. Noch immer sind die populären Vorstellungen daher stark von Beobachtungen geprägt, die man an in Gefangenschaft gehaltenen Wölfen gemacht hat, deren Zwangsgemeinschaften mit der natürlichen, überwiegend familiär geprägten Rudelstruktur wenig gemein haben. „Alphatiere“ und dergleichen mehr tauchen hier deshalb nur als kritisierte und überholte Konzepte auf.
Stattdessen erfährt man viel über den fürsorgliches Miteinander, clevere Jagdstrategien, erbitterte Kämpfe gegen rivalisierende Rudel, Anpassungsfähigkeit, ausgelassene Spiele, die Zusammenhänge in ganzen Ökosystemen und – besonders spannend – die fast freundschaftliche Zusammenarbeit mit Raben bei der Beutesuche. Auch den weitverbreiteten Ressentiments gegenüber Wölfen und nicht zuletzt der Rückkehr des Wolfs nach Deutschland, die nicht bei allen Begeisterung auslöst, obwohl sie eigentlich zu begrüßen ist, sind Kapitel gewidmet.
Wer sich schon eingehender mit Wölfen befasst hat, wird hier zwar viel Bekanntes wiederfinden, aber die Lektüre von Radingers Buch lohnt sich dennoch, da bei ihr einzelne Tiere deutlicher als anderswo als Individuen hervortreten. Wölfe – so wird einem klar – ähneln Menschen auch in der Hinsicht, dass vieles vom Charakter des Einzelnen abhängt und nicht jeder denselben Weg beschreitet, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Oft scheinen sie dabei weit mehr im Einklang mit sich und ihrer Umwelt zu sein als Menschen, so dass Radinger immer wieder dafür plädiert, sich einiges bei ihnen abzuschauen. Hier sind manche Interpretationen natürlich sehr subjektiv, aber insgesamt ist die Überlegung, dass der Blick in die Natur helfen kann, innezuhalten und eigene Gewohnheiten und Denkmuster zu hinterfragen, sicher nicht falsch.
Neben zahlreichen schönen Fotos (teilweise sogar in Farbe) runden einige praktische Hinweise den Band ab. Außer Tipps zum richtigen Verhalten wilden Wölfen gegenüber ist hier auch eine Art kleiner Reiseführer enthalten, falls man selbst planen sollte, den Protagonisten des Buchs in den USA einen Besuch abzustatten. Wer keinen wissenschaftlich-trockenen, sondern eher einen mitreißenden und schwungvoll lesbaren Zugang zum Thema Wolf sucht, findet hier also genau das Richtige.

Elli H. Radinger: Die Weisheit der Wölfe. Wie sie denken, planen, füreinander sorgen – Erstaunliches über das Tier, das dem Menschen am ähnlichsten ist. München, Ludwig, 2017, 288 Seiten.
ISBN: 9783453280939


Genre: Sachbuch allgemein
Der Geschmack des Weltreichs

Der Geschmack des Weltreichs

Die Alltagsgeschichte der römischen Antike ist nicht nur in der Forschung, sondern auch bei historisch Interessierten ein beliebtes Thema, und die Esskultur ist daraus nicht wegzudenken: Speisen, die man nachkochen und probieren kann, bieten schließlich mit den unmittelbarsten sinnlichen Zugang zu einer vergangenen Welt. Die überlieferten Rezepte sind jedoch in Mengenangaben und Zubereitungsempfehlungen oft äußerst vage. Abhilfe schaffen Kochbücher, die das antike Textmaterial heutigen Gepflogenheiten entsprechend ausdeuten. Der Geschmack des Weltreichs ist ein Beispiel für diese Buchgattung, das ins römische Germanien führt.
Der Romanautor Michael Kuhn nähert sich der römischen Kochkunst nicht aus streng wissenschaftlicher Perspektive, sondern von der unterhaltsamen Seite. Eine strikte Rekonstruktion steht nicht im Vordergrund, sondern der Spaß für Hobbyköchinnen und -köche. So sind die Rezepte in eine kleine Geschichte um das Pech eines jungen Legionärs eingebettet, der unfreiwillig als Küchenhilfe beim Gastmahl seines Vorgesetzten einspringen muss, und kommen in Geschmacksrichtung und Zutatenauswahl heutigen Vorlieben sehr entgegen. Wer also hofft, hier eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für orgiastische Prassereien à la Trimalchio zu erhalten, dürfte eher enttäuscht sein.
Stattdessen gibt es freie Interpretationen derjenigen antiken Rezepte (etwa von Apicius oder Cato), die im weitesten Sinne so etwas wie solide Hausmannskost ergeben, vom Fladenbrot über Linseneintopf und Schinken im Teigmantel bis hin zum Honig-Käsekuchen. Bequemlichkeit geht dabei teilweise vor historischer Korrektheit (so wird z.B. ein Wurstrezept in eines für Frikadellen umgewandelt und auch durchaus einmal Backpulver in den Teig gemischt). Aber nicht immer ist der Griff zu modernen Zutaten so bewusst: Ein Gericht wird mit grünen Bohnen zubereitet, die den Römern eigentlich noch unbekannt gewesen sein dürften, da sie aus der Neuen Welt stammen.
Nicht ganz klar geworden ist mir die Logik hinter der Grammatik der lateinischen Rezeptnamen, bei denen Nominativ und Akkusativ munter abwechseln. Hier hätte man sich ein gründlicheres und sprachkundigeres Lektorat gewünscht.
Auch bei den Illustrationen schwankt die Qualität ein wenig. Während die Fotos der einzelnen Gerichte ansprechend geraten sind, wirken die Grafiken mit der Übersicht über die den Römern bekannten und unbekannten Lebensmittel etwas unscharf und hätten eine hübschere Gestaltung verdient.
Ein Gesamturteil über den Geschmack des Weltreichs fällt daher im Endeffekt schwer. Einerseits ist einem an dem Buch die Intention sympathisch, römische Esskultur für Laien ohne großen Aufwand und mit raschen Erfolgserlebnissen nachvollziehbar zu machen, und die fiktiven Szenen lesen sich ganz unterhaltsam, auch wenn ihnen der didaktische Charakter anzumerken ist. Andererseits hätte man sich doch etwas mehr Genauigkeit im Detail gewünscht. Wer in der Antike einfach nur ein paar vergnügliche Anregungen für die Küchenpraxis sucht, kann hier fündig werden, aber alle, die auf bis in alle Einzelheiten belastbare Informationen Wert legen, sollten zumindest zusätzlich oder gleich ganz zu anderen Werken greifen.

Michael Kuhn: Der Geschmack des Weltreichs. Einführung in die römische Küche. Aachen, Ammianus, 2017, 96 Seiten.
ISBN: 9783945025604


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein
Die geheime Welt der Gartendrachen

Die geheime Welt der Gartendrachen

Es gibt Bücher, die sich den gewohnten Genrezuordnungen entziehen, einen aber auf den ersten Blick verzaubern – und Eleanor Bicks Die geheime Welt der Gartendrachen gehört ganz eindeutig dazu. Vordergründig fiktive Naturkunde über sieben ausgesprochen niedliche Drachenarten bietet es zugleich eine Sammlung nützlicher Tipps, um in der realen Welt Gärten und Balkons naturnah und bienenfreundlich zu gestalten, und enthält nebenbei auch mit leichter Hand eingestreute Informationen über Drachenmythen aus aller Welt. Seinen Charme gewinnt das Buch dabei vor allem aus den liebenswerten Illustrationen, die von der Autorin stammen und anschaulich die im Titel versprochene „geheime Welt“ heraufbeschwören, die sich zwischen ganz normalen Pflanzen wie Lavendel, Klee oder Schneeglöckchen verbirgt.
Denn wenn man genau hinsieht – so erfährt man hier-, kann man in Beeten und auf verwilderten Grundstücken kleine freundliche Drachen erspähen, die gut getarnt auf ihren Wirtspflanzen sitzen und das Unkraut sprießen lassen, um Verstecke für ihre Jungen zu schaffen oder den Bienen zu helfen. Denn mit dem in den letzten Jahren immer stärker spürbaren Insektensterben hat das Buch eigentlich ein ernstes Grundthema, das jedoch so liebevoll und warmherzig verpackt ist, dass zu keinem Zeitpunkt der Gedanke an einen bemühten Problemtext aufkommt.
Vielmehr versinkt man bald glücklich in der Lektüre der Kurzporträts der einzelnen Drachenarten, die alle in Wort und Bild ihren ganz eigenen Charakter verliehen bekommen, von den putzigen und geselligen kleinen Kleedrachen über elegante Jäger wie die Ringelblumendrachen bis hin zum schelmischen Sonnenblumendrachen, der es sich gut getarnt auf den großen Blüten bequem zu machen weiß. Auf jede Drachenvorstellung folgen realistische Sachinformationen zur jeweiligen Wirtspflanze. Neben einem eigenen Kapitel über Bienen gibt es zu guter Letzt auch noch recht umfassende praktische Hinweise, die einen ersten Einstieg ins Gärtnern erleichtern und vor allem Berührungsängste abbauen – denn um mit der Auswahl der richtigen Pflanzen der Natur etwas zurückzugeben (und selbstverständlich viele kleine Drachen anzulocken), muss man, so wird deutlich, kein Profi sein.
Eingebettet ist dies alles in die amüsante Geschichte der Entdeckung der Gartendrachen und ihrer Erforschung, die, wie immer wieder betont wird, noch ganz an ihrem Anfang steht und viel Raum für neue Erkenntnisse lässt. Vielleicht darf man also auf eine Fortsetzung hoffen, in der noch mehr drollige kleine Fabelwesen Blumenbeete und Wiesen bevölkern.
Die geheime Welt der Gartendrachen ist übrigens durchaus kindertauglich, aber keineswegs ein typisches Kinderbuch, sondern ein phantasievoller literarischer Ausflug für alle Altersklassen, der die Magie im Alltäglichen fassbar macht.

Eleanor Bick: Die geheime Welt der Gartendrachen. Unter Mitwirkung von Eva-Christiane Wetterer. Hamburg, KJM, 2017, 80 Seiten.
ISBN: 9783945465578


Genre: Kinderbuch, Märchen und Mythen, Sachbuch allgemein
German Glück

German Glück

Im internationalen Vergleich geht es uns Deutschen ziemlich gut, was Lebensstandard, medizinische Versorgung, Bildungschancen und dergleichen mehr betrifft. Im Glücksempfinden scheint sich das jedoch nicht niederzuschlagen. German Angst gilt als charakteristische Befindlichkeit in der Bundesrepublik, nicht das in augenzwinkernder Anspielung darauf zum Buchtitel gewordene German Glück, und sogar innerhalb des Landes ist bei der Zufriedenheit der Norden dem wirtschaftlich starken Süden um Längen voraus.
Einen möglichen Erklärungsansatz für die auf den ersten Blick paradoxe Situation findet man, wenn man die von Sabine Eichhorst ansprechend und lebendig wiedergegebenen Gespräche mit mehr oder minder Glücklichen liest, denn eines erweist sich schnell: Glück bedeutet nicht unbedingt, dass die äußeren Umstände ideal sind.
Die Auswahl von vorgestellten Personen deckt eine große Bandbreite ab. Von der Neunjährigen bis hin zu älteren Damen und Herren haben Menschen ihren Auftritt, die hinsichtlich ihres Berufs, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer geographischen und sozialen Herkunft und ihrer Vorlieben gar nicht unterschiedlicher sein könnten. Natürlich sind darunter auch durchaus Glückspilze im landläufigen Sinne (etwa der Gewinner einer Quizshow, der sein Glück aber interessanterweise gar nicht in der dort erspielten hohen Geldsumme sieht), und manche der Interviewten hatten durch eine liebevolle Herkunftsfamilie oder günstige Zeitumstände bessere Chancen als andere. In den weitaus meisten Fällen jedoch sind die skizzierten Biographien von überwundenen oder noch ertragenen Widrigkeiten geprägt.
Manche Schicksale machen einen zutiefst betroffen: So begegnen einem eine Frau, die sich als kleines Kind nach Ende des Zweiten Weltkriegs unter erbärmlichen Bedingungen allein in Ostpreußen durchschlagen muss und erst viel zu spät erfährt, was aus ihrem verschollenen Vater geworden ist, eine syrische Flüchtlingsfamilie, die sich auf abenteuerlichen getrennten Wegen nach Deutschland rettet, und ein junger Mann, der durch ein Erkrankung einen Teil seines Gedächtnisses verliert, so dass ihm zwar Sprach-, Musik- und Computerkenntnisse, aber keine persönlichen Erinnerungen bleiben. Andere Katastrophen sind nicht ganz so unfassbar, für die Betroffenen aber nicht minder tragisch, ob es nun um eine Firmenpleite, die Demenz des Ehepartners oder ein Leben im Rollstuhl geht.
Neben all diesen zumindest auf den ersten Blick traurigen Geschichten stehen aber auch viele weniger dramatische von beruflichen oder privaten Neuorientierungen, unkonventionellen Daseinsformen (wie einer Phase als Eremitin) und gelingenden Ehen. Bisweilen geht es auch einfach nur um die Freude an Natur, Gesang, Lektüre und scheinbaren Kleinigkeiten.
In die fein beobachteten Porträts sind an passender Stelle mit leichter Hand Forschungsergebnisse zum Thema Glück eingeflochten. Nach und nach kristallisiert sich so ein Bild dessen heraus, was Glück eigentlich ausmacht. Bestimmte körperliche und psychische Grundbedürfnisse müssen selbstverständlich erfüllt sein, damit man Glück empfinden kann, aber abgesehen davon sind es nicht etwa großer Reichtum und perfekte Gesundheit, die einen zum glücklichen Menschen machen, sondern neben tragfähigen Bindungen vor allem innere Überzeugungen.
Oft spielt dabei Glaube eine Rolle, ob nun an Gott oder nur daran, dass sich die Lage schon zum Guten wenden wird, weil sich bisher noch immer alles irgendwie ergeben hat. Vor allem aber ist es das Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten, die sogenannte Selbstwirksamkeit, das einem die Tür zum Glück öffnet. Wer sich nicht hilflos einer Situation ausgeliefert fühlt, sondern die Dinge in die Hand nimmt, soweit es eben geht, wird offenbar glücklicher als allzu passive Zeitgenossen.
Es ist vor allem diese Erkenntnis, die German Glück trotz aller Härten, die geschildert werden, zu solch einem tröstlichen und hoffnungsvollen Buch macht. Ein Lektüregenuss ist es übrigens auch abseits aller Denkanstöße, denn Sabine Eichhorsts Begabung, Orte, Stimmungen und Menschen in der Anmutung locker-impressionistisch, in der Sache aber immer präzise und unbestechlich heraufzubeschwören, zeigt sich in den kurzen Lebensbildern wunderschön. Ein bisschen Alltagsglück liegt also auch darin, in German Glück zu versinken.

Sabine Eichhorst: German Glück. Reise durch ein unerwartet glückliches Land. München, Ludwig, 2017, 256 Seiten.
ISBN: 9783453280892


Genre: Sachbuch allgemein
Das geheimnisvolle Leben der Pilze

Das geheimnisvolle Leben der Pilze

Populärwissenschaftliche Sachbücher zu Naturthemen liegen im Trend, und so ist es kein Wunder, dass auf dieser Bühne nun endlich auch Wesen mit eindrucksvollen Namen wie Spitzbuckliger Riesenschirmling, Runzelverpel, Totenfinger oder Teufelszahn ihren Auftritt bekommen. Das geheimnisvolle Leben der Pilze, das die eben Aufgezählten und noch viele weitere Verwandte führen, erkundet der Biologe Robert Hofrichter mit spürbarer Begeisterung in Wort und Bild. Dabei geht es nicht etwa nur ums Pilzesammeln in heimischen Wäldern, obwohl Hofrichter auch die Freuden und Gefahren dieses Zeitvertreibs ausführlich beschreibt, sondern vielmehr vor allem darum, die ganze Wunderwelt der Pilze und ihre Bedeutung für die Menschen fassbar zu machen.
In handlichen Abschnitten und munterem, oft humorvollem Stil nimmt einen der Autor mit auf eine Entdeckungsreise, die nicht nur zu alten Bekannten wie Champignons, Fliegenpilzen oder Trüffelschweinen führt, sondern auch zum vermutlich größten Lebewesen der Welt (einem Hallimasch in Nordamerika), zu unheimlichen Parasiten, die Ameisen gewissermaßen zu Zombies machen oder Raupen zum Verhängnis werden, zu natürlichen Frostschutzmitteln und zu viel zu wenig bekannten Unterwasserpilzen. Man erfährt, welche Speisepilze sich züchten lassen und welche nicht (oder nur schlecht), und auch die Forschungsgeschichte kommt nicht zu kurz.
Daneben werden zahlreiche kuriose Details mit eingeflochten (so etwa, dass Giftmorde durch Pilze laut englischer Kriminalstatistik des 19. Jahrhunderts eher selten sind), und die Schilderung persönlicher Erlebnisse des Verfassers mit Pilzen, bis hin zur Verlobung auf Pilzsuche, lockert den Text zusätzlich auf. Überdeutlich wird aber vor allem, dass noch längst nicht alles über Pilze bekannt ist und immer wieder neue Erkenntnisse warten, die sicher geglaubtes Wissen infrage stellen – sei es nun, dass inzwischen erforscht ist, dass Flechten nicht aus zwei, sondern aus drei Symbionten bestehen, oder dass man die Giftigkeit bestimmter vermeintlicher Speisepilze womöglich bisher unterschätzt hat.
So gut sich das Buch insgesamt liest, unfreiwillig komisch wird es, wenn Hofrichter sich in die Steinzeit zurückzuversetzen versucht, in der Pilze nicht nur als Nahrung eine wichtige Rolle spielten. Liest man von dem geistig anscheinend eher schlichten Jäger-und-Sammler-Clan, der wohlig schmatzend in seiner Höhle hockt und vor lauter Fresslust nur halb mitbekommt, wie der Schamane plant, mithilfe von Fliegenpilzen Kontakt zum „Großen Geist“ aufzunehmen, stellt sich doch schnell der Eindruck ein, dass hier eher populäre Klischees in eine ferne Vergangenheit zurückprojiziert werden, als dass es um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der damaligen Lebenswirklichkeit geht. Da versteht es sich schon fast von selbst, dass in Hofrichters Steinzeit auch äußerst patriarchalische Verhältnisse herrschen und man „die Frauen und Kinder hinaustrieb“, um Rauschmittel für die Herren der Schöpfung zu beschaffen, die nur „in ihrer Verzweiflung (…) dabei mitmachten“, um genug zusammenzutragen …
Es lohnt sich aber trotzdem, nach etwas Kopfschütteln und Augenrollen weiterzulesen, denn wann immer es um Pilze und nicht um Geschichte geht, liefert Hofrichter wirklich eine Fülle spannender und aktueller Informationen. Mit kleinen Abstrichen ist Das geheimnisvolle Leben der Pilze also durchaus zu empfehlen und macht Lust darauf, sich noch genauer mit dem Thema zu beschäftigen.

Robert Hofrichter: Das geheimnisvolle Leben der Pilze. Die faszinierenden Wunder einer verborgenen Welt. Gütersloh, Gütersloher Verlagshaus, 2017, 240 Seiten.
ISBN: 9783579086767


Genre: Sachbuch allgemein
Gebrauchsanweisung für den Wald

Gebrauchsanweisung für den Wald

Der Förster Peter Wohlleben hat mittlerweile eine Fülle von Veröffentlichungen vorgelegt, ist aber vor allem mit seinem Buch Das geheime Leben der Bäume bekannt geworden. Während er dort auf Bäume als oft unterschätzte Lebewesen und das Ökosystem Wald eingeht, steht in seiner Gebrauchsanweisung für den Wald der Umgang des Menschen mit diesem Lebensraum im Vordergrund.
Überwiegend richten sich die umfassenden Tipps und Erläuterungen dabei an interessierte Laien, die auf Wanderungen oder Spaziergängen den Wald erkunden wollen. So erfährt man, wie man einen Bach richtig überquert, warum man es bei Regen unter Nadelbäumen trockener hat als unter Laubbäumen, weshalb für Wildtiere lautstark herumtobende Kinder nicht unbedingt das Schlimmste sind und welche Entdeckungen sich zu verschiedenen Jahreszeiten machen lassen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass man hierzulande in die Verlegenheit kommen sollte, in der Wildnis überleben zu müssen, sind auch ein paar Survivalhinweise enthalten, die das Thema rasch und gründlich entromantisieren (wer Hunger hat, kann sich z.B. schon einmal darauf einstellen, eher nahrhafte Larven zu finden als irgendwelche schmackhaften Beeren oder Pilze – und mit Zecken nicht am, sondern sogar im Ohr ist bei Übernachtungen im Freien gegebenenfalls durchaus zu rechnen).
Daneben geht es aber immer wieder auch um die Nutzung des Waldes zu anderen Zwecken als zur Freizeitgestaltung, von der Holzgewinnung bis hin zum Friedwald. Wohlleben spart dabei nicht mit Kritik an konventionellen Formen der Forstwirtschaft, etwa am Einsatz schwerer Maschinen zum Fällen von Bäumen und zum Transport der Stämme, da so der Waldboden auf Jahre hinaus geschädigt wird. Gleichzeitig hinterfragt er jedoch auch bestimmte Formen von Natur- und Artenschutz, die zwar aus den besten Absichten heraus ins Werk gesetzt werden, manchmal aber selbst große Schäden anrichten können. So leiden etwa andere, teilweise nur schlecht erforschte Arten unter dem Schutz des Auerhahns im Schwarzwald, da bestimmte gegensätzliche Anforderungen sich einfach nicht unter einen Hut bringen lassen. Positiv dagegen sieht Wohlleben die natürliche Wiederbesiedlung von Waldgebieten durch den Wolf und ist bemüht, Ängste davor abzubauen.
Wohllebens leichter und lockerer Stil und seine mit vielen persönlichen Anekdoten angereichte Erzählweise lassen die Lektüre angenehm dahingleiten, und auch wenn man hier einiges lernt, hat man nie das Gefühl, es mit einer trockenen Belehrung zu tun zu haben. Wer allerdings schon einige seiner älteren Büchern gelesen hat, wird manche Fakten wiedererkennen: Gerade in den Passagen, in denen einzelne Baum- und Tierarten im Vordergrund stehen, ergeben sich inhaltliche Überschneidungen etwa mit dem Geheimen Leben der Bäume.
Alles in allem ist die Gebrauchsanweisung für den Wald rundum informativ und vergnüglich, für diejenigen, die eigene Unternehmungen planen, ebenso wie für eher theoretisch an der Natur Interessierte oder sogar für Schreiblustige, die ein bisschen eingängiges Recherchematerial gebrauchen können, bevor sie ihre Romanfiguren den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen lassen.

Peter Wohlleben: Gebrauchsanweisung für den Wald. München/ Berlin, Piper, 2017, 232 Seiten.
ISBN: 9783492276849


Genre: Sachbuch allgemein
50 Naturdenkmale der Metropolregion Hamburg

50 sagenhafte Naturdenkmale der Metropolregion Hamburg

Hamburg ist als Stadt mit zahlreichen Grünflächen und Bäumen bekannt, und auch Gewässer, Findlinge und dergleichen mehr bringen unübersehbar ein bisschen Natur in die Metropole. Weniger bekannt ist dagegen, dass einige dieser Wildnistupfer im Großstadtdschungel und auch in der ländlichen Umgebung der Stadt besonders geschützte Naturdenkmale sind. An fünfzig Stellen in und um Hamburg hat Annette Huber einzelne oder gleich mehrere davon aufgespürt und stellt sie kenntnisreich und humorvoll allen vor, die Lust auf eine Entdeckungstour in einem Dreieck zwischen Dithmarschen, Ostholstein und Uelzen haben.
Manche der aufgeführten Naturdenkmale sind überregional bekannt, zum Beispiel der Alte Schwede an der Elbe oder die Bräutigamseiche von Eutin. Andere, wie etwa versteckt wachsende Sumpfporstvorkommen, dürften selbst vielen Einheimischen nicht vertraut sein. Unterschiede gibt es auch bei der jeweiligen Entstehungsgeschichte des Naturdenkmals, das sich nur in manchen Fällen als wirklich hundertprozentig „natürlich“ entpuppt: Oft hat in gewissem Maße der Mensch eingegriffen und ganze Biotope oder einzelne Kuriositäten (wie etwa die Doppeleichen in Schleswig-Holstein) gezielt oder zufällig geschaffen.
Nicht nur deshalb verbinden sich mit vielen der kleinen und großen Sehenswürdigkeiten Geschichten. Was sich historisch über die Naturdenkmale sagen lässt, ist zwar auch in vielen Fällen interessant, aber noch spannender sind oft die Sagen, zu denen ungewöhnliche Pflanzen, Steine, Quellen oder Hügel die Phantasie zu allen Zeiten angeregt haben.
Neben historischen Persönlichkeiten und ihren wahren oder hinzuerfundenen Abenteuern begegnen einem deshalb in den kurzen Kapiteln auch Göttinnen, Riesen, Spukgestalten und mehr als einmal sogar der Teufel höchstpersönlich (wurde er doch der Überlieferung nach nur allzu gern landschaftsgestalterisch tätig). Als wären die verheerenden Sturmfluten und bewaffneten Konflikte, die sich tatsächlich immer wieder in der Gegend abspielten, noch nicht aufregend genug, liest man hier von gefährlichen Liebesnächten, grausigen Bauopfern, unter der Erde schlafenden Rittern und zu Stein gewordenen Menschen. Selbst in die schaurigste Erzählung weiß Annette Huber jedoch sympathisch ein kleines Augenzwinkern einfließen zu lassen.
Als Arroganz gegenüber den alten Sagen sollte man das jedoch nicht missverstehen. Denn dass man heute in seiner Deutung von Auffälligkeiten nicht unbedingt viel treffsicherer geworden ist, sondern die Fehlinterpretationen nur andere Wege einschlagen, beweist die Geschichte einer Steinsetzung im Kreis Pinneberg. Hier glaubte man in den 1960er Jahren, auf ein bis dahin unbekanntes Hünengrab der Jungsteinzeit gestoßen zu sein, nur um später ernüchtert feststellen zu müssen, dass man es in Wirklichkeit mit einer privaten Gedenkstätte für einen im Ersten Weltkrieg gefallenen Förstersohn zu tun hatte.
Zahlreiche oft stimmungsvolle Fotos illustrieren den gelungenen Band und regen dazu an, selbst einmal einige der hier vorgestellten Stätten zu besuchen. Wer das nicht möchte oder kann, sollte sich aber zumindest mit der Lektüre trösten – denn unterhaltsam sind die 50 sagenhaften Naturdenkmale der Metropolregion Hamburg auf jeden Fall.

Annette Huber: 50 sagenhafte Naturdenkmale der Metropolregion Hamburg. Bäume, Findlinge, Moore, Wiesen, Bracks. Berlin, Steffen, 2017, 224 Seiten.
ISBN: 9783957990303


Genre: Märchen und Mythen, Sachbuch allgemein
Vögel auf Weltreise

Vögel auf Weltreise

Der Vogelzug gehört zu den auffälligsten und spannendsten Naturphänomenen, die alljährlich in unseren Breiten zu beobachten sind. In ihrem primär für Kinder bestimmten, aber auch für Erwachsene interessanten Sachbuch Vögel auf Weltreise tragen Fleur Daugey und Sandrine Thommen humorvoll und leicht verständlich eine Fülle von nützlichen und teilweise verblüffenden Einzelheiten darüber zusammen.
Ausgangspunkt ist dabei die Tatsache, dass der Vogelzug über Jahrtausende hinweg erstaunlich schlecht erforscht war und zu aus heutiger Sicht eher amüsanten Theorien anregte – etwa zu der, manche Vögel würden Winterschlaf halten und wären deshalb für die Menschen zu dieser Jahreszeit nicht zu sehen. Während das auf die allermeisten natürlich nicht zutrifft, erfährt man hier gleich noch, dass es tatsächlich einen Vogel gibt, der dazu in der Lage ist: Die Winternachschwalbe. Alle anderen, denen mit dem nahenden Winter die Nahrung ausgeht – ob nun Star, Storch oder Schlangenadler -, müssen sich jedoch auf Reisen begeben. Fliegen manche nur vom Hochgebirge in tiefere Lagen wie die Alpenbraunelle, geht es für andere wie die Küstenseeschwalbe um den halben Globus.
Neben grundlegenden Informationen zu Zugrouten, Verhalten und Eigenschaften der Vögel werden auch Veränderungen in jüngster Zeit in den Blick genommen (z.B. die Auswirkungen des Klimawandels, der dafür sorgt, dass manche Vögel nur noch kürzere Strecken ziehen oder gleich ganzjährig in ihren Brutgebieten bleiben). Daneben stehen wissenswerte Einzelfakten (so etwa, dass ein bedauernswerter Sperbergeier seinen Höhenrekord von 11.300 Metern mit einer tödlichen Kollision mit einem Flugzeug bezahlte). Allzu sehr in die Tiefe gehen kann das Buch dabei aufgrund seines relativ begrenzten Umfangs nicht, und es bietet in manchen Passagen auch eher eine Sammlung kurz angerissener Details als eine durchgängige Argumentation, doch das, was Erwähnung findet, bleibt auch dank der gelungenen Illustrationen gut hängen. Leicht stilisiert, aber immer eindeutig zu erkennen werden die unterschiedlichsten Vogelarten ebenso ins Bild gesetzt wie Forschungsmethoden (z.B. Beringung oder Telemetrie) und Umgebungen. Auch das Kartenmaterial ist grafisch sehr nett gestaltet.
Edmund Jacobys Übersetzung aus dem Französischen liest sich flüssig und abwechslungsreich, muss aber allein schon aufgrund der Vielzahl der erwähnten und nicht immer gleichermaßen bekannten Vogelarten eine Herausforderung gewesen sein. Leider haben sich einige kleine Fehler eingeschlichen (z.B. ist die Darstellung eines Graureihers als „Kranich“ beschriftet, und auch der begleitende Text scheint eher auf Reiher als auf Kraniche zu passen, wird aber letzteren zugeordnet).
Abgesehen davon jedoch bieten die Vögel auf Weltreise nicht nur jungen Lesern die Möglichkeit zu einem sehr charmanten und lehrreichen Ausflug in eine partiell vertraute und doch zugleich fremde Welt. Auch wer die erste Lektüre schon hinter sich hat, wird das Buch sicher gern noch mehr als einmal zur Hand nehmen – und sei es nur, um die wirklich sehenswerten Zeichnungen zu betrachten.

Fleur Daugey, Sandrine Thommen: Vögel auf Weltreise. Alles über Zugvögel. Berlin, Jacoby & Stuart, 2016.
ISBN: 9783941787537


Genre: Kinderbuch, Sachbuch allgemein

Buchtipps: Natur

Eigentlich stehen auf Ardeija.de neben Geschichte und Belletristik Kunst und Kultur im Vordergrund, aber ein Abstecher hinaus in die Natur kann gerade jetzt im Frühling nicht schaden. Hier also drei Lieblingsbücher, die ein wenig aus dem Kerngebiet dieser Website wegführen:

Die Seele des Raben

Zugegeben, der Titel der deutschen Ausgabe lässt einen eher an irgendetwas zwischen Fantasy und Esoterik denken, aber weit gefehlt. Bernd Heinrichs Ravens in Winter (so der Originaltitel) sind vielmehr aus der Perspektive des Verhaltensforschers geschrieben,und für jeden, der sich für Raben interessiert, unverzichtbar. Alle anderen werden sich spätestens nach der Lektüre ebenfalls sehr für Raben begeistern können, so spannend werden die klugen Vögel, ihre sozialen Beziehungen und ihre Intelligenz hier geschildert. Grundlage der Darstellung sind in den 1980er Jahren erfolgte Beobachtungen in Nordamerika, die sehr detailliert wiedergegeben und ausgewertet werden. Zugleich aber beschreibt Heinrich persönlich und mitreißend die lebenslange Faszination, die Raben auf ihn ausüben. Erwähnenswert sind auch die schönen Zeichnungen, die als Illustrationen dienen.

Bernd Heinrich: Die Seele des Raben. Eine zoologische Detektivgeschichte. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 1994, 410 Seiten. ISBN: 3596116368

Naturgeschichte(n)

Auch das zweite Buch dieses Beitrags ist mit wunderbaren Zeichnungen illustriert (in diesem Fall von Claudia Bernhardt), aber anders als das erste beschränkt es sich nicht auf ein einziges Thema, sondern bietet vielmehr einen bunten Blumenstrauß kurzer Artikel zu allen möglichen Aspekten der Biologie. Ob Evolution oder Ökologie, die gewählten Beispiele sind angenehm locker und leicht zu lesen und decken ein breites Spektrum ab, von Artentwicklung und Verhaltensforschung über die Wechselwirkung von Natur und Kultur oder die Einbürgerung von Neozoen bis hin zur zunehmenden Besiedlung der Städte durch Wildtiere. Auch wenn manche Überlegung gerade in Zusammenhang mit den kulturellen Betrachtungen oder der Frage nach der menschlichen Einstellung der Umwelt gegenüber eher als Denkanstoß funktioniert, als dass man sie blind unterschreiben möchte, sind die Naturgeschichte(n) äußerst anregend und spannend.

Joseph H. Reichholf: Naturgeschichte(n). Über fitte Blesshühner, Biber mit Migrationshintergrund und warum wir uns die Umwelt im Gleichgewicht wünschen. München, Knaus, 2011, 319 Seiten. ISBN: 9783813503784

Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa

So gern man sich mit einzelnen Tierarten oder mit anderen Details der Biologie beschäftigen mag, in sehr hohem Maße wird die Naturerfahrung auch von der Gesamtwahrnehmung der umgebenden Landschaft geprägt. Wie diese eigentlich entstanden ist und sich bis heute, nicht zuletzt durch menschliche Einflüsse, immer wieder verändert, ist Gegenstand von Hansjörg Küsters reich mit Fotos bebilderter Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa. Deutlich wird hier vor allem, dass das romantische Bild einer bis zur Industrialisierung heilen und nahezu unberührten Umwelt so nicht stimmt: Schon seit der Jungsteinzeit sind weite Teile Mitteleuropas alles andere als urwüchsige Wildnis, so dass auch sogenannter „Naturschutz“ oft eher in der Bewahrung einer bestimmten Form von Kulturlandschaft und ihrer Bewohner besteht. Dies ist sicher nicht die einzige, aber vielleicht die wichtigste Perspektive, die Küsters lesenswertes Buch einem eröffnen kann.

Hansjörg Küster: Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa. Von der Eiszeit bis zur Gegenwart. München, C.H. Beck, 4. Aufl. 2010, 448 Seiten. ISBN: 9783406608490


Genre: Sachbuch allgemein