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Tatort Kunst. Über Fälscher, Betrüger und Betrogene

Kunstwerke haben nicht nur einen ästhetischen, sondern oft auch einen erheblichen materiellen Wert. Gefälschte Kunst an Sammler oder Museen zu verkaufen, kann daher ein lukratives Geschäft sein – nicht nur für die Fälscher selbst, sondern auch für betrügerische Händler und für Experten aller Art, die sich die Zuschreibung an einen bestimmten Urheber vergüten lassen. Von ihnen allen, ihren kriminellen Machenschaften und nicht zuletzt auch ihrer Selbstdarstellung handelt Tatort Kunst, ein locker und amüsant geschriebenes, mit zahlreichen Schwarzweißabbildungen ausgestattetes Buch.
Die Kunsthistorikerin Susanna Partsch legt den Schwerpunkt dabei auf die Zeit vom späten 19. bis zum 21. Jahrhundert, denn obwohl es schon aus Antike und Renaissance Berichte über Kunstfälschungen gibt, sind viele davon laut Partsch selbst nur „falsche Geschichten“, mithin nur Anekdoten und Legenden über ein Phänomen, das sich erst in jüngerer Zeit deutlich nachverfolgen lässt. Das ist nicht allein der Quellenlage geschuldet, die natürlich für die letzten anderthalb Jahrhunderte besser ist als für frühere Epochen. Entscheidender ist der Wandel des Kunstverständnisses und damit auch des Kunstmarkts: Das Verhältnis zwischen Auftragsarbeiten und dem Erwerb nicht speziell für den Käufer geschaffener Werke hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte immer stärker zu Ungunsten Ersterer verschoben, parallel zu einer Aufwertung des Künstlers, die der Eigenhändigkeit eines Originals größere Bedeutung denn je zukommen lässt.
NIcht alles, was begehrt ist, lässt sich jedoch problemlos fälschen, sei es, dass die Imitation leicht durch naturwissenschaftliche Methoden aufzudecken ist (weil z.B. Materialien verwendet wurden, die für die angebliche Entstehungszeit unpassend sind), sei es, dass ein Künstler (wie etwa Paul Klee) so akribisch über seine eigenen Werke Buch geführt hat, dass ihm unmöglich ein falsches unterzuschieben ist. Wie Fälscher diese Probleme zu umgehen versuchen, wird bei Partsch ausführlich geschildert, von der Auswahl von Malern oder Bildhauern mit unübersichtlichem Œuvre bis hin zum vorgetäuschten Altern eines Bilds im Backofen.
Ebenso faszinierend wie die eigentlichen Fälschungsaktivitäten sind die verschiedenen Spielarten ihrer Rezeption. Neben Spott über die Fehlbarkeit vermeintlicher Experten, der sich etwa an den satirischen Reaktionen von Kurt Tucholsky und Alfred Kerr auf einen Skandal um gefälschte Van-Gogh-Gemälde ablesen lässt, ist auch immer wieder eine gewisse Bewunderung der Öffentlichkeit für die Fälscher zu beobachten, deren Betrug gern als Kavaliersdelikt gesehen wird – eine Einschätzung, gegen die Partsch sich entschieden verwahrt.
Anhand der Biographien bekannter ertappter Fälscher wie etwa Han van Meegeren, Lothar Malskat oder Wolfgang und Helene Beltracchi versucht sie vielmehr nachzuweisen, dass die romantisierte Sichtweise auf den Fälscher als verkanntes Genie, der eigentlich ganz recht daran tut, überhebliche Kunstkenner zu narren, oft mehr mit Selbststilisierung zu tun hat als mit der meist von schnöden finanziellen Interessen bestimmten Realität. Eitelkeit und der Wunsch nach Anerkennung sind – so erkannt man rasch – bei Betrügern wie Betrogenen und manchmal gar bei den Aufdeckern einer Fälschung im Spiel.
Ganz kann jedoch selbst die kritische Susanna Partsch dem Reiz der erfundenen Provenienz nicht widerstehen, wenn auch nur in augenzwinkernder Form. Da ein „Buch über Fälschungen  (…) ohne Fälschung kein wirkliches Buch über Fälschungen“ wäre, bietet sie anstelle eines Nachworts eine humorvolle Quellenfiktion, in der eine anagrammatisch nach ihr benannte Künstlerin ein unvollendetes Manuskript hinterlässt, das den Kern von Tatort Kunst gebildet haben soll. Solch eine sich selbst bewusst entlarvende Fälschung lässt man sich zum Abschluss des gelungenen Bands natürlich gern gefallen.

Susanne Partsch: Tatort Kunst. Über Fälscher, Betrüger und Betrogene. München, C.H. Beck, 2. Aufl. 2015, 260 Seiten.
ISBN: 978-3406676116


Genre: Kunst und Kultur