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Die apokryphen Evangelien

Schon in der Spätantike bildete sich in den Grundzügen der heute noch gültige Bibelkanon heraus – und damit auch die Festlegung auf die vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Diese Schriften waren jedoch nicht die einzigen, die unter frühen Christen kursierten und Taten und Äußerungen Jesu zum Inhalt hatten. Vielmehr existierte eine reiche Fülle teils sehr unterschiedlicher Werke, die alle auf ihre Art für sich in Anspruch nahmen, die Botschaft von Jesus Christus zu vermitteln. In Die apokryphen Evangelien, wie man diese Texte in der Forschung bezeichnet, führt der evangelische Theologe Jens Schröter in seinem gleichnamigen Buch ebenso knapp wie kenntnisreich ein.

Nach einer Einleitung zum Verhältnis von Bibel und Apokryphen sowie zur Forschungsgeschichte gliedert Schröter seine Darstellung nach den einzelnen apokryphen Evangelien, die dabei nach der Phase im Leben Jesu, die sie jeweils behandeln, zu Gruppen zusammengefasst sind (wobei in Einzelfällen, wie etwa beim Thomasevangelium, das Aussprüche Jesu auflistet, unklar bleibt, welche zeitliche Verortung ursprünglich intendiert gewesen sein mag). Inhaltsskizze und historisch einordnende Interpretation sind dabei eng miteinander verflochten.

Der Hoffnung, aus den apokryphen Evangelien Informationen über den historischen Jesus gewinnen zu können, erteilt Schröter zu Recht eine klare Absage: Noch nach den kanonischen Evangelien entstanden, eignen sie sich nicht als Primärquellen für das Leben Jesu, sind dafür aber umso aufschlussreicher, um die Mentalität und die spirituellen Bedürfnisse unterschiedlicher frühchristlicher Gruppen zu rekonstruieren.

Deutlich wird in vielen Texten vor allen Dingen der Wunsch, in der Bibel ausgesparte oder nur angedeutete Abschnitte der Geschichte Jesu lebendig auszumalen, so etwa seine Jugend oder die Zeit zwischen Tod und Auferstehung. Das Nikodemusevangelium, das u.a. die Höllenfahrt Christi vor der Auferstehung schildert, und die sogenannten Kindheitsevangelien füllen auf diese Art eher Leerstellen aus, als im Widerspruch zur kanonischen Überlieferung zu stehen. Infolgedessen wurden sie auf breiter Basis rezipiert und hatten bis ins Mittelalter großen Einfluss auf bildliche Darstellungen oder literarische Aufbereitungen des Lebens Christi, auch wenn manche Erzählung über einen bereits im Kindesalter aggressiv anmutende Strafwunder wirkenden Jesus aus heutiger Sicht eher bizarr erscheint.

Anders verhält es sich mit denjenigen apokryphen Evangelien, die Glaubensüberzeugungen abseits der Hauptströmungen der frühen Kirche widerspiegeln, so etwa mit den gnostischen Evangelien. Oft nur fragmentarisch überliefert, enthalten sie für heutige Leserinnen und Leser Erstaunliches bis Befremdliches, so z.B. Dialoge, in denen Jesus Maria Magdalena, Thomas oder gar Judas esoterisch anmutende Lehren anvertraut, die von dem, was sich als Christentum letztlich durchsetzte, denkbar weit entfernt sind, aber teilweise Einflüsse der antiken Philosophie aufgenommen zu haben scheinen.

In all ihrer Heterogenität lassen die apokryphen Evangelien – wie Schröter in einem kurzen Fazit resümiert – daher erkennen, dass es das eine unangefochtene Jesusbild gerade im frühen Christentum nicht gab, sondern konkurrierende Interpretationen eine lange Tradition haben. Gerade die hier ansatzweise greifbar werdende Vielfalt sorgt jedoch dafür, dass der hier vermittelte Überblick keine erschöpfende Analyse, sondern nur ein erster Einstieg für Interessierte sein kann. Der aber ist durchaus gelungen und verhilft zur Orientierung in einem komplexen und für Außenstehende doch oft eher verwirrenden Forschungsfeld.

Jens Schröter: Die apokryphen Evangelien. Jesusüberlieferungen außerhalb der Bibel. München, C. H. Beck, 2020, 128 Seiten.
ISBN: 978-3406750182

 


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Ein römisches Wohnhaus mit Wandmalereien in Oftersheim

Im baden-württembergischen Oftersheim wurden in den 1960er Jahren Reste eines römischen Wohnhauses archäologisch untersucht, doch die Grabung erfasste nur einen Teil des Gebäudes, und die Funde gerieten im Museumsdepot in Mannheim über Jahrzehnte in Vergessenheit. Unterstützt von drei Mitautoren unternimmt es Mathilde Grünewald in ihrem Buch Ein römisches Wohnhaus mit Wandmalereien in Oftersheim, die damaligen Fundstücke und teilweise nur unzureichend dokumentierten Befunde zu analysieren.

Dass das Oftersheimer Wohnhaus Teil einer villa rustica, also eines landwirtschaftlich genutzten römischen Guts, war, kann zwar mit einiger Wahrscheinlichkeit vermutet, aber bisher nicht mit letzter Sicherheit bewiesen werden, da die räumlich eng begrenzte Grabung keine Wirtschaftsgebäude freilegte. Daher steht nur fest, dass das recht repräsentativ ausgestattete Haus im 1. Jahrhundert n. Chr. entstand und danach kontinuierlich genutzt wurde, bis es nach Mitte des 3. Jahrhunderts offenbar äußerst gründlich abgerissen und durch ein hölzernes Bauwerk ersetzt wurde. In diesem vermutet Grünewald keine Ansiedlung der um diese Zeit in die Gegend eingefallenen Alamannen, da keinerlei Funde auf ihre Präsenz vor Ort hindeuten, sondern eher eine vielleicht in den bewegten Zeiten nicht mehr vollendete Umnutzung des Geländes durch seine Besitzer.

Angesichts der so gründlichen Zerstörung der römerzeitlichen Bebauung ist es fast ein kleines Wunder, dass dennoch genug Überreste davon vorhanden geblieben sind, um nicht nur ein Hypokaustum und das Vorhandensein von Dachziegeln und Glasfenstern nachweisen zu können, sondern auch in der Lage zu sein, aus Fragmenten von Wandmalereien die jeweilige Gestaltung einer weißgrundigen und einer rotgrundigen Wand überzeugend rekonstruieren zu können. Rüdiger Gogräfe entwickelt in seinem diesem Thema gewidmeten Beitrag fast schon kriminalistischen Spürsinn, um durch Vergleiche mit besser erhaltenen Beispielen eine plausible Anordnung der Bruchstücke zu präsentieren. Die von Renate Berghaus künstlerisch umgesetzten Rekonstruktionen der beiden Wände sind zauberhaft und lassen einen sehr bedauern, dass beim Abriss des Oftersheimer Hauses allem Anschein nach so gründlich vorgegangen wurde, dass keine größeren Teile der Wandmalereien überdauert haben.

Neben Spuren des Bauwerks an sich wurden Reste seines Inventars und der Habseligkeiten der Bewohner entdeckt, darunter außer der allgegenwärtigen Keramik auch Münzen, eine zerschlagene Venusstatuette, eine unvollendete Schnitzarbeit, Werkzeuge und Schmuckstücke (von denen Sven Jäger die Fibeln – die meisten davon römischen, aber auch eine germanischen Ursprungs – in einem gesonderten Unterkapitel betrachtet). Ein letzter Abschnitt, der aus der Feder von Erwin Hahn stammt, befasst sich mit den gefundenen Tierknochen, von denen viele – vor allem von Rind, Schaf und Schwein – durch Hack- und Schnittspuren als Küchenabfälle ausgewiesen sind. Doch auch tierische Mitbewohner gab es in der villa von Oftersheim, ob nun nützliche und im Leben sicher auch geliebte wie Hunde und eine Katze oder eher unwillkommene wie eine Ratte.

Insgesamt vermittelt der anregende und detailfreudige Band den Eindruck, dass hier mit vielen Jahren Verspätung aus einer nicht optimal abgelaufenen Grabung nachträglich noch das Beste herausgeholt worden ist. Das römische Haus von Oftersheim ist gerade angesichts seines rätselhaften Endes eine hochinteressante Fundstätte, und so kann man nur bedauern, dass in Zeiten, in denen die Kapazitäten der Archäologie oft völlig von Notgrabungen erschöpft werden, mit einer Nachuntersuchung, die noch offene Fragen klären könnte, wohl so schnell nicht zu rechnen ist.

Mathilde Grünewald: Ein römisches Wohnhaus mit Wandmalereien in Oftersheim. Mit Beiträgen von Rüdiger Gogräfe, Erwin Hahn und Sven Jäger. Hrsg. von der Gemeinde Oftersheim und dem Heimat- und Kulturkreis e.V. Oftersheim. Regensburg, Schnell & Steiner, 2017, 144 Seiten.
ISBN: 978-3795432980


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Die Griechen

Zugegeben: Der Untertitel Und die Erfindung der Kultur, mit dem sich die Taschenbuchausgabe von Edith Halls Die Griechen (auch schon als Die alten Griechen. Eine Erfolgsgeschichte in zehn Auftritten erschienen) schmückt, ist etwas hoch gegriffen. Als Erfinder der Kultur schlechthin stellt die britische Altphilologin die Griechen nicht dar, sehr wohl aber als die Zivilisation, deren Errungenschaften und Besonderheiten in vielerlei Hinsicht bis heute für die westliche Welt prägend sind. Mit entsprechendem Verve erzählt sie die Geistesgeschichte der griechischen Antike und ihrer Literatur, Wissenschaft und Philosophie.

Hall sieht dabei vor allem zehn Eigenheiten als prägend für die Griechen an: Liebe zur Seefahrt, Misstrauen gegenüber Autorität, Individualismus, Wissbegier, Offenheit, Humor, Wettkampfgeist, Bewunderung für außergewöhnliche Begabungen, Redegewandtheit und Vergnügungssucht. Statt diese Punkte epochenübergreifend abzuhandeln, greift Hall zu dem reizvollen Mittel, chronologisch geordnet jeweils eine bestimmte Phase der altgriechischen Geschichte zu nutzen, um daran exemplarisch eine ihrer Zuschreibungen zu belegen. In vielen Fällen passt das recht gut – so etwa bei der Analyse der Bedeutung der Seefahrt für die mykenische Kultur -, und manchmal sorgt der Ansatz sogar für ungewohnte und gerade dadurch erhellende Perspektiven (z.B. im Falle der Spartaner, die hier nicht allein als Krieger in den Blick genommen werden, sondern mit ihrem sprichwörtlichen lakonischen Humor glänzen dürfen). Je weiter das Buch jedoch fortschreitet, desto gewollter wirkt die Zuordnung, auch weil die als prägend propagierte Eigenschaft gar nicht immer im Zentrum des jeweiligen Kapitels steht. So ist der eigentlich Alexander dem Großen und seinen Makedonen zugeordnete Aspekt des Wettstreits im entsprechenden Abschnitt eher unterrepräsentiert – bedeutender sind hier Überlegungen zum Einfluss der in der makedonischen Elite besonders beliebten Mysterienkulte auf Alexanders Selbstwahrnehmung.

Bei aller Anerkennung der Leistungen der Griechen und trotz ihrer unverhohlen eingestandenen Sympathie für einzelne Persönlichkeiten,  so z.B. den spätantiken Redner Libanios, verschweigt Hall auch die Schattenseiten ihrer Kultur nicht: Die weitverbreitete Frauenfeindlichkeit und die allgemein akzeptierte Sklaverei finden ebenso immer wieder Erwähnung wie kriegerische Brutalität und Machtgier, so dass die stets spürbare Begeisterung der Autorin für ihren Forschungsgegenstand nicht in kritiklose Glorifizierung abgleitet. Dennoch sorgen Halls zugänglicher Stil und ihre oft sehr persönliche Herangehensweise dafür, dass die Lektüre vor allem Spaß und Lust auf mehr macht. Ein paar ereignisgeschichtliche Vorkenntnisse mitzubringen, schadet beim Verständnis allerdings nicht, denn abgesehen von einzelnen Kapiteln (wie etwa dem schon erwähnten über Alexander den Großen) referiert Hall die historischen Abläufe selten ausführlich, sondern greift eher punktuell besonders bedeutsame Geschehnisse heraus.

Die Übersetzung von Norbert Juraschitz liest sich insgesamt flüssig, aber an einzelnen Stellen zweifelt man doch, ob bei der Übertragung ins Deutsche ganz die richtige Formulierung getroffen worden ist (so stößt man eher verwundert auf die „Zeugnisse der parfümierten Ölindustrie“ [S. 75] in mykenischer Zeit – ist hier vielleicht die Herstellung von Duftölen gemeint?). Leider sind zudem einige Flüchtigkeitsfehler stehen geblieben, von denen sich nicht sagen lässt, ob sie schon im englischen Original vorhanden waren oder erst im Zuge der Übersetzung aufgetreten sind. So sollen z.B. die Goldbleche von Pyrgi  „um das Jahr 500 n. Chr.“ (S. 34) entstanden sein, was nicht stimmen kann (als terminus ante quem wird in der Forschung normalerweise die Plünderung von Pyrgi durch Dionysius von Syrakus im Jahre 384 v. Chr. genannt).

Trotz dieser Kritikpunkte bieten Die Griechen denjenigen, die sich noch nicht tiefergehend mit der griechischen Antike befasst haben, einen blendend lesbaren Einstieg in eine reizvolle Vergangenheit, während alle anderen hier vergnüglich eigene Kenntnisse auffrischen und Halls Wertungen mit eigenen Einschätzungen abgleichen können.

Edith Hall: Die Griechen und die Erfindung der Kultur. 2. Aufl. München, Pantheon, 2018, 416 Seiten.
ISBN: 978-3570553817


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Ovids Metamorphosen

Seit der Antike zählen Ovids Metamorphosen zu den meistrezipierten Dichtungen und dienen nicht nur als Schul- und Studienlektüre, sondern auch als Inspirationsquelle für Kunst und Literatur. Niklas Holzberg bietet eine kompakte Einführung in das Werk, das er sachkundig in das Wenige einbettet, was über das Leben seines Autors bekannt ist. Insbesondere die Frage, ob Ovid die Metamorphosen schon in Rom vollendete oder noch daran arbeitete, nachdem er von Augustus ans Schwarze Meer verbannt worden war, wird dabei mehrfach aufgeworfen, ohne dass Holzberg zu einer letztgültigen Antwort darauf gelangt.

Der Aufbau seiner Einführung folgt dabei dem der Metamorphosen selbst, die sich in drei elegant miteinander verbundene Fünfergruppen (Pentaden) von Büchern gliedern, deren episodische Handlung einen Zeitraum von der Erschaffung der Welt bis zum Tod Caesars im Jahr vor Ovids Geburt abdeckt. Erzählt werden die bekanntesten Verwandlungsgeschichten der antiken Mythologie. Holzberg zeichnet interpretierend den Inhalt der einzelnen Abschnitte nach und würdigt pro Pentade jeweils eine Geschichte einer eingehenderen Analyse: die Sage um Apollo und Daphne in der ersten, die um Dädalus und Ikarus in der zweiten und die Apotheose Caesars in der dritten Pentade.

Im Zentrum von Holzbergs Deutung steht dabei der Blick auf Ovid als Meister des literarischen Spiels, der in seinem epischen Werk nicht nur augenzwinkernd die zuvor in der elegischen Liebesdichtung gewonnenen Schreiberfahrungen mit anbringt, sondern bei seiner Leser- oder Hörerschaft auch solide Kenntnisse anderer antiker Autoren (vor allem Homer und Vergil) voraussetzt. Ovids oft spöttische Aufbereitung von Mythen und Sagen erweist sich als anspielungsreich und sprachlich brillant, inhaltlich aber oft irritierend, so etwa, wenn er Vergewaltigungen oder brutale Strafen, die nicht immer nur die eigentlich Schuldigen treffen, eher mit voyeuristischem Verve und boshaftem Humor ausmalt, als Empathie für die Opfer erkennen zu lassen. Insbesondere in diesem Kontext weiß Holzberg das Spannungsverhältnis zwischen dem bis heute ungebrochenen ästhetischen Reiz der Verse und der unseren moralischen Vorstellungen doch in manchen Belangen fremden Weltanschauung der Antike kenntnisreich auszuloten.

Etwas schade ist, dass Holzberg Ovid und andere Primärtexte überwiegend nur in deutscher Übersetzung zitiert, und das nicht nur an Stellen, an denen er inhaltlich argumentiert, sondern auch dann, wenn er z.B. auf die Metrik eingeht. Hier mag man vielleicht die gelungenen Nachschöpfungen der deutschen Version bewundern, hätte aber doch lieber (auch) das lateinische Original gesehen.

Ungeachtet dieser kleinen Schwäche bieten Ovids Metamorphosen einen lehrreichen und zugleich durchaus humorvoll und unterhaltsam geschriebenen Einstieg in die Welt des augusteischen Dichters. Neben der Auseinandersetzung mit den Metamorphosen selbst kann der kurze Band übrigens auch recht gut dazu dienen, ein paar grundlegende Mythologiekenntnisse zu gewinnen oder aufzufrischen, denn in Holzbergs knappen Zusammenfassungen treten die wichtigsten Züge vieler beliebter Sagen prägnant hervor.

Niklas Holzberg: Ovids Metamorphosen. 2., durchges. Aufl. München, C.H. Beck, 2016 ,128 Seiten.
ISBN: 978-3406536212


Genre: Kunst und Kultur, Märchen und Mythen

Pflanzen im Mittelalter

Ob nun als Nahrung, Heilmittel, Bestandteil magischer Praktiken oder schöne Dekoration, Pflanzen sind bis heute aus keiner Epoche der Menschheitsgeschichte wegzudenken. Der Mediävist Helmut Birkhan spürt in seiner anregenden Studie Pflanzen im Mittelalter sowohl der ganz realen als auch der nur imaginierten Bedeutung der Flora für die mittelalterlichen Menschen nach. Unter den literarischen Quellen, auf die er sich dabei stützt, nehmen die Werke Konrads von Megenberg und Hildegards von Bingen die prominenteste Rolle ein, aber man begegnet auch Walahfrid Strabo, dem karolingischen Capitulare de villis, den an der Schwelle zur Frühen Neuzeit entstandenen Kräuterbüchern, dem St. Galler Klosterplan, so mancher Pflanzenerwähnung in der Dichtung und verschiedenen Bildern, unter denen das Frankfurter Paradiesgärtlein des sogenannten Oberrheinischen Meisters aus dem 15. Jahrhundert sicher zu den eindrucksvollsten zählt.

Trotz dieser vermeintlichen Quellenfülle ist es, wie schon in der Einleitung deutlich wird, keineswegs immer einfach, eindeutige Aussagen über Pflanzen im Mittelalter zu treffen, und das nicht, weil die Beschäftigung damaliger Gelehrter mit dem Thema von modernen naturwissenschaftlichen Standards noch ein gutes Stück entfernt war. Vielmehr stellen sich häufig allein schon sprachliche Zuordnungsprobleme, wenn eine mittelalterliche Pflanzenbezeichnung auf mehrere heutige Arten bezogen werden kann und die Beschreibungen vage genug bleiben, um eine exakte Identifikation unmöglich zu machen. Oft sind bei der Textauswertung also kleine oder große Rätsel zu lösen, aber Birkhan nimmt sich dieser Aufgabe voller Verve an.

Ein erster großer Abschnitt ist klassischen Nutzpflanzen gewidmet. Neben Getreide, Obst und Gemüse als wichtigen Grundsäulen der Ernährung spielen hier auch Pflanzen eine Rolle, aus denen Fasern für Textilien und Farbe gewonnen wurden, aber z.B. auch Holz und Schilf. Besonders beeindruckt Birkhan offenbar die Nutzung von fettgetränkten Binsen zur Beleuchtung, denn in der Folge setzt er das „Binsenlicht“ wiederholt als Sinnbild für seine eigene Forschungssituation ein, die die Vergangenheit nur ein wenig zu erhellen vermag, während vieles im Dunkeln bleiben muss.

Dieser Bescheidenheitsgestus kommt einem fast übertrieben vor, denn gerade im folgenden Kapitel, das Pflanzen im Hinblick auf ihre magische und medizinische Nutzung lexikalisch nach modernen Namen geordnet auflistet, weiß der Autor viele schlüssige Deutungen vorzuschlagen und nuanciert zwischen noch heute anerkannten Heilmethoden, solchen, die zumindest nach der mittlerweile überholten, aber im Mittelalter gültigen Humoralpathologie Sinn ergeben, und rein abergläubischen Vorstellungen zu unterscheiden.

Der folgende Abschnitt zu Nutz- und Lustgärten eröffnet bereits den Reigen der symbolischen Interpretation von Pflanzen, setzt er den Schwerpunkt doch eindeutig auf den Garten als bedeutungsvollen Schauplatz in literarischen Texten. Die Symbolik ist (neben Ausführungen zu Gesetzen über den Umgang mit Pflanzen) auch ein wichtiger Teil des Kapitels über Pflanzen im mittelalterlichen Recht. Umfangreicher ist die Betrachtung zu Pflanzen im Kontext der Religion. Hier sind besonders die zahlreichen Marienpflanzen berücksichtigt. Abschließend widmet Birkhan sich der Pflanze in der säkularen Kunst und Literatur des Mittelalters (wobei man sich sicher streiten kann, inwieweit die Einordnung von Weltenbäumen wie Yggdrasil in diesen Bereich schlüssig ist, da sie zwar nicht dem christlichen Kontext entstammen, als Produkte paganer Mythologie in ihrem Ursprung durchaus eine religiöse Komponente haben).

Der Anhang bietet neben den zu erwartenden bibliographischen Hinweisen auch einen nützlichen Index der erwähnten Pflanzen, die sowohl nach mittelalterlichen als auch nach modernen Bezeichnungen aufzufinden sind. Hervorzuheben ist die gelungene Buchgestaltung von Bettina Waringer, die mit Ausschnitten mittelalterlicher Bilder als Kapitelzierde arbeitet und ebenso wie das von J. Mullan aus Elementen des oben erwähnten Paradiesgärtleins reizvoll zusammengesetzte Cover dazu beiträgt, Pflanzen im Mittelalter zu einem auch äußerlich sehr schönen Buch zu machen. Inhaltlich lohnt sich die Lektüre sowohl für Mittelalterinteressierte als auch für Gartenbegeisterte unbedingt.

Helmut Birkhan: Pflanzen im Mittelalter. Eine Kulturgeschichte. Wien / Köln / Weimar, Böhlau, 2012, 312 Seiten.
ISBN: 978-3205787884


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur, Sachbuch allgemein

Im Wald

Die vielen Waldbücher, die insbesondere im Gefolge der literarischen Erfolge des Försters Peter Wohlleben in den letzten Jahren erschienen sind, haben in aller Regel eine naturkundliche Ausrichtung, ganz gleich, ob es nun eher um biologische Fakten oder um Tipps zur Freizeitgestaltung geht. Eine völlig andere Herangehensweise wählt dagegen Rita Mielke mit Im Wald, denn die – so der Untertitel – Wortwanderung durch die Natur nähert sich dem Wald aus sprachlicher und mentalitätshistorischer Perspektive.

Allen möglichen Begriffen, die mit dem Wald in Verbindung stehen, ist jeweils ein Kapitel gewidmet, das nicht nur die mit dem entsprechenden Wort am häufigsten verbundenen Assoziationen aufführt, sondern auch eine kurze Kulturgeschichte des menschlichen Blicks auf das Bezeichnete skizziert. Etymologie, Aberglaube, symbolische Zuschreibungen und religiöse Signifikanz finden hier ebenso ihren Platz wie zahlreiche Zitate aus literarischen Werken von der Antike bis in die heutige Zeit. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Europa, aber punktuell wird auch auf andere geographische Räume verwiesen.

Dabei begegnen die Leserinnen und Leser nicht nur den Bäumen selbst, aus denen der Wald besteht – ob nun Buche, Eiche oder Tanne -, sondern auch anderen Pflanzen wie der Mistel und zahlreichen tierischen Waldbewohnern wie Ameise, Eichhörnchen, Fuchs, Reh oder Specht. Daneben werden aber auch abstrakte Konzepte wie Einsamkeit behandelt, und auch Gestalten wie Hexe und Waldgeister, denen in Märchen und Geschichten gern ein Aufenthalt im Wald nachgesagt wird, haben ihren Auftritt.

Zwar kommt auch die ganz reale Waldnutzung durch den Menschen zur Sprache (z.B. wenn erwähnt wird, dass Fichtenholz oft zum Instrumentenbau verwendet wird), aber der Schwerpunkt liegt eindeutig auf den Vorstellungswelten, die der Wald heraufbeschwört. Vielfach fällt dabei auf, dass die menschliche Sicht insbesondere auf Tiere von Epoche zu Epoche schwankt und teilweise bis heute ambivalent bleibt: So wird der Wolf einerseits als bedrohlich und dämonisch (bis hin zum Phänomen des Werwolfs) geschildert, taucht andererseits aber schon früh auch in positiver Rolle auf (z.B. bei der Wölfin, die laut römischer Sage Romulus und Remus säugt). Auch die Eule als vermeintliches Hexentier einerseits und Sinnbild der Weisheit andererseits ist hier einzuordnen.

Besondere Erwähnung verdient die gelungene Buchgestaltung. Nicht nur die realistischen Tier- und Pflanzenillustrationen von Hanna Zeckau, sondern auch nette Details wie die kleinen Blätter, die jeweils eingangs des Kapitels das zum Begriff gehörende Wortassoziationsfeld markieren, machen Im Wald zu einem sehr hübschen Bändchen, das sich auch gut als Geschenk eignen dürfte.

Negativ fällt nur auf, dass die zu den Zitaten jeweils genannten Jahreszahlen im Einzelfall fehlerhaft zu sein scheinen (z.B. kann ein Werk des 1655 verstorbenen Friedrich von Logau wohl kaum 1872 – so die Angabe hier auf S. 26 – entstanden sein). Hier wäre ein gründlicheres Korrekturlesen wünschenswert gewesen.

Abgesehen davon ist Im Wald jedoch ein rundum empfehlenswerter kleiner Spaziergang durch die mit der heimischen Natur verknüpften Begriffs- und Vorstellungswelten, der eine ebenso vergnügliche wie lehrreiche Lektüre bildet.

Rita Mielke: Im Wald. Eine Wortwanderung durch die Natur. Mit Illustrationen von Hanna Zeckau. Berlin, Duden, 2019, 160 Seiten.
ISBN: 978-3411742585


Genre: Kunst und Kultur, Sachbuch allgemein

Träume in der Antike

Menschen träumen – das gilt für vergangene Jahrhunderte genauso wie für die heutige Zeit. Wie genau man in der Antike mit dem Phänomen Traum umging, zeigt die Altphilologin Marion Giebel in Träume in der Antike, einer kommentierten Sammlung von Quellen und literarischen Texten, die von den homerischen Epen bis zu Traumschilderungen der Spätantike zeitlich gut ein Jahrtausend abdecken.
Geordnet sind die einzelnen Beispiele jedoch nicht chronologisch, sondern in thematischen Gruppen. Das erste Kapitel nimmt Traumerzählungen aus Epos, Tragödie und Roman in den Blick und zeigt auf, wie antike Autoren von Homer über Vergil bis hin zu Apuleius ihre Figuren träumen ließen. Hier werden im fiktiven Kontext schon all die Funktionen fassbar, die Träume bzw. ihre Wiedergabe auch im realen Leben übernehmen konnten: Wie der zweite Abschnitt Die Träume der Mächtigen beweist, wurden tatsächliche oder nur vorgebliche Träume als Motivation für bestimmte Handlungen, als Vorzeichen oder als Reaktion auf Geschehnisse oft entweder propagandistisch ausgeschlachtet oder aber im Nachhinein zur Deutung historischer Vorgänge herangezogen. Die Quellen lassen erkennen, dass die Interpretation dabei durchaus von Person zu Person schwanken konnte. Während eher skeptische Zeitgenossen eine recht modern anmutende psychologische Perspektive einnahmen und Träume nur als unbewusste Verarbeitung dessen verstanden, was die Schlafenden im Wachzustand beschäftigt hatte, glaubten andere an das Wirken höherer Mächte.
Letztere Annahme steht im Kapitel Weisungen und Aufträge im Traum im Mittelpunkt, in dem sowohl pagane Gottheiten als auch der christliche Gott den träumenden Gläubigen Hinweise oder direkte Befehle zukommen lassen, die sie tunlichst befolgen sollten, um unangenehme Konsequenzen zu vermeiden.
Eine spezifische Form solcher Träume waren die in einem eigenen Abschnitt behandelten Heilträume, in denen insbesondere der Heilgott Asklepios in Erscheinung trat, was man in manchen Fällen durch ein Schlafen im Tempel gezielt herbeizuführen versuchte, um die Behebung eines Leidens zu forcieren.
Das fünfte Kapitel Literarisch ausgestaltete Traumerzählungen schlägt nicht etwa den Bogen zum Anfang des Buchs zurück, sondern betrachtet Träume im Kontext biographischen und autobiographischen Schreibens. Eine letzte Textgattung der Antike, die sich mit Träumen befasste, waren Sachbücher zum Thema, die Giebel in Form von Auszügen Aus der Traumkunst des Artemidor präsentiert. Artemidors Traumdeutungen sind aus heutiger Sicht insofern interessant, als er zwar von einer Zeichenhaftigkeit von Träumen ausging, aber zugleich bereits bestimmte psychologische Mechanismen erkannte.
Alle Texte sind zweisprachig im griechischen bzw. lateinischen Original und in Übersetzung enthalten. Die Übertragung ins Deutsche stammt in vielen Fällen von Giebel selbst, ist manchmal aber auch aus älteren Ausgaben übernommen. Neben einer allgemeinen Einleitung stellt die Herausgeberin auch kurze einführende Texte zu jedem einzelnen Traumbeispiel bereit, die eine (mentalitäts-)historische Einordnung erlauben.
Der Charme des kleinen Buchs besteht aber nicht zuletzt auch darin, dass neben der antiken Lebenswelt, die in den Details der Träume aufscheint, immer wieder auch eine allgemein menschliche Komponente fassbar wird, die auch über die Distanz der Jahrtausende hinweg einen unmittelbaren Zugang zu damaligen Erfahrungen eröffnet. Krankheiten, berufliche wie private Hoffnungen, aber auch Sorgen, Angst und Reue sind trotz aller kultur- und epochenspezifischen Unterschiede heute noch nachvollziehbar, und dass einem im Traum neben Personen und Gegenständen aus dem eigenen Alltag manchmal auch Verrücktes und im wahren Leben Unmögliches erscheint, dürfte jeder schon selbst erlebt haben. So bieten die Träume in der Antike nicht nur eine anregende und geschichtlich interessante Lektüre, sondern auch eine, bei der man sich berühmten wie unbekannten Menschen des Altertums punktuell sehr nahe fühlen kann.

Marion Giebel (Hrsg.): Träume in der Antike. Griechisch / Deutsch, Lateinisch / Deutsch. Stuttgart, Reclam, 2006, 256 Seiten.
ISBN: 978-3150183953


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Löwenmenschen und Schamanen

Lässt sich die materielle Kultur der Vor- und Frühgeschichte dank archäologischer Funde recht gut rekonstruieren, sind wir, was die geistige Welt der damaligen Menschen betrifft, auf Vermutungen angewiesen. Gerade spirituelle Vorstellungswelten erschließen sich oft nicht ohne Weiteres, obwohl man ahnen kann, dass es sie gegeben haben muss. Andrea Zeeb-Lang und Andy Reymann wagen sich in Löwenmenschen und Schamanen also an ein schwieriges Thema, wenn sie versuchen, aus Kunst, Bauwerken, Musikinstrumenten und anderen Objekten der Stein- und Bronzezeit, aber auch aus auffälligen Bestattungen Hinweise auf magische und insbesondere schamanische Praktiken abzuleiten. Da aus der behandelten Zeit selbst naturgemäß keine Schriftquellen existieren, müssen Vergleiche mit späteren Kulturen als Interpretationshilfe herangezogen werden.
Ein Überblick über das Phänomen Magie von der Antike bis heute bildet daher den Einstieg in die Untersuchung. In seiner Knappheit stellt er leider manches sehr verkürzt bis irreführend da (wenn z.B. die eigentlich primär frühneuzeitliche europäische Hexenverfolgung pauschal mit dem Mittelalter und der Inquisition verknüpft wird, entspricht das eher populären Klischees als dem aktuellen wissenschaftlichen Konsens).
Wichtiger für die Argumentation des Buchs ist glücklicherweise die ausführlicher geratene Einführung in die Thematik des Schamanismus, in der deutlich wird, dass bestimmte Erfahrungen und Praktiken kulturübergreifend auftreten: So ist etwa die Wahrnehmung geometrischer Formen in der ersten Phase der Trance weltweit belegt, und man kann davon ausgehen, dass auch schon steinzeitliche Schamanen ähnliche Eindrücke hatten. Auch das Gefühl, sich in ein Tier zu verwandeln, tritt in veränderten Bewusstseinszuständen bei Menschen der verschiedensten Hintergründe auf. Diese Beobachtung bildet den zentralen Ansatzpunkt für die darauffolgende Analyse altsteinzeitlicher Höhlenmalereien, in denen mehrfach Mischwesen aus Tier und Mensch dargestellt sind, die sich in Parallele zu Felsbildern des südafrikanischen Volks der San setzen lassen. Der Motivschatz der Kunst der San blieb über Jahrtausende relativ konstant und enthält oft Darstellungen sich in Trance tanzender und dann Tierverwandlungen durchmachender Schamanen. Eine entsprechende Interpretation hält das Autorenduo daher nicht nur für die sogenannten „Zauberer“ in der frankokantabrischen Höhlenkunst für wahrscheinlich, sondern auch für altsteinzeitliche Plastiken wie den berühmten Löwenmenschen von der Schwäbischen Alb.
Scheint hier der Fall noch klar zu sein, wird in den folgenden Kapiteln offensichtlich, dass die Deutung eines Funds oder Befunds als Anzeichen für Schamanismus oft nicht alternativlos sein muss. Ist etwa eine Rassel als bewusstseinsveränderndes Rhythmusinstrument zauberkundiger Personen oder doch nur als Kinderspielzeug anzusprechen? Sind geometrische Muster auf Gegenständen Widerspiegelungen von Tranceerfahrungen, stilisierte Wiedergabe ganz irdischer Dinge oder gar Verzierungen ohne tieferen Sinn? Weisen Begräbnisse mit für unsere Begriffe bizarren Beigaben (z.B. einem Menschenfuß) auf eine spirituelle Sonderrolle der Bestatteten hin, oder sind die Hintergründe weit prosaischer?
Zeeb-Lang und Reymann bevorzugen zwar zumeist die „magische“ Erklärungsvariante, aber ob sie überzeugender als die alltägliche wirkt, ist oft Ermessenssache.
Obwohl die beiden Autoren also nicht mit letzter Sicherheit den Nachweis führen können, dass all ihre Schlussfolgerungen der Realität entsprechen und nicht nur Spekulationen sind, liefern sie dennoch zahlreiche Möglichkeiten, Zauber und Animismus in prähistorischen Kontexten zu sehen. Ganz gleich, ob man sich ihrer Meinung immer anschließen mag oder nicht, sind das spannende Denkanstöße, die viele ihrem mentalitätsgeschichtlichen Zusammenhang entrissene Erscheinungen zumindest mit einem potentiellen Sinngehalt füllen. Die letzten Geheimnisse wird man diesem Aspekt der Vor- und Frühgeschichte wohl nie entreißen können, aber die Löwenmenschen und Schamanen zeigen, wie sehr sich die Beschäftigung damit dennoch lohnt.

Andy Reymann, Andrea Zeeb-Lanz: Löwenmenschen und Schamanen. Magie in der Vorgeschichte. Darmstadt, Theiss (WBG), 2019 (Sonderheft der „Archäologie in Deutschland“ 16/2019), 112 Seiten.
ISBN: 9783806239904


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Die andere Geschichte der Bibel

Er sei, so Robin Lane Fox in seinem Vorwort zu seiner Monographie Die andere Geschichte der Bibel, Atheist und glaube „an die Bibel, nicht aber an Gott“ (S. 8). Wer auf dieser Basis nun damit rechnet, in dem Buch, das historischen Kontext und Quellenwert der Bibel zum Thema hat, eine polemische Streitschrift à la Richard Dawkins zu finden, irrt, denn ein Großteil von dem, was Robin Lane Fox hier darlegt, dürfte auch für mit der historisch-kritischen Methode vertraute Gläubige nicht weiter aufsehenerregend sein.
Der Autor schildert die mehrere Jahrhunderte umfassende Entstehung der Bibel aus unterschiedlichen Texten und weiß anschaulich zu machen, dass in einer Epoche, die nur Schriftrollen als Bücher kannte, die Zusammensetzung einer Sammlung heiliger Schriften durchaus immer wieder wechseln konnte, so dass sich erst allmählich ein Kanon hinausbildete. Während er mehrere Bücher der Bibel (so etwa Hiob und Esther) als gezielt erstellte fiktive Erzählungen einstuft und weitere als zumindest literarisch überformt und in sich widersprüchlich betrachtet (z.B. die Weihnachtsgeschichte des Lukas), sieht er in anderen durchaus auf Augenzeugenberichten basierende Quellen von historischem Wert (im Alten Testament vor allem in den Geschichten vom Hof Davids, im Neuen Testament im Johannesevangelium und Teilen der Apostelgeschichte). Diese vom Untertitel – Fakt und Fiktion in der Heiligen Schrift – hervorgehobene Überprüfung der biblischen Texte auf Tatsachen macht allerdings nur einen Teil des Buchs aus, denn Lane Fox ist es noch um eine andere Form von Wahrheit in der Bibel zu tun – das, was er „menschliche Wahrheit“ nennt. Als Atheist negiert er zwar die religiöse Bedeutung der Bibel für sich selbst, hält sie aber durchaus für aussagekräftig hinsichtlich ihres Blicks auf die conditio humana. Seine Überlegungen dazu, und insbesondere auch der Vergleich mit der altgriechischen Perspektive, bleiben allerdings im Ansatz stecken. Hier wäre vielleicht doch der literaturwissenschaftliche Zugang sinnvoll gewesen, an dem Lane Fox ansonsten kein gutes Haar lässt (wie auch an anderen Formen der Bibeldeutung, die ihm nicht ausreichend begründet scheinen, wie z.B. der feministischen Theologie).
Angesichts der abschätzigen Bemerkungen, die der Verfasser darüber mehrfach macht, kann man sich eigentlich nur wundern, dass er es selbst manchmal an Stringenz und Nachvollziehbarkeit fehlen lässt. Wer anderen von mangelnder Quellenkritik bis hin zu Wunschdenken alle möglichen methodischen Schwächen unterstellt, sollte umgekehrt seine Prämissen und Wertungskriterien expliziter zu machen, als es hier geschieht. Wenn Lane Fox z.B. die vielfach als eher symbolisch zu verstehen interpretierte Geschichte um Hosea und seine untreue Frau als historisch glaubwürdig einstuft, wünscht man sich eine argumentative Begründung dafür, statt nur die Einschätzung des Autors wie ein Faktum präsentiert zu bekommen.
Darüber hinaus haben sich einige Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen. So ist bei der Analyse des Buches Esther z.B. von „dem Juden Haman“ (S. 362) die Rede, während Haman in der Bibel eigentlich als äußerer Gegner der Juden, nicht als abtrünniger Glaubensbruder erscheint. Auch die Angabe, dass „Daniel (…) in einen glühenden Feuerofen geworfen wird“ (S. 430), überrascht, denn im Buch Daniel erleiden eigentlich drei andere Männer (Schadrach, Meschach und Abed-Nego) dieses Schicksal.
In einem 2018 verfassten Nachwort geht Lane Fox auf neuere Entwicklungen in der Wissenschaft ein (so etwa auf die archäologischen Forschungen von Finkelstein und Silberman, deren Schlüssen er kritisch gegenübersteht), legt aber zugleich auch ein gesundes Selbstbewusstsein an den Tag. Ob man seinem eigenen Werk z.B. vollmundig „die Energie und den Schwung (…), von denen sich die Leser anhaltend angetan zeigten“ (S. 539), bescheinigen muss, sei einmal dahingestellt.
Was man insgesamt von Der anderen Geschichte der Bibel halten soll, weiß man daher am Ende nicht so recht. Lane Fox ist auf seinen Kerngebieten – der griechischen und römischen Geschichte – eindeutig überzeugender als hier, und auch wenn die Lektüre passagenweise lohnend ist, sollte sie durchaus mit kritischem Blick erfolgen.

Robin Lane Fox: Die andere Geschichte der Bibel. Fakt und Fiktion in der Heiligen Schrift. Stuttgart, Klett-Cotta, 2019 (Original: 1991), 624 Seiten.
ISBN: 9783608981162


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Ungeheuerlich

Alte Karten und Beschreibungen von Küsten und Meeren sind voller Fabelwesen, die mit der realen Fauna der dargestellten Region allenfalls bedingt etwas zu tun haben. Der Historiker Erling Sandmo nimmt sich in Ungeheuerlich. Seemonster in Karten und Literatur 1491 – 1895 der verblüffenden, unheimlichen und oft auch sehr amüsanten Kreaturen an, die durch die Bestände der norwegischen Nationalbibliothek geistern. In kurzen Kapiteln, die sich auch sehr gut unabhängig voneinander lesen lassen, wird jeweils ein wundersames Tier oder Phänomen vorgestellt, um dann in einer meist doppelseitigen historischen Illustration auch im Bild präsentiert zu werden. Die Übersetzung von Sylvia Kall wirkt elegant und flüssig, so dass die Lektüre zur genüsslichen Entdeckungstour werden kann.
Während Seeschlangen, Meermenschen oder schiffeversenkende Riesenkraken fast schon zum Standardinventar phantasievoller Seefahrergeschichten zählen, begegnet man in Sandmos kleinem Kompendium der bizarren Meeresbewohner auch originelleren Geschöpfen, so etwa dem ebenso gierigen wie ängstlichen swamfisk, der sich im Notfall sogar selbst auffrisst.
Neben Ungeheuern im eigentlichen Sinne bevölkern auch reale Tiere, über die man Merkwürdiges berichtete, die Seiten. Vermeintliche Wunderzeichen (wie eine im 17. Jahrhundert gefangene Scholle, deren Haut ein Kreuzeszeichen aufwies, so dass man sogleich den Bischof von Bergen informierte) stehen neben ungewöhnlichen Verhaltensweisen, die man bei Walross, Rochen oder Wal beobachtet haben wollte. Darüber hinaus spielen immer wieder auch andere erstaunliche Geschichten eine Rolle. So vertrat ein Geistlicher im frühen 18. Jahrhundert etwa die Theorie, Odysseus habe nicht nur die Lofoten bereist, sondern sei überdies mit Odin gleichzusetzen.
Wie vieles in dem Buch regt diese These aus heutiger Sicht natürlich zum Schmunzeln an, aber all das Witzige, Abstruse und Unterhaltsame trägt letztlich dazu bei, eine durchaus ernsthafte Geschichte zu erzählen – die nämlich von einem Wandel des Weltbilds, das in der hier im Zentrum stehenden Frühen Neuzeit einen allmählichen Übergang von Wundergläubigkeit und mythischer Zeichenhaftigkeit zu naturwissenschaftlichen Erklärungen erlebte. Stand erst noch die Frage im Vordergrund, was Erscheinen und Verhalten eines monströsen Wesens im wahrsten Sinne des Wortes zu bedeuten hätten, überwog später der Aspekt der Erforschung. Sandmo weiß mit leichter Hand deutlich zu machen, dass die Welt im Zuge ihrer Entzauberung zwar viel von ihrem Schrecken, aber in gewisser Weise auch etwas von ihrem Charme einbüßte.
Umso schöner ist es, den heute größtenteils vergessenen Bewohnern eines mit Magie und Legenden aufgeladenen Meeres in Ungeheuerlich begegnen zu können und sich auch an der liebevollen Gestaltung zu freuen: Beispielsweise ist im vorderen Buchdeckel der Innenteil einer Windrose ausgespart, so dass einen vom Vorsatzblatt aus ein Ungeheuerauge aus dem geschlossenen Buch anblickt. Ein rundum gelungenes kleines Werk also, dem man viele begeisterte Leserinnen und Leser (sowie Betrachterinnen und Betrachter) wünscht!

Erling Sandmo: Ungeheuerlich. Seemonster in Karten und Literatur 1491 – 1895. München, Nagel & Kimche, 2018, 100 Seiten.
ISBN: 9783312010943


Genre: Kunst und Kultur, Märchen und Mythen, Sachbuch allgemein