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Das antike Drama

Die Wurzeln des europäischen Dramas liegen in der Antike, und auch die Aufteilung in Tragödie, Komödie und die Tragikomödie als Mischgenre ist sehr alt. Die überlieferten Stücke sind trotz aller Textverluste und zu vermutenden Änderungen faszinierende und bewegende Literatur und für bestimmte Konventionen der Charakterisierung und szenischen Darstellung im Grunde bis heute prägend.
Die Latinistin Therese Fuhrer und der Gräzist Martin Hose stellen in ihrer handlichen Einführung Das antike Drama diese Anfänge der Theatertradition, die wichtigsten heute noch bekannten Dramenautoren der griechischen und römischen Antike und einzelne besonders bemerkenswerte Stücke vor. Der zeitliche Bogen spannt sich von der Entstehung der Tragödie in Athen unter der Tyrannis der Peisistratiden im 6. Jh. v. Chr. bis zur Christianisierung und Theaterkritik der Spätantike.
Nach einem kurzen Überblick über die jeweiligen kultischen Ursprünge von Tragödie und Komödie folgt die Vorstellung derjenigen Dramenverfasser, die die Erhaltung ihrer Stücke der Tatsache zu verdanken haben, dass sie von alexandrinischen und später von byzantinischen Gelehrten als wichtiger Teil des Literaturkanons begriffen wurden: Zu den Tragödiendichtern Aischylos, Sophokles und Euripides liefern Fuhrer und Hose ebenso biographische Skizzen und Werkanalysen wie zu den Komödienautoren Aristophanes und Menander.
Die Kenntnis der griechischen Dramentradition ist unabdingbar notwendig, um zu verstehen, in welcher Form die Theaterkultur ab den 3. Jh. v. Chr. von den Römern übernommen wurde, die bis dahin aus ihrem italischen Umfeld vor allem den Typus des handfesten Possenspiels mit festgelegtem Typeninventar kannten (fabula Atellana). Fast noch stärker als im Falle der griechischen Antike wird bei den frühen römischen Dramen deutlich, wie sehr der Zufall der Überlieferung unsere Wahrnehmung bestimmt. Während die oft eng am griechischen Vorbild orientierten Komödien von Plautus und Terenz als Schullektüre die Jahrtausende überdauerten, sind uns die frühen römischen Tragödien bis auf einzelne aus dem Kontext gerissene Zeilen nicht mehr zugänglich. Was bleibt, kann aber ironischerweise durchaus sehr bekannt sein: So ist das Zitat oderint, dum metuant (in etwa: „Sollen sie mich ruhig hassen, solange sie mich fürchten“) sicher schon vielen Lateinkundigen begegnet, während nur wenige sofort parat haben dürften, dass es aus dem bis auf wenige Fragmente verlorenen Atreus des Accius aus dem 2. Jh. v. Chr. stammt.
Mit Seneca erfährt schließlich auch noch ein Tragödiendichter der römischen Kaiserzeit eine ausführliche Würdigung, bevor das Buch mit einem kurzen Ausblick auf die Spätantike schließt.
Fuhrer und Hose schreiben anschaulich und allgemeinverständlich und nehmen zur Erläuterung der teils komplizierten Familienkonstellationen in den römischen Komödien auch Schaubilder zu Hilfe. Trotz der Kürze des Bands fehlen bei den Dramenanalysen auch Hinweise auf unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten nicht. Knapper abgehandelt, aber durchaus erwähnt wird die praktische Seite der antiken Theateraufführung (von der Bühnengestaltung über die Masken bis hin zu den Schauspielern). Die literarischen Texte selbst und ihre Verfasser stehen im Vordergrund und werden so gut präsentiert, dass der erste Einstieg in die Welt des antiken Dramas hier eigentlich nicht misslingen kann. Wer nähere Informationen zu Theaterbauten oder eine üppigere Bebilderung sucht, ist mit Bernd Seidenstickers Band Das antike Theater aus derselben Reihe gut beraten.

Therese Fuhrer, Martin Hose: Das antike Drama. München, C. H. Beck, 2017, 128 Seiten.
ISBN: 9783406707926


Genre: Kunst und Kultur

Trolle

Dämonische Unholde des Mittelalters, tumbe Bösewichter des neuzeitlichen Märchens, niedliche Gesellen im modernen Kinderbuch, Standardinventar der Fantasy und kitschiges Souvenir – Trolle haben schon vielen Rollen übernehmen müssen. Wie genau sich die Trollvorstellung in Mythologie, Literatur und bildender Kunst von der Wikingerzeit bis heute immer wieder gewandelt hat, zeichnet der Mediävist Rudolf Simek in seiner äußerst lesenswerten neuen Studie Trolle nach. Das üppig bebilderte Buch geht dabei gerade in seiner detailreichen Deutung literaturgeschichtlicher Zusammenhänge noch über John Lindows thematisch ähnlich konzipiertes Werk Trolls hinaus und bietet nicht nur einen glänzenden Überblick über das, was in verschiedenen Epochen den typischen Troll ausmacht, sondern auch über sprachlich mit Trollen assoziierte Ortsnamen und Begriffsfelder (historisch in Skandinavien die Zauberei, heutzutage vor allem unliebsames Verhalten im Internet).
Die Anfänge des Trollglaubens vor über 1000 Jahren liegen im Dunkeln, und die frühesten Erwähnungen erlauben noch kein allzu klares Trollbild. Trolle – so kann man nur ahnen – waren ursprünglich mit Tod und Anderswelt assoziierte Wesen, denen Gefährlichkeit für die Menschen, aber auch magische Fähigkeiten zugeschrieben wurden. Erst ab der Sagaliteratur des Hoch- und Spätmittelalters treten sie deutlicher hervor: Den Naturgewalten und der alten heidnischen Welt verbunden, sind sie oft grobschlächtige und hässliche Gegner der Helden, die gleichwohl durchaus in Trollfrauen Ziehmütter oder Geliebte finden können. In diesem Punkt ähneln sie den Waldmenschen oder wilden Frauen der mitteleuropäischen Literatur, wie überhaupt die Übergänge zu Untoten und Riesen zunächst noch fließend bleiben.
Riesengleiche Züge legen Trolle auch in vielen Märchen der Neuzeit an den Tag: Als böse, einzelgängerische Menschenfresser wahren sie ihre Bedrohlichkeit, sind jedoch aufgrund ihrer Dummheit leicht zu überlisten und haben so oft das Nachsehen. Parallel dazu entstehen im südlichen und östlichen Skandinavien jedoch Geschichten, die anstelle der gewaltigen Unholde von einst wichtel- oder elfenartig in Gemeinschaften lebende kleine Trolle in den Vordergrund rücken.
Beide Sorten von Trollen finden ihren Niederschlag auch in der modernen Literatur. Während die für Erwachsene und Jugendliche gedachte Fantasy den großen und gefährlichen Troll als Antagonisten (seltener auch als positiv besetzte Figur) kennt, sind in der Kinderliteratur seit Mitte des 20. Jahrhunderts verstärkt putzige und soziale Trolle unterwegs.
Bei der Beschäftigung damit gewinnen die Trolle teilweise den Charakter einer Streitschrift, da es dem Autor sehr wichtig zu sein scheint, gegen eine solche Verniedlichung und Verharmlosung ins Feld zu ziehen. Hier wünscht man Simek dann doch etwas mehr Toleranz und Verständnis dafür, dass gerade im Kinderbuch die Schilderung freundlicher Varianten ursprünglich bedrohlicher Gestalten aus dem Volksglauben erstens nicht verwerflich und zweitens kein auf Trolle beschränktes Phänomen ist (man denke etwa an Die kleine Hexe oder Das kleine Gespenst bei Otfried Preußler). Allerdings muss die Rezensentin zugeben, als Verfasserin von Geschichten, in denen gelegentlich hilfreiche, wenn auch nicht notwendigerweise harmlose Trolle auftauchen, eindeutig parteiisch zu sein, was die Zuschreibung sympathischer Eigenschaften an diese Wesen betrifft.
Doch ganz gleich, ob man Simeks Wertungen nun in allen Punkten unterschreiben mag oder nicht, bleibt die Qualität seines Buchs unbestritten. Positiv fällt vor allem der große Raum auf, der Primärtexten eingeräumt wird, damit sie für sich selbst sprechen können (neben kurzen Zitaten sind ein längerer Auszug aus Þorsteins Þáttr uxafóts und drei norwegische Volkserzählungen über Trolle enthalten). Auch die schiere Fülle des in die Analyse einbezogenen Materials – vom archäologischen Fund bis hin zu Film und Fernsehen – ist bemerkenswert und trägt zu dem Eindruck bei, dass wirklich so gut wie alle wichtigen Aspekte des Gegenstands zumindest angesprochen, oft aber auch ausführlich erörtert werden. Ein Glossar mit literaturwissenschaftlichen und historischen Fachbegriffen erleichtert Laien den Zugang zur Lektüre, die sich für jeden Interessierten unbedingt lohnt.
Den Wunsch, dieses Buch mögen die Trolle holen (im Altnordischen laut Simek eine sehr üble Verfluchung), hat man also nach dem Lesen gewiss nicht; damit, dabei von den Trollen auf die bestmögliche Art gefangen genommen zu werden, sollte man aber durchaus rechnen.

Rudolf Simek: Trolle. Ihre Geschichte von der nordischen Mythologie bis zum Internet. Köln u.a., Böhlau, 2018, 256 Seiten.
ISBN: 9783412507435


Genre: Kunst und Kultur, Märchen und Mythen

Münzen

Obwohl sie mittlerweile von Scheinen und bargeldlosen Transfermethoden immer weiter in den Hintergrund gedrängt werden, sind Münzen doch in gewisser Hinsicht bis heute das Geld schlechthin und waren über viele Jahrhunderte konkurrenzlos als Zahlungsmittel. Bernd Kluge, der ehemalige Leiter des Berliner Münzkabinetts, gibt in seiner kompakten Einführung Münzen einen gerafften, aber angemessen bebilderten und gut lesbaren Überblick über Geschichte, Funktion und unterschiedliche Ausprägungen des Münzgelds von den Anfängen im 7. Jahrhundert v. Chr. bis in die Gegenwart. Geographisch wird die gesamte Welt abgedeckt, der Schwerpunkt liegt aber doch eindeutig auf Europa, das in Bezug auf die historische Entwicklung seiner Münzen von der Antike bis in die Neuzeit am ausführlichsten behandelt wird.
Schnell wird dabei deutlich, dass Münzen von Anfang an weitaus mehr zu bieten hatten als nur ihren Materialwert oder ihre Funktion als Tauschobjekt. Durch ihre Gestaltung waren sie immer auch Kunstwerke, wie an eindrucksvollen Beispielen wie etwa dem Demarateion deutlich wird, einer besonders schön gestalteten Dekadrachmenmünze aus dem Syrakus des 5. Jahrhunderts v. Chr. Neben ihrem rein ästhetischen Wert dienten Münzen jedoch zugleich auch der Selbstdarstellung der Herrschenden und sind dementsprechend auch als geschichtliche Quelle nicht zu unterschätzen.
Ohne kommt der Bereich der historischen Entwicklung von Währungssystemen, Münzprägung und anderen praktischen Belangen nicht zu kurz. Ob nun mittelalterliche Münzverrufungen, verwendete Metallsorten oder Recheneinheiten, hier erfährt man auf engem Raum viel über die verschiedensten Gebiete.
Auch Kurioses kommt dabei durchaus zur Sprache. Wer z.B. schon immer einmal wissen wollte, was sich hinter den in Karl Mays Romanen so oft erwähnten Mariatheresientalern verbirgt und warum sie gerade auf orientalischen Schauplätzen immer wieder auftauchen, wird hier ebenso fündig wie derjenige, der sich für Münzen als Sammelobjekt interessiert. Hilfreiche Zusätze (wie etwa eine Übersichtstabelle über die aktuellen Währungen weltweit oder eine Zeittafel mit wichtigen Stationen der Geschichte der Münzen) runden den kleinen, aber ungeheuer kenntnisreichen Band ab.
Insgesamt weiß Bernd Kluge so zu verdeutlichen, dass die oft nur als bloße Hilfswissenschaft abgetane Numismatik gar nicht trocken und langweilig sein muss, sondern einem neben informativer auch sehr unterhaltsame Lektüre bescheren kann, die einem beim nächsten Museumsbesuch garantiert historische Münzen aufmerksamer und neugieriger betrachten lässt als bisher.

Bernd Kluge: Münzen. Eine Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart. München, C. H. Beck, 2016, 128 Seiten.
ISBN:9783406697746


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Akanthus und Zitronen

Im römischen Reich spielten Zier- und Nutzgärten in allen Epochen eine wichtige Rolle. Anders als viele Aspekte der materiellen Kultur der Antike sind sie jedoch erst in den letzten Jahrzehnten verstärkt erforscht worden, und bis heute sind viele Fehlannahmen in Umlauf.
So beginnt Stephanie Hauschild Akanthus und Rosen, ihren angenehm zu lesenden und reich bebilderten Spaziergang durch die römische Gartenkultur, konsequenterweise auch nicht mit den antiken Gärten selbst, sondern mit ihren neuzeitlichen Rekonstruktionen, die neben gelungenen immer auch problematische Aspekte haben. Der Vergleich von Ansätzen des 19. Jahrhunderts (wie sie in den Gemälden Lawrence Alma-Tademas oder im Pompejanum in Aschaffenburg greifbar werden) mit modernen Nachahmungen antiker Gärten macht zweierlei deutlich: Einerseits ist das Wissen um Gestaltungsprinzipien und in der Römerzeit bekannte Pflanzen mittlerweile sehr gewachsen. Andererseits bestimmen jedoch immer noch in vielen Fällen Zeitgeschmack und praktische Anforderungen das, was in einem rekonstruierten „römischen“ Garten gezeigt wird (so wird z.B. oft pflegeleichteren Pflanzen der Vorzug gegenüber historisch korrekten gegeben).
Da neu angelegte Gärten nach antikem Vorbild deshalb nur einen groben ersten Eindruck vermitteln können, hilft nur der Blick in Schrift- und Bildquellen sowie auf archäologische Funde. Hier gibt es eine Fülle von spannenden Informationen zu entdecken, vom Ziergarten als Ort der Repräsentation und Muße für die Oberschicht über Obst-, Gemüse- und Kräuteranbau zur Selbstversorgung bis hin zur kommerziellen Blumen- und Fruchtproduktion für die Parfümherstellung (denn neben heute noch zu diesem Zweck eingesetzten Pflanzen wie Rosen und Veilchen waren im alten Rom auch ungewöhnliche Duftnoten populär – etwa Quitte). Tiere im Garten haben ebenso ihren Auftritt wie Dekorationsobjekte und Gartenmöbel, und man erfährt, dass einige Blumen aus der Römerzeit erhalten sind: als Sträuße und Kränze, die in Ägypten als Grabbeigabe dienten und im dortigen Wüstenklima so perfekt trockneten, dass man heute noch bestimmen kann, was für eine Rosensorte verwendet wurde. Auch die Frage, wer eigentlich in Gärten arbeitete, wird diskutiert (so gab es z.B. mit den topiarii schon begehrte und angesehene Gartengestaltungsspezialisten, über die wir mehr wissen als über die wohl für einen Großteil der anfallenden Arbeiten zuständigen Sklaven, Angestellten und Eigentümerfamilien). Aufgrund des geringen Umfangs des Buchs werden viele Themen nur kurz angerissen, doch was man zu lesen bekommt, ist gut und allgemeinverständlich aufbereitet und macht neugierig auf mehr.
Hauschild möchte aber nicht nur ein theoretisches Bild der antiken Gartenkultur vermitteln, sondern auch zum praktischen Nacherleben anregen. Sie räumt ein, dass ein gänzlich als Spiegelbild der Römerzeit gestalteter Garten oder Balkon kaum jemandem Spaß machen dürfte (unter anderem müsste man auf viele heute beliebte, den Römern aber noch unbekannte Pflanzen verzichten). Doch als die antike Kultur, die – übrigens anders als die Griechen! – engagiert Stadtgärten hegte und pflegte, können die Römer all denen Inspirationen liefern, die aus einer kleinen Fläche viel zu machen versuchen. Neben Tipps zu geeigneten Pflanzen finden sich auch einige dem Kochbuch des Apicius entlehnte Rezepte mit Gartenprodukten. Bei dem für einen „Brotsalat mit Kapern nach Apicius“ hat allerdings der Fehlerteufel munter mitgekocht, denn die Überschneidungen zwischen Zutatenliste und Zubereitungsanweisungen sind gering. Wer hoffnungsvoll Minze, Sellerie, Eigelb und Honig bereitgestellt hat, muss sich beim Salatanmischen schnell überlegen, wie er all diese plötzlich nicht mehr benötigten Ingredienzien in Kapern, Gurken und Hühnerleber verwandeln will.
Abgesehen von dieser in ihrer Rätselhaftigkeit irgendwie auch amüsanten Panne ist Akanthus und Zitronen jedoch ein rundum gelungenes Buch, das sowohl Gartenfans einen Ausflug in die Antike ermöglicht als auch Römerbegeisterten einen ersten Einblick in ein sonst oft vernachlässigtes Stück Kulturgeschichte bietet.

Stephanie Hauschild: Akanthus und Zitronen. Die Welt der römischen Gärten. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2017, 168 Seiten.
ISBN: 9783805350709


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

La Dame et la licorne

Die unter der Bezeichnung La Dame à la licorne bekannte spätmittelalterliche Wandteppichserie aus dem Pariser Musée de Cluny zählt ohne Zweifel zu den eindrucksvollsten und bekanntesten textilen Kunstwerken der Epoche. Um auch Kinder schon an diese Darstellungen einer vornehmen Dame und eines Einhorns heranzuführen, spinnen Jean-Baptiste Baronian (Text) und Laurence Henno (Illustrationen) in ihrem Bilderbuch La Dame et la licorne eine reizende kleine Geschichte um die beiden Figuren.
Ein Einhorn entsteigt dem Meer und versucht, an Land Freunde zu finden. Das erweist sich allerdings als gar nicht so einfach, denn alle Tiere, denen es begegnet, fürchten sich entweder vor dem vermeintlichen Monster oder wollen aufgrund seiner Andersartigkeit und angeblichen Hässlichkeit nichts mit ihm zu tun haben. Erst eine freundliche Burgherrin, der es durch Zufall begegnet, kann ihm anhand verschiedener Sinneseindrücke deutlich machen, dass Individualität in Wirklichkeit gar nichts Schlechtes ist und Außenseiter sich nicht die Schuld daran geben müssen, dass sie Zurückweisung erfahren.
Sprache und Erzählduktus sind eher schlicht, so dass die vom Verlag gewählte Altersempfehlung ab 6 Jahren fast schon ein wenig zu hoch gegriffen wirkt; an der einfachen Erzählung kann man sicher auch schon im Kindergartenalter seine Freude haben. Die Botschaft, dass man sich seiner Eigenarten nicht schämen muss und vielleicht nur noch nicht die Richtigen getroffen hat, die einen zu schätzen wissen, ist recht nett verpackt. Nur das Ende wirkt etwas zu gewollt (irgendwie mussten die berühmten Wandteppiche wohl noch in der Geschichte selbst Erwähnung finden).
Wirklich lebendig und dadurch auch für Erwachsene sehr betrachtenswert wird das Buch jedoch durch die wunderschönen Illustrationen, die sich erkennbar an den mittelalterlichen Bildvorlagen orientieren, sie aber zu einer weicheren und sanfteren Märchenwelt in zarten Farben auflösen. Während die Darstellungen auf den Teppichen oft statisch wirken, arbeitet Henno viel mit Bewegung und Schwung, die eher eine spontane Momentaufnahme als eine gestellte Szene suggerieren. Die jeweils dominierenden Farben kommentieren dabei das Geschehen: Während der schwierige Weg des kleinen Einhorns mit recht kühlen Tönen (dem Blau des Meeres und dem Grün der Landschaft) beginnt, werden sie im Verlauf seiner Erlebnisse Stück für Stück wärmer, bis Gelb, Orange und Rot des Abendlichts und Feuerscheins auf der Burg der Dame dann Geborgenheit empfinden lassen. Auch im Detail sind die Illustrationen sehr liebenswert und ergänzen Einzelheiten, die im Text gar nicht vorkommen (so flüchtet auf den Bildern z.B. der kleine Schoßhund der Dame erst einmal vor dem Einhorn und wartet im Kreise anderer Tiere versteckt ab, um sich dann einige Seiten später mit misstrauischer Miene wieder aus der Deckung zu wagen und sich am Schluss offenbar doch ein wenig mit dem neuen Mitbewohner anzufreunden). So liegt hier wirklich ein Beispiel für ein Bilderbuch vor, das nur in den Kombination aus Wort und Bild seinen ganzen Charme entfaltet.
Ein kindgerechter kurzer Sachtext über die Inspirationsquelle und eine Abbildung eines der Originalteppiche runden den vergnüglichen Ausflug in ein märchenhaftes Mittelalter ab.

Jean-Baptiste Baronian, Laurence Henno: La Dame et la licorne. Paris, Éditions de la Réunion des musées nationaux, 2001, 28 Seiten.
ISBN: 9782711842988


Genre: Kinderbuch, Kunst und Kultur, Märchen und Mythen

Bilderwelten der Bronzezeit

Felskunst assoziiert man oft vor allem mit der Steinzeit. An vielen Stellen in Skandinavien und in weit geringerem Maße auch in Norddeutschland sind jedoch in Felsen und Steine gemeißelte oder geritzte Bilder überliefert, die aus der Bronzezeit stammen. Der zeitliche Schwerpunkt ihrer Entstehung lag wohl in der jüngeren Bronzezeit (in den Jahrhunderten um 1000 v.Chr.), da stilistische Vergleiche mit Gravuren auf Bronzeobjekten dieser Epoche große Ähnlichkeiten zu den Felsdarstellungen erkennen lassen.
Diesen Bilderwelten der Bronzezeit spürt Torsten Capelle in seinem reizvollen, handlichen Bildband nach und bleibt in seiner Beschreibung der stark stilisierten Darstellungen wohltuend sachlich und nüchtern, statt sich auf übertriebene Spekulationen einzulassen. Da Schriftquellen fehlen, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit rekonstruieren, was die oft wohl nur lokal tätigen Künstler mit ihren Felsbildern ausdrücken wollten. Auffällig ist jedoch, dass diese meist abseits von Siedlungen lagen und nicht unbedingt einen repräsentativen Querschnitt des Alltagslebens wiedergeben.
Vor allem zeigt sich dies an der Auswahl der abgebildeten Menschen, die nicht die tatsächliche Zusammensetzung der damaligen (oder sonst irgendeiner) Gesellschaft widerspiegelt: Wo die stark abstrahierten Silhouetten überhaupt eine Geschlechtsbestimmung erlauben, scheint es sich bei den Gezeigten überwiegend um unbekleidete Männer zu handeln. Eindeutig als Frauen zu bestimmende Figuren treten seltener auf, Kinder praktisch nie. Dagegen scheint es sich in der Tierwelt teilweise genau umgekehrt zu verhalten: So sind z.B. zahlreiche Elchkühe in den Felsbildern belegt, dagegen aber kein einziger Elchbulle (oder doch zumindest keiner mit Schaufelgeweih).
Auch die festgehaltenen Situationen stammen aus nur wenigen Bereichen, die nicht den gesamten menschlichen Erfahrungsschatz umfassen. So finden sich neben Tier-, Wagen- und Schiffsbildern und imitierten Hand- und Fußabdrücken vor allem Szenen mit Kämpfen, Jagden und Tänzen, möglicherweise auch mit rituellen Handlungen (auch wenn Capelle sich hier in der Interpretation sehr zurücknimmt). Ein kultischer Hintergrund irgendeiner Art ist zumindest bei den Bildern anzunehmen, die gar nicht (dauerhaft) für die Augen lebender Betrachter bestimmt waren, sondern sich auf der Innenseite von Steinkistengräbern finden. Gerade bei diesem Phänomen hätte man sich Vergleiche mit ähnlichen Bräuchen etwa in mediterranen Kulturen gewünscht und muss bedauern, dass hier die skandinavische Bronzezeit relativ isoliert betrachtet wird.
Doch der informative und lesenswerte Text ist zugegebenermaßen gar nicht der Teil des Buchs, der am meisten Freude macht. Viel mehr Spaß bereitet es einem, in der Fülle von Fotos und Umzeichnungen der Funde selbst auf Entdeckungstour zu gehen, nach wiederkehrenden Motiven zu suchen und eigene Überlegungen anzustellen. Jedem, der sich auch nur ein bisschen für prähistorische Kunst interessiert, sei daher dieser Band als guter Einstieg in ein spannendes Thema ans Herz gelegt.

Torsten Capelle: Bilderwelten der Bronzezeit. Felsbilder in Norddeutschland und Skandinavien. Mainz, Philipp von Zabern, 2008, 128 Seiten.
ISBN: 9783805338332


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Helenas Töchter

Unter Althistorikern gilt Mode- und Kostümgeschichte oft allenfalls als Nischenthema. Wie grundfalsch es jedoch ist, Kleidung, Accessoires und ihren raschen oder langsamen Wandel als bloße Oberflächlichkeit abzutun, zeigen Klaus Junker und Sina Tauchert in ihrem schönen, reich illustrierten Band Helenas Töchter. Frauen und Mode im frühen Griechenland.
Herstellung und Pflege von Textilien waren im alten Griechenland mit seiner ausgeprägten Geschlechterrollenverteilung ein zentrales Aufgabenfeld der Frauen. Doch Kleidung machte nicht nur Arbeit, sondern war auch ein unverzichtbares Element weiblicher Selbstdarstellung in einer Welt, die Frauen ansonsten abgesehen von bestimmten religiösen Funktionen nur wenige Möglichkeiten einräumte, sich öffentlich zu präsentieren und auszudrücken.
Weil Kleider in aller Regel die Jahrtausende gar nicht oder allenfalls fragmentarisch überdauern, ist zur Rekonstruktion der Mode der hier behandelten archaischen bis frühklassischen Zeit ein Rückgriff auf Text- und vor allem Bildquellen notwendig. Neben Vasenbildern, die gerade im früheren Teil der Epoche oft stark stilisiert und deshalb nur bedingt aussagekräftig sind, spielen Reliefs und Statuen eine große Rolle. Da Reste ihrer ursprünglichen Bemalung mit modernen Methoden wieder sichtbar gemacht werden können, geben sie nicht nur Aufschluss über die Art der Gewänder, sondern auch über Farbgebung, Muster und Ornamente.
Deutlich wird vor allem ein beharrlicher Grundzug, der im Vergleich zur heutigen Kleidung, aber auch zu der zeitgleicher Kulturen (etwa im alten Orient) überrascht: In der altgriechischen Mode wurde so wenig wie möglich genäht und kaum etwas zugeschnitten. Der wichtigste Herstellungsschritt war das Weben, bei dem gern schon Verzierungen eingefügt wurden; die Stoffbahnen drapierte man dann mithilfe von Gürteln und Gewandnadeln am Körper. Die so entstandenen Kleidergrundformen Chiton und Peplos existierten jahrhundertelang, wurden aber in Stoffqualität und Trageweise und mit allerlei Accessoires erstaunlich vielfältig variiert.
Einfluss auf die Mode hatten dabei nicht nur individuelle Vorlieben, obwohl auch sie immer wieder aufscheinen. Vielmehr waren auch kultureller Austausch und politische Situation von nicht zu unterschätzender Bedeutung. So zeigen Junker und Tauchert etwa am Beispiel der durch Fernhandel reich gewordenen Inselpolis Samos, wie ägyptische und kleinasiatische Vorbilder in der griechischen Damenmode abgewandelt wurden. Die Entwicklung in Athen dagegen zeigt die Abhängigkeit dessen, was als angemessene Kleidung galt, von der jeweiligen Herrschaftsform: Während man unter der Tyrannis der Peisistratiden versuchte, sich gegenseitig durch prunkvolle Gewänder, reichen Schmuck und üppige Frisuren zu übertrumpfen, wandelte sich die Mode mit dem Erstarken der Demokratie und des Gleichheitsgedankens grundlegend. Nun waren schlichtere Kleider aus oft ungemusterten Stoffen und unkompliziert hochgebundene Haare gefragt. Mit den Perserkriegen schließlich erreichten modische Anregungen aus dem Orient auch das griechische Festland: Plötzlich sind auch hier tunikaähnliche Kleidungsstücke mit langen Ärmeln nachweisbar.
Zur Ergänzung des spannenden Bilds, das sich aus den vielen akribischen Einzelbeobachtungen ergibt, hätte man sich nur zweierlei noch gewünscht: ein genaueres Eingehen auf die nur ganz am Rande erwähnte Fußbekleidung (oder ihr gelegentliches Fehlen) und einen Ausblick in die spätere Klassik und die hellenistische Zeit (für die allerdings die Quellenbasis dürftiger ist, wie die Autoren selbst erläutern). Ein wenig entschädigt für das Fehlen der weiteren antiken Entwicklung allerdings ein Exkurs, der auf die moderne Rezeption altgriechischer Kleidung eingeht, deren charakteristische Elemente Anfang des 20. Jahrhunderts der spanische Designer Fortuny mit dem Delphos-Kleid aufgriff.
Der schönste Schluss, den man aus der vergnüglichen und bereichernden Lektüre ziehen kann, ist also vielleicht der, dass sich die Beschäftigung mit der Antike nicht nur aus historischem Interesse lohnt, sondern auch reichlich ästhetische Inspiration zu bieten hat.

Klaus Junker, Sina Tauchert: Helenas Töchter. Frauen und Mode im frühen Griechenland. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2015, 136 Seiten.
ISBN: 9783805348584


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Bach. Musik für die Himmelsburg

Die Zahl 14 spielte eine große Rolle für Johann Sebastian Bach (1685-1750), betrachtete er sie doch als Quersumme aus seinem Nachnamen (B=2, A=1 etc.). Die Spielereien, die der Komponist damit in seinen Stücken betrieb, greift John Eliot Gardiner subtil auf, indem er Bach. Musik für die Himmelsburg in 14 Kapitel unterteilt. Diese Mischung aus wacher Beobachtungsgabe und tiefem Verständnis prägt den Ton der gesamten anspruchsvollen Biographie, der es bei aller Detailverliebtheit nie an Humor und Menschlichkeit fehlt.
Die durchweg überzeugende Qualität des Buchs ist sicher auch der Tatsache zu verdanken, dass Gardiner nicht nur einer der profiliertesten Bach-Interpreten ist, sondern vor seiner endgültigen Hinwendung zu einer Musikkarriere auch mehrere Semester Geschichte studiert hat. Neben der musikwissenschaftlichen Perspektive, die sich in liebevollen Werkanalysen insbesondere der Johannes- und Matthäuspassion und der h-Moll-Messe niederschlägt, ist immer auch die Sicht des Historikers präsent, der seinen Protagonisten gekonnt in den kulturgeschichtlichen Kontext einzuordnen weiß.
In eine weitverzweigte Musikerfamilie hineingeboren, aber früh verwaist, erhielt Bach zunächst von seinem älteren Bruder Johann Christoph und danach als Chorschüler in Lüneburg eine gründliche musikalische Ausbildung. Nach wechselnden Organistenstellen und einer Zeit des Wirkens in Adelsdiensten in Weimar und Köthen hatte er von 1723 bis zu seinem Tode den Posten des Thomaskantors in Leipzig inne, das Amt, mit dem er heute wohl am stärksten assoziiert wird.
Während trotz beträchtlicher Verluste umfangreiche Teile seines kompositorischen Schaffens überliefert sind, ist der Mensch Bach, der bei privater Korrespondenz eher schreibfaul war, weit schwieriger zu fassen, wie Gardiner gerade im Vergleich mit anderen ungefähr gleichaltrigen Musikern (z.B. Georg Friedrich Händel, Georg Philipp Telemann, Jean-Philippe Rameau oder Domenico Scarlatti) zu belegen weiß. Die Persönlichkeit, die sich beim genauen Hinsehen aus den Quellen herausschält, ist nicht ohne Widersprüche: Einem bisweilen jähzornigen und arroganten Mann, der gerade in jungen Jahren mehrfach in Tätlichkeiten verwickelt war, später mit Arbeitgebern und Kollegen im Dauerstreit lag und wohl auch nicht davor zurückschreckte, die Haushaltsbücher zu fälschen, um die eigene Frau über kostspielige Buchkäufe zu täuschen, steht ein tiefreligiöser und berückend sensibler Künstler gegenüber, der äußerst einfühlsam Worte, Gefühle und Musik zu verbinden verstand.
Obwohl auch weltliche Stücke zur Sprache kommen, deren Aufführung oft genug nicht etwa an Fürstenhöfen, sondern in Leipziger Kaffeehäusern stattfand, gilt Gardiners Hauptaugenmerk Bachs geistlichen Werken, insbesondere auch seinen Kantaten. Interesse an der Musik selbst und an den mit ihr verbundenen Glaubensinhalten sollte man bei der Lektüre durchaus mitbringen, denn beide Aspekten werden gerade in den späteren Kapiteln bis in alle Einzelheiten beleuchtet (wobei im Zweifelsfalle ein Glossar beim Verständnis musikalischer Fachbegriffe hilft). Die Himmelsburg des Untertitels bezieht sich nicht ausschließlich auf eine von Bachs Wirkungsstätten (eine heute zerstörte Weimarer Schlosskirche gleichen Namens); zentraler ist die  übertragene Bedeutung.
Dabei gibt es manch Unerwartetes und Erstaunliches zu erfahren, so etwa, dass Bach aufgrund bestimmter theologischer Aussagen, die in seinen Stücken mitschwangen, in Konflikt mit der eher konservativen Leipziger Geistlichkeit geriet, der sein Blickwinkel zu originell und radikal war. Deutlich wird aber zugleich, dass dennoch gerade Leipzig Bach Freiräume und Entfaltungsmöglichkeiten bot, die er anderswo vermutlich nicht gehabt hätte, so dass sein Werk nicht losgelöst von seiner beruflichen Laufbahn betrachtet werden kann.
Dass sich dies alles wunderbar flüssig und anregend liest, ist in der deutschen Fassung auch der Übersetzung von Richard Barth zu verdanken, die einen über weite Strecken vergessen lässt, dass man es mit einem im Original auf Englisch verfassten Buch zu tun hat.
Abgerundet wird der Band durch eine Fülle von Abbildungen, die nicht immer nur rein illustrierende Funktion haben, sondern teilweise selbst zum Objekt spannender Interpretationen werden. Eines der wiedergegebenen Kunstwerke – ein Aquarell der Thomaskantorei von Felix Mendelssohn Bartholdy – bringt den Autor zu dem Urteil, Mendelssohn sei „auf jedem Gebiet (…), dem er sich zuwandte“, begabt gewesen. Das möchte man nach der Lektüre auch Gardiner selbst bescheinigen, denn eine so brillante Annäherung an Bach, wie er sie hier vorlegt, ist vielleicht noch niemandem sonst gelungen.

John Eliot Gardiner: Bach. Musik für die Himmelsburg. München, Hanser, 2016, 735 Seiten.
ISBN: 9783446246195

 


Genre: Biographie, Kunst und Kultur

Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos

Eine Annäherung an einen Mythos verspricht Petra van Cronenburg im Untertitel ihres Buchs über den berühmten Balletttänzer Vaslav Nijinsky (1889-1950), und in der Tat ist das, was sie vorlegt, keine klassische Biographie. Wer mit streng chronologisch organisierter Wissenschaftsprosa rechnet, die den Werdegang ihres Protagonisten von der Wiege bis zur Bahre nachzeichnet, erlebt hier eine Überraschung. Denn was mit Nijinskys skandalumwitterter erster Choreographie L’Après-midi d’un faune (1912) einsetzt, macht das Schreiben über die Kunst selbst zum Kunstwerk.
In drei „Hefte“ aufgeteilt und mit Zitaten von Zeitgenossen durchflochten bietet der auch typographisch liebevoll gestaltete Band zunächst ein Lebensbild Nijinskys, um dann in ausführlichen Interviews mit dem Ballettdirektor Ralf Rossa und dem Kunsthistoriker Michael Braunsteiner Nijinsky als Tänzer und als bildenden Künstler in den Blick zu nehmen (Abbildungen von Nijinskys eigenem zeichnerischen Schaffen sind übrigens das Einzige, was man in dem mit einer Fülle von Fotos des Tänzers und der Privatperson illustrierten Buch ein wenig vermisst).
Kaleidoskopartig entwickelt sich aus vielen Einzelbeobachtungen und unterschiedlichen Perspektiven das sensible Porträt eines Menschen, der zwar als Ausnahmekünstler das Ballett revolutionierte, aber seinen eigentlichen Wunsch nie erfüllt sah, nicht primär intellektuell verstanden, sondern emotional angenommen zu werden. Umso passender und berührender sind die intensiven Schilderungen im biographischen Teil, die über weite Strecken zum Mitempfinden anregen.
Mitempfinden heißt in diesem Fall auch und vor allem Mitleiden, denn ein glückliches Leben führte Nijinsky nicht, und das nicht nur, weil er den Starrummel um seine Person schlecht verkraftete und es sich und seinem Umfeld als Perfektionist mit ambitionierter künstlerischer Vision oft alles andere als leicht machte. Schon als junger Ballettschüler in Russland aufgrund seiner außergewöhnlichen Begabung Neid und Anfeindungen ausgesetzt, geriet er in seinem Privatleben immer wieder in zwiespältige Liebesbeziehungen. So förderte zwar der wesentlich ältere Sergej Diaghilew als Impresario der Ballets Russes die Karriere seines jungen Geliebten, dominierte ihn aber auch und nutzte ihn aus. Auch Nijinskys überstürzt geschlossene Ehe mit seiner zudringlichen Verehrerin Romola de Pulszky, die wohl eher ihr Idealbild von ihm als den realen Menschen liebte, war auf die Dauer kein Glücksgriff, sondern begünstigte seine als Schizophrenie fehldiagnostizierten Depressionen. Durch eine Gefangenschaft im Ersten Weltkrieg noch zusätzlich gebeutelt, glitt er ab 1919 immer tiefer in seine psychische Erkrankung ab und war jahrzehntelang fragwürdigen Therapien ausgesetzt, die ihn auch körperlich zugrunde richteten.
Während seiner kurzen aktiven Zeit jedoch faszinierte er sein Publikum als Tänzer nicht nur durch seine überragende Körperbeherrschung und seine androgyne erotische Ausstrahlung, sondern ging auch das Risiko ein, das Ballett mit provokanten Darbietungen aus dem Bereich der gefälligen Unterhaltung zu lösen und als eigenständige Kunstform in die Moderne zu führen.
Petra van Cronenburgs großes Verdienst ist es in diesem Zusammenhang, Nijinsky nicht etwa isoliert zu betrachten, sondern ihn in den Kontext der grenzübergreifenden europäischen Kulturszene einzufügen, der der Erste Weltkrieg schon einen entscheidenden Schlag versetzte und die mit dem Zweiten Weltkrieg endgültig unterging (wie von Volker Weidermann in Ostende eingefangen). Anhand herausragender Einzelwerke wie Thomas Manns Tod in Venedig und ganzer Strömungen wie der erwachenden Begeisterung für vor- und frühgeschichtliche Kunst wird der geistige Kosmos, in dem Nijinsky sich bewegte, feinfühlig umrissen. Gelegentlich geht der Blick sogar über den Atlantik, denn selbst Charlie Chaplin blieb von Nijinsky nicht unbeeinflusst.
So ist die Lektüre nicht nur für Ballettinteressierte eine große Bereicherung, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf eine Epoche, der die brutalen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts den Todesstoß versetzten, die aber immer noch immensen Einfluss auf unser heutiges Kunst- und Kulturverständnis hat. Nijinskys Tragik verweist damit über sein individuelles Schicksal hinaus auf größere Zusammenhänge, deren Kenntnis gerade angesichts unserer unruhigen Gegenwart lehrreicher und wichtiger denn je ist.

Petra van Cronenburg: Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos. Münster, Edition Octopus (Monsenstein und Vannerdat), 2011, 128 Seiten.
ISBN: 9783869913629


Genre: Biographie, Kunst und Kultur

The Amazons. Lives and Legends of Warrior Women across the Ancient World

Die Amazonen – ein kriegerisches Frauenvolk mit teilweise recht rauen Sitten – sind ein unverzichtbarer Bestandteil der antiken Mythologie. Dass die zahlreichen Geschichten um sie einen wie auch immer gearteten wahren Kern haben könnten, wird jedoch in der Forschung oft bestritten. Dieser Position stellt Adrienne Mayor in The Amazons die differenzierte und durchaus überzeugende These entgegen, dass der eigentliche Ursprung der griechischen Amazonenvorstellung zwar nicht mehr fassbar ist, ihre spätere Ausgestaltung aber in hohem Maße von realen Phänomenen beeinflusst war.
Auch Mayor nimmt die allgemein bekannten Sagen zum Ausgangspunkt, zeigt aber auf, dass die tragischen Schicksale von Penthesilea, Hippolyte oder Antiope nur einen Bruchteil der antiken Überlieferung über die Amazonen darstellen und noch nicht einmal unbedingt repräsentativ sind.
Während in den meisten heute noch berühmten Amazonenmythen nämlich stereotyp die Kriegerin von einem männlichen Helden (wie etwa Achill oder Herakles) besiegt wird, sieht es in der Kunst, in historiographischen Texten, in Stadtgründungssagen oder im lokalen Kult um Amazonengräber oft anders aus. Hier treten Amazonen in vielfältigen, durchaus auch positiv konnotierten Rollen auf und bleiben nicht das faszinierende, am Ende aber doch überwundene Gegenbild zur erwünschten Gesellschaftsordnung.
Bemerkenswert ist daran, dass ab dem 6. Jh. v. Chr. insbesondere in der Vasenmalerei, aber auch in manchen Sagen Details etwa der Bekleidung und Bewaffnung aufscheinen, die Amazonen in den skythischen Kulturraum verweisen.
Mayor vergleicht diese Darstellungen daher mit den reichhaltigen archäologischen Funden aus den Bestattungen eurasischer Steppennomaden, insbesondere der Skythen und Sarmaten, mit denen die Griechen am Schwarzen Meer direkt in Berührung kamen. Zwar gab es unter den Nomaden kein reines Frauenvolk wie die mythischen Amazonen, aber im Vergleich zu den rigiden altgriechischen Geschlechterrollen waren Aufgabenverteilung und Beziehungen zwischen Mann und Frau hier flexibler und einem gewissen Maß an Gleichberechtigung näher. So deuten Grabbeigaben und die Abnutzungsspuren an den Überresten Verstorbener darauf hin, dass es weitreichende Überschneidungen zwischen traditionell als „männlich“ und „weiblich“ eingestuften Tätigkeitsfeldern gab: Frauen konnten an Kämpfen und Jagden ebenso beteiligt sein wie umgekehrt Männer an Textilherstellung und Kinderbetreuung.
Den mit dieser  für sie fremden Welt konfrontierten Griechen – so Mayors ansprechende zentrale Vermutung – mögen die unabhängigen und kämpferischen Frauen wie sagenhafte Amazonen erschienen sein, so dass diese in der Folgezeit mit diversen Charakteristika der echten Nomadinnen ausgestattet wurden. Bestechend ist in dem Zusammenhang vor allem die Beobachtung, dass bisher von der Wissenschaft als Nonsens-Inschriften abgetane Buchstabenfolgen auf Amazonenvasen durchaus einen Sinn ergeben – allerdings nicht auf Griechisch, sondern als Eigennamen oder kurze Äußerungen aus Sprachen des eurasischen Steppenraums.
Überall in diesem Gebiet und an seiner Peripherie berichten sowohl Mythen als auch glaubhafte Quellen die gesamte Antike hindurch immer wieder von Kämpferinnen. Mayor trägt hier eine Fülle von Details zusammen, und so lernt man die Nartensagen des Kaukasus ebenso kennen wie angebliche „Amazonen“, denen Alexander der Große und Pompeius begegneten, oder heute eher unbekannte Einzelpersönlichkeiten wie Hypsikratea, die letzte Ehefrau des Mithridates VI. von Pontus, die ihren Mann unter anderem als Reiterkriegerin unterstützte.
Eine reiche Bebilderung mit Kartenmaterial sowie Fotos von Kunstwerken und archäologischen Funden (teilweise in Farbe) rundet den schönen Band ab.
Was dem Buch fehlt, ist ein Schlusswort oder Fazit. Der Text endet recht unvermittelt nach der Schilderung von Heldinnen der chinesischen Geschichte und Mythologie, und man wünscht sich, Mayor hätte hier noch einmal Folgerungen aus der Darstellung gezogen oder zumindest ihre bisherigen Ergebnisse zusammengefasst. Durch diesen Verzicht behalten die Amazons ein wenig den Charakter einer mit viel Verve und Akribie zusammengetragenen Materialsammlung, deren Verdienst es ist, das in Archäologie und Geschichte oft allenfalls als Kuriosum am Rande behandelte Thema kriegerischer Frauen in der Antike in den Mittelpunkt zu rücken und in seiner kulturellen Bedeutung fassbar zu machen.

Adrienne Mayor: The Amazons. Lives and Legends of Warrior Women Across the Ancient World. Princeton und Oxford, Princeton University Press, 2016 (vorliegende Ausgabe; Original: 2014), 519 Seiten.
ISBN: 9780691147208


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur