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Das Münchner Buch der ägyptischen Kunst

Das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst in München verfügt über eine umfangreiche und qualitätvolle Sammlung von Kunstwerken aller Epochen der altägyptischen Geschichte von den Anfängen bis zur Spätantike. Anlässlich des Umzugs des Museums in einen Neubau 2013 wurde Das Münchner Buch der ägyptischen Kunst veröffentlicht, das nicht nur die schönsten Stücke vorstellt, sondern auch eine kleine Kunstgeschichte des Alten Ägypten bildet, die mit dem Vorurteil einer über Jahrtausende statischen Tradition aufräumt und ferne Zeiten für ein allgemeines Publikum frisch und lebendig heraufbeschwört.

Ausgangspunkt ist ein Kapitel zu den Grundlagen der ägyptischen Kunst, in dem neben ihrem speziellen Raumverständnis auch die wichtigsten Relief- und Statuenformen knapp vorgestellt werden, da die meisten erhaltenen Kunstwerke zu diesen beiden Bereichen gehören. Chronologisch geordnet folgen dann vierzehn Abschnitte, in denen jeweils eine Epoche der ägyptischen Kunstgeschichte behandelt wird. Die Überschrift bildet dabei jedes Mal ein eingängiges Adjektiv, das ein Charakteristikum des gerade betrachteten Zeitabschnitts besonders hervorhebt: Von Neugierig gelangt man so über Klassisch, Staatstragend und Historistisch irgendwann zu Neugeboren.

Da Kunst und Ereignisgeschichte nicht isoliert voneinander zu betrachten sind, erfährt man ganz nebenbei auch das Wichtigste über Aufstieg und Fall des Pharaonenreichs und über bedeutende historische Persönlichkeiten. Ägypten wird dabei nicht als isoliertes Staatsgebilde gezeichnet, sondern erscheint vielmehr als Schnittstelle zwischen den Kulturen: Einflüsse aus dem Sudan, Vorderasien und Mesopotamien sowie später Griechenland und Rom wurden aufgenommen, aber umgekehrt wirkte auch die ägyptische Kunst immer wieder auf die der benachbarten geographischen Räume. Welche stilistischen Veränderungen nicht nur dadurch entstanden und wie oft auch renaissancehaft auf die künstlerischen Ausdrucksformen vermeintlich besserer vergangener Zeiten zurückgegriffen wurde, wird in Wort und Bild sehr anschaulich verdeutlicht. Faszinierend ist daran auch, dass in frühchristlicher Zeit eine Entkoppelung von Ikonographie und bisherigen Inhalten stattfand: Das einst den alten Göttern vorbehaltene Anch als Zeichen des Lebens konnte nun die christliche Auferstehung symbolisieren, und die Formensprache von Isisstatuen floss in Madonnenbilder ein.

Obwohl es über die Jahrhunderte hinweg eine nur selten vernachlässigte Besonderheit ägyptischer Kunst blieb, auf die Darstellung heftiger Gefühle und intensiver Übergangssituationen (wie Geburt oder Sterben) größtenteils zu verzichten, verraten die besprochenen Werke nicht nur etwas über die Summe der Gesellschaft, der sie entstammen, sondern machen immer wieder selbst abseits des Königshauses auch Einzelschicksale fassbar. So schildert etwa eine Inschrift auf der Würfelstatue, die der Hohepriester Bekenchons als Achtzigjähriger für sich umarbeiten ließ, seine Karriere vom Tempelstallburschen bis hin zum höchsten geistlichen Würdenträger.

Hervorzuheben ist die exzellente Qualität der Abbildungen. Einzelne Kunstwerke sind sogar aus mehreren Perspektiven fotografiert, um auch die Rückseite zeigen zu können oder Details noch einmal besonders herauszustellen. Obwohl ein Blick ins Buch einen Museumsbesuch und das direkte Betrachten eines Originals natürlich nicht ersetzen kann, ist hier also das Bemühen erkennbar, die Nachteile einer zweidimensionalen Wiedergabe nach besten Kräften auszugleichen. Nicht zuletzt deshalb ist die hier gebotene Einführung in die ägyptische Kunst optisch wie inhaltlich voll und ganz gelungen.

Sylvia Schoske, Dietrich Wildung: Das Münchner Buch der ägyptischen Kunst. München, C. H. Beck, 2013, 204 Seiten.
ISBN: 978-3-406-64528-0


Genre: Kunst und Kultur

Reise zum Ursprung der Welt

Heliopolis, am Südostrand des Nildeltas gelegen, war jahrtausendelang ein bedeutendes Heiligtum. Anders als bei den bekannten oberägyptischen Tempeln ist von aller Pracht und Herrlichkeit jedoch bis auf einen einzigen noch aufrecht stehenden Obelisken wenig offen Sichtbares erhalten geblieben. Heute liegt Heliopolis in der Millionenmetropole Kairo und ist nicht nur von modernen Baumaßnahmen, sondern auch von einem steigenden Grundwasserspiegel bedroht. Das klingt zunächst einmal eher unspektakulär, doch mit dem Urteil läge man falsch, wie Dietrich Raue in Reise zum Ursprung der Welt beweist. Mit der Darstellung der Geschichte von Heliopolis und der neueren Ausgrabungen dort, die vor allem durch die Auffindung einer Kolossalstatue Psammetichs I. 2017 mediale Aufmerksamkeit fanden, ist ihm ein beeindruckendes Buch gelungen, das den Reiz der Ägyptologie über Fachgrenzen hinaus nachempfindbar macht.

Heliopolis (altägyptisch: Junu) galt den alten Ägyptern nicht nur als Ort der Schöpfung oder vielmehr Emanation der Welt durch den Gott Atum, sondern war auch eng mit dem Mythos um Isis, Osiris, Seth und Horus verbunden, einer Geschichte also, die unter anderem von der Durchsetzung rechtmäßiger Erbansprüche gegen eine gewaltsame Usurpation handelt. Dadurch gewann Heliopolis eine zentrale Bedeutung für die Herrschaftslegitimation. Nur ein König, der sich hier überzeugend als Garant der rechten Weltordnung inszenieren konnte, hatte Aussichten, dauerhaft an der Macht zu bleiben. Das ganz irdische Heliopolis war darum von Anfang an auch mit dem Heliopolis der religiösen, politischen und nicht zuletzt auch literarischen Vorstellungswelt verknüpft.

Es ist diese Koppelung der Imagination an einen realen Ort, die Raue im ersten Teil des Buchs – Auf der Suche nach dem Ursprung der Welt – eindringlich heraufbeschwört. Dicht an den Quellen arbeitend, macht er das aus heutiger Sicht oft fremdartig anmutende Weltbild des alten Ägypten mit seiner Fülle von Gottheiten (die auch durchaus schon einmal in Hundertfüßergestalt auftreten konnten) fass- und nachvollziehbar.

Der zweite, unter Mitarbeit von Aiman Ashmawy verfasste Teil – Kleine Geschichte eines großen Tempels – schildert chronologisch die Entwicklung des Tempels von Heliopolis, die schon im 4. Jahrtausend v. Chr. mit der Entstehung einer Siedlung an einem topographisch markanten Punkt begann, an dem es ab dem 3. Jahrtausend ein Heiligtum mit enger Anbindung an das Königshaus gab. Jahrhundertelang verewigten sich hier Pharaonen durch Stiftungen, Statuen und Inschriften oder ließen bauliche Erneuerungen größeren und kleineren Umfangs vornehmen. Wichtig war dabei oft auch der Rückgriff auf ältere Kunststile oder Sprachstufen, um die eigene Verbundenheit zur Tradition zu betonen und das jeweilige Jetzt als eine Art Renaissance einer vermeintlich guten alten Zeit zu präsentieren.

Erst im Hellenismus setzte – vermutlich nach Zerstörungen durch die Perser – der Niedergang von Heliopolis ein. Von der römischen Antike an wurden Kunstwerke wie z.B. Obelisken an andere Orte verschleppt, und die Tempelgebäude dienten als Steinbruch. Noch im islamischen Mittelalter wurden Steine aus Heliopolis in Kairo verbaut, doch zugleich gab es in dieser Zeit erste Stimmen, die sich gegen eine Zerstörung der altägyptischen Bauwerke wandten und ihren Wert als Zeugnisse vergangener Epochen betonten. Das andere, literarische Heliopolis bestand jedoch bis in die Neuzeit fort und wurde immer wieder aktuellen religiösen und ideellen Gegebenheiten angepasst. Beispielsweise existieren örtliche Überlieferungen, die Heliopolis mit dem aus dem Alten Testament bekannten Joseph in Verbindung bringen und ihn gar auf erhaltenen Reliefs dargestellt sehen wollen.

Gerade der schlechte Erhaltungszustand der Stätte, die nur über ein kleines Freilichtmuseum verfügt und nicht zu den großen Touristenattraktionen Ägyptens zählt, bringt sie aber immer wieder mit der umliegenden modernen Großstadt und ihrem Bedarf an Bauland (oder auch an Platz für Müllkippen) in Konflikt, so dass sich die heutigen Ausgrabungen, zu deren Leitern Dietrich Raue zählt, oft schwierig gestalten. Auch die unsicheren politischen Verhältnisse machen den Archäologen ihre Tätigkeit nicht einfacher. Dennoch berichtet Raue mit viel Begeisterung von seinen Forschungsergebnissen und -erlebnissen, oft auch mit merklichem Sinn für Situationskomik (wenn etwa bei der Arbeit mit ausgebüxten Kühen oder Schafbockattacken gerechnet werden muss).

Dank der üppigen Bebilderung und insgesamt gelungenen Gestaltung des Buchs stimmt auch der äußere Rahmen für diesen Ausflug in ferne und jüngere Zeiten, der neben der titelgebenden Reise zum Ursprung der Welt auch eine schrittweise Rückreise ins Heute umfasst und ein großes Lektürevergnügen nicht nur für Archäologiebegeisterte bietet.

Dietrich Raue: Reise zum Ursprung der Welt. Die Ausgrabungen im Tempel von Heliopolis. Unter Mitarbeit von Aiman Ashmawy. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2020, 384 Seiten.
ISBN: 978-3-8053-5252-9


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

The First Fossil Hunters

Fossilien und die griechisch-römische Antike sind zwei Themenkomplexe, die eher selten in einem Atemzug genannt werden. Adrienne Mayor beweist in The First Fossil Hunters jedoch, dass es sich lohnt, der Frage nachzugehen, wie die Menschen des Altertums mit Fossilienfunden umgegangen sind, denn die Spurensuche fördert Interessantes und Überraschendes zutage.

Eine Hürde muss man bis dahin allerdings erst einmal nehmen: In ihrer Einleitung klopft Mayor sich etwas zu ungeniert dafür auf die Schulter, die Wissenschaft diesbezüglich ein gutes Stück vorangebracht zu haben. Hat man diese Selbstbeweihräucherung überstanden, beginnt jedoch eine recht spannende Mischung aus Forschung und persönlicher Entdeckungsreise.

Zum Ausgangspunkt nimmt Mayor den Greifen, ein Mischwesen aus Adler und Raubkatze, das für sie unter den Fabeltieren der Antike eine Sonderstellung einnimmt: Anders als bei Sphinx, Pegasus und anderen vergleichbaren Kreaturen gibt es keine Sagen um einen konkreten Greifen, sondern nur literarische Überlieferungen über angeblich goldhütende Greifen allgemein im asiatischen Raum. Mayor bringt diese Schilderungen mit in derselben geographischen Region offen zutage tretenden Funden von Dinosaurierfossilien der Gattung Protoceratops in Verbindung. Diese Knochen – so ihre spekulative, aber durchaus bestechende These – könnten die im Altaigebiet siedelnden Nomaden zu Geschichten über vierfüßige, aber mit einem Schnabel versehene Tiere, mithin also Greifen, inspiriert haben, eine Fossiliendeutung, die sich dann verselbständigt und bis zu anderen Völkern verbreitet habe.

Während für diese Theorie, deren entscheidender Zwischenschritt von der heute nicht mehr zu belegenden mündlichen Überlieferung einer schriftlosen Kultur abhängt, letztgültige Beweisen fehlen, kann Mayor im Folgenden Texte und paläontologische Funde direkter zusammenbringen, wenn sie untersucht, inwieweit Schriftquellen, die von der Entdeckung ungewöhnlicher Gebeine berichten, tatsächlich von Orten berichten, an denen bis heute immer wieder Überreste von Mammuts, prähistorischen Giraffen oder anderen urzeitlichen Tieren zum Vorschein kommen. Tatsächlich scheint hier die Überschneidung sehr groß zu sein, so dass man davon ausgehen kann, dass Griechen und Römer auf Fossilien stießen und sie im Rahmen ihres Weltbilds zu interpretieren versuchten.

Einige der für übergroße Knochen gefundenen Erklärungen muten nach heutigem Kenntnisstand naiv an (so glaubte man mehrfach, auf die Überreste von Riesen oder hünenhaften Helden der Vorzeit gestoßen zu sein). In anderen Fällen dagegen war man auch in der Antike schon mit Funddeutungen bemerkenswert nahe an der Wahrheit. So verband sich z.B. mit einer Fundstätte von Fossilien prähistorischer Elefantenarten in Griechenland die Sage, der Gott Dionysos habe Elefanten aus Indien dorthin geführt, um sie in den Kampf gegen die Amazonen zu schicken. Hier war man trotz aller mythischen Verbrämung schon sehr nahe daran, das korrekte Tier zu identifizieren.

In manchen Fällen ist sogar archäologisch erwiesen, dass in der Antike Fossilien entdeckt und als etwas Besonderes betrachtet wurden. So wurden etwa auf der griechischen Insel Samos und in Ägypten Fossilien gezielt als Weihegaben in Tempeln deponiert. Einen interessanten indirekten Beleg bildet auch eine Vasenmalerei, die Herakles im Kampf mit einem Monster zeigt, dessen Kopf in der Art eines fossilen Schädels dargestellt ist.

Ein Ausblick auf das umgekehrte Spiel mit Sagen und Fabelwesen – nämlich die antiken wie modernen Versuche, teils mit Fälschungsabsicht, teils nur im Scherz „Beweise“ dafür wie etwa ein vermeintliches Zentaurenskelett zu fabrizieren – beschließt Mayors Blick auf den Umgang mit Fossilien im Altertum, führt aber zugleich schon inhaltlich ein gutes Stück weit davon weg. Insgesamt bieten die First Fossil Hunters aber dennoch anregende Lektüre, die einem Lust darauf macht, tiefer ins Thema einzusteigen.

Adrienne Mayor: The First Fossil Hunters. Dinosaurs, Mammoths, and Myth in Greek and Roman Times. With a new introduction by the author. Princeton und Oxford, Princeton University Press, 2011, 362 Seiten.
ISBN: 978-0-691-15013-0


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Leonardo da Vinci und die Frauen

Der Titel Leonardo da Vinci und die Frauen überrascht auf den ersten Blick, ist von dem bis heute berühmten Renaissancekünstler doch bekannt, dass er homosexuell war und lebenslang unverheiratet blieb. Doch Kia Vahland rückt in ihrer Künstlerbiographie nicht das Privatleben Leonardos in den Vordergrund, sondern vielmehr die Bedeutung, die Frauen für sein Werk und seine Weltsicht hatten.

Während andere Biographen in Leonardo oft primär den Naturforscher, den Erfinder oder aber auch den Zeichner betonen, sind für Vahland seine nur in geringer Zahl erhaltenen Gemälde sein zentrales Vermächtnis, und bei Leonardos gemalten Menschendarstellungen, insbesondere bei seinen Portraits, sind Frauen eindeutig in der Überzahl. Seine Mona Lisa wird als eines der bekanntesten Bilder der Welt an dieser Stelle wohl jedem einfallen, aber sie markiert im Grunde nur den Endpunkt einer langen Entwicklung, die Jahrzehnte zuvor mit Madonnen und ersten Portraits begann.

So sind es neben Leonardo selbst die von ihm gemalten Frauen, denen in diesem Buch Vahlands Hauptaugenmerk gilt: neben der in der Mona Lisa verewigten Kaufmannsgattin Lisa Gherardini die Dichterin Ginevra de’Benci, deren lyrisches Ich sich in einem erhaltenen Gedichtfragment als „Bergtiger“ bezeichnet, die vitale Cecilia Gallerani, die als Geliebte des Herrschers von Mailand, Ludovico Sforza, Karriere machte, und die Unbekannte, die heute unter der irreführenden Bezeichnung La Belle Ferronnière geführt wird und möglicherweise eine weitere Geliebte Ludovicos war.

Die großen und kleinen Geschichten um sie und um Leonardos übrige Gemälde sind eingebettet in ein mit Verve entworfenes Panorama der italienischen Renaissance mit all ihren Licht- und Schattenseiten, vom Florenz der Medici über Mailand und Venedig bis Rom. Vahland schreibt eingängig und frisch, gelegentlich aber zu umgangssprachlich für eine ernsthafte Biographie (Leonardo „macht sein eigenes Ding“, S. 263, Isabella d’Este, die Markgräfin von Mantua, ist sein „größter Fan“, S. 177, Tizian ist ein „Farbrevoluzzer“, S. 193). Darüber mag man den Kopf schütteln, doch man sollte die Lektüre dennoch nicht scheuen, da Vahland – durchaus in dem Bewusstsein, dass jede Leonardo-Deutung zeitbedingt und darum nicht endgültig ist – einige interessante Erweiterungen der gängigen Perspektive vornimmt.

Vahlands zentrale These ist, dass Leonardo den malerischen Blick auf Frauen dauerhaft veränderte, indem er sie als Individuen auf Augenhöhe ernstnahm – vielleicht auch und gerade, weil er in mancherlei Hinsicht zeitlebens ein Außenseiter blieb und darum gängige Zuschreibungen und Rollenbilder stärker zu hinterfragen vermochte als fester in den gesellschaftlichen Traditionen verwurzelte Malerkollegen. Neben dieser Auseinandersetzung mit einzelnen Frauen sieht Vahland in Leonardos Œuvre jedoch auch eine Tendenz, insbesondere die mütterliche, in seinen Madonnenbildern präsente Weiblichkeit mit der Natur und schöpferischen, da lebensspendenden Fähigkeiten zu assoziieren. An dieser Einschätzung müssen sich aus ihrer Sicht daher auch Neuzuschreibungen von Werken an Leonardo messen lassen. Insbesondere die Zuweisung des unter dem Titel La Bella Principessa bekannten, eher konventionell anmutenden Mädchenportraits an Leonardo zweifelt sie daher an.

Gründlicher hätte das Lektorat vorgehen können, da einige Flüchtigkeitsfehler übersehen worden sind. So ist z.B. der im Text beschriebene Bildausschnitt aus Benozzo Gozzolis für die Medici geschaffenen Darstellungen der heiligen drei Könige dieser hier, der Lorenzo de Medici als jugendlichen König auf einem Schimmel zeigt. Aber im Buch abgedruckt (Abb. 7, S. 71) und in der Bildlegende mit der beschriebenen Gestalt identifiziert wird rätselhafterweise der Jäger mit dem Geparden hinter sich im Sattel aus diesem Teil des Bilds.

Kia Vahland: Leonardo da Vinci. Eine Künstlerbiographie. Berlin, Insel Verlag, 2020 (Original: 2019), 348 Seiten.
ISBN: 978-3-458-68113-7

 

 


Genre: Biographie, Kunst und Kultur

Gebrannte Erde

Keramik zählt zu den häufigsten archäologischen Funden aus dem Altertum und ist in den Museen in reicher Fülle vertreten. Ihre Bedeutung beschränkt sich nicht auf den unbestreitbar hohen künstlerischen Wert mancher Stücke, sondern besteht auch darin, dass sie eine wichtige Hilfestellung zur Datierung von Fundkomplexen geben kann. Aus Laiensicht wirkt die Bandbreite von Gestaltungsformen und Funktionen der antiken Keramikobjekte jedoch schnell verwirrend. Hier will Wolfram Letzner mit seiner Einführung Gebrannte Erde. Antike Keramik – Herstellung, Formen und Verwendung Abhilfe schaffen. Der kompakte, reich bebilderte Band macht sowohl mit der griechischen als auch mit der römischen Keramik vertraut.

Nach einem einleitenden Abschnitt, der sich mit der im Dunkeln liegenden Begriffsherkunft des ursprünglich aus dem Griechischen stammenden Begriffs „Keramik“ und dem Material an sich befasst, unterrichtet ein epochenübergreifendes Kapitel über Abbau und Aufbereitung des Tons und über die Besonderheiten der Gefäßproduktion in der Antike, von der Töpfertechnik über den Brand bis hin zur Werkstattorganisation.

Das Kapitel zur griechischen Keramik präsentiert vor allem Gefäße, die bei Tisch, im Ritual oder zu kosmetischen Zwecken eingesetzt wurden. Natürlich spielt hier auch die Vasenmalerei eine wichtige Rolle, da an griechischen Gefäßen bis heute vor allem ihr Bildreichtum fasziniert. Im Kapitel zur römischen Keramik steht die auf den ersten Blick schlichter gestaltete Terra Sigillata, das bekannte rote Tafelgeschirr, im Mittelpunkt. Abermals epochenübergreifend abgehandelt wird in einem eigenen Kapitel die Schwerkeramik, beispielsweise Transportamphoren und fassähnliche Dolia, die zu Lagerzwecken dienten. Kurze Abschnitte widmen sich den tönernen Lampen der Antike, der Baukeramik, dem Problem von Fälschungen antiker Gefäße und der Nutzung von Keramik zur Datierung von Ausgrabungsstätten. Eine knappe Bibliographie und ein Glossar beschließen den Band.

Zusätzlich liefern im ganzen Buch immer wieder vom übrigen Text abgesetzte Kästen knappe Überblicksinformationen zu Spezialthemen, etwa zu den Kontexten, in denen Keramik genutzt wurde wie z.B. beim griechischen Symposion oder in der römischen Küche. Hilfreich sind die zahlreichen Illustrationen, die unter anderem ermöglichen, verschiedene Gefäßtypen unterscheiden zu lernen. Neben solchem Grundlagenwissen vermittelt Wolfram Letzner aber immer wieder auch verblüffende Einzelheiten am Rande, so etwa die, dass in der Zeit um Christi Geburt Schiffe um riesige tönerne Dolia herumgebaut und dann quasi als eine Art Tankschiffe genutzt wurden, oder dass große Amphoren gelegentlich als Baumaterial dienten, um die Statik zu verbessern. Solche Details lockern die ansonsten auf das Wesentliche beschränkte Einführung auf und animieren dazu, sich noch näher mit dem Thema zu befassen. Tiefergehende Analysen kann das Buch aufgrund seines begrenzten Umfangs natürlich nicht liefern. Für den ersten Einstieg bietet Gebrannte Erde jedoch genau das, was man braucht, um sich zurechtzufinden.

Wolfram Letzner: Gebrannte Erde. Antike Keramik – Herstellung, Formen und Verwendung. Mainz, Nünnerich-Asmus, 2015, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-943904-98-7

 


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Etruscan Art

Unter den Kulturen der Antike ist die der Etrusker vermutlich diejenige, die am stärksten ausschließlich oder doch vorwiegend mit ihrer Kunst assoziiert wird. Da die etruskische Literatur verloren ist, beschränken sich die Textquellen abgesehen von einigen Inschriften auf oft von Vorurteilen gefärbte Erwähnungen bei griechischen und römischen Autoren. Unmittelbarer scheint die Lebens- und Gedankenwelt der Etrusker in erhaltenen Statuen, verzierten Gebrauchsgegenständen und insbesondere in den prächtigen Grabmalereien greifbar zu werden. Eine der zugänglichsten und lesenswertesten Einführungen in die etruskische Kunst ist nach wie vor Nigel Spiveys Etruscan Art, eine an ein allgemeines Publikum gerichtete, reich bebilderte Darstellung, die auch durch einen übersichtlichen Anhang, der die zeitliche Gliederung der etruskischen Geschichte aufschlüsselt und eine kleine kommentierte Bibliographie bietet, den Einstieg in das Thema sehr erleichtert.

Gleich in der Einleitung bemüht Spivey sich, die Mär von den besonders geheimnisvollen oder rätselhaften Etruskern zu entkräften, indem er deutlich macht, dass der erwähnte Schriftquellenmangel einerseits und die besonders gute Erhaltung der in einen sepulkralen Kontext einzuordnenden Kunst andererseits das Bild verzerren und gerade in der älteren Forschung Spekulationen aller Art Tür und Tor geöffnet haben. Um ein Gegengewicht zu einer mystifizierenden Etruskerdeutung zu schaffen, versucht er, die Kunst in gesichertes Wissen über ihren historischen und sozialen Kontext einzubetten.

Ein erstes Kapitel skizziert die allmähliche Herausbildung des Etruskischen in der eisenzeitlichen Villanova-Kultur (ab etwa 1000 v. Chr.), die aus bronzezeitlichen Wurzeln hervorging. Diese einheimischen Vorgänger waren jedoch nicht das Einzige, was die etruskische Kunst ausmachen sollte. Im zweiten Kapitel, Etruria and the Orient, werden die lange dominierenden orientalischen (vielfach phönizischen) Einflüsse geschildert, die sich insbesondere auch in den oft unendlich feinen etruskischen Goldschmiedearbeiten aufspüren lassen. Das dritte Kapitel, Etruria Hellenized, hebt die Kontakte zu Griechenland hervor, die ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. nicht nur den Stil, sondern auch die Inhalte der etruskischen Kunst entscheidend mitbestimmten: Neben Gestalten aus der griechischen Sagenwelt, die offenbar auch die Etrusker sehr faszinierte, tauchen lokal umgeformte griechische Bräuche wie das festliche Trinkgelage (Symposion) immer wieder auf.

Ort des Kunstschaffens und des Kunstgenusses waren die Städte als Sitz der Eliten, die als Auftraggeber einheimischer wie umherreisender, wohl oft griechischer Künstler anzusprechen sind. Mit The Etruscan Cities as Centres of Art ist den etruskischen Städten daher auch folgerichtig das umfangreichste Kapitel des gesamten Buchs gewidmet. Besonders anhand der etruskischen Sarkophage spürt Spivey hier der Frage nach, inwieweit die Lebenswirklichkeit und ihre künstlerische Wiedergabe auch auseinanderklaffen konnten (z.B. bei der Grabstatue einer nach Ausweis ihrer erhaltenen Gebeine schon alten Frau, die gleichwohl in jugendlicher Frische und mit bräutlichem Gestus dargestellt wurde, während andere Bildnisse gerade in der etruskischen Spätzeit durchaus mehr Mut zur Hässlichkeit erkennen ließen). Prägend wurde die etruskische Kultur zunächst für das frühe Rom, doch wie schon der Titel des fünften Kapitels – From Etruscan Rome to Roman Etruria – andeutet, blieb es nicht dabei. Die Etrusker gingen in der römischen Welt nach der Eroberung Etruriens ebenso auf wie unter – während Familien mit latinisierten Namen und bestimmte religiöse Bräuche (z.B. bei der Opferschau) noch lange weiterexistierten, verschwanden etruskische Sprache und Schrift.

Das sechste Kapitel kann darum nur noch The Etruscan Legacy, also das Erbe der Etrusker, in den Blick nehmen und schildert die Wiederentdeckung ihrer Kunst ab der Renaissance, aber verstärkt im 18. und 19. Jahrhundert, ebenso wie einige der haltlosen Theorien und Phantasievorstellungen, die sich in der Neuzeit mit den Etruskern verknüpften. Dass in der Moderne auch eine von finanziellen Interessen gelenkte Ausbeutung der etruskischen Kunst einsetzte – ob nun eher harmlos in Form von Olivenölwerbung oder, bitter für die Wissenschaft, durch die Aktivitäten von Raubgräbern -, lässt das Buch mit einer nachdenklichen Note ausklingen.

Wenn etwas an Etruscan Art zu kritisieren ist, so eigentlich nur, dass die Abbildungsqualität besser sein könnte. Gerade bei den ja stark durch ihre Farbenpracht wirkenden Wandgemälden aus den etruskischen Gräbern ist es bedauerlich, dass viele Abbildungen nur in Schwarz-Weiß vorhanden sind, aber auch bei den Farbfotos hat man nicht den Eindruck, dass sie in jedem Fall so klar und exakt abgedruckt sind, wie man es sich wünschen würde. Das schmälert den Wert des Texts aber nicht, und der sei wirklich allen ans Herz gelegt, die sich für etruskische Kunst interessieren.

Nigel Spivey: Etruscan Art. London, Thames & Hudson, 2006 (Nachdruck der Ausgabe von 1997), 216 Seiten.
ISBN: 978-0-500-20304-0


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Metropolen der Antike

Der Architekt und Archäologe Jean-Claude Golvin ist für seine ebenso präzisen wie atmosphärischen Aquarelle bekannt, in denen er das Aussehen antiker Gebäude und Städte rekonstruiert. Eine Vielzahl von ihnen ist in dem ansprechenden Bildband Metropolen der Antike versammelt, wobei der Titel allerdings etwas zu kurz greift: Neben den dort erwähnten großen Städten wie Rom, Athen oder Trier sind auch Darstellungen kleinerer Orte (etwa eines befestigen gallischen Dorfs auf der Insel Martigues) oder einzelner Bauwerke (so z.B. des berühmten Mausoleums von Halikarnassos) enthalten.

Wie Golvin in seinem Vorwort selbst erläutert, entspricht eine Rekonstruktion, und mag sie auch noch so akribisch archäologische Ergebnisse und topographische Gegebenheiten berücksichtigen, natürlich nie hundertprozentig der einstigen Wirklichkeit, da man in den seltensten Fällen eine komplette Stadt ergraben kann. So basieren Teile der Bilder immer auch auf Rückschlüssen, die man aus dem zweifelsfrei Bekannten ziehen kann, und plausiblen Vermutungen. Dementsprechend beschränkt sich ihre Funktion nicht auf strikte Wissenschaftlichkeit. Vielmehr sind sie für Golvin auch eine Art Einladung zu einer Zeitreise und zum Träumen, um sich dem Altertum auch emotional und immersiv zu nähern. Dazu eignen sich die von Hand gezeichneten und aquarellierten Illustrationen in der Tat wesentlich besser als die inzwischen allgegenwärtigen digitalen Rekonstruktionen, die oft kälter und weniger ansprechend wirken.

Zeitlich reicht der Rahmen vom alten Orient bis in die Spätantike (wobei die Römerzeit mit besonders vielen Beispielen vertreten ist), geographisch steht mit wenigen Ausnahmen der Raum des römischen Reichs im Mittelpunkt. Insbesondere kommt auch das sonst oft eher etwas stiefmütterlich behandelte römische Nordafrika zu seinem Recht. Jedem vorgestellten Ort bzw. Einzelbauwerk ist ein eigenes kurzes Kapitel gewidmet, das knapp, aber informativ historische, naturräumliche und architektonische Fakten skizziert. Die Übersetzung von Geneviève Lüscher und Birgit Lamerz-Beckschäfer liest sich dabei so flüssig und überzeugend, dass man oft vergisst, dass man es nicht mit einem schon im Original auf Deutsch verfassten Text zu tun hat. Immer ist mindestens eine Abbildung beigefügt (bei Städten aus der Vogelperspektive, bei individuellen Gebäuden oft auch aus der Sicht eines davorstehenden Betrachters). In manchen Fällen gibt es neben einer nummerierten Illustration mit Bildlegende auch noch einmal eine beschriftungsfreie Wiedergabe derselben Stadtansicht nur zum Genießen (häufig auf einer Doppelseite). Die Bildlegenden sind informativ, aber an einigen Stellen hatte hier leider der Fehlerteufel die Hand im Spiel (so bricht bei Olympia die Legende zu Ziffer 19, S. 79, einfach mitten im Satz ab, und bei der Abbildung des tunesischen Thugga sind im Bild, S. 144, 14 Ziffern vorhanden, während die Legende, S. 145, mit Ziffer 13 endet).

Insgesamt aber weiß die Bildreise einmal rund um das Mittelmeer und in angrenzende Regionen vorbehaltlos zu begeistern. Dieses Buch nimmt man sicher auch nach der ersten Lektüre noch oft zur Hand, sei es, um Details nachzuschlagen, sei es, um einfach nur in den wunderschönen Bildern zu schwelgen. Für alle an der Antike Interessierten kann man also nur eine eindeutige Lese- und Betrachtungsempfehlung aussprechen. Dieser Bildband lohnt sich!

Jean-Claude Golvin: Metropolen der Antike. 2., erw. Aufl. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2019 (Original: 3., verb. und erw. Aufl. 2015), 240 Seiten.
ISBN: 978-3-8053-5184-3

 


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Homers Odyssee

Die Odyssee zählt zu den bekanntesten und wirkmächtigsten Texten der Weltliteratur. In seiner kompakten Einführung Homers Odyssee bietet der Altphilologe Bernhard Zimmermann eine lebendig geschriebene und kluge Annäherung an das Epos, dessen Faszination bis heute ungebrochen ist.

Zimmermann datiert die Odysee auf etwa Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. und beginnt seine Darstellung, indem er dem schwer fassbaren Dichter Homer nachspürt, über den bei allem Ruhm schon in der Antike mehr Legendarisches als historisch wirklich Belastbares berichtet wurde. So undeutlich die Person des Autors also gezwungenermaßen bleibt, lässt sich doch viel zu Sprache und Versmaß sagen, und Zimmermann bietet in diesem Kontext eine der klarsten Erläuterungen der Funktionsweise des daktylischen Hexameters, die man in der Literatur finden kann. Selbst wer sich sonst nicht gern mit dem Metrum von Dichtungen auseinandersetzt, wird hier garantiert das Wesentliche nachvollziehen können.

Nach einem kurzen Forschungsabriss zur Homerphilologie seit dem Altertum steht im nächsten großen Abschnitt der Inhalt der Odyssee selbst im Mittelpunkt, die nicht nur ausführlich nacherzählt, sondern auch gut in ihren Sagenkontext (welche Ereignisse sind vorher, welche nachher zu denken?) eingeordnet wird. Nachdem so eine Verständnisbasis auch für diejenigen, die den Primärtext (noch) nicht kennen, geschaffen worden ist, folgt ein Analyseteil, in dem Struktur, Erzähltechnik, Motive und Poetik des Epos gründlich unter die Lupe genommen werden. Besonderen Wert legt Zimmermann dabei auf die Zeichnung der Figuren, denen noch einmal ein eigenes Kapitel gewidmet ist.

Deutlich wird in Zimmermanns Untersuchung insbesondere die Verknüpfung von Phantasie und heldenhafter, zeitlich unbestimmter Vorzeit einerseits mit der realen Lebenswelt von Mittelmeeranrainern des 7. Jahrhunderts andererseits, in der die Seefahrt ebenso sehr Wirtschaftsfaktor und verheißungsvolles Abenteuer wie lebensgefährliches Risiko ist und selbst sozial hochgestellte Persönlichkeiten nicht davor gefeit sind, unversehens als Sklaven zu enden. Dauerhaft bestehen kann in einer solchen Gesellschaft nur, wer tragfähige Bindungen hat – zu Eltern und Kindern, zum Ehepartner und zu Gefolgsleuten, aber nicht zuletzt auch zu den Göttern, deren Wohlwollen es sich zu erhalten gilt. In diesem Zusammenhang sieht Zimmermann nicht zuletzt auch das Schicksal der Atriden um Agamemnon, dessen Familie auf grausige Art zerbricht, als immer im Hintergrund mitzudenkende Folie für die trotz aller Gefahren für sämtliche Beteiligte erfolgreichere Heimkehr des Odysseus zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Telemach.

Ganz generell kann die Odyssee also auch unabhängig von ihrer Entstehungsepoche als Geschichte des Überstehens schwerer Zeiten mithilfe von Klugheit und Durchhaltevermögen gelesen werden (ob nun auf Odysseus selbst bezogen oder z.B. auch auf Penelope, die sich mit List und Tücke der zudringlichen Freier erwehren muss, um ihrem Mann treu zu bleiben). Auch diese Thematik trug dazu bei, ihr im Laufe der Jahrhunderte eine eifrige Rezeption zu sichern, über die Zimmermann in einem letzten Kapitel einen kurzen Überblick gibt, der den Schwerpunkt allerdings stark auf die Antike legt. Knappe Literaturhinweise und ein Register runden den Band ab.

Wer einen ersten Einstieg in die Odyssee sucht, ist mit dem kurzen Buch auf alle Fälle gut beraten, aber auch alle, die den Text selbst schon kennen, können Zimmermanns frische Deutungsansätze und insbesondere seine Einordnung in den historischen Entstehungszusammenhang mit Gewinn lesen.

Bernhard Zimmermann: Homers Odysee. Dichter, Helden und Geschichte. München, C.H. Beck, 2020, 128 Seiten.
ISBN: 978-3406750229


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur, Märchen und Mythen

Die apokryphen Evangelien

Schon in der Spätantike bildete sich in den Grundzügen der heute noch gültige Bibelkanon heraus – und damit auch die Festlegung auf die vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Diese Schriften waren jedoch nicht die einzigen, die unter frühen Christen kursierten und Taten und Äußerungen Jesu zum Inhalt hatten. Vielmehr existierte eine reiche Fülle teils sehr unterschiedlicher Werke, die alle auf ihre Art für sich in Anspruch nahmen, die Botschaft von Jesus Christus zu vermitteln. In Die apokryphen Evangelien, wie man diese Texte in der Forschung bezeichnet, führt der evangelische Theologe Jens Schröter in seinem gleichnamigen Buch ebenso knapp wie kenntnisreich ein.

Nach einer Einleitung zum Verhältnis von Bibel und Apokryphen sowie zur Forschungsgeschichte gliedert Schröter seine Darstellung nach den einzelnen apokryphen Evangelien, die dabei nach der Phase im Leben Jesu, die sie jeweils behandeln, zu Gruppen zusammengefasst sind (wobei in Einzelfällen, wie etwa beim Thomasevangelium, das Aussprüche Jesu auflistet, unklar bleibt, welche zeitliche Verortung ursprünglich intendiert gewesen sein mag). Inhaltsskizze und historisch einordnende Interpretation sind dabei eng miteinander verflochten.

Der Hoffnung, aus den apokryphen Evangelien Informationen über den historischen Jesus gewinnen zu können, erteilt Schröter zu Recht eine klare Absage: Noch nach den kanonischen Evangelien entstanden, eignen sie sich nicht als Primärquellen für das Leben Jesu, sind dafür aber umso aufschlussreicher, um die Mentalität und die spirituellen Bedürfnisse unterschiedlicher frühchristlicher Gruppen zu rekonstruieren.

Deutlich wird in vielen Texten vor allen Dingen der Wunsch, in der Bibel ausgesparte oder nur angedeutete Abschnitte der Geschichte Jesu lebendig auszumalen, so etwa seine Jugend oder die Zeit zwischen Tod und Auferstehung. Das Nikodemusevangelium, das u.a. die Höllenfahrt Christi vor der Auferstehung schildert, und die sogenannten Kindheitsevangelien füllen auf diese Art eher Leerstellen aus, als im Widerspruch zur kanonischen Überlieferung zu stehen. Infolgedessen wurden sie auf breiter Basis rezipiert und hatten bis ins Mittelalter großen Einfluss auf bildliche Darstellungen oder literarische Aufbereitungen des Lebens Christi, auch wenn manche Erzählung über einen bereits im Kindesalter aggressiv anmutende Strafwunder wirkenden Jesus aus heutiger Sicht eher bizarr erscheint.

Anders verhält es sich mit denjenigen apokryphen Evangelien, die Glaubensüberzeugungen abseits der Hauptströmungen der frühen Kirche widerspiegeln, so etwa mit den gnostischen Evangelien. Oft nur fragmentarisch überliefert, enthalten sie für heutige Leserinnen und Leser Erstaunliches bis Befremdliches, so z.B. Dialoge, in denen Jesus Maria Magdalena, Thomas oder gar Judas esoterisch anmutende Lehren anvertraut, die von dem, was sich als Christentum letztlich durchsetzte, denkbar weit entfernt sind, aber teilweise Einflüsse der antiken Philosophie aufgenommen zu haben scheinen.

In all ihrer Heterogenität lassen die apokryphen Evangelien – wie Schröter in einem kurzen Fazit resümiert – daher erkennen, dass es das eine unangefochtene Jesusbild gerade im frühen Christentum nicht gab, sondern konkurrierende Interpretationen eine lange Tradition haben. Gerade die hier ansatzweise greifbar werdende Vielfalt sorgt jedoch dafür, dass der hier vermittelte Überblick keine erschöpfende Analyse, sondern nur ein erster Einstieg für Interessierte sein kann. Der aber ist durchaus gelungen und verhilft zur Orientierung in einem komplexen und für Außenstehende doch oft eher verwirrenden Forschungsfeld.

Jens Schröter: Die apokryphen Evangelien. Jesusüberlieferungen außerhalb der Bibel. München, C. H. Beck, 2020, 128 Seiten.
ISBN: 978-3406750182

 


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Ein römisches Wohnhaus mit Wandmalereien in Oftersheim

Im baden-württembergischen Oftersheim wurden in den 1960er Jahren Reste eines römischen Wohnhauses archäologisch untersucht, doch die Grabung erfasste nur einen Teil des Gebäudes, und die Funde gerieten im Museumsdepot in Mannheim über Jahrzehnte in Vergessenheit. Unterstützt von drei Mitautoren unternimmt es Mathilde Grünewald in ihrem Buch Ein römisches Wohnhaus mit Wandmalereien in Oftersheim, die damaligen Fundstücke und teilweise nur unzureichend dokumentierten Befunde zu analysieren.

Dass das Oftersheimer Wohnhaus Teil einer villa rustica, also eines landwirtschaftlich genutzten römischen Guts, war, kann zwar mit einiger Wahrscheinlichkeit vermutet, aber bisher nicht mit letzter Sicherheit bewiesen werden, da die räumlich eng begrenzte Grabung keine Wirtschaftsgebäude freilegte. Daher steht nur fest, dass das recht repräsentativ ausgestattete Haus im 1. Jahrhundert n. Chr. entstand und danach kontinuierlich genutzt wurde, bis es nach Mitte des 3. Jahrhunderts offenbar äußerst gründlich abgerissen und durch ein hölzernes Bauwerk ersetzt wurde. In diesem vermutet Grünewald keine Ansiedlung der um diese Zeit in die Gegend eingefallenen Alamannen, da keinerlei Funde auf ihre Präsenz vor Ort hindeuten, sondern eher eine vielleicht in den bewegten Zeiten nicht mehr vollendete Umnutzung des Geländes durch seine Besitzer.

Angesichts der so gründlichen Zerstörung der römerzeitlichen Bebauung ist es fast ein kleines Wunder, dass dennoch genug Überreste davon vorhanden geblieben sind, um nicht nur ein Hypokaustum und das Vorhandensein von Dachziegeln und Glasfenstern nachweisen zu können, sondern auch in der Lage zu sein, aus Fragmenten von Wandmalereien die jeweilige Gestaltung einer weißgrundigen und einer rotgrundigen Wand überzeugend rekonstruieren zu können. Rüdiger Gogräfe entwickelt in seinem diesem Thema gewidmeten Beitrag fast schon kriminalistischen Spürsinn, um durch Vergleiche mit besser erhaltenen Beispielen eine plausible Anordnung der Bruchstücke zu präsentieren. Die von Renate Berghaus künstlerisch umgesetzten Rekonstruktionen der beiden Wände sind zauberhaft und lassen einen sehr bedauern, dass beim Abriss des Oftersheimer Hauses allem Anschein nach so gründlich vorgegangen wurde, dass keine größeren Teile der Wandmalereien überdauert haben.

Neben Spuren des Bauwerks an sich wurden Reste seines Inventars und der Habseligkeiten der Bewohner entdeckt, darunter außer der allgegenwärtigen Keramik auch Münzen, eine zerschlagene Venusstatuette, eine unvollendete Schnitzarbeit, Werkzeuge und Schmuckstücke (von denen Sven Jäger die Fibeln – die meisten davon römischen, aber auch eine germanischen Ursprungs – in einem gesonderten Unterkapitel betrachtet). Ein letzter Abschnitt, der aus der Feder von Erwin Hahn stammt, befasst sich mit den gefundenen Tierknochen, von denen viele – vor allem von Rind, Schaf und Schwein – durch Hack- und Schnittspuren als Küchenabfälle ausgewiesen sind. Doch auch tierische Mitbewohner gab es in der villa von Oftersheim, ob nun nützliche und im Leben sicher auch geliebte wie Hunde und eine Katze oder eher unwillkommene wie eine Ratte.

Insgesamt vermittelt der anregende und detailfreudige Band den Eindruck, dass hier mit vielen Jahren Verspätung aus einer nicht optimal abgelaufenen Grabung nachträglich noch das Beste herausgeholt worden ist. Das römische Haus von Oftersheim ist gerade angesichts seines rätselhaften Endes eine hochinteressante Fundstätte, und so kann man nur bedauern, dass in Zeiten, in denen die Kapazitäten der Archäologie oft völlig von Notgrabungen erschöpft werden, mit einer Nachuntersuchung, die noch offene Fragen klären könnte, wohl so schnell nicht zu rechnen ist.

Mathilde Grünewald: Ein römisches Wohnhaus mit Wandmalereien in Oftersheim. Mit Beiträgen von Rüdiger Gogräfe, Erwin Hahn und Sven Jäger. Hrsg. von der Gemeinde Oftersheim und dem Heimat- und Kulturkreis e.V. Oftersheim. Regensburg, Schnell & Steiner, 2017, 144 Seiten.
ISBN: 978-3795432980


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur