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Moorgeflüster

Moorgeflüster – das klingt geheimnisvoll und poetisch, und Ein lyrischer Bildband soll das von Joana van de Löcht, Niels Penke und Jonas Stuck herausgegebene Buch seinem Untertitel nach auch sein. Die Anthologie, die neben ihrem literarischen und künstlerischen Wert zugleich als von der Andrea von Braun Stiftung angestoßenes Charity-Projekt zugunsten des Sinswanger Moors dient, vereint Gedicht- und Illustrationsbeiträge, die unter den Einsendungen zu einer Ausschreibung speziell für diesen Band ausgewählt wurden, mit aus anderen Zusammenhängen stammenden Texten und Bildern zum Thema Moor. Ziel ist es, so van de Löcht und Penke in ihrem Vorwort, ein neues Bild vom Moor zu entwerfen und über seine lange dominierende Charakterisierung als Schauerort voller Moorleichen, Geister, Armut und Gefahren hinauszugehen. Denn heute ist es das Moor selbst, das, vielfach längst entwässert und umgenutzt, bedroht und hilfsbedürftig ist.

Einige Klassiker der Moorliteratur sind dennoch ganz oder auszugsweise vertreten, ob nun Gedichte von Klaus Groth (auf Niederdeutsch mit hochdeutscher Übersetzung) und Annette von Droste-Hülshoff, die nicht nur mit dem Knaben im Moor das Gespenstische der Landschaftsform einzufangen wusste, Auszüge aus Arthur Conan Doyles Hund der Baskervilles und der in Sachen Moor sehr voreingenommenen Germania des Tacitus oder auch das in düsterer Zeit unter üblen Umständen entstandene Lied Die Moorsoldaten. Die bekannten künstlerischen Moordarstellungen aus Worpswede, etwa von Paula Modersohn-Becker, dürfen natürlich unter den schon im Inhaltsverzeichnis geschickt den Texten gegenübergestellten Illustrationen auch nicht fehlen.

Daneben aber kann man viel Neues und Unbekanntes entdecken, das teilweise geistreich Traditionelles aufgreift, wenn etwa Madeline von Foerster in ihrer Gouache Hohes Venn Pflanzen und Tiere der titelgebenden Landschaft in der Art eines barocken Blumenstilllebens (bis hin zu Details wie einer Fensterspiegelung in der Vase) anordnet und, kunst- und wunderkammergleich in einem Regalfach rahmt. Neben Malerei und Zeichnungen sind auch Fotos in reicher Fülle vertreten. Muten manche demonstrativ gestellt-künstlerisch an (so zeigt etwa Das unsichtbare Gesicht der Natur von Leonard Mohr und Ole Kamperschroer einen Sensenmann, der so von einem im Moor platzierten Spiegel reflektiert wird, dass ausgerechnet sein Gesicht von der fensterartigen Rahmung verdeckt ist), suggerieren andere (ob nun aus den 1930er Jahren oder von heute) einen eher dokumentarischen, freilich ebenfalls bewusst gewählten Blickwinkel.

Genauso bunt ist auch die Fülle der modernen Texte, die sich unter anderem Birken, Fröschen und Torfmoos widmen, sich aber trotz des im Vorwort angemahnten neuen Moorbilds dem Schaurigen und Unheimlichen nicht immer zu entziehen trachten. So sind Moorleichen mehrfach vertreten und zählen auch zu den Aufhängern für die in den Gedichten gar nicht einmal seltene Gesellschaftskritik, etwa in Thomas Klings Retina Scans, in denen Voyeurismus und male gaze eine zentrale Rolle spielen. Weiter geht noch Simone Weisenberger, die schon durch den Titel Moortoo, der auf die #MeToo-Bewegung verweist, Frau und Moor in Parallele setzt. Dagegen schickt Romana Ganzoni in ihrem (leider im Inhaltsverzeichnis nicht aufgeführten) Prosatext Als ich noch eine Riesin war einen Moor-Mann ins Rennen, der die verstörende Verwandlung der Ich-Erzählerin nicht verwinden kann.

Ganz wie im Moor selbst die Grenzen zwischen Land und Wasser fließend sind, entziehen sich auch die versammelten Beiträge trotz einer Aufteilung in vier thematisch jeweils etwas unterschiedlich akzentuierte Kapitel oft einer klaren Einordnung: Lyrik und Prosa (so in Alexander Schnickmanns was hier passiert ist glaubt mir wieder keiner), Deutsch und Fremdsprachen (etwa in Patrik Peyns bog people oder in den Namen des Moors von Lee Fu) und manchmal sogar Sprache und bildende Kunst (wie in Merlin Wassermanns fäden, einem Text, der eher durch seine Druckgestalt als durch seinen fragmentierten und kaum entzifferbaren Inhalt wirkt) gehen nahtlos ineinander über. Gemein haben alle jedoch miteinander, dass emotionale Zugänge zum Moor gesucht werden.

Diese Ebene der persönlichen Auseinandersetzung behalten auch die beiden Essays bei, die den Band beschließen. Amelie Hünnebeck-Wells, Luca Räther und die für ihre Moorforschungen preisgekrönte Franziska Tanneberger nehmen dabei eine naturwissenschaftliche Einordnung vor, die nicht nur interessante Sachinformationen vermittelt, sondern mit ihrer direkten Ansprache des Lesepublikums und ihren Schilderungen eigenen Erlebens die Ebene des subjektiven Eingehens auf das Phänomen Moor konsequent beibehält.

Swantje Furtak dagegen, eigentlich ebenfalls Naturwissenschaftlerin, sucht in ihrem Beitrag, der die Texte des Buchs in Beziehung zum kulturhistorischen Kontext des Themas Moor setzt, magisch-realistisch Moorgeister, und das nicht ohne Grund, greift ihre Sicht doch einen Gedanken auf, der einem schon im Gedicht nutzland von Dirk Röse früher im Band begegnet ist: Auch das allmählich an Kraft gewinnende neue Bild des Moors als schützenswerter Lebensraum, CO2-Speicher und möglicher Retter aus der Klimakrise entspricht immer noch in hohem Maße der seit der Aufklärung vorherrschenden, von Nützlichkeitserwägungen und einem menschlichen Überlegenheitsgestus geprägten Herangehensweise an die Natur. Ein wirkliches Umdenken, so beginnt man hier zu ahnen, würde bedeuten, wieder einen anderen Respekt vor dem Moor zu entwickeln, mithin den als Versinnbildlichung vom Menschen nicht durchschau- und beherrschbarer Kräfte zu verstehenden Moorgeistern wieder Raum zu geben.

So hat man am Ende seiner Lektüre im besten Fall nicht nur einen neuen Blick auf das Moor selbst entwickelt, sondern sieht auch die vermeintlichen Schauergeschichten darüber mit anderen Augen: nicht mehr als reine Verdammung des Moores, sondern auch als Ausdruck einer gewissen und durchaus notwendigen Ehrfurcht vor dem, was die Menschheit zu lange nur ihrem Willen zu unterwerfen versucht hat.

Joana van de Löcht, Niels Penke, Jonas Stuck (Hrsg.): Moorgeflüster. Ein lyrischer Bildband. München, oekom verlag, 2026, 240 Seiten.
ISBN: 978-3-98726-512-9


Genre: Anthologie, Kunst und Kultur

Die Zisterzienser

Zugegeben, der Titel von Ulrich Köpfs ebenso kompakter wie lesenswerter Einführung in die Geschichte der Zisterzienser verwirrt auf den ersten Blick ein wenig: Die Zisterzienser. Der erste christliche Orden. Sind denn die Benediktiner nicht viel älter als die Ende des 11. Jahrhunderts entstandenen Zisterzienser? Aber natürlich möchte Köpf nicht behaupten, dass mit den Zisterziensern überhaupt erst das christliche Mönchtum begonnen habe; vielmehr geht es ihm darum, dass sie die Ersten waren, die eine echte Ordensstruktur etablierten und damit gegenüber anderen Gemeinschaften eine Vorreiterrolle einnahmen.

Doch nicht nur die allgemeine Geschichte des Ordens von den Anfängen im Mittelalter über die erheblichen Einschnitte, die Reformation und Französische Revolution bedeuteten, bis in die Gegenwart wird thematisiert: Vielmehr geht es auch um zisterziensische Theologie (bei der auffällt, dass es trotz des für zisterziensische Klosterkirchen üblichen Marienpatroziniums bei den Zisterziensern keine ausgeprägtere Marienfrömmigkeit gab als in der jeweiligen Epoche insgesamt üblich), den Klosterbau mit seiner besonderen Berücksichtigung des Wassers, Architektur und Kunst, die sehr mühsame und vergleichsweise späte Entwicklung auch von Gemeinschaften von Zisterzienserinnen, die Entstehung der noch strengeren Richtung der Trappisten und vieles mehr.

Trotz (oder vielleicht gerade wegen?) der extrem hohen Ansprüche, die die Mönche in Bezug auf christlichen Lebenswandel und Askese an sich selbst stellten, herrschten nicht immer Frieden und Nächstenliebe in den Klöstern, sondern es durchaus Aufstände von Laienbrüdern oder Morde an Äbten vor, ganz abgesehen davon, dass, etwas harmloser, Ärger und Eifersucht auch nicht besser als unter anderen Menschen gezügelt wurden (so scheint z. B. Bernhard von Clairvaux es den Cluniazensern sehr übel genommen zu haben, dass sie seinen Cousin aus seinem Kloster abgeworben hatten, wobei die Tatsache, dass er in der Beziehung offenbar kein Heiliger war, seiner späteren Heiligsprechung nicht im Wege stand).

Auch in anderer Hinsicht klafften Ideal und Wirklichkeit immer wieder auseinander, so etwa, wenn man als rein kontemplativer Orden Seelsorge für Außenstehende und intensive Kontakte zu ihnen eigentlich strikt ablehnte, ironischerweise aber immer wieder nur gerade dadurch überdauern konnte, ob nun durch die Beziehungen zu Stiftern in der mittelalterlichen Entstehungs- und Hochphase des Ordens oder durch den Nachweis der eigenen „Nützlichkeit“ als Seelsorger in Zeiten der Säkularisierung.

Neben dem Orden als Gemeinschaft erfahren auch einzelne bedeutende Persönlichkeiten ihre Würdigung, vor allem natürlich der schon erwähnte Bernhard von Clairvaux, der sicher bis heute einer der bekanntesten Zisterzienser ist, aber auch etwa der für die Frühzeit des Ordens wichtige Stephan Harding oder Aelred von Rievaulx.

Ulrich Köpf versteht es, all diese Themen trotz der Kürze der Darstellung in einem angenehm lesbaren Stil gut aufzubereiten und neben der historischen Entwicklung auch die heutige Situation mit all ihren Problemen (von Nachwuchssorgen bis hin zu immer noch sehr zögerlichen Schritten zu mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern) knapp anzureißen. Die Zisterzienser, so verdeutlicht er damit, mögen zwar nicht mehr das gleiche Maß an Einfluss, Zulauf und Interesse genießen wie in früheren Jahrhunderten, aber vorüber ist ihre Geschichte noch nicht.  So wirft die kleine Einführung nicht nur ein Schlaglicht auf die Vergangenheit, sondern regt auch zu eigenen Überlegungen an, welche Transformationen bis in unsere Zeit Tradiertes durchgemacht hat und noch durchmacht und was vielleicht allen widrigen Umständen zum Trotz von überzeitlicher Bedeutung sein könnte.

Ulrich Köpf: Die Zisterzienser. Der erste christliche Orden. München, C.H. Beck, 2025, 128 Seiten. 
ISBN: 978-3-406-82957-4

 

 


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Bilder für die Ewigkeit

Bei vorrömischen Grabmalereien aus Italien denkt man oft zuerst an die Etrusker, aber auch im Süden der Halbinsel haben zahlreiche Kunstschätze überdauert, die nach ihrer Entstehung oft nur kurz zu betrachten waren und dann für viele Jahrhunderte verschwanden. Sie stehen im Mittelpunkt des mit zahlreichen Fotos ausgestatteten und als Sonderheft der Zeitschrift Antike Welt erschienenen Bandes Bilder für die Ewigkeit, in dem Stephan Steingräber Süditaliens vorrömische Grabmalereien (so der Untertitel) und ihre Erforschung vorstellt.

Laut Vorwort wird dabei von „einem größeren Leserkreis“ als Zielgruppe ausgegangen. Der Komparativ ist allerdings Programm, denn eine gewisse Vorbildung (auch hinsichtlich der verwendeten Fachbegriffe, etwa, was verschiedene Gefäßformen der Antike angeht) setzt Steingräber bei seinem Publikum eindeutig voraus. Wer kein allzu niedrigschwelliges populärwissenschaftliches Buch erwartet, kann dem Autor aber mit Gewinn und Vergnügen auf einen Rundgang durch die für uns heute fremde, aber faszinierende Welt der Lukaner, Osker, Messapier, Samniten und unteritalischen Griechen folgen, wobei der zeitliche Rahmen vom 6. bis zum 2. Jh. v. Chr. reicht.

Aus moderner Sicht überraschend ist dabei, dass als Ort der Malereien nicht etwa, wie bei den Etruskern üblich, eine mehrfach genutzte Grabkammer diente, sondern meist ein nur für eine einzige Person bestimmtes Grab (etwa in Form eines Sarkophags). Bei der Bestattung oft noch nicht ganz getrocknet, wie verschmierte Partien belegen, waren die Bilder also allenfalls für sehr begrenzte Zeit für ein lebendes Publikum bestimmt. Vor dem Hintergrund überrascht es kaum, dass es einen je nach Region und Epoche etwas unterschiedlichen Bildmotivkatalog gab, aus dem bestimmte formelhafte Darstellungen immer wieder erscheinen, aber umso eindrucksvoller ist, dass dennoch teilweise sehr qualitätvolle Gemälde darunter sind.

Ornamente, mythologische Szenen, aber auch häufig Sujets aus dem Leben (von Naturdarstellungen über Kämpfe, Gastmähler, häusliche Tätigkeiten oder Theateraufführungen bis hin zu religiösen Zeremonien) begegnen wiederholt. Von besonderem Interesse ist, wie Figuren, die als die jeweiligen Verstorbenen selbst interpretiert werden können, gezeigt werden: gelegentlich so, wie sie wohl zu Lebzeiten erschienen (als junger Reiterkrieger, als älterer Magistrat oder als Hausfrau), bei Frauen auch als aufgebahrte Tote, aber häufig auch, assistiert von übernatürlichen Wesen, auf dem Weg in die Unterwelt oder bei ihrer Ankunft im Jenseits und ihrem Empfang durch dort schon weilende Ahnen. Steingräber beschränkt sich jedoch nicht auf inhaltliche und ikonographische Betrachtungen, sondern liefert auch Informationen etwa zu den Maltechniken, die diejenigen einsetzten, die die Bilder schufen, so wenig sie auch als Personen fassbar sind (immerhin: Im daunischen Arpi taucht einmal die Signatur eines Malers namens Artos auf).

Darüber hinaus bettet Steingräber die Grabmalereien in einen größeren Kontext ein, einerseits, indem er sie in Beziehung zu weiteren zeitgleich entstandenen Formen von Kunst (ob nun Vasenmalerei, Wandgemälde, Mosaiken oder Skulpturen) setzt, andererseits aber auch, indem er Querverbindungen bis nach Kleinasien, Thrakien und Makedonien zieht, um das Bild einer nicht zuletzt stark durch die griechische Kultur geprägten Mittelmeerwelt zu entwerfen. Künstlerisches Schaffen, so wird hier deutlich, war nie ein isoliertes Phänomen, sondern immer sowohl in die lokalen Lebensumstände und Vorstellungen eingebunden als auch von äußeren Einflüssen geprägt.

Dank der üppigen Bebilderung durchgehend in Farbe macht das Buch auch beim Betrachten viel Freude, und selbst diejenigen, die nicht gern etwas über Kunstwerke lesen, sondern sich einfach nur an ihrem Anblick erfreuen wollen, dürften hier voll auf ihre Kosten kommen.

Stephan Steingräber: Bilder für die Ewigkeit. Süditaliens vorrömische Grabmalereien. Freiburg, Philipp von Zabern (wbg / Herder), 2025 (Sonderheft Antike Welt, 24/25), 112 Seiten.
ISBN: 978-3-534-69503-4

 

 


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

An der Quelle

Quellen sind für die Natur und nicht zuletzt auch für die Versorgung der Menschen mit Wasser entscheidend, bekommen aber oft weniger Aufmerksamkeit als die Bäche und Flüsse, die aus ihnen entstehen können. Das möchte Martin Rasper mit seinem Buch An der Quelle ändern. Im Rahmen der schön gestalteten Reihe European Essays on Nature and Landscape erschienen, befasst es sich nicht nur mit den unterschiedlichsten Formen von Quellen an sich, sondern auch mit dem, was sie für Lebewesen aller Art (von sehr kleinen bis hin zum Menschen) bedeuten. Geographisch liegt der Schwerpunkt dabei auf Westdeutschland und insbesondere dessen südlicher Hälfte.

Quellen – so erfährt man hier – nehmen nicht immer die sicher von den meisten mit ihnen assoziierte Form der Sturz- oder Fließquelle (also munter hervorsprudelnden Wassers) oder von Teichen (Quelltümpeln oder -töpfen) an, sondern sind in vielen Fällen deutlich unspektakulärere Sickerquellen, die einfach nur als feuchte Stellen in der Landschaft zutage treten. Alle Quelltypen sind jedoch wichtige Biotope, denen menschliche Aktivitäten oft zum Verhängnis werden, ob nun unmittelbar (wenn das Fassen einer Quelle in einer steinernen Ummauerung ihr die Natürlichkeit und ihre Rolle als Lebensraum raubt) oder indirekt (wenn durch den Klimawandel beförderte Dürrejahre eine Quelle austrocknen lassen).

Obwohl der Mensch also nicht immer pfleglich mit Quellen umgeht, braucht er sie, und das schlägt sich nicht nur im praktischen Umgang mit ihnen nieder, wenn sie etwa zur Trinkwasserbeschaffung oder für das Kur- und Badewesen genutzt werden. Vielmehr sind Quellen auch seit jeher von Geschichten umgeben und aus Kunst, Religion, Mythologie und Literatur nicht wegzudenken. So liest man hier auch einiges über Gottheiten, Nymphen, Nixen und Quellheiligtümer, immer wieder wunderhübsch mit historischen Darstellungen in Farbe illustriert (allerdings gibt es natürlich daneben auch Kartenmaterial und Fotos). Hinzu kommen kuriose Geschichten wie die um den Streit um die wahre Donauquelle, für deren Lokalisierung nicht nur streng erdkundliche Kriterien eine Rolle spielen, sondern vielmehr politische Erwägungen, Lokalpatriotismus und tief verwurzelte Vorstellungen vom angemessenen Aussehen des Ursprungs eines so wichtigen Flusses.

Allerdings wirken all diese kulturhistorischen Informationen vor allem dann verlässlich, wenn sie sich auf jüngere Zeiten beziehen. Bei Antike und Mittelalter ist hier und da vielleicht doch ein Fragezeichen angebracht. Was soll man etwa von der Aussage über „die keltischen Göttinnen Rosmerta, die dem Merkur entsprach, sowie Sirona, die als Heilgöttin dem Apollon gleichgesetzt war“ (S. 49), halten? Soweit ich weiß, wurden die jeweiligen Göttinnen zwar an der Seite der genannten männlichen Götter kultisch verehrt und als deren Gefährtinnen dargestellt, aber nicht eins zu eins mit ihnen identifiziert, wie man aus der Angabe hier schließen könnte. Ähnlich eigenartig ist die gewählte Übersetzung einer Passage aus Einhards Vita Caroli Magni (vgl. S. 70), da sie in den Formulierungen derart altertümlich ist, dass man gern wüsste, wo Rasper sie ausgegraben hat und weshalb sie ihm für einen modernen Text passend erschien (vielleicht, weil sie mit ziemlicher Sicherheit gemeinfrei sein dürfte?). Gerade in solchen Fällen bedauert man, dass Quellenangaben (!) jedweder Art dem Buch fehlen, man also an keiner Stelle nachvollziehen kann, nach welchen Editionen historische und literarische Texte zitiert werden (da ein anderer Band der Reihe durchaus über eine Literaturliste verfügt, wäre einer entsprechenden Auflistung wahrscheinlich von Verlagsseite aus keine Steine in den Weg gelegt worden).

Wie von den Bänden der Reihe gewohnt, kann man im Anhang per QR-Code weitere Informationen aufrufen, in diesem Fall zu verschiedenen empfehlenswerten Wanderungen zu Quellen und zu Forschungsprojekten, die sich mit dem Thema Quelle befassen. Denn so umfassend wissenschaftlich bearbeitet, wie man bei solch einem allgegenwärtigen Phänomen denken könnte, sind – so eine weitere Erkenntnis, die man aus dem Buch mitnimmt – Quellen auch heutzutage noch nicht, obwohl sich in ihnen und um sie herum von winzigen Schnecken bis hin zu Moos so manches entdecken lässt und auch ihre Verteilung in der Landschaft interessant (und oft nicht einmal ansatzweise kartiert) ist. Lust darauf, sich mit dem Thema noch ein wenig mehr zu befassen, macht An der Quelle aber auf jeden Fall.

Martin Rasper: An der Quelle. Hamburg, KJM Buchverlag, 2024 (European Essays on Nature and Landscape), 140 Seiten.
ISBN: 978-3-96194-237-4

 


Genre: Kunst und Kultur, Sachbuch allgemein

Odin

Weisheitsschenker und Runenfinder, Heiler von Pferden wie von Menschen, Gott der Herrscher und der Krieger, aber auch der Skalden, Herr über ein Totenheer, düsterer Empfänger von Menschenopfern und vielleicht sogar Spender von Fruchtbarkeit – Odin hat viele Gesichter, die sich nicht alle mühelos miteinander in Einklang bringen lassen. Mit Odin widmet nun der Skandinavist Klaus Böldl dem weithin berühmten, aber unter den vielen kursierenden Fehlvorstellungen der Populärkultur letzten Endes doch ziemlich unbekannten Gott eine lesenswerte Monographie, die neben den Odin der frühen Quellen auch den der Rezeptionsgeschichte seit dem christlichen Mittelalter stellt.

Der erste Teil des zweigliedrigen Buchs, der sich dem widmet, was sich aus den Quellen aus über die wohl schon seit der Antike und dann im Frühmittelalter bis in die Wikingerzeit hinein verehrte Gottheit Odin (je nach Region auch als Wodan oder Woden bekannt) herauslesen lässt, macht vor allem eines deutlich: Die direkt aus heidnischen Zeiten stammende Überlieferung ist verschwindend gering, da fast alle erzählenden Texte, aus denen das Meiste dessen, was wir über Odin „wissen“ (oder wohl eher zu wissen glauben), stammt, erst nach der Christianisierung entstanden und viele heute als Allgemeinbildung über den Asen geltende Vorstellungen (einschließlich der vermeintlichen Funktionsweise von Walhall als Gefallenenjenseits) weitaus jünger sind, als man vermuten könnte. Die tatsächlichen frühen Glaubenswelten, auf die man Rückschlüsse ziehen kann, bleiben also oft diffuser und in ihrer Interpretation schwieriger als die bunt ausgemalten hochmittelalterlichen Geschichten.

Abseits der noch irgendwie, wenn auch gebrochen, auf paganen Ideen beruhenden Erzählungen macht – wie im zweiten Teil, der sich Odins Rezeptionsgeschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart widmet, erläutert wird – die Odinsgestalt in dieser Epoche eine gewaltige Wandlung durch, die sich in zwei Hauptstränge aufteilen lässt: Besteht einerseits das gelehrte Bestreben, Odin (den sich immerhin mehrere Herrscherhäuser als Ahnherrn zuschrieben) euhemeristisch zu einem menschlichen König aus grauer Vorzeit, der zu Unrecht göttlich verehrt worden sei, zu erklären, wird Odin aus anderer Perspektive zum dämonischen Wesen (im Gefolge des Teufels oder in Überschneidung mit diesem) und treibt in dieser Form nicht nur literarisch, sondern auch im volkstümlichen Aberglauben sein Unwesen (wobei Böldl gut herausarbeitet, dass beide Bereiche nicht so unabhängig voneinander sind, wie Mythenforscher des 19. Jahrhunderts, darunter auch Jacob Grimm, in ihrer Hoffnung auf pagane Relikte im Volksglauben gern annehmen wollten).

Noch wilder wird es allerdings mit dem in der Neuzeit erwachenden teils wissenschaftlichen, teils romantisierenden Interesse an Odin, denn abgesehen von Bildwerken unterschiedlichster Couleur, literarischen Arbeiten, die von der Verklärung bis zur Satire reichen, und der bekannten Popularisierung durch Wagners Ring des Nibelungen gibt es hier kuriose Forschungsthesen (nach denen Odin beispielsweise entweder mit Odysseus oder mit Buddha identisch sei), aber im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts leider auch bald die bis heute immer wieder aufflammende völkisch-nationalistische Vereinnahmung Odins mit einer Überbetonung des Kriegsgottaspekts und einer hässlichen Verquickung esoterischer und rassistischer Ideen (übrigens nicht allein im deutschsprachigen Raum, sondern z. B. auch in den USA). Dem gegenüber stehen radikal andere moderne Interpretationen, die Odin als Repräsentanten der Queerness, des Schamanismus oder gleich von beidem sehen. Ähnlich uneinheitlich ist das Bild in der abschließend analysierten Musik der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart (von Folk bis Heavy Metal), in der Odin nicht nur in den Liedern Rechtsextremer, sondern auch in weit harmloseren Texten besungen wird. Wie beim Odin der Literatur und der bildenden Kunst ist die Auswahl der vorgestellten Beispiele notwendigerweise selektiv (wahrscheinlich würde es den Umfang eines einzigen Buchs auch sprengen, auch nur annähernd die ganze Fülle der künstlerischen Odinrezeption wiedergeben zu wollen), auffällig ist allerdings, dass die Odindarstellung in neueren Medien (etwa im Film) ausgeklammert bleibt.

Insgesamt beeindruckt Böldls Darstellung jedoch nicht nur durch ihren Kenntnisreichtum über alle Epochen hinweg, sondern auch durch ihre Ausgewogenheit und Fairness im Urteil und ihren Verzicht auf überzogene Spekulationen. Denn letztlich, so zeigt sich, ist es unmöglich, aus den wenigen tatsächlich noch aus paganen Zeiten überlieferten Informationen die Religion, die sich mit Odin einmal verband, vollständig zu rekonstruieren – wobei es allerdings aufgrund des langen Zeitraums, des weiten geographischen Rahmens und der Schriftarmut der Odinverehrung die eine, kanonische Variante vermutlich gar nicht gab, sondern von Anfang an heterogene Vorstellungen existiert haben dürften. Was bleibt, ist am Ende also der Eindruck einer komplexen, vielschichtigen und nicht auf einen einfachen Nenner zu bringenden Gottheit, die gerade deshalb wohl auch weiterhin zu den unterschiedlichsten Annäherungen und Deutungen inspirieren wird – hoffentlich eher im Guten als im Schlechten.

Klaus Böldl: Odin. Der dunkle Gott und seine Geschichte. Von den Germanen bis Heavy Metal. München. C.H. Beck, 2024, 320 Seiten.
ISBN: 978-3-406-82168-4


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Wir haben das Dasein geübt

Gedichtbände gibt es viele, ebenso Kunstbücher und selbstverständlich auch Kombinationen aus beidem, aber selten gehen Texte und Bilder solch eine organische, zwingend anmutende Verbindung ein wie in Wir haben das Dasein geübt. Aus einem künstlerischen Dialog zwischen der Schriftstellerin Andrea Drumbl und dem Maler Paul Sägesser entstanden, ist das Buch nicht nur äußerlich ein wahres Schmuckstück, sondern auch in seinen vielfältigen Bezügen zwischen der Poesie der Worte und der, die in den um Collage-Elemente ergänzten und teils abstrakten, teils mit figürlichen Darstellungen arbeitenden Gemälden liegt, eine Kostbarkeit und etwas ganz Besonderes.

Foto: Auf beigefarbenem Hintergrund liegt das Buch "Wir haben das Dasein geübt" von Andrea Drumbl und Paul Sägewerk. Das hellgraue Leinencover zeigt neben Titel, Autorennamen und der Verlagsangabe "Scheidegger & Spiess" ein eingeprägt Leitermotiv in Schwarz, eine um die Mitte des Buchs verlaufende Schutzbanderole ein abstraktes Gemälde in Blau- und Grautönen.

Worum geht es nun in diesem in Paaren aus jeweils einem Gedicht und einem ihm gegenübergestellten Bild getanzten Reigen aus Sprache und Farbe? Gewiss auch um Begegnungen, wie der Untertitel verspricht, aber eigentlich schier um alles. Der Auftakt ist nach zwei bildlosen Fragen ein einleitendes Gedicht, das in seinem Sinnieren über Sprechen ohne Sprache und den Ort, den ein Gegensatz im Verhältnis zum Satz einnehmen mag, schon viel über Drumbls kluge Technik des Wörtlichnehmens von Ausdrücken und des dann doch wieder folgenden Abstrahierens oder Wendens ins Ungewöhnliche, Unerwartete verrät. Gegenübergestellt ist dem das eindringliche Bild einer dunklen, hell gerahmten Gestalt, in dem man wie hingeworfen auch Teile des zugehörigen Gedichts geschrieben finden kann – eine erste Mahnung, bei Sägessers Bildern immer gut hinzusehen und unter dem ersten Anschein auch die Feinheiten zu suchen, in denen sich oft die Rückbezüge auf die Texte verbergen.

Was folgt, sind in drei Kapiteln (Der Mond ist ein TierFische küssenUndine schreit nicht) angeordnete Gedicht- und Bildpaare, in denen bisweilen eben auch die Gemälde Textausschnitte enthalten oder umgekehrt die Lyrik durch typographische Kunstgriffe zur bildenden Kunst wird (wenn etwa die Form des Gedichts der einer Träne, die sein Thema ist, entspricht). Grenzen verschwimmen in diesem Buch aber nicht nur formal, sondern durchaus auch thematisch, einerseits durch die zahlreichen Verflechtungen der Gedichte untereinander, andererseits aber auch dadurch, dass die gebrauchten sprachlichen Bilder immer wieder jäh ins Unerwartete kippen und Menschliches, Phantastisches, der Natur Entnommenes, Mythisches und Gegenwärtiges eine unlösbare Verbindung eingehen.

Es geht um Kindheit, Liebe und Tod, die Härte aber auch die Zartheit des Daseins, das sich, wie immer deutlicher wird, anders, als der Titel suggeriert, gar nicht so gut üben und auch keinesfalls vollständig erlernen oder durchschauen lässt, sondern immer nur in behutsamen bis schonungslosen Annäherungen umkreist wird, ohne je seine Unberechenbarkeit und auch sein ebenso Wunderbares wie Verwunderliches zu verlieren. So findet man hier einen Lichtstrahl, der sich das Genick bricht, einen Februar, der unendlich sein kann, oder den drohenden Karfreitagstod, und Adam und Eva haben ebenso ihren Auftritt wie Sagen- und Märchengestalten, bevor in diese flirrende Welt des Fabulierens jäh das Zeitgeschehen in Form des Ukrainekriegs einbricht.

Gleichermaßen reich und tief sind Paul Sägessers Bilder, in denen etwa ein zerknitterter Nachtfalter, ein angebissener Apfel, eine warm gekleidete Frau oder ein verzerrtes Gitter deutlich umrissen ist, dann aber wieder ein unvollständiges Gesicht die nur begrenzte Erfassbarkeit von Welt und Leben empfindbar macht oder Linien und Farbfelder eher eine Stimmung, ein Gefühl, einen flüchtigen Gedanken evozieren, als einem klare Vorgaben beim Betrachten zu machen.

Auf bloße Gefälligkeit, dekorative Effekte oder ein leichtes Dahinlesen, respektive Dahinbetrachten, ist nichts davon angelegt, und so kommt zu der Zwiesprache zwischen Gedichten und Bildern noch eine weitere hinzu, die man selbst mit dem Buch hält, fragend, fordernd und anregend. Es lohnt sich.

Andrea Drumbl, Paul Sägesser: Wir haben das Dasein geübt. Begegnungen. Zürich, Scheidegger & Spiess, 2025, 144 Seiten.
ISBN: 978-3-03942-256-2


Genre: Anthologie, Kunst und Kultur
Illustrated by Paul Sägesser

Wie man den Zorn besiegt

Unter dem Titel Moralia ist eine Sammlung philosophischer Schriften des griechischen Autors Plutarch bekannt. Die Altphilologin Marion Giebel hat bereits mehrere Auszüge daraus (wie etwa auch schon Freunde und Feinde) übersetzt, mit einem Vorwort versehen und durch Kommentare erschlossen. Wie man den Zorn besiegt ist eines dieser Teilstücke der Moralia und hier um einen Auszug aus einem Brief Ciceros ergänzt, in dem er seinen Bruder Quintus zum Umgang mit dem Zorn berät.

Nominell ist Wie man den Zorn besiegt in der Form eines Dialogs gehalten, aber eigentlich wäre es fast angemessener, von einem dem Römer Fundanus in den Mund gelegten Monolog zu sprechen, zu dem sein Gesprächspartner Sulla (nicht identisch mit dem gleichnamigen Diktator) eigentlich nur den Anstoß geben darf, in dem er beobachtet, dass sein alter Freund Fundanus offensichtlich sein aufbrausendes Temperament weitaus besser im Griff hat als früher. Von Sulla darum gebeten, legt Fundanus daraufhin dar, wie es ihm gelungen ist, seine Neigung zum (Jäh-)Zorn zu überwinden, und diese mit Zitaten aus literarischen Werken gespickte Schilderung enthält durchaus einige bedenkenswerte Überlegungen.

Zugegeben: In manchen Gedankengängen erweist sich Plutarch stark als Kind seiner Zeit. Wenn er etwa beobachtet, dass die absolute Macht eines Herrn über seine Sklaven Ersteren zu einem ethisch nicht vertretbaren Verhalten verleiten kann, oder hilflosen Zorn als charakteristisch für die von ihm als den Männern unterlegen betrachteten Frauen oder eben für versklavte Menschen beschreibt, ist er zweifellos in Teilen etwas Richtigem auf der Spur, bringt aber nicht den geistigen Sprung fertig, zu erkennen, dass die Sklaverei als Institution und die traditionelle Unterdrückung und Unterschätzung von Frauen hier die eigentlichen Fehler sein könnten. Die Perspektive bleibt also immer die eines männlichen Familienoberhaupts, aber wenn man damit leben kann, dass bestimmte Passagen dementsprechend dem heutigen moralischen Empfinden zuwiderlaufen, wird einem deutlich, dass Plutarch auch viel Zeitloses zu sagen hat, das heute nicht minder aktuell ist als im Römischen Reich.

Denn Zorn, so Plutarch, steht vernünftigem Verhalten oft im Wege, besonders, wenn er völlig überproportional zu dem, was ihn ausgelöst hat, ist, und das kann nicht nur Beziehungen vergiften, sondern, sobald ein Zorniger über eine gewisse Macht verfügt, auch noch weit fatalere Folgen haben. Die guten Ratschläge, die Wut anderer zu betrachten und sich zu fragen, ob man selbst in seinem Zorn gleichermaßen abstoßend und bösartig wirken möchte, und sich vor Augen zu führen, dass man Zorn nicht mit Stärke verwechseln sollte (da oft eher das genaue Gegenteil dahintersteht), sollte sich wohl auch heute noch manch ein Mensch zu Herzen nehmen, im wahren Leben wie auch in den sozialen Medien, in denen Wut und Empörung so oft hohe Wellen schlagen.

Marion Giebel übersetzt wie immer modern und treffsicher, mit viel Gespür dafür, einen gut lesbaren Text herzustellen, dem man nicht anmerkt, dass man ihn nicht in seiner Originalsprache vor sich hat. Allein schon deshalb macht die Lektüre der von ihr herausgegebenen antiken Werke viel Vergnügen, aber natürlich sind Plutarchs Gedankengänge auch abgesehen davon immer einen Blick wert.

Marion Giebel (Hrsg.): Plutarch: Wie man den Zorn besiegt. Stuttgart, Reclam, 2023 (RUB Nr. 14274), 86 Seiten.
ISBN: 978-3-15-014274-5


Genre: Kunst und Kultur

Ségurant

Einer illustren Familie entsprossen und in einem entlegenen Inselreich aufgewachsen, zeichnet sich der junge Ségurant schon früh durch besondere Tüchtigkeit auf der Jagd und im Waffengebrauch aus. Nach dem Ritterschlag durch seinen Großvater zieht er in die Welt und macht sich als schier unbesiegbarer Kämpfer einen Namen. Sein Antreten bei einem Turnier in Winchester unter ganz besonderen Bedingungen soll ihm den Weg an den Artushof ebnen, doch die Zauberin Morgane hat etwas dagegen und beschwört aus der Hölle einen Teufel herauf, der in Drachengestalt fortan Ségurant das Leben schwermachen wird …

Ségurant ist ein mittelalterlicher Artusroman, aber alles andere als ein typischer Vertreter seiner Gattung. Bereits seine Entdeckungsgeschichte ist ungewöhnlich: Der Mediävist Emanuele Arioli fand in einer Pariser Handschrift der Prophéties de Merlin, einer Sammlung dem Zauberer Merlin zugeschriebener Prophezeiungen, eine stückweise zwischen diese eingestreute Geschichte um den Ritter Ségurant und seine Abenteuer. Daraus und aus 27 weiteren fragmentarischen Textzeugen rekonstruierte er einen in seinem Grundbestand wohl am ehesten in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts zu datierenden, aber später fortgesetzten und erweiterten Roman und brachte ihn sowohl in einer kritischen Ausgabe als auch in einer neufranzösischen Leseausgabe heraus.

Die vorliegende Ausgabe basiert auf einer Übersetzung von Ariolis Übertragung ins Neufranzösische ins Deutsche und ist zudem an einigen Stellen gekürzt, so dass man die Übersetzung einer Übersetzung eines unvollständigen Texts vor sich hat. Prächtig mit zahlreichen Abbildungen aus den verschiedenen Handschriften, auf die Arioli zurückgriff, illustriert, nur sehr spärlich mit Anmerkungen versehen, dafür aber mit einem Glossar heute nicht mehr gängiger mittelalterlicher Begriffe und einem kurzen Nachwort aus Ariolis Feder und einem zweiten der Romanistin Susanne A. Friede ausgestattet, richtet das Buch sich eher an ein allgemeines als an ein wissenschaftliches Publikum und erlaubt nur geringe Aufschlüsse darüber, wie die vorliegende Textgestalt zustandegekommen ist. Immerhin: Eine Aufteilung in den Haupttext, Fortsetzungen (die nicht im Widerspruch zu dem, was Arioli als älteste überlieferte Version ansetzt, stehen und ihn eher ergänzen) und Neubearbeitungen (die auch nur als Fragmente erhalten sind, aber erkennbar auf anderen Prämissen beruhen als die älteren Fassungen) ist vorhanden.

Mehr als eine äußerlich sehr gelungene Leseausgabe zum Kennenlernen der Handlung darf man also nicht erwarten, aber die Lektüre macht durchaus Vergnügen, da die Übersetzung von Andreas Jandl sich trotz einiger zu gewollt anmutender Archaismen (z. B. „[W]as wollet Ihr?“ statt „Was wollt Ihr?“, S. 190) flüssig und gefällig liest. Einen neuen Erec, Iwein oder Parzival darf man allerdings nicht erwarten, denn der Ségurant ist, vielleicht nicht zuletzt durch die späte Entstehungszeit bedingt, ein sehr anderer Roman, und das nicht nur, weil es, wie Arioli vermutet, einzelne Einflüsse der der Artuswelt eigentlich fremden Sagen um Sigurd/Siegfried gegeben haben könnte. Vielmehr ist Ségurant eine überzeichnete Gestalt mit gargantueskem Appetit, die trotz einer Zweiteilung der Handlung in die Zeit vor und nach dem Turnier in Winchester nicht die klassische Doppelwegstruktur eines Artusromans durchläuft und weder Liebe noch Herrschaft, ja noch nicht einmal die angestrebte Aufnahme in die Tafelrunde erringt.

Um moralische Vervollkommnung in irgendeiner Form geht es nicht (stark zu bemerken etwa, wenn Ségurant vor allem amüsiert und bestenfalls oberflächlich kritisch darauf reagiert, dass sein Kumpan Dinadan ein Bauernmädchen vergewaltigt hat), und auch insgesamt erinnert der Tonfall oft eher an schwankhafte Erzählungen oder die etwas schrägeren späten Vertreter der Heldenepik (etwa die aventiurehafte Dietrichepik) als an einen typischen Artusroman. Verstärkt wird diese Tendenz noch dadurch, dass Ségurant als zumindest zeitweilige Gefährten Gestalten beigesellt werden, die eher grotesk bis komisch wirken: Der schon erwähnte Dinadan gebärdet sich mit seinen witzigen Bemerkungen häufig eher wie ein Hofnarr als wie der Artusritter, der er eigentlich ist, und lässt in seinem Verhalten generell stark zu wünschen übrig. Der junge Golistan dagegen, der wünscht, von Ségurant zum Ritter geschlagen zu werden, hat den Vorsatz, sich an Tristan zu rächen, ist aber entschlossen, erst dann, wenn er selbst Ritter ist, sein Schwert gegen einen Ritter zu führen, so dass seine Vergeltungsaktion vorerst warten muss. Da Ségurant ihm den Ritterschlag wiederholt verweigert, kann Golistan sich mit ihm feindlich gesonnenen Rittern nur prügeln, was zu recht sonderbaren Szenen führt.

Am auffälligsten ist aber die Behandlung der Drachenkämpferthematik, denn auch wenn der Untertitel Die Legende des Drachenritters eine typische Drachentötergeschichte zu verheißen scheint (und diese dann in einer der Neubearbeitungen dann auch über Ségurant erzählt wird), ist der von Morgane auf Ségurant gehetzte Drache explizit ein nicht zu tötender Geist, so dass Ségurant ihn mit den üblichen Rittermethoden gar nicht überwinden kann (sondern – so wird im Text angekündigt – auf äußere Hilfe dadurch, dass ein anderer den Gral findet, wird warten müssen). Die Drachenjagd, auf der Ségurant sich aus dem Umfeld des Artushofs wieder entfernt, hat also in der ältesten Romanversion gar kein Ende, sondern droht den Protagonisten noch am Schluss der Geschichte auf unbestimmte Zeit zu beschäftigen, ohne dass er selbst auf den Ausgang seiner Queste sinnvoll Einfluss nehmen könnte. Aus eigener Kraft kann er damit gar nicht zur Reintegration in die Gesellschaft gelangen, und von einer heilsamen Selbsterkenntnis scheint er auch meilenweit entfernt zu sein.

Der Gedanke an eine zumindest unterschwellige Kritik an bestimmten Idealen des Rittertums (oder auch am ganz realen Verhalten von Zeitgenossen) liegt daher nicht fern, aber zu überwiegen scheinen im Großen und Ganzen doch Fabulierfreude und Unterhaltungslust. Die Lektüre lohnt sich daher auch für ein heutiges Lesepublikum unter gleich mehreren Aspekten, Nur einen typischen Artusroman sollte man eben nicht erwarten, und für alle, die sich in der Materie auskennen und vielleicht gern tiefer in Text und Kontext einsteigen wollen, bleiben manche Fragen offen.

Emanuele Arioli: Ségurant. Die Legende des Drachenritters. Das vergessene Mitglied der Artusrunde. Stuttgart, Reclam, 2024, 288 Seiten.
ISBN: 978-3-15-011484-1


Genre: Kunst und Kultur, Roman

Exil im Paradies

Die Geschichte des deutschsprachigen Exils während der Nazizeit wird nicht selten vor allem als eine Geschichte von Männern erzählt. Ursel Braun wählt gezielt eine andere Perspektive: In Exil im Paradies stellt sie sechs Frauen in den Mittelpunkt, die in Los Angeles und seinen Vororten, sei es für immer oder nur auf Zeit, eine neue Heimat fanden, und schildert ihr Leben in den Jahren 1940 bis 1945.

Salka Viertel, Katia Mann, ihre Schwippschwägerin Nelly Kröger-Mann, Marta Feuchtwanger, Alma Mahler-Werfel und Helene Weigel hatten vor ihrer jeweiligen Emigration sehr unterschiedliche, nicht zuletzt durch ihre jeweilige soziale Herkunft bestimmte Lebenswege, waren aber alle mit bekannten deutschsprachigen Autoren verheiratet und ab einem bestimmten Zeitpunkt Teil derselben Exilgemeinschaft, die für einige Jahre unter dem Spitznamen „New Weimar“ zahlreiche Größen aus Kunst, Literatur, Musik und Schauspiel an der Pazifikküste versammelte.

Neben dem Ort, an den ihre Flucht (bzw. in Viertels Fall eine gerade noch rechtzeitige Auswanderung vor dem völligen Entgleisen der Verhältnisse in Europa) sie geführt hatte, einte die sechs aber noch etwas: Leicht hatten sie es alle nicht, ganz gleich, ob sie ein materiell komfortables Leben führen konnten, wie die finanziell gut ausgestattete Katia Mann, oder vielmehr wie Helene Weigel, die in ihrem Beruf als Schauspielerin in den USA nicht Fuß zu fassen vermochte, von Geldsorgen geplagt waren. Als Geflüchtete spätestens seit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten immer wieder mit Vorurteilen, rechtlichen Einschränkungen oder gar Bespitzelung konfrontiert, mussten sie um in Europa zurückgebliebene Angehörige und Bekannte bangen. Zumeist blieb es auch allein an den Frauen hängen, sämtliche praktische Seiten des Ehe- und Familienalltags zu organisieren und ihren teilweise mit der neuen Lebenssituation fremdelnden bis überforderten Männern den Rücken für ihre literarische Arbeit freizuhalten, ohne unbedingt viel Dank und Anerkennung dafür zu bekommen.

Denn eines wird bei den Schilderungen von Alltag, Gesellschaftsleben und kleinen Freuden inmitten schwerer Zeiten leider auch deutlich: Trotz ihres fürchterlichen und unverdienten Schicksals waren nicht alle von den Nazis in Exil Getriebenen unbedingt durch und durch sympathische Gestalten. Die ihre Frauen oft munter rechts und links betrügenden und ein beträchtliches Anspruchsdenken an den Tag legenden Schriftsteller sind allerdings nicht die Einzigen, die nicht gerade als moralische Vorbilder taugen. Auch über die ungeachtet ihrer Ehe mit dem Juden Franz Werfel an antisemitischen Vorurteilen festhaltende und ohnehin in fast schon grotesker Überheblichkeit schwelgende Alma Mahler-Werfel schüttelt man bei der Lektüre mehr als einmal den Kopf.

Von solchen Merkwürdigkeiten, der über allem schwebenden Ungewissheit um Kriegsausgang und eigene Zukunftsaussichten, aber auch von Amüsantem wie einer Heimatgefühle weckenden Sachertorte nach Spezialrezept, einer am Wegesrand aufgelesenen Schildkröte und dem Kulturschock aus Europa in das ihnen sehr fremde Amerika Verpflanzter erzählt Ursel Braun in einem gut lesbaren, flüssigen Stil, vor allem aber auch mit viel Sachkenntnis und Einfühlungsvermögen. Fotos von ihren Protagonistinnen und deren Angehörigen (teilweise in der Zeit des Exils, manchmal auch schon in früheren Jahren aufgenommen) lockern den Text auf und illustrieren bestimmte Detailbeobachtungen. Vorn und hinten im Einband bietet darüber hinaus ein Stadtplan, in dem die jeweiligen Frauen ihren Wohnorten zugeordnet sind, Zusatzinformationen (ein Manko an diesem Plan ist allerdings die leider etwas kontrastarm geratene Farbgebung von Karte und Schrift; man braucht schon sehr gute Beleuchtung am Leseplatz, um die Straßen- und Ortsnamen entziffern zu können)

Ein Epilog skizziert den weiteren Weg der fünf Frauen, die über die im Detail geschilderte Zeit hinaus noch am Leben blieben (die von ihrer Situation sehr belastete und von den Verwandten ihres Mannes Heinrich Mann immer abgelehnte Nelly Kröger-Mann hatte 1944 Suizid begangen), und eine kurze Bibliographie gibt eine nach den jeweiligen Frauen geordnete Übersicht über die Literatur zu ihnen, so dass man, wenn man durch Exil im Paradies neugierig geworden ist, noch tiefer in die Lektüre über sie einsteigen kann.

Hervorhebenswert ist darüber hinaus auch die hübsche äußere Gestaltung des in der Reihe blue notes erschienenen Buchs, das ein kleine Schmuckstück im Regal ist und es verdient hat, mehr als einmal daraus hervorgezogen zu werden, und das nicht nur aus historischem Interesse. Gerade angesichts der Tatsache, dass das titelgebende Paradies derzeit eher als von den Waldbränden um Los Angeles schwer gezeichnete Flammenhölle Schlagzeilen macht und es nicht nur in Europa, sondern auch in Amerika zu politischen Verwerfungen kommt, drängen sich Kontraste und Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf, die dem Buch eine besondere Aktualität verleihen und es auch abseits jedes speziellen Interesses an den Porträtierten und ihrem Umfeld lesenswert machen.

Ursel Braun: Exil im Paradies. Von Marta Feuchtwanger bis Helene Weigel. Berlin, ebersbach & simon, 2025, 144 Seiten.
ISBN: 978-3-86915-311-7


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur, Sachbuch allgemein

Der Bauernkrieg. Ein Medienereignis

Ohne den Buchdruck und die dadurch ermöglichte massenhafte Verbreitung von Flugblättern und ähnlichen Schriften, die aktuelle Themen aufgreifen konnten, hätte es den Bauernkrieg ebenso wenig wie die eng mit ihm verflochtene Reformation gegeben – das ist die Prämisse, von der Thomas Kaufmann in seinem umfangreichen Werk Der Bauernkrieg. Ein Medienereignis ausgeht, um den Umgang der Druckwerke der Zeit mit dem Bauernkrieg speziell, aber auch mit Bauern allgemein unter die Lupe zu nehmen.

Eine Einführung in den Bauernkrieg an sich ist das Buch gleichwohl nicht: Dass sein Lesepublikum die Grundzüge der Ereignisse und ihre wichtigsten Akteure kennt, setzt Kaufmann ebenso voraus wie ein gewisses Maß von Vertrautheit mit Fachausdrücken und alten Sprachen. Hervorhebenswert ist das vor allem deshalb, weil Der Bauernkrieg sich damit in gewisser Weise in eine Tradition einreiht, die der Autor auch schon für die zeitgenössische Publizistik konstatiert: Von einzelnen Ausnahmen wie den Zwölf Artikeln und der Memminger Bundesordnung einmal abgesehen fangen die überlieferten Druckwerke nicht die Stimmen der Bauern selbst ein und haben diese auch nicht als hauptsächliche Zielgruppe, sondern sind eher Zeugnisse von Äußerungen über Bauern aus Sicht zumeist in der Geistlichkeit oder in einem städtischen Umfeld zu verortender Gebildeter.

Zeigt schon der weitgespannte Rezeptions- und Forschungsüberblick, den Kaufmann einleitend bietet, dass in der Historiographie bei aller Kritik am gewaltsamen Vorgehen der Bauern früh Verständnis dafür aufkam, dass sie sich gegen unhaltbare Zustände zur Wehr gesetzt hatten, lässt auch der Blick auf die im Vorfeld und während des Bauernkriegs und kurz darauf veröffentlichten Werke kein einheitlich negatives Bauernbild, sondern von Anfang an eine gewisse Ambivalenz erkennen. Denn neben den Bauern als tumben und ungeschliffenen Rüpel und potenziellen Unruhestifter trat in der Literatur der Zeit mit der Reformation verstärkt der mit gesundem Menschenverstand und Selbstbewusstsein gesegnete einfache Mann, der als Gegenüber und Diskussionspartner ernst genommen werden musste.

Nicht jeder wollte freilich das, was man im philosophisch-theologischen Bereich auf einmal gelten zu lassen bereit war, auch auf politische Belange übertragen, so dass bei weitem nicht alle der Reformatoren, deren Wirken erheblich mit zu der Gemengelage beigetragen hatte, in der es zu einer überregionalen Aufstandsbewegung kommen konnte, auf die Anliegen der Bauern verständnisvoll reagierten. Martin Luthers wüste Invektiven sind diesbezüglich als Negativbeispiel bekannt, aber an ihnen zeigt Kaufmann auch auf, wie es Gegnern aus dem katholischen Lager glückte, durch Nachdrucke aus dem Kontext gerissener Textteile Luthers Äußerungen noch schlimmer erscheinen zu lassen, als sie ohnehin schon waren – ein Vorgehen, das einen durchaus an die in modernen Internetdebatten gern genutzten Tricks erinnern kann.

In den Publikationsstrategien, auf die man zurückgriff, um Widersacher und Rivalen möglichst schlecht dastehen zu lassen, sieht Kaufmann auch den Grund dafür, dass die Bedeutung einzelner Persönlichkeiten des Bauernkriegs, über die viel veröffentlicht wurde, von der Nachwelt überschätzt wurde. So stuft er beispielsweise den Einfluss Thomas Müntzers auf das Gesamtgeschehen weitaus geringer ein, als es in der früheren Literatur bisweilen übrig war (durchaus aber im Einklang mit neueren Darstellungen wie Gerd Schwerhoffs Bauernkrieg). Müntzer hatte wohl schlicht das Pech, dass sich die Wittenberger Reformatoren bereitwillig auf ihn einschossen, um den Einfluss ihrer eigenen Ideen auf die Aufstände herunterzuspielen.

Auch wenn diese letztlich in den meisten Fällen blutig niedergeschlagen wurden und nur in einigen Gebieten, etwa in der Ortenau, durch Verhandlungslösungen tatsächlich Verbesserungen für die Bauern erreicht wurden, wirkten die im Bauernkrieg entwickelten Ideen jedoch fort, sei es in radikalen Utopien, deren Verbreitung im Druck den Verantwortlichen schnell zum Verhängnis werden konnte, oder immerhin in latenten Sympathien, wie sie etwa bei Albrecht Dürer zu vermuten sind, dessen als Lehrstück, nicht als Entwurf für ein konkretes Denkmal konzipierte Bauernsäule einen hinterrücks erstochenen Bauern in Denkerpose so prominent in Szene setzt, dass man dahinter unterschwellige Kritik an den Massakern vermuten kann.

Ob vor, in oder nach dem Bauernkrieg entstanden, vielen Zeugnissen ist gemein, dass neben Überlegungen über die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse und Erfahrungen mit früheren bäuerlichen Aufstandsversuchen auch religiöse Überzeugungen, aber auch in einem heute kaum noch nachempfindbaren Maße abergläubische Vorstellungen etwa von vermeintlichen astrologischen Einflüssen in die Einschätzung der Lage mit einflossen. Über das spezifische Thema des Bauernkriegs hinaus erlaubt Kaufmanns Buch so Einblicke in die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vorherrschende Weltsicht und Mentalität.

Viel Freude macht die üppige Bebilderung, denn die besprochenen, oft mit Holzschnitten illustrierten Druckwerke gleich vor Augen zu haben und die darüber getroffenen Aussagen so unmittelbar nachvollziehen zu können, ist ungemein hilfreich. Im Großen und Ganzen ist die Bildqualität hinreichend, nur bei den Abbildungen aus der Petrarca-Ausgabe Von der Artzney bayder Glück sind die Bilder, vielleicht aus Platzgründen oder mangels besseren Ausgangsmaterials, teilweise so klein, dass es schwierig wird, die erwähnten Details darin zu erspähen.

Das aber ist nur ein kleiner Kritikpunkt, der das, was Der Bauernkrieg zu bieten hat, insgesamt nicht schmälert. Bei Interesse an der Epoche sollte man sich also auf das Medienereignis einlassen, denn ganz gleich, ob man jeder Wertung des Autors folgen mag oder nicht, sein Buch ist schon allein dank der eingeflossenen Materialfülle eine lohnende Lektüre.

Thomas Kaufmann: Der Bauernkrieg. Ein Medienereignis. Freiburg im Breisgau, Herder, 2024, 544 Seiten.
ISBN: 978-3-451-39028-9


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur