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Das mykenische Griechenland

Der Name Mykene steht nicht nur für die bunte Sagenwelt rund um Agamemnon und seine mörderisch veranlagte Familie, sondern auch für eine ganze Epoche der altgriechischen Geschichte (ca. 1650 – 1150 v. Chr.). Die Schriftquellen sind spärlich, beschränken sie sich doch auf dürre Verwaltungsnotizen in der erst in den 1950er Jahren entzifferten Linear-B-Schrift. Umso üppiger sind die archäologischen Funde, die von den berühmten Schachtgräbern von Mykene aus der Frühzeit der Kultur bis zu den monumentalen Ruinen der erst später errichteten Paläste reichen.
Ausgehend von diesen seit Heinrich Schliemann im 19. Jahrhundert immer weiter ergrabenen und erforschten Überresten rekonstruieren die renommierten Archäologen Sigrid Deger-Jalkotzy und Dieter Hertel in Das mykenische Griechenland eine Geschichte , die mit der Einwanderung indogermanischsprachiger Gruppen begann und zunächst zur Errichtung einer Art oligarchischen Herrschaft angesehener Kriegergeschlechter führte. Wichtige Marksteine des weiteren Verlaufs sind die mykenische Eroberung des bis dahin minoisch geprägten Kreta (wohl um 1450 v.Chr.), die zur Entwicklung eines der frühgriechischen Sprache angepassten Schriftsystems nach minoischem Vorbild führte, und die Ausbildung eines Königtums, in dem neben dem wanax als König auch der lawagetas, eine Art oberster Heerführer, eine entscheidende Rolle spielte. Um 1200 wurden jedoch die von dieser Herrschaftsform geprägten Paläste (z.B. in Mykene, Pylos und Tiryns) durch Brandkatastrophen zerstört. Die Ursachen dafür sind unklar – von Fremdeinflüssen über innere Unruhen bis hin zu Naturkatastrophen wurde in der Forschung schon vieles diskutiert. Auffällig ist jedoch, dass die mykenische Kultur an sich das Ende der Paläste überdauerte und, wenngleich auf weniger komplexem Niveau, noch über ein Jahrhundert lang bestand, bis mit der Eisenzeit andere Verhältnisse anbrachen.
Reich illustriert mit Kartenmaterial, Grundrissplänen der Paläste und Abbildungen archäologischer Fundstücke zeichnet Das mykenische Griechenland diese Entwicklung anschaulich nach und informiert zudem über wirtschaftliche und soziale Verhältnisse, Beziehungen zu anderen Kulturräumen und vieles mehr.
Dabei weist das Buch allerdings eine Besonderheit auf, die man bei der Beurteilung nicht außer Acht lassen sollte: Die Autoren hatten nicht etwa von Anfang an eine Zusammenarbeit geplant. Vielmehr steuerte Hertel ein einziges, aber nicht unwichtiges Kapitel über die zweite Phase der mykenischen Palastzeit bei, das Deger-Jalkotzy krankheitsbedingt nicht verfassen konnte. Auch das wäre noch nicht weiter auffällig, wenn beide nicht in einigen nicht unwichtigen Punkten entgegengesetzter Ansicht wären (so z.B. bei der Lokalisierung des in hethitischen Texten erwähnten Aḫḫijawa, das Deger-Jalkotzy als Bezeichnung für das mykenische Griechenland allgemein wertet, während Hertel darin einen kleinasiatischen Staat sieht, in dem unter anderem auch Griechen gelebt haben mögen, oder bei der Beurteilung der Träger des Titels qasireu bzw. basileus, denen Deger-Jalkotzy eine höhere gesellschaftliche Stellung zubilligt, als Hertel es tut). So wirkt Hertels Beitrag letztlich in gewissem Maße wie ein – wenn auch sehr lesenswerter – Fremdkörper im Text, obwohl es durch seine exakte Schilderung der Palastbauten und ihrer möglichen Funktion besticht. Seine Deutungen sind dabei weniger zurückhaltend als die Deger-Jalkotzys und stellenweise spekulativ (so ist es z.B. natürlich eine verlockende Interpretation, wenn er von den jeweils in den mykenischen Palästen vorhandenen zwei Thronräumen einen dem wanax, den anderen dem lawagetas zuweist, doch wird dabei m.E. zu wenig berücksichtigt, dass ein und dieselbe Person nicht unbedingt auf die Nutzung eines speziellen Raums beschränkt gewesen sein muss; denkbar wäre auch, dass der wanax in verschiedenen sozialen, kultischen und administrativen Kontexten unterschiedliche Räume nutzte, in denen seine besondere Stellung auf ähnliche Art hervorgehoben war).
Eine Gesamtbewertung fällt daher schwerer als bei Monographien, die komplett aus einem Guss sind. Wenn man mit dem Phänomen einer quasi buchintern ausgetragenen Forschungsdebatte allerdings leben kann, lohnt sich die Lektüre, die eine solide und kenntnisreiche Einführung in eine spannende und in vielen Zügen noch immer rätselhafte Zeit bietet.

Sigrid Deger-Jalkotzy, Dieter Hertel: Das mykenische Griechenland. Geschichte, Kultur, Stätten. München, C. H. Beck, 2018, 144 Seiten.
ISBN: 9783406727269


Genre: Geschichte

Mysterienkulte der Antike

Neben der eng mit Stadt und Staat verknüpften offiziellen Verehrung des griechisch-römischen Pantheons und der rein privaten Frömmigkeit fand sich in der Antike noch eine dritte wichtige Form der Religionsausübung: Mysterienkulte verhießen den Eingeweihten eine besondere Nähe zu speziellen Gottheiten und gestatteten ihnen, ihren Glauben gemeinschaftlich mit anderen zu leben. Nicht zuletzt aufgrund der Ansätze zu einer Gemeindestruktur und der Jenseitshoffnungen, die oft mit den Mysterien verknüpft waren, sind immer wieder Parallelen zwischen diesen Kulten und dem frühen Christentum gezogen worden.
Hans Kloft blendet diese Perspektive in seiner ebenso kompakten wie kenntnisreichen Einführung Mysterienkulte der Antike nicht aus, warnt aber zu Recht davor, das Phänomen der Mysterienkulte ausschließlich aus dem Wissen um den letztendlichen Triumph des Christentums heraus zu deuten. Vielmehr zielt er auf eine Einordnung in den breiteren Kontext antiker Religiosität ab. Fallstudienartig stellt er zu diesem Zweck zunächst fünf bedeutende Mysterienkulte ausführlich vor, nämlich die der Demeter, des Dionysos, der Isis, der Kybele und des Mithras (andere Kulte, wie z.B. der der Kabiren, werden im weiteren Verlauf eher kursorisch abgehandelt).
Mit allen gebührenden Einschränkungen – kein Kult vereint idealtypisch alle Elemente – entwickelt der Autor daraus ein Schema dessen, was die Mysterienkulte ausmachte. Zumeist stand eine auch in der öffentlichen Religionsausübung der jeweiligen Herkunftsregion verehrte Gottheit im Mittelpunkt. Häufig war sie im Spannungsfeld um Fruchtbarkeit, Tod und neues Leben angesiedelt. In einer bisweilen mehrstufigen Initiation erwarben die Mysten ein besonderes Geheimwissen über diese Gottheit, das Aussicht auf ein besseres Dasein im Jenseits, aber auch ethische Regeln fürs diesseitige Leben und Kontakt zu Gleichgesinnten über die sozialen Barrieren des Alltags hinweg ermöglichte. Das Verhältnis zu den herrschenden Eliten blieb ambivalent: Punktuelle Verfolgungen (wie sie z.B. den Isiskult im republikanischen Rom nach einem Skandal um sexuellen Missbrauch trafen) standen einer Förderung der Mysterien durch die Mächtigen gegenüber. So wussten sich etwa verschiedene hellenistische Herrscher dem Dionysoskult besonders verbunden.
Ohnehin waren Hellenismus und Römerzeit mit ihren ausgedehnten Reichen, in denen Soldaten, Kaufleute, Seefahrer und Sklaven weit herumkamen, der Ausbreitung der Mysterien förderlich. Dem Christentum mit seiner strafferen Organisationsstruktur und nicht zuletzt auch seiner schriftlichen Grundlage, die eine Tradierung sehr erleichterte, war die bunte Vielfalt von Kulten jedoch letztlich nicht gewachsen. Mit dem Glauben ging in diesem Fall auch das nur einem begrenzten Personenkreis zugängliche Wissen um seine konkreten Inhalte unter. Kloft weiß durchaus den Reiz dieser Rätselhaftigkeit heraufzubeschwören, obwohl er in seinen Deutungen angenehm nüchtern bleibt und vor Generalisierungen und übertriebenen Spekulationen warnt. So führt er wissenschaftlich redlich und doch mit feinem Gespür für die Schönheit des Geheimnisvollen und nicht mehr Erforschbaren an das komplexe religionshistorische Phänomen heran. Kein Wunder also, dass die Mysterienkulte der Antike schon ihre fünfte Auflage erleben!

Hans Kloft: Mysterienkulte der Antike. München, C.H. Beck, 5., aktualisierte Aufl. 2019, 128 Seiten.
ISBN: 9783406736599


Genre: Geschichte

Das Tal der Könige

Das Tal der Könige zählt zweifelsohne zu den wichtigsten Fundstätten, die einen Zugang zu Kultur und Religion des altägyptischen Neuen Reichs ermöglichen. Von der 18. bis zur 20. Dynastie diente es vor allem den Pharaonen, aber auch wenigen ausgewählten Personen ihres nächsten Umfelds (wie etwa bestimmten Prinzen und Wesiren) als Bestattungsort. Erik Hornung bietet in seiner kompakten Einführung Das Tal der Könige einen Überblick über die wichtigsten Felsgräber und ihr Bildprogramm.
Einleitend zeigt ein Abriss der Entdeckungs- und Forschungsgeschichte die wechselvolle Entwicklung, die das Tal der Könige seit der Entdeckung durchlaufen hat. Einzelne Gräber waren schon früh bekannt und zugänglich, wie etwa Graffiti aus hellenistischer und römischer Zeit, aber auch die Nutzung als Kirche und Unterkunft durch spätantike und frühmittelalterliche Christen belegen. Auf diese erste Phase der Schaulust und Umfunktionierung folgte ein langer Dornröschenschlaf, der mit dem Beginn der wissenschaftlichen Erforschung im 18. Jahrhundert endete. Einerseits glückten von dieser Epoche an bis ins 20. Jahrhundert spannende Entdeckungen (wie das berühmte, 1922 gefundene Grab Tutanchamuns), andererseits erwies sich das gesteigerte Interesse jedoch als fatal. Hatte man zunächst keine Hemmungen, rabiat mit den Funden umzugehen und z.B. besonders schöne Reliefs einfach aus den Wänden zu schlagen, trug ab dem 20. Jahrhundert vor allem der immer weiter anwachsende Massentourismus zur Schädigung der Gräber bei. Dieses Problem ist bis heute ungelöst, doch was überdauert hat, ist noch immer spektakulär genug.
Hornung stellt zunächst sachkundig und in ebenso detaillierten wie anschaulichen Beschreibungen die bedeutendsten Grabanlagen in chronologischer Folge vor und zeichnet die historische Entwicklung des Grundrissplans ebenso nach wie die des Bildprogramms, das in Königsgräbern anders als z.B. in Beamtengräbern nicht Alltagsszenen, sondern ausgefeilte Illustrationen religiöser Texte umfasste.
Diese werden im zweiten Hauptkapitel des Buchs ausführlich präsentiert. Auch wenn der Textbestand im Laufe der Zeit schwankte, war zentral stets die Einbindung des verstorbenen Königs in die allnächtliche Unterweltsreise und morgendliche Wiederauferstehung der Sonne. Auch für Laien gut verständlich werden die Glaubenszusammenhänge und ihre bestimmten Konventionen unterworfene bildliche Wiedergabe erläutert, so dass man am Ende das Gefühl hat, sich in der aus der Außenperspektive bisweilen verwirrenden altägyptischen Götter- und Mythenfülle ein wenig besser zurechtzufinden als bisher. Nur eines dieser Unterweltsbücher, das sogenannte Amduat, ist dabei in einer vollständigen schematischen Umzeichnung all seiner zwölf Szenen auch als Bildmaterial beigegeben. Hornung beschreibt allerdings alles so präzise, dass man das Fehlen eines in anderen Bänden der Reihe C.H. Beck Wissen durchaus vorhandenen Tafelteils allenfalls kurz bedauert. Ungünstig ist dagegen, dass die einzige Karte im Buch sich auf den Ostteil des Tals der Könige beschränkt, während die Legende auch Gräber erfasst, die im Westteil liegen (wie das des Pharaos Aja / Eje), so dass man hier in die Situation geraten kann, auf der Karte vergeblich nach einer in der Legende genannten Nummer zu suchen.
Auf den Hauptteil des Buchs folgen kurze Abschnitte zu Götterdarstellungen abseits der religiösen Bücher, Sarkophagen, Grabbeigaben und Grabraub, Königsmumien und dem eigentlichen Bau der Gräber. Wer sich allerdings speziell für eines dieser Themen interessiert, muss zu ausführlicheren und tiefergehenden Werken greifen, denn hier sind sie erkennbar nur als knappe Ergänzung zu den hauptsächlichen Untersuchungsgegenständen behandelt.
Bei den Schwerpunkten, die er setzt, ist Hornung jedoch ein kenntnisreicher und anregend formulierender Reisebegleiter in eine fremde Welt, der vor allem die Kunst, Bilder nur aus Worten entstehen zu lassen, sehr gut beherrscht. Als Einstieg in Jenseitsvorstellungen und Grabarchitektur des Alten Ägypten ist Das Tal der Könige daher auf jeden Fall zu empfehlen.

Erik Hornung: Das Tal der Könige. 2., durchges. Aufl. München. C.H. Beck, 2010, 125 Seiten.
ISBN: 9783406479953


Genre: Geschichte, Märchen und Mythen

Heilsam – Kleidsam – Wundersam

Der als Sonderheft der Zeitschrift Archäologie in Deutschland erschienene Band von Sabine Karg und Ewald Weber informiert – so verheißt es der Untertitel – über Pflanzen im Alltag der Steinzeitmenschen. Kenntnisreich und voller spannender Details wird dieses Versprechen auch eingelöst. Konkret geht es um die jungsteinzeitlichen Feuchtbodensiedlungen des Voralpenraums (insbesondere am Bodensee und in der Schweiz) und die dort aufgrund der besonders günstigen Erhaltungsbedingungen gemachten archäobotanischen Funde, die Aussagen über die Verbreitung und Nutzung verschiedenster Pflanzen in der damaligen Epoche erlauben.
Die Ackerbau und Viehzucht betreibenden Menschen der Jungsteinzeit schufen und bewohnten bereits eine Kulturlandschaft, die allerdings noch wesentlich naturnäher war als heute und von einer eher gartenähnlichen Landwirtschaft geprägt war, während große Felder wohl erst späteren historischen Phasen ab der Bronzezeit angehören. Sowohl wilde als auch gezielt herangezogene Pflanzen wurden auf vielfältige Art genutzt.
Zentrale Bedeutung hatten Pflanzen natürlich vor allem für die Ernährung, und dieses in mehreren Kapiteln (über pflanzliche Lebensmittel allgemein und über ihre Zubereitung und Haltbarmachung im Speziellen) aufbereitete Thema bildet denn auch das Herzstück des Buchs. Während manche der damals genutzten Nahrungsmittel (wie Rohrkolben oder Wildgrassamen) dem heutigen Speiseplan eher fremd sind oder durch ihre jüngeren Kulturformen völlig aus der Küche verdrängt wurden (so z.B. Wildäpfel), sind andere seit Jahrtausenden populär geblieben (beispielsweise Holunder oder Himbeeren). Auch überregionale Handelsbeziehungen lassen sich auf diesem Gebiet nachweisen: So gelangte z.B. Saatgut aus dem Mittelmeerraum in die hier untersuchte Region. Mittelbar nützten Pflanzen der menschlichen Ernährung, wenn sie als Viehfutter Verwendung fanden. Auch hier stößt man zum Teil auf Ungewohntes, so etwa auf Misteln als gängiges Ziegenfutter.
Große Bedeutung hatten Pflanzen jedoch auch als Ausgangsmaterial für Gebäude und Gegenstände. Aus Holz und Schilf ließen sich nicht nur Behausungen, sondern auch Boote und Flöße herstellen. Rinde und Bast boten sich als Grundstoff für Gefäße und Fischernetze an, während sich aus Haselruten sogar mobile Brücken konstruieren ließen. Auch Kleidung und andere Textilien waren oft pflanzlichen Ursprungs. Nicht nur hier, sondern auch bei Wollstoffen und Keramik dienten Pflanzenfarben aller Art zur Verzierung und Verschönerung (so dass das Autorenduo hervorhebt, dass die in Rekonstruktionen gängige Darstellung von einförmig braunen Steinzeitgewändern womöglich gar nicht der Realität entspricht).
Bei allem Spannenden und manchmal Verblüffenden, was sich aus den archäobotanischen Funden ableiten lässt, verhehlen Karg und Weber jedoch auch nicht, was man – zumindest bisher – nicht weiß. So ist zwar Seifenkraut zahlreich in den Steinzeitsiedlungen des Alpenraums nachgewiesen, was einen Gebrauch zum Waschen von Textilien und zur Körperpflege nahelegt, aber wie genau damals für Sauberkeit gesorgt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis ebenso wie die Antwort auf die Frage nach dem Einsatz von Drogen, berauschenden Getränken und Heilpflanzen. Mit ein Grund dafür, dass vieles offen bleiben muss, ist auch, dass die zu den hier besprochenen Siedlungen gehörigen Bestattungsplätze bis heute nicht bekannt sind. Die Menschen selbst, deren Leben hier bruchstückhaft rekonstruiert wird, entziehen sich also noch dem Zugriff der Archäologie und werden nur selten einmal direkt greifbar (z.B. durch Zahnabdrücke in einer Art Kaugummi aus Birkenpech).
Eine Sammlung von kurzen Pflanzenporträts der im Text besprochenen Arten, eine Übersichtskarte zu den archäologischen Stätten und eine tabellarische Auflistung der dort gemachten funde runden den durchgängig reich bebilderten und äußerst lesenswerten Band ab.

Sabine Karg, Ewald Weber: Heilsam – Kleidsam – Wundersam. Pflanzen im Alltag der Steinzeitmenschen. Darmstadt, Theiss (WBG), 2019 (Sonderheft der „Archäologie in Deutschland“ 01/2019), 112 Seiten.
ISBN: 9783806239423


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

Das Knopfbuch

Praktischer Verschluss, modischer Zierrat, Statussymbol, Wirtschaftsfaktor oder begehrtes Sammelobjekt – Knöpfe spielen seit vor- und frühgeschichtlicher Zeit für die Menschen viele verschiedene Rollen. Zu einem facettenreichen und liebevoll bebilderten Streifzug durch Herstellung, Gebrauch und Kulturgeschichte dieser nur scheinbar unbedeutenden Gegenstände lädt Stephanie Schneider in ihrem Knopfbuch ein.
Nach einer kurzen Vorstellung der gebräuchlichsten Knopfformen und -größen stehen zunächst einmal die Materialien im Vordergrund, aus denen Knöpfe hergestellt wurden und werden. Von Naturprodukten tierischen oder pflanzlichen Ursprungs wie Perlmutt, Holz, Hirschhorn oder Bambus bis hin zu allerlei modernen Kunststoffen ist die die Auswahl schier unüberschaubar und hält neben Gewöhnlichem auch manch Exotisches bereit, das die meisten Leserinnen und Leser wohl nicht im eigenen Kleiderschrank finden dürften (wie z.B. Haizähne oder Schreibmaschinentasten).
Der daran anschließende umfangreichste Teil des Buchs ist der Geschichte des Knopfs gewidmet, der, zunächst nur mit einer Schlaufe als Gegenstück, ab dem Hochmittelalter auch mit dem uns heute vertrauteren Knopfloch, schon früh in allen möglichen Formen überliefert ist und sich flexibel allen Wandlungen von Mode und Selbstdarstellung anpasste. Hier finden sich daher auch viele kostümhistorische Details, die weit über das Thema Knopf hinausgehen.
Abschließend folgen noch eine kleine Sammlung von Kuriosa und Anekdoten und eine Betrachtung des Phänomens der Knopfkiste, die es in vielen Haushalten gibt. In Stephanie Schneiders persönlichen Betrachtungen und Erinnerungen zu diesem Thema entfaltet das Buch seinen größten Charme, und man liest schmunzelnd von Kinderspielen und Familienüberlieferungen, die sich mit Knöpfen verbinden.
Leider kann man jedoch bei einigen der historischen Informationen insbesondere über die frühesten Epochen berechtigte Zweifel haben, ob sie zutreffen. So können koptische Gräber nicht „aus der Zeit um 4500 bis 4000 v.Chr. “ (S. 56) stammen, sondern müssen wesentlich jünger sein. Auch wenn „die ersten Metallknöpfe der Bronzezeit, wie ‚Ötzi‘ sie getragen hat“ (S. 55), Erwähnung finden, darf man sich wundern. Nicht genug damit, dass der berühmte Gletschermann gemeinhin in die Jungsteinzeit bzw. Kupferzeit datiert wird und damit wohl etwa tausend Jahre vor Beginn der mitteleuropäischen Bronzezeit starb, zu seiner Kleidung gehörten laut Literatur zum Thema gar keine Knöpfe. Aufgrund der Konzeption eher als unterhaltsamer Geschenkband denn als Fach- oder Sachtext mit Quellennachweisen bleibt unklar, woher solche Fehlinformationen stammen, doch sie sorgen natürlich dafür, dass man auch auf Gebieten, auf denen man sich nicht gut genug auskennt, Bedenkliches sofort zu erkennen, der Zuverlässigkeit des Buchs zu misstrauen beginnt.
Das Gesamturteil muss daher notwendigerweise zweigeteilt ausfallen. Von der liebevollen Gestaltung her und als persönliche Auseinandersetzung mit dem Knopf macht Das Knopfbuch viel Vergnügen, doch als Informationsquelle braucht es zuallermindest vertrauenswürdige Ergänzungen, um einen nicht in die Irre zu führen.

Stephanie Schneider: Das Knopfbuch. Berlin, Insel Verlag, 2018 (Insel-Bücherei 1447), 136 Seiten.
ISBN: 9783458194477


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

Die Wikinger

Der Begriff „Wikinger“ weckt rasch eine Fülle von Assoziationen. Nicht nur die mit den immer noch durch die populäre Vorstellungswelt geisternden Hörnerhelmen ist falsch. Rudolf Simek stellt in seiner kompakten Einführung Die Wikinger dem Wikingermythos, der schon seit dem Mittelalter immer wieder seltsame Blüten treibt, die Fakten gegenüber, die sich über die Realität der Wikingerzeit den teilweise mit Vorsicht zu genießenden Quellen entnehmen und aus archäologischen Funden rekonstruieren lassen.
Für die das 9. bis 11. Jahrhundert prägenden Plünderungs- und Migrationszüge der Skandinavier benennt Simek dabei keinen einzelnen Grund (wie eine in der Forschung oft vermutete, aber wohl historisch nicht belegbare Überbevölkerung), sondern bevorzugt ein multikausales Modell, in dem spezifische Erbrechts- und Gefolgschaftssysteme ebenso eine Rolle spielen wie die schlichte Gier nach Ruhm und Reichtum. Einen wichtigen Faktor sieht er jedoch vor allem in den bis ins 8. Jahrhundert allmählich erfolgten Verbesserungen im Schiffbau, die es den Wikingern erlaubten, ein im Ostseeraum schon länger praktiziertes Muster von Raubüberfällen und Siedlungsverlagerungen auf die gesamten europäischen Küsten und sogar darüber hinaus auszudehnen.
Dementsprechend detailliert werden verschiedene Schiffstypen sowie Segel- und Navigationstechniken vorgestellt. Stärker noch in diesem Kapitel als in dem der altnordischen Literatur gewidmeten merkt man Simek hier den Germanisten an, der viel Freude an den poetischen Kenningar der Wikinger für ihre Schiffe hat (ob nun „Fjordhunde“, „Wellenwölfe“ oder gar „Windpferd“). Derselbe Spaß am Literarischen schwingt bisweilen auch in der Auswahl der Quellenzitate mit, wenn etwa die Prahlerei, „Fahrtwind selbst gegen den Tod“ zu haben, zur Charakterisierung des in den Schilderungen der Sagas und äußerer Beobachter überbordend erscheinenden Lebensgefühls der Epoche herangezogen wird.
Die Ereignisgeschichte der wikingischen Expansion macht den zentralen Teil des Buchs aus und zeigt eine je nach geographischem Raum unterschiedliche Zielsetzung der Fahrten an: Während in Westeuropa zunächst Plünderungen und Tributerpressungen im Vordergrund standen, aus denen sich erst im zweiten Schritt feste Ansiedlungen und Herrschaftsbildungen ergaben (am erfolgreichsten in der Normandie), war die Landnahme im nordwestlichen atlantischen Raum (Island, Grönland) sofort vorrangiges Ziel. In Osteuropa schließlich erscheinen Wikinger weniger als Plünderer denn als Händler und Söldner. Im Leben einzelner Personen konnten die Übergänge zwischen diesen Daseinsformen allerdings durchaus fließend sein.
Ähnlich quellennah werden Alltags-, Sozial-, Literatur- und Religionsgeschichte in jeweils eigenen Kapiteln beleuchtet. Dabei wird schnell deutlich, dass es angesichts des weitgespannten geographischen und zeitlichen Rahmens bisweilen schwierig ist, pauschale Aussagen über „die Wikinger“ allgemein zu treffen. So konnte etwa die gesellschaftliche Stellung von Frauen regional selbst in eng benachbarten Gebieten recht unterschiedlich sein. Über andere Themen schließlich ist generell kaum etwas bekannt: Zwar gibt es Funde von Musikinstrumenten wie Flöten und Leiern aus der Wikingerzeit, aber was genau darauf gespielt wurde, ist für uns – anders als, wenn auch hochmittelalterlich überformte, Reste der Dicht- und Erzählkunst – unwiederbringlich verloren.
Auf anderen Gebieten dagegen lässt sich viel herausfinden, und wie jede gute Einführung macht auch diese hier Lust darauf, genau das zu tun und noch tiefer ins Thema einzusteigen, vielleicht sogar mit einem anderen Buch desselben Autors.

Rudolf Simek: Die Wikinger. München, C.H. Beck, 6. Auflage 2016, 136 Seiten.
ISBN: 9783406418815


Genre: Geschichte

Antike. 100 Seiten

Auf nur hundert Seiten eine kleine Einführung in die Antike zu präsentieren – das ist der Anspruch, mit dem Holger Sonnabends Antike aus der neuen Reclam-Reihe 100 Seiten antritt. Der bunt gestaltete Einband sowie Format und Umfang des Buchs erinnern auf den ersten Blick ein wenig an die Reihe C. H. Beck Wissen, doch damit endet die Ähnlichkeit auch schon. Denn während die Beck-Bändchen in aller Regel für ein Fach- wie für ein Laienpublikum gleichermaßen interessant sind, da die jeweiligen Themengebiete zwar knapp, aber durchaus mit wissenschaftlichem Anspruch aufbereitet werden, stehen in diesem Buch die Unterhaltung und der fast voraussetzungslose Einstieg in die Antike im Vordergrund. Wer zuletzt im Schulunterricht oder bei der Asterix-Lektüre mit Römern und Griechen zu tun hatte und ein bisschen mehr herausfinden möchte, ist hier genau an der richtigen Stelle.
In kurzen Kapiteln, zusätzlich aufgelockert durch Grafiken, Fotos und Textkästen mit Zusatzinformationen, skizziert Sonnabend zunächst einmal Forschungsgeschichte und Epochenabgrenzung (und betrübt die Rezensentin dabei sehr mit der Vermutung, es wollten „die Mittelalter-Historiker wissen, wann die Antike endlich zu Ende ist und sie mit ihrer Geschichte beginnen dürfen“ – ganz so gram sind wir in der Mediävistik der Antike ja nun doch nicht).
Dann geht es im munteren Streifzug kreuz und quer durch die Antike. Man erhält nicht nur ein paar grundlegende Informationen über die berühmtesten Persönlichkeiten (ob nun Hannibal, Archimedes, Kleopatra oder Augustus), sondern auch über das Alltagsleben, aus dem Altertum überlieferte Zitate, die Sieben Weltwunder, die Olympischen Spiele oder Caesars Kalenderreform. Auch das Fortwirken der Antike in der Moderne spielt eine prominente Rolle, wobei ein Stichwort wie „Demokratie“ nicht weiter überrascht, „Nahostkonflikt“ dagegen vielleicht schon eher (obwohl die Aufnahme wohlbegründet ist). Nicht nur auf ideeller Ebene, sondern ganz handfest ist die Antike dagegen in archäologischen Fundstätten und erhaltenen ebenso wie rekonstruierten Bauten präsent, die in begrenzter Auswahl aufgezählt werden. Die heikle Frage, ob antike Kunstwerke wie die Elgin Marbles oder der Pergamonaltar sich eigentlich rechtmäßig an ihrem heutigen Aufstellungsort befinden, wird ebenfalls erörtert, und auch der Antikenrezeption im Film ist ein kleiner Abschnitt gewidmet. Das alles liest sich vergnüglich und flüssig und wird zusätzlich noch durch mit leichter Hand eingestreute Kuriositäten bereichert (so gab es auch in der Antike schon Automaten oder ein ganz neuzeitlich anmutendes Problem wie Doping im Sport).
Natürlich können auf dem engen Raum all solche Details nur kurz erwähnt werden, doch auf den Erwerb profunder Kenntnisse oder die minutiöse Diskussion von Forschungsproblemen ist das Werk auch gar nicht angelegt. Als das, was es sein soll – ein Appetithappen, der Lust auf mehr Antike macht -, erfüllt es seinen Zweck sehr gut. Alle, die sich bereits besser im Altertum auskennen, dürften zumindest ihren Spaß daran haben, zu sehen, welche Aspekte hier zu einem netten Potpourri vereint sind.

Holger Sonnabend: Antike. 100 Seiten. Stuttgart, Reclam, 2017, 102 Seiten.
ISBN: 9783150204313


Genre: Geschichte

Der Investiturstreit

Der Investiturstreit, der sich an der Abgrenzung der jeweiligen Rechte von Kaiser und Papst bei der Einsetzung von Bischöfen entzündete, ist sicher einer der bekanntesten Konflikte des Mittelalters. Entsprechend viel ist darüber schon geschrieben worden. Trotz der Fülle der Forschungsliteratur und widerstreitenden Theorien gelingt es der Historikerin Claudia Zey in ihrem kleinen Bändchen Der Investiturstreit, einen knappen und präzisen Überblick über den Ablauf der mehrere Jahrzehnte währenden Auseinandersetzung, ihre wichtigsten Akteure (beileibe nicht nur Gregor VII. und Heinrich IV.) und die langfristigen Folgen zu bieten.
Anders als zuletzt häufig geschehen (vgl. etwa Stefan Weinfurters Canossa. Die Entzauberung der Welt) legt Zey den Fokus dabei nicht auf die im Zuge des Investiturstreits erfolgte Entsakralisierung des König- und Kaisertums, die oft als erster, wenn auch zögerlicher Schritt zur damals noch Jahrhunderte entfernten Trennung von Staat und Kirche und zu säkularen Weltdeutungen begriffen wird. Vielmehr versieht sie diese Perspektive mit einem Fragezeichen, da Verflechtungen von Religion und Herrschaft noch lange fortwirken sollten (etwa in dem insbesondere in Frankreich und England verbreiteten Aberglauben, der König  könne Heilungswunder bewirken).
Ihr Hauptaugenmerk liegt eher auf den strukturellen Wandlungen von Herrschaft und Kirchenorganisation, die durch den Investiturstreit unmittelbar oder indirekt gefördert, wenn nicht gar ausgelöst wurden: So gehen etwa die Konsolidierung der päpstlichen Vormachtstellung innerhalb des westlichen Christentums und die Institutionalisierung des Kardinalskollegiums als Wahlgremium für den Papst auf diese Epoche zurück. Umgekehrt half der Investiturstreit auch den Fürsten des späteren Heiligen Römischen Reichs, ihren politischen Einfluss zu zementieren und eine primär auf Ministerialität und Städte gestützte Königsherrschaft dauerhaft zu verhindern.
Die Ironie des Investiturstreits sieht Zey vor allem darin, dass das salische Kaiserhaus anfangs aus einer Position der Stärke heraus genau die reformorientierten Kräfte unterstützte, aus deren Reihen dann die schärfsten Gegner einer Einmischung weltlicher Herrscher in die Besetzung kirchlicher Ämter stammen sollten. Zwar gelang es den Reformpäpsten nicht, ihre Maximalforderungen durchzusetzen, aber die Weichen für einen Ansehensgewinn des Papsttums gegenüber dem Kaisertum waren gestellt. Nicht zuletzt ging mit dem Aufbrechen der engen Bindungen zwischen der Kirche und den Nachfolgern der (ost-)fränkischen Herrscher auch eine Stärkung der Einflussmöglichkeiten anderer europäischer Mächte einher. Dass das Verhältnis zwischen Papst und Kaiser bzw. König damit nicht abschließend geklärt war, belegen zwar spätere Konflikte etwa in der Stauferzeit, doch entscheidende Kräfteverschiebungen gegenüber dem Frühmittelalter waren angestoßen und nicht mehr rückgängig zu machen.
Zeys nüchterner und präziser Stil erleichtert es, ihrer Argumentation zu folgen und die Flut von Details aufzunehmen, die ihren Weg in das schmale Buch gefunden hat. Wer einen ersten Einstieg in die Zeit des Investiturstreits sucht oder aber vorhandene eigene Kenntnisse auffrischen und vielleicht um neue Interpretationen bereichern will, ist daher mit dem vorliegenden Band glänzend beraten.

Claudia Zey: Der Investiturstreit. München, C. H. Beck, 2017, 128 Seiten.
ISBN: 9783406706554


Genre: Geschichte

Die vergessene Römerschlacht

Lange herrschte in der Geschichtswissenschaft der Forschungskonsens, dass die Römer nach den Feldzügen des Germanicus im frühen 1. Jahrhundert n. Chr. keine tiefen Vorstöße mehr nach Germanien unternommen hätten. Anderslautende Angaben in historischen Quellen, wie etwa in der spätantiken und in ihrer Zuverlässigkeit ohnehin oft angezweifelten Historia Augusta, wurden als Übertreibung oder glatte Fiktion abgetan. Insofern war es für Fachwelt wie Öffentlichkeit eine veritable Überraschung, als archäologische Untersuchungen ab 2008 am Harzhorn in Niedersachsen Spuren von Kämpfen zutage förderten, an denen ganz offensichtlich römische Truppen des 3. Jahrhunderts n. Chr. beteiligt waren.
Der an der Erforschung der Funde vom Harzhorn mitwirkende Archäologe Günther Moosbauer stellt diese titelgebende Vergessene Römerschlacht anschaulich für ein allgemeines Publikum vor und ordnet die Vorgänge umfassend in den historischen Kontext ein. Dieser füllt dementsprechend einen Großteil des Buchs, da Moosbauers Interesse stärker der longue durée als dem Einzelereignis gilt. Schon in der Germanenpolitik des Antoninus Pius im 2. Jahrhundert sieht er den Keim des von den Markomannenkriegen Marc Aurels bis in die Spätantike mit mehr oder minder starker Intensität schwelenden Dauerkonflikts: Damals sei die Chance vertan worden, frühzeitig auf Kräfteverschiebungen innerhalb des Barbaricums zu reagieren, während eine spätere Konsolidierung wiederum durch innerrömische Machtkämpfe verhindert worden sei.
Denn bei Maximinus Thrax, dem militärisch tüchtigen Kaiser, dessen 235/236 geführter Vorstoß im Harzhornereignis sichtbar wird, sieht Moosbauer durchaus das Potential zu einer langfristigen Sicherung der römischen Grenze zu Germanien. Da der selbst nur durch die Ermordung seines Vorgängers Severus Alexander zur Herrschaft gelangte Maximinus jedoch schon 238 ein gewaltsames Ende fand, bleibt diese Überlegung ein Gedankenspiel. Der Feldzug des Kaisers ins Innere Germaniens hingegen lässt sich quellenmäßig und nun auch archäologisch fassen und wird von Moosbauer in aus den Sachinformationen entwickelten kleinen Szenen verlebendigt, so dass auch Laien sich gut ausmalen können, wie die kriegerischen Aktivitäten wohl verlaufen sein mögen. Kartenmaterial und Abbildungen (von historischen Relikten, aber auch von Rekonstruktionen) tragen ebenfalls dazu bei, den Zugang zu der fernen Zeit zu erleichtern. Was aufgrund des umfassenderen Ansatzes des Buchs überwiegend fehlt, ist eine detaillierte Auseinandersetzung mit einzelnen Fundstücken vom Harzhorn; für alle, die sich dafür interessieren, ist nach wie vor der gelungene Katalog der Braunschweiger Ausstellung zum Thema von 2013 empfehlenswert (Roms vergessener Feldzug. Die Schlacht am Harzhorn, ISBN 9783806228229).
Als Überblicksdarstellung dagegen bietet Moosbauers Buch alles, was man braucht, um einen ersten Einstieg ins Thema zu finden. Nur eine gründlichere Arbeit von Lektorat und Korrektorat hätte man dem sonst so schönen Band gewünscht, denn leider sind neben einigen Flüchtigkeits- und Tippfehlern auch ein paar unglücklich formulierte und damit missverständliche Sätze stehen geblieben (etwa „Caracalla suchte häufig Heiligtümer des Apollo auf, da er unter einer psychischen Krankheit litt“, S. 44; natürlich ist gemeint, dass der Kaiser sich seines Leidens bewusst war und auf Heilung durch den Gott hoffte, aber hier stutzt man doch und fragt sich im ersten Augenblick, ob etwa ein allgemeiner Zusammenhang zwischen paganer Religionsausübung und mangelnder seelischer Gesundheit postuliert werden soll).
Insgesamt fallen diese kleinen Schönheitsfehler jedoch nicht sehr ins Gewicht. Wer eine an einem archäologische fassbaren Kampf festgemachte Zusammenfassung der römischen Außenpolitik des 2. und 3. Jahrhunderts zwischen Germaneneinfällen und Auseinandersetzungen mit den Sassaniden sucht, kann also mit der Vergessenen Römerschlacht eigentlich nicht viel falsch machen.

Günther Moosbauer: Die vergessene Römerschlacht. Der sensationelle Fund am Harzhorn. München, C. H. Beck, 2018, 201 Seiten.
ISBN: 9783406724893


Genre: Geschichte

Die seltsamsten Orte der Antike

Die Forschung zu Orten – insbesondere Erinnerungsorten, die zu Kristallisationspunkten bestimmter kultureller Narrative werden – hat in den letzten Jahren Konjunktur. Kein Wunder also, dass diesbezüglich inzwischen auch über die Antike viel geschrieben worden ist und neben dem Wohlbekannten allmählich Ungewöhnliches in den Fokus gerät. Schon im Titel verspricht das neue Buch des Althistorikers Martin Zimmermann eine Reise zu den Seltsamsten Orten der Antike. Wer daraufhin auf eine Art Kuriositätenkabinett des Altertums hofft, sollte sich allerdings bewusst sein, dass die Ankündigung nur mit zwei Einschränkungen eingelöst wird.
Zum einen sind viele der locker nach zehn Themengebieten (wie etwa Geisterstädte oder Jenseits des Alltags) geordneten Orte nicht aus antiker Sicht, sondern nur für uns Heutige seltsam, da sich Wertesystem und kulturelle Grundannahmen in den vergangenen Jahrtausenden beträchtlich verändert haben (so mag uns die Sitte, nach einer Schlacht aus Rüstungsteilen der Besiegten ein Tropaion als vergängliches Siegesmal zu errichten, sonderbar bis geschmacklos erscheinen, doch in manchen Phasen der altgriechischen Geschichte war sie gängig). Zum anderen sind mehrere Orte vertreten, die selbst heute nicht allzu seltsam wirken, sondern nur durch irgendeine Besonderheit etwa des archäologischen Erhaltungszustands aus der Masse vergleichbarer Stätten herausragen. Beispielsweise dürfte das Römerkastell Vindolanda für die Zeitgenossen ein mehr oder minder normaler Ort gewesen sein und wäre auch für uns nicht über Gebühr bemerkenswert, wenn dort nicht zufällig mit den sogenannten Vindolanda Tablets zahlreiche Briefe aus dem 1. bis 2. Jahrhundert n. Chr. gefunden worden wären.
Wer sich allerdings von dieser sehr weitgefassten Definition von Seltsamkeit nicht abschrecken lässt, wird mit einem vielfältigen Streifzug durch die Antike belohnt, der einerseits immer wieder ihre Alterität erfahrbar macht, andererseits aber sympathischerweise auch von viel Mitgefühl für die Opfer von Gewalt und Grausamkeit geprägt ist (ganz gleich, ob es nun um Kriegsverlierer, Sklaven oder die zahllosen bei römischen Volksbelustigungen niedergemetzelten Tiere geht). Die sehr menschliche und zugängliche Perspektive, die daraus spricht, zeigt sich auch in dem immer wieder auf die heutigen Verhältnisse an den geschilderten Orten gerichteten Blick und der auch hier deutlichen Kritik an Kriegsgräueln oder auch nur allgemeiner Rücksichtslosigkeit. Und grausige Aspekte haben viele der geschilderten Plätze, von der Stätte eines mesopotamischen Heilungskults, in dessen Rahmen reihenweise Hunde gequält und getötet wurden, über die Gemonische Treppe in Rom, auf der man die Leichen Hingerichteter schändete, bis hin zum keltischen Oppidum Entremont, in dem stolz die Schädel toter Feinde präsentiert wurden.
Durchgängig düster und schockierend ist das Buch gleichwohl nicht, im Gegenteil: Über weite Strecken ist der Unterhaltungswert hoch, besonders in den Passagen, in denen wirklich Bizarres geschildert wird. So lernt man ein Spukhaus in Athen kennen, in dem kettenrasselnd ein Gespenst umgeht, bis ein Philosoph sich beherzt des Geists annimmt, oder erfährt vom unwahrscheinlichen Aufstieg des Städtchens Abonuteichos, in dem ein Betrüger mithilfe einer Schlange einen fragwürdigen, aber populären Orakelkult zu etablieren wusste. Hier kann man über einiges schmunzeln, und die humorvollen Illustrationen von Lukas Wossagk tragen dazu bei, diesen Aspekt des Buchs zu betonen. Natürlich kommen auch legendäre Orte wie Troja, Thule oder die Hängenden Gärten von Babylon zu ihrem Recht (wobei Zimmermann nicht mit Kritik an Forscherkollegen spart, die meinen, Sagenumwobenes bis Fiktives geographisch sicher lokalisieren zu können).
Sprachlich lesen sich Die seltsamsten Orte der Antike flüssig und schwungvoll, denn der Stil bleibt von aller wissenschaftlichen Trockenheit weit entfernt. Allerdings hätte man dem Buch in dieser Hinsicht an einigen Stellen ein gründlicheres Lektorat gewünscht (so werden „der“ und „das Verdienst“ sowie „der“ und „das Schild“ verwechselt). Auch in anderer Hinsicht hat es sich der Verlag ein bisschen leicht gemacht: So gibt es zwar durchaus ein Register, aber das hat nicht den Weg ins Buch gefunden, sondern steht mit dem Literaturverzeichnis nur im Internet zum Download bereit. Auch abgesehen von der zusätzlichen Mühe, die Interessierten damit zugemutet wird, zeugt das nicht gerade von einer Planung für die Ewigkeit.
Alles in allem präsentiert sich das Werk jedoch trotz aller kleinen Schönheitsfehler und ungeachtet der Tatsache, dass es nicht ganz hält, was sein Titel verspricht, als spannender und oft überraschender Spaziergang durch die Kulturgeschichte des Altertums, der Antikenfans durchaus zu empfehlen ist.

Martin Zimmermann: Die seltsamsten Orte der Antike. Gespensterhäuser, Hängende Gärten und die Enden der Welt. München, C. H. Beck, 2018, 336 Seiten.
ISBN: 9783406727047


Genre: Geschichte