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Römisches Kochbuch

Die Aufbereitung historischer Rezepte für moderne Geschmäcker und Bedürfnisse liegt im Trend, und gerade die römische Küche, aus der mit dem sogenannten Kochbuch des Apicius, aber auch mit einzelnen Anleitungen etwa bei Cato und Columella die genaue Zubereitung zahlreicher Gerichte überliefert ist, bietet in der Hinsicht ein dankbares Betätigungsfeld.
Robert Maiers Römisches Kochbuch ist ein besonders gut konzipiertes Beispiel für einen solchen kulinarischen Ausflug ins alte Rom, das durch große Sachkenntnis besticht. Bevor es zu den eigentlichen Rezepten geht, verrät eine kurze Einführung viel Wissenswertes über die römische Küche. Neben den üblichen Hinweisen zu damals noch nicht bzw. heute nicht mehr bekannten Zutaten und einer Vorstellung der wichtigsten Quellen geht es dabei auch um Feinheiten, die man sonst selten bedenkt (etwa darum, dass bestimmte Gemüsesorten heute größer gezüchtet werden, als sie es in der Antike waren), und um Traditionen, die bis heute überdauert haben: So lassen sich etwa die Ursprünge mancher Arten von Wurst und Gebäck, die in bestimmten italienischen Regionen immer noch gängig sind, bis in die Römerzeit zurückverfolgen. Daneben finden sich interessante Überlegungen zum Preis von Lebensmitteln in der Antike. Zumindest einzelne Werte haben sich hier nicht sehr verändert: Umgerechnet kostete ein Ei zur Zeit des Kaisers Diokletian ungefähr das Gleiche wie heute ein Bio-Ei.
Die eigentlichen Rezepte sind nach den Kategorien Getränke, Eingemachtes, Vorspeisen, Hauptgerichte, Beilagen, Nachspeisen und Gebäck geordnet. Neben heute gängigen Mengenangaben und Zubereitungsempfehlungen bieten sie immer wieder auch durchdachte Detailtipps (z.B. sind Hinweise enthalten, wann man in einem Rezept besser etwas verändert sollte, weil der Garprozess sonst bei einem modernen Herd oder Ofen nicht zum selben Resultat führt wie bei der Nutzung der jeweiligen antiken Pendants).
Trotz dieser Anpassung an unsere Möglichkeiten und Kochgewohnheiten ist das Römische Kochbuch aber eines der wenigen seiner Art, das neben alltäglichen Rezepten ganz bewusst auch solche für schwelgerische Feste enthält. Wer also schon immer wissen wollte, wie er ein Spanferkel mit Füllung aus Hähnchen, Wachteln, Weinbergschnecken und allerlei Gemüse und Früchten zubereiten kann – hier gibt es die Schritt-für-Schritt-Anleitung, komplett mit der wenig überraschenden Versicherung, dass man damit garantiert „eine große Anzahl von Gästen“ satt bekommt. Wahrscheinlich wird man zwar eher etwas einfachere Speisen spontan nachkochen (z.B. eines der vielen empfehlenswerten Pilzgerichte), aber es verdient doch Anerkennung, dass Robert Maier nicht einfach unterschlägt, dass auch solch übersteigerte Üppigkeit durchaus Teil der gehobenen römischen Küche war, und sich tatsächlich an eine Umsetzung wagt.
Aber keine Sorge: Auch Vegetarier und Veganer kommen hier auf ihre Kosten, und die Menüvorschläge, die das Buch abrunden, sind jeweils so gekennzeichnet, dass man schnell erkennt, ob sie nur für Fleisch- und Fischfans oder speziell für die Freunde rein pflanzlicher Nahrung geeignet sind.
Nur eines fehlt dem kompakten Taschenbuch: eine Bebilderung. Wer wissen möchte, wie die römischen Gerichte denn nun zubereitet aussehen, hat keine Wahl, als sich ans Nachkochen zu machen – aber das lohnt sich durchaus.

Robert Maier: Römisches Kochbuch. Rezepte für die moderne Küche. Stuttgart, Reclam, 2015, 257 Seiten.
ISBN: 9783150110195


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

Münzen

Obwohl sie mittlerweile von Scheinen und bargeldlosen Transfermethoden immer weiter in den Hintergrund gedrängt werden, sind Münzen doch in gewisser Hinsicht bis heute das Geld schlechthin und waren über viele Jahrhunderte konkurrenzlos als Zahlungsmittel. Bernd Kluge, der ehemalige Leiter des Berliner Münzkabinetts, gibt in seiner kompakten Einführung Münzen einen gerafften, aber angemessen bebilderten und gut lesbaren Überblick über Geschichte, Funktion und unterschiedliche Ausprägungen des Münzgelds von den Anfängen im 7. Jahrhundert v. Chr. bis in die Gegenwart. Geographisch wird die gesamte Welt abgedeckt, der Schwerpunkt liegt aber doch eindeutig auf Europa, das in Bezug auf die historische Entwicklung seiner Münzen von der Antike bis in die Neuzeit am ausführlichsten behandelt wird.
Schnell wird dabei deutlich, dass Münzen von Anfang an weitaus mehr zu bieten hatten als nur ihren Materialwert oder ihre Funktion als Tauschobjekt. Durch ihre Gestaltung waren sie immer auch Kunstwerke, wie an eindrucksvollen Beispielen wie etwa dem Demarateion deutlich wird, einer besonders schön gestalteten Dekadrachmenmünze aus dem Syrakus des 5. Jahrhunderts v. Chr. Neben ihrem rein ästhetischen Wert dienten Münzen jedoch zugleich auch der Selbstdarstellung der Herrschenden und sind dementsprechend auch als geschichtliche Quelle nicht zu unterschätzen.
Ohne kommt der Bereich der historischen Entwicklung von Währungssystemen, Münzprägung und anderen praktischen Belangen nicht zu kurz. Ob nun mittelalterliche Münzverrufungen, verwendete Metallsorten oder Recheneinheiten, hier erfährt man auf engem Raum viel über die verschiedensten Gebiete.
Auch Kurioses kommt dabei durchaus zur Sprache. Wer z.B. schon immer einmal wissen wollte, was sich hinter den in Karl Mays Romanen so oft erwähnten Mariatheresientalern verbirgt und warum sie gerade auf orientalischen Schauplätzen immer wieder auftauchen, wird hier ebenso fündig wie derjenige, der sich für Münzen als Sammelobjekt interessiert. Hilfreiche Zusätze (wie etwa eine Übersichtstabelle über die aktuellen Währungen weltweit oder eine Zeittafel mit wichtigen Stationen der Geschichte der Münzen) runden den kleinen, aber ungeheuer kenntnisreichen Band ab.
Insgesamt weiß Bernd Kluge so zu verdeutlichen, dass die oft nur als bloße Hilfswissenschaft abgetane Numismatik gar nicht trocken und langweilig sein muss, sondern einem neben informativer auch sehr unterhaltsame Lektüre bescheren kann, die einem beim nächsten Museumsbesuch garantiert historische Münzen aufmerksamer und neugieriger betrachten lässt als bisher.

Bernd Kluge: Münzen. Eine Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart. München, C. H. Beck, 2016, 128 Seiten.
ISBN:9783406697746


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel

Die im Titel des schönen Bandes von Johannes Müller aufgelisteten Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel sind die eindrucksvollsten und bekanntesten Zeugnisse der Jungsteinzeit in Mitteleuropa, obwohl nur ein Bruchteil des ursprünglichen Bestands bis heute erhalten geblieben ist. Sie sind aber nicht das alleinige Thema des Buchs, das vielmehr mit geographischem Schwerpunkt auf Norddeutschland ein Panorama einer ganzen Epoche, der sogenannten Trichterbecherzeit (ca. 4100 bis 2800 v. Chr.), entwirft. Bevor der Blick sich auf Frühe Monumentalbauten Mitteleuropas (so der Untertitel) richtet, werden in der ersten Hälfte des Texts zunächst einmal kenntnisreich und detailfreudig Umwelt und Lebensweise der Menschen geschildert, die diese Denkmäler errichteten und oft über lange Zeiträume hinweg nutzten.
Es entsteht das Bild einer relativ wohlhabenden Gesellschaft, in der sakraler und profaner Bereich eng ineinandergriffen und überwiegend egalitäre Verhältnisse herrschten. Zwar gab es offenbar einzelne besonders geachtete und bedeutende Persönlichkeiten, die über den Tod hinaus für ihre Gemeinschaft wichtig blieben (so etwa eine um 3350 v. Chr. in der Siedlung Oldenburg-Dannau bestattete Frau, deren Grab über Jahrhunderte respektiert wurde und die als Gründerin des Dorfs gedeutet wird). Große soziale Unterschiede (ablesbar etwa an einer höherwertigen Ernährung für Bessergestellte) sind jedoch, anders als in späteren Zeiten, für die Trichterbecherkultur noch nicht erkennbar, und auch Hinweise auf gewalttätige Konflikte und ein kriegerisches Selbstverständnis fehlen größtenteils und finden sich erst sehr spät am Übergang zur anschließenden Einzelgrabkultur.
Interessant an diesem Befund ist vor allem die Beobachtung, dass der Bau der großen Megalithanlagen, der ab etwa 3500 v. Chr. einsetzte, mit einer klimatisch ungünstigen und für die Menschen sicher krisenhaften Periode zusammenfiel. Neben technologischen Neuerungen in der Landwirtschaft und im Handwerk trugen also offensichtlich die gemeinschaftlichen Anstrengungen von Dutzenden bis Hunderten von Personen, die zur Errichtung und Bewahrung der monumentalen Bauwerke notwendig waren, erheblich dazu bei, die schwierige Phase zu meistern. In seinen Deutungen, inwieweit Bau und Nutzung in religiöser und politischer Hinsicht zur Identitätsstiftung und Konfliktvermeidung beigetragen haben mögen, bleibt Müller stets angenehm zurückhaltend und sachlich: Vieles lässt sich eben nur vermuten, nicht sicher feststellen, auch wenn Vergleiche mit Gesellschaften, die heute noch Großsteinanlagen errichten (z.B. in Indonesien oder Indien), bestimmte Zusammenhänge erhellen können und auf ein ganz anderes Verständnis von Prestige und Reichtum als in der modernen westlichen Welt hindeuten.
Seine Anschaulichkeit gewinnt das Buch dabei vor allem aus seiner üppigen Bebilderung mit Fotos, Rekonstruktionszeichnungen, Kartenmaterial und anderen Grafiken, die oft zentrale Aspekte hervorheben, die in der Detailfülle des Texts sonst ein wenig untergehen könnten. Ein Glossar fehlt dagegen, so dass Laien wahrscheinlich mehr Freude an der Lektüre haben, wenn sie schon etwas Wissen über bestimmte archäologische Grundbegriffe mitbringen und nicht gerade mit diesem Buch den allerersten Einstieg in die Vor- und Frühgeschichte wagen. Vorkenntnisse helfen auch, zu erkennen, dass nicht unbedingt eine umfassende Auflistung aller Fundstellen und Megalithanlagen angestrebt ist (so ist z.B. die Übersichtskarte auf S. 112 eher selektiv). Angesichts des geringen Buchumfangs wäre das wohl auch nicht zu leisten gewesen. Als Fenster in eine ebenso ferne wie spannende Epoche und als Überblick über den aktuellen Forschungsstand zum Thema sind die Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel aber unbedingt lesenswert und echte Bereicherung der Literatur über die Jungsteinzeit.

Johannes Müller: Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel. Frühe Monumentalbauten Mitteleuropas. Darmstadt, Theiss (WBG), 2017, 112 Seiten.
ISBN: 9783806234640


Genre: Geschichte

Mesopotamien

Mesopotamien gilt als eine der Wiegen der Zivilisation, war aber von alters her kein homogenes Gebiet, sondern ein je nach Epoche unterschiedlich umrissener geographischer Raum, in dem allerlei Stadtstaaten und später auch Großreiche um die Vorherrschaft rangen. Verbindendes Charakteristikum all dieser Gemeinwesen war der Gebrauch der Keilschrift, und so ist Karen Radners Mesopotamien als Überblick über die Geschichte der Keilschriftkulturen vom späten 4. Jahrtausend v. Chr. bis in die römische Kaiserzeit angelegt.
Die Wechselfälle der Überlieferung dieser Schriftquellen, zu denen archäologische Funde nur ergänzend hinzugezogen werden, bestimmen deshalb auch die jeweilige Schwerpunktsetzung der chronologisch geordneten Darstellung. Details einer kontinuierlichen Ereignisgeschichte lassen sich für die frühen Jahrhunderte, in denen die Schrift primär administrativen und geschäftlichen Zwecken diente, gar nicht rekonstruieren. Von Uruk über Akkad bis Mittani muss man sich also naturgemäß mit groben Umrisslinien der politischen Vorgänge und unvermeidlichen Lücken begnügen.
Punktuell dagegen erfährt man sehr viel, etwa über die Tätigkeit altassyrischer Kaufleute des 19. Jhs. v. Chr. in Anatolien, deren Korrespondenz erhalten ist und einen sehr nahe ans damalige Leben heranführt (so lernt man den Fall eines Mannes aus Assur kennen, dem es offenbar gelang, sich durch seinen Aufenthalt im Ausland dreißig Jahre lang erfolgreich seinen Gläubigern in der Heimat zu entziehen). Auch aus dem Babylon des Königs Hammurabi (18. Jh. v. Chr.), der nicht ohne Grund für seine Gesetzesstele bekannt ist, verraten die Schriftquellen viel, darunter Nachvollziehbares (wie etwas das Bemühen, die Schuldsklaverei einzudämmen), aber auch teilweise aus heutiger Sicht eher Bizarres (wie das Eherecht der Nonnen des Gottes Marduk, die zwar heiraten, aber keinen Geschlechtsverkehr mit ihren Ehemännern haben durften, so dass zur Zeugung von Nachkommen Nebenfrauen oder Sklavinnen als eine Art Leihmütter einspringen mussten).
Ab dem 14. Jh. v. Chr., in dem der Stadtfürst Assur-uballit I. von Assur den Grundstein für den Aufstieg Assyriens zur Großmacht legte, ändert sich das Bild, und eine durchgehende Geschichtserzählung wird möglich. Kriege, Erbfolgestreitigkeiten und die Verlegung der assyrischen Hauptstadt nach Kalchu, Dur-Scharrukin und schließlich Ninive lassen sich ebenso nachverfolgen wie der Untergang des Reichs im späten 7. Jh. v. Chr. und die Entwicklung des kurzlebigeren neubabylonischen Reichs (626 bis 539 v. Chr.)  bis zur Eroberung durch die Perser.
Durch die Nutzung des in einer Alphabetschrift geschriebenen Aramäischen verlor die Keilschrift schon in neubabylonischer Zeit an Bedeutung. Unter persischer, seleukidischer und parthischer Herrschaft erscheint sie nur noch im religiösen und gelehrten Kontext und in Familienarchiven, um dann – soweit überliefert – 79 n. Chr. in einem astronomischen Text ein letztes Mal genutzt zu werden. Auch hier tritt die politische Geschichte deshalb wieder sehr in den Hintergrund.
Karen Radners Verdienst ist es, dass sie ihr disparates und Jahrtausende umspannendes Material durch die konsequente Orientierung an der Keilschrift und ihrem Gebrauch sinnvoll zu einem kompakten Überblick zu kondensieren versteht. Zu diesem Eindruck von Geschlossenheit trägt auch bei, dass die Forschungsgeschichte bis auf einen kurzen Ausblick am Schluss nicht gesondert behandelt, sondern jeweils in die Darstellung der einzelnen Zeitabschnitte eingeflochten wird. Vervollständigt durch eine hilfreiche Übersichtskarte und Abbildungen von Inschriften und Kunstwerken entsteht so eine auch für Laien gut lesbare, vorzügliche Einführung, die allen Interessierten ausdrücklich empfohlen werden kann.

Karen Radner: Mesopotamien. Die frühen Hochkulturen an Euphrat und Tigris. München. C. H. Beck, 2017, 128 Seiten.
ISBN: 9783406714061


Genre: Geschichte

Der Geschmack des Weltreichs

Die Alltagsgeschichte der römischen Antike ist nicht nur in der Forschung, sondern auch bei historisch Interessierten ein beliebtes Thema, und die Esskultur ist daraus nicht wegzudenken: Speisen, die man nachkochen und probieren kann, bieten schließlich mit den unmittelbarsten sinnlichen Zugang zu einer vergangenen Welt. Die überlieferten Rezepte sind jedoch in Mengenangaben und Zubereitungsempfehlungen oft äußerst vage. Abhilfe schaffen Kochbücher, die das antike Textmaterial heutigen Gepflogenheiten entsprechend ausdeuten. Der Geschmack des Weltreichs ist ein Beispiel für diese Buchgattung, das ins römische Germanien führt.
Der Romanautor Michael Kuhn nähert sich der römischen Kochkunst nicht aus streng wissenschaftlicher Perspektive, sondern von der unterhaltsamen Seite. Eine strikte Rekonstruktion steht nicht im Vordergrund, sondern der Spaß für Hobbyköchinnen und -köche. So sind die Rezepte in eine kleine Geschichte um das Pech eines jungen Legionärs eingebettet, der unfreiwillig als Küchenhilfe beim Gastmahl seines Vorgesetzten einspringen muss, und kommen in Geschmacksrichtung und Zutatenauswahl heutigen Vorlieben sehr entgegen. Wer also hofft, hier eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für orgiastische Prassereien à la Trimalchio zu erhalten, dürfte eher enttäuscht sein.
Stattdessen gibt es freie Interpretationen derjenigen antiken Rezepte (etwa von Apicius oder Cato), die im weitesten Sinne so etwas wie solide Hausmannskost ergeben, vom Fladenbrot über Linseneintopf und Schinken im Teigmantel bis hin zum Honig-Käsekuchen. Bequemlichkeit geht dabei teilweise vor historischer Korrektheit (so wird z.B. ein Wurstrezept in eines für Frikadellen umgewandelt und auch durchaus einmal Backpulver in den Teig gemischt). Aber nicht immer ist der Griff zu modernen Zutaten so bewusst: Ein Gericht wird mit grünen Bohnen zubereitet, die den Römern eigentlich noch unbekannt gewesen sein dürften, da sie aus der Neuen Welt stammen.
Nicht ganz klar geworden ist mir die Logik hinter der Grammatik der lateinischen Rezeptnamen, bei denen Nominativ und Akkusativ munter abwechseln. Hier hätte man sich ein gründlicheres und sprachkundigeres Lektorat gewünscht.
Auch bei den Illustrationen schwankt die Qualität ein wenig. Während die Fotos der einzelnen Gerichte ansprechend geraten sind, wirken die Grafiken mit der Übersicht über die den Römern bekannten und unbekannten Lebensmittel etwas unscharf und hätten eine hübschere Gestaltung verdient.
Ein Gesamturteil über den Geschmack des Weltreichs fällt daher im Endeffekt schwer. Einerseits ist einem an dem Buch die Intention sympathisch, römische Esskultur für Laien ohne großen Aufwand und mit raschen Erfolgserlebnissen nachvollziehbar zu machen, und die fiktiven Szenen lesen sich ganz unterhaltsam, auch wenn ihnen der didaktische Charakter anzumerken ist. Andererseits hätte man sich doch etwas mehr Genauigkeit im Detail gewünscht. Wer in der Antike einfach nur ein paar vergnügliche Anregungen für die Küchenpraxis sucht, kann hier fündig werden, aber alle, die auf bis in alle Einzelheiten belastbare Informationen Wert legen, sollten zumindest zusätzlich oder gleich ganz zu anderen Werken greifen.

Michael Kuhn: Der Geschmack des Weltreichs. Einführung in die römische Küche. Aachen, Ammianus, 2017, 96 Seiten.
ISBN: 9783945025604


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

Pompeji. Das Leben in einer römischen Stadt

Pompeji zählt unbestreitbar zu den berühmtesten und eindrucksvollsten Fundstätten der römischen Antike. Dementsprechend viel ist über die beim Ausbruch des Vesuv 79 n. Chr. verschüttete Stadt auch schon geschrieben worden. In Pompeji. Das Leben in einer römischen Stadt versucht sich nun die bekannte britische Althistorikerin Mary Beard  an dem Thema und stellt weniger die nur einführend skizzierte Katastrophe in den Mittelpunkt als das tägliche Leben in einer römischen Stadt und dessen Erforschung. Herausgekommen ist dabei eine lesenswerte, aber stellenweise nicht unproblematische Einführung für ein allgemeines Publikum, die eine Fülle interessanter Sachinformationen mit reichlich Polemik würzt.
Wer einfach nur einen locker und vergnüglich zu lesenden Einstieg in die römische Alltagswelt sucht, ist hier an der richtigen Stelle: Beard schreibt anschaulich, spritzig und humorvoll. So lernt man vom Straßensystem über Wohnverhältnisse, Kunst, Wirtschaft, Politik, Ernährung und Freizeitgestaltung bis hin zur Religion alle wichtigen Bereiche des städtischen Lebens kennen (nur die Dinge, die danach kamen – also Bestattungssitten und Grabarchitektur – sind leider in einen sehr knappen Epilog verwiesen). Hier finden sich viele spannende, unerwartete oder auch einfach nur nette Einzelheiten, und man lernt auch schlaglichtartig Pompejaner kennen, über die man aus Inschriften und archäologischen Funden ein paar biographische Details rekonstruieren kann. Ob nun der Auktionator, der von Stoffen über Maultiere bis hin zu Sklaven alles versteigerte, die Großmutter, die engagiert Wahlwerbung für ihren Enkel betrieb, oder die örtliche Schweinehirtin – Durchschnittsmenschen der Antike sind einem hier plötzlich sehr nah. Diese pralle Lebendigkeit ist unbestreitbar die größte Stärke von Pompeji.
Ärgerlich ist dagegen das überwiegende Fehlen konkreter Quellengaben, die nur für vereinzelte antike Texte vorliegen, nicht aber bei den oft wörtlichen Sekundärliteraturzitaten. Gerade da Beard andere Forschungsmeinungen oft scharf angreift, wäre es sowohl den Kritisierten als auch der Leserschaft gegenüber fairer gewesen, nachzuweisen, aus welchen Werken hier eigentlich zitiert wird und in welchen Zusammenhang die Versatzstücke gehören.
Einige von Beards kritischen Überlegungen sind durchaus bedenkenswert: So setzt sie etwa ein Fragezeichen hinter das gängige Bild der komplett mit allem Inventar erhaltenen Stadt, indem sie darauf hinweist, dass schon in der Antike Bergungstrupps und Plünderer Ausgrabungen unternahmen, die oft nur die leere Hülle eines Gebäudes hinterließen. Auch die Betonung der Tatsache, dass nicht nur der Zweite Weltkrieg und der Tourismus, sondern auch unsachgemäße Restaurierungen große Schäden an den Ruinen angerichtet haben, ist wichtig.
Manches, was Beard als neue Erkenntnis verkauft, ist allerdings auch ein alter Hut – dass nicht jede freizügige Darstellung in einem pompejanischen Wandgemälde zwingend auf ein Bordell hindeutet, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Auf anderen Gebieten wiederum (etwa bei der Beschreibung der römischen Religion) bleibt Beard selbst sehr konventionell und bietet keine neuen Denkanstöße.
Auch eigene Ungenauigkeiten leistet die Autorin sich hier und da. Wenn z.B. die inschriftlich belegten „Publius Cornelius Felix und Vitalis, Sklave des Cuspius“ ein paar Sätze später pauschal als „diese einfachen Sklaven“ bezeichnet werden, wundert man sich, denn die tria nomina des erstgenannten Mannes deuten eigentlich auf einen römischen Bürger hin. Andere Fehler gehen vermutlich auf die ansonsten frische und gut lesbare Übersetzung von Ursula Blank-Sangmeister (unter Mitarbeit von Anna Raupach) zurück: So rätselt man, warum hier ständig römische Handwerker mit einem „Kompass“ zugange sind, bis man darauf kommt, dass wohl das englische compass, das auch „Zirkel“ bedeuten kann, für den Kontext falsch übersetzt wurde.
Solch Flüchtigkeiten würden im Prinzip nicht weiter stören, wenn Beard nicht selbst ständig so wacker austeilen würde. Bei solch einer Grundhaltung erwartet man natürlich besondere Genauigkeit und bleibt so nach der Lektüre insgesamt mit einem zwiespältigen Eindruck zurück. Ein mitreißender Ausflug in die Antike, ja – aber mit einer Reiseleitung, die man sich manchmal etwas bescheidener und zurückhaltender gewünscht hätte.

Mary Beard: Pompeji. Das Leben in einer römischen Stadt. Frankfurt am Main, Fischer, 2017 (Original: London 2008), 480 Seiten.
ISBN: 9783596299690


Genre: Geschichte

Augustinus

Augustinus von Hippo (354 – 430) prägt bis heute das Christentum wie kaum ein anderer Denker. Der renommierte Althistoriker Robin Lane Fox nähert sich ihm aus der interessanten Perspektive eines modernen Betrachters, der Augustinus‘ Glauben ausdrücklich nicht teilt, aber von seiner Klugheit, Wortgewalt und schriftstellerischen Produktivität zutiefst beeindruckt ist.
Augustinus. Bekenntnisse und Bekehrungen im Leben eines antiken Menschen ist dabei keine Biographie in ganz klassischem Sinne, sondern eher eine intensive Auseinandersetzung mit Augustinus‘ autobiographischen Confessiones. Das Werk wird allerdings nicht isoliert betrachtet, sondern umfassend in seinen (geistes-)geschichtlichen Kontext eingebettet und auch immer wieder mit den Selbstaussagen zweier Zeitgenossen aus dem Ostteil des römischen Reichs verglichen und kontrastiert. Einer von ihnen, der Heide Libanios, hatte mit Augustinus den Beruf als Rhetor gemein, der andere, der Christ Synesios, wurde wie Augustinus Bischof, entstammte aber anders als er der Oberschicht. Vor der Folie ihrer geradlinigeren und in vielerlei Hinsicht konventionelleren Lebenswege wird deutlich, was das Besondere an Augustinus und seiner Sinnsuche ausmacht.
In eine Familie mittelständischer Landbesitzer im nordafrikanischen Thagaste hineingeboren, kam Augustinus durch seine fromme Mutter Monnica zwar schon früh mit dem Christentum in Berührung, schloss sich aber als junger Mann für längere Zeit den Manichäern an und führte ein sinnenfrohes Leben mit einer Geliebten. Erst in seiner Heimat, später in Italien war er als Rhetor tätig. In Mailand entschloss er sich unter dem Einfluss seiner Mutter und des dortigen Bischofs Ambrosius nicht nur zur Taufe, sondern hatte auch ein Bekehrungserlebnis, das ihn fortan ein keusches und asketisches Leben führen ließ. Nach Nordafrika zurückgekehrt gründete er eine klösterliche Gemeinschaft, der auch sein unehelicher Sohn bis zu dessen frühem Tod angehörte, wurde nolens volens zum Priester geweiht und schließlich zum Bischof von Hippo erhoben. Dieses Amt übte er bis an sein Lebensende aus.
In Erinnerung geblieben ist Augustinus vor allem durch eine Fülle religiöser Schriften, zu denen auch die in Form einer Art autobiographischen Gebets komponierten Confessiones zählen, in denen er seinen Werdegang schildert.
Ausgehend von ihnen entwirft Robin Lane Fox das Psychogramm eines hochintelligenten, aber emotional fragilen Menschen, der gerade im privaten Bereich immer wieder fragwürdige Entscheidungen traf (so wirkt z.B. sein Umgang mit seiner langjährigen Geliebten, die er in der Hoffnung auf eine vorteilhafte Heirat verstieß, äußerst schäbig).
Auf Jahrhunderte hinaus vorbildhaft wurden jedoch seine theologischen Gedankengänge, auch wenn nicht alle von ihnen eine erfolgreiche Wahrheitsfindung ihres Urhebers darstellten. Charakteristisch für sie ist aus Lane Fox‘ Sicht vielmehr sehr häufig das „kreative Missverständnis“: Da die lateinischen Übersetzungen, in denen Augustinus biblische Texte las, oft fehlerhaft waren, basierten seine Interpretationen mehr als einmal auf Irrtümern und falschen Begriffen, sind aber bis heute prägend für beide große Konfessionen des christlichen Westens, ob es nun um die Erbsünde, die Gnadenlehre oder die Überhöhung der vita contemplativa geht. Gerade in diesem Zusammenhang ist auch bemerkenswert, dass Augustinus seine Überlegungen nicht etwa aus der Bibel allein entwickelte, sondern in hohem Maße von der neuplatonischen Philosophie beeinflusst war.
Die Herausbildung dieser speziellen Kombination aus antikem Erbe und Christentum war bei Augustinus zum Zeitpunkt der Abfassung der Confessiones überwiegend abgeschlossen, so dass die Beschränkung auf seinen Weg bis dorthin verständlich ist. Der Nachteil dieser Schwerpunktsetzung besteht allerdings darin, dass bestimmte problematische Aspekte von Augustinus‘ Verhalten, die in seinem späteren Leben prononcierter waren (so etwa seine wiederholten Versuche, die Staatsgewalt gegen Andersdenkende zu mobilisieren), nur am Rande gestreift werden. Hier hätte man dem Buch noch einen etwas ausführlicheren Ausblick auf die letzten Jahre seines Protagonisten gewünscht.
Als Charakterstudie, aber auch als Panorama einer bunten und vielfältigen Spätantike ist es dennoch ein herausragendes Werk, das auch von Robin Lane Fox‘ sehr lesbarem und zugänglichem Stil lebt, der in der Übersetzung von Karin Schuler und Heike Schlatterer kongenial eingefangen ist. Allen, die mehr über eine faszinierende Epoche und einen ihrer wirkmächtigsten Akteure erfahren wollen, ist die Lektüre also nur zu empfehlen.

Robin Lane Fox: Augustinus. Bekenntnisse und Bekehrungen im Leben eines antiken Menschen. Stuttgart, Klett-Cotta 2017, 752 Seiten.
ISBN: 9783608981155


Genre: Biographie, Geschichte

Römer und Germanen am Main

Geht es um Funde aus der Römerzeit am Main, denkt man spontan meist an die archäologisch gut erschlossenen Gebiete im heutigen Hessen. Dass es auch weiter östlich viel Spannendes aus der Epoche zu entdecken gibt, beweist der Archäologe Bernd Steidl mit Römer und Germanen am Main. Anders als man vielleicht auf den ersten Blick vermuten könnte, handelt es sich dabei nicht um eine Monographie, sondern um eine Sammlung überwiegend schon an anderer Stelle veröffentlichter Aufsätze (der älteste stammt aus den späten 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts). Zu größeren Überarbeitungen der einzelnen Beiträge scheint es im Zuge der Neuedition nicht gekommen zu sein, allerdings ist teilweise zusätzliches Bildmaterial eingefügt worden.
Zu drei großen Abschnitten geordnet schildern die Einzeluntersuchungen in der Zusammenschau zunächst die historische Entwicklung am Main von den Kelten bis zum Ende der Römerzeit, um dann die germanischen Siedlungen am Maindreieck in den Blick zu nehmen und sich schließlich detailliert der Benefiziarierstation von Obernburg am Main zu widmen. Obwohl man dabei aufgrund der Genese des Buchs aus ursprünglich für sich stehenden Texten einige Wiederholungen in Kauf nehmen muss, ergibt sich nach und nach das faszinierende Gesamtbild einer kulturell heterogenen Region, in der eine zunächst primär keltische Bevölkerung im 1. Jahrhundert v. Chr. von germanischen Gruppen verdrängt wurde, teilweise aber auch in ihnen aufging. Nach der römischen Eroberung West- und Süddeutschlands um Christi Geburt verlieft durch das Maingebiet jahrhundertelang eine Grenze, die nicht nur politische Räume, sondern auch sehr unterschiedliche Lebensweisen voneinander trennte. So übernahmen die Germanen nur selektiv typisch Römisches. Während bestimmte Schmuckstücke wohl auch aufgrund ihres materiellen Werts beliebt waren, verharrte man in anderen Bereichen von der Landwirtschaft bis zur Frisurenmode offensichtlich lieber beim Gewohnten. Erst mit dem Zustrom plünderungslustiger elbgermanischer Siedler im weiteren Verlauf der Kaiserzeit änderten sich die Verhältnisse diesbezüglich ein wenig, denn es gibt z.B. Hinweise auf römische Handwerker, die wohl aus dem Reichsinnern in die Germania magna verschleppt wurden und dort mit den lokal zur Verfügung stehenden Mitteln die aus ihrer Heimat gewohnten Gefäßformen zu produzieren versuchten, ohne jedoch einen langfristigen Trend schaffen zu können.
Werden in den ersten beiden Buchteilen eher die großen Entwicklungslinien nachvollziehbar, erhellt die genaue Betrachtung von Obernburg schlaglichtartig Alltag und Selbstdarstellung der mit polizeilichen und administrativen Aufgaben betrauten Benefiziarier, die jeweils ein halbes Jahr lang in der ergrabenen statio Dienst taten und sich zum Abschied in deren Weihebezirk mit einem Altar verewigten. Zwar sind nicht alle Altäre erhalten, aber aufgrund der Nutzungsdauer der Station von etwa 80 bis 90 Jahren von kurz vor Mitte des 2. Jahrhunderts an ist dennoch eine Fülle an Inschriften überliefert. So unverzichtbar die Weihungen wohl auch waren, es wird dennoch deutlich, dass der Übergang zwischen sakralem Raum und Müllkippe hier durchaus fließend war, da es wohl weniger um die persönliche Religiosität als um die Bekundung der Treue zum Kaiserhaus und zum Staatskult ging.
Neben der Vorstellung der Funde selbst und ihrer Deutung bieten die Aufsätze auch interessante Einsichten in die archäologische Arbeit und die Schwierigkeiten, die sich damit verbinden, sei es nun die Beschädigung von Befunden durch Baumaßnahmen oder die Tatsache, dass die modernen Bundeslandgrenzen, an denen sich Zuständigkeiten oft orientieren, nur mit viel Glück mit den Umrissen antiker Siedlungsräume in Deckung zu bringen sind.
Alles in allem sind die Römer und Germanen am Main also eine empfehlenswerte Lektüre. Ein wenig Grundwissen über römische Geschichte sollte man zum Verständnis sicher mitbringen, doch wenn die Voraussetzung gegeben ist, können auch neugierige Laien ihre Freude an den Fachtexten haben.

Bernd Steidl: Römer und Germanen am Main. Ausgewählte archäologische Studien. Obernburg am Main, Logo Verlag, 2016, 336 Seiten.
ISBN: 9783939462293


Genre: Geschichte

Unglaube im „Zeitalter des Glaubens“

Wer bei den Jesuiten zur Schule gegangen sei – so der Hamburger Historiker Frank Golczewski einmal augenzwinkernd in einer Vorlesung -, sei hinterher entweder Bischof oder Atheist oder beides. Dass diese auf den ersten Blick verblüffende Kombination schon lange vor der Gründung des Jesuitenordens vorkommen konnte, zeigt die Geschichte eines italienischen Bischofs aus dem 13. Jahrhundert, der auf dem Sterbebett erklärte, mit dem christlichen Glauben überhaupt nichts anfangen zu können und nur aus finanziellen und gesellschaftlichen Motiven das Bischofsamt übernommen zu haben.
Dies ist nur einer von gar nicht einmal wenigen Fällen, die der Mediävist Peter Dinzelbacher in seiner Studie Unglaube im „Zeitalter des Glaubens“ aufführt, um das gängige Bild vom Mittelalter als einer Epoche, in der jeder entweder kirchentreu oder ein ebenso frommer Ketzer war, mit einem Fragezeichen zu versehen. Zwar warnt er davor, die Quellen zu unkritisch zu lesen, da der Vorwurf der Gottlosigkeit schnell erhoben wurde, ohne dass die davon Betroffenen im modernen Sinne Atheisten oder Religionskritiker waren. Doch auch bei vorsichtiger Auswertung der Überlieferung finden sich zahlreiche Belege dafür, dass im Mittelalter bei weitem nicht alle tiefreligiös oder überhaupt gläubig waren.
Nach einem leider nur sehr kurzen Blick auf in altnordischen Sagas überlieferten Unglauben in paganer Zeit untersucht Dinzelbacher die Situation bei Geistlichen und anderen Gebildeten des christlichen Mittelalters sowie bei Laien. Schnell wird deutlich, dass eigentlich in keiner Schicht Menschen fehlten, die in unterschiedlichem Maße an der dominierenden Religion zweifelten oder sie völlig ablehnten. Die Gründe für solche Positionen waren vielfältig, verraten aber oft eine reflektierte Auseinandersetzung mit Dogmen und Glaubenspraxis: Die Lektüre antiker Philosophen konnte sich hier ebenso auswirken wie persönliche Schicksalsschläge oder das Aufdecken innerer Widersprüche in kirchlichen Lehren.
Sich offen kritisch zu äußern, war allerdings gefährlich, wie im Fall des für seine Religionskritik hingerichteten niederländischen Dominikaners Herman van Rijswijk, den auch die Tatsache, dass viele Menschen aus religiösen Gründen getötet wurden, zur Abwendung vom Christentum gebracht hatte. Für manch anderen ging die Sache etwas glimpflicher aus, wenn gotteslästerliche Aussagen vom Umfeld nicht als selbstverschuldet, sondern als Ergebnis teuflischer Besessenheit oder Einflüsterung verbucht wurden, so dass man sich um eine Rettung des vermeintlich vom Bösen Beeinflussten bemühte, statt gleich die Strafverfolgung in Gang zu setzen. Etwas mehr Spielraum, unbehelligt ablehnende Ansichten zu äußern, bestand allenfalls für diejenigen, die aufgrund ihrer sozialen Stellung unangreifbar waren. So ist für Barbara von Cilli, die zweite Ehefrau Kaiser Sigismunds, nicht nur in Einschätzungen Dritter, sondern auch in ihrer eigenen Korrespondenz tradiert, dass sie den Jenseitsglauben vieler ihrer Zeitgenossen nicht teilte. Neben all diesen Personen, denen es primär um die eigene Lebenseinstellung und vielleicht auch um die Weitergabe ihrer Meinung ging, stehen andere, die selbst ebenfalls nicht fromm waren, aber den Glauben der breiten Masse arglistig ausnutzten, um sich etwa als Heilige auszugeben oder andere Vorteile zu erlangen.
Es ist vor allem diese Fülle von sorgsam zusammengetragenen Einzelbeobachtungen, aus der Dinzelbachers Buch seinen Reiz gewinnt. Schlaglichtartig gewähren sie Einblicke in Lebenswirklichkeit und Mentalität der unterschiedlichsten Jahrhunderte des Mittelalters und räumen mit dem Vorurteil auf, geistig und geistlich habe mehr oder minder Homogenität geherrscht. Die Kehrseite dieses Konzepts besteht allerdings darin, dass viel Interessantes nur im Vorübergehen angesprochen und nicht tiefer analysiert wird. Hier hätte man dem Unglauben im „Zeitalter des Glaubens“ durchaus einen größeren Umfang und eine detailliertere Diskussion bestimmter Aspekte gewünscht, doch als erster Einstieg ins Thema macht er neugierig auf mehr.

Peter Dinzelbacher: Unglaube im „Zeitalter des Glaubens“. Atheismus und Skeptizismus im Mittelalter. Badenweiler, Bachmann, 2009, 166 Seiten.
ISBN: 9783940523013


Genre: Geschichte

Akanthus und Zitronen

Im römischen Reich spielten Zier- und Nutzgärten in allen Epochen eine wichtige Rolle. Anders als viele Aspekte der materiellen Kultur der Antike sind sie jedoch erst in den letzten Jahrzehnten verstärkt erforscht worden, und bis heute sind viele Fehlannahmen in Umlauf.
So beginnt Stephanie Hauschild Akanthus und Rosen, ihren angenehm zu lesenden und reich bebilderten Spaziergang durch die römische Gartenkultur, konsequenterweise auch nicht mit den antiken Gärten selbst, sondern mit ihren neuzeitlichen Rekonstruktionen, die neben gelungenen immer auch problematische Aspekte haben. Der Vergleich von Ansätzen des 19. Jahrhunderts (wie sie in den Gemälden Lawrence Alma-Tademas oder im Pompejanum in Aschaffenburg greifbar werden) mit modernen Nachahmungen antiker Gärten macht zweierlei deutlich: Einerseits ist das Wissen um Gestaltungsprinzipien und in der Römerzeit bekannte Pflanzen mittlerweile sehr gewachsen. Andererseits bestimmen jedoch immer noch in vielen Fällen Zeitgeschmack und praktische Anforderungen das, was in einem rekonstruierten „römischen“ Garten gezeigt wird (so wird z.B. oft pflegeleichteren Pflanzen der Vorzug gegenüber historisch korrekten gegeben).
Da neu angelegte Gärten nach antikem Vorbild deshalb nur einen groben ersten Eindruck vermitteln können, hilft nur der Blick in Schrift- und Bildquellen sowie auf archäologische Funde. Hier gibt es eine Fülle von spannenden Informationen zu entdecken, vom Ziergarten als Ort der Repräsentation und Muße für die Oberschicht über Obst-, Gemüse- und Kräuteranbau zur Selbstversorgung bis hin zur kommerziellen Blumen- und Fruchtproduktion für die Parfümherstellung (denn neben heute noch zu diesem Zweck eingesetzten Pflanzen wie Rosen und Veilchen waren im alten Rom auch ungewöhnliche Duftnoten populär – etwa Quitte). Tiere im Garten haben ebenso ihren Auftritt wie Dekorationsobjekte und Gartenmöbel, und man erfährt, dass einige Blumen aus der Römerzeit erhalten sind: als Sträuße und Kränze, die in Ägypten als Grabbeigabe dienten und im dortigen Wüstenklima so perfekt trockneten, dass man heute noch bestimmen kann, was für eine Rosensorte verwendet wurde. Auch die Frage, wer eigentlich in Gärten arbeitete, wird diskutiert (so gab es z.B. mit den topiarii schon begehrte und angesehene Gartengestaltungsspezialisten, über die wir mehr wissen als über die wohl für einen Großteil der anfallenden Arbeiten zuständigen Sklaven, Angestellten und Eigentümerfamilien). Aufgrund des geringen Umfangs des Buchs werden viele Themen nur kurz angerissen, doch was man zu lesen bekommt, ist gut und allgemeinverständlich aufbereitet und macht neugierig auf mehr.
Hauschild möchte aber nicht nur ein theoretisches Bild der antiken Gartenkultur vermitteln, sondern auch zum praktischen Nacherleben anregen. Sie räumt ein, dass ein gänzlich als Spiegelbild der Römerzeit gestalteter Garten oder Balkon kaum jemandem Spaß machen dürfte (unter anderem müsste man auf viele heute beliebte, den Römern aber noch unbekannte Pflanzen verzichten). Doch als die antike Kultur, die – übrigens anders als die Griechen! – engagiert Stadtgärten hegte und pflegte, können die Römer all denen Inspirationen liefern, die aus einer kleinen Fläche viel zu machen versuchen. Neben Tipps zu geeigneten Pflanzen finden sich auch einige dem Kochbuch des Apicius entlehnte Rezepte mit Gartenprodukten. Bei dem für einen „Brotsalat mit Kapern nach Apicius“ hat allerdings der Fehlerteufel munter mitgekocht, denn die Überschneidungen zwischen Zutatenliste und Zubereitungsanweisungen sind gering. Wer hoffnungsvoll Minze, Sellerie, Eigelb und Honig bereitgestellt hat, muss sich beim Salatanmischen schnell überlegen, wie er all diese plötzlich nicht mehr benötigten Ingredienzien in Kapern, Gurken und Hühnerleber verwandeln will.
Abgesehen von dieser in ihrer Rätselhaftigkeit irgendwie auch amüsanten Panne ist Akanthus und Zitronen jedoch ein rundum gelungenes Buch, das sowohl Gartenfans einen Ausflug in die Antike ermöglicht als auch Römerbegeisterten einen ersten Einblick in ein sonst oft vernachlässigtes Stück Kulturgeschichte bietet.

Stephanie Hauschild: Akanthus und Zitronen. Die Welt der römischen Gärten. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2017, 168 Seiten.
ISBN: 9783805350709


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur