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Der Limes. Auf den Spuren der Römer

Der Limes gehört bis heute zu den auffälligsten und bekanntesten Spuren römischer Präsenz in Deutschland. Während viele Bücher zum Thema entweder nur das Gesamtphänomen der Grenze in den Blick nehmen oder aber ausführlich einzelnen Fundplätzen gewidmet sind, schlagen Marcus Reuter und Andreas Thiel mit Der Limes. Auf den Spuren der Römer einen reizvollen Mittelweg ein. Das für ein breites Publikum gedachte und auch dank seiner üppigen Bebilderung mit Karten, Rekonstruktionsdarstellungen und Fotos sehr anschauliche Buch zeichnet nicht nur überblicksartig die historische Entwicklung des Limes nach, sondern nimmt auch detailliert dessen geographischen Verlauf, die an ihm gemachten archäologischen Entdeckungen und die Forschungsgeschichte in den Blick.

Die ereignishistorisch ausgerichteten Kapitel rahmen den Rest des Buchs dabei gleichsam wie eine Klammer. In Der lange Weg zum Limes wird, begonnen mit den ersten römischen Eroberungen germanisch besiedelter Gebiete und über zentrale Ereignisse wie die Varusschlacht, aber auch die Gründung der beiden germanischen Provinzen unter Domitian, die allmähliche Entwicklung des Limes bis in die Zeit von Marc Aurel und Commodus nachgezeichnet. Das abschließende Kapitel Das Ende des Limes schildert nicht nur den allmählichen Zerfall der römischen Herrschaft und der Befestigungsanlagen, sondern auch die neuzeitliche Forschungsgeschichte.

Die Erklärung für den Fall des Limes und den letztendlichen Untergang des römischen Reichs ist dabei etwas anders akzentuiert als in Die Römer in Deutschland, einem älteren Werk eines der beiden Autoren. Werden dort die innerrömischen Bürgerkriege und die erstmalige Herausbildung größerer germanischer Verbände betont, wird der Keim der fatalen Entwicklungen hier primär in Fehlern des severischen Kaiserhauses gesehen: Die Entscheidung des Septimius Severus, zur Absicherung seiner Macht primär auf das Militär zu setzen und es mit exzessiven Solderhöhungen an sich zu binden, bildete nicht nur den Auftakt zur unruhigen Epoche der Soldatenkaiser, sondern zerrüttete auch die Finanzen des Staats dauerhaft. Ein weiterer Faktor der Destabilisierung war möglicherweise der Germanenfeldzug seines Sohnes Caracalla, der durch seine militärischen Aktivitäten außerhalb der Reichsgrenzen das bisher bestehende Gleichgewicht zwischen romfreundlichen und -feindlichen Germanengruppen zerstört und so zu den krisenhaften Entwicklungen des 3. Jahrhunderts beigetragen haben könnte.

Zwischen den beiden chronologisch bestimmten Kapiteln stehen drei geographisch geordnete, in denen Der niedergermanische Limes, Der obergermanische Limes und Der raetische Limes unter Hervorhebung besonderer Fundplätze von der Rheinmündung bis nach Passau besprochen werden. Schnell wird dabei deutlich, dass es einen einheitlichen Limes so nicht gab, sondern, je nach Ort und Zeit verschieden, von der Schneise im Wald über Wälle oder Mauern bis hin zur Flussgrenze (ripa) alles Mögliche den Rand des römischen Reichs markieren konnte. Zusätzlich zum Fließtext liefern Informationskästen knappe, aber aufschlussreiche Details zu Sonderthemen (wie z.B. zu Zivilsiedlungen im Umfeld römischer Militärplätze, aber auch zu beeindruckenden Einzelfunden wie etwa römischen Paraderüstungen). Dabei erfährt man nicht nur viel über die Grenzregion in all ihrer Vielfalt, sondern auch über Organisation und Einsatzgebiete des römischen Militärs, Architektur, Religiosität und Kaisertum. Auch wer sich noch nicht näher mit der Antike befasst hat, wird keine Schwierigkeiten haben, den gut lesbaren Erläuterungen zu folgen.

Vor allem aber ist es das Verdienst des Bandes, den Limes als überregionales Grenzsicherungssystem ins Bewusstsein zu holen und dabei auch in deutschsprachigen Überblicksdarstellungen oft nur kursorisch behandelte Abschnitte (wie etwa die römische Grenze in den Niederlanden) genau vorzustellen. So ist ein spannender Ausflug in die Römerzeit garantiert – dank all der Tipps, an welchen Stellen noch Reste des Limes im Gelände oder museal aufbereitet zu entdecken sind, nicht nur literarisch, sondern gegebenenfalls auch ganz real.

Marcus Reuter, Andreas Thiel: Der Limes. Auf den Spuren der Römer. Darmstadt, Theiss (WBG), 2019 (unveränderter Nachdruck der 1. Aufl. 2015), 224 Seiten.
ISBN: 978-3-8062-3927-0


Genre: Geschichte

Metropolen der Antike

Der Architekt und Archäologe Jean-Claude Golvin ist für seine ebenso präzisen wie atmosphärischen Aquarelle bekannt, in denen er das Aussehen antiker Gebäude und Städte rekonstruiert. Eine Vielzahl von ihnen ist in dem ansprechenden Bildband Metropolen der Antike versammelt, wobei der Titel allerdings etwas zu kurz greift: Neben den dort erwähnten großen Städten wie Rom, Athen oder Trier sind auch Darstellungen kleinerer Orte (etwa eines befestigen gallischen Dorfs auf der Insel Martigues) oder einzelner Bauwerke (so z.B. des berühmten Mausoleums von Halikarnassos) enthalten.

Wie Golvin in seinem Vorwort selbst erläutert, entspricht eine Rekonstruktion, und mag sie auch noch so akribisch archäologische Ergebnisse und topographische Gegebenheiten berücksichtigen, natürlich nie hundertprozentig der einstigen Wirklichkeit, da man in den seltensten Fällen eine komplette Stadt ergraben kann. So basieren Teile der Bilder immer auch auf Rückschlüssen, die man aus dem zweifelsfrei Bekannten ziehen kann, und plausiblen Vermutungen. Dementsprechend beschränkt sich ihre Funktion nicht auf strikte Wissenschaftlichkeit. Vielmehr sind sie für Golvin auch eine Art Einladung zu einer Zeitreise und zum Träumen, um sich dem Altertum auch emotional und immersiv zu nähern. Dazu eignen sich die von Hand gezeichneten und aquarellierten Illustrationen in der Tat wesentlich besser als die inzwischen allgegenwärtigen digitalen Rekonstruktionen, die oft kälter und weniger ansprechend wirken.

Zeitlich reicht der Rahmen vom alten Orient bis in die Spätantike (wobei die Römerzeit mit besonders vielen Beispielen vertreten ist), geographisch steht mit wenigen Ausnahmen der Raum des römischen Reichs im Mittelpunkt. Insbesondere kommt auch das sonst oft eher etwas stiefmütterlich behandelte römische Nordafrika zu seinem Recht. Jedem vorgestellten Ort bzw. Einzelbauwerk ist ein eigenes kurzes Kapitel gewidmet, das knapp, aber informativ historische, naturräumliche und architektonische Fakten skizziert. Die Übersetzung von Geneviève Lüscher und Birgit Lamerz-Beckschäfer liest sich dabei so flüssig und überzeugend, dass man oft vergisst, dass man es nicht mit einem schon im Original auf Deutsch verfassten Text zu tun hat. Immer ist mindestens eine Abbildung beigefügt (bei Städten aus der Vogelperspektive, bei individuellen Gebäuden oft auch aus der Sicht eines davorstehenden Betrachters). In manchen Fällen gibt es neben einer nummerierten Illustration mit Bildlegende auch noch einmal eine beschriftungsfreie Wiedergabe derselben Stadtansicht nur zum Genießen (häufig auf einer Doppelseite). Die Bildlegenden sind informativ, aber an einigen Stellen hatte hier leider der Fehlerteufel die Hand im Spiel (so bricht bei Olympia die Legende zu Ziffer 19, S. 79, einfach mitten im Satz ab, und bei der Abbildung des tunesischen Thugga sind im Bild, S. 144, 14 Ziffern vorhanden, während die Legende, S. 145, mit Ziffer 13 endet).

Insgesamt aber weiß die Bildreise einmal rund um das Mittelmeer und in angrenzende Regionen vorbehaltlos zu begeistern. Dieses Buch nimmt man sicher auch nach der ersten Lektüre noch oft zur Hand, sei es, um Details nachzuschlagen, sei es, um einfach nur in den wunderschönen Bildern zu schwelgen. Für alle an der Antike Interessierten kann man also nur eine eindeutige Lese- und Betrachtungsempfehlung aussprechen. Dieser Bildband lohnt sich!

Jean-Claude Golvin: Metropolen der Antike. 2., erw. Aufl. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2019 (Original: 3., verb. und erw. Aufl. 2015), 240 Seiten.
ISBN: 978-3-8053-5184-3

 


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Fürsten im Fadenkreuz

Beim Gedanken an Kriege im Mittelalter sieht man spontan wohl vor allem Ritter und Bogenschützen oder Mauern und Belagerungsmaschinen vor seinem inneren Auge. Dass es jedoch auch in Hoch- und Spätmittelalter schon Geheimoperationen und Spezialkommandos gab, die mit dem offenen Kampf wenig zu tun hatten, zeigt der Historiker Yuval Noah Harari in seinem Buch Fürsten im Fadenkreuz: Mordanschläge, Entführungen, Bestechungen und Sabotageakte waren oft wirksame Mittel, um politische wie militärische Ziele durchzusetzen.

Den Einstieg bildet dabei der Überblicksabschnitt „Spezialkommandos, Strategie und Politik im Zeitalter der Ritter“, in dem Harari sich dem Thema analytisch nähert. Die Erkenntnis, dass auch im Mittelalter trotz aller Lippenbekenntnisse zur Ritterlichkeit List, Tücke, Grausamkeit und Skrupellosigkeit an der Tagesordnung waren, überrascht dabei nicht unbedingt. Interessanter ist die Beobachtung, dass sich Geheimoperationen anders als in späteren Epochen schon aus Gründen des technischen Aufwands weit seltener gegen die Infrastruktur als gegen Personen richteten. Dennoch bleibt dieser Abschnitt des Buchs der schwächste, weil Harari in seiner Argumentation unterschiedliche Phänomene vermischt, so dass einige der von ihm gewählten Beispiele eher diskussionswürdig als auf den ersten Blick einleuchtend wirken. So zählt Harari im Kontext von „Mord und Entführung als Mittel der Kriegsführung“ (S. 62) etwa auch den Tod Heinrichs IV. von Frankreich (1610) auf. Nun ist zwar über mögliche Strippenzieher dieses Attentats viel spekuliert worden, aber nach allem, was man weiß, war der Mörder, François Ravaillac, ein fanatischer Einzeltäter. Wenn somit schon jemand, den man heute eher als Terroristen einstufen würde, als „Spezialkommando“ zählt, ergibt sich daraus eine beträchtliche begriffliche Unschärfe.

Seine Stärken ausspielen kann Harari dagegen bei den anschließenden sechs Fallstudien, denen jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet ist. In fünfen geht es um Einzelaktionen (zwei Versuche, zwecks Eroberung heimlich in Städte einzudringen, eine Gefangenenbefreiung, einen politischen Mord und die Zerstörung einer logistisch wichtigen Mühle), in einem weiteren dagegen wird die Geschichte des spätmittelalterlichen Burgund skizziert, das der Autor insbesondere unter Karl dem Kühnen als wahren Schurkenstaat zeichnet, in dem die Entführung oder Ermordung fremder Staatsoberhäupter quasi zum Tagesgeschäft gehörte. Hier erweist sich Harari als begnadeter Erzähler, der historische Ereignisse romanhaft packend heraufbeschwört und dabei seinen Sinn für Humor unter Beweis stellt (wenn er z.B. mit Hingabe schildert, wie beim heimlichen Eindringen von Kreuzrittern ins belagerte Antiochia 1098 ausgerechnet zum schlechtesten Zeitpunkt die einzig verfügbare Leiter nachgibt). Weniger abwechslungsreich als die spannenden Schilderungen gestaltet sich allerdings die geographische Schwerpunktsetzung: Vielleicht den Forschungsinteressen des Autors geschuldet, bilden neben den hochmittelalterlichen Kreuzfahrerstaaten das spätmittelalterliche Frankreich und seine Peripherie den zweiten Schauplatz, während Fälle aus Nord-, Ost- oder Südeuropa fehlen.

Die Übersetzung von Andreas Wirthensohn ist insgesamt gelungen, doch man hätte ihr ein gründlicheres Lektorat gewünscht. Mehrfach finden sich kleinere sprachliche Merkwürdigkeiten (z.B. „Gebärmuttern“, S. 198, statt „Gebärmütter“ als Plural von „Gebärmutter“ oder „Hersteller von Kürassieren“, S. 105, wenn ein Harnischmacher gemeint ist). Daneben sind leider auch inhaltliche Flüchtigkeitsfehler stehen geblieben. So wird etwa im Stammbaum des Hauses Valois auf S. 201 Eduard II. von England fälschlich als Sohn und nicht etwa als Schwiegersohn Philipps IV. von Frankreich geführt und im Fließtext einmal versehentlich Johann Ohnefurcht als Vater statt als Großvater Karls des Kühnen bezeichnet (S. 227, zuvor im Buch jedoch richtig). Auffällig ist auch die Uneinheitlichkeit der Ortsnamenübersetzung: Bei „Tongres“ (Tongern) und „Morat“ (Murten) bleibt die französischen Namensformen unübersetzt, aber es ist von „Lüttich“ statt von „Liège“ die Rede.

Dementsprechend schwer fällt ein Gesamturteil über den Band. Einerseits bietet er anregende und unbestreitbar unterhaltsame Lektüre über ein sonst oft allenfalls am Rande beleuchtetes Themenfeld der mittelalterlichen Geschichte, andererseits empfiehlt es sich, ihn durchaus mit kritischem Blick zu lesen.

Yuval Noah Harari: Fürsten im Fadenkreuz. Geheimoperationen im Zeitalter der Ritter 1100-1550. München, C.H. Beck, 2020 (Originalausgabe: 2007), 348 Seiten.
ISBN: 978-3406750373


Genre: Geschichte

Gefahr auf See

Der klassische Pirat ist in der allgemeinen Vorstellung sicher der des 17. oder 18. Jahrhunderts, und auch moderne Seeräuber, etwa am Horn von Afrika, machen seit einigen Jahren verstärkt von sich reden. Dass diese Form der Kriminalität jedoch nicht ausschließlich ein Phänomen der Neuzeit ist, zeigt die Archäologin Heidrun Derks in ihrer für eine breite Leserschaft gedachten Überblicksdarstellung Gefahr auf See – Piraten in der Antike.

Archäologisch lassen sich die Aktivitäten von Piraten nur selten nachweisen, auch wenn es Ausnahmen gibt, so etwa das vor Zypern gefundene Wrack von Kyrenia, ein mit Wein und Eisenbarren beladenes Handelsschiff, in dessen Bordwänden noch Pfeile steckten, als es im 3. Jahrhundert v. Chr. sank, so dass man wohl auf einen Überfall als Ursache des Untergangs schließen kann. Fassbar werden Seeräuber damit erst mit dem Aufkommen von Schriftquellen, das aber sehr früh – schon in der diplomatischen Korrespondenz der Bronzezeit ist von Piraterievorwürfen die Rede.

Im weiteren Verlauf des Altertums bekamen es dann Phönizier, Etrusker, Griechen und Römer mit Piraten zu tun oder wurden selber welche. Ohnehin waren die Grenzen zwischen legitimer Kriegsführung und Piraterie oft fließend, so dass sowohl in der Historiographie als auch in literarischen Werken (etwa in der Odyssee) das, was Feinden oder negativ gezeichneten Gestalten als Verbrechen ausgelegt wurde, bei Freunden oder Protagonisten als Heldentat gefeiert werden konnte. Dass diese Ambivalenz auch schon in der Antike so empfunden wurde, zeigt die bei Augustinus zitierte Bemerkung eines gefangenen Piratenkapitäns gegenüber Alexander dem Großen, der Unterschied zwischen ihnen bestehe vor allem im Umfang ihrer jeweiligen Operationen.

Neben Geld- oder Machtgier bildete aber auch immer wieder Armut einen entscheidenden Faktor bei der Hinwendung von Einzelpersonen oder ganzen Menschengruppen zum Seeraub. Das Entern anderer Schiffe stellte dabei übrigens, anders als in späteren Epochen, nicht einmal das bedeutendste Tätigkeitsfeld von Piraten dar. Noch häufiger sind Überfälle auf Küstenorte und Entführungen von Menschen dokumentiert, die als Sklaven verkauft oder gegen ein Lösegeld wieder freigelassen wurden (ein prominentes Opfer von letzterer Praktik war Caesar, der dafür allerdings mit harter Hand Vergeltung übte).

Eingebettet ist diese immer wieder durch Quellenzitate und Textkästen zu relevanten Persönlichkeiten aufgelockerte Geschichte der Piraterie in den größeren Kontext der Entwicklung von Schifffahrt und Handel im Mittelmeerraum. Heidrun Derks schreibt gut verständlich auch für Leserinnen und Leser, die mit der Antike bisher noch nicht viel zu tun hatten, und zieht gelegentlich auch augenzwinkernd Verbindungen zur modernen Popkultur. So hat etwa in dem Kapitel über die Phönizier auch eine Gestalt aus den Asterix-Comics, der windige Händler Epidemais, einen Auftritt.

Einzelne kleine Ungenauigkeiten haben sich eingeschlichen, fallen aber insgesamt nicht allzu sehr ins Gewicht (so z.B. die Angabe, die Schrift der Etrusker würde sich „bis heute der Entschlüsselung“ entziehen, S. 76 – die Schrift selbst ist durchaus lesbar, es ist vielmehr die etruskische Sprache, die mangels einer umfangreichen Textbasis Rätsel aufgibt). Alles in allem ist Gefahr auf See ein flüssig zu lesender, solider Einstieg in ein spannendes Thema, den man gerade aufgrund seines üppigen Bild- und Kartenmaterials sicher auch nach der ersten Lektüre gern noch einmal zur Hand nimmt.

Heidrun Derks: Gefahr auf See – Piraten in der Antike. Darmstadt, Theiss (WBG), 2016, 112 Seiten.
ISBN: 978-3806233131


Genre: Geschichte

Götter, Gaben, Heiligtümer

Das Leben der Römer war in hohem Maße von Religion geprägt, auch in den Provinzen, wie Alfred Schäfer in Götter, Gaben, Heiligtümer am Beispiel des römischen Köln anschaulich zeigt. Eingebettet in die Geschichte der Stadt von ihrer Gründung unter Augustus über die Erhebung zur Colonia Claudia Ara Agrippinensium bis in die Spätantike zeichnet er nach, was sich aus archäologischen Funden und inschriftlichen Quellen über das religiöse Leben der CCAA rekonstruieren lässt. Denn was außer Gebäuderesten, Götterstatuen und dergleichen geblieben ist, lässt sich vor allem als Zeugnis einer reichen paganen Memorialkultur fassen, die an das erinnert, was die Zeiten eben nicht überdauert hat, seien es nun Opfer und andere rituelle Handlungen, die in Inschriften und bildlichen Darstellungen festgehalten wurden, oder die Menschen selbst, deren Grabsteine und -beigaben etwas über Jenseitshoffnungen verraten können.

Hand in Hand gingen im Alten Rom aber insbesondere auch Religion und Politik, so dass es kein Zufall ist, dass die bedeutenden Heiligtümer, die dem Kaiserkult und der Verehrung der kapitolinischen Trias (Jupiter, Juno und Minerva) gewidmet waren, mit ihrer Ausrichtung zur Rheinfront hin das Stadtbild weithin sichtbar prägten. Auch anhand des Statthaltersitzes (Praetorium) oder des unweit der Stadt gelegenen Kastells der Rheinflotte lässt sich zeigen, dass Autoritätsanspruch und Sakrales eng miteinander verquickt waren.

Noch weitaus größer und vielfältiger jedoch war der Bereich privater Frömmigkeit, in dem regionale und individuelle Ausprägungen stärker zum Tragen kamen, und das nicht etwa nur im Rahmen von Mysterienkulten wie dem des Mithras, die Eingeweihten spezielles Geheimwissen verhießen. Am Beispiel der Verehrung der Matronen (einer zumeist als Dreierensemble dargestellten und mit allerlei lokalen Beinamen versehenen Gruppe von Göttinnen) und der Jupitersäulen sowie Jupitergigantensäulen schildert Schäfer gut nachvollziehbar, wie die religiöse Vorstellungswelt der ortsansässigen Bevölkerung sich mit den von den römischen Eroberern mitgebrachten Bräuchen und Überzeugungen vermischte, so dass eine reiche Fülle von Neuinterpretationen und Synkretismen entstand. Es wird deutlich, dass die antike Religion ein dynamisches Gebilde war, das immer wieder Raum für Hinzufügungen und Anpassungen bot und fremde Gottheiten nahtlos zu integrieren wusste. Allerdings hatte die jahrhundertelang so erfolgreiche Vielfalt in der Spätantike gegenüber dem Christentum keinen Bestand, wobei die Quellen sogar auf ein gewaltsames Vorgehen gegen überdauernde heidnische Praktiken noch in merowingischer Zeit hindeuten.

Schäfer schreibt auch für Laien gut verständlich in kurzen und übersichtlichen Kapiteln, die es ermöglichen, sich gezielt über spezielle Themen zu informieren, wenn man nicht das komplette Buch lesen möchte. Zusätzlich lockern Kästen den Text auf, in denen insbesondere interessante Einzelfunde, aber auch zentrale Begriffe wie z.B. Polytheismus näher erläutert werden. Vorkenntnisse werden nicht vorausgesetzt, so dass die Darstellung auf Zugänglichkeit für ein breites Publikum angelegt ist, ohne je über Gebühr verkürzt oder vereinfachend zu wirken.

Sehr ansprechend ist das Buch aber auch durch seine zahlreichen Illustrationen gestaltet. Neben Abbildungen von Fundstücken und Kartenmaterial sind auch digitale Rekonstruktionen enthalten, die einem gestatten, einen Eindruck von der Topographie des römischen Köln und vom Aussehen einzelner Gebäude zu gewinnen. So üppig die Bebilderung insgesamt auch ist, bedauert man allerdings doch im Einzelfall, dass ein Foto fehlt (z.B. wird das berühmte Dionysosmosaik, das im Römisch-Germanischen Museum zu sehen ist, zwar als Beispiel für religiöse Motive im Bildschmuck eines Privathauses beschrieben, ist aber im Buch selbst nicht gezeigt und nur durch einen Ausschnitt aus dem zentralen Feld auf dem Cover präsent).

Von solchen Kleinigkeiten abgesehen könnte man sich jedoch kaum eine bessere Einführung in die religiöse Welt des römischen Köln wünschen. Wer Götter, Gaben, Heiligtümer liest, lernt auf jeden Fall auf unterhaltsame Weise etwas dazu und wird vielleicht auch die heutige Stadt mit etwas anderen Augen als bisher sehen.

Alfred Schäfer: Götter, Gaben, Heiligtümer. Römische Religion in Köln. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2016, 128 Seiten.
ISBN: 978-3805349499


Genre: Geschichte

Homers Odyssee

Die Odyssee zählt zu den bekanntesten und wirkmächtigsten Texten der Weltliteratur. In seiner kompakten Einführung Homers Odyssee bietet der Altphilologe Bernhard Zimmermann eine lebendig geschriebene und kluge Annäherung an das Epos, dessen Faszination bis heute ungebrochen ist.

Zimmermann datiert die Odysee auf etwa Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. und beginnt seine Darstellung, indem er dem schwer fassbaren Dichter Homer nachspürt, über den bei allem Ruhm schon in der Antike mehr Legendarisches als historisch wirklich Belastbares berichtet wurde. So undeutlich die Person des Autors also gezwungenermaßen bleibt, lässt sich doch viel zu Sprache und Versmaß sagen, und Zimmermann bietet in diesem Kontext eine der klarsten Erläuterungen der Funktionsweise des daktylischen Hexameters, die man in der Literatur finden kann. Selbst wer sich sonst nicht gern mit dem Metrum von Dichtungen auseinandersetzt, wird hier garantiert das Wesentliche nachvollziehen können.

Nach einem kurzen Forschungsabriss zur Homerphilologie seit dem Altertum steht im nächsten großen Abschnitt der Inhalt der Odyssee selbst im Mittelpunkt, die nicht nur ausführlich nacherzählt, sondern auch gut in ihren Sagenkontext (welche Ereignisse sind vorher, welche nachher zu denken?) eingeordnet wird. Nachdem so eine Verständnisbasis auch für diejenigen, die den Primärtext (noch) nicht kennen, geschaffen worden ist, folgt ein Analyseteil, in dem Struktur, Erzähltechnik, Motive und Poetik des Epos gründlich unter die Lupe genommen werden. Besonderen Wert legt Zimmermann dabei auf die Zeichnung der Figuren, denen noch einmal ein eigenes Kapitel gewidmet ist.

Deutlich wird in Zimmermanns Untersuchung insbesondere die Verknüpfung von Phantasie und heldenhafter, zeitlich unbestimmter Vorzeit einerseits mit der realen Lebenswelt von Mittelmeeranrainern des 7. Jahrhunderts andererseits, in der die Seefahrt ebenso sehr Wirtschaftsfaktor und verheißungsvolles Abenteuer wie lebensgefährliches Risiko ist und selbst sozial hochgestellte Persönlichkeiten nicht davor gefeit sind, unversehens als Sklaven zu enden. Dauerhaft bestehen kann in einer solchen Gesellschaft nur, wer tragfähige Bindungen hat – zu Eltern und Kindern, zum Ehepartner und zu Gefolgsleuten, aber nicht zuletzt auch zu den Göttern, deren Wohlwollen es sich zu erhalten gilt. In diesem Zusammenhang sieht Zimmermann nicht zuletzt auch das Schicksal der Atriden um Agamemnon, dessen Familie auf grausige Art zerbricht, als immer im Hintergrund mitzudenkende Folie für die trotz aller Gefahren für sämtliche Beteiligte erfolgreichere Heimkehr des Odysseus zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Telemach.

Ganz generell kann die Odyssee also auch unabhängig von ihrer Entstehungsepoche als Geschichte des Überstehens schwerer Zeiten mithilfe von Klugheit und Durchhaltevermögen gelesen werden (ob nun auf Odysseus selbst bezogen oder z.B. auch auf Penelope, die sich mit List und Tücke der zudringlichen Freier erwehren muss, um ihrem Mann treu zu bleiben). Auch diese Thematik trug dazu bei, ihr im Laufe der Jahrhunderte eine eifrige Rezeption zu sichern, über die Zimmermann in einem letzten Kapitel einen kurzen Überblick gibt, der den Schwerpunkt allerdings stark auf die Antike legt. Knappe Literaturhinweise und ein Register runden den Band ab.

Wer einen ersten Einstieg in die Odyssee sucht, ist mit dem kurzen Buch auf alle Fälle gut beraten, aber auch alle, die den Text selbst schon kennen, können Zimmermanns frische Deutungsansätze und insbesondere seine Einordnung in den historischen Entstehungszusammenhang mit Gewinn lesen.

Bernhard Zimmermann: Homers Odysee. Dichter, Helden und Geschichte. München, C.H. Beck, 2020, 128 Seiten.
ISBN: 978-3406750229


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur, Märchen und Mythen

Die apokryphen Evangelien

Schon in der Spätantike bildete sich in den Grundzügen der heute noch gültige Bibelkanon heraus – und damit auch die Festlegung auf die vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Diese Schriften waren jedoch nicht die einzigen, die unter frühen Christen kursierten und Taten und Äußerungen Jesu zum Inhalt hatten. Vielmehr existierte eine reiche Fülle teils sehr unterschiedlicher Werke, die alle auf ihre Art für sich in Anspruch nahmen, die Botschaft von Jesus Christus zu vermitteln. In Die apokryphen Evangelien, wie man diese Texte in der Forschung bezeichnet, führt der evangelische Theologe Jens Schröter in seinem gleichnamigen Buch ebenso knapp wie kenntnisreich ein.

Nach einer Einleitung zum Verhältnis von Bibel und Apokryphen sowie zur Forschungsgeschichte gliedert Schröter seine Darstellung nach den einzelnen apokryphen Evangelien, die dabei nach der Phase im Leben Jesu, die sie jeweils behandeln, zu Gruppen zusammengefasst sind (wobei in Einzelfällen, wie etwa beim Thomasevangelium, das Aussprüche Jesu auflistet, unklar bleibt, welche zeitliche Verortung ursprünglich intendiert gewesen sein mag). Inhaltsskizze und historisch einordnende Interpretation sind dabei eng miteinander verflochten.

Der Hoffnung, aus den apokryphen Evangelien Informationen über den historischen Jesus gewinnen zu können, erteilt Schröter zu Recht eine klare Absage: Noch nach den kanonischen Evangelien entstanden, eignen sie sich nicht als Primärquellen für das Leben Jesu, sind dafür aber umso aufschlussreicher, um die Mentalität und die spirituellen Bedürfnisse unterschiedlicher frühchristlicher Gruppen zu rekonstruieren.

Deutlich wird in vielen Texten vor allen Dingen der Wunsch, in der Bibel ausgesparte oder nur angedeutete Abschnitte der Geschichte Jesu lebendig auszumalen, so etwa seine Jugend oder die Zeit zwischen Tod und Auferstehung. Das Nikodemusevangelium, das u.a. die Höllenfahrt Christi vor der Auferstehung schildert, und die sogenannten Kindheitsevangelien füllen auf diese Art eher Leerstellen aus, als im Widerspruch zur kanonischen Überlieferung zu stehen. Infolgedessen wurden sie auf breiter Basis rezipiert und hatten bis ins Mittelalter großen Einfluss auf bildliche Darstellungen oder literarische Aufbereitungen des Lebens Christi, auch wenn manche Erzählung über einen bereits im Kindesalter aggressiv anmutende Strafwunder wirkenden Jesus aus heutiger Sicht eher bizarr erscheint.

Anders verhält es sich mit denjenigen apokryphen Evangelien, die Glaubensüberzeugungen abseits der Hauptströmungen der frühen Kirche widerspiegeln, so etwa mit den gnostischen Evangelien. Oft nur fragmentarisch überliefert, enthalten sie für heutige Leserinnen und Leser Erstaunliches bis Befremdliches, so z.B. Dialoge, in denen Jesus Maria Magdalena, Thomas oder gar Judas esoterisch anmutende Lehren anvertraut, die von dem, was sich als Christentum letztlich durchsetzte, denkbar weit entfernt sind, aber teilweise Einflüsse der antiken Philosophie aufgenommen zu haben scheinen.

In all ihrer Heterogenität lassen die apokryphen Evangelien – wie Schröter in einem kurzen Fazit resümiert – daher erkennen, dass es das eine unangefochtene Jesusbild gerade im frühen Christentum nicht gab, sondern konkurrierende Interpretationen eine lange Tradition haben. Gerade die hier ansatzweise greifbar werdende Vielfalt sorgt jedoch dafür, dass der hier vermittelte Überblick keine erschöpfende Analyse, sondern nur ein erster Einstieg für Interessierte sein kann. Der aber ist durchaus gelungen und verhilft zur Orientierung in einem komplexen und für Außenstehende doch oft eher verwirrenden Forschungsfeld.

Jens Schröter: Die apokryphen Evangelien. Jesusüberlieferungen außerhalb der Bibel. München, C. H. Beck, 2020, 128 Seiten.
ISBN: 978-3406750182

 


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Ein römisches Wohnhaus mit Wandmalereien in Oftersheim

Im baden-württembergischen Oftersheim wurden in den 1960er Jahren Reste eines römischen Wohnhauses archäologisch untersucht, doch die Grabung erfasste nur einen Teil des Gebäudes, und die Funde gerieten im Museumsdepot in Mannheim über Jahrzehnte in Vergessenheit. Unterstützt von drei Mitautoren unternimmt es Mathilde Grünewald in ihrem Buch Ein römisches Wohnhaus mit Wandmalereien in Oftersheim, die damaligen Fundstücke und teilweise nur unzureichend dokumentierten Befunde zu analysieren.

Dass das Oftersheimer Wohnhaus Teil einer villa rustica, also eines landwirtschaftlich genutzten römischen Guts, war, kann zwar mit einiger Wahrscheinlichkeit vermutet, aber bisher nicht mit letzter Sicherheit bewiesen werden, da die räumlich eng begrenzte Grabung keine Wirtschaftsgebäude freilegte. Daher steht nur fest, dass das recht repräsentativ ausgestattete Haus im 1. Jahrhundert n. Chr. entstand und danach kontinuierlich genutzt wurde, bis es nach Mitte des 3. Jahrhunderts offenbar äußerst gründlich abgerissen und durch ein hölzernes Bauwerk ersetzt wurde. In diesem vermutet Grünewald keine Ansiedlung der um diese Zeit in die Gegend eingefallenen Alamannen, da keinerlei Funde auf ihre Präsenz vor Ort hindeuten, sondern eher eine vielleicht in den bewegten Zeiten nicht mehr vollendete Umnutzung des Geländes durch seine Besitzer.

Angesichts der so gründlichen Zerstörung der römerzeitlichen Bebauung ist es fast ein kleines Wunder, dass dennoch genug Überreste davon vorhanden geblieben sind, um nicht nur ein Hypokaustum und das Vorhandensein von Dachziegeln und Glasfenstern nachweisen zu können, sondern auch in der Lage zu sein, aus Fragmenten von Wandmalereien die jeweilige Gestaltung einer weißgrundigen und einer rotgrundigen Wand überzeugend rekonstruieren zu können. Rüdiger Gogräfe entwickelt in seinem diesem Thema gewidmeten Beitrag fast schon kriminalistischen Spürsinn, um durch Vergleiche mit besser erhaltenen Beispielen eine plausible Anordnung der Bruchstücke zu präsentieren. Die von Renate Berghaus künstlerisch umgesetzten Rekonstruktionen der beiden Wände sind zauberhaft und lassen einen sehr bedauern, dass beim Abriss des Oftersheimer Hauses allem Anschein nach so gründlich vorgegangen wurde, dass keine größeren Teile der Wandmalereien überdauert haben.

Neben Spuren des Bauwerks an sich wurden Reste seines Inventars und der Habseligkeiten der Bewohner entdeckt, darunter außer der allgegenwärtigen Keramik auch Münzen, eine zerschlagene Venusstatuette, eine unvollendete Schnitzarbeit, Werkzeuge und Schmuckstücke (von denen Sven Jäger die Fibeln – die meisten davon römischen, aber auch eine germanischen Ursprungs – in einem gesonderten Unterkapitel betrachtet). Ein letzter Abschnitt, der aus der Feder von Erwin Hahn stammt, befasst sich mit den gefundenen Tierknochen, von denen viele – vor allem von Rind, Schaf und Schwein – durch Hack- und Schnittspuren als Küchenabfälle ausgewiesen sind. Doch auch tierische Mitbewohner gab es in der villa von Oftersheim, ob nun nützliche und im Leben sicher auch geliebte wie Hunde und eine Katze oder eher unwillkommene wie eine Ratte.

Insgesamt vermittelt der anregende und detailfreudige Band den Eindruck, dass hier mit vielen Jahren Verspätung aus einer nicht optimal abgelaufenen Grabung nachträglich noch das Beste herausgeholt worden ist. Das römische Haus von Oftersheim ist gerade angesichts seines rätselhaften Endes eine hochinteressante Fundstätte, und so kann man nur bedauern, dass in Zeiten, in denen die Kapazitäten der Archäologie oft völlig von Notgrabungen erschöpft werden, mit einer Nachuntersuchung, die noch offene Fragen klären könnte, wohl so schnell nicht zu rechnen ist.

Mathilde Grünewald: Ein römisches Wohnhaus mit Wandmalereien in Oftersheim. Mit Beiträgen von Rüdiger Gogräfe, Erwin Hahn und Sven Jäger. Hrsg. von der Gemeinde Oftersheim und dem Heimat- und Kulturkreis e.V. Oftersheim. Regensburg, Schnell & Steiner, 2017, 144 Seiten.
ISBN: 978-3795432980


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Die Griechen

Zugegeben: Der Untertitel Und die Erfindung der Kultur, mit dem sich die Taschenbuchausgabe von Edith Halls Die Griechen (auch schon als Die alten Griechen. Eine Erfolgsgeschichte in zehn Auftritten erschienen) schmückt, ist etwas hoch gegriffen. Als Erfinder der Kultur schlechthin stellt die britische Altphilologin die Griechen nicht dar, sehr wohl aber als die Zivilisation, deren Errungenschaften und Besonderheiten in vielerlei Hinsicht bis heute für die westliche Welt prägend sind. Mit entsprechendem Verve erzählt sie die Geistesgeschichte der griechischen Antike und ihrer Literatur, Wissenschaft und Philosophie.

Hall sieht dabei vor allem zehn Eigenheiten als prägend für die Griechen an: Liebe zur Seefahrt, Misstrauen gegenüber Autorität, Individualismus, Wissbegier, Offenheit, Humor, Wettkampfgeist, Bewunderung für außergewöhnliche Begabungen, Redegewandtheit und Vergnügungssucht. Statt diese Punkte epochenübergreifend abzuhandeln, greift Hall zu dem reizvollen Mittel, chronologisch geordnet jeweils eine bestimmte Phase der altgriechischen Geschichte zu nutzen, um daran exemplarisch eine ihrer Zuschreibungen zu belegen. In vielen Fällen passt das recht gut – so etwa bei der Analyse der Bedeutung der Seefahrt für die mykenische Kultur -, und manchmal sorgt der Ansatz sogar für ungewohnte und gerade dadurch erhellende Perspektiven (z.B. im Falle der Spartaner, die hier nicht allein als Krieger in den Blick genommen werden, sondern mit ihrem sprichwörtlichen lakonischen Humor glänzen dürfen). Je weiter das Buch jedoch fortschreitet, desto gewollter wirkt die Zuordnung, auch weil die als prägend propagierte Eigenschaft gar nicht immer im Zentrum des jeweiligen Kapitels steht. So ist der eigentlich Alexander dem Großen und seinen Makedonen zugeordnete Aspekt des Wettstreits im entsprechenden Abschnitt eher unterrepräsentiert – bedeutender sind hier Überlegungen zum Einfluss der in der makedonischen Elite besonders beliebten Mysterienkulte auf Alexanders Selbstwahrnehmung.

Bei aller Anerkennung der Leistungen der Griechen und trotz ihrer unverhohlen eingestandenen Sympathie für einzelne Persönlichkeiten,  so z.B. den spätantiken Redner Libanios, verschweigt Hall auch die Schattenseiten ihrer Kultur nicht: Die weitverbreitete Frauenfeindlichkeit und die allgemein akzeptierte Sklaverei finden ebenso immer wieder Erwähnung wie kriegerische Brutalität und Machtgier, so dass die stets spürbare Begeisterung der Autorin für ihren Forschungsgegenstand nicht in kritiklose Glorifizierung abgleitet. Dennoch sorgen Halls zugänglicher Stil und ihre oft sehr persönliche Herangehensweise dafür, dass die Lektüre vor allem Spaß und Lust auf mehr macht. Ein paar ereignisgeschichtliche Vorkenntnisse mitzubringen, schadet beim Verständnis allerdings nicht, denn abgesehen von einzelnen Kapiteln (wie etwa dem schon erwähnten über Alexander den Großen) referiert Hall die historischen Abläufe selten ausführlich, sondern greift eher punktuell besonders bedeutsame Geschehnisse heraus.

Die Übersetzung von Norbert Juraschitz liest sich insgesamt flüssig, aber an einzelnen Stellen zweifelt man doch, ob bei der Übertragung ins Deutsche ganz die richtige Formulierung getroffen worden ist (so stößt man eher verwundert auf die „Zeugnisse der parfümierten Ölindustrie“ [S. 75] in mykenischer Zeit – ist hier vielleicht die Herstellung von Duftölen gemeint?). Leider sind zudem einige Flüchtigkeitsfehler stehen geblieben, von denen sich nicht sagen lässt, ob sie schon im englischen Original vorhanden waren oder erst im Zuge der Übersetzung aufgetreten sind. So sollen z.B. die Goldbleche von Pyrgi  „um das Jahr 500 n. Chr.“ (S. 34) entstanden sein, was nicht stimmen kann (als terminus ante quem wird in der Forschung normalerweise die Plünderung von Pyrgi durch Dionysius von Syrakus im Jahre 384 v. Chr. genannt).

Trotz dieser Kritikpunkte bieten Die Griechen denjenigen, die sich noch nicht tiefergehend mit der griechischen Antike befasst haben, einen blendend lesbaren Einstieg in eine reizvolle Vergangenheit, während alle anderen hier vergnüglich eigene Kenntnisse auffrischen und Halls Wertungen mit eigenen Einschätzungen abgleichen können.

Edith Hall: Die Griechen und die Erfindung der Kultur. 2. Aufl. München, Pantheon, 2018, 416 Seiten.
ISBN: 978-3570553817


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Pflanzen im Mittelalter

Ob nun als Nahrung, Heilmittel, Bestandteil magischer Praktiken oder schöne Dekoration, Pflanzen sind bis heute aus keiner Epoche der Menschheitsgeschichte wegzudenken. Der Mediävist Helmut Birkhan spürt in seiner anregenden Studie Pflanzen im Mittelalter sowohl der ganz realen als auch der nur imaginierten Bedeutung der Flora für die mittelalterlichen Menschen nach. Unter den literarischen Quellen, auf die er sich dabei stützt, nehmen die Werke Konrads von Megenberg und Hildegards von Bingen die prominenteste Rolle ein, aber man begegnet auch Walahfrid Strabo, dem karolingischen Capitulare de villis, den an der Schwelle zur Frühen Neuzeit entstandenen Kräuterbüchern, dem St. Galler Klosterplan, so mancher Pflanzenerwähnung in der Dichtung und verschiedenen Bildern, unter denen das Frankfurter Paradiesgärtlein des sogenannten Oberrheinischen Meisters aus dem 15. Jahrhundert sicher zu den eindrucksvollsten zählt.

Trotz dieser vermeintlichen Quellenfülle ist es, wie schon in der Einleitung deutlich wird, keineswegs immer einfach, eindeutige Aussagen über Pflanzen im Mittelalter zu treffen, und das nicht, weil die Beschäftigung damaliger Gelehrter mit dem Thema von modernen naturwissenschaftlichen Standards noch ein gutes Stück entfernt war. Vielmehr stellen sich häufig allein schon sprachliche Zuordnungsprobleme, wenn eine mittelalterliche Pflanzenbezeichnung auf mehrere heutige Arten bezogen werden kann und die Beschreibungen vage genug bleiben, um eine exakte Identifikation unmöglich zu machen. Oft sind bei der Textauswertung also kleine oder große Rätsel zu lösen, aber Birkhan nimmt sich dieser Aufgabe voller Verve an.

Ein erster großer Abschnitt ist klassischen Nutzpflanzen gewidmet. Neben Getreide, Obst und Gemüse als wichtigen Grundsäulen der Ernährung spielen hier auch Pflanzen eine Rolle, aus denen Fasern für Textilien und Farbe gewonnen wurden, aber z.B. auch Holz und Schilf. Besonders beeindruckt Birkhan offenbar die Nutzung von fettgetränkten Binsen zur Beleuchtung, denn in der Folge setzt er das „Binsenlicht“ wiederholt als Sinnbild für seine eigene Forschungssituation ein, die die Vergangenheit nur ein wenig zu erhellen vermag, während vieles im Dunkeln bleiben muss.

Dieser Bescheidenheitsgestus kommt einem fast übertrieben vor, denn gerade im folgenden Kapitel, das Pflanzen im Hinblick auf ihre magische und medizinische Nutzung lexikalisch nach modernen Namen geordnet auflistet, weiß der Autor viele schlüssige Deutungen vorzuschlagen und nuanciert zwischen noch heute anerkannten Heilmethoden, solchen, die zumindest nach der mittlerweile überholten, aber im Mittelalter gültigen Humoralpathologie Sinn ergeben, und rein abergläubischen Vorstellungen zu unterscheiden.

Der folgende Abschnitt zu Nutz- und Lustgärten eröffnet bereits den Reigen der symbolischen Interpretation von Pflanzen, setzt er den Schwerpunkt doch eindeutig auf den Garten als bedeutungsvollen Schauplatz in literarischen Texten. Die Symbolik ist (neben Ausführungen zu Gesetzen über den Umgang mit Pflanzen) auch ein wichtiger Teil des Kapitels über Pflanzen im mittelalterlichen Recht. Umfangreicher ist die Betrachtung zu Pflanzen im Kontext der Religion. Hier sind besonders die zahlreichen Marienpflanzen berücksichtigt. Abschließend widmet Birkhan sich der Pflanze in der säkularen Kunst und Literatur des Mittelalters (wobei man sich sicher streiten kann, inwieweit die Einordnung von Weltenbäumen wie Yggdrasil in diesen Bereich schlüssig ist, da sie zwar nicht dem christlichen Kontext entstammen, als Produkte paganer Mythologie in ihrem Ursprung durchaus eine religiöse Komponente haben).

Der Anhang bietet neben den zu erwartenden bibliographischen Hinweisen auch einen nützlichen Index der erwähnten Pflanzen, die sowohl nach mittelalterlichen als auch nach modernen Bezeichnungen aufzufinden sind. Hervorzuheben ist die gelungene Buchgestaltung von Bettina Waringer, die mit Ausschnitten mittelalterlicher Bilder als Kapitelzierde arbeitet und ebenso wie das von J. Mullan aus Elementen des oben erwähnten Paradiesgärtleins reizvoll zusammengesetzte Cover dazu beiträgt, Pflanzen im Mittelalter zu einem auch äußerlich sehr schönen Buch zu machen. Inhaltlich lohnt sich die Lektüre sowohl für Mittelalterinteressierte als auch für Gartenbegeisterte unbedingt.

Helmut Birkhan: Pflanzen im Mittelalter. Eine Kulturgeschichte. Wien / Köln / Weimar, Böhlau, 2012, 312 Seiten.
ISBN: 978-3205787884


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur, Sachbuch allgemein