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Häfen für die Ewigkeit

Jean-Claude Golvins ebenso präzise wie ästhetisch ansprechende Rekonstruktionszeichnungen antiker Architektur und Topographie gehören zu den schönsten ihrer Art. Wie gut seine einprägsamen Darstellungen mit den Texten von Gérard Coulon harmonieren, hat schon ihr gemeinsamer Bildband Architekten des Imperiums bewiesen. Die Erwartungen, mit denen man ihr neues gemeinsames Werk Häfen für die Ewigkeit zur Hand nimmt, sind also von vornherein hoch, werden aber mühelos übertroffen.

Wie der Untertitel verrät, steht im Mittelpunkt des von Birgit Lamerz-Beckschäfer kenntnisreich und gut lesbar ins Deutsche übersetzten Buchs die Maritime Ingenieurskunst der Römer. Denn auch wenn man die Römer – anders als etwa die Griechen oder die Phönizier bzw. Karthager – vielleicht nicht auf den ersten Blick zu den großen Seefahrern der Antike zählen würde, brillierten sie im Hafenbau, und ihre diesbezüglichen Leistungen werden hier allgemeinverständlich beschrieben.

Nach einer Einleitung, die sich mit den technischen Herausforderungen des Bauens im Meer mit den Mitteln der Antike befasst, führt ein erstes Kapitel in den Bau von Häfen allgemein ein, während der nächste Abschnitt mit der Versandung von Häfen ein bis heute immer wieder aktuelles Problem in den Blick nimmt. Jeweils einzelne Kapitel widmen sich den verschiedenen Komponenten von Häfen, von Wellenbrechern und Molen über Kais, Lagerhäuser und Leuchttürme bis hin zu Werften. Im Anschluss daran werden wichtige römische Häfen an unterschiedlichen Küsten des Mittelmeers (Leptis Magna, Fréjus, die Häfen im Golf von Neapel, Portus und Ostia) genauer vorgestellt. Ein letztes Kapitel widmet sich dann noch zwei Kuriosa unter den Aufgaben der römischen Marine, dem moralisch sicher fragwürdigen, aber in technischer Hinsicht beeindruckenden Abtransport kompletter Obelisken aus Ägypten einerseits und der Bedienung der großen Sonnensegel, die Besucher von Amphitheatern schützten, andererseits. Der Epilog weist noch auf weitere Formen mit dem Wasser in Zusammenhang stehender Bauten (z. B. Fischteiche) hin.

Bei der Lektüre wird deutlich, dass zwar Teile römischer Häfen erhalten und daher archäologisch zu erschließen sind, dass aber in den vorhandenen Schriftquellen oft die genaue technische Vorgehensweise beim Hafenbau nicht geschildert wird, auch wenn es bemerkenswerte Momentaufnahmen gibt (so war z. B. Plinius der Jüngere Augenzeuge des Baus einer Mole in Civitavecchia). Ausgerechnet Vitruv, dessen Werk die Quelle schlechthin zur römischen Baukunst ist, scheint sich mit Hafenanlagen nicht besonders gut ausgekannt zu haben. So müssen oft moderne Überlegungen und Experimente weiterhelfen, um zu rekonstruieren, wie die Römer bestimmte Probleme gelöst haben könnten. Die Vorschläge, die Gérard Coulon dazu entwickelt, wirken zumindest aus Laiensicht durchaus überzeugend.

Vor allem aber machen Jean-Claude Golvins wunderbare Bilder das Buch aus, und auch abseits des Interesses an den Forschungen zum antiken Hafenbau bereitet es einfach viel Freude, seine Ansichten etwa von Karthago, Alexandria oder aber auch Narbonne und Marseille zu betrachten. Zusätzlich sind zahlreiche Fotos enthalten, die vorwiegend erhaltene Überreste römischer Bauwerke, aber auch Einzelfunde (wie z. B. Schiffswracks oder Münzen mit Hafendarstellungen) zeigen. Der Ausflug in die römische Antike besticht daher durch seine große Anschaulichkeit, und gerade der Reiz der Bilder verlockt dazu, den Band auch nach dem ersten Lesen noch einmal zur Hand zu nehmen.

Jean-Claude Golvin, Gérard Coulon: Häfen für die Ewigkeit Maritime Ingenieurskunst der Römer. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2021, 224 Seiten.
ISBN: 978-3-8053-5321-2

 


Genre: Geschichte

Jesus. Leben und Wirkung

Für die religiösen Überzeugungen unzähliger Menschen spielt Jesus seit zwei Jahrtausenden eine zentrale Rolle, aber ob und in welchem Maße man Aussagen über die historische Persönlichkeit treffen kann, die zum Ausgangspunkt so vieler Glaubenssätze und Legenden wurde, ist in der Forschung eine ewige Streitfrage. Der evangelische Theologe Jens Schröter beantwortet sie eher optimistisch, und so spürt er in Jesus. Leben und Wirkung dem historischen Jesus nach und versucht zu ermitteln, wie viel von einem realen Kern hinter allen späteren Deutungen und Zuschreibungen heute noch fassbar ist.

Nach einem einleitenden Überblick über die Forschungssituation befasst sich das Kapitel Biblische und außerbiblische Quellen mit den Texten, die uns über Jesus zur Verfügung stehen. Neben den Evangelien (von denen laut Schröter interessanterweise oft das spät entstandene Johannesevangelium historisch wahrscheinlichere Informationen liefert als die drei synoptischen Evangelien) und weiteren Büchern des Neuen Testaments sind das zum einen die Apokryphen, zum anderen aber jüdische und pagane Schriften der Antike. Unter dem Stichwort Indirekte Zeugnisse stellt Schröter zudem archäologische Funde vor, die zwar nicht unmittelbar in Bezug zu Jesus stehen, aber – wie etwa ein im See Genezareth gefundenes Boot aus dem 1. Jahrhundert – die Lebenswelt fassbar machen, in der er sich bewegte.

Folgerichtig erhält Der geschichtliche Kontext auch ein eigenes Kapitel, in dem einerseits mit dem damaligen Judentum der geistesgeschichtliche Hintergrund des Auftretens Jesu erläutert wird, während andererseits ein Abschnitt die Lebens- und Herrschaftsverhältnisse in Galiläa schildert, mithin also der Region, in der Jesus nicht nur aufwuchs, sondern auch als Wanderprediger umherzog und Anhänger fand. Die Grundzüge des Wirkens Jesu beleuchtet daher auch das nächste Kapitel, das nicht nur das Verhältnis Jesu zu dem ebenfalls als Prediger aktiven Johannes dem Täufer unter die Lupe nimmt, sondern auch mit dem Begriff der „Gottesherrschaft“ eine zentrale Vorstellung aus den Lehren Jesu einführt und tiefer in die biblischen Texte einsteigt, um zu überprüfen, welche Aussagen tatsächlich auf Jesus selbst zurückgehen könnten, statt ihm nur zugeschrieben worden zu sein.

Wie das nächste Kapitel, Die Erneuerung Israels, vertiefend deutlich macht, sind nämlich spätere christliche Deutungen nicht unbedingt immer identisch mit dem, was Jesus bezweckt haben könnte, und mit seinem Selbstverständnis, in dem die Darstellung als „Sohn des Menschen“ bzw. „Menschensohn“ eine zentrale Rolle spielte. Was seine theologischen Aussagen betraf, bewegte er sich aber durchaus innerhalb der Spielräume, die das Judentum seiner Zeit kannte, so dass der Konflikt, in den er mit den religiösen Autoritäten geraten zu sein scheint, nicht allein mit seinen Lehren erklärbar ist. Die Passionsereignisse und der Tod in Jerusalem – so der Titel des letzten größeren Kapitels – zeigen laut Schröter vielmehr, dass er als politische Bedrohung wahrgenommen wurde: von den Römern als Unruhestifter, von der jüdischen Priesterschaft vermutlich deshalb, weil diese ein blutiges Vorgehen der römischen Besatzungsmacht gegen weitere Kreise für den Fall fürchtete, dass er und seine Anhänger tatsächlich einen Aufstand anzetteln könnten, so dass eine Positionierung gegen ihn Selbstschutz in einer als bedrohlich empfundenen Lage war. Unter dem Stichwort Jesus und die Entstehung des christlichen Glaubens wird abschließend noch knapp ein ansatzweiser Ausblick auf die frühchristliche Sicht auf Jesus gegeben.

Durch seine klare Gliederung und allgemeinverständliche Sprache, aber auch durch das hilfreiche Kartenmaterial und die auflockernden Abbildungen eignet sich das kurze Buch gut als Einstieg in die historische Jesusforschung für alle Interessierten. Aber auch diejenigen, die sich mit dem Thema schon befasst haben, können hier gerade dank der Einbeziehung der archäologischen Funde und der genauen Textarbeit noch neue Aspekte entdecken.

Jens Schröter: Jesus. Leben und Wirkung. München, C. H. Beck, 2020, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-406-75601-6

 


Genre: Biographie, Geschichte

Die Entdeckung der Medizin

Während Medizin im Sinne einer Versorgung von Kranken und Verletzten schon seit den Anfängen der Menschheit existiert, gehört das alte Griechenland zu den ersten Kulturen, für die neben anderen Ansätzen auch das Bemühen um eine naturwissenschaftliche Herangehensweise an die Heilkunde nachgewiesen ist. Ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. entstanden Schriften, die Leiden und ihre Behandlung ohne den Rückgriff auf göttliches Einwirken zu erklären versuchten – eine Entwicklung, die dem bekannten Althistoriker Robin Lane Fox als Die Entdeckung der Medizin (im englischen Original gar The Invention of Medicine) im heutigen Sinne erscheint. Viele der entsprechenden Werke werden in der Forschung zum sogenannten Corpus Hippocraticum zusammengefasst, das in der Antike dem berühmten Arzt Hippokrates zugeschrieben wurde, aber, wie man heute weiß, von unterschiedlichen Autoren stammt. Zwei Texte daraus – das erste und dritte der sogenannten „Epidemischen Bücher“ – schreibt Lane Fox allerdings tatsächlich Hippokrates selbst zu und stellt sie ins Zentrum seines Buchs über die griechische Medizin.

Der Arzt, der die beiden epidemischen Bücher verfasste, hielt sich drei Jahre lang auf der Insel Thasos und danach im auf dem nahen Festland gelegenen Abdera auf und hinterließ eine Sammlung von Fallgeschichten namentlich genannter Patienten, deren Symptome er genau beobachtet und auch mit äußerlichen Faktoren – wie etwa dem Wetter oder der bisherigen Lebensweise der Erkrankten – in Verbindung zu bringen versucht. In seinen Aufzeichnungen stehen nicht so sehr Therapieansätze im Vordergrund wie die Schilderungen von Krankheitsverläufen, so dass man davon ausgehen kann, dass seine Forschungsergebnisse für andere Ärzte – vermutlich seine Schüler – als Handreichung zu Diagnose und Prognose dienen sollten. Manche Krankheiten sind so exakt beschrieben, dass man sie problemlos mit noch heute bekannten wie Mumps, Malaria oder Krebs identifizieren kann, obwohl man im 5. Jahrhundert v. Chr. die Ursachen oft noch nicht kannte (oder aus heutiger Sicht falsche Vermutungen darüber anstellte). Auch psychische Leiden tauchen unter den Fällen auf (so hatte z. B. ein junger Mann eine Angststörung).

Das Gefühl unmittelbarer Nähe zur Bevölkerung einer altgriechischen Stadt, das die Erörterung dieser Fallschilderungen erzeugt, ist sicher eine der großen Stärken des Buchs. Gelungen ist auch die Einordnung der epidemischen Bücher in den Kontext der Entwicklung der griechischen Medizin, über die in der Frühzeit zunächst nur archäologische Funde und literarische Texte Auskunft geben (wie etwa die homerischen Epen, deren Helden es oft mit Kampfwunden aller Art, aber auch mit einer von Apollo gesandten Seuche zu tun bekommen). Recht interessant sind auch Erwägungen, ob etwa der Historiker Thukydides die hippokratischen Schriften gekannt und an ihnen nicht nur sein medizinisches Verständnis, sondern auch seinen Blick auf die Welt allgemein geschult haben könnte.

So eindrucksvoll die Darstellung insgesamt ist, lässt sich ein Problem an ihr allerdings nicht leugnen: Um die Epidemischen Bücher 1 und 3 Hippokrates selbst zuschreiben zu können, muss Lane Fox sie auf die Zeit um 470 v. Chr. und damit mehrere Jahrzehnte früher als gemeinhin üblich datieren. Zu dem Zweck muss er aber auch inschriftliche Erwähnungen von Amtsträgern aus Thasos und Abdera, deren Namen als die von Patienten in den Epidemischen Büchern wiederkehren, vordatieren.

Im Prinzip ist das sicher erwägenswert, aber die Argumente, die er für seine Datierungen findet, sind leider nicht in allen Punkten überzeugend. Wenn er z. B. die Entstehungszeit eines (heute verlorenen) Gemäldes des thasischen Malers Polygnotos davon abhängig machen möchte, dass die darauf dargestellte Elpinike im traditionell dafür angenommenen Jahr 463 v. Chr. sicher schon zu alt und unattraktiv gewesen sei, um als Modell zu dienen, so dass man das Werk auf spätestens 470 v. Chr. datieren müsse, weiß man nicht recht, ob man darüber lachen oder den Kopf schütteln soll. Auf alle Fälle erwartet man von einem renommierten Historiker eigentlich Besseres als solche fragwürdigen Spekulationen.

Lesenswert bleibt Die Entdeckung der Medizin dennoch, gerade auch dank der lebendigen Einblicke in den Alltag einer griechischen Polis, die die quellennahe Darstellung immer wieder ermöglicht. Wer nicht vergisst, einzelne Behauptungen kritisch zu hinterfragen, kann daher durchaus einiges aus der Lektüre mitnehmen.

Robin Lane Fox: Die Entdeckung der Medizin. Eine Kulturgeschichte von Homer bis Hippokrates. Stuttgart, Klett-Cotta, 2021, 448 Seiten.
ISBN: 978-3-608-96479-0


Genre: Geschichte

Das minoische Kreta

Stiersprung und Paläste, Labyrinth und Doppelaxt, potenzielles Matriarchat oder gar Atlantis-Vorbild – die Assoziationen, die die Kultur weckt, die nach dem kretischen König Minos aus der griechischen Mythologie als die minoische bezeichnet wird, ohne dass bekannt wäre, wie sie sich selbst nannte, sind vielfältig. Was aber wissen wir eigentlich wirklich über das bronzezeitliche Kreta? Viel und wenig zugleich, wie Diamantis Panagiotopoulos in seinem Buch Das minoische Kreta überzeugend darlegt. Gut lesbar und mit vielen Fotos und Grafiken illustriert schildert er, was sich über die Situation auf Kreta zwischen 3100 v. Chr. und 1200 v. Chr. sagen lässt, als sich nach und nach zuerst eine eher agrarisch denn maritim geprägte Lebensweise entwickelte, in der sich über Jahrhunderte mehrere vielleicht miteinander konkurrierende, aber wohl auf alle Fälle voneinander unabhängige Palastzentren herausbildeten, unter denen schließlich der Palast von Knossos die Dominanz und vermutlich eine Art Oberherrschaft erlangte, bis es dann unter ungeklärten Umständen zu einer Übernahme der festländischen mykenischen Kultur kam und der kretische Sonderweg in der griechischen Welt aufging.

Ziel und Anspruch des Autors ist es dabei, sowohl ein Fachpublikum als auch Interessierte abseits des akademischen Kontexts anzusprechen – ein Vorhaben, das nicht zuletzt aufgrund seiner tiefen Liebe zum damaligen wie zum heutigen Kreta gelingt, die in seinen Schilderungen immer wieder spürbar wird. Sein Bemühen, die Minoer zu verstehen, geht deshalb nicht nur von den gleichwohl gut beschriebenen und differenziert interpretierten archäologischen Funden allein aus, sondern von den epochenübergreifenden naturräumlichen Besonderheiten Kretas. Daneben legt Panagiotopoulos großen Wert darauf, nicht nur eine abstrakte „Kultur“ zu schildern, sondern das Individuum in seiner Interaktion mit der Welt sichtbar zu machen.

Das allerdings ist für das minoische Kreta nicht ganz einfach: Die Schriftquellen (in kretischen Hieroglyphen und Linear A) sind immer noch nicht entschlüsselt, und so lebendig die erhaltenen Bilder auch wirken mögen, weisen sie doch Besonderheiten auf, die sie nicht als unverfälschte Wiedergabe der minoischen Realität erscheinen lassen. Beispielsweise gibt es, anders als gleichzeitig in Ägypten oder im Alten Orient, unter den zahlreichen Gemälden und Statuen keine, die sich eindeutig als Darstellungen konkreter Einzelpersonen, also quasi als Portraits, identifizieren lassen. In den häufigen Fest- und Alltagsszenen, die es stattdessen gibt, agieren meist nur junge Erwachsene – Kinder sind selten, ältere Menschen gar nicht abgebildet. Die Gründe dafür sind unklar.

Nicht nur deshalb ist die moderne Rezeption der minoischen Kunst und auch anderer Funde oft stark von Spekulationen geprägt. Seinen Teil dazu beigetragen hat Arthur Evans, der Ausgräber von Knossos, dessen Rekonstruktionen eher phantasievoll waren. Panagiotopoulos verteufelt ihn dennoch nicht, sondern zeigt bei aller Kritik auf, dass Evans durchaus viel leistete und nicht unbedingt wild fabulierte, sondern von seiner Zeit und seinem Bildungshintergrund geprägte Schlüsse zog.

Wie leicht das auch mit dem heutigen erweiterten Kenntnisstand geschehen kann, demonstriert der Autor anhand eines Wandgemäldes, das prominent Frauen in Szene setzt: Je nachdem, wie man sie sehen möchte, könnten sie von Würdenträgerinnen und Priesterinnen einer eher matriarchal geprägten Gesellschaft bis hin zu Haremsdamen in einem extremen Patriarchat so gut wie alles sein. Was man selbst an die bronzezeitlichen Zeugnisse heranträgt, prägt deren (vermeintliche) Aussage, dafür hat Panagiotopoulos einen wachen Blick. Entsprechend vorsichtig fallen auch seine eigenen Überlegungen aus, die oft eher Möglichkeiten aufzeigen, als in Stein gemeißelt zu erscheinen. Nur an wenigen Stellen wagt er unbelegbare Vermutungen, so etwa in der Deutung des in der minoischen Kunst oft wiedergegebenen Stiersprungs, der für ihn weder Initiationsritual noch Mythos, sondern ein wiederholter Akt der Selbstdarstellung der jungen, männlichen Angehörigen der kretischen Elite ist.

Abgesehen von hochinteressanten Informationen über Archäologie und Forschungsgeschichte des minoischen Kreta bietet das Buch daher auch ein überzeugendes Plädoyer dafür, sich im Umgang mit der Vergangenheit der Subjektivität von Rezeption und der eigenen Rezipientenrolle stets bewusst zu bleiben. Lesenswert ist es daher nicht nur für diejenigen, die sich mit der kretischen Bronzezeit beschäftigen möchten, sondern generell für alle, denen vor- und frühgeschichtliche Kulturen am Herzen liegen.

Diamantis Panagiotopoulos: Das minoische Kreta. Abriss einer bronzezeitlichen Inselkultur. Stuttgart, W. Kohlhammer, 2021, 312 Seiten.
ISBN: 978-3-17-021269-5


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Magisches Land

Ein Magisches Land voller Götter und Geister muss das heutige Baden-Württemberg vor über zweitausend Jahren für die dort lebenden Kelten gewesen sein – so kann man es jedenfalls nach der Lektüre des als Begleitband zu einer Ausstellung im Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg erschienenen Buchs mit diesem Titel vermuten. Allein um den Kult der Kelten in Baden-Württemberg, wie der Untertitel verheißt, geht es jedoch nicht: Zwar sind Funde religiös genutzter Stätten und spektakulärer Gräber dort der Ausgangspunkt der Darstellung, aber die keltische Kultur hielt sich natürlich nicht an moderne politische Grenzen. So werden auch Funde aus anderen europäischen Gebieten herangezogen, um kultische bis magische Praktiken und Glaubensvorstellungen der Kelten möglichst gut zu rekonstruieren.

Einfach ist das nicht, denn die wenigen Schriftquellen, die Schlüsse darüber zulassen, stammen überwiegend von griechischen und römischen Beobachtern, nicht aber von den Kelten selbst, wenn man von einigen späten Inschriften absieht (die etwa von romanisierten Kelten vorgenommene Weihungen an ihre Gottheiten festhalten). Die Überlieferung der inselkeltischen Mythologie erlaubt es zwar hier und da, Parallelen zu ziehen, setzt aber Jahrhunderte zu spät ein, um tragfähige Aussagen über die geistige Welt der Hallstattzeit (ca. 800 – 450 v. Chr.) und der daran anschließenden Latènezeit zu gestatten.

Spektakuläre Grabfunde aus der Hallstattzeit scheinen jedoch darauf hinzudeuten, dass geistliche und weltliche Führungspositionen in dieser Epoche oft in den Händen derselben Personen lagen und von Männern wie von Frauen bekleidet werden konnten. Dagegen trat offenbar in der Latènezeit eine stärkere Trennung zwischen einer kriegerischen weltlichen Führungsschicht und einer geistigen und geistlichen Elite in Gestalt der bekannten Druiden ein. Beide Rollen konnten zwar weiterhin in einer Person vereint sein, wie im Falle des bei Caesar und Cicero erwähnten Haeduers Diviciacus, doch war dies offenbar nicht mehr die Regel.

Breiten Raum nimmt die Schilderung dessen ein, was sich dank der Archäologie über die eigentliche Kultausübung erschließen lässt. Neben der Aufstellung von Statuen und der zu vermutenden Abhaltung von Prozessionen und vielleicht auch Wagenrennen war für die Kelten das Opfer der zentrale Akt, um mit höheren Mächten in Kontakt zu treten. Neben der Opferung von Tieren und Gegenständen in Heiligtümern oder an besonderen Plätzen in der Natur kam es auch zu Menschenopfern (oft wohl von Kriegsgegnern, aber auch z. B. im Zuge von Totenfolgebräuchen). Typisch keltisch ist dabei die weit verbreitete Zurschaustellung menschlicher Schädel, die aber gelegentlich auch zu Anhängern (wahrscheinlich mit Amulettfunktion) verarbeitet wurden. Während also noch relativ gut fassbar ist, welche Handlungsweisen den Kelten religiös oder magisch geboten erschienen, ist das Warum dahinter oft schwieriger zu erahnen. Zwar sind aus römischer Zeit einige keltische Gottheiten und ihre Zuständigkeitsbereiche überliefert, aber die zugehörigen Mythen, von denen einige vermutlich auf dem hier ausführlich besprochenen und wie viele andere Funde auch detailliert in Bildern präsentierten Kessel von Gundestrup dargestellt sind, lassen sich nicht mehr erschließen.

Noch rätselhafter als ihre religiösen Vorstellungen ist an den Kelten Baden-Württembergs allerdings eines: Ihr jähes Verschwinden noch vor der Okkupation der Region durch die Römer. Im 1. Jahrhundert v. Chr. wurden die alten Siedlungsgebiete dort offenbar so gut wie vollständig von Menschen verlassen. Als mögliche Auslöser werden zwar Angriffe germanischer Gruppen, Seuchen, Missernten oder innere Wirren angegeben, doch letzten Endes sind die Gründe für die zeitweise Entvölkerung der Gegend ungeklärt. Keltisches, das sich in römischer Zeit dort wieder zeigt, wurde offenbar von romanisierten Kelten mitgebracht, ohne dass eine Kontinuität zur vorherigen Tradition bestanden hätte.

Doch wie der letzte Beitrag des Bandes mit seinem kurzen Ausblick auf die Populärkultur zeigt, sind es vielleicht gerade die Lücken im Wissen über die Kelten, die diese zur idealen Projektionsfläche für eigene (Wunsch-)Vorstellungen werden lassen und damit auch ein wenig ihren Zauber ausmachen. Nicht nur deshalb ist ein Ausflug ins Magische Land für alle historisch Interessierten empfehlenswert.

K. Felix Hillgruber u. a.: Magisches Land. Kult der Kelten in Baden-Württemberg. Darmstadt, Theiss (WBG), 2021, 168 Seiten.
ISBN: 978-3-8062-4399-4

 


Genre: Geschichte

Auf Achse mit den Römern

Das Römische Reich zeichnete sich durch ein für antike Verhältnisse gut ausgebautes Straßensystem und eine hohe Mobilität der Bevölkerung aus. Ob zu Fuß, im Sattel, mit Wagen oder per Schiff waren ständig viele Menschen unterwegs, darunter natürlich Soldaten und Beamte auf dem Weg zu ihren Einsatzorten. Doch auch im zivilen Bereich gab es mehr als genug Anlässe für Reisen: Handel, Bildung, Pilgerfahrten, Erholungssuche, Besuche bei Verwandten und Bekannten und schließlich auch touristische Neugier waren Gründe, zu teilweise recht fernen Zielen aufzubrechen. Mit Reisen in römischer Zeit – so der Untertitel – und dabei insbesondere mit den Reisen zu Land befasst sich das als Begleitband zu einer Dauerausstellung im LVR-Archäologischen Park Xanten konzipierte Buch Auf Achse mit den Römern, zu dem verschiedene Autorinnen und Autoren Beiträge beigesteuert haben.

Nach einer kurzen Einführung zum Ausstellungskontext befasst sich das erste Oberkapitel Den Römern auf der Spur mit dem römischen Straßensystem unter besonderer Berücksichtigung der Situation in Niedergermanien, also der Provinz, in der die Colonia Ulpia Traiana, das heutige Xanten, lag. Eingefügt in den Text sind dabei unter dem Stichwort Wissenswertes Informationskästen, die z. B. archäologische Fachbegriffe erläutern und das Thema so auch für Nichtfachleute verständlich erschließen. Der Schlussabschnitt des Kapitels widmet sich der Orientierung in dieser Welt mittels Itineraren und Karten wie der berühmten Tabula Peutingeriana, die allerdings nicht so wie eine moderne Landkarte zu lesen ist, sondern anderen Prinzipien gehorcht.

Wer diese Straßen und Wegbeschreibungen wie genau nutzte, verrät das Kapitel Menschen unterwegs, in dem zunächst in mehreren Abschnitten die praktischen Aspekte des Reisens (wie Gepäck, Reisedauer, Übernachtungen und Gefahrenquellen) abgehandelt werden, bevor es um berufliche und private Reisegründe geht.

Mit Vom Reißbrett auf die Straße – die Rekonstruktionen römischer Kutschen im LVR-Archäologischen Park Xanten ist ein eigenes Kapitel der experimentellen Archäologie gewidmet. Nach Schrift- und Bildquellen, aber auch Funden wurden drei verschiedene Wagen nachgebaut, ein leichtes, zweirädriges cisium für kürzere Fahrten, eine carruca, die zur Beförderung Reisender über längere Distanzen gedacht war, und ein primär zu Transportzwecken dienender carrus. Die Nachbauten sind nicht nur in einem eigenen Pavillon im Park ausgestellt, sondern wurden auch auf ihre Fahreigenschaften und ihren Komfort getestet. In beiden Bereichen tun sich dann doch erhebliche Unterschiede zu Kutschen der Moderne, aber auch schon der Frühen Neuzeit auf.

Das Zuggeschirr der römischen Kaiserzeit wird in einem eigenen abschließenden Kapitel untersucht, denn wie man die Zugtiere – Pferde, Maultiere, Esel und Ochsen – anschirrte, unterschied sich ebenfalls von heute, da die Schirrung im Mittelalter noch einmal eine erhebliche Weiterentwicklung erfuhr.

Alle Themen sind mit viel Bildmaterial ansprechend und leicht zugänglich für ein allgemeines Publikum aufbereitet, die teilweise ausführlichen Quellenzitate entsprechend in deutscher Übersetzung wiedergegeben. Einem ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Ausflug in die Welt des Reisens in der römischen Antike steht mit diesem Buch also nichts im Wege.

Jeanne-Nora Andrikopoulou u.a.: Auf Achse mit den Römern. Reisen in römischer Zeit. Oppenheim, Nünnerich-Asmus, 2020 (Führer und Schriften des LVR-Archäologischen Parks Xanten Nr. 25), 152 Seiten.


Genre: Geschichte

Fremde und Fremdsein in der Antike

Weite Reisen und Migration sind nicht erst ein Phänomen der Moderne. Schon im Altertum standen Menschen immer wieder vor der Frage, wie sie mit Begegnungen mit Fremden, aber auch mit eigenen Erfahrungen des Fremdseins umgehen sollten, und fanden darauf eine Fülle von guten wie schlechten Antworten. Wie es um Fremde und Fremdsein in der Antike bestellt war, untersucht Holger Sonnabend quellennah und lebendig in seinem neuen Buch.

Der zeitliche Bogen reicht vom archaischen Griechenland bis in die Spätantike (ergänzt um einen kurzen Ausblick ins Mittelalter). Weniger klar zu umgrenzen ist, was unter „Fremden“ und „Fremdsein“ zu verstehen ist, da es eine schier unerschöpfliche Fülle von möglichen Gründen dafür gab, dass Menschen sich mehr oder minder weit entfernt von ihrer Herkunftsregion wiederfanden: Während Einwanderung, Flucht, Verbannung oder gar Versklavung in der Regel bedeuteten, dass man sich dauerhaft an einem neuen Ort einrichten musste, konnten Handel, Bildungsdrang, Militärdienst oder früher Tourismus dafür verantwortlich sein, dass man sich auf Zeit in die Fremde begab.

Diese begann aus Sicht antiker Griechen übrigens oft schon relativ in der Nähe der eigenen Heimat, denn obwohl man gegenüber den verächtlich als Barbaren apostrophierten Angehörigen anderer Kulturen ein gewisses griechisches Gemeinschaftsgefühl pflegte, blieb der engere Bezugsrahmen doch der eigene Stadtstaat. Zwar gab es Institutionen wie Gastfreundschaft und Asyl, die den Umgang mit Fremden humanisierten, aber mit der Vergabe des Bürgerrechts an Zugezogene geizte man selbst dann, wenn es sich um andere Griechen handelte. Etwas mehr Weltoffenheit lässt sich im Zeitalter des Hellenismus feststellen, nachdem die Eroberungen Alexanders des Großen kulturellen Austausch brutal und auch gegen Widerstände in den eigenen Reihen erzwungen und zudem die Entstehung griechisch beherrschter Flächenstaaten ausgelöst hatten.

In Rom, das schon in seinen Ursprungssagen den Beitrag Fremder zur Gründung und zum Aufblühen der Stadt thematisierte, war die Situation von vornherein anders, wenn auch nicht dezidiert fremdenfreundlich. Auch hier gab es kulturelle Arroganz, Vorurteile gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen (der Autor Juvenal war z. B. eindeutig kein Freund der Syrer) und sogar Verfolgungen bestimmter Religionsgemeinschaften nichtrömischen Ursprungs – neben Juden und Christen traf es zeitweise etwa auch die Anhänger des Isiskults. Aber eine pauschale Diskriminierung oder gar ein Rassismus im modernen Sinne ist nicht festzustellen, und die Vergabe des römischen Bürgerrechts wurde, wenn auch manchmal nicht ohne bürokratische Hürden, großzügig gehandhabt. So standen auch ursprünglich Fremden glänzende Karrieren bis hin zum Aufstieg in höchste Staatsämter offen. Umgekehrt gab es aber auch Römer, die es in die Fremde verschlug – ein prominentes Beispiel ist hier der ans Schwarze Meer verbannte Dichter Ovid.

Holger Sonnabend schreibt zugänglich und locker. Nicht nur der oft humorvolle und durchaus auch einmal auf umgangssprachliche Wendungen zurückgreifende Stil ist auf ein allgemeines Publikum zugeschnitten. Manchmal hat man allerdings den Eindruck, dass es im Zuge des Abzielens auf leichte Verständlichkeit zu gewissen Vereinfachungen und Verkürzungen kommt. Wenn der Autor z. B. ausführt, man habe die Trojaner in der Sage vom Trojanischen Krieg als Griechen verstanden (vgl. S. 19), lässt er dabei unerwähnt, dass der trojanische Königssohn Paris in bildlichen Darstellungen gern mit phrygischer Mütze gezeigt und dadurch als Nichtgrieche und Mann aus Kleinasien gekennzeichnet wird – interessanterweise sogar auf dem Vasenbild, das Holger Sonnabend selbst zur Illustration des Kapitels über den Trojanischen Krieg verwendet (S. 18). Auch wenn man solch mangelnde Differenzierung einmal außer Acht lässt, ist sachlich nicht alles hundertprozentig korrekt. So wird z. B. als Autor des Romans Ben Hur fälschlich Lewis Carroll angegeben (S. 189 f.)  und Sulpicius Apollinaris, ein Gelehrter des zweiten Jahrhunderts, wird einmal mit Sulpicius Severus  verwechselt (S. 217).

Davon, dass hier und da also noch Verbesserungspotenzial besteht, sollte man sich aber nicht von der Lektüre abhalten lassen. Denn Holger Sonnabend beleuchtet anhand einer Fülle von Einzelbeispielen ein wichtiges Thema, aus dessen Erscheinungsformen in der Antike man durchaus Lehren für die heutige Zeit ziehen kann, und zeigt auf, dass vieles, was allein schon die Menschlichkeit gebieten sollte, auch schlicht die politisch vernünftigste Lösung sein kann.

Holger Sonnabend: Fremde und Fremdsein in der Antike. Über Migration, Bürgerrecht, Gastfreundschaft und Asyl bei Griechen und Römern. Wiesbaden, Marixverlag, 2021, 304 Seiten.
ISBN: 978-3-7374-1168-4


Genre: Geschichte

Notre-Dame

Die Kathedrale Notre-Dame in Paris, deren Brand 2019 weltweit Entsetzen auslöste, ist zwar ein katholisches Gotteshaus, aber das Gebäude an sich gehört dem Staat. Diese eigentümliche Situation geht auf die Französische Revolution zurück, passt aber gar nicht schlecht zur Geschichte des Bauwerks, das neben seiner religiösen Funktion immer auch der weltlichen Repräsentation diente.

Dieser Doppelrolle, die nicht erst in unserer Zeit noch um eine dritte als Touristenmagnet zu ergänzen ist, spürt Thomas W. Gaehtgens in Notre-Dame. Geschichte einer Kathedrale nach. Er möchte sein Buch dabei ausdrücklich nicht als Führer durch die Kathedrale verstanden wissen, sondern strebt bei aller Liebe zum Detail in der Architekturschilderung ein umfassenderes Bild an, das auch entscheidende historische Ereignisse und Entwicklungen mit einbezieht. Ausgangspunkt seiner lebendigen Betrachtung ist denn auch nicht der Baubeginn der heutigen Kathedrale 1163, sondern ihre Bedeutung beim Herrschaftsantritt der mittelalterlichen französischen Könige, die zwar in Reims gekrönt wurden, aber vor dem Hauptportal von Notre-Dame der Kirche einen Schwur leisten mussten.

Das erste Kapitel, Die gotische Kathedrale, ist dennoch im Wesentlichen eine Baugeschichte der mittelalterlichen Substanz Notre-Dames. Bei der Lektüre empfiehlt es sich, ein Architekturwörterbuch in greifbarer Nähe zu haben, denn für ein Buch mit dem für die Reihe C. H. Beck Wissen typischen Einführungscharakter werden hier doch recht viele Fachbegriffe vorausgesetzt und nicht im Text selbst oder in einem Glossar erläutert.

Im zweiten Abschnitt, Die Kathedrale der Könige, der sich mit der Zeit ab dem 16. Jahrhundert befasst, rückt neben politischen Ereignissen die Innenausstattung der Kathedrale stärker in den Vordergrund. Während durch die Bourbonen veranlasste Umbauten, insbesondere im Zuge der von Ludwig XIII. und seinem Sohn Ludwig XIV. intensiv propagierten, gegenreformatorisch geprägten Marienfrömmigkeit, noch heute zum Teil sichtbar und im allgemeinen Bewusstsein präsent sind, gilt das nicht für die bedeutenden und über Jahrhunderte hinweg unübersehbaren Stiftungen aus bürgerlichen Kreisen – auch aufgrund der Tatsache, dass viel davon zerstört oder zumindest, wie etwa Gemälde namhafter Künstler, im Zuge der Revolution aus der Kirche entfernt wurde.

Die mit dem politischen Umsturz auch für Notre-Dame verbundenen Verwerfungen leiten das dritte Kapitel, Tempel und Kirche der Nation, ein, doch geht es hier im weiteren Verlauf auch um das für die heutige Wahrnehmung des Gebäudes ungemein prägende 19. Jahrhundert, in dem nicht nur Victor Hugos berühmter Roman über die Kathedrale entstand, sondern auch eine weitreichende Restaurierung durch die Architekten Lassus und Viollet-le-Duc vorgenommen wurde. Insbesondere das heute oft kritisierte Vorgehen des Letzteren, der recht frei eigene Ergänzungen vornahm und in der Hoffnung auf die Wiederherstellung eines vermeintlichen Originals historisch gewachsene Bauzustände beseitigen ließ, nimmt Gaehtgens dabei vor dem Hintergrund von Forschungsstand und Kunstverständnis seiner Zeit in Schutz.

Das abschließende vierte Kapitel Die Kathedrale der Republik widmet sich der durchaus ironischen Situation, dass Notre-Dame dem eigentlich strikt laizistisch ausgerichteten französischen Staat bis heute als feierlicher Rahmen etwa für die Aufbahrung verstorbener Präsidenten dient – oder besser gesagt bis 2019 diente. Den dadurch notwendig gewordenen Restaurierungs- und Wiederaufbauarbeiten sieht Gaehtgens optimistisch entgegen, da viel Beschädigtes wohl durchaus noch zu retten ist.

An einer Stelle enthält das Buch leider eine Fehlübersetzung: Die französische Bezeichnung einer berühmten Dämonenskulptur, „Le Stryge“, wird auf Deutsch mit „der Streit“ (S. 112) wiedergegeben, während es sich in Wirklichkeit um einen Ausdruck für diese Art von Ungeheuer handelt, so dass es besser „Striga“ hätte heißen sollen.

Abgesehen von solchen Kleinigkeiten liest Notre-Dame sich jedoch gut und bietet auf kleinem Raum eine Fülle hochinteressanter Informationen. Besonders schärft das Buch das Bewusstsein dafür, wie sehr die Kathedrale auch abseits von großen Einschnitten wie der Revolution und dem Brand in jüngster Vergangenheit schon ab der Bauphase ständigen Veränderungen unterworfen war. Auch insgesamt erfährt man viel, was man über Notre-Dame nicht unbedingt weiß – Kuriosa wie eine riesenhafte Christophorus-Statue, die bis ins 18. Jahrhundert im Kirchenschiff aufgestellt war, mit inbegriffen. Nicht nur, aber ganz besonders auch für Mittelalterinteressierte und Frankreichfans lohnt sich daher die Lektüre.

Thomas W. Gaehtgens: Notre-Dame. Geschichte einer Kathedrale. München, C. H. Beck, 2020, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-406-75048-9


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Geister, Hexen, Menschenfresser

Geister, Hexen, Menschenfresser – der Titel verweist ins Reich der Schauergeschichten, und tatsächlich verspricht der Untertitel von Rudolph Kremers Buch auch Gruselgestalten im alten Rom. Das greift allerdings fast zu kurz, denn auch wenn es unter anderem um Spuk und Fabelwesen geht, spielen auch Aberglauben und Alltagsleben der Antike in die Darstellung mit hinein, die also viel mehr als nur ein Kompendium unheimlicher Imagination bietet.

Mit ein Grund dafür dürfte sein, dass zumindest einige der angekündigten Gruselgestalten gar nicht ausschließlich grausig, sondern eher ambivalent sind. So hängt es nach römischer Überzeugung zum Beispiel bei den Totengeistern, die neben Naturgeistern wie Nymphen und Faunen das erste Kapitel bevölkern, im hohen Maße vom Umgang der Lebenden mit ihnen und den Überresten ihrer Körper ab, ob sie erschreckende Aktivitäten entfalten oder zu wohlwollenden Laren werden, die Schutz und Hilfe bieten.

Auch bei den im Mittelpunkt des zweiten Kapitels stehenden Zauberkundigen, denen in der römischen Literatur alle möglichen Schandtaten bis hin zu grausamen Kinderopfern zugeschrieben werden, ist auf den zweiten Blick eine große Bandbreite feststellbar: Ist es in der Fiktion oft die (weibliche) Hexe, die Böses im Sinn hat, traten im realen Leben Männer wie Frauen als Magieexperten auf, die zwar einerseits oft in die Nähe verachteter Gewerbe wie der Prostitution gerückt wurden, andererseits aber auch positiv konnotierte Dienstleistungen etwa auf dem Gebiet der Heilkunde anboten. Ob man an die Wirksamkeit magischer Praktiken glaubte, war allerdings auch im alten Rom schon Ansichtssache: Skeptische Meinungen sind durchaus überliefert, aber archäologische Funde wie z.B. die zahlreichen Fluchtäfelchen deuten darauf hin, dass viele Menschen dennoch auf Zauberei setzten.

Ohne reale Entsprechung sind Untote, Blutsauger und Menschenfresser, die im dritten Kapitel ihr Unwesen treiben. Anders als heute war manche Monsterrolle dabei geschlechtsspezifisch besetzt: So sind antike Vampire in Gestalt der Empusen, die es auf junge Männer abgesehen haben, weiblich, während man sich Werwölfe männlich vorzustellen hat. Das letzte Kapitel um Riesen und Monster im alten Rom lässt schließlich allerlei Fabel- und Mischwesen auftreten, von denen viele wie z.B. die Sirenen aus der klassischen Mythologie bekannt sind. Doch auch ungewöhnlichere und heutzutage der Allgemeinheit unbekanntere Geschöpfe finden sich hier, so etwa der Leucrocotta, der mit Hirschbeinen, Löwenkörper und Dachskopf ausgestattet ist und mit menschlicher Stimme seine Opfer anlockt – vermutlich, um Rache für auf der Jagd erlegte Wildtiere zu nehmen.

Illustriert ist der Band nicht nur mit Fotos antiker Kunstwerke aller Art (und einzelner mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Bilder, die von Schilderungen aus dem Altertum beeinflusst sind), sondern auch mit modernen Zeichnungen und Gemälden zum Thema, an denen vor allem Pulp-Fans ihre helle Freude haben dürften. Rätselhaft bleibt allerdings, warum als Begleitung zu einer Begebenheit um römische Soldaten und eine drachenhafte Riesenschlange in Afrika ausgerechnet das Foto einer Schlange zum Einsatz kommt, bei der es sich laut Bildunterschrift um eine „Anakonda aus Lateinamerika“ (S. 107) handelt, deren Berührungspunkte mit dem alten Rom ja doch eher gering sein dürften.

Insgesamt aber gelingt es Rudolph Kremer gut, aufzuzeigen, dass schon in römischer Zeit das Verhältnis zu vermeintlichen übernatürlichen Bedrohungen zwischen allgemein menschlichen Ängsten und Spaß am vergnüglichen Grusel (etwa in der Unterhaltungsliteratur oder beim Austausch von Erzählungen beim Gastmahl) changierte. Während die spezifische Ausprägung der besprochenen Spukgestalten in der römischen Kultur verankert war, sind die grundlegenden Tendenzen daher auch für uns Heutige noch nachvollziehbar. Wer Rom also einmal von seiner Nachtseite kennenlernen und ein paar schaurige bis amüsante Geschichten über menschenfressende Drachen oder Politiker bei okkulten Aktivitäten mitnehmen möchte, findet hier die richtige Lektüre.

Rudolph Kremer: Geister, Hexen, Menschenfresser. Gruselgestalten im alten Rom. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2021, 112 Seiten.
ISBN: 978-3-8053-5300-7 (Sonderheft der Zeitschrift „Antike Welt“; ISBN Buchhandelsausgabe: 978-3-8053-5299-4)

 


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Europa. Die ersten 100 Millionen Jahre

Europa als eigener Kontinent entstand vor etwa 100 Millionen Jahren, zunächst als reine Ansammlung von Inseln. Welchen Verlauf die Naturgeschichte hier seitdem genommen hat und wie sie erforscht worden ist, zeichnet der Biologe Tim Flannery in Europa. Die ersten 100 Millionen Jahre bildgewaltig, anspielungsreich und in munterem Ton für ein allgemeines Publikum nach. Das könnte unterhaltsam und auch inhaltlich packend sein. Allerdings ist mir selten ein Sachbuch begegnet, das gleichzeitig so gut geschrieben ist und doch ein derart profundes Unbehagen angesichts des Umgangs des Autors mit seinem Gegenstand weckt.

Das Positive vorab: In recht kurzen und leicht verständlichen Kapiteln erfährt man hier vieles über die europäische Natur und insbesondere Fauna, von den Dinosauriern über ausgestorbene Säugetiere wie Mammuts oder Auerochsen bis hin zu invasiven Arten in der Neuzeit. Deutlich wird auch, wie sehr der menschliche Einfluss von der Steinzeit an die Umwelt prägte und welche Gefahren in heutiger Zeit von Klimawandel und industrieller Landwirtschaft ausgehen. Ähnlich wie Madelaine Böhme in ihrem empfehlenswerteren Buch Wie wir Menschen wurden greift Flannery mehrfach zum Stilmittel der imaginierten Zeitreise, um urzeitliche Landschaften heraufzubeschwören. Wissenschaftliche Nüchternheit dagegen ist nicht seine Stärke. Oft wertet er sehr subjektiv (z.B., wenn er sich ausführlich darüber verbreitet, wie wenig er Schweine mag und wie schlecht ihm daher auch bestimmte urzeitliche Exemplare gefallen).

Spätestens ab der Stelle, an der der moderne Mensch auf den Plan tritt, wird es insgesamt noch sonderbarer, und das nicht nur, weil sich hier und da sachliche Fehler einschleichen (als Mediävistin liest man etwa mit Befremden, dass die Langobarden sich schon „im Jahr 600 vor Beginn unserer Zeitrechnung“ in Italien aufhielten [S. 210] oder dass die Europäer angeblich nach einem finsteren Mittelalter erst im 15. Jahrhundert dank antiker Texte wieder erkannten, „dass die Welt rund“ ist [S. 275] – ein alter Forschungsirrtum, den man eigentlich längst überwunden glaubt).

Vielmehr ist von den Menschen, die sich Europa ausbreiten, offensichtlich insgesamt nicht viel zu halten: Die durch Genuntersuchungen belegte Vermischung von modernen Menschen und Neandertalern wird nicht als friedlicher Kontakt geschildert, sondern in der Form, dass Menschenmänner Neandertalermänner ermorden und die Neandertalerfrauen zum Austragen ihrer Kinder zwingen. Auch die steinzeitliche Kunst ist für Flannery von männlichen Künstlern dominiert, die allerdings in Wahrheit gar keine Künstler, sondern gelangweilte Teenager sind, die bis auf blutige Jagden und nackte Frauen nicht viel im Kopf haben und daher unbeholfene Graffiti mit diesen Sujets schaffen. Den alten Römern dagegen wird weniger der Raubbau an der Natur vorgeworfen, den sie teilweise zweifelsohne betrieben, als die Tatsache, dass sie keine neuen Tierarten domestiziert hätten – für Flannery offenbar ein Versäumnis, das mehrfach betont werden muss.

Vollends seltsam mutet schließlich Flannerys Schwerpunktsetzung in der Schilderung der Forschungsgeschichte an. Denn wenn an den Wissenschaftlerschicksalen, die er vorstellt, eines auffällt, dann, dass viele von ihnen mit einem Selbstmord enden, bei dem oft auch noch die Methode beschrieben und zum Teil mit eher zynisch anmutenden Überlegungen kommentiert wird. Der Eindruck einer unguten Begeisterung des Autors für das Thema drängt sich daher auf.

Verglichen damit wirken Flannerys Überlegungen, man solle doch in Europa Elefanten und Löwen ansiedeln, da es sie dort vor langer Zeit einmal gegeben habe und man den Erhalt dieser Tierarten nicht allein den Afrikanern zumuten dürfe, geradezu harmlos, wenn auch etwas bizarr. Ob man seine am Ende entwickelte Zukunftsvision eines Europa, in dem die Bevölkerung und die in Gewächshäuser verlagerte Landwirtschaft sich auf Städte konzentrieren, während die umliegende Wildnis mit ihren Kreuzungen aus Mammut und Elefant zur Touristenattraktion geworden ist, für eine Utopie oder doch eher für ein Schreckensszenario hält, ist wohl Geschmackssache. Nicht nur deshalb ist Europa ein Buch, das einen am Ende mehr oder minder ratlos zurücklässt, obwohl es durchaus einige interessante Informationen zu bieten hat.

Tim Flannery: Europa. Die ersten 100 Millionen Jahre. Berlin, Insel (Suhrkamp), 2019, 384 Seiten.
ISBN: 978-3-458-17822-4


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein