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Ich, Helene Kottannerin

Elisabeth von Luxemburg, Tochter Kaiser Sigismunds und mit dessen Nachfolger, dem Habsburger Albrecht II., verheiratet, war schwanger, als ihr Mann 1439 einer Krankheit erlag, und hoffte darauf, einen männlichen Erben zur Welt zu bringen und so bald wie möglich zum König von Ungarn krönen lassen zu können. Dazu war die auf der Plintenburg in Visegrád verwahrte ungarische Königskrone unabdingbar notwendig, die Aussicht allerdings, dass man sie Elisabeth einfach aushändigen würde, gering: Der ungarische Adel pochte auf seinen Einfluss, wollte das dynastische Prinzip bei der Nachfolge nicht gelten lassen und hätte einen Erwachsenen gegenüber einem Kindkönig bevorzugt. In dieser Situation beauftragte Elisabeth die loyal zu ihr stehende Kammerfrau Helene Kottannerin, die Krone heimlich zu stehlen und zu ihr zu bringen – ein Vorgang, über den wir im Detail nur deshalb so gut unterrichtet sind, weil die Diebin wider Willen in späteren Jahren einen ausführlichen autobiographischen Bericht darüber und über die weiteren Geschehnisse noch über die tatsächlich erfolgte Krönung von Elisabeths Sohn Ladislaus Postumus hinaus verfasste.

Es ist dieser ungewöhnliche, leider nur unvollständig überlieferte Text aus einer an Memoiren zumal von Frauen noch sehr armen Zeit, den die Historikerinnen Julia Burkhardt und Christina Lutter in ihrem lesenswerten Buch in neuhochdeutscher Übersetzung präsentieren (und durch hilfreiche Unterüberschriften gliedern), um dann eine umfassende historische Einordnung vorzunehmen, die ein tiefes Eintauchen in die Welt des späten Mittelalters ermöglicht.

Schon geographisch in einer Kontaktzone zwischen verschiedenen Kultur- und Sprachräumen angesiedelt, ist der Bericht der Helene Kottannerin (die sich übrigens selbst darin „Helena“ oder „Elena“ nennt, während die Forschung ihr die Namensform „Helene“ gegeben hat) auch deshalb so interessant, weil er zwar in einem höfischen Umfeld spielt, aber aus der Perspektive einer Person bürgerlichen Standes geschrieben ist, die Kontakt zu Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten hatte und diesbezüglich auch oft eine Vermittlerinnenrolle einnahm. Neben der politischen Geschichte der Durchsetzung der erwünschten Nachfolge durch die Königin spielt daher auch viel Alltagshistorisches eine Rolle, von beschwerlichen Reisen des Hofs über Schlafarrangements und Kinderpflege bis hin zu Religiosität und Aberglauben (so liest man hier von wundertätigen Erbsenschoten und davon, dass aus Sicht der Kammerfrau entweder ein Gespenst oder der Teufel höchstpersönlich den Kronendiebstahl zu hintertreiben versuchte).

Wer das Vorurteil hat, dass ein mittelalterlicher Text notwendigerweise trocken und schwierig zu lesen sein muss, wird hier eines Besseren belehrt, denn Helene Kottannerin schreibt nicht nur anschaulich, sondern auch sehr lebensnah und in manchen Punkten ehrlicher, als man es vielleicht im Voraus erwartet (so führt die Krönung eines wenige Monate alten Babys trotz aller Feierlichkeit eben auch und vor allem zu einem wie am Spieß brüllenden kleinen König). Diese erfrischende Offenheit macht die Quelle zu einer, die über ihre historische Bedeutung hinaus auch einen hohen Unterhaltungswert hat und nebenbei mit dem Klischee aufräumt, Frauen im Mittelalter seien bestenfalls passive Schachfiguren in männlichen Machtspielen gewesen. Sowohl die Königin als auch ihre Kammerfrau wissen sehr genau, was sie wollen, und finden Mittel und Wege, es auch zu erreichen.

Zahlreiche Abbildungen und nützliche Hilfsmittel (wie Kartenmaterial, eine Konkordanz der deutschen und ungarischen Formen von Ortsnamen und eine Stammtafel, aus der sich die teilweise verwirrenden familiären Verflechtungen zwischen Luxemburgern, Habsburgern, Cilliern und Jagiellonen entnehmen lassen) runden den ebenso kompakten wie gelungenen Band ab, der hiermit allen ans Herz gelegt sei, die sich für das späte Mittelalter interessieren.

Julia Burkhardt, Christina Lutter: Ich, Helene Kottannerin. Die Kammerfrau, die Ungarns Krone stahl. Darmstadt, wbg Theiss, 2023, 192 Seiten.


Genre: Biographie, Geschichte

Februar 33

Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 war nicht nur ein gravierender politischer Einschnitt mit fatalen Folgen für ganz Deutschland, sondern markierte zugleich einen Wendepunkt für viele literarisch Tätige, ob sie nun Schriftstellerinnen, Kritiker, Journalistinnen oder Verleger waren. Die wenigen Wochen bis zum Reichstagsbrand (27. Februar) und den Wahlen (5. März), die die Herrschaft der Nationalsozialisten endgültig zementierten, entschieden über Karrieren und oft auch über Leben und Tod, denn es gab vieles, was den neuen Machthabern ein Dorn im Auge war und selbst prominenten Persönlichkeiten des kulturellen Lebens zum Verhängnis werden konnte, von jüdischer Herkunft über kommunistische Überzeugungen bis hin zum schlichten Eintreten für Demokratie und Freiheit.

Uwe Wittstock zeichnet diesen Februar 33 auf Basis von Quellen wie Tagebüchern, Briefen und Zeitungsnachrichten Tag für Tag nach und folgt dabei den Spuren verschiedener Menschen im Literaturbetrieb, unter denen die Familie Mann, in der so viele Mitglieder in irgendeiner Form schrieben, eine zentrale Rolle einnimmt. Was leichtfüßig und launig mit einer Schilderung des letzten Berliner Presseballs vor der Machtübernahme der Nazis beginnt, auf dem Carl Zuckmayer und der Flieger Ernst Udet gerade noch davon abgehalten werden können, zum Spaß öffentlich ihre Hinterteile zu entblößen, wird bald immer beklemmender, und das nicht nur, weil den Abschluss jedes Tageskapitels eine protokollartige Auflistung der oft tödlichen Gewalttaten bildet, mit denen die Nazis in Straßenkämpfen und Angriffen z. B. auf Lokale oder Wohnungen insbesondere Linke terrorisierten und ihre Macht festigten. Fassungslos macht daran unter anderem auch, wie häufig neben den gezielt attackierten Opfern völlig Unbeteiligte, die einfach nur vorüberkamen oder in der jeweiligen Gegend wohnten, verletzt oder getötet wurden. Alle Heutigen, die sich selbst für unpolitische Menschen halten und glauben, dadurch in unruhigen Zeiten relativ sicher zu sein, werden hier hoffentlich eines Besseren belehrt.

Einen weitaus breiteren Raum nehmen jedoch die schlaglichtartigen Blicke auf Schicksale aus der literarischen Welt des deutschen Sprachraums ein. Eindringlich wird greifbar, dass bis auf einzelne Vorausschauende (wie etwa Joseph Roth) viele lange unterschätzten, wie schlimm die Situation sich entwickeln würde, und so erst spät – in manchen Fällen leider auch zu spät – daran dachten, sich in Sicherheit zu bringen. Während beispielsweise Alfred Kerr, Heinrich Mann oder Else Lasker-Schüler gerade noch rechtzeitig ins Ausland entkommen konnten und Einzelne – so Egon Erwin Kisch und Manès Sperber – nach einer Verhaftung nur dank ihrer nichtdeutschen Staatsbürgerschaft glimpflich mit einer Abschiebung davonkamen, fanden allzu viele, die blieben (sei es aus Überzeugung, wie Carl von Ossietzky, oder schlicht aus Geldmangel, wie Erich Mühsam), ein schreckliches Ende. Das Maß von Willkür, Gewalt und entsetzlichsten Misshandlungen, das schon in diesem Anfangsstadium der Nazidiktatur aufscheint, verweist auf die späteren Gräuel voraus und ist eine Mahnung, niemals zu unterschätzen, wie weit antidemokratische Kräfte zu gehen bereit sind, wenn man ihnen Gelegenheit dazu gibt.

Denn – auch das wird schmerzlich deutlich – nicht alles wurde von den Nazis unmittelbar erzwungen; manchen Veränderungen zum Schlechteren wurde auch durch den vorauseilenden Gehorsam verschiedenster Menschen und Institutionen Vorschub geleistet, ob sie sich nun, wie etwa Gottfried Benn, durch eine Anbiederung bei den neuen Herren im Land persönliche Vorteile erhofften oder schlicht nichts riskieren wollten und darum missliebige Artikel lieber nicht mehr druckten oder heikle Theaterstücke vom Spielplan nahmen. Daneben gab es zwar auch Beispiele von Mut, Mitmenschlichkeit und Solidarität, aber sie halfen oft allenfalls punktuell und reichten insgesamt gesehen bei weitem nicht aus, um der beginnenden Schreckensherrschaft etwas entgegenzusetzen.

Wittstocks Buch ist 2021 erschienen, und schon aus der damaligen Perspektive konstatiert er, dass sich zwischen 1933 und unserer Zeit trotz aller Unterschiede durchaus Parallelen ziehen lassen. Die seitdem eingetretenen Entwicklungen scheinen nicht geeignet, ihn zu widerlegen, und so sollte man seine Mahnung, sich vor Augen zu führen, wie schnell eine Demokratie zur Diktatur werden kann, unbedingt beherzigen. Wittstocks anschauliche und lebendige Vergegenwärtigung der noch keine hundert Jahre zurückliegenden Katastrophe ist vor diesem Hintergrund nicht nur eine packende Lektüre, sondern auch ein wichtiger Denkanstoß.

Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur. 6. Aufl. München, C. H. Beck, 2021, 288 Seiten.
ISBN: 978-3-406-77693-9


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Der Tod der Tribune

Im Jahr 133. v. Chr. wurde der römische Volkstribun Tiberius Gracchus, der weitreichende Bodenreformpläne durchzusetzen versucht hatte, erschlagen, zwölf Jahre später sein jüngerer Bruder Caius, der im selben Amt noch ehrgeizigere Vorhaben als Tiberius verfolgt hatte, in den assistierten Selbstmord getrieben. Der Tod der Tribune (auch wenn Caius bei seinem Ableben streng genommen gar kein Volkstribun mehr war) ist nicht nur titelgebend für Charlotte Schuberts lesenswertes Buch über Biographie, Politik und Nachwirkung des Brüderpaars. Sie nimmt auch, statt streng chronologisch zu erzählen, die Ermordung des Tiberius Gracchus zum Ausgangspunkt ihrer gesamten Darstellung, markiert doch der Angriff hasserfüllter Senatoren auf den eigentlich dem Gesetz nach unantastbaren Volkstribun einen Wendepunkt in der Geschichte der römischen Republik, deren letztes Jahrhundert in erheblichem Maß von tödlicher Gewalt gegen politische Gegner geprägt war.

Besonders gut gelingt es Schubert dabei, die größeren Zusammenhänge greifbar zu machen und anschaulich zu zeigen, welche Verbindungen zwischen den Reformvorhaben der Gracchen einerseits und der stoischen Philosophie, den römischen Eroberungen auf der iberischen Halbinsel, der Zerstörung Karthagos, dem Fall des Königreichs Pergamon an die Römer und dem Aufstand des Aristonikos andererseits bestanden.

Die gracchischen Reformen selbst beurteilt sie differenziert und verdeutlicht, dass ihre im allgemeinen Bewusstsein häufige Reduktion auf eine reine Bodenreform und Landumverteilung zu kurz greift, um die politische Sprengkraft zu erfassen, die ihnen innewohnte. Wenn es auch zu weit gehen würde, den Brüdern zu unterstellen, eine auch nach modernem Verständnis echte Demokratisierung Roms angestrebt zu haben, sieht Schubert in ihrem Handeln doch eine Politik verwirklicht, die sich eher an ethischen Kriterien (und dem Wunsch nach Gerechtigkeit für breitere Kreise als bisher) ausrichtete als allein an persönlichem Machtstreben oder den Interessen der herrschenden Aristokratie. Auch macht sie deutlich, dass die Gracchen nicht in dem Maße, wie oft unterstellt wird, gescheiterte Reformer waren, sondern trotz des tragischen Endes, das sie beide fanden, erstaunlich viel bewegen konnten.

Neben einer Schilderung und Deutung der Ereignisse des 2. vorchristlichen Jahrhunderts selbst ist der Althistorikerin aber auch wichtig, das Nachleben der Brüder sowohl in der Antike als auch in der Neuzeit auszuloten, werden sie doch schon in den Quellen sehr unterschiedlich bewertet (so etwa eher mit Sympathie bei Plutarch, dagegen aber bei Cicero, der gar versuchte, den Tod des Tiberius als Präzedenzfall für sein eigenes brutales Vorgehen gegen die Catiliniarier zu nutzen, negativ). Verschiedene Aspekte der Rezeption – so etwa auch die Verehrung, die Cornelia, die Mutter der Brüder, schon im Altertum, aber auch später jahrhundertelang in Kunst und Literatur genoss – dienen Schubert dabei als Ansatzpunkte, noch weitere Themen abseits der Schwerpunkte ihres Buchs zu erkunden (in Cornelias Fall beispielsweise die Einflussnahme von Frauen der römischen Oberschicht auf politische Prozesse, von denen sie offiziell zwar ausgeschlossen waren, in die sie jedoch immer wieder auf Umwegen einzugreifen vermochten).

Obwohl Der Tod der Tribune sich an ein allgemeines Publikum richtet und auch z. B. durch ein Glossar und ein kommentiertes Verzeichnis der Quellenautoren um Zugänglichkeit bemüht ist, bringt diese nichtlineare Vorgehensweise es mit sich, dass ein paar Vorkenntnisse über die römische Geschichte beim Verständnis zumindest nicht schaden (auch wenn sie vielleicht nicht so zwingend erforderlich sind, wie sie es bei einem Fachtext wären). Anregend und interessant liest sich der frische Blick auf die Gracchen jedoch allemal und berührt mit den Fragen nach sozialem Ausgleich, politischer Teilhabe und Gewalt als Mittel zum Machterhalt oder -gewinn auch zahlreiche Problemfelder, die nicht allein an die Antike gekoppelt sind, sondern bis heute Aktualität besitzen.

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune. Leben und Sterben des Tiberius und Caius Gracchus. München. C. H. Beck, 2024, 304 Seiten.
ISBN: 978-3-406-81372-6


Genre: Geschichte

Die Billunger

Obwohl die Billunger in Ottonen- und Salierzeit zu den wichtigsten Akteuren im norddeutschen Raum zählten, ist die Familie, die über mehrere Generationen hinweg die sächsischen Herzöge stellte, in allgemeinem Bewusstsein und Forschung heute weniger präsent als viele ihrer Zeitgenossen. Abhilfe schaffen kann diesbezüglich der Tagungsband Die Billunger. Die sächsische Herzogsfamilie im Blick aktueller Forschung, der unter drei Themenschwerpunkten den billungischen Herzögen und ihrem vielfältigen Umfeld nachspürt.

Im ersten Oberkapitel geht es um Dynastie und Herzogtum der Billunger. Den Auftakt bildet Matthias Bechers gewohnt lesenswerter Aufsatz Schwierige Anfänge. Hermann Billungs Aufstieg zum sächsischen Herzog mit der Schilderung einer so nicht unbedingt von Anfang an erwartbaren, aber aus der spezifischen historischen Situation durchaus erklärlichen Karriere, die den Grundstein für die langjährige Dominanz der Billunger in Norddeutschland legte.
Der Titel des folgenden Beitrags – … aut hostem occisum irridere vel certe propinquum deflere. Die Billunger als Verwandte – täuscht ein wenig darüber hinweg, dass es Gerhard Lubich nicht primär darum geht, das Handeln der Billunger ihren Verwandten gegenüber zu schildern, sondern zu hinterfragen, ob in der Forschung angenommene oder auch in Schriftquellen erwähnte bzw. angedeutete Verwandtschaftsbeziehungen überhaupt bestanden. Lubich lässt hier viel weniger als gesichert gelten als die meisten anderen am Band Beteiligten (und man kann sich fragen, ob seine Skepsis nicht hier und da auch über das Ziel hinausschießt).
Quellenkritik ist auch ein zentrales Anliegen von Hans-Werner Goetz in Die ‚Billunger‘ in der zeitgenössischen Historiographie, durchaus einschließlich der Untersuchung (und übersichtlichen grafischen Darstellung) der jeweils in erzählenden Geschichtsquellen erwähnten Verwandtschaftsverhältnisse, aber vor allem ganz generell bezogen auf die jeweiligen Interessen und Wertungen verschiedener Chronisten. In einem Fachtext ungewohnt, aber eingängig und einprägsam ist eine Grafik (S. 175), die mittels Emojis veranschaulicht, wie gut oder schlecht das Verhältnis unterschiedlicher Billunger zueinander war.
Florian Hartmann stellt in Die Erben der Billunger und der Kampf um die sächsische Herzogswürde einleuchtend dar, wie in den Jahrzehnten nach dem Tod des letzten Billungerherzogs Magnus 1106 die Welfen und Askanier – die beiden Familien, in die Magnus‘ Töchter Wulfhild und Eilika eingeheiratet hatten – Nachfolgeansprüche durchzusetzen versuchten und wie sehr sich der Welfe Heinrich der Löwe, dem am Ende Erfolg beschieden war, in seiner Rolle als sächsischer Herzog auch zum Billunger stilisierte. Deutlich wird, dass von einem vermeintlichen „Aussterben“ der Billunger durch das Fehlen männlicher Erben so nicht die Rede sein kann und man das Weitertragen der Tradition einer Familie durch ihre weiblichen Mitglieder ernster nehmen muss, als es in der bisherigen Forschung oft geschehen ist.

Der zweite große Abschnitt des Buchs ist dem Agieren in geistlichen und weltlichen Sphären gewidmet. Nathalie Kruppa betrachtet in diesem Kontext Die Klöster und Stifte der Billunger, denn auch wenn man geneigt ist, hier vor allem an das Kloster St. Michael auf dem Lüneburger Kalkberg zu denken, gab es verschiedene geistliche Institutionen, zu denen die Billunger Verbindungen hatten und die vor allem für ihre Memoria eine entscheidende Rolle spielten.
Obwohl also die geistliche Komponente aus dem Leben der Billunger nicht wegzudenken ist, kommt Tobias P. Jansen in Blut ist dicker als Weihwasser zu dem Schluss, dass ihre Macht trotz allem primär auf weltlichen Säulen ruhte. Denn auch wenn einige Mitglieder der Familie es zu Bischofsämtern brachten, war diese Option nie die zentrale für den Erhalt des Einflusses der Billunger.
So passt es gut, dass Robert Gramsch-Stehfest in seinem unmittelbar folgenden Beitrag Die Billunger und das Netzwerk des sächsischen Hochadels im 11. und 12. Jahrhundert untersucht und mit Mitteln der Netzwerkanalyse vor allem die Bedeutung von Heiratsverbindungen der sächsischen Adelshäuser untereinander auslotet. Deutlich wird hier wie schon bei Florian Hartmann im Kapitel zuvor, dass die Rolle der weiblichen Angehörigen solcher Familien für die Stiftung von Kontinuität nicht zu unterschätzen ist.
Den Blick über Sachsen hinaus richtet Jürgen Dendorfer in seinem Aufsatz Die Billunger im spätsalischen Reich und macht durch einen hochinteressanten Vergleich mit den Herzogtümern Bayern und Schwaben plausibel, dass die Billunger anders als ihre süddeutschen Amtsgenossen auch deshalb die Herzogswürde über Generationen hinweg in der Familie halten konnten, weil sie unabhängig von diesem vom König verliehenen Titel über Besitz und Einfluss in der Region verfügten und damit ihre Macht auf unterschiedliche Art zu legitimieren vermochten.
Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass auch Verschwörung und Rebellion als Optionen billungischer Politik durchaus infrage kamen, wie Gerd Althoff in seiner gelungenen Untersuchung nachzuweisen vermag. Getragen von großem Selbst- und Standesbewusstsein sahen sich nicht alle Billunger immer in der Pflicht, loyal zum jeweiligen König bzw. Kaiser zu stehen, sondern fühlten sich durchaus im Recht, in Opposition zu ihm zu treten, wenn es opportun erschien.

Stand bisher meist im weitesten Sinne „Innenpolitisches“ im Zentrum des Bandes, richtet der dritte und abschließende Teil das Augenmerk auf das Agieren in den Kontaktzonen am Rande des Reiches, denn die Einflusssphäre der Billunger grenzte natürlich an die der Dänen und Slawen. Gleich der erste Beitrag vermag zu überzeugen: Carolin Triebler stellte die Frage, wie Der Billunger Ordulf im Spiegel der Quellen erscheint, und arbeitet glaubhaft heraus, dass die Darstellung Adams von Bremen, Ordulf sei ein im Vergleich zu seinen Vorgängern unbedeutender und im Kampf gegen Slawenaufstände erfolgloser Herzog gewesen, einer Korrektur bedarf, zu der erzählende altnordische Quellen ebenso beitragen können wie ein Blick in Urkunden, in denen Ordulf und sein Sohn Magnus erscheinen.
Eine wertvolle Ergänzung zu den historisch ausgerichteten Texten des Bandes bietet der nun folgende mit archäologischer Schwerpunktsetzung, Das archäologische Erbe der Billunger. Rainer-Maria Weiss präsentiert darin – unterstützt von reichem Bildmaterial, u. a. Karten und Rekonstruktionsdarstellungen – die Ergebnisse der seit 2014 erfolgten Ausgrabung der Neuen Burg in Hamburg als Beispiel für eine billungische Festung und Residenz.
Nördlich der Elbe liegt auch der Schwerpunkt von Oliver Auges Beitrag Die Billunger in der nordelbischen Geschichte und schleswig-holsteinischen Geschichtsforschung. Hier wird ein Überblick über die Sicht der historischen Forschung vom 16. Jahrhundert an auf die Rolle der Billunger im heutigen Schleswig-Holstein geboten.
Dasselbe Gebiet interessiert Günther Bock in Burgen, Kontakträume, Herrschaften, Erbgänge, dem letzten enthaltenen Aufsatz, der einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt. Einerseits arbeitet Bock schlüssig heraus, dass eine Fokussierung der Forschung auf einzelne ethnische Gruppen den Blick dafür verstellen kann, wie vernetzt die herrschenden Schichten von Sachsen, Slawen und Skandinaviern auch grenzüberschreitend waren, andererseits werden einige eher spekulative Annahmen vorgetragen, als wären sie belegbare Fakten (ob sich z. B. der Schatz von Farve eindeutig dem Slawenfürsten Ratibor zuordnen lässt, wie hier suggeriert wird, ist nicht geklärt).

Insgesamt bietet der von Nicole Laka auch äußerlich sehr ansprechend gestaltete Band eine breite Fülle von aktuellen Forschungsansätzen, die mit manch einem alten Vorurteil über die Billunger aufräumen, und bildet eine rundum lohnende Lektüre, die aufgrund des für ein Fachbuch erfreulich erschwinglichen Preises auch für Mittelalterfans und Neugierige außerhalb der Wissenschaft zugänglich ist.

Carolin Triebler, Florian Hartmann, Rainer-Maria Weiss (Hrsg.): Die Billunger. Die sächsische Herzogsfamilie im Blick aktueller Forschung. Hamburg, Archäologisches Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg, 2023 (Veröffentlichung des Archäologischen Museums Hamburg und Stadtmuseums Harburg Nr. 118), 512 Seiten.
ISBN: 978-3-931429-43-0


Genre: Geschichte

Das Rätsel der Schamanin

Vor etwa 9000 Jahren wurden dort, wo heute der Kurpark von Bad Dürrenberg in Sachsen-Anhalt liegt, eine Frau und ein Kind ungewöhnlich aufwendig bestattet. Die Beigaben – unter anderem ein vermutlich als Teil einer Maske genutztes Rehgehörn – laden dabei zu einer Deutung als rituell genutzte bzw. mit spiritueller Symbolik aufgeladene Gegenstände ein. Als das mesolithische Grab 1934 bei Bauarbeiten zufällig gefunden wurde, kam es nicht nur zu harmlosen Fehlern (wie einer fälschlichen Bestimmung des Geschlechts der Erwachsenen als männlich), sondern auch zu dem damaligen Zeitgeist entsprechenden vorschnellen Schlüssen, einen vermeintlichen „Ur-Arier“ entdeckt zu haben. Später wurde die Tote immerhin als weiblich erkannt, aber es blieben viele Fragen zu dem Fund offen, der eine der Hauptattraktionen des an Spektakulärem (man denke etwa an die berühmte Himmelsscheibe von Nebra) wahrlich nicht armen Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle bildet. Erst in jüngster Zeit erfolgten Nachgrabungen und eine umfassende Neuuntersuchung des Knochenmaterials, die andere Interpretationen als früher ermöglichen und einiges darüber verraten, in welchem Verhältnis die beiden Toten zueinander standen, wie sie gestorben sein könnten und welche Rolle die durch eine anatomische Besonderheit auffallende Frau im Leben gespielt haben mag.

Es ist dieser neue Blick auf die sogenannte „Schamanin von Bad Dürrenberg“, den Museumsdirektor Harald Meller und der Historiker und Literaturwissenschaftler Kai Michel in ihrem an ein allgemeines Publikum gerichteten Buch Das Rätsel der Schamanin präsentieren, aber auf eher ungewöhnlichem Wege, so dass man sich, anders als sonst in Sachbuchrezensionen, scheut, die wichtigsten Fakten schon in einer Besprechung vorwegzunehmen. Statt einen kompakten Überblick über Tatsachen, Indizien und daraus resultierende Vermutungen zu liefern, inszenieren sie die Präsentation der Ergebnisse als in ihrer Darbietung oft journalistisch anmutende, spannende Entdeckungsreise zu verschiedenen Forschungseinrichtungen. Was Skelette und Beigaben der Steinzeitmenschen verraten, enthüllt sich erst Stück für Stück. Die reinen Sachinformationen muss man sich also an verschiedenen Stellen des Buchs zusammensuchen, aber natürlich ist diese Erzählweise bestens geeignet, Archäologie als etwas Interessantes und Aufregendes erfahrbar zu machen. Wer den YouTube-Kanal des Museums und die Art, in der Meller dort einzelne Stücke aus der Sammlung mit großer Begeisterung vorstellt, kennt, wird sich in manchen Passagen vielleicht daran erinnert fühlen. Zwei Tafelteile, die neben eindrucksvollen Rekonstruktionsdarstellungen von Karol Schauer auch zahlreiche Fotos der Funde enthalten, erhöhen die Anschaulichkeit zusätzlich.

Mit dieser bewusst auf Lebendigkeit angelegten schrittweisen Enthüllung der Forschungsergebnisse wechseln immer wieder thematisch orientierte Passagen ab, in denen es nicht nur um die Lebenswelt des Mesolithikums allgemein geht, in dem – und nicht etwa erst in der Jungsteinzeit – laut Meller und Michel die entscheidenden Weichenstellungen für spätere Epochen erfolgten. Vielmehr werden auch theoretische Probleme der Forschung auf allgemeinverständliche Art erörtert, so etwa die Frage, ob der Begriff „Schamanismus“ aufgrund der damit untrennbar verknüpfen, eher unglücklichen Assoziationen, die nur im Kontext der russischen Kolonisierung Sibiriens zu verstehen sind, sich überhaupt zur Beschreibung prähistorischer Phänomene eignet (allein: eine griffige Alternative gibt es nicht).

Deutlich wird dabei immer wieder, inwieweit die vorgeschichtliche Forschung ein Kind ihrer jeweiligen Zeit ist, nicht nur in stark ideologisch geprägten Regimen wie dem der Nazis oder Stalins, sondern auch immer und überall dort, wo man ganz unschuldig der Versuchung erliegt, die eigene Normalität auf die ferne Vergangenheit zurückzuprojizieren. Besonders warnen Meller und Michel davor in Bezug auf soziale Verhältnisse (die im Mesolithikum noch weit egalitärer gewesen zu sein scheinen als vom Neolithikum an) und auf Religion und Spiritualität. Denn einen Götterglauben und die Existenz einer wie auch immer gearteten Geistlichkeit sehen die beiden Autoren als menschheitshistorisch sehr späte Entwicklungen an, während sie den Animismus bzw. die ihm zugrundeliegende Denkweise als evolutionär natürlich für den Menschen einstufen und daher aufzuzeigen versuchen, dass der Wandel hin zu anderen Weltanschauungen ebenso wie die Entstehung hierarchischer und die Einzelperson zunehmend isolierender Gesellschaften für viele Probleme der heutigen Welt verantwortlich sind. Hier wird es an manchen Stellen dann doch eher philosophisch als archäologisch.

Auch Mellers und Michels Perspektive ist aber natürlich eine, die von unserer Zeit geprägt ist (wie sie selbst oft genug durch bewusste Popkulturbezüge deutlich machen). Wenn sie gegen Ende des Buchs in Form einer zweigeteilten kleinen Erzählung darüber spekulieren, wie das Leben ihrer Protagonistin von der Kindheit bis zum Tod verlaufen sein könnte, wird das besonders offensichtlich, denn auch wenn den beiden hoch anzurechnen ist, dass sie es nicht auf ein Exotisieren und Dramatisieren anlegen, enthält ihre fiktive Geschichte natürlich durchaus moderne literarische Topoi (vielleicht am augenfälligsten den auch in unzähligen Fantasyromanen zu findenden der Wandlung der erst durch ein körperliches Gebrechen gehemmten Außenseiterin zur für die Gemeinschaft für lange Zeit bedeutenden Rettergestalt mit besonderen Fähigkeiten). Das aber ist per se nichts Negatives und vielleicht eine notwendige Erinnerung daran, dass unser Denken ebenso wie das früherer Jahrhunderte auch bei kritischen Geistern unterbewusst von bestimmten Erzählkonventionen geprägt ist.

Abschließend ist das titelgebende Rätsel der Schamanin also wohl gar nicht zu lösen, aber das sollte einen nicht von der Lektüre abhalten, die auf unterhaltsame Weise viel Wissenswertes über eine oft eher im Schatten von Alt- und Jungsteinzeit stehende Phase der Menschheitsgeschichte und über archäologische Forschung und ihre Tücken vermittelt.

Harald Meller, Kai Michel: Das Rätsel der Schamanin. Eine archäologische Reise zu unseren Anfängen. Hamburg, Rowohlt, 2022, 368 Seiten.
ISBN: 978-3-498-00301-2


Genre: Geschichte

Ein deutsches Versprechen

Ob Bach, Goethe, Liszt oder die Bauhaus-Anfänge – Weimar war über Jahrhunderte eine Stadt, in der Größen aus Kunst und Kultur wirkten. Für Helge Hesse versinnbildlicht es damit insbesondere in der Epoche der Weimarer Klassik Ein deutsches Versprechen, das nämlich, einen weltoffenen Ort für Austausch, Kreativität und geistigen Fortschritt zu bieten. Welches Potenzial in dem Zusammentreffen verschiedener wirkmächtiger Personen und Bewegungen in Weimar steckte und wie es dennoch dazu kommen konnte, dass das Versprechen nicht eingelöst wurde, sondern nur gut hundert Jahre nach Goethes Tod mit der Naziherrschaft eher – wenn trotz des bitterernsten Themas ein schlechtes Wortspiel gestattet ist – das deutsche Verbrechen schlechthin begann, zeichnet Hesse in seinem klugen Buch nach, das, so der Untertitel, Weimar 1756 – 1933 in den Blick nimmt, mithin vom Einzug der kunstsinnigen Herzogin Anna Amalia in Weimar bis zum Einsetzen einer sehr düsteren Zeit für Deutschland.

Den Schwerpunkt (mit 155 von 284 Seiten) bildet dabei das von Goethe, Herder, Wieland, Schiller und ihren Zeitgenossen geprägte Weimar der zweiten Hälfte des 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts. Auch wer meint, darüber schon so manches zu wissen, sollte das Buch nicht leichtfertig verschmähen, denn Helge Hesse versteht es wie kaum ein anderer, die Bedeutung der Topographie für die Erfahrungswelt der Menschen, die in Weimar lebten, und für ihre Beziehungen untereinander deutlich zu machen. Wie weit Goethe es etwa von seinem jeweiligen Wohnsitz aus zu verschiedenen Bekannten hatte, wie die Umgebung von Schillers Haus geartet war oder was Paul Klee auf dem Weg zur Arbeit im Bauhaus alltäglich zu sehen bekam, wird einem ebenso greifbar vor Augen geführt wie die bewusste Schaffung von Erinnerungsorten in verschiedenen Zeiten. Die Stadt ist so nicht nur Bühne des Geschehens, sondern fast ein weiterer Akteur, dessen Einfluss man nicht unterschätzen darf.

Bei aller Bewunderung für das klassische Weimar verklärt Hesse die dort Lebenden und Wirkenden jedoch nicht, sondern schildert auch menschliche Schwächen, Ehrgeiz, Kleinlichkeit und Eifersüchteleien, die vielleicht allein schon verhindert hätten, aus dem titelgebenden Versprechen mehr als das werden zu lassen, wenn nicht noch andere, Weimar allein weit übersteigende Kräfte am Werk gewesen wären. Die napoleonischen Kriege, die den Keim des später so verheerenden Nationalismus in sich trugen, nimmt man dabei als Einschnitt deutlich wahr, doch ebenso bedeutsam war wohl das Beharrungsvermögen überkommener Einstellungen sowohl im Herrscherhaus als auch in der Bevölkerung: Mochte man sich auch mit Literaten, Musikern und bildenden Künstlern schmücken (und gerade auch das Gedenken an die schon verstorbenen unter ihnen hochhalten), ging damit doch keine generelle Überwindung von Engstirnigkeit und Pochen auf das Althergebrachte einher – zuletzt dann mit fatalen politischen Folgen.

Die Erkenntnis, dass auch höchste kulturelle Leistungen kein Garant sind, dass der ihnen zugrundeliegende Geist dauerhaft beherzigt wird, sondern immer auch und vielleicht gerade an den künstlerisch blühendsten Orten mit einem Rückfall in Tyrannei und Barbarei gerechnet werden muss, stimmt auch angesichts derzeitiger Entwicklungen nachdenklich. Doch Helge Hesse lässt sein Buch nicht in Düsternis enden, sondern ruft vielmehr in Form einer stimmungsvollen Beschreibung eines Spaziergangs ausgehend von Goethes Gartenhaus im Park an der Ilm dazu auf, sich zu vergegenwärtigen, dass es so nicht kommen muss, sondern Vergangenes, das nicht zum bloßen Jubiläum erstarrt, auch als Anregung genommen werden kann. Vielleicht ist es also an uns Heutigen, zu versuchen, das Versprechen – das, wie Hesse selbst einräumt, letzten Endes dann doch nicht allein ein deutsches, sondern ein allgemein menschliches und überzeitliches ist – nach besten Kräften einzulösen.

Helge Hesse: Ein deutsches Versprechen. Weimar 1756 – 1933. Ditzingen, Reclam, 2023, 284 Seiten.
ISBN: 978-3-15-011-436-0


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Wie regierte Karl der Große?

Das Gebiet, über das Karl der Große herrschte, ist selbst nach heutigen Maßstäben recht ausgedehnt, war aber angesichts der Verkehrs- und Kommunikationsmittel, die dem Frühmittelalter zur Verfügung standen, schier riesig. Die Frage Wie regierte Karl der Große?, die Steffen Patzold zum Titel seines eleganten, in ansprechend gestalteter Buchform erschienenen Essays macht, stellt sich also schon in rein praktischer Hinsicht, und die Antwort, die der Autor darauf findet, ist bestechend einfach: mithilfe von Listen.

Gemeint sind damit keine schlauen Winkelzüge (obwohl man auch mit denen bei Karl vielleicht hätte rechnen müssen), sondern für die karolingerzeitliche Herrschaftspraxis alles andere als unwichtige Auflistungen von Personen, materiellen Gütern und so manchem mehr. Listen zu nutzen, um Wissen zu ordnen, ist dabei nichts so allgemein Menschliches, wie man annehmen könnte, sondern, wie Patzold herausarbeitet, eng mit dem Phänomen der Schriftkultur verknüpft, so dass er das in der älteren Forschung vorherrschende Bild eines primär von Mündlichkeit geprägten Frühmittelalters für bestenfalls fragwürdig hält, zumindest, was den Bereich von Politik und Verwaltung betrifft.

Im eigentlichen Zentrum der Betrachtung stehen zwei Arten von Listen, einerseits diejenigen, die „Karl, der listenreiche“ (wie Patzold ihn in augenzwinkernder Anspielung auf die Odyssee in einer Kapitelüberschrift nennt), selbst einforderte, um einen Überblick etwa über die Ausstattung bestimmter Landgüter (bis hin zur Anzahl der vorhandenen Speckseiten) oder eine Zusammenstellung der Namen sämtlicher Männer, die ihm Treue geschworen hatten, zu bekommen, andererseits – was stärker überraschen mag – die Kapitularien des Herrschers, die Patzold nicht als eigene Textgattung, sondern ganz wörtlich als „Kapitellisten“ verstanden wissen möchte, also als Listen oft sehr heterogener Verlautbarungen, die vom konkreten Erlass bis hin zu predigthaften Ermahnungen zu christlicher Lebensführung allerlei enthalten konnten.

Letztere Überlegung mag manchem vielleicht zu theoretisch sein, aber durch die Quellenbeispiele, die immer wieder zitiert werden, erfährt man schlaglichtartig auch einiges über den Alltag in der Karolingerzeit, ganz gleich, ob es nun um das Inventar eines Fiskalguts in Nordfrankreich, die Zusammensetzung einer Bauernfamilie in der Nähe von Marseille oder – fern von Karls Reich, aber ihm trotzdem wichtig genug für eine Liste – Kirchen und Geistliche im Heiligen Land geht.

Typisch für Patzold ist die Begeisterung, mit der er den möglichen Umgang historischer Persönlichkeiten mit Errungenschaften der Moderne imaginiert: Äußert er in seiner Einhard-Biographie Ich und Karl der Große die Ansicht, dass es ihm, wäre es denn möglich, Freude machen würde, sich mit Einhard auf einen „Becher Milchkaffee“ zu treffen, stellt er sich hier vor, wie begeistert Karl der Große wohl von Excel-Tabellen gewesen wäre – und welchen Schaden (bis hin zur Errichtung einer wahrhaft dystopischen Diktatur) der Karolingerherrscher hätte anrichten können, wenn ihm zur Überwachung seiner Untertanen heutige Technik zur Verfügung gestanden hätte. Da das glücklicherweise nicht der Fall war, musste er sich auf seine Listen beschränken, aber die liefern durchaus Stoff für anregende Überlegungen, wie der schmale, aber gehaltvolle Band eindrucksvoll beweist.

Steffen Patzold: Wie regierte Karl der Große? Köln, Greven Verlag, 2020, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-7743-0929-6


Genre: Geschichte

Scandinavia in the Age of Vikings

Beim Stichwort „Wikinger“ denkt man gemeinhin an brutale Überfälle, wilde Kämpfe und abenteuerliche Seefahrten, vermutlich auch an einen weitgespannten geographischen Rahmen von Nordamerika bis Osteuropa und Byzanz. Eine gänzlich andere Perspektive wählt Jón Viðar Sigurðsson in Scandinavia in the Age of Vikings. Ihn interessieren vor allem die Genese der – wenn auch nach zahlreichen Wechselfällen der Geschichte in veränderter Form – bis heute bestehenden Königreiche Dänemark, Norwegen und Schweden sowie die soziale und politische Organisation der Gesellschaft im Skandinavien der Wikingerzeit. Ganz konsequent wird diese selbstauferlegte örtliche Beschränkung allerdings nicht aufrechterhalten; gelegentlich müssen mangels direkter Quellen für Skandinavien die ja auch kulturell von Skandinaviern geprägten isländischen Verhältnisse als Vergleichsobjekt herhalten.

Ausgehend von der Beobachtung, dass Skandinavien im Innern trotz aller Gewalttaten, die von dort aufgebrochene Plünderer in anderen Teilen Europas verübten, in der Wikingerzeit nicht von mehr Kriegen erschüttert wurde als der Rest der Welt und oft auch Frieden erlebte, wirft er die Frage nach Strategien des Miteinanders, der Konfliktvermeidung und der Streitschlichtung auf.

Zentral ist für ihn dabei der Begriff der Freundschaft, nicht im Sinne persönlicher Sympathie (die es sicher auch gegeben haben wird), sondern als politisches Konzept, das eine Fülle von Bindungen beschrieb, die von gegenseitiger Unterstützung und Wohlwollen gekennzeichnet waren, vom strategischen Bündnis zwischen Gleichrangigen bis hin zum Verhältnis eines Anführers (ob nun mächtiger König oder nur lokal bedeutender Häuptling) zu seinen Gefolgsleuten und Anhängern. Sogar die vorchristliche Religiosität der Wikingerzeit versucht der Autor nach diesem Prinzip zu deuten, wobei dem kultischen Handeln der Herrschenden eine besondere Bedeutung dafür, den Menschen die Freundschaft der Götter zu erwerben, zukam – mit ein Grund dafür vielleicht, dass die Christianisierung in den skandinavischen Ländern größtenteils von oben erfolgte. Das Kapitel zum Thema Religion ist allerdings auch das, in dem man immer wieder versucht ist, einige Annahmen mit Fragezeichen zu versehen (etwa, wenn recht pauschal eine Zuordnung der Verehrung der Götter Odin und Freyr zu den Königen und der Verehrung des Gottes Thor zu den Häuptlingen vorgenommen wird, obwohl in den Sagas – bei allen Vorbehalten, die man bezüglich ihres Quellenwerts für die Wikingerzeit haben mag und muss – zumindest für Island auch immer wieder eine ausgeprägte Verehrung Freyrs durch Figuren aufscheint, die eher als Häuptlinge oder wohlhabende Bauern gezeichnet sind, so z. B. in der Hrafnkels saga oder Víga-Glúms saga).

Wichtig für die sozialen Verhältnisse ist natürlich auch die Männern und Frauen jeweils zugewiesene Stellung. Diesbezüglich ergibt sich das Bild einer Gesellschaft, die zwar prinzipiell männer- und kriegerdominiert war, aber Geschlechterrollen schon aus der Not heraus im Einzelfall weitaus flexibler handhabte als das anschließende Hochmittelalter. Vor diesem Hintergrund plädiert der Autor beispielsweise auch dafür, die Grabherrin des Osebergschiffs nicht, wie in der Forschung oft geschehen, als Königsgemahlin, sondern als Häuptling anzusprechen – eine Stellung, in die sie als Witwe oder Tochter eines Vorgängers gelangt sein könnte.

Wie dieses Beispiel zeigt, rückt die Schwerpunktsetzung des Buchs die quellenmäßig besser fassbaren sozialen Eliten stark in den Fokus. Zwar tauchen beim Blick auf die Gesellschaftsgliederung allgemein und sonst immer wieder en passant auch die unteren Schichten der Bevölkerung wie einfache Bauern oder Sklaven auf, und es werden durchaus Überlegungen dazu angestellt, wie es denjenigen Wikingern ergangen sein mag, die von einem Raubzug nicht als erfolgreiche Plünderer, sondern verwundet und vielleicht gar mit lebenslangen Behinderungen zurückkehrten, aber das Hauptaugenmerk gilt den Einfluss- und damit auch Freundesreichen. Wer sich vor allem wünscht, mehr über die Durchschnittsskandinavier der Wikingerzeit und ihre alltägliche Lebenswelt zu erfahren, ist hier also nicht an der richtigen Stelle, anders als alle an politischen Mechanismen Interessierten.

Rätselhaft ist die Auswahl des Bildmaterials. Etwas irritierend ist zunächst, dass in den zur Orientierung prinzipiell durchaus ganz nützlichen Karten teilweise historische und moderne Ortsnamen bunt gemischt auftreten (so hat die dem Text vorangestellte Karte 1 unter dem Titel Scandinavia in the Viking Age neben zeittypischen Bezeichnungen für Regionen wie etwa Svealand (in etwa das heutige Mittelschweden) und Bjarmaland (im heutigen Nordwestrussland) auch Schleswig-Holstein zu bieten, das im Frühmittelalter garantiert noch nicht unter dieser Bezeichnung geläufig war). Für ein Sachbuch zu einem historischen Thema eher speziell wirkt auch die Entscheidung, abgesehen von den Karten als Abbildungen ausschließlich ausgewählte Illustrationen aus der 1899 erschienenen norwegischen Saga-Ausgabe Snorre Sturlason Kongesagaer zu verwenden – Bilder also, die den Blick von Künstlern des 19. Jahrhunderts auf die Texte eines Autors des Hochmittelalters über die behandelte Epoche und damit eine mehrfach gefilterte Wikingerzeit zeigen. Ob das als dezenter Hinweis darauf zu deuten ist, dass wir die historische Wahrheit immer nur bedingt und in Auseinandersetzung mit der Sicht vorangegangener Generationen darauf zu rekonstruieren vermögen, oder ob schlicht der unbestreitbare ästhetische Reiz der Darstellungen den Ausschlag gegeben hat, ist nicht zu entscheiden.

Lesenswert ist Jón Viðar Sigurðssons Annäherung an das wikingerzeitliche Skandinavien aber auf alle Fälle, gerade auch, weil sie andere Facetten beleuchtet als die gängigen populären Darstellungen.

Jón Viðar Sigurðsson: Scandinavia in the Age of Vikings. Ithaca / London, Cornell University Press, 2021, 212 Seiten.
ISBN: 978-1-5017-6047-1

 


Genre: Geschichte

Arm in Rom

Häufig assoziiert man mit dem alten Rom vor allem die erhaltenen Reste prunkvoller Architektur, einzelne Kunstwerke, die die Zeit überdauert haben, oder die in Historiographie und Selbstzeugnissen relativ gut dokumentierte Oberschicht, vielleicht auch noch deren Sklaven. Doch in der frühen Millionenmetropole lebte ein Großteil der freien Menschen in prekären Verhältnissen oder gar in bitterster Armut. Diese „kleinen Leute in der größten Stadt der Antike“ in den Mittelpunkt zu rücken und sie vor allen Dingen von dem Stigma zu befreien, eine mit der sprichwörtlichen Kombination aus Brot und Spielen ruhiggestellte, untätige Masse gewesen zu sein, ist das erklärte Ziel von Karl-Wilhelm Weeber in seinem neuen Buch Arm in Rom. Zu analysieren, in welchem Kontext der Satiriker Juvenal die sprichwörtlich gewordene Wendung panem et circenses überhaupt gebraucht, ist daher einer seiner Ansatzpunkte, bevor in thematisch geordneten, jeweils mit einem passendem lateinischen Begriff überschriebenen Kapiteln einzelnen Aspekten des Daseins der Armen in Rom nachgespürt wird.

Sonderlich rosige Lebensumstände gab es dabei für die meisten nicht, und selbst die bekannte, oft als universelle Sozialleistung missverstandene Getreideverteilung erfolgte nicht nach Bedürftigkeit, sondern nach auf eine relativ geringe Anzahl von Empfängern beschränkten Berechtigungslisten, in die überhaupt nur männliche römische Bürger im Jugend- und Erwachsenenalter aufgenommen werden konnten, ohne dass sich der Anspruch auf Hinterbliebene vererben ließ. Auch private Wohltätigkeit war oft mit der Hoffnung auf Gegengefallen verknüpft und daher gar nicht auf die Allerärmsten ausgerichtet, von denen vielen nur noch das Betteln oder die oft unter menschenunwürdigen Bedingungen ausgeübte Prostitution blieb, um sich irgendwie durchzubringen.

Selbst wer nicht ganz so weit abrutschte, wohnte in den insulae oft in unschönen Verhältnissen, hatte nur ein eingeschränktes Angebot an Nahrungsmitteln zur Auswahl, trug nicht die beste Kleidung und konnte nicht einmal auf ein sonderlich pietätvolles Begräbnis hoffen. Umso bitterer wirkt die Verachtung, die von der Elite, die von den Erträgen ihres Landbesitzes leben konnte, vielfach denjenigen entgegengebracht wurde, die gezwungen waren, durch eigene, oft körperlich schwere Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Selbstzeugnisse aus der Unterschicht zu finden und zu erfahren, wie ärmere Römer sich und andere sahen, ist dagegen schwierig bis unmöglich (am ehesten glückt es vielleicht noch bei allerdings schon der Mittelschicht zuzurechnenden Handwerkern, die selbstbewusst ihre Berufe auf ihren Grabsteinen präsentierten).

Ein Leben ohne schöne Seiten und Einflussmöglichkeiten also? Nicht ganz – denn dass es ein gewisses Maß an Freizeitvergnügen (nicht nur in Form der oft zitierten Spiele) gab, wird ebenso deutlich wie die Tatsache, dass bestimmte Formen politischen Protests bis zu einem gewissen Grade geduldet waren und im Einzelfall durchaus die Entscheidungsträger beeinflussen konnten. Doch selbst abgesehen davon hatten Arme in Rom in einigen Punkten mehr Glück als ihre genauso mittellosen Zeitgenossen anderswo: Hungersnöte waren für antike Verhältnisse in der Stadt Rom selten, und die für alle kostenlose Wasserversorgung war hervorragend. Trotz dieser kleinen Lichtblicke schreibt Weeber konsequent gegen „die zynische Mär vom Sozialparadies Rom“ (so der Untertitel des dritten Kapitels) an und öffnet in leicht verständlichem, gut zu lesendem Stil die Augen dafür, dass eben nicht nur Sklaverei, Eroberungskriege und Gemetzel an Menschen und Tieren in der Arena zu den Schattenseiten der römischen Kultur zählen, sondern auch eine große soziale und finanzielle Ungleichheit, die in manchen populären Darstellungen ausgeblendet wird. Für alle, die einen umfassenderen Blick auf das antike Rom entwickeln wollen und einen ersten Einstieg ins Thema suchen, ist das relativ kurze Buch, das den einfachen Leuten mit viel Respekt und Sympathie begegnet, daher bestens geeignet.

Karl-Wilhelm Weeber: Arm in Rom. Wie die kleinen Leute in der größten Stadt der Antike lebten. Darmstadt, Theiss (wbg), 2023, 224 Seiten.
ISBN: 978-3-8062-4513-4


Genre: Geschichte

Der Westfälische Frieden

Wie beendet man einen Krieg, der sich bereits über Jahrzehnte hinzieht? Eine Antwort auf diese leider historisch nicht einmalige Frage bot Der Westfälische Frieden, den Siegrid Westphal in ihrer kompakten Einführung nicht nur in seinen Inhalten, sondern auch in seiner mühsamen Genese vorstellt. Wer bisher nur die vage Vorstellung hat, dass in Münster und Osnabrück 1648 irgendwie eine Einigung zwischen Kaiser Ferdinand III., den unterschiedlichsten katholischen und protestantischen Akteuren im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, Frankreich, Schweden, Spanien und den Niederlanden erzielt wurde, bekommt hier einen übersichtlichen ersten Einblick in die Einzelheiten der Abläufe und ihrer Ergebnisse.

Der Dreißigjährige Krieg war im Vorfeld des Westfälischen Friedens längst von einem in seinen Ursprüngen religiös motivierten regionalen Konflikt zu einem Machtkampf auf europäischer Ebene geworden, in dem der Gegensatz zwischen Protestantismus und Katholizismus nicht mehr die wichtigste Rolle spielte. Den Friedensschluss selbst zu erreichen, war dabei nicht einmal das erste Problem, das gelöst werden musste: Nach dem Hamburger Präliminarfrieden (1641) vergingen noch Jahre, bis auch nur Einigkeit darüber erzielt war, wer überhaupt an den Verhandlungen teilnehmen durfte. Dass der von kaiserlicher Seite zunächst angestrebte Ausschluss der Reichsstände nicht zustande kam, ist in der Rückschau betrachtet als Glücksfall zu werten, rekrutierte sich aus ihren Reihen doch am Ende die sogenannte Dritte Partei, ein überkonfessioneller Zusammenschluss verschiedener Gesandter, der Kompromisse erzwingen und auch Druck auf den Kaiser ausüben konnte, der trotz seiner militärisch allmählich aussichtslosen Lage mit wichtigen Zugeständnissen lange zögerte.

Zur Zähigkeit der Verhandlungen trug auch bei, dass es in ihnen nicht allein um an und für sich schon komplizierte territoriale, finanzielle, religiöse und politische Fragen ging, sondern immer wieder auch darum, den ausgeprägten Ehrvorstellungen der Frühen Neuzeit zu genügen und einen Frieden zu erarbeiten, den alle beteiligten Parteien mehr oder minder gesichtswahrend abschließen konnten. Das gelang zwar mit Müh und Not, nicht aber, alle konfessionellen Konflikte künftig zu unterbinden oder gar eine dauerhafte europäische Friedensordnung zu etablieren. Entsprechend ambivalent (und natürlich auch immer von der Epoche, aus der der Rückblick erfolgt, und den in ihr gerade herrschenden politischen und ideengeschichtlichen Tendenzen bestimmt) ist bis heute auch die in Forschung und allgemeinem Bewusstsein getroffene Bewertung des Westfälischen Friedens, über die Westphal abschließend einen kleinen Überblick liefert.

Alles in allem legt man den kurzen Band so in dem Eindruck aus der Hand, einen guten Überblick über den komplexen Friedensschluss und seine Entstehung gewonnen zu haben. Einige Vorkenntnisse zu politischen und juristischen Begriffen mitzubringen, die vielleicht nicht allgemein geläufig sind, schadet bei der Lektüre allerdings nichts (denn teilweise recht spezifische Termini, wie z. B. Gravamina, werden als bekannt vorausgesetzt und nicht für ein Laienpublikum erklärt).

Siegrid Westphal: Der Westfälische Frieden. München, C. H. Beck, 2015, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-4066-8302-2


Genre: Geschichte