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Die Wikinger: Entdecker und Eroberer

Der Hintergrund des Buchs Die Wikinger: Entdecker und Eroberer ist eigentlich ein trauriger: Ursprünglich plante der Archäologe Jörn Staecker ein Überblickswerk über die Wikingerzeit, starb aber, bevor er das Projekt vollenden konnte. Gleichsam als Ersatz entstanden ist nun eine Sammlung von verschiedenen Expertinnen und Experten verfasster Texte zu zentralen Aspekten der Wikingerzeit, wobei die einzelnen Beteiligten unterschiedlich an ihre Aufgabe herangehen, für ein allgemeines Publikum zu schreiben.

Das erste Oberkapitel, Die Wikinger aus archäologischer Sicht, liest sich daher auch recht heterogen. Die Beiträge von Caroline Arcini zu Rückschlüssen aus Skelettfunden und von Tobias Schade zu ländlichen Siedlungen informieren sachlich und nüchtern über ihre jeweiligen Themen. Dagegen ist bei den Anteilen des Herausgebers Matthias Toplak, insbesondere bei dem den Bestattungssitten gewidmeten Abschnitt, eine nicht immer von quellenkritischer Distanz geprägte Tendenz zur Verlebendigung zu beobachten.

Im folgenden Teil Heimat Nordland sind Aufsätze zu einigen Ursprungsgebieten der Wikinger versammelt. Tobias Schade umreißt das wikingerzeitliche Dänemark, während mit Haithabu (Volker Hilberg, Sven Kalmring) und Birka (Lena Holmquist, Sven Kalmring) zwei wichtige skandinavische Handelsplätze eine ausführlichere Vorstellung erfahren. Astrid Tummuscheit und Claus von Carnap-Bornheim steuern spannende neue Erkenntnisse über den Grenzwall Danewerk bei, dessen Ursprünge teilweise schon in der Völkerwanderungszeit zu suchen sind. Frans-Arne Stylegar schildert die Beziehungen zwischen den Wikingern und ihren Nachbarn im arktischen Norden Skandinaviens und Russlands.

Unter der Überschrift Mächtige Frauen und versklavte Männer nimmt das dritte Kapitel Geschlechterrollen und soziale Hierarchien in den Blick. Die Beiträge von Leszek Gardeła und Matthias Toplak einerseits sowie Clare Downham andererseits befassen sich mit der in letzter Zeit verstärkt in der Forschung diskutierten Frage nach etwaigen kriegerischen Aktivitäten von Frauen, wobei Gardeła und Toplak die archäologische Seite abdecken, während Downham anhand von Schriftquellen die Handlungsspielräume von weiblichen Angehörigen der Herrschaftselite auslotet. Breiten Raum nimmt dabei jeweils die Diskussion des Grabs BJ 581 von Birka ein, in dem nach neuesten Erkenntnissen eine Frau mit reichen Waffenbeigaben bestattet wurde. Ein Kontrastprogramm zu diesem Fokus auf die Oberschicht und kriegerische Ideale bietet Stefan Brinks Beitrag, der die Sklaverei in der Wikingerzeit untersucht und dabei nuanciert Unterschiede zwischen der Situation in den Heimatgebieten der Wikinger und dem Sklavenhandel im Zuge von Reisen herausarbeitet.

Verkehrsmittel der Wahl bei diesen Fahrten war natürlich vor allem das Schiff, so dass es nicht verwundert, dass das vierte Oberkapitel Handel und Expansion durch einen Beitrag von Rudolf Simek über die Schiffe der Wikinger eingeleitet wird, bevor Handelsplätze (Hauke Jöns) und ganze Handelsnetzwerke (Cristoph Kilger, Matthias Toplak) im Mittelpunkt stehen. Birgitta Hårdh zeigt anschaulich die überragende Rolle auf, die das zunächst nur für seinen Materialwert und als Rohstoff geschätzte Silber im Wirtschaftssystem der Wikingerzeit spielte, während Ralf Wiechmann das Entstehen eines eigenen skandinavischen Münzwesens (und der damit wohl unvermeidlich einhergehenden Fälschertätigkeit) schildert.

Ein Großteil des erwähnten Silbers erreichte die Wikinger zunächst aus der islamischen Welt über Osteuropa, und folgerichtig ist dem Weg in den Osten ein eigenes Oberkapitel gewidmet. Leszek Gardeła konzentriert sich hier auf die Kontakte von Wikingern und Westslawen im Ostseeraum. Matthias Toplak hingegen skizziert die Entstehung der Kiewer Rus. In diesem Kontext zu verorten ist die von Veronika Murasheva untersuchte Wallburg von Supruty (im heutigen Russland), die offenbar von Wikingern, Slawen und Steppennomaden gemeinsam genutzt, dann aber unter Beteiligung weiterer Wikinger völlig verwüstet wurde. Die Existenz von Schmelztiegeln der Kulturen, die sich am Beispiel von Supruty schon andeutet, beleuchtet Charlotte Hedenstierna-Jonson in ihren Ausführungen zu Migration und Identität. Matthias Toplak beschäftigt sich mit dem Verhältnis der Wikinger zum Islam und findet im Zuge dessen doch noch zu der kritischen Würdigung von Ibn Fadlans bekanntem Reisebericht, die man bei der begeisterten Nacherzählung von Teilen der Quelle im ersten Oberkapitel vermisst. Heinrich Härke und Irina A. Arzhantseva stellen Vermutungen über die Rolle der Seidenstraße für die Wikinger an. Leider fehlt als Gegengewicht zu dieser ausführlichen Erkundung des Ostens ein entsprechendes Kapitel zum Westen, der – sei es durch Plünderungen, sei es durch Reise- und Siedlungsaktivitäten im atlantischen Raum (Island, Grönland) – ebenfalls zum Aktionsradius der Wikinger gehörte.

Abschließend wird dafür im Abschnitt Religion und Mythologie der Versuch unternommen, die geistige Welt der Wikingerzeit zu rekonstruieren. Gerade hinsichtlich der paganen Glaubensvorstellungen ist das aufgrund der Quellenlage alles andere als einfach, wie Rudolf Simek, Tobias Schade und Matthias Toplak herausarbeiten, die sich im Anschluss daran auch mit der Christianisierung der Wikinger befassen. Stefanie Gropper führt knapp, aber informativ in die altnordische Literatur ein, während Arnulf Krause die Runenschrift beleuchtet. Einen der faszinierendsten Beiträge des gesamten Buchs legt Michaela Helmbrecht vor, die nicht nur die Rolle von Tierornamentik und Menschendarstellungen in der wikingerzeitlichen Kunst erläutert, sondern auch die Frage nach der Bedeutung von Bildmedien in einer größtenteils von Mündlichkeit geprägten Kultur aufwirft. Sigmund Oehrl hebt die Verbreitung christlicher und synkretistischer Elementen in der Kunst der späten Wikingerzeit hervor.

So groß die Schwankungen in Stil und Inhalt teilweise auch sind, der Gesamteindruck, den Die Wikinger hinterlassen, ist positiv. Der durch einen üppigen Farbbildteil ergänzte Band macht aktuelle Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit gut lesbar zugänglich. Ein Nachteil gegenüber einer Monographie aus einem Guss sei allerdings nicht verschwiegen: Bei einer Lektüre des kompletten Buchs kommt es oft zu Wiederholungen, da verschiedene Beiträge dieselben Fakten referieren oder schon erwähnte Quellen noch einmal neu vorstellen. Ein einzelner Autor hätte hier vermutlich stärker straffen können.

Dennoch gehören Die Wikinger ohne Zweifel zu den zugänglichsten und vielfältigsten Überblicksdarstellungen, die es derzeit über die Epoche gibt, und seien daher allen Interessierten empfohlen.

Jörn Staecker, Matthias Toplak (Hrsg.): Die Wikinger. Entdecker und Eroberer. Berlin, Propyläen (Ullstein), 2019, 480 Seiten.
ISBN: 978-3549076484


Genre: Geschichte

Religion und Mythologie der Germanen

Mit Religion und Mythologie der Germanen holt Rudolf Simek weit aus, um einen Überblick über die Entwicklung religiöser Vorstellungen der verschiedensten germanischen Gruppen von den ersten greifbaren Anfängen bis zur Christianisierung zu geben. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem skandinavischen Kulturraum, der archäologisch und quellenmäßig gut erschlossen ist. Dient als Einstieg noch der schlaglichtartige Blick auf die Rezeption durch uns Heutige, geht es gleich darauf weit zurück bis ins Neolithikum, um ein Panorama der longue durée bestimmter Ideen und Kulthandlungen zu entwerfen. Von Bedeutung ist dabei ist dabei beispielsweise die kontinuierliche religiöse Nutzung mancher Orte über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende hinweg, auch wenn die konkreten Glaubensinhalte der frühesten Zeiten natürlich nicht überliefert sind.

Das ändert sich selbstverständlich, sobald Schriftquellen – seien sie nun inschriftlicher oder literarischer Art – ins Spiel kommen. Etwas Vorwissen schadet bei der Lektüre der ihnen gewidmeten Passagen sicher nicht, denn Simek hinterfragt viele scheinbare Gewissheiten. Insbesondere den Quellenwert der landläufig oft mit der nordischen Mythologie assoziierten isländischen Texte, die erst im christlichen Hochmittelalter entstanden, und dabei vor allem der Prosa-Edda des Snorri Sturluson setzt er nicht hoch an. Hier ist für ihn primär ein gelehrt mythografisches Interesse, wenn nicht gar eine von christlicher und antiker Literatur beeinflusste Fabulierfreude am Werk. So kommt es zu der sonderbaren Situation, dass sich über die frühe germanische Religiosität (etwa im Rahmen des Matronenkults im römischen Reich) teilweise stichhaltigere Aussagen treffen lassen als über die der uns historisch um einiges näheren Wikingerzeit. Neben der demnach nur bruchstückhaft zu rekonstruierenden Götterwelt und den Vorstellungen über Jenseits, Seele und Schöpfung rückt Simek deshalb immer wieder auch die Aspekte germanischer Religion in den Vordergrund, die durch archäologische Funde ganz konkret zu erkunden sind, etwa Opferhandlungen und Bestattungssitten.

Als Konstante in allen behandelten Epochen erweist sich letzten Endes die Tatsache, dass es so etwas wie ein einheitliches germanisches Heidentum zu keinem Zeitpunkt gab: Regionale und individuelle Unterschiede werden nicht nur an nicht miteinander in Deckung zu bringenden Mythenversionen deutlich, sondern auch z.B. daran, dass unterschiedliche Formen des Grabbrauchs (wie Brand- und Körperbestattung) in denselben Gegenden durchaus gleichzeitig praktiziert werden konnten. Im Fehlen einer klaren und einheitlichen Glaubensgrundlage sieht Simek auch einen wichtigen Faktor für das letztendliche Unterliegen der paganen Vorstellungen gegen das Christentum, das zwar weniger Raum für Variationen, dafür aber dank seiner schriftlichen Grundlage Verbindlichkeit und eine straffere Organisation zu bieten hatte.

Trotz aller unvermeidlichen Fragezeichen und Leerstellen ergibt sich so ein durchaus eindrucksvolles Gesamtbild. Was man dem Band allerdings gewünscht hätte, ist ein gründlicheres Lektorat, denn es sind viele Widersprüche stehengeblieben, die sich nicht aus dem disparaten Material an sich, sondern aus Simeks eigenen Interpretationen ergeben. So widerspricht er etwa bei der Behandlung der sogenannten Goldgubber – wohl kultisch genutzter Goldplättchen mit reliefartigen Darstellungen u.a. von unbekleideten Tänzern – der Deutung, hier könne der Gott Freyr gezeigt sein, da „man kaum den Gott selbst als nackt und tanzend dargestellt haben“ werde (S. 77); eine kleine vollplastische Figur, die einen bis auf die Kopfbedeckung nackten Mann zeigt, deutet er aber selbst als Freyr (S. 145 f.) und sieht auch nackte Pfahlidole als Götterdarstellungen (S. 103 f.), so dass sich beim besten Willen nicht erschließt, warum ein Gott zwar als Statue nackt gezeigt werden darf, auf einem Goldplättchen aber nicht. Auch Simeks Einschätzungen zum Bild, das man sich geistig von den Göttern machte, sind nicht in Deckung zu bringen: Ist nun „Odin (…) überhaupt der einzige wikingerzeitliche Gott, der als Reiter vorgestellt wird“ (S. 142), oder wird auch Thor nach Ausweis der mit ihm assoziierten Kenningar (dichterischen Umschreibungen) „offenbar als Reiter“ betrachtet (S. 136)? Noch deutlicher ist die absolute Gegensätzlichkeit der Aussagen bei der Meeresgottheit Ran: Ist sie zunächst eine „ganz zweifellos schon recht alte Göttin“ (S. 155), verkündet Simek wenig später genauso überzeugt: „Es dürfte sich also bei Ran nur um eine recht späte, im Heidentum auch kaum recht verbreitete Personifizierung der sinistren Seite des Meeres handeln, (…) und somit dürfte die Vorstellung einer Göttin des Reiches der Ertrunkenen mit diesem Namen recht jung sein“ (S. 212). Hier weiß man nun überhaupt nicht mehr, welcher Wertung des Autors man trauen soll.

Demensprechend zwiespältig muss auch das Gesamturteil ausfallen. Als quellenerschließendes Handbuch, das aufzeigt, welche Texte und archäologischen Funde Hinweise auf Glaubenswelten und -praktiken bieten, ist Religion und Mythologie der Germanen unbestreitbar von hohem Wert. Bei der Interpretation hingegen sollte man  Simeks Äußerungen sorgfältig hinterfragen, um nicht am Ende Deutungen, die sogar den Autor selbst schon nach ein paar Seiten nicht mehr überzeugen, für gesicherte Erkenntnisse zu halten.

Rudolf Simek: Religion und Mythologie der Germanen. 2., bibliographisch aktualisierte und überarbeitete Aufl. Darmstadt, Theiss (WBG), 2014, 336 Seiten.
ISBN: 978-3806229387


Genre: Geschichte, Märchen und Mythen

Träume in der Antike

Menschen träumen – das gilt für vergangene Jahrhunderte genauso wie für die heutige Zeit. Wie genau man in der Antike mit dem Phänomen Traum umging, zeigt die Altphilologin Marion Giebel in Träume in der Antike, einer kommentierten Sammlung von Quellen und literarischen Texten, die von den homerischen Epen bis zu Traumschilderungen der Spätantike zeitlich gut ein Jahrtausend abdecken.
Geordnet sind die einzelnen Beispiele jedoch nicht chronologisch, sondern in thematischen Gruppen. Das erste Kapitel nimmt Traumerzählungen aus Epos, Tragödie und Roman in den Blick und zeigt auf, wie antike Autoren von Homer über Vergil bis hin zu Apuleius ihre Figuren träumen ließen. Hier werden im fiktiven Kontext schon all die Funktionen fassbar, die Träume bzw. ihre Wiedergabe auch im realen Leben übernehmen konnten: Wie der zweite Abschnitt Die Träume der Mächtigen beweist, wurden tatsächliche oder nur vorgebliche Träume als Motivation für bestimmte Handlungen, als Vorzeichen oder als Reaktion auf Geschehnisse oft entweder propagandistisch ausgeschlachtet oder aber im Nachhinein zur Deutung historischer Vorgänge herangezogen. Die Quellen lassen erkennen, dass die Interpretation dabei durchaus von Person zu Person schwanken konnte. Während eher skeptische Zeitgenossen eine recht modern anmutende psychologische Perspektive einnahmen und Träume nur als unbewusste Verarbeitung dessen verstanden, was die Schlafenden im Wachzustand beschäftigt hatte, glaubten andere an das Wirken höherer Mächte.
Letztere Annahme steht im Kapitel Weisungen und Aufträge im Traum im Mittelpunkt, in dem sowohl pagane Gottheiten als auch der christliche Gott den träumenden Gläubigen Hinweise oder direkte Befehle zukommen lassen, die sie tunlichst befolgen sollten, um unangenehme Konsequenzen zu vermeiden.
Eine spezifische Form solcher Träume waren die in einem eigenen Abschnitt behandelten Heilträume, in denen insbesondere der Heilgott Asklepios in Erscheinung trat, was man in manchen Fällen durch ein Schlafen im Tempel gezielt herbeizuführen versuchte, um die Behebung eines Leidens zu forcieren.
Das fünfte Kapitel Literarisch ausgestaltete Traumerzählungen schlägt nicht etwa den Bogen zum Anfang des Buchs zurück, sondern betrachtet Träume im Kontext biographischen und autobiographischen Schreibens. Eine letzte Textgattung der Antike, die sich mit Träumen befasste, waren Sachbücher zum Thema, die Giebel in Form von Auszügen Aus der Traumkunst des Artemidor präsentiert. Artemidors Traumdeutungen sind aus heutiger Sicht insofern interessant, als er zwar von einer Zeichenhaftigkeit von Träumen ausging, aber zugleich bereits bestimmte psychologische Mechanismen erkannte.
Alle Texte sind zweisprachig im griechischen bzw. lateinischen Original und in Übersetzung enthalten. Die Übertragung ins Deutsche stammt in vielen Fällen von Giebel selbst, ist manchmal aber auch aus älteren Ausgaben übernommen. Neben einer allgemeinen Einleitung stellt die Herausgeberin auch kurze einführende Texte zu jedem einzelnen Traumbeispiel bereit, die eine (mentalitäts-)historische Einordnung erlauben.
Der Charme des kleinen Buchs besteht aber nicht zuletzt auch darin, dass neben der antiken Lebenswelt, die in den Details der Träume aufscheint, immer wieder auch eine allgemein menschliche Komponente fassbar wird, die auch über die Distanz der Jahrtausende hinweg einen unmittelbaren Zugang zu damaligen Erfahrungen eröffnet. Krankheiten, berufliche wie private Hoffnungen, aber auch Sorgen, Angst und Reue sind trotz aller kultur- und epochenspezifischen Unterschiede heute noch nachvollziehbar, und dass einem im Traum neben Personen und Gegenständen aus dem eigenen Alltag manchmal auch Verrücktes und im wahren Leben Unmögliches erscheint, dürfte jeder schon selbst erlebt haben. So bieten die Träume in der Antike nicht nur eine anregende und geschichtlich interessante Lektüre, sondern auch eine, bei der man sich berühmten wie unbekannten Menschen des Altertums punktuell sehr nahe fühlen kann.

Marion Giebel (Hrsg.): Träume in der Antike. Griechisch / Deutsch, Lateinisch / Deutsch. Stuttgart, Reclam, 2006, 256 Seiten.
ISBN: 978-3150183953


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Das alte Ägypten

Mit dem kurzen Band Das alte Ägypten legt der bekannte Ägyptologe Hermann A. Schlögl eine ebenso kompakte wie gut lesbare Einführung in die Geschichte des Landes am Nil vor. Der zeitliche Rahmen reicht dabei von den prähistorischen Funden von Merimde aus dem 5. Jahrtausend v. Chr. bis zum Selbstmord der Kleopatra 30 v. Chr., nach dem Ägypten ins römische Reich eingegliedert wurde.
Ein einleitendes Kapitel stellt zunächst die Rahmenbedingungen vor, die dafür sorgten, dass die ägyptische Kultur – ungeachtet aller Veränderungen im Kleinen – über Jahrtausende hinweg relativ konstant bleiben konnte. Prägend waren nicht nur die naturräumlichen Gegebenheiten, die in Abhängigkeit von der alljährlichen Nilüberschwemmung ein Leben auf einem relativ eng begrenzten Gebiet erzwangen, sondern auch die durch eine früh entwickelte Schrift festgehaltenen und weitergegebenen religiösen Vorstellungen. Die darauf gründende, äußerst traditionsbewusste Gesellschaft hatte aus heutiger Sicht teilweise fragwürdige Züge (wie etwa die eher distanzierte bis ablehnende Haltung Nichtägyptern gegenüber oder die stark hierarchische Sozialordnung), daneben aber auch positive Eigenheiten, z.B. die für antike Verhältnisse ungewöhnlich starke Stellung der Frau.
Im Anschluss an diese Skizzierung der Grundzüge des altägyptischen Lebens wird die historische Entwicklung vom Alten über das Mittlere bis hin zum Neuen Reich geschildert. Während allein schon aufgrund der Quellenlage über weite Strecken die Pharaonen und ihr unmittelbares Umfeld im Mittelpunkt stehen, ist Schlögl auch immer wieder bemüht, Einblicke in das Dasein einfacher Leute zu gewähren. Gut möglich ist das etwa für die Siedlung von Deir el-Medineh, in der zur Zeit des Neuen Reichs die Arbeiter, die Gräber im Tal der Könige bauten und ausschmückten, mitsamt ihren Angehörigen lebten. Von Schreiberkarrieren über ungewollte Kinderlosigkeit und Erbschaftsregelungen bis hin zu Verbrechen werden hier zahlreiche Alltagsphänomene greifbar.
Ohnehin widmet Schlögl sich mit besonderer Sorgfalt der Schilderung der 18. Dynastie, der so bekannte Persönlichkeiten wie Hatschepsut, Echnaton und Tutanchamun angehörten, und der 19. Dynastie der Ramessiden. Neben der Fülle von Schriftzeugnissen und archäologischen Funden, die für diese Epoche zur Verfügung stehen, dürften bei dieser Schwerpunktsetzung auch die speziellen Forschungsinteressen des Autors eine Rolle spielen, der unter anderem zur Amarnazeit und zu Ramses II. publiziert hat.
Relativ schnell abgehandelt wird dagegen die von der Dominanz fremder Eroberer geprägte Spätzeit einschließlich der Ptolemäerherrschaft, und hier stolpert man an einzelnen Stellen auch über Details, die vom Mainstream der Forschung abweichen (z.B. wird Kleopatra nicht, wie sonst üblich, als VII., sondern als VIII. Herrscherin dieses Namens geführt, und die Namensform „Gnaeus Publius Pompeius“ für Caesars politischen Gegenspieler wirkt zumindest ungewöhnlich).
Nicht zu überlesen ist im gesamten Buch Schlögls tiefe Liebe zur ägyptischen Kunst, die er immer wieder mit einer Begeisterung beschreibt, die sich auf sein Publikum übertragen dürfte. Abbildungen der erwähnten Werke fehlen leider (wie überhaupt an Illustrationen nur jeweils eine Karte Ober- und Unterägyptens beigegeben ist). Dafür finden sich jedoch andere gerade für Laien extrem hilfreiche Angaben: So wird ein Großteil der altägyptischen Personennamen bei der ersten Erwähnung übersetzt, und bei archäologischen Funden ist in der Regel minutiös aufgeführt, in welchem Museum sie heutzutage aufbewahrt werden.
Alles in allem erfährt man so trotz der Kürze des Buchs recht viel über das alte Ägypten. Als erste Orientierungshilfe beim Zurechtfinden in den vorchristlichen Jahrtausenden am Nil ist es daher glänzend geeignet.

Hermann A. Schlögl: Das alte Ägypten. München, C. H. Beck, 5., durchges. Aufl. 2019, 144 Seiten.
ISBN: 978-3406731730


Genre: Geschichte

Viking Worlds

Die Lebensumstände in der Wikingerzeit waren nicht nur je nach geographischer Region, sondern auch individuell sehr unterschiedlich. Dementsprechend lautet der Titel des hier vorgestellten englischsprachigen Tagungsbands Viking Worlds, um auf die vielen verschiedenen „Welten“ zu verweisen, in denen sich die unter dem Begriff Wikinger subsumierten Menschen bewegten. In vierzehn Aufsätzen stellen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Forschungen vor, die eine große Bandbreite von Aspekten der Epoche abdecken. Die Beiträge sind dabei lose nach Themenfeldern geordnet: Der Abschnitt Real and Ideal Spaces beschäftigt sich im wahrsten Sinne des Wortes mit den Räumen, in denen sich das Wikingerleben abspielte (von Gebäuden bis hin zu ganzen Landschaften). Der zweite Teil Gendered Things, Gendered Spaces? dreht sich um die Geschlechterrollen, während das dritte Oberkapitel Production, Exchange and Movement Handwerk, Handel und Reisen in den Blick nimmt.
Den Anfang macht noch außerhalb dieser Dreiteilung Neil Price mit einem kurzen Überblick über neue Entwicklungen in der Archäologie der Wikingerzeit, die manch scheinbar festgefügte Annahme ins Wanken bringen; eine besondere Rolle spielt dabei der Fund eines Silberfigürchens im dänischen Hårby. Den Hauptteil des Buchs eröffnet dann Lydia Carstens mit differenzierten Überlegungen zur Entwicklung der herrschaftlichen Halle von der Eisenzeit bis zur Wikingerzeit. Joanne Shortt Butler erläutert am Beispiel des fragmentarisch erhaltenen Gedichts Húsdrápa den Zusammenhang von Literatur, Bildwelten und realen Orten, während Asle Bruen Olsen Versammlungs- und Gerichtsorte der späten Eisenzeit in Norwegen untersucht und Überlegungen dazu anstellt, inwiefern sie prägend für Politik und Justiz im wikingerzeitlichen Island geworden sein könnten. Sofie Laurine Albris zeigt am Beispiel des Sees Tissø auf Seeland und seiner Umgebung auf, was alte Ortsnamen verraten und wie sie bei der Interpretation archäologischer Funde helfen können, wenn schriftliche Quellen fehlen. Besonders spannend liest sich Marianne Hem Eriksens Beitrag über Türringe und ihre symbolische Bedeutung, die sogar die Christianisierung überstand, wie ein prunkvoller Türring aus dem schwedischen Forsa zeigt, der ursprünglich zu einem paganen Heiligtum gehörte und dann den Weg in eine christliche Kirche fand.
Der zweite Teil des Buchs setzt mit Charlotte Hedenstierna-Jonsons Analyse einer Mädchenbestattung im schwedischen Birka ein, die viel über Ernährung, soziale Stellung und geographische Herkunft des früh verstorbenen Kindes verrät. Patrycja Kupiec und Karen Milek widmen sich der Almwirtschaft im wikingerzeitlichen bis mittelalterlichen Island, die in der Sagaliteratur als Domäne der Frauen gilt, in der Realität aber wohl differenzierter zu bewerten ist. Heidi Lund Berg schließlich versieht die Forschungsmeinung, Schlüssel seien das Symbol der wikingerzeitlichen Hausfrau schlechthin, mit einem Fragezeichen; lieber möchte sie die Verfügungsgewalt über Schlüssel als geschlechtsneutralen Hinweis auf Macht und Besitz neu deuten.
Im dritten Teil des Buchs stellt zunächst Bjarne Gaut die Organisation von Wirtschaft und Handel im Frankenreich und dessen Beziehungen zu Skandinavien in den Mittelpunkt. Ben Cartwright dagegen untersucht anhand von Funden aus dem norwegischen Bjørkum die Textilproduktion des Frühmittelalters. Bei Unn Pedersen geht es um die Verarbeitung von Blei, das unter anderem zur Herstellung von Gewichten oder von Zierelementen am Pferdegeschirr genutzt wurde. Eine primär naturwissenschaftliche Herangehensweise wählen Stephen Merkel, Andreas Hauptmann, Volker Hilberg und Robert Lehmann, wenn sie Silberfunde aus Haithabu und Umgebung einer Isotopenanalyse unterziehen und daraus interessante Schlüsse zur Herkunft des Materials insbesondere von Münzen ziehen. Leszek Gardeła schließt das Buch mit einem kritischen Forschungsbericht zum Thema Wikinger in Polen ab und zeigt auf, dass das Etikett „Wikinger“ oft etwas zu leichtfertig verteilt wird, selbst wenn es gute Gründe gibt, Funde anders zu interpretieren.
Viele der Beiträge nehmen sich bei aller Kürze Zeit für Details (faszinierend sind z.B. Cartwrights Hinweise zu Webgewichten und Spinnwirteln, deren Beschaffenheit sich je nach angestrebter Garn- und Stoffart unterschied, oder die Beobachtungen zu unerwarteten Stilmischungen, die Pedersen bei Bleibesätzen macht). Aus dieser Fülle von Einzelheiten setzt sich kaleidoskopartig ein Gesamtbild zusammen, das durch seine Vielfalt besticht und beweist, dass sich die Wikingerforschung gerade in einer spannenden Umbruchsphase befindet.

Marianne Hem Eriksen, Unn Pedersen, Bernt Rundberget, Irmelin Axelsen und Heidi Lund Berg (Hrsg.): Viking Worlds. Things, Spaces and Movement. Oxford / Philadelphia, Oxbow Books, 2014, 234 Seiten.
ISBN: 978-1789252101


Genre: Geschichte

Die Welt zur Zeit Jesu

Nur wenigen Althistorikern traut man nach der Lektüre ihrer Werke spontan zu, dass sie auch einen packenden Roman schreiben könnten. Werner Dahlheim ist einer von ihnen. Sein zu Recht mehrfach preisgekröntes Buch Die Welt zur Zeit Jesu schildert spannend und sprachgewaltig die Entstehung des Christentums und dessen Ausbreitung im römischen Reich. Die im Titel angesprochene Zeit Jesu ist dabei nicht wörtlich auf die Lebzeiten Jesu begrenzt zu verstehen, auch wenn dessen Werdegang und Wirken – soweit überhaupt zu rekonstruieren – natürlich ebenso beschrieben werden wie die Entstehung des Neuen Testaments. Die historische Erzählung reicht bis in die Spätantike, doch der Blick geht immer wieder auch darüber hinaus auf die Rezeption der Epoche in Mittelalter und Neuzeit. Goethes Zauberlehrling begegnet einem im Laufe der Lektüre deshalb genauso wie Gemälde von El Greco, Caravaggio oder Delacroix.
Dass all diese Künstler auf einen reichen Schatz mythologischer, christlicher und säkularer Überlieferungen aus dem Altertum zurückgreifen konnten, ist nicht zuletzt Rom zu verdanken. Das Imperium vereinte gewaltsam naturräumlich und kulturell sehr heterogene Regionen, die sich jedoch alle dadurch auszeichneten, dass Städte die Zentren des geistigen und religiösen Lebens bildeten, ob nun seit Jahrhunderten, wie im hellenistisch geprägten Osten, oder erst durch Neugründungen im Zuge der Eroberung durch die Römer wie in den nordwestlichen Provinzen. Als für die Entwicklung des Christentums wegweisende Entscheidungen sieht Dahlheim daher zum einen die frühe Gemeindebildung im städtischen Kontext (im Gegensatz zu Gruppen wie etwa den Essenern, die bewusst die Isolation wählten), zum anderen den Entschluss zur Heidenmission, der sich in der Überlieferung vor allem mit dem Namen des Paulus verbindet. Was sonst wohl nur eine mehr oder minder kurzlebige Strömung innerhalb des Judentums geblieben wäre, wurde so für Menschen unterschiedlichster Herkunft attraktiv.
Während die neue Religion sich in ihrem Gottesbild und ihren Jenseitserwartungen beträchtlich von anderen Glaubenssystemen der Antike unterschied, übernahm sie nach und nach viel aus ihrer paganen Umwelt. Dies trifft nicht nur auf philosophische Argumentationsformen, die in die Theologie einflossen, oder auf die an weltlichen Vorbildern orientierte kirchliche Ämterhierarchie zu, sondern auch auf den Bereich des Volks- und Aberglaubens, in dem alte Vorstellungen sich in neuem Gewand als erstaunlich dauerhaft erwiesen. So riefen Amulette, die zuvor den Schutz heidnischer Gottheiten hatten herabflehen sollen, nun z.B. die Jungfrau Maria an, wurden aber nach wie vor in ganz ähnlicher Weise verwendet. Während manch Überkommenes Intoleranz und Fanatismus zum Opfer fiel, wurde anderes so gerade durch die Durchsetzung des Christentums bewahrt.
Neben dem hohen stilistischen Niveau ist es auch dieser differenzierte und vor Pauschalisierungen zurückscheuende Blick auf die Christianisierung des Römischen Reichs, der Werner Dahlheims Buch positiv von anderen Darstellungen der Epoche (wie z.B. Catherine Nixeys The Darkening Age) abhebt. Trotz dieses wohltuenden Verzichts auf Vereinfachungen in der Sache ist Die Welt zur Zeit Jesu durchgängig gut und flüssig zu lesen, durch Abbildungen und Kartenmaterial zusätzlich aufgelockert und, wie eingangs erwähnt, über weite Strecken mitreißend wie ein Roman. Wer wissen möchte, wie die Welt der Antike christlich wurde, kann kaum einen besseren Einstieg als diesen finden.

Werner Dahlheim: Die Welt zur Zeit Jesu. München, C.H. Beck, 2017 (vorliegende Ausgabe; Original 2013), 496 Seiten.
ISBN: 978-3406715075


Genre: Geschichte

Das antike Rom

Viele Überblicksdarstellungen zum antiken Rom sind als Einführungen in die Geschichte des nach und nach zum Großreich aufgestiegenen Staatswesens und seiner Provinzen konzipiert. Frank Kolb wählt in seinem Buch Das antike Rom einen anderen Ansatz und erzählt primär eine anregende und gut lesbare Stadt- und Architekturgeschichte von den bescheidenen Anfängen der frühen Eisenzeit bis ins 6. nachchristliche Jahrhundert, in dem die antike Bausubstanz allmählich zu verfallen begann. Die Informationen zu Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Religion sind dabei in eine lebendige Schilderung des Werdens und Wachsens der Stadt und ihrer Gebäude eingeflochten. Stadt- und Grundrisspläne, Rekonstruktionszeichnungen und Fotos machen das im Text geschilderte auch visuell gut nachvollziehbar und bieten schlaglichtartige Einblicke in unterschiedliche Entwicklungsstadien Roms.
Kolb ist insbesondere bemüht, die legendenumwobene römische Frühgeschichte zu entmythologisieren und im Zweifelsfalle erhaltene Reste von Bauwerken eher späteren Epochen zuzuordnen als der Königszeit, in die eine sagenhafte Überlieferung sie oft verweist. Allerdings überzeugt dabei nicht jedes Argument restlos. Wenn etwa einer unter dem sogenannten lapis niger auf dem Forum Romanum gefundenen Inschriftenstele mit der Begründung eine Datierung ins 6. Jh. v. Chr. abgesprochen wird, sie bestehe „aus Grotta-Oscura-Tuff, dessen Steinbrüche die Römer erst nach der Eroberung von Veii im Jahr 396 nutzen konnten“ (S. 11), fragt man sich, ob das Material der Stele nicht auch schlicht durch Handel mit den Etruskern nach Rom gelangt sein könnte, bevor die Römer den Steinbruch selbst kontrollierten. Das heißt zwar noch nicht, dass die Spätdatierung notwendigerweise falsch sein muss, aber man wünscht sich doch, Kolb würde ein schlüssigeres Indiz dafür anführen als ausgerechnet dieses angreifbare.
Auf sichereren Füßen steht die Darstellung ab der republikanischen Zeit, in der sich Rom von einer eher bescheidenen Siedlung allmählich zur Hauptstadt eines immer größeren Reichs mauserte und die Stadtarchitektur zum Spiegel eines politischen Systems und seiner sakralen Unterfütterung wurde. Folgerichtig entwickelte sie sich in der späten Republik zum Betätigungsfeld einzelner Selbstdarsteller: Die Rivalen Pompeius und Caesar traten jeweils durch ehrgeizige Bauprojekte hervor, die ihre Machtposition unterstrichen. Diese Tendenz setzte sich in der Kaiserzeit ungebrochen fort, in der die monarchische Repräsentation vermehrt Anregungen aus der mittlerweile eroberten hellenistischen Welt aufgriff.
Mit der Spätantike und der Durchsetzung des Christentums wurde Rom zu einer Stadt der Kirchen, hatte aber zugleich mit einer schwindenden Einwohnerzahl und den politischen wie kriegerischen Verwerfungen der Zeit zu kämpfen. Den entscheidenden Einschnitt im Bemühen um eine Erhaltung der antiken Gebäude und der überkommenen administrativen und sozialen Traditionen sieht Kolb jedoch nicht im sonst gern als Anfangsdatum des Mittelalters apostrophierten Ende der Weströmischen Kaiserherrschaft (476 n.Chr.), sondern erst nach der Zerschlagung des Ostgotenreichs im 6. Jahrhundert. Erst jetzt brach auch für die Stadt selbst endgültig eine neue Zeit an, und das titelgebende antike Rom war Geschichte.
Alles in allem bildet der Band eine Art anschaulichen Reiseführer durch die Jahrhunderte, der einem stärker als viele andere Bücher deutlich macht, wie sehr Rom trotz aller Gebietserweiterungen bis zum Schluss vom weite Teile des Altertums dominierenden Modell des Stadtstaats geprägt war. Der immer wieder speziell auf einzelne Bauwerke und ihre Funktion gerichtete Blick macht das städtische Leben und in Ansätzen auch die damit verbundene Mentalität gut nachvollziehbar. Wer das alte Rom auch abseits der reinen Ereignisgeschichte besser kennenlernen möchte, findet hier daher einen spannenden Zugang.

Frank Kolb: Das Antike Rom. Geschichte und Archäologie. 2. Auflage München, C.H. Beck, 2009, 128 Seiten.
ISBN: 978-3406536076


Genre: Geschichte

Löwenmenschen und Schamanen

Lässt sich die materielle Kultur der Vor- und Frühgeschichte dank archäologischer Funde recht gut rekonstruieren, sind wir, was die geistige Welt der damaligen Menschen betrifft, auf Vermutungen angewiesen. Gerade spirituelle Vorstellungswelten erschließen sich oft nicht ohne Weiteres, obwohl man ahnen kann, dass es sie gegeben haben muss. Andrea Zeeb-Lang und Andy Reymann wagen sich in Löwenmenschen und Schamanen also an ein schwieriges Thema, wenn sie versuchen, aus Kunst, Bauwerken, Musikinstrumenten und anderen Objekten der Stein- und Bronzezeit, aber auch aus auffälligen Bestattungen Hinweise auf magische und insbesondere schamanische Praktiken abzuleiten. Da aus der behandelten Zeit selbst naturgemäß keine Schriftquellen existieren, müssen Vergleiche mit späteren Kulturen als Interpretationshilfe herangezogen werden.
Ein Überblick über das Phänomen Magie von der Antike bis heute bildet daher den Einstieg in die Untersuchung. In seiner Knappheit stellt er leider manches sehr verkürzt bis irreführend da (wenn z.B. die eigentlich primär frühneuzeitliche europäische Hexenverfolgung pauschal mit dem Mittelalter und der Inquisition verknüpft wird, entspricht das eher populären Klischees als dem aktuellen wissenschaftlichen Konsens).
Wichtiger für die Argumentation des Buchs ist glücklicherweise die ausführlicher geratene Einführung in die Thematik des Schamanismus, in der deutlich wird, dass bestimmte Erfahrungen und Praktiken kulturübergreifend auftreten: So ist etwa die Wahrnehmung geometrischer Formen in der ersten Phase der Trance weltweit belegt, und man kann davon ausgehen, dass auch schon steinzeitliche Schamanen ähnliche Eindrücke hatten. Auch das Gefühl, sich in ein Tier zu verwandeln, tritt in veränderten Bewusstseinszuständen bei Menschen der verschiedensten Hintergründe auf. Diese Beobachtung bildet den zentralen Ansatzpunkt für die darauffolgende Analyse altsteinzeitlicher Höhlenmalereien, in denen mehrfach Mischwesen aus Tier und Mensch dargestellt sind, die sich in Parallele zu Felsbildern des südafrikanischen Volks der San setzen lassen. Der Motivschatz der Kunst der San blieb über Jahrtausende relativ konstant und enthält oft Darstellungen sich in Trance tanzender und dann Tierverwandlungen durchmachender Schamanen. Eine entsprechende Interpretation hält das Autorenduo daher nicht nur für die sogenannten „Zauberer“ in der frankokantabrischen Höhlenkunst für wahrscheinlich, sondern auch für altsteinzeitliche Plastiken wie den berühmten Löwenmenschen von der Schwäbischen Alb.
Scheint hier der Fall noch klar zu sein, wird in den folgenden Kapiteln offensichtlich, dass die Deutung eines Funds oder Befunds als Anzeichen für Schamanismus oft nicht alternativlos sein muss. Ist etwa eine Rassel als bewusstseinsveränderndes Rhythmusinstrument zauberkundiger Personen oder doch nur als Kinderspielzeug anzusprechen? Sind geometrische Muster auf Gegenständen Widerspiegelungen von Tranceerfahrungen, stilisierte Wiedergabe ganz irdischer Dinge oder gar Verzierungen ohne tieferen Sinn? Weisen Begräbnisse mit für unsere Begriffe bizarren Beigaben (z.B. einem Menschenfuß) auf eine spirituelle Sonderrolle der Bestatteten hin, oder sind die Hintergründe weit prosaischer?
Zeeb-Lang und Reymann bevorzugen zwar zumeist die „magische“ Erklärungsvariante, aber ob sie überzeugender als die alltägliche wirkt, ist oft Ermessenssache.
Obwohl die beiden Autoren also nicht mit letzter Sicherheit den Nachweis führen können, dass all ihre Schlussfolgerungen der Realität entsprechen und nicht nur Spekulationen sind, liefern sie dennoch zahlreiche Möglichkeiten, Zauber und Animismus in prähistorischen Kontexten zu sehen. Ganz gleich, ob man sich ihrer Meinung immer anschließen mag oder nicht, sind das spannende Denkanstöße, die viele ihrem mentalitätsgeschichtlichen Zusammenhang entrissene Erscheinungen zumindest mit einem potentiellen Sinngehalt füllen. Die letzten Geheimnisse wird man diesem Aspekt der Vor- und Frühgeschichte wohl nie entreißen können, aber die Löwenmenschen und Schamanen zeigen, wie sehr sich die Beschäftigung damit dennoch lohnt.

Andy Reymann, Andrea Zeeb-Lanz: Löwenmenschen und Schamanen. Magie in der Vorgeschichte. Darmstadt, Theiss (WBG), 2019 (Sonderheft der „Archäologie in Deutschland“ 16/2019), 112 Seiten.
ISBN: 9783806239904


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Mérovingiens dans le Jura

Ein schmales, ursprünglich als Ausstellungebegleitband konzipiertes Heftchen über die Merowinger im Jura – kann man daraus überhaupt etwas über die Epoche lernen? Sehr viel sogar, denn in Sachen Alltagsgeschichte der Merowingerzeit sind nur wenige Bücher so anschaulich wie Mérovingiens dans le Jura, was nicht allein den gelungenen Rekonstruktionszeichnungen von Nicolas Weis zu verdanken ist. Vielmehr werden hier auf ein allgemeines Publikum zugeschnitten, aber punktuell erstaunlich detailliert wesentliche Aspekte des Alltagslebens im französischen Jura zwischen 400 und 600 n.Chr. vorgestellt.
Zu Beginn des Frühmittelalters zunächst burgundisches Gebiet, fiel der Jura 534 an die Franken, die sich mit der ansässigen Bevölkerung aus Romanen und Burgundern bald vermischten und den weiterbestehenden regionalen Traditionen z.B. neue Bestattungssitten hinzufügten. Die Gräberfelder von Crotenay, Monnet-la-Ville, Largillay und Saint-Vit bilden dementsprechend auch Schwerpunkte der archäologischen Erforschung und verraten viel über den körperlichen Zustand der damaligen Bevölkerung. Während manche Erkrankungen wie Karies oder Krebs auch in der heutigen Zeit noch wohlbekannt sind, deuten die Kampfverletzungen, die manche Skelette aufweisen, auf sehr unruhige Zeiten vor 1500 Jahren hin. Schmuck, Waffen, Gefäße und Trachtbestandteile, die als Grabbeigaben gefunden wurden, sind in qualitativ hochwertigen Fotos präsent, auf denen sich auch Details noch gut erkennen lassen. Eine lokale Besonderheit sind dabei die insbesondere in Kirchen gefundenen Steinsarkophage.
Nach welchem standardisierten Prinzip diese hergestellt wurden, ist in Grafiken ebenso liebevoll aufbereitet wie die Technik der oft filigranen Tauschierungen, mit denen etwa prunkvolle Gürtelschnallen verziert sind. Auch die Herstellung von Klingen und Geschirr wird gut nachvollziehbar geschildert. Erkenntnisse aus der experimentellen Archäologie kommen ebenfalls nicht zu kurz (so beispielsweise, wie lange es dauert, die in manchen Gräbern in Fragmenten erhaltenen Textilien nachzuweben – bei einem 33 cm breiten Webstück mit Rautenmuster schafft man in der Stunde offenbar etwa 10 cm, nicht eingerechnet das aufwendige Bespannen des Gewichtswebstuhls).
Etwas knapper abgehandelt als die Handwerkstechniken werden die Christianisierung (die sich nicht nur in Heiligenviten und Kirchenbauten, sondern auch im Auftauchen biblischer Motive in der Kunst niederschlug – so ist etwa Daniel in der Löwengrube auf einem Bronzebeschlag zu sehen) sowie Wohnverhältnisse und Landwirtschaft (am Beispiel eines in Pratz ergrabenen Bauernhofs mit Brunnen und Schmiede, auf dem neben Viehzucht und Ackerbau auch die Jagd eine Rolle spielte und offenbar Tauschhandel mit recht entfernt gelegenen Regionen betrieben wurde).
Trotz dieser Ungleichgewichtung der Themen bietet der von einer knappen Liste weiterführender Literatur abgerundete Band gerade auch durch seine reiche Bebilderung die Möglichkeit, der Lebenswelt von Durchschnittsmenschen in der Merowingerzeit abseits von Königshöfen und Klöstern ungewöhnlich nahe zu kommen. Wer sich nicht auf die hier bestenfalls kursorisch gestreifte Ereignisgeschichte konzentrieren möchte, sondern lieber wissen will, wie die beeindruckenden archäologischen Funde aus dem frühen Mittelalter entstanden sind und eingesetzt wurden, findet hier einen optimalen niedrigschwelligen Zugang, der nicht nur beim Lesen, sondern auch beim Betrachten immer wieder viel Freude macht.

Marie-Jeanne Roulière-Lambert, Gilles Desplanque, Henri Gaillard de Sémainville (Hrsg.): Mérovingiens dans le Jura. Lons-le-Saunier, Centre Jurassien du Patrimoine / Musée d’archéologie, 2004, 64 Seiten.
ISBN: 2905854421


Genre: Geschichte

Die andere Geschichte der Bibel

Er sei, so Robin Lane Fox in seinem Vorwort zu seiner Monographie Die andere Geschichte der Bibel, Atheist und glaube „an die Bibel, nicht aber an Gott“ (S. 8). Wer auf dieser Basis nun damit rechnet, in dem Buch, das historischen Kontext und Quellenwert der Bibel zum Thema hat, eine polemische Streitschrift à la Richard Dawkins zu finden, irrt, denn ein Großteil von dem, was Robin Lane Fox hier darlegt, dürfte auch für mit der historisch-kritischen Methode vertraute Gläubige nicht weiter aufsehenerregend sein.
Der Autor schildert die mehrere Jahrhunderte umfassende Entstehung der Bibel aus unterschiedlichen Texten und weiß anschaulich zu machen, dass in einer Epoche, die nur Schriftrollen als Bücher kannte, die Zusammensetzung einer Sammlung heiliger Schriften durchaus immer wieder wechseln konnte, so dass sich erst allmählich ein Kanon hinausbildete. Während er mehrere Bücher der Bibel (so etwa Hiob und Esther) als gezielt erstellte fiktive Erzählungen einstuft und weitere als zumindest literarisch überformt und in sich widersprüchlich betrachtet (z.B. die Weihnachtsgeschichte des Lukas), sieht er in anderen durchaus auf Augenzeugenberichten basierende Quellen von historischem Wert (im Alten Testament vor allem in den Geschichten vom Hof Davids, im Neuen Testament im Johannesevangelium und Teilen der Apostelgeschichte). Diese vom Untertitel – Fakt und Fiktion in der Heiligen Schrift – hervorgehobene Überprüfung der biblischen Texte auf Tatsachen macht allerdings nur einen Teil des Buchs aus, denn Lane Fox ist es noch um eine andere Form von Wahrheit in der Bibel zu tun – das, was er „menschliche Wahrheit“ nennt. Als Atheist negiert er zwar die religiöse Bedeutung der Bibel für sich selbst, hält sie aber durchaus für aussagekräftig hinsichtlich ihres Blicks auf die conditio humana. Seine Überlegungen dazu, und insbesondere auch der Vergleich mit der altgriechischen Perspektive, bleiben allerdings im Ansatz stecken. Hier wäre vielleicht doch der literaturwissenschaftliche Zugang sinnvoll gewesen, an dem Lane Fox ansonsten kein gutes Haar lässt (wie auch an anderen Formen der Bibeldeutung, die ihm nicht ausreichend begründet scheinen, wie z.B. der feministischen Theologie).
Angesichts der abschätzigen Bemerkungen, die der Verfasser darüber mehrfach macht, kann man sich eigentlich nur wundern, dass er es selbst manchmal an Stringenz und Nachvollziehbarkeit fehlen lässt. Wer anderen von mangelnder Quellenkritik bis hin zu Wunschdenken alle möglichen methodischen Schwächen unterstellt, sollte umgekehrt seine Prämissen und Wertungskriterien expliziter zu machen, als es hier geschieht. Wenn Lane Fox z.B. die vielfach als eher symbolisch zu verstehen interpretierte Geschichte um Hosea und seine untreue Frau als historisch glaubwürdig einstuft, wünscht man sich eine argumentative Begründung dafür, statt nur die Einschätzung des Autors wie ein Faktum präsentiert zu bekommen.
Darüber hinaus haben sich einige Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen. So ist bei der Analyse des Buches Esther z.B. von „dem Juden Haman“ (S. 362) die Rede, während Haman in der Bibel eigentlich als äußerer Gegner der Juden, nicht als abtrünniger Glaubensbruder erscheint. Auch die Angabe, dass „Daniel (…) in einen glühenden Feuerofen geworfen wird“ (S. 430), überrascht, denn im Buch Daniel erleiden eigentlich drei andere Männer (Schadrach, Meschach und Abed-Nego) dieses Schicksal.
In einem 2018 verfassten Nachwort geht Lane Fox auf neuere Entwicklungen in der Wissenschaft ein (so etwa auf die archäologischen Forschungen von Finkelstein und Silberman, deren Schlüssen er kritisch gegenübersteht), legt aber zugleich auch ein gesundes Selbstbewusstsein an den Tag. Ob man seinem eigenen Werk z.B. vollmundig „die Energie und den Schwung (…), von denen sich die Leser anhaltend angetan zeigten“ (S. 539), bescheinigen muss, sei einmal dahingestellt.
Was man insgesamt von Der anderen Geschichte der Bibel halten soll, weiß man daher am Ende nicht so recht. Lane Fox ist auf seinen Kerngebieten – der griechischen und römischen Geschichte – eindeutig überzeugender als hier, und auch wenn die Lektüre passagenweise lohnend ist, sollte sie durchaus mit kritischem Blick erfolgen.

Robin Lane Fox: Die andere Geschichte der Bibel. Fakt und Fiktion in der Heiligen Schrift. Stuttgart, Klett-Cotta, 2019 (Original: 1991), 624 Seiten.
ISBN: 9783608981162


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur