Archive

Gebrannte Erde

Keramik zählt zu den häufigsten archäologischen Funden aus dem Altertum und ist in den Museen in reicher Fülle vertreten. Ihre Bedeutung beschränkt sich nicht auf den unbestreitbar hohen künstlerischen Wert mancher Stücke, sondern besteht auch darin, dass sie eine wichtige Hilfestellung zur Datierung von Fundkomplexen geben kann. Aus Laiensicht wirkt die Bandbreite von Gestaltungsformen und Funktionen der antiken Keramikobjekte jedoch schnell verwirrend. Hier will Wolfram Letzner mit seiner Einführung Gebrannte Erde. Antike Keramik – Herstellung, Formen und Verwendung Abhilfe schaffen. Der kompakte, reich bebilderte Band macht sowohl mit der griechischen als auch mit der römischen Keramik vertraut.

Nach einem einleitenden Abschnitt, der sich mit der im Dunkeln liegenden Begriffsherkunft des ursprünglich aus dem Griechischen stammenden Begriffs „Keramik“ und dem Material an sich befasst, unterrichtet ein epochenübergreifendes Kapitel über Abbau und Aufbereitung des Tons und über die Besonderheiten der Gefäßproduktion in der Antike, von der Töpfertechnik über den Brand bis hin zur Werkstattorganisation.

Das Kapitel zur griechischen Keramik präsentiert vor allem Gefäße, die bei Tisch, im Ritual oder zu kosmetischen Zwecken eingesetzt wurden. Natürlich spielt hier auch die Vasenmalerei eine wichtige Rolle, da an griechischen Gefäßen bis heute vor allem ihr Bildreichtum fasziniert. Im Kapitel zur römischen Keramik steht die auf den ersten Blick schlichter gestaltete Terra Sigillata, das bekannte rote Tafelgeschirr, im Mittelpunkt. Abermals epochenübergreifend abgehandelt wird in einem eigenen Kapitel die Schwerkeramik, beispielsweise Transportamphoren und fassähnliche Dolia, die zu Lagerzwecken dienten. Kurze Abschnitte widmen sich den tönernen Lampen der Antike, der Baukeramik, dem Problem von Fälschungen antiker Gefäße und der Nutzung von Keramik zur Datierung von Ausgrabungsstätten. Eine knappe Bibliographie und ein Glossar beschließen den Band.

Zusätzlich liefern im ganzen Buch immer wieder vom übrigen Text abgesetzte Kästen knappe Überblicksinformationen zu Spezialthemen, etwa zu den Kontexten, in denen Keramik genutzt wurde wie z.B. beim griechischen Symposion oder in der römischen Küche. Hilfreich sind die zahlreichen Illustrationen, die unter anderem ermöglichen, verschiedene Gefäßtypen unterscheiden zu lernen. Neben solchem Grundlagenwissen vermittelt Wolfram Letzner aber immer wieder auch verblüffende Einzelheiten am Rande, so etwa die, dass in der Zeit um Christi Geburt Schiffe um riesige tönerne Dolia herumgebaut und dann quasi als eine Art Tankschiffe genutzt wurden, oder dass große Amphoren gelegentlich als Baumaterial dienten, um die Statik zu verbessern. Solche Details lockern die ansonsten auf das Wesentliche beschränkte Einführung auf und animieren dazu, sich noch näher mit dem Thema zu befassen. Tiefergehende Analysen kann das Buch aufgrund seines begrenzten Umfangs natürlich nicht liefern. Für den ersten Einstieg bietet Gebrannte Erde jedoch genau das, was man braucht, um sich zurechtzufinden.

Wolfram Letzner: Gebrannte Erde. Antike Keramik – Herstellung, Formen und Verwendung. Mainz, Nünnerich-Asmus, 2015, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-943904-98-7

 


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Die Religion der Römer

Es ist nicht einfach, Die Religion der Römer – so der Titel der Überblicksdarstellung von Jörg Rüpke – methodisch zu erfassen. Zwar gab es im alten Rom durchaus Schriften über Religiöses (ob nun Mythen oder Rituale), aber, anders als in den heute dominierenden monotheistischen Religionen, keinen für alle verbindlichen kanonischen Grundlagentext und abgesehen von einigen Mysterienkulten und Vereinen auch keine feste Glaubenszugehörigkeit, sondern nur Partizipation an religiösem Handeln. Ähnlich wie in seinem jüngeren Werk Pantheon baut Rüpkes Argumentation daher auf der Annahme auf, dass man neuzeitliche Begriffe von Religion und Religiosität nicht ohne Abstriche auf die Antike übertragen kann, wenn man deren einerseits offeneres, andererseits aber viel enger mit dem Alltagsleben verflochtenes religiöses System verstehen möchte.

Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem stadtrömischen Bereich, in dem sich besonders gut beobachten lässt, wie eng die Religionspraxis der Eliten mit der Politik verknüpft war, übrigens auch, was die Übernahme von religiösen Ämtern betraf, die überwiegend nicht in Form eines Berufspriestertums, sondern als zusätzliche Aufgaben anderweitig tätiger Personen existierten (z.B. war der eher als Autor, Redner und Politiker im Gedächtnis gebliebene Cicero gleichzeitig auch Augur, also damit betraut, durch die Beobachtung von Vögeln Vorzeichen zu erkennen). Neben dieser untrennbar mit dem sozialen und politischen Gefüge des Stadtstaats verknüpften Form von Religion gab es jedoch zahlreiche Spielarten privater Religiosität. So erfährt man beispielsweise, welche Ratschläge Cato der Ältere für ein Trankopfer an Jupiter im Rahmen des Kults auf einem Landgut gibt (wobei der Hausherr und seine familia am Ende mehr vom Wein abbekommen als der Gott).

Während die römische Götterfülle im Text nur eine Nebenrolle spielt (und es bei der Lektüre sicher nicht schadet, diesbezüglich schon ein paar Vorkenntnisse mitzubringen, um die genannten Gottheiten zuordnen zu können), wird rituelles Handeln vom Opfer über das Gelübde bis hin zum Umgang mit Geburt und Tod ausführlich geschildert. Besondere Aufmerksamkeit wird auch der Bedeutung von Raum und Zeit im religiösen Kontext gewidmet. Daneben ist noch Platz für mancherlei Kuriosa, die aus heutiger Sicht eher in den Bereich des Aberglaubens fallen (wie z.B. eine auch in einer Abbildung präsente, nach Art einer Voodoopuppe mit Nadeln gespickte Tonstatuette, die im Rahmen eines Liebeszaubers eingesetzt wurde).

Generell sieht Rüpke dabei die in die Christianisierung mündende religiöse Entwicklung der Kaiserzeit von zwei Tendenzen geprägt, einerseits vom Versuch der Kaiser, die in der Republik noch auf viele Schultern verteilte religiöse Autorität immer stärker zu monopolisieren, andererseits aber auch von dem zunächst von einzelnen Kulten getragenen Bestreben, die Religion als vom Alltag und von der Politik getrennte Kategorie zu etablieren. Obwohl er vor vereinfachenden Modellen wiederholt warnt, gelingt es ihm so, auch für Laien nachvollziehbare Verständniszugänge in sein bisweilen durchaus sperriges Thema zu eröffnen. Alles in allem bildet Die Religion der Römer damit eine anregende Einführung, die viele Denkanstöße bereithält.

Nur das Lektorat war wohl nicht in Bestform. Anders ist nicht zu erklären, dass in der Bildlegende auf S. 181 ein happiger Fehler stehen geblieben ist: Wenn dort von der „Maison Carré aus Nîmes (Narbo)“ die Rede ist, fragt man sich, warum niemandem aufgefallen ist, dass Nîmes, das antike Nemausus, nicht mit Narbo, dem heutigen Narbonne, identisch ist. So gut erhalten und schön die Maison Carrée (tatsächlich in Nîmes) auch ist – das hätte, gerade in der 3. Auflage des Buchs, eigentlich nicht passieren dürfen.

Jörg Rüpke: Die Religion der Römer. 3. Aufl. München, C.H. Beck, 2019, 264 Seiten.
ISBN: 978-3-406-73774-9


Genre: Geschichte

Militärgeschichte des Mittelalters

Die Militärgeschichte des Mittelalters ist – so führt Martin Clauss in seiner Einleitung zu dem gleichnamigen Band aus – in mehrerlei Hinsicht ein problematisches Gebiet, einmal aufgrund der Quellenlage, die für einen großen Teil des Jahrtausends zwischen 500 und 1500 zu wünschen übrig lässt, dann aber auch, weil die deutsche Forschung der englischen und französischen um mehrere Jahrzehnte hinterherhinkt, da das Thema nach Nazizeit und Zweitem Weltkrieg hierzulande nachvollziehbarerweise mit großer Skepsis betrachtet wurde.

Vielleicht auch dadurch bedingt, wechselt der geographische Schwerpunkt in der chronologisch aufgebauten Militärgeschichte des Mittelalters relativ häufig. Clauss greift oft gut Bekanntes und Erforschtes heraus, so dass man nach der ohnehin nicht mit modernen Ländergrenzen in Deckung zu bringenden Situation unter den Merowingern und Karolingern zunächst etwas über die Ottonenzeit erfährt, um dann durch einen Schwenk zur Schlacht von Hastings (1066) kurzzeitig nach England versetzt zu sein, bevor nach einem Blick auf das Rittertum allgemein und die Verwerfungen der Salierzeit die Kreuzzüge im Vordergrund stehen. Mit Bouvines (1214) und Dürnkrut (1278) werden exemplarisch zwei Schlachten des 13. Jahrhunderts abgehandelt, während das 14. Jahrhundert weniger ereignishistorisch als soziokulturell und waffentechnisch skizziert wird, um die wachsende Bedeutung der Infanterie herauszuarbeiten. Ein eigenes Kapitel ist dem Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich gewidmet, während für das ausführlich betrachtete Spätmittelalter neben einer Analyse des Bedeutungsgewinns von Städten und der Erfindung von Feuerwaffen der deutschsprachige und daneben der burgundische Raum zum Hauptschauplatz des Buches werden, wenn man von einigen Ausflügen nach Osteuropa absieht.

Das Ergebnis ist eine Einführung, aus der man zahlreiche Informationen über das Phänomen Krieg im Mittelalter entnehmen kann, die aber gelegentlich eher einen Flickenteppich von Einzelbeobachtungen bietet, als Entwicklungslinien kontinuierlich nachzuzeichnen. Am klarsten gelingt das noch bei den technischen Aspekten von Kriegführung (wie der Bedeutung unterschiedlicher Waffengattungen), denn hier weiß Clauss deutlich zu machen, dass die Frühe Neuzeit nicht unbedingt einen revolutionären Umbruch brachte, sondern an zahlreiche schon innerhalb des Mittelalters begonnene Veränderungen anknüpfte.

Seine größte Stärke hat das Buch in der Betrachtung des ideellen Zugangs der Zeitgenossen zum Krieg und der ethischen Fragen, die sich daraus ergaben. Insbesondere das Spannungsverhältnis zwischen der gewaltfeindlichen Ausrichtung des Christentums und den Umdeutungen, die nötig waren, um dennoch Kämpfe unter christlichen Vorzeichen bis hin zu Glaubenskriegen wie den Kreuzzügen zu rechtfertigen, wird differenziert herausgearbeitet. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass Clauss nie die Situation der Zivilbevölkerung aus dem Blick verliert (auch wenn – wie er ebenfalls aufzeigt – je nach Situation die Grenzen zu den Kämpfenden fließend sein konnten). So erfährt man auch, dass es von Personenkreisen, denen Kriege materielle Vorteile und zentrale Komponenten für ihr Selbstbild lieferten (ob nun Ritteradel oder Söldner), bis hin zu entschiedenen Kriegskritikern schon im Mittelalter Menschen mit ganz unterschiedlicher Haltung zu militärischer Gewalt gab.

Trotz aller geographischen und thematischen Sprunghaftigkeit kann man die Militärgeschichte des Mittelalters daher durchaus mit Gewinn lesen und dabei auch verblüffende Quellendetails entdecken (wie etwa die Tatsache, dass ein gewiefter Kämpfer am Geruch eines Pferdeapfels erkennt, dass mit Gerste gefütterte Streitrösser und nicht etwa harmlose, auf der Weide gehaltene Tiere in der Nähe sind). Es schadet aber eindeutig nichts, schon ein paar Grundkenntnisse über die Epoche mitzubringen, um das Geschilderte in einen umfassenderen Kontext einordnen zu können.

Leider hat das Lektorat hier und da Tipp- und Flüchtigkeitsfehler übersehen, die im Einzelfall irreführend wirken (z.B. ist die Angabe, der als Geschichtsschreiber der ottonischen Zeit bekannte Widukind von Corvey sei „nach 793“ gestorben – S. 35 – sachlich nicht völlig falsch, aber bei einer Person, die erst im 10. Jahrhundert überhaupt geboren ist, naturgemäß wenig aussagekräftig).

Martin Clauss: Militärgeschichte des Mittelalters. München, C.H. Beck, 2020, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-406-75752-5


Genre: Geschichte

Die Vandalen

Vandalen sind heute noch in aller Munde – allerdings eher selten auf die germanische Gruppierung bezogen, die diese Bezeichnung an der Schwelle von der Spätantike zum Frühmittelalter führte. Vielmehr ist die übertragene Bedeutung geläufig, die in Vandalen ausschließlich die Verursacher blindwütiger Zerstörung sieht – aber haben die historischen Namensträger diese Zuschreibung eigentlich verdient?

Konrad Vössing zeichnet in Die Vandalen ein differenziertes Bild der völkerwanderungszeitlichen Gens, deren Geschichte sich nur für etwa hundertdreißig Jahre von einem ersten massiven Angriff auf das römische Reich (Rheinübergang von 406) bis hin zur vollständigen Auflösung nach dem Ende des Vandalenreichs in Nordafrika (534) einigermaßen sicher nachverfolgen lässt. Die Frühzeit der Vandalen liegt eher im Dunkeln, wobei Vössing sie weder als Stamm noch als kriegerisches Zweckbündnis sieht, sondern sie unter Verwendung des von Reinhard Wenskus geprägten Begriffs des „Traditionskerns“ als Gemeinschaft zeichnet, deren Zusammengehörigkeitsgefühl zunächst auf historischen Narrativen, später aber auch auf der im Kontrast zum Katholizismus der Römer stehenden arianischen Ausprägung des Christentums fußte.

Gerade in dieser bewussten Abgrenzung der Vandalen von der sie umgebenden römischen Kultur sieht Vössing dabei neben politischen Fehlern eine der entscheidenden Ursachen für den raschen und vollständigen Untergang des Reichs, das sie unter ihrem ebenso langlebigen wie tatkräftigen und skrupellosen König Geiserich in Nordafrika erobert hatten, nach nur wenigen Generationen. Den Vandalen fehlte der Rückhalt in der übrigen Bevölkerung, weil sie eine Integration in die bestehende Gesellschaft – anders als etwa die Franken in Gallien oder später die Westgoten in Hispanien – weder erreichten noch überhaupt anstrebten, sondern sich zeitweise sogar durch eine Verfolgung der Katholiken oder die Missachtung ehemaliger Verbündeter unbeliebt machten. Versuche des Königs Hilderich, relativ spät in der Geschichte des Vandalenreichs doch noch eine Annäherung zwischen Vandalen und Römern durchzusetzen, stießen in der vandalischen Elite auf Ablehnung und führten letzten Endes zur Absetzung des Herrschers. Sein glücklos agierender Nachfolger Gelimer sah sich den oströmischen Truppen, die nach mehreren vergeblichen Anläufen Jahrzehnte zuvor nun endgültig die Rückeroberung der an die Vandalen verlorenen Gebiete in Angriff nahmen, nicht gewachsen.

An Vössings Interpretation der vandalischen Geschichte fällt positiv auf, dass er nicht allein die Beziehungen der Vandalen zum römischen Reich in den Mittelpunkt stellt, sondern auch Konflikte und Bündnisse der barbarischen Gentes untereinander verstärkt ins Bewusstsein ruft. Mehrfach eröffnet er dabei anregende neue Perspektiven, so etwa, wenn er anmahnt, Amalafrida, die Schwester des Ostgotenkönigs Theoderich, die den Vandalenkönig Thrasamund heiratete, als politische Akteurin ernstzunehmen und nicht als reinen Spielball der Interessen anderer zu sehen.

Dabei schreibt Vössing gut lesbar und auch für ein allgemeines Publikum eingängig und problemlos verständlich. Wenn er in seinem Schlusskapitel noch einmal den Bogen zurück zum Vandalismusbegriff schlägt, dessen Entstehung im späten 18. Jahrhundert analysiert und zu dem Fazit kommt, dass die Verbindung mit gedankenloser Verwüstung den historischen Vandalen nicht gerecht wird, ihren Namen aber immerhin im Gedächtnis hält und dadurch zur Beschäftigung mit ihnen anregt, kann man ihm nur zustimmen. Denn wie sein Buch zeigt, lohnt es sich durchaus, sich die Vandalen einmal näher anzusehen.

Konrad Vössing: Die Vandalen. München, C.H. Beck, 2018, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-406-71881-6

 


Genre: Geschichte

Etruscan Art

Unter den Kulturen der Antike ist die der Etrusker vermutlich diejenige, die am stärksten ausschließlich oder doch vorwiegend mit ihrer Kunst assoziiert wird. Da die etruskische Literatur verloren ist, beschränken sich die Textquellen abgesehen von einigen Inschriften auf oft von Vorurteilen gefärbte Erwähnungen bei griechischen und römischen Autoren. Unmittelbarer scheint die Lebens- und Gedankenwelt der Etrusker in erhaltenen Statuen, verzierten Gebrauchsgegenständen und insbesondere in den prächtigen Grabmalereien greifbar zu werden. Eine der zugänglichsten und lesenswertesten Einführungen in die etruskische Kunst ist nach wie vor Nigel Spiveys Etruscan Art, eine an ein allgemeines Publikum gerichtete, reich bebilderte Darstellung, die auch durch einen übersichtlichen Anhang, der die zeitliche Gliederung der etruskischen Geschichte aufschlüsselt und eine kleine kommentierte Bibliographie bietet, den Einstieg in das Thema sehr erleichtert.

Gleich in der Einleitung bemüht Spivey sich, die Mär von den besonders geheimnisvollen oder rätselhaften Etruskern zu entkräften, indem er deutlich macht, dass der erwähnte Schriftquellenmangel einerseits und die besonders gute Erhaltung der in einen sepulkralen Kontext einzuordnenden Kunst andererseits das Bild verzerren und gerade in der älteren Forschung Spekulationen aller Art Tür und Tor geöffnet haben. Um ein Gegengewicht zu einer mystifizierenden Etruskerdeutung zu schaffen, versucht er, die Kunst in gesichertes Wissen über ihren historischen und sozialen Kontext einzubetten.

Ein erstes Kapitel skizziert die allmähliche Herausbildung des Etruskischen in der eisenzeitlichen Villanova-Kultur (ab etwa 1000 v. Chr.), die aus bronzezeitlichen Wurzeln hervorging. Diese einheimischen Vorgänger waren jedoch nicht das Einzige, was die etruskische Kunst ausmachen sollte. Im zweiten Kapitel, Etruria and the Orient, werden die lange dominierenden orientalischen (vielfach phönizischen) Einflüsse geschildert, die sich insbesondere auch in den oft unendlich feinen etruskischen Goldschmiedearbeiten aufspüren lassen. Das dritte Kapitel, Etruria Hellenized, hebt die Kontakte zu Griechenland hervor, die ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. nicht nur den Stil, sondern auch die Inhalte der etruskischen Kunst entscheidend mitbestimmten: Neben Gestalten aus der griechischen Sagenwelt, die offenbar auch die Etrusker sehr faszinierte, tauchen lokal umgeformte griechische Bräuche wie das festliche Trinkgelage (Symposion) immer wieder auf.

Ort des Kunstschaffens und des Kunstgenusses waren die Städte als Sitz der Eliten, die als Auftraggeber einheimischer wie umherreisender, wohl oft griechischer Künstler anzusprechen sind. Mit The Etruscan Cities as Centres of Art ist den etruskischen Städten daher auch folgerichtig das umfangreichste Kapitel des gesamten Buchs gewidmet. Besonders anhand der etruskischen Sarkophage spürt Spivey hier der Frage nach, inwieweit die Lebenswirklichkeit und ihre künstlerische Wiedergabe auch auseinanderklaffen konnten (z.B. bei der Grabstatue einer nach Ausweis ihrer erhaltenen Gebeine schon alten Frau, die gleichwohl in jugendlicher Frische und mit bräutlichem Gestus dargestellt wurde, während andere Bildnisse gerade in der etruskischen Spätzeit durchaus mehr Mut zur Hässlichkeit erkennen ließen). Prägend wurde die etruskische Kultur zunächst für das frühe Rom, doch wie schon der Titel des fünften Kapitels – From Etruscan Rome to Roman Etruria – andeutet, blieb es nicht dabei. Die Etrusker gingen in der römischen Welt nach der Eroberung Etruriens ebenso auf wie unter – während Familien mit latinisierten Namen und bestimmte religiöse Bräuche (z.B. bei der Opferschau) noch lange weiterexistierten, verschwanden etruskische Sprache und Schrift.

Das sechste Kapitel kann darum nur noch The Etruscan Legacy, also das Erbe der Etrusker, in den Blick nehmen und schildert die Wiederentdeckung ihrer Kunst ab der Renaissance, aber verstärkt im 18. und 19. Jahrhundert, ebenso wie einige der haltlosen Theorien und Phantasievorstellungen, die sich in der Neuzeit mit den Etruskern verknüpften. Dass in der Moderne auch eine von finanziellen Interessen gelenkte Ausbeutung der etruskischen Kunst einsetzte – ob nun eher harmlos in Form von Olivenölwerbung oder, bitter für die Wissenschaft, durch die Aktivitäten von Raubgräbern -, lässt das Buch mit einer nachdenklichen Note ausklingen.

Wenn etwas an Etruscan Art zu kritisieren ist, so eigentlich nur, dass die Abbildungsqualität besser sein könnte. Gerade bei den ja stark durch ihre Farbenpracht wirkenden Wandgemälden aus den etruskischen Gräbern ist es bedauerlich, dass viele Abbildungen nur in Schwarz-Weiß vorhanden sind, aber auch bei den Farbfotos hat man nicht den Eindruck, dass sie in jedem Fall so klar und exakt abgedruckt sind, wie man es sich wünschen würde. Das schmälert den Wert des Texts aber nicht, und der sei wirklich allen ans Herz gelegt, die sich für etruskische Kunst interessieren.

Nigel Spivey: Etruscan Art. London, Thames & Hudson, 2006 (Nachdruck der Ausgabe von 1997), 216 Seiten.
ISBN: 978-0-500-20304-0


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Die Geburt der mediterranen Welt

Ist es statthaft, eine Rezension mit einem Hinweis auf einen eigentlich völlig nebensächlichen Tippfehler zu beginnen? Vermutlich nicht, aber dieser hier ist fast schon genial, zeigt er doch so herrlich auf, worum es in Cyprian Broodbanks monumentalem Werk Die Geburt der mediterranen Welt geht. Denn wenn auf einmal vom „Mittelmehr“ (S. 215) die Rede ist, fasst das unabsichtlich sehr schön zusammen, dass das Mittelmeer für die Menschen in seiner Umgebung nie nur ein Gewässer war, sondern ebenso oft trennendes wie – nach dem Aufkommen der Seefahrt – verbindendes Element, Nahrungsquelle, Handelsweg und nicht zuletzt Mittelpunkt eines Kulturraums, dessen Entwicklung von den Anfängen bis zum Beginn der klassischen Antike nachgezeichnet wird.

In der Tradition Fernand Braudels richtet Broodbank dabei den Blick auf die longue durée, und der Begriff ist in diesem Fall sehr ernst zu nehmen: Bevor überhaupt die ersten Vorfahren der Menschheit die Bühne betreten, hat man schon einiges über Erd- und Naturgeschichte des Mittelmeerraums erfahren. Dann aber folgt ein detailfreudiges Panorama, in dem von Neandertalern über Ägypter, Minoer, Phönizier und Griechen bis hin zu den ersten Römern so gut wie alle ihren Auftritt haben, die in den behandelten Epochen an den Küsten des Mittelmeers lebten. Man liest von Herausbildung und Zerfall unterschiedlichster Gemeinschaften, von schon früh erstaunlich weitgespannten Handelsnetzen, aber auch von naturräumlich bedingter oder selbstgewählter Isolation einzelner Kulturen. Neben der Geschichte der Menschen spielt aber auch die der Tiere eine Rolle, ob nun die im Laufe der Zeit ausgerotteter Inselarten oder aber die einer so erfolgreichen Spezies wie der Hausmaus, die sich als Kulturfolgerin erst nach und nach bis in den Westen des Mittelmeerraums verbreitete. Ohnehin wird eines hier sehr deutlich: Bis rings um das Mittelmeer vergleichbare Bedingungen entstanden, die man unter dem Oberbegriff einer mediterranen Lebenswelt fassen kann, dauerte es tatsächlich bis in die Antike.

Broodbank neigt zu einprägsamen sprachlichen Bildern und Wortspielen, gerade auch in den Kapiteltiteln (besonders hübsch: „Von Mäusen und Melkart“, nicht von Steinbeck, S. 620). Die Leistung der Übersetzer Klaus Binder und Bernd Leineweber kann darum gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, auch wenn selbst sie an manchen Stellen nicht um erklärende Fußnoten herumkommen, weil die Art des Autors, sich auszudrücken und sein breitgefächertes Wissen zu vermitteln, in jeder Hinsicht sehr englisch ist und sich nicht ohne Abstriche ins Deutsche übertragen lässt. Für eine anregende Lektüre sorgt dieser Stil allemal.

Zusätzliche Anschaulichkeit gewinnt das Buch durch sein üppige Bebilderung: Auch abgesehen von den beiden prächtigen Tafelteilen finden sich zahllose Fotos, Landkarten und Grundrisse. Hier und da ist bei den Bildlegenden aber etwas schiefgegangen: So sucht man z.B. den auf S. 351 versprochenen Gebäudegrundriss vergebens, und der Kartenmaßstab auf S. 624 scheint falsch zu sein (denn etwas weiter als bloße zehn Meter dürfte Veji schon von Rom entfernt gelegen haben). Vermutlich lassen sich aber solch kleine Ausrutscher bei einem Buch dieses Umfangs schlicht nicht vermeiden.

Als Archäologe orientiert sich Broodbank bei seinen oft lebendigen Schilderungen primär an Funden. Ereignishistorische Schlaglichter werden auch in den Epochen, aus denen Schriftquellen vorliegen, nur sparsam gesetzt, so dass ein gewisses Maß an entsprechendem Vorwissen beim Verständnis teilweise durchaus hilfreich ist. Besonderen Wert legt Broodbank darauf, herauszustellen, dass die zunehmende Differenzierung und Hierarchisierung der sozialen Verhältnisse schon ab der Jungsteinzeit, spätestens aber ab der Bronzezeit, auch zu Ungerechtigkeiten, Ausbeutung und Missständen führte.

Diese Akzentuierung sorgt einerseits für eine durchaus erhellende Erweiterung des gewohnten Blickwinkels, führt andererseits aber an manchen Stellen auch zu fragwürdigen Interpretationen. Besonders deutlich wird das in Broodbanks Deutung des Untergangs der bronzezeitlichen Palastkulturen, zu dem Angriffe der sogenannten Seevölker zumindest erheblich beitrugen, ohne vielleicht die einzige Ursache gewesen zu sein. Broodbank will die Seevölker nicht als fremdländische Invasoren verstanden wissen, sondern zeichnet sie als eine Art Mischung aus Migranten und Piraten mit sozialrevolutionärer Tendenz, die dankenswerterweise (wenn auch leider unter Gewaltanwendung) einem freieren Handel und moderneren Gesellschaftsmodellen den Weg geebnet hätten. Dass erhebliche Kollateralschäden (von menschlichem Leid bis zum Untergang einer ganzen Schriftkultur mit dem Ende der mykenischen Zivilisation) für Broodbank offenbar zu verschmerzen sind, wenn sie einer seinem Empfinden nach guten Sache dienen, während er den Eliten weniger egalitärer Gemeinschaften gern pauschal Gier und Willkür unterstellt, hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Zuallermindest werden hier soziale und politische Werturteile der Moderne in eine ferne Vergangenheit zurückprojiziert, schlimmstenfalls aber sogar Brutalität und Zwang nur dort klar verurteilt, wo sie von denen ausgehen, die in Broodbanks Weltbild die Rolle der Schurken spielen, während sie bei anderen Interessengruppen als Mittel zum Zweck zwar bedauerlich, aber legitim zu sein scheinen.

Ein Lesen mit kritischem Blick empfiehlt sich also bei der Geburt der mediterranen Welt, aber die Tatsache, dass man nicht all seine Einschätzungen unterschreiben mag, schmälert nicht Broodbanks Verdienst, eine schier unglaubliche Materialfülle zusammengetragen und zu einer kohärenten kulturhistorischen Erzählung verwoben zu haben. Daher lässt sich seine (Vor-)Geschichte des Mittelmeerraums auch dann mit Gewinn lesen, wenn man gegenüber seiner Sichtweise an manchen Stellen skeptisch bleibt.

Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt. München, C.H. Beck, 2018 (Original: 2013), 952 Seiten.
ISBN: 978-3406713699


Genre: Geschichte

Die Architekten des Imperiums

Mit dem römischen Heer der Antike assoziiert man gemeinhin zuallererst brutale Eroberungsfeldzüge, vielleicht auch noch seine Rolle als Kaisermacher oder die Sicherung der Grenzen und damit auch der Pax Romana im Innern des Reichs. Eine entscheidende Rolle spielten die Soldaten jedoch auch beim Aufbau der sowohl militärisch als auch zivil genutzten Infrastruktur des Imperiums. Es ist diese Perspektive, unter der Jean-Claude Golvin und Gérard Coulon die römische Armee in ihrem ansprechenden Bildband Die Architekten des Imperiums betrachten, wobei dem Buch der französische Originaltitel – Le génie civil de l’armée romaine – womöglich besser gerecht wird als der deutsche.

Die Einleitung befasst sich mit der Frage, aus welchen Gründen das Heer überhaupt bei Bauprojekten eingesetzt wurde. Neben dem Rückgriff auf das Expertenwissen von Architekten, Ingenieuren und Landvermessern im Militärdienst spielte dabei häufig auch die Zielsetzung eine Rolle, Soldaten in Friedenszeiten beschäftigt zu halten – nicht immer zu ihrer Freude. In den folgenden Kapiteln erfährt man etwas über die Arten von Bauwerken, an denen die römischen Soldaten besonders häufig mitwirkten: Kanäle, Aquädukte, Straßen und Brücken. Ein eigenes Kapitel ist dem Bauprojekt Trajans an der Donau gewidmet, das Straßen-, Brücken- und Kanalbau vereinte, bevor es abschließend um den Einsatz des Heeres in Bergwerken und Steinbrüchen geht, in denen die Soldaten nicht nur die unter oft unmenschlichen Bedingungen schuftenden Sklaven und Sträflinge bewachten, sondern bisweilen auch selbst mit anpacken mussten. Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit der Gründung von Städten und Kolonien. Was sich in diese Kategorien nicht einordnen lässt (so z.B. der Bau eines Leuchtturms), findet sich im ausführlichen Nachwort.

Obwohl die Schattenseiten der römischen Zivilisation (wie etwa die unbarmherzigen Kriegszüge oder der wenig humane Umgang mit Gefangenen aller Art) nicht ausgespart werden, überwiegt in der Gesamtschau merklich die Begeisterung von Autor und Illustrator für die eindrucksvollen Leistungen der antiken Technik und Baukunst. Deren Faszination wird nicht nur in Coulons Beschreibungen und Golvins ebenso präzisen wie atmosphärischen Rekonstruktionszeichnungen deutlich, sondern ist auch aus Fotos von erhaltenen römischen Gebäuden bzw. Ruinen zu erahnen. Besonders anschaulich ist dabei, dass manche der Rekonstruktionsdarstellungen gestaffelt mehrere Arbeitsphasen in einem Bild zeigen, so dass man die einzelnen Entstehungsschritte eines Bauwerks gut nachvollziehen kann. Wer allerdings schon Jean-Claude Golvins Metropolen der Antike gelesen hat, wird mehrfach auch bereits bekannte Abbildungen wiederfinden (z.B. die Stadtansichten von Korinth oder Timgad). Da beide Bücher unterschiedliche Schwerpunkte setzen, stört das aber nicht weiter.

Während aus vielen erwähnten Einzelheiten – so etwa aus der Tatsache, dass Baumeister nur selten individuell fassbar sind – die Fremdheit der Antike spricht, drängen sich an anderen Stellen Parallelen zur Moderne auf. Wenn etwa quellennah geschildert wird, wie Nero beim Bau eines (durch das jähe Ende seiner Herrschaft unvollendet gebliebenen) Kanals durch den Isthmus von Korinth publikumswirksam den ersten Spatenstich führt, fühlt man sich durchaus an die Selbstinszenierung heutiger Politiker erinnert. Und wenn doch einmal am Bau beteiligte Einzelpersonen zu Wort kommen, zeigt sich, dass auch Eigenlob keine rein neuzeitliche Unsitte ist: Dem Veteranen Nonius Datus, der in einer Inschrift seine Leistungen als Ingenieur beim Bau eines Tunnels für einen Aquädukt herausstreicht, war Bescheidenheit jedenfalls ziemlich fremd.

Insgesamt bieten Die Architekten des Imperiums also alles für einen spannenden und lehrreichen Ausflug in die Römerzeit und dürften nicht nur eingefleischten Fans der Antike Spaß machen.

Gérard Coulon, Jean-Claude Golvin: Die Architekten des Imperiums. Wie das Heer ein Weltreich erbaute. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2020 (Original: 2018), 176 Seiten.
ISBN: 978-3-8053-5220-8


Genre: Geschichte

Der Limes. Auf den Spuren der Römer

Der Limes gehört bis heute zu den auffälligsten und bekanntesten Spuren römischer Präsenz in Deutschland. Während viele Bücher zum Thema entweder nur das Gesamtphänomen der Grenze in den Blick nehmen oder aber ausführlich einzelnen Fundplätzen gewidmet sind, schlagen Marcus Reuter und Andreas Thiel mit Der Limes. Auf den Spuren der Römer einen reizvollen Mittelweg ein. Das für ein breites Publikum gedachte und auch dank seiner üppigen Bebilderung mit Karten, Rekonstruktionsdarstellungen und Fotos sehr anschauliche Buch zeichnet nicht nur überblicksartig die historische Entwicklung des Limes nach, sondern nimmt auch detailliert dessen geographischen Verlauf, die an ihm gemachten archäologischen Entdeckungen und die Forschungsgeschichte in den Blick.

Die ereignishistorisch ausgerichteten Kapitel rahmen den Rest des Buchs dabei gleichsam wie eine Klammer. In Der lange Weg zum Limes wird, begonnen mit den ersten römischen Eroberungen germanisch besiedelter Gebiete und über zentrale Ereignisse wie die Varusschlacht, aber auch die Gründung der beiden germanischen Provinzen unter Domitian, die allmähliche Entwicklung des Limes bis in die Zeit von Marc Aurel und Commodus nachgezeichnet. Das abschließende Kapitel Das Ende des Limes schildert nicht nur den allmählichen Zerfall der römischen Herrschaft und der Befestigungsanlagen, sondern auch die neuzeitliche Forschungsgeschichte.

Die Erklärung für den Fall des Limes und den letztendlichen Untergang des römischen Reichs ist dabei etwas anders akzentuiert als in Die Römer in Deutschland, einem älteren Werk eines der beiden Autoren. Werden dort die innerrömischen Bürgerkriege und die erstmalige Herausbildung größerer germanischer Verbände betont, wird der Keim der fatalen Entwicklungen hier primär in Fehlern des severischen Kaiserhauses gesehen: Die Entscheidung des Septimius Severus, zur Absicherung seiner Macht primär auf das Militär zu setzen und es mit exzessiven Solderhöhungen an sich zu binden, bildete nicht nur den Auftakt zur unruhigen Epoche der Soldatenkaiser, sondern zerrüttete auch die Finanzen des Staats dauerhaft. Ein weiterer Faktor der Destabilisierung war möglicherweise der Germanenfeldzug seines Sohnes Caracalla, der durch seine militärischen Aktivitäten außerhalb der Reichsgrenzen das bisher bestehende Gleichgewicht zwischen romfreundlichen und -feindlichen Germanengruppen zerstört und so zu den krisenhaften Entwicklungen des 3. Jahrhunderts beigetragen haben könnte.

Zwischen den beiden chronologisch bestimmten Kapiteln stehen drei geographisch geordnete, in denen Der niedergermanische Limes, Der obergermanische Limes und Der raetische Limes unter Hervorhebung besonderer Fundplätze von der Rheinmündung bis nach Passau besprochen werden. Schnell wird dabei deutlich, dass es einen einheitlichen Limes so nicht gab, sondern, je nach Ort und Zeit verschieden, von der Schneise im Wald über Wälle oder Mauern bis hin zur Flussgrenze (ripa) alles Mögliche den Rand des römischen Reichs markieren konnte. Zusätzlich zum Fließtext liefern Informationskästen knappe, aber aufschlussreiche Details zu Sonderthemen (wie z.B. zu Zivilsiedlungen im Umfeld römischer Militärplätze, aber auch zu beeindruckenden Einzelfunden wie etwa römischen Paraderüstungen). Dabei erfährt man nicht nur viel über die Grenzregion in all ihrer Vielfalt, sondern auch über Organisation und Einsatzgebiete des römischen Militärs, Architektur, Religiosität und Kaisertum. Auch wer sich noch nicht näher mit der Antike befasst hat, wird keine Schwierigkeiten haben, den gut lesbaren Erläuterungen zu folgen.

Vor allem aber ist es das Verdienst des Bandes, den Limes als überregionales Grenzsicherungssystem ins Bewusstsein zu holen und dabei auch in deutschsprachigen Überblicksdarstellungen oft nur kursorisch behandelte Abschnitte (wie etwa die römische Grenze in den Niederlanden) genau vorzustellen. So ist ein spannender Ausflug in die Römerzeit garantiert – dank all der Tipps, an welchen Stellen noch Reste des Limes im Gelände oder museal aufbereitet zu entdecken sind, nicht nur literarisch, sondern gegebenenfalls auch ganz real.

Marcus Reuter, Andreas Thiel: Der Limes. Auf den Spuren der Römer. Darmstadt, Theiss (WBG), 2019 (unveränderter Nachdruck der 1. Aufl. 2015), 224 Seiten.
ISBN: 978-3-8062-3927-0


Genre: Geschichte

Metropolen der Antike

Der Architekt und Archäologe Jean-Claude Golvin ist für seine ebenso präzisen wie atmosphärischen Aquarelle bekannt, in denen er das Aussehen antiker Gebäude und Städte rekonstruiert. Eine Vielzahl von ihnen ist in dem ansprechenden Bildband Metropolen der Antike versammelt, wobei der Titel allerdings etwas zu kurz greift: Neben den dort erwähnten großen Städten wie Rom, Athen oder Trier sind auch Darstellungen kleinerer Orte (etwa eines befestigen gallischen Dorfs auf der Insel Martigues) oder einzelner Bauwerke (so z.B. des berühmten Mausoleums von Halikarnassos) enthalten.

Wie Golvin in seinem Vorwort selbst erläutert, entspricht eine Rekonstruktion, und mag sie auch noch so akribisch archäologische Ergebnisse und topographische Gegebenheiten berücksichtigen, natürlich nie hundertprozentig der einstigen Wirklichkeit, da man in den seltensten Fällen eine komplette Stadt ergraben kann. So basieren Teile der Bilder immer auch auf Rückschlüssen, die man aus dem zweifelsfrei Bekannten ziehen kann, und plausiblen Vermutungen. Dementsprechend beschränkt sich ihre Funktion nicht auf strikte Wissenschaftlichkeit. Vielmehr sind sie für Golvin auch eine Art Einladung zu einer Zeitreise und zum Träumen, um sich dem Altertum auch emotional und immersiv zu nähern. Dazu eignen sich die von Hand gezeichneten und aquarellierten Illustrationen in der Tat wesentlich besser als die inzwischen allgegenwärtigen digitalen Rekonstruktionen, die oft kälter und weniger ansprechend wirken.

Zeitlich reicht der Rahmen vom alten Orient bis in die Spätantike (wobei die Römerzeit mit besonders vielen Beispielen vertreten ist), geographisch steht mit wenigen Ausnahmen der Raum des römischen Reichs im Mittelpunkt. Insbesondere kommt auch das sonst oft eher etwas stiefmütterlich behandelte römische Nordafrika zu seinem Recht. Jedem vorgestellten Ort bzw. Einzelbauwerk ist ein eigenes kurzes Kapitel gewidmet, das knapp, aber informativ historische, naturräumliche und architektonische Fakten skizziert. Die Übersetzung von Geneviève Lüscher und Birgit Lamerz-Beckschäfer liest sich dabei so flüssig und überzeugend, dass man oft vergisst, dass man es nicht mit einem schon im Original auf Deutsch verfassten Text zu tun hat. Immer ist mindestens eine Abbildung beigefügt (bei Städten aus der Vogelperspektive, bei individuellen Gebäuden oft auch aus der Sicht eines davorstehenden Betrachters). In manchen Fällen gibt es neben einer nummerierten Illustration mit Bildlegende auch noch einmal eine beschriftungsfreie Wiedergabe derselben Stadtansicht nur zum Genießen (häufig auf einer Doppelseite). Die Bildlegenden sind informativ, aber an einigen Stellen hatte hier leider der Fehlerteufel die Hand im Spiel (so bricht bei Olympia die Legende zu Ziffer 19, S. 79, einfach mitten im Satz ab, und bei der Abbildung des tunesischen Thugga sind im Bild, S. 144, 14 Ziffern vorhanden, während die Legende, S. 145, mit Ziffer 13 endet).

Insgesamt aber weiß die Bildreise einmal rund um das Mittelmeer und in angrenzende Regionen vorbehaltlos zu begeistern. Dieses Buch nimmt man sicher auch nach der ersten Lektüre noch oft zur Hand, sei es, um Details nachzuschlagen, sei es, um einfach nur in den wunderschönen Bildern zu schwelgen. Für alle an der Antike Interessierten kann man also nur eine eindeutige Lese- und Betrachtungsempfehlung aussprechen. Dieser Bildband lohnt sich!

Jean-Claude Golvin: Metropolen der Antike. 2., erw. Aufl. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2019 (Original: 3., verb. und erw. Aufl. 2015), 240 Seiten.
ISBN: 978-3-8053-5184-3

 


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Fürsten im Fadenkreuz

Beim Gedanken an Kriege im Mittelalter sieht man spontan wohl vor allem Ritter und Bogenschützen oder Mauern und Belagerungsmaschinen vor seinem inneren Auge. Dass es jedoch auch in Hoch- und Spätmittelalter schon Geheimoperationen und Spezialkommandos gab, die mit dem offenen Kampf wenig zu tun hatten, zeigt der Historiker Yuval Noah Harari in seinem Buch Fürsten im Fadenkreuz: Mordanschläge, Entführungen, Bestechungen und Sabotageakte waren oft wirksame Mittel, um politische wie militärische Ziele durchzusetzen.

Den Einstieg bildet dabei der Überblicksabschnitt „Spezialkommandos, Strategie und Politik im Zeitalter der Ritter“, in dem Harari sich dem Thema analytisch nähert. Die Erkenntnis, dass auch im Mittelalter trotz aller Lippenbekenntnisse zur Ritterlichkeit List, Tücke, Grausamkeit und Skrupellosigkeit an der Tagesordnung waren, überrascht dabei nicht unbedingt. Interessanter ist die Beobachtung, dass sich Geheimoperationen anders als in späteren Epochen schon aus Gründen des technischen Aufwands weit seltener gegen die Infrastruktur als gegen Personen richteten. Dennoch bleibt dieser Abschnitt des Buchs der schwächste, weil Harari in seiner Argumentation unterschiedliche Phänomene vermischt, so dass einige der von ihm gewählten Beispiele eher diskussionswürdig als auf den ersten Blick einleuchtend wirken. So zählt Harari im Kontext von „Mord und Entführung als Mittel der Kriegsführung“ (S. 62) etwa auch den Tod Heinrichs IV. von Frankreich (1610) auf. Nun ist zwar über mögliche Strippenzieher dieses Attentats viel spekuliert worden, aber nach allem, was man weiß, war der Mörder, François Ravaillac, ein fanatischer Einzeltäter. Wenn somit schon jemand, den man heute eher als Terroristen einstufen würde, als „Spezialkommando“ zählt, ergibt sich daraus eine beträchtliche begriffliche Unschärfe.

Seine Stärken ausspielen kann Harari dagegen bei den anschließenden sechs Fallstudien, denen jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet ist. In fünfen geht es um Einzelaktionen (zwei Versuche, zwecks Eroberung heimlich in Städte einzudringen, eine Gefangenenbefreiung, einen politischen Mord und die Zerstörung einer logistisch wichtigen Mühle), in einem weiteren dagegen wird die Geschichte des spätmittelalterlichen Burgund skizziert, das der Autor insbesondere unter Karl dem Kühnen als wahren Schurkenstaat zeichnet, in dem die Entführung oder Ermordung fremder Staatsoberhäupter quasi zum Tagesgeschäft gehörte. Hier erweist sich Harari als begnadeter Erzähler, der historische Ereignisse romanhaft packend heraufbeschwört und dabei seinen Sinn für Humor unter Beweis stellt (wenn er z.B. mit Hingabe schildert, wie beim heimlichen Eindringen von Kreuzrittern ins belagerte Antiochia 1098 ausgerechnet zum schlechtesten Zeitpunkt die einzig verfügbare Leiter nachgibt). Weniger abwechslungsreich als die spannenden Schilderungen gestaltet sich allerdings die geographische Schwerpunktsetzung: Vielleicht den Forschungsinteressen des Autors geschuldet, bilden neben den hochmittelalterlichen Kreuzfahrerstaaten das spätmittelalterliche Frankreich und seine Peripherie den zweiten Schauplatz, während Fälle aus Nord-, Ost- oder Südeuropa fehlen.

Die Übersetzung von Andreas Wirthensohn ist insgesamt gelungen, doch man hätte ihr ein gründlicheres Lektorat gewünscht. Mehrfach finden sich kleinere sprachliche Merkwürdigkeiten (z.B. „Gebärmuttern“, S. 198, statt „Gebärmütter“ als Plural von „Gebärmutter“ oder „Hersteller von Kürassieren“, S. 105, wenn ein Harnischmacher gemeint ist). Daneben sind leider auch inhaltliche Flüchtigkeitsfehler stehen geblieben. So wird etwa im Stammbaum des Hauses Valois auf S. 201 Eduard II. von England fälschlich als Sohn und nicht etwa als Schwiegersohn Philipps IV. von Frankreich geführt und im Fließtext einmal versehentlich Johann Ohnefurcht als Vater statt als Großvater Karls des Kühnen bezeichnet (S. 227, zuvor im Buch jedoch richtig). Auffällig ist auch die Uneinheitlichkeit der Ortsnamenübersetzung: Bei „Tongres“ (Tongern) und „Morat“ (Murten) bleibt die französischen Namensformen unübersetzt, aber es ist von „Lüttich“ statt von „Liège“ die Rede.

Dementsprechend schwer fällt ein Gesamturteil über den Band. Einerseits bietet er anregende und unbestreitbar unterhaltsame Lektüre über ein sonst oft allenfalls am Rande beleuchtetes Themenfeld der mittelalterlichen Geschichte, andererseits empfiehlt es sich, ihn durchaus mit kritischem Blick zu lesen.

Yuval Noah Harari: Fürsten im Fadenkreuz. Geheimoperationen im Zeitalter der Ritter 1100-1550. München, C.H. Beck, 2020 (Originalausgabe: 2007), 348 Seiten.
ISBN: 978-3406750373


Genre: Geschichte