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Scandinavia in the Age of Vikings

Beim Stichwort „Wikinger“ denkt man gemeinhin an brutale Überfälle, wilde Kämpfe und abenteuerliche Seefahrten, vermutlich auch an einen weitgespannten geographischen Rahmen von Nordamerika bis Osteuropa und Byzanz. Eine gänzlich andere Perspektive wählt Jón Viðar Sigurðsson in Scandinavia in the Age of Vikings. Ihn interessieren vor allem die Genese der – wenn auch nach zahlreichen Wechselfällen der Geschichte in veränderter Form – bis heute bestehenden Königreiche Dänemark, Norwegen und Schweden sowie die soziale und politische Organisation der Gesellschaft im Skandinavien der Wikingerzeit. Ganz konsequent wird diese selbstauferlegte örtliche Beschränkung allerdings nicht aufrechterhalten; gelegentlich müssen mangels direkter Quellen für Skandinavien die ja auch kulturell von Skandinaviern geprägten isländischen Verhältnisse als Vergleichsobjekt herhalten.

Ausgehend von der Beobachtung, dass Skandinavien im Innern trotz aller Gewalttaten, die von dort aufgebrochene Plünderer in anderen Teilen Europas verübten, in der Wikingerzeit nicht von mehr Kriegen erschüttert wurde als der Rest der Welt und oft auch Frieden erlebte, wirft er die Frage nach Strategien des Miteinanders, der Konfliktvermeidung und der Streitschlichtung auf.

Zentral ist für ihn dabei der Begriff der Freundschaft, nicht im Sinne persönlicher Sympathie (die es sicher auch gegeben haben wird), sondern als politisches Konzept, das eine Fülle von Bindungen beschrieb, die von gegenseitiger Unterstützung und Wohlwollen gekennzeichnet waren, vom strategischen Bündnis zwischen Gleichrangigen bis hin zum Verhältnis eines Anführers (ob nun mächtiger König oder nur lokal bedeutender Häuptling) zu seinen Gefolgsleuten und Anhängern. Sogar die vorchristliche Religiosität der Wikingerzeit versucht der Autor nach diesem Prinzip zu deuten, wobei dem kultischen Handeln der Herrschenden eine besondere Bedeutung dafür, den Menschen die Freundschaft der Götter zu erwerben, zukam – mit ein Grund dafür vielleicht, dass die Christianisierung in den skandinavischen Ländern größtenteils von oben erfolgte. Das Kapitel zum Thema Religion ist allerdings auch das, in dem man immer wieder versucht ist, einige Annahmen mit Fragezeichen zu versehen (etwa, wenn recht pauschal eine Zuordnung der Verehrung der Götter Odin und Freyr zu den Königen und der Verehrung des Gottes Thor zu den Häuptlingen vorgenommen wird, obwohl in den Sagas – bei allen Vorbehalten, die man bezüglich ihres Quellenwerts für die Wikingerzeit haben mag und muss – zumindest für Island auch immer wieder eine ausgeprägte Verehrung Freyrs durch Figuren aufscheint, die eher als Häuptlinge oder wohlhabende Bauern gezeichnet sind, so z. B. in der Hrafnkels saga oder Víga-Glúms saga).

Wichtig für die sozialen Verhältnisse ist natürlich auch die Männern und Frauen jeweils zugewiesene Stellung. Diesbezüglich ergibt sich das Bild einer Gesellschaft, die zwar prinzipiell männer- und kriegerdominiert war, aber Geschlechterrollen schon aus der Not heraus im Einzelfall weitaus flexibler handhabte als das anschließende Hochmittelalter. Vor diesem Hintergrund plädiert der Autor beispielsweise auch dafür, die Grabherrin des Osebergschiffs nicht, wie in der Forschung oft geschehen, als Königsgemahlin, sondern als Häuptling anzusprechen – eine Stellung, in die sie als Witwe oder Tochter eines Vorgängers gelangt sein könnte.

Wie dieses Beispiel zeigt, rückt die Schwerpunktsetzung des Buchs die quellenmäßig besser fassbaren sozialen Eliten stark in den Fokus. Zwar tauchen beim Blick auf die Gesellschaftsgliederung allgemein und sonst immer wieder en passant auch die unteren Schichten der Bevölkerung wie einfache Bauern oder Sklaven auf, und es werden durchaus Überlegungen dazu angestellt, wie es denjenigen Wikingern ergangen sein mag, die von einem Raubzug nicht als erfolgreiche Plünderer, sondern verwundet und vielleicht gar mit lebenslangen Behinderungen zurückkehrten, aber das Hauptaugenmerk gilt den Einfluss- und damit auch Freundesreichen. Wer sich vor allem wünscht, mehr über die Durchschnittsskandinavier der Wikingerzeit und ihre alltägliche Lebenswelt zu erfahren, ist hier also nicht an der richtigen Stelle, anders als alle an politischen Mechanismen Interessierten.

Rätselhaft ist die Auswahl des Bildmaterials. Etwas irritierend ist zunächst, dass in den zur Orientierung prinzipiell durchaus ganz nützlichen Karten teilweise historische und moderne Ortsnamen bunt gemischt auftreten (so hat die dem Text vorangestellte Karte 1 unter dem Titel Scandinavia in the Viking Age neben zeittypischen Bezeichnungen für Regionen wie etwa Svealand (in etwa das heutige Mittelschweden) und Bjarmaland (im heutigen Nordwestrussland) auch Schleswig-Holstein zu bieten, das im Frühmittelalter garantiert noch nicht unter dieser Bezeichnung geläufig war). Für ein Sachbuch zu einem historischen Thema eher speziell wirkt auch die Entscheidung, abgesehen von den Karten als Abbildungen ausschließlich ausgewählte Illustrationen aus der 1899 erschienenen norwegischen Saga-Ausgabe Snorre Sturlason Kongesagaer zu verwenden – Bilder also, die den Blick von Künstlern des 19. Jahrhunderts auf die Texte eines Autors des Hochmittelalters über die behandelte Epoche und damit eine mehrfach gefilterte Wikingerzeit zeigen. Ob das als dezenter Hinweis darauf zu deuten ist, dass wir die historische Wahrheit immer nur bedingt und in Auseinandersetzung mit der Sicht vorangegangener Generationen darauf zu rekonstruieren vermögen, oder ob schlicht der unbestreitbare ästhetische Reiz der Darstellungen den Ausschlag gegeben hat, ist nicht zu entscheiden.

Lesenswert ist Jón Viðar Sigurðssons Annäherung an das wikingerzeitliche Skandinavien aber auf alle Fälle, gerade auch, weil sie andere Facetten beleuchtet als die gängigen populären Darstellungen.

Jón Viðar Sigurðsson: Scandinavia in the Age of Vikings. Ithaca / London, Cornell University Press, 2021, 212 Seiten.
ISBN: 978-1-5017-6047-1

 


Genre: Geschichte

Arm in Rom

Häufig assoziiert man mit dem alten Rom vor allem die erhaltenen Reste prunkvoller Architektur, einzelne Kunstwerke, die die Zeit überdauert haben, oder die in Historiographie und Selbstzeugnissen relativ gut dokumentierte Oberschicht, vielleicht auch noch deren Sklaven. Doch in der frühen Millionenmetropole lebte ein Großteil der freien Menschen in prekären Verhältnissen oder gar in bitterster Armut. Diese „kleinen Leute in der größten Stadt der Antike“ in den Mittelpunkt zu rücken und sie vor allen Dingen von dem Stigma zu befreien, eine mit der sprichwörtlichen Kombination aus Brot und Spielen ruhiggestellte, untätige Masse gewesen zu sein, ist das erklärte Ziel von Karl-Wilhelm Weeber in seinem neuen Buch Arm in Rom. Zu analysieren, in welchem Kontext der Satiriker Juvenal die sprichwörtlich gewordene Wendung panem et circenses überhaupt gebraucht, ist daher einer seiner Ansatzpunkte, bevor in thematisch geordneten, jeweils mit einem passendem lateinischen Begriff überschriebenen Kapiteln einzelnen Aspekten des Daseins der Armen in Rom nachgespürt wird.

Sonderlich rosige Lebensumstände gab es dabei für die meisten nicht, und selbst die bekannte, oft als universelle Sozialleistung missverstandene Getreideverteilung erfolgte nicht nach Bedürftigkeit, sondern nach auf eine relativ geringe Anzahl von Empfängern beschränkten Berechtigungslisten, in die überhaupt nur männliche römische Bürger im Jugend- und Erwachsenenalter aufgenommen werden konnten, ohne dass sich der Anspruch auf Hinterbliebene vererben ließ. Auch private Wohltätigkeit war oft mit der Hoffnung auf Gegengefallen verknüpft und daher gar nicht auf die Allerärmsten ausgerichtet, von denen vielen nur noch das Betteln oder die oft unter menschenunwürdigen Bedingungen ausgeübte Prostitution blieb, um sich irgendwie durchzubringen.

Selbst wer nicht ganz so weit abrutschte, wohnte in den insulae oft in unschönen Verhältnissen, hatte nur ein eingeschränktes Angebot an Nahrungsmitteln zur Auswahl, trug nicht die beste Kleidung und konnte nicht einmal auf ein sonderlich pietätvolles Begräbnis hoffen. Umso bitterer wirkt die Verachtung, die von der Elite, die von den Erträgen ihres Landbesitzes leben konnte, vielfach denjenigen entgegengebracht wurde, die gezwungen waren, durch eigene, oft körperlich schwere Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Selbstzeugnisse aus der Unterschicht zu finden und zu erfahren, wie ärmere Römer sich und andere sahen, ist dagegen schwierig bis unmöglich (am ehesten glückt es vielleicht noch bei allerdings schon der Mittelschicht zuzurechnenden Handwerkern, die selbstbewusst ihre Berufe auf ihren Grabsteinen präsentierten).

Ein Leben ohne schöne Seiten und Einflussmöglichkeiten also? Nicht ganz – denn dass es ein gewisses Maß an Freizeitvergnügen (nicht nur in Form der oft zitierten Spiele) gab, wird ebenso deutlich wie die Tatsache, dass bestimmte Formen politischen Protests bis zu einem gewissen Grade geduldet waren und im Einzelfall durchaus die Entscheidungsträger beeinflussen konnten. Doch selbst abgesehen davon hatten Arme in Rom in einigen Punkten mehr Glück als ihre genauso mittellosen Zeitgenossen anderswo: Hungersnöte waren für antike Verhältnisse in der Stadt Rom selten, und die für alle kostenlose Wasserversorgung war hervorragend. Trotz dieser kleinen Lichtblicke schreibt Weeber konsequent gegen „die zynische Mär vom Sozialparadies Rom“ (so der Untertitel des dritten Kapitels) an und öffnet in leicht verständlichem, gut zu lesendem Stil die Augen dafür, dass eben nicht nur Sklaverei, Eroberungskriege und Gemetzel an Menschen und Tieren in der Arena zu den Schattenseiten der römischen Kultur zählen, sondern auch eine große soziale und finanzielle Ungleichheit, die in manchen populären Darstellungen ausgeblendet wird. Für alle, die einen umfassenderen Blick auf das antike Rom entwickeln wollen und einen ersten Einstieg ins Thema suchen, ist das relativ kurze Buch, das den einfachen Leuten mit viel Respekt und Sympathie begegnet, daher bestens geeignet.

Karl-Wilhelm Weeber: Arm in Rom. Wie die kleinen Leute in der größten Stadt der Antike lebten. Darmstadt, Theiss (wbg), 2023, 224 Seiten.
ISBN: 978-3-8062-4513-4


Genre: Geschichte

Der Westfälische Frieden

Wie beendet man einen Krieg, der sich bereits über Jahrzehnte hinzieht? Eine Antwort auf diese leider historisch nicht einmalige Frage bot Der Westfälische Frieden, den Siegrid Westphal in ihrer kompakten Einführung nicht nur in seinen Inhalten, sondern auch in seiner mühsamen Genese vorstellt. Wer bisher nur die vage Vorstellung hat, dass in Münster und Osnabrück 1648 irgendwie eine Einigung zwischen Kaiser Ferdinand III., den unterschiedlichsten katholischen und protestantischen Akteuren im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, Frankreich, Schweden, Spanien und den Niederlanden erzielt wurde, bekommt hier einen übersichtlichen ersten Einblick in die Einzelheiten der Abläufe und ihrer Ergebnisse.

Der Dreißigjährige Krieg war im Vorfeld des Westfälischen Friedens längst von einem in seinen Ursprüngen religiös motivierten regionalen Konflikt zu einem Machtkampf auf europäischer Ebene geworden, in dem der Gegensatz zwischen Protestantismus und Katholizismus nicht mehr die wichtigste Rolle spielte. Den Friedensschluss selbst zu erreichen, war dabei nicht einmal das erste Problem, das gelöst werden musste: Nach dem Hamburger Präliminarfrieden (1641) vergingen noch Jahre, bis auch nur Einigkeit darüber erzielt war, wer überhaupt an den Verhandlungen teilnehmen durfte. Dass der von kaiserlicher Seite zunächst angestrebte Ausschluss der Reichsstände nicht zustande kam, ist in der Rückschau betrachtet als Glücksfall zu werten, rekrutierte sich aus ihren Reihen doch am Ende die sogenannte Dritte Partei, ein überkonfessioneller Zusammenschluss verschiedener Gesandter, der Kompromisse erzwingen und auch Druck auf den Kaiser ausüben konnte, der trotz seiner militärisch allmählich aussichtslosen Lage mit wichtigen Zugeständnissen lange zögerte.

Zur Zähigkeit der Verhandlungen trug auch bei, dass es in ihnen nicht allein um an und für sich schon komplizierte territoriale, finanzielle, religiöse und politische Fragen ging, sondern immer wieder auch darum, den ausgeprägten Ehrvorstellungen der Frühen Neuzeit zu genügen und einen Frieden zu erarbeiten, den alle beteiligten Parteien mehr oder minder gesichtswahrend abschließen konnten. Das gelang zwar mit Müh und Not, nicht aber, alle konfessionellen Konflikte künftig zu unterbinden oder gar eine dauerhafte europäische Friedensordnung zu etablieren. Entsprechend ambivalent (und natürlich auch immer von der Epoche, aus der der Rückblick erfolgt, und den in ihr gerade herrschenden politischen und ideengeschichtlichen Tendenzen bestimmt) ist bis heute auch die in Forschung und allgemeinem Bewusstsein getroffene Bewertung des Westfälischen Friedens, über die Westphal abschließend einen kleinen Überblick liefert.

Alles in allem legt man den kurzen Band so in dem Eindruck aus der Hand, einen guten Überblick über den komplexen Friedensschluss und seine Entstehung gewonnen zu haben. Einige Vorkenntnisse zu politischen und juristischen Begriffen mitzubringen, die vielleicht nicht allgemein geläufig sind, schadet bei der Lektüre allerdings nichts (denn teilweise recht spezifische Termini, wie z. B. Gravamina, werden als bekannt vorausgesetzt und nicht für ein Laienpublikum erklärt).

Siegrid Westphal: Der Westfälische Frieden. München, C. H. Beck, 2015, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-4066-8302-2


Genre: Geschichte

Gold

Seit Jahrtausenden ist Gold begehrt wie kaum ein anderes Metall und dient als Schmuck und Statussymbol ebenso wie als Macht- und Wertgarant. Bereits in der kupferzeitlichen Varna-Kultur dienten erste Gegenstände daraus als Grabbeigabe, und seitdem scheint sich in über 6000 Jahren an der besonderen Wertschätzung, die das Gold genießt, ungeachtet alles historischen und kulturellen Wandels weltweit nur sehr wenig geändert zu haben.

Wenn man die eigentlich so gut wie immer und überall hohe Bedeutung bedenkt, die Menschen dem Gold beimaßen und -messen, ist es nur folgerichtig, seine Weltgeschichte zu erzählen, wie Bernd-Stefan Grewe es zwar in sehr in geraffter Form, aber dennoch oder gerade deshalb übersichtlich und gelungen in Gold tut.

Von dem zähnefletschenden goldenen Raubtiergesicht aus der Moche-Kultur, das eindrucksvoll das Titelbild ziert, darf man sich allerdings nicht zu der Annahme verleiten lassen, es ginge in dem kompakten Buch primär um Kunstwerke oder die handwerklichen Aspekte der Goldverarbeitung. Was man aus Gold an Erfreulichem herstellen kann, wird nämlich nur am Rande gestreift. Im Mittelpunkt steht vielmehr die wirtschaftliche und politische Rolle, die es von den frühesten Zeiten an spielte und die – hier entfaltet die Cover-Kombination von glänzender Schönheit und unleugbarer Bedrohlichkeit dann ihre wahre Bedeutung – untrennbar mit den Schattenseiten der von jeher großen Goldgier verbunden ist.

Die schon in der Antike beim Abbau unvermeidlichen Umweltschäden und das immer wieder von der sprichwörtliche gewordenen Goldgräberstimmung bei der Entdeckung neuer Lagerstätten verursachte Chaos erscheinen fast schon als geringe Übel im Vergleich zu all den Eroberungen seit frühester Zeit und den kolonialen Exzessen, die ihre Ursache häufig nicht zuletzt im Hunger nach Gold hatten. Ein immer wieder aufscheinendes Thema ist auch die oft erbarmungslose Ausbeutung derjenigen, die in den Goldminen die Hauptarbeit bei der Förderung des Edelmetalls leisteten, ob es sich nun um Sklaven (wie im Altertum), um Zwangsarbeiter (wie in der Sowjetunion) oder schlicht um sehr ungerecht behandelte Bergleute handelte (wie etwa im Südafrika der Apartheid-Ära, in dem schwarzen Arbeitern mit denen ihrer weißen Kollegen vergleichbare Löhne und Aufstiegsmöglichkeiten aus rassistischen Gründen verwehrt blieben).

Neben allen düsteren Aspekten umfasst der chronologisch geordnete Überblick aber auch viel einfach nur Interessantes. Man lernt hier einiges über die Hintergründe für Einführung und Aufgabe des Goldstandards für Währungen und die Herausbildung des internationalen Goldmarkts, aber auch über so manche Kuriosa (etwa die Pilgerfahrt des malischen Herrschers Musa Keita I. nach Mekka im 14. Jahrhundert, auf der er so viel Gold mitführte und mit vollen Händen ausgab, dass er im Alleingang für einen Goldpreisverfall sorgte). Auch in welchen Staaten heute das meiste Gold gefördert wird und wie es in der Moderne um Gold als Spekulationsobjekt und Wertanlage bestellt ist, erfährt man und bekommt so auf kleinem Raum eine beachtliche Fülle von Informationen geboten.

Natürlich kann, dem geringen Umfang des Buchs und seinem Einführungscharakter geschuldet, nicht alles sehr tiefgehend abgehandelt werden, aber als erster Einstieg in das Thema eignet sich Gold gut und liefert eine Fülle von Denkanstößen.

Bernd-Stefan Grewe: Gold. Eine Weltgeschichte. München, C. H. Beck, 2019, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-406-73212-6


Genre: Geschichte

Menosgada

Der antike Gelehrte Claudius Ptolemäus erwähnt in seiner Geographie eine keltische Stadt namens Menosgada. Der Ort, der zur Zeit des Ptolemäus schon untergegangen war, wird in der Forschung mit einem keltischen Oppidum auf dem Staffelberg in Franken identifiziert. Diese Stätte und die dort gemachten Funde, aber auch die keltische Kultur insgesamt stellt Markus Schußmann, der die Ausgrabungen einer latènezeitlichen Toranlage auf dem Staffelberg leitete, in Menosgada. Die keltische Stadt auf dem Staffelberg vor.

Auch wenn der Staffelberg mit Unterbrechungen seit der Hallstattzeit von Kelten besiedelt war, steht im Zentrum der Darstellung die spätkeltische Zeit, in der das Oppidum eine kurze Blüte erlebte, bevor es – wie so viele andere auch – im 1. Jahrhundert v. Chr. aufgegeben wurde, vermutlich infolge einer Klimaverschlechterung, die gesellschaftliche Verwerfungen und Wanderbewegungen ausgelöst haben könnte.

Reich bebildert und mit einem ausführlichen Glossar versehen, ist das Buch, das als – so der Untertitel – Ein archäologischer Führer gedacht ist, auch für Nichtfachleute unmittelbar anschaulich und zugänglich gestaltet, aber dennoch nicht oberflächlich. Einführendes zur Geologie des aus mehreren deutlich erkennbaren Schichten zusammengesetzten Staffelbergs und ein forschungsgeschichtlicher Abriss zu seiner Archäologie sind ebenso zu finden wie Kapitel über die erhaltenen Befestigungsanlagen, ihre Tore, das Straßen- und Wegesystem, die Gliederung der Siedlung, Kriegertum, Wirtschaft und Religion. Farblich hervorgehobene Exkurse geben Überblicke über Themen, die über Menosgada selbst hinausgreifen, so etwa Kleidung oder Ernährung in keltischer Zeit.

Diese Hintergrundinformationen zu Alltags- und Sozialgeschichte der Epoche helfen bei der Einordnung von Funden und Befunden vom Staffelberg selbst. Schöne und beeindruckende Stücke, wie etwa kunstvolle Fibeln oder Münzen, werden ebenso vorgestellt wie Entdeckungen, die aus heutiger Sicht beklommen stimmende Schattenseiten der keltischen Kultur greifbar werden lassen. So gibt es etwa Belege für einen regen Sklavenhandel oder für die Sitte, die Schädel getöteter Feinde an prominenter Stelle – hier in beträchtlicher Zahl am Weg zum Westtor – zur Schau zu stellen.

Trotz des relativ geringen Umfangs des Buchs hat man deshalb nach der Lektüre den Eindruck, über den Staffelberg hinaus einen schlaglichtartigen Blick auf die keltische Gesellschaft der Spätlatènezeit erhascht zu haben. Statt als archäologischer Führer für eine spezifische Fundstätte kann Menosgada also auch gut als Einstieg dienen, um etwas über die Kelten in Süddeutschland allgemein zu erfahren.

Markus Schußmann: Menosgada. Die keltische Stadt auf dem Staffelberg. Ein archäologischer Führer. Regensburg, Verlag Friedrich Pustet, 2022, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-7917-3315-9


Genre: Geschichte

Diokletian

Eine historische Gestalt als Menschen voller Widersprüche zu beschreiben, wirkt immer etwas wohlfeil, aber auf den römischen Kaiser Diokletian trifft diese Charakterisierung so gut zu wie auf nur wenige andere: Aus niedersten Verhältnissen über den Militärdienst ins höchste Amt aufgestiegen, stellte er sein Durchsetzungsvermögen brutal unter Beweis, indem er einen Konkurrenten um die Macht eigenhändig tötete, war aber andererseits auch bereit, ebendiese Macht durch die Einrichtung der Tetrarchie in gewissem Maße zu teilen und nach zwanzig Jahren schließlich durch seine auf eigenen Wunsch erfolgte Abdankung wieder aus der Hand zu geben. Als Christenverfolger in der religiös geprägten späteren Historiographie als Gewaltherrscher verschrien, versuchte er doch zugleich, die einfache Bevölkerung – etwa durch sein Höchstpreisedikt – zu schützen und in Rechtssachen für die Verhältnisse seiner Zeit humane Entscheidungen zu fällen; als Bauherr prunkvollster Paläste und Thermen war er doch besonders stolz auf sein selbst angebautes Gemüse.

Ein solcher Mann ist, zumal, wenn die Quellenlage besser sein könnte, nicht leicht zu fassen, aber Alexander Demandt wagt in seiner Biographie Diokletian mit Erfolg den Versuch, dennoch so gut wie möglich ein Bild des Kaisers und seiner Zeit zu zeichnen – oder vielmehr seiner beiden Zeiten, denn für Demandt markiert Diokletians Wirken den Übergang von der durch häufige und nicht selten gewaltsame Herrscherwechsel geprägten Epoche der Soldatenkaiser zur Spätantike mit dem Erstarken des Christentums.

Der Fokus liegt dabei weniger auf der ereignishistorischen Nachzeichnung eines Lebenswegs als auf der Betrachtung unterschiedlichster Themengebiete (wie etwa Recht, Wirtschaft oder Militär) und der Art, wie sie sich unter und oft auch durch Diokletian veränderten. Wichtig ist Demandt dabei stets das Aufzeigen von Vergleichsfällen und kulturellen Kontinuitäten bis in die Neuzeit, ja bisweilen bis in die Gegenwart. Auch wenn man ihm diesbezüglich vielleicht nicht bei jeder Wertung ganz folgen möchte, zeigt die vorliegende Biographie doch beispielhaft, dass kein Leben isoliert betrachtet werden darf und auch die Beschäftigung mit einer scheinbar so fernen Epoche wie der Antike stark dazu beitragen kann, die heutige Welt zu verstehen – manchmal in ganz offensichtlicher Weise wie bei der Jahreszählung des koptischen Kalenders, oft aber auch in subtilerer Hinsicht.

Über Diokletian selbst fällt Demandt ein insgesamt recht positives Urteil und sieht ihn als pflichtbewussten und ernsthaft um Reformen bemühten Herrscher, der für zwei Jahrzehnte tatsächlich Stabilität in schwierigen Zeiten herzustellen vermochte, sich allerdings mit seinem Versuch verkalkulierte, durch die Tetrarchie dauerhaft ein Fundament dafür zu legen, weil diese Aufteilung der Macht widersinnigerweise nur durch die Machtfülle, über die Diokletian verfügte, und den hohen persönlichen Respekt, den er genoss, funktionierte. Nach seiner Abdankung war das System aus sich selbst heraus nicht tragfähig genug, um dem unbedingten Machtwillen Einzelner, vor allem Konstantins, etwas entgegenzusetzen.

Ein umfangreicher Anhang, der neben Anmerkungen, Register und Auswahlbibliographie auch noch kurze Erörterungen zu einigen Spezialfragen (u. a. zum in der Forschung strittigen Sterbejahr Diokletians) enthält, und Abbildungen einschließlich eines umfangreichen Tafelteils in Farbe runden den gelungenen Band ab. Nicht nur für an der Spätantike Interessierte ist die Lektüre also empfehlenswert und durch Demandts anspielungsreichen, oft auch nicht um bissige Bonmots verlegenen Stil durchaus unterhaltsam.

Alexander Demandt: Diokletian. Kaiser zweier Zeiten. Eine Biographie. München, C. H. Beck, 2022, 432 Seiten.
ISBN: 978-3-4067-8713-7


Genre: Biographie, Geschichte

Die Langobarden

Wer waren Die Langobarden? Für seine gleichnamige Einführung setzt Stefan Esders bei der Sage an, mit der die frühmittelalterliche gens selbst erklärte, wie sie angeblich zu dem Namen „Langbärte“ gekommen war, und bietet dann einen kompakten Überblick von den undeutlichen Anfängen in der Spätantike über das Erscheinen der Langobarden in Italien bis zur Eroberung ihres Reichs durch Karl den Großen im 8. Jahrhundert.

Das Grundgerüst bildet die Ereignisgeschichte, in der neben Angehörigen des langobardischen Königshauses und Kirchenleuten immer wieder die recht unabhängig vom und nicht selten in Opposition zum Herrscher agierenden Herzöge prägend hervortraten. Eingefügt in diesem Rahmen erfährt man aber auch viel über Rechtssystem, Wirtschaftspolitik, Religiosität, erhaltene Kunst- und Bauwerke sowie Sprache und Namen (die aus heutiger Sicht eher witzig anmutende Kombinationen langobardischer und lateinischer oder christlicher Elemente enthalten konnten, wie etwa „Johannipertus“).

Die für einen so kurzen Band sehr fein differenzierte Gliederung erleichtert dabei das Auffinden einzelner Themen, zu deren Vertiefung die abschließenden kommentierten Literaturhinweise einen ersten Ansatzpunkt bilden. Kartenmaterial und einzelne Abbildungen ergänzen den Text ebenfalls sinnvoll.

Das auffälligste Charakteristikum des Buchs ist aber wohl, wie anschaulich und allgemeinverständlich es deutlich macht, inwieweit die nur etwa zweihundert Jahre langobardischer Herrschaft bis weit in spätere Epochen nachwirkten und es teilweise heute noch tun, sei es im Politischen, was etwa die Entstehung des Kirchenstaats oder generell die Zersplitterung Italiens in verschiedene Herrschaftsbereiche betrifft, oder auf sprachlicher Ebene, z. B. in Ortsnamen in Norditalien.

Stefan Esders schreibt gut lesbar und oft auch mit einem Schuss Humor, der bei allem wissenschaftlichen Ernst den Unterhaltungswert der Quellen nicht zu kurz kommen lässt. Wer also wissen möchte, weshalb ein langobardischer Herzog einmal von einem Diakon verlangte, ihn nur mit frisch gewaschener Unterhose aufzusuchen, muss Die Langobarden ebenso zur Hand nehmen, wie es all diejenigen tun sollten, die einen hilfreichen Überblick über eine bewegte Epoche der italienischen Geschichte suchen.

Stefan Esders: Die Langobarden. Geschichte und Kultur. München, C. H. Beck, 2023, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-4068-0033-7


Genre: Geschichte

Die Sachsen

Die Sachsen führt Babette Ludowicis kurzes Buch zwar im Titel, doch über die frühmittelalterliche Bevölkerung vor allem im norddeutschen Raum, die von Karl dem Großen unterworfen und dem fränkischen Herrschaftsbereich einverleibt wurde, dann aber mit dem Familienverband der Liudolfinger im 10. und beginnenden 11. Jahrhundert die ottonischen Kaiser stellte, erfährt man dabei noch am wenigsten. Der Titel eines Unterkapitels, Von Sachsen keine Spur, ist sehr ernst zu nehmen, denn vor allem geht es Ludowici darum, mit überkommenen Forschungsansichten aufzuräumen – so gründlich, dass am Ende wenig historische Realität dahinter greifbar bleibt.

Den zuerst in der Spätantike sicher belegten Namen Saxones, aus dem sich später das Wort Sachsen entwickelte, sieht Ludowici zunächst nicht auf eine spezifische gens bezogen, sondern eher als Sammelbegriff für recht heterogene Gruppen, der sich wohl aus deren Tätigkeit als Plünderer und Seeräuber ergab, im Ursprung also ähnlich wie später Wikinger. Erst in oder nach der Konfrontation der Bewohner Norddeutschlands mit Karl dem Großen habe sich dort insbesondere unter den Eliten überhaupt eine Eigenidentifizierung als Sachsen entwickelt, gefördert durch Werke wie die Sachsengeschichte Widukinds von Corvey, der dabei viele Fremdzuschreibungen übernommen habe. In diesem Zusammenhang weist Ludowici auch auf die Notwendigkeit hin, Quellenkritik zu üben und nach „dem historischen Standort und den Darstellungsabsichten“ (S. 66) der jeweils über die Sachsen Berichtenden zu fragen.

Wendet man dieses Prinzip auf Ludowicis eigenes Buch an, wird schnell deutlich, dass es vor allem von dem Willen getragen ist, sich entschieden gegen die oft völkisch und nationalistisch geprägten Forschungsansätze im 19. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 20. abzugrenzen und deutlich zu machen, dass eine Glorifizierung und Romantisierung frühmittelalterlicher gentes und ein Gründen eigener Identität auf fälschlich angenommenen Kontinuitäten unangebracht sind und meist böse enden.

Das ist ein legitimes und absolut verständliches Bedürfnis, das sich allerdings hier in manchen Fällen dann doch in einem Messen mit zweierlei Maß niederschlägt, wenn Ludowici es z. B. für angebracht hält, ein Grab als thüringisch oder bestimmte Trachtbestandteile und Waffen als typisch fränkisch anzusprechen, aber bei den Sachsen bzw. Saxones vor einer leichtfertigen Gleichsetzung von archäologischen (Be-)Funden mit aus den Schriftquellen bekannten Gruppen ausdrücklich warnt, und das mit einer Unbedingtheit, die fast den Eindruck hinterlässt, dass Sachsen bzw. Saxones für sie eine Phantombezeichnung ohne große Anknüpfungspunkte in der Wirklichkeit ist. Hier fragt man sich dann doch, ob die Autorin nicht in dem Wunsch, Fehlvorstellungen von einem uralten sächsischen „Stamm“ zu widerlegen, etwas über das Ziel hinausschießt und den Titelgebern ihres Werks einen geringeren Realitätsgehalt zugesteht als deren Zeitgenossen.

Dennoch ist das Buch immer dann noch am besten, wenn Ludowici sich mit konkreten archäologischen Erkenntnissen befasst und z. B. Indizien dafür zusammenträgt, dass es in den wohl als sächsisch besiedelt anzusprechenden Regionen auch schon vor den Eroberungszügen Karls des Großen Christen und Parteigänger der fränkischen Könige gab, so dass das einheitliche Bild paganer Sachsen in geschlossener Opposition gegen die Franken auf den Prüfstand gestellt werden muss.

Bei den sehr gerafften ereignisgeschichtlichen Darstellungen dagegen ist manches in fast schon missverständlicher Weise verkürzt, gerade im abschließenden 6. Kapitel, das die allmähliche Verlagerung von „Sachsen“ als geographische Bezeichnung in das heute unter dem Namen bekannte Gebiet um Dresden behandelt, und die historische Argumentation ist bisweilen abenteuerlich. So spricht für Ludowici gegen die von ihr entschieden verneinte These von einer territorialen Expansion der Sachsen auf dem Kontinent, dass diese, soweit wir wissen, keine Könige hatten und deshalb doch gewiss nicht „ohne die Initiative einer zentralen Führungsfigur zielgerichtet Eroberungen vorangetrieben und Herrschaft an sich gerissen“ (S. 65) haben könnten. Gerade die von ihr im anderen Kontext bemühten Wikinger zeigen aber – wenn auch einige Jahrhunderte später – recht gut, dass solche Bestrebungen keiner zentralen Herrschergestalt über eine gesamte kulturelle Gruppe bedürfen.

Gewöhnungsbedürftig ist phasenweise der Sprachstil, nicht nur aufgrund Ludowicis schon in ihrem Beitrag zum Sammelband Germanen feststellbarer Tendenz, gern im Perfekt statt im Präteritum zu formulieren, und einiger seltsamer Formen bei lateinischen Begriffen (ob z. B. tatsächlich ein mir grammatikalisch nicht ganz erklärlicher princeps milites – so mehrfach auf S. 54 – statt des üblichen princeps militiae oder princeps militum als Ausdruck für „Heerführer, Oberbefehlshaber“ möglich ist, entzieht sich meiner Kenntnis, ich halte es aber für unwahrscheinlich). Auffällig sind vielmehr manche bewusst moderne Ausdrücke (so liest man etwa vom „Military-Look“, S. 80, germanischer Kämpfer in römischen Diensten).

Mag man zu einem solchen Bemühen um umgangssprachliche Publikumsnähe stehen, wie man will, niedrigschwellig zugänglich ist die über einen separaten Karten- und Abbildungsteil verfügende Darstellung immerhin. Ob es allerdings sinnvoll ist, ganz ohne Vorwissen an das als Einführung gedachte Buch heranzugehen und somit auch Ludowicis Deutungen nicht mit eigenen Kenntnissen und Einschätzungen abgleichen zu können, sei einmal dahingestellt.

Babette Ludowici: Die Sachsen. München, C. H. Beck, 2022, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-406-79076-8

 


Genre: Geschichte

Schöner schimpfen auf Latein

Wer die Antike für besonders erhaben und ihre überlieferte Literatur für durchgängig anspruchsvoll hält, hat sich noch nicht mit ihrem eindrucksvollen Bestand an Schimpfwörtern und Obszönitäten befasst. Abhilfe schaffen kann da Karl-Wilhelm Weebers Schöner schimpfen auf Latein, ein handliches Büchlein, das allerdings den Rahmen über die eigentlichen Kraftausdrücke, die der Titel erwarten lässt, hinaus erweitert und auch allerlei verwandte Bereiche des Böswilligen und Unanständigen abdeckt.

Die genutzten Quellen sind dabei vielfältig: Von den Komödien des Plautus (in dessen Werk mit deglupta maena – „gehäutete Sardine“ – auch mein Favorit unter den aufgelisteten Beschimpfungen überliefert ist) über Reden Ciceros, der geradezu lustvoll Gegner zerlegt, Schleuderbleie mit Verunglimpfungen von Bürgerkriegsgegnern und Fluchtäfelchen (von denen ein auf Maultiere spezialisierter Tierarzt aus unbekannten Gründen gleich vier auf sich zog) bis hin zu Graffiti aus Pompeji sind alle möglichen Varianten schriftlich festgehaltener Äußerungen unfreundlicher Art dabei. Andere zitierte Textpassagen zielen dagegen nicht darauf ab, eine (lebende) Person direkt zu attackieren, sondern suhlen sich einfach nur in Unflat und Pornographie, ob nun Gedichte über die dauererregte Gottheit Priapus, deren Abbild mit mächtigem Glied apotropäische Wirkung zugesprochen wurde, oder ein sonderbarer Wandbildzyklus aus Ostia, der den Sieben Weisen Lehren zuschreibt, die sich auf körperliche Ausscheidungen konzentrieren. Daneben lernt man einiges Vokabular zu den entsprechenden Bereichen kennen. Harmloser, aber durchaus amüsant ist die Beobachtung, dass erstaunlich viele römische Cognomina unschmeichelhafte Eigenschaften beschreiben oder zumindest erahnen lassen.

Wie aus Karl-Wilhelm Weebers immer lesenswerten Büchern gewohnt, gelingt es dem Autor auch hier wieder gut, Kontinuitäten und Zeitloses herauszuarbeiten und mit dem zu kontrastieren, was spezifisch römisch war und hier und heute in den meisten Kontexten zum Glück in dieser Form oder doch in einem solchen Ausmaß eher unüblich ist: Die Art etwa, wie in Senatsreden in drastischer Wortwahl die angebliche sexuelle Devianz politischer Gegenspieler angeprangert wurde, würde im modernen Parlamentsbetrieb wohl für einen handfesten Skandal sorgen.

Aber nicht nur bezüglich des in bestimmten Situationen als hinnehmbar Betrachteten war manches am römischen Schmähen und Schimpfen schlicht anders gewichtet als im heutigen Deutsch: Fäkalsprache gab es zwar durchaus, aber sie kam in weitaus geringerem Maß zu Beleidigungszwecken zum Einsatz, als wir es kennen. Dagegen scheint sich an der Tendenz, unliebsame Menschen als dumm oder verrückt zu bezeichnen, in den letzten Jahrtausenden wenig geändert zu haben.

Weeber schreibt wie immer allgemeinverständlich und in Teilen umgangssprachlich, mit viel Humor und spürbarer Begeisterung für seinen Gegenstand. Charmant ist, dass sogar Grammatiktipps für die korrekte Anwendung lateinischer Schimpfwörter gegeben werden: Will man jemandem eine ganz besonders üble Beleidigung an den Kopf werfen, dann doch bitte im angemessenen Vokativ! Dank netter Details dieser Art ist der Abstieg in die Niederungen des Lateinischen und die zugehörigen menschlichen Abgründe trotz der teilweise eher unappetitlichen Themen ein großes Lesevergnügen.

Karl-Wilhelm Weeber: Schöner schimpfen auf Latein. Stuttgart, Reclam, 2022, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-15-014308-7

 

 


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Der Taucher von Paestum

Der sogenannte Taucher von Paestum – das aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. stammende Bild eines jungen Mannes, der einen Kopfsprung ins Meer macht – gehört zu den lebendigsten und ansprechendsten Kunstwerken der griechischen Antike. Da es als Verzierung der Deckplatte im nach ihm benannten Grab des Tauchers in Paestum gefunden wurde, hat die Forschung oft versucht, in dem Gemälde symbolische Bezüge zu Tod und Sterben zu entdecken (etwa in der Form, dass der Sprung ins Wasser den Übergang ins Jenseits darstellen würde). Gegen solche Interpretationen wendet sich Tonio Hölscher in seinem elegant geschriebenen und sehr lesenswerten Buch Der Taucher von Paestum. Jugend, Eros und das Meer im antiken Griechenland.

Für Hölscher ist in dem Bild eine Szene aus dem Leben dargestellt, deren Übergangscharakter nicht etwa in einem Verlassen dieser Welt liegt, sondern im Alter des Kopfspringers, in dem er einen Epheben sieht, also einen Jüngling an der Schwelle zwischen Jugendzeit und Erwachsenenalter, wie er auch in dem erotisch aufgeladenen Gastmahl, mit dem die Wände der Grabkammer bemalt sind, mehrfach im Beisammensein mit reiferen Männern erscheint.

Im Zentrum der weiteren Betrachtung steht daher die Meeresküste als besonders mit diesem Lebensabschnitt verknüpfter Ort. Beim Bad im Meer (oder beim Sprung hinein) hatte man nicht nur die Möglichkeit, seinen Körper und seine athletischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Vielmehr bot der Aufenthalt am Meer oder an anderen Gewässern außerhalb der Stadt mit ihren festgefügten Regeln männlichen Jugendlichen und, wenn auch in weitaus geringerem Maße, jungen Mädchen die Gelegenheit zum Erleben einer Phase relativer Freiheit vor dem Eintritt in die Verpflichtungen der Erwachsenen.

Hinweise auf diese Verknüpfung zwischen Jugend und Meer finden sich nicht nur an ganz realen Orten (etwa in Form von Felsinschriften auf der Insel Thasos, die ältere Liebhaber oder Bewunderer für Jugendliche an der Küste hinterließen), sondern auch in der Vasen- und Grabmalerei sowie in Literatur und Mythos.  Zugleich ist in Bildern und Geschichten der Aufenthalt im oder am Meer oft mit Erotik oder ganz allgemein mit Sinnenfreuden verknüpft. So finden sich beispielsweise auch Vasenmalereien, die im Wasser mit aufgeblasenen Weinschläuchen spielende Satyrn oder einen wie ein Mensch auf einer Doppelflöte musizierenden Delphin zeigen.

Da anzunehmen ist, dass diese Assoziationen im 5. Jahrhundert auch in der damals griechischen Stadt Poseidonia (dem späteren Paestum) bekannt waren, schlägt Tonio Hölscher die Deutung vor, dass das Bild des Tauchers nicht als Todessymbol zu verstehen ist, sondern wie die Gemälde des Gastmahls dazu diente, dem Verstorbenen eine seiner gehobenen sozialen Stellung und seinem jugendlichen Alter angemessene Umgebung gewissermaßen mitzugeben – ebenso, wie ihm bestimmte charakteristische Gegenstände (Salböl und Leier) als Grabbeigaben ins Jenseits folgten.

Die darauf hinführende Argumentation wird essayistisch und beschwingt, von wissenschaftlicher Trockenheit weit entfernt, entwickelt. Wer allerdings an den Details von Hölschers Auseinandersetzung mit der bisherigen Forschung zum Thema interessiert ist, findet in der ausführlich kommentierten Bibliographie im Anhang alles Notwendige. Aber auch dann, wenn man sich dem Bild des jungen Kopfspringers nur von der Unmittelbarkeit der Darstellung angezogen nähert, ist Der Taucher von Paestum eine lohnende Lektüre, die einem keine konstruierte Interpretation aufdrängt, sondern das Kunstwerk in den Rahmen der Lebenswelt, in der es entstand, einzubetten versucht. Allen an der Antike Interessierten ist das Buch deshalb nur zu empfehlen.

Tonio Hölscher: Der Taucher von Paestum. Jugend, Eros und das Meer im antiken Griechenland. Stuttgart, Klett-Cotta, 2021,160 Seiten.
ISBN: 978-3-608-96480-6


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur