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Notre-Dame

Die Kathedrale Notre-Dame in Paris, deren Brand 2019 weltweit Entsetzen auslöste, ist zwar ein katholisches Gotteshaus, aber das Gebäude an sich gehört dem Staat. Diese eigentümliche Situation geht auf die Französische Revolution zurück, passt aber gar nicht schlecht zur Geschichte des Bauwerks, das neben seiner religiösen Funktion immer auch der weltlichen Repräsentation diente.

Dieser Doppelrolle, die nicht erst in unserer Zeit noch um eine dritte als Touristenmagnet zu ergänzen ist, spürt Thomas W. Gaehtgens in Notre-Dame. Geschichte einer Kathedrale nach. Er möchte sein Buch dabei ausdrücklich nicht als Führer durch die Kathedrale verstanden wissen, sondern strebt bei aller Liebe zum Detail in der Architekturschilderung ein umfassenderes Bild an, das auch entscheidende historische Ereignisse und Entwicklungen mit einbezieht. Ausgangspunkt seiner lebendigen Betrachtung ist denn auch nicht der Baubeginn der heutigen Kathedrale 1163, sondern ihre Bedeutung beim Herrschaftsantritt der mittelalterlichen französischen Könige, die zwar in Reims gekrönt wurden, aber vor dem Hauptportal von Notre-Dame der Kirche einen Schwur leisten mussten.

Das erste Kapitel, Die gotische Kathedrale, ist dennoch im Wesentlichen eine Baugeschichte der mittelalterlichen Substanz Notre-Dames. Bei der Lektüre empfiehlt es sich, ein Architekturwörterbuch in greifbarer Nähe zu haben, denn für ein Buch mit dem für die Reihe C. H. Beck Wissen typischen Einführungscharakter werden hier doch recht viele Fachbegriffe vorausgesetzt und nicht im Text selbst oder in einem Glossar erläutert.

Im zweiten Abschnitt, Die Kathedrale der Könige, der sich mit der Zeit ab dem 16. Jahrhundert befasst, rückt neben politischen Ereignissen die Innenausstattung der Kathedrale stärker in den Vordergrund. Während durch die Bourbonen veranlasste Umbauten, insbesondere im Zuge der von Ludwig XIII. und seinem Sohn Ludwig XIV. intensiv propagierten, gegenreformatorisch geprägten Marienfrömmigkeit, noch heute zum Teil sichtbar und im allgemeinen Bewusstsein präsent sind, gilt das nicht für die bedeutenden und über Jahrhunderte hinweg unübersehbaren Stiftungen aus bürgerlichen Kreisen – auch aufgrund der Tatsache, dass viel davon zerstört oder zumindest, wie etwa Gemälde namhafter Künstler, im Zuge der Revolution aus der Kirche entfernt wurde.

Die mit dem politischen Umsturz auch für Notre-Dame verbundenen Verwerfungen leiten das dritte Kapitel, Tempel und Kirche der Nation, ein, doch geht es hier im weiteren Verlauf auch um das für die heutige Wahrnehmung des Gebäudes ungemein prägende 19. Jahrhundert, in dem nicht nur Victor Hugos berühmter Roman über die Kathedrale entstand, sondern auch eine weitreichende Restaurierung durch die Architekten Lassus und Viollet-le-Duc vorgenommen wurde. Insbesondere das heute oft kritisierte Vorgehen des Letzteren, der recht frei eigene Ergänzungen vornahm und in der Hoffnung auf die Wiederherstellung eines vermeintlichen Originals historisch gewachsene Bauzustände beseitigen ließ, nimmt Gaehtgens dabei vor dem Hintergrund von Forschungsstand und Kunstverständnis seiner Zeit in Schutz.

Das abschließende vierte Kapitel Die Kathedrale der Republik widmet sich der durchaus ironischen Situation, dass Notre-Dame dem eigentlich strikt laizistisch ausgerichteten französischen Staat bis heute als feierlicher Rahmen etwa für die Aufbahrung verstorbener Präsidenten dient – oder besser gesagt bis 2019 diente. Den dadurch notwendig gewordenen Restaurierungs- und Wiederaufbauarbeiten sieht Gaehtgens optimistisch entgegen, da viel Beschädigtes wohl durchaus noch zu retten ist.

An einer Stelle enthält das Buch leider eine Fehlübersetzung: Die französische Bezeichnung einer berühmten Dämonenskulptur, „Le Stryge“, wird auf Deutsch mit „der Streit“ (S. 112) wiedergegeben, während es sich in Wirklichkeit um einen Ausdruck für diese Art von Ungeheuer handelt, so dass es besser „Striga“ hätte heißen sollen.

Abgesehen von solchen Kleinigkeiten liest Notre-Dame sich jedoch gut und bietet auf kleinem Raum eine Fülle hochinteressanter Informationen. Besonders schärft das Buch das Bewusstsein dafür, wie sehr die Kathedrale auch abseits von großen Einschnitten wie der Revolution und dem Brand in jüngster Vergangenheit schon ab der Bauphase ständigen Veränderungen unterworfen war. Auch insgesamt erfährt man viel, was man über Notre-Dame nicht unbedingt weiß – Kuriosa wie eine riesenhafte Christophorus-Statue, die bis ins 18. Jahrhundert im Kirchenschiff aufgestellt war, mit inbegriffen. Nicht nur, aber ganz besonders auch für Mittelalterinteressierte und Frankreichfans lohnt sich daher die Lektüre.

Thomas W. Gaehtgens: Notre-Dame. Geschichte einer Kathedrale. München, C. H. Beck, 2020, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-406-75048-9


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Geister, Hexen, Menschenfresser

Geister, Hexen, Menschenfresser – der Titel verweist ins Reich der Schauergeschichten, und tatsächlich verspricht der Untertitel von Rudolph Kremers Buch auch Gruselgestalten im alten Rom. Das greift allerdings fast zu kurz, denn auch wenn es unter anderem um Spuk und Fabelwesen geht, spielen auch Aberglauben und Alltagsleben der Antike in die Darstellung mit hinein, die also viel mehr als nur ein Kompendium unheimlicher Imagination bietet.

Mit ein Grund dafür dürfte sein, dass zumindest einige der angekündigten Gruselgestalten gar nicht ausschließlich grausig, sondern eher ambivalent sind. So hängt es nach römischer Überzeugung zum Beispiel bei den Totengeistern, die neben Naturgeistern wie Nymphen und Faunen das erste Kapitel bevölkern, im hohen Maße vom Umgang der Lebenden mit ihnen und den Überresten ihrer Körper ab, ob sie erschreckende Aktivitäten entfalten oder zu wohlwollenden Laren werden, die Schutz und Hilfe bieten.

Auch bei den im Mittelpunkt des zweiten Kapitels stehenden Zauberkundigen, denen in der römischen Literatur alle möglichen Schandtaten bis hin zu grausamen Kinderopfern zugeschrieben werden, ist auf den zweiten Blick eine große Bandbreite feststellbar: Ist es in der Fiktion oft die (weibliche) Hexe, die Böses im Sinn hat, traten im realen Leben Männer wie Frauen als Magieexperten auf, die zwar einerseits oft in die Nähe verachteter Gewerbe wie der Prostitution gerückt wurden, andererseits aber auch positiv konnotierte Dienstleistungen etwa auf dem Gebiet der Heilkunde anboten. Ob man an die Wirksamkeit magischer Praktiken glaubte, war allerdings auch im alten Rom schon Ansichtssache: Skeptische Meinungen sind durchaus überliefert, aber archäologische Funde wie z.B. die zahlreichen Fluchtäfelchen deuten darauf hin, dass viele Menschen dennoch auf Zauberei setzten.

Ohne reale Entsprechung sind Untote, Blutsauger und Menschenfresser, die im dritten Kapitel ihr Unwesen treiben. Anders als heute war manche Monsterrolle dabei geschlechtsspezifisch besetzt: So sind antike Vampire in Gestalt der Empusen, die es auf junge Männer abgesehen haben, weiblich, während man sich Werwölfe männlich vorzustellen hat. Das letzte Kapitel um Riesen und Monster im alten Rom lässt schließlich allerlei Fabel- und Mischwesen auftreten, von denen viele wie z.B. die Sirenen aus der klassischen Mythologie bekannt sind. Doch auch ungewöhnlichere und heutzutage der Allgemeinheit unbekanntere Geschöpfe finden sich hier, so etwa der Leucrocotta, der mit Hirschbeinen, Löwenkörper und Dachskopf ausgestattet ist und mit menschlicher Stimme seine Opfer anlockt – vermutlich, um Rache für auf der Jagd erlegte Wildtiere zu nehmen.

Illustriert ist der Band nicht nur mit Fotos antiker Kunstwerke aller Art (und einzelner mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Bilder, die von Schilderungen aus dem Altertum beeinflusst sind), sondern auch mit modernen Zeichnungen und Gemälden zum Thema, an denen vor allem Pulp-Fans ihre helle Freude haben dürften. Rätselhaft bleibt allerdings, warum als Begleitung zu einer Begebenheit um römische Soldaten und eine drachenhafte Riesenschlange in Afrika ausgerechnet das Foto einer Schlange zum Einsatz kommt, bei der es sich laut Bildunterschrift um eine „Anakonda aus Lateinamerika“ (S. 107) handelt, deren Berührungspunkte mit dem alten Rom ja doch eher gering sein dürften.

Insgesamt aber gelingt es Rudolph Kremer gut, aufzuzeigen, dass schon in römischer Zeit das Verhältnis zu vermeintlichen übernatürlichen Bedrohungen zwischen allgemein menschlichen Ängsten und Spaß am vergnüglichen Grusel (etwa in der Unterhaltungsliteratur oder beim Austausch von Erzählungen beim Gastmahl) changierte. Während die spezifische Ausprägung der besprochenen Spukgestalten in der römischen Kultur verankert war, sind die grundlegenden Tendenzen daher auch für uns Heutige noch nachvollziehbar. Wer Rom also einmal von seiner Nachtseite kennenlernen und ein paar schaurige bis amüsante Geschichten über menschenfressende Drachen oder Politiker bei okkulten Aktivitäten mitnehmen möchte, findet hier die richtige Lektüre.

Rudolph Kremer: Geister, Hexen, Menschenfresser. Gruselgestalten im alten Rom. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2021, 112 Seiten.
ISBN: 978-3-8053-5300-7 (Sonderheft der Zeitschrift „Antike Welt“; ISBN Buchhandelsausgabe: 978-3-8053-5299-4)

 


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Europa. Die ersten 100 Millionen Jahre

Europa als eigener Kontinent entstand vor etwa 100 Millionen Jahren, zunächst als reine Ansammlung von Inseln. Welchen Verlauf die Naturgeschichte hier seitdem genommen hat und wie sie erforscht worden ist, zeichnet der Biologe Tim Flannery in Europa. Die ersten 100 Millionen Jahre bildgewaltig, anspielungsreich und in munterem Ton für ein allgemeines Publikum nach. Das könnte unterhaltsam und auch inhaltlich packend sein. Allerdings ist mir selten ein Sachbuch begegnet, das gleichzeitig so gut geschrieben ist und doch ein derart profundes Unbehagen angesichts des Umgangs des Autors mit seinem Gegenstand weckt.

Das Positive vorab: In recht kurzen und leicht verständlichen Kapiteln erfährt man hier vieles über die europäische Natur und insbesondere Fauna, von den Dinosauriern über ausgestorbene Säugetiere wie Mammuts oder Auerochsen bis hin zu invasiven Arten in der Neuzeit. Deutlich wird auch, wie sehr der menschliche Einfluss von der Steinzeit an die Umwelt prägte und welche Gefahren in heutiger Zeit von Klimawandel und industrieller Landwirtschaft ausgehen. Ähnlich wie Madelaine Böhme in ihrem empfehlenswerteren Buch Wie wir Menschen wurden greift Flannery mehrfach zum Stilmittel der imaginierten Zeitreise, um urzeitliche Landschaften heraufzubeschwören. Wissenschaftliche Nüchternheit dagegen ist nicht seine Stärke. Oft wertet er sehr subjektiv (z.B., wenn er sich ausführlich darüber verbreitet, wie wenig er Schweine mag und wie schlecht ihm daher auch bestimmte urzeitliche Exemplare gefallen).

Spätestens ab der Stelle, an der der moderne Mensch auf den Plan tritt, wird es insgesamt noch sonderbarer, und das nicht nur, weil sich hier und da sachliche Fehler einschleichen (als Mediävistin liest man etwa mit Befremden, dass die Langobarden sich schon „im Jahr 600 vor Beginn unserer Zeitrechnung“ in Italien aufhielten [S. 210] oder dass die Europäer angeblich nach einem finsteren Mittelalter erst im 15. Jahrhundert dank antiker Texte wieder erkannten, „dass die Welt rund“ ist [S. 275] – ein alter Forschungsirrtum, den man eigentlich längst überwunden glaubt).

Vielmehr ist von den Menschen, die sich Europa ausbreiten, offensichtlich insgesamt nicht viel zu halten: Die durch Genuntersuchungen belegte Vermischung von modernen Menschen und Neandertalern wird nicht als friedlicher Kontakt geschildert, sondern in der Form, dass Menschenmänner Neandertalermänner ermorden und die Neandertalerfrauen zum Austragen ihrer Kinder zwingen. Auch die steinzeitliche Kunst ist für Flannery von männlichen Künstlern dominiert, die allerdings in Wahrheit gar keine Künstler, sondern gelangweilte Teenager sind, die bis auf blutige Jagden und nackte Frauen nicht viel im Kopf haben und daher unbeholfene Graffiti mit diesen Sujets schaffen. Den alten Römern dagegen wird weniger der Raubbau an der Natur vorgeworfen, den sie teilweise zweifelsohne betrieben, als die Tatsache, dass sie keine neuen Tierarten domestiziert hätten – für Flannery offenbar ein Versäumnis, das mehrfach betont werden muss.

Vollends seltsam mutet schließlich Flannerys Schwerpunktsetzung in der Schilderung der Forschungsgeschichte an. Denn wenn an den Wissenschaftlerschicksalen, die er vorstellt, eines auffällt, dann, dass viele von ihnen mit einem Selbstmord enden, bei dem oft auch noch die Methode beschrieben und zum Teil mit eher zynisch anmutenden Überlegungen kommentiert wird. Der Eindruck einer unguten Begeisterung des Autors für das Thema drängt sich daher auf.

Verglichen damit wirken Flannerys Überlegungen, man solle doch in Europa Elefanten und Löwen ansiedeln, da es sie dort vor langer Zeit einmal gegeben habe und man den Erhalt dieser Tierarten nicht allein den Afrikanern zumuten dürfe, geradezu harmlos, wenn auch etwas bizarr. Ob man seine am Ende entwickelte Zukunftsvision eines Europa, in dem die Bevölkerung und die in Gewächshäuser verlagerte Landwirtschaft sich auf Städte konzentrieren, während die umliegende Wildnis mit ihren Kreuzungen aus Mammut und Elefant zur Touristenattraktion geworden ist, für eine Utopie oder doch eher für ein Schreckensszenario hält, ist wohl Geschmackssache. Nicht nur deshalb ist Europa ein Buch, das einen am Ende mehr oder minder ratlos zurücklässt, obwohl es durchaus einige interessante Informationen zu bieten hat.

Tim Flannery: Europa. Die ersten 100 Millionen Jahre. Berlin, Insel (Suhrkamp), 2019, 384 Seiten.
ISBN: 978-3-458-17822-4


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

Der Olymp

Der Olymp ist einerseits ein ganz irdischer Berg in Griechenland, andererseits aber schon seit den Zeiten Homers als Sitz der Götter und insbesondere des Zeus legendenumwoben. Es ist diese Dichotomie zwischen realem Ort und mythischem Idealbild, der der Archäologe Achim Lichtenberger in seinem Buch Der Olymp. Sitz der Götter zwischen Himmel und Erde nachspürt.

Ausgehend von der heute noch immer allgemeinen Bekanntheit des mythischen Olymp, der etwa als werbeträchtiger Namensträger für Produkte herhalten muss, erkundet der Autor zunächst die antiken literarischen und bildlichen Darstellungen des Olymp als Göttersitz, der diesseitigen menschlichen Erfahrungen entrückt blieb und mit dem Himmel assoziiert wurde.

Diesem imaginierten Olymp gegenübergestellt wird der reale Olymp, der, zwischen den Landschaften Thessalien und Makedonien gelegen, mit einer Kultstätte auf einem seiner Nebengipfel durchaus eine religiöse Nutzung erfuhr, aber auch ganz handfest zum Kriegsschauplatz werden konnte und nicht zuletzt eine bedeutende ideologische und politische Rolle spielte. Insbesondere die makedonischen Könige, die gern als Griechen anerkannt sein wollten, nutzten die Nähe des Berges und die mit ihm verbundene Zeusverehrung aus, um sich kulturell zu profilieren.

Die Idee des Olymp als Göttersitz war aber nicht strikt ortsgebunden, sondern auf unterschiedlichste geographische Regionen übertragbar, wie Lichtenberger anhand des etymologisch übrigens bisher nicht eindeutig erklärbaren Bergnamens Olymp nachweist, der auch anderen Bergen beigelegt wurde. Insbesondere, aber nicht nur im östlichen Mittelmeerraum konnten dabei die Olympvorstellung und das verbreitete Phänomen als heilig verehrter oder doch zumindest kultisch genutzter Berge ineinandergreifen. Hier haben dann auch die pagane griechische Religion und das alte Israel ungeahnte Berührungspunkte (wenn sich etwa auf dem Berg Garizim neben der Jahwe-Verehrung der Samaritaner auch ein Kult für Zeus Olympios ansiedelte).

Am Beispiel des Olymp gelingt Lichtenberger so eine überzeugende Charakterisierung der altgriechischen Religion, die zwar einerseits übergreifend einen ganzen Kulturraum prägte, andererseits aber auch immer wieder flexibel regionalen und lokalen Gegebenheiten angepasst werden konnte. Die zunächst mit einem spezifischen realen Berg verknüpfte Vorstellungswelt ließ sich so beliebig verlagern, ergänzen und mit örtlichen Glaubensüberzeugungen verschmelzen.

Die reiche Bebilderung erhöht die Anschaulichkeit des Buchs. Verbesserungswürdig ist in Einzelfällen allerdings die Abbildungsgröße (z.B. ist die Nummerierung der Karte auf S. 120 [Abb. 47], die einen Überblick über die Verbreitung der Bezeichnung „Olymp“ im östlichen Mittelmeerraum bietet, so winzig abgedruckt, dass man schon sehr genau hinsehen muss, um die einzelnen Punkte der Legende zuordnen zu können). Ein umfangreiches Glossar erleichtert Leserinnen und Lesern, die sich mit der Antike und ihrer Mythologie nicht näher auskennen, den Zugang zum Thema. Wer sich nicht nur speziell mit dem Olymp befassen will, kann das Buch daher auch gut als Einstieg nutzen, um zu verstehen, was antike Religiosität auszeichnete und wie sie mit (durchaus auch wechselnden) Orten verbunden sein konnte.

Achim Lichtenberger: Der Olymp. Sitz der Götter zwischen Himmel und Erde. Stuttgart, W. Kohlhammer, 2021, 218 Seiten.
ISBN: 978-3-17-039616-6


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Als Franken fränkisch wurde

Die heutige Region Franken wurde im Zuge des Frühmittelalters von den Menschen besiedelt, deren Namen sie bis heute trägt. Archäologische Zeugnisse aus dieser Epoche sind 2021 im Knauf-Museum Iphofen in der Ausstellung Als Franken fränkisch wurde zu sehen. Der gleichnamige Aufsatzband gibt, thematisch breit aufgestellt, einen Überblick über Siedlungsgeschichte, Ernährung, Begräbnissitten, Religion, Kunst und Burgenbau im Franken der Merowinger- und teilweise auch noch Karolingerzeit.

Dirk Rosenstock skizziert in seinem Beitrag Die Eingliederung Frankens in das Merowingerreich die Ereignisgeschichte, die den Rahmen bildet, in die sich die archäologischen Funde und Befunde einordnen lassen. Weitere Grundlagen liefern Anja Pütz und Ralf Obst mit Merowingerzeit in Mainfranken, indem sie nicht nur einen Forschungsüberblick bieten, sondern auch naturräumliche Besonderheiten und unterschiedliche Fund- und Gebäudetypen erklären.

Mit An der Quelle – die Siedlung im Dornheimer Grund steuert Anja Pütz auch den ersten auf ein konkretes Grabungsareal bezogenen Beitrag des Buches bei. Hier geht es um die unter heutigem Ackerland gelegenen und daher nicht überbauten Reste einer wohl im 6. Jahrhundert gegründeten Siedlung, in der zahlreiche Funde Rückschlüsse auf den Alltag ihrer Bewohner, aber auch z.B. auf Kontakte zum Rheinland, aus dem Gefäße in den Dornheimer Grund gelangten, zulassen.

Ein fränkisches Christentum mit germanischem Hintergrund stellt Margarete Klein-Pfeuffer in den Mittelpunkt des nächsten Kapitels und erläutert sowohl synkretistische Erscheinungen (wie den gleichzeitigen Gebrauch christlicher und paganer Amulette) als auch das Eigenkirchenwesen, das im Frühmittelalter lange das Praktizieren eines zentraler Kontrolle weitgehend entzogenen Christentums gestattete. Bei der Besprechung heidnischer Glaubensüberzeugungen hätte man sich hier allerdings eine schärfere Trennung zwischen dem kontinentalgermanischen Raum und den altnordischen Überlieferungen der Wikingerzeit gewünscht.

Irdischeren Themen wendet sich Irene Mittermeier in Schinken und Ei – zu Speisebeigaben in merowingerzeitlichen Gräbern am Maindreieck zu und zeigt anschaulich, wie viel das Totenbrauchtum über die Speisevorlieben der Lebenden verraten kann, bis hin zu Details wie der zu vermutenden Bevorzugung von Rindfleisch im Alltag und Reservierung von Schweinefleisch für festliche Anlässe.

In einem zweiten, sehr gelungenen Beitrag widmet sich Margarete Klein-Pfeuffer den Ornamenten, die z.B. Schmuck und Trachtbestandteile zierten. Eine besondere Kunstrichtung bei den Franken: Der germanische Tierstil enthält, quasi als „Lesehilfe“ zu den auf den ersten Blick oft verwirrenden Darstellungen, zahlreiche Umzeichnungen, die es erleichtern, die zu prächtigen Knoten verschlungenen Tiere zu erkennen und zu verstehen.

In die politische Geschichte führt das Kapitel Frühmittelalterliche Burgen in Franken im Kontext von fränkischer Expansion und Frankisierung. Peter Ettel spürt hier dem Burgenbau nach, der nach der Entmachtung der Alamannen erst einmal abbrach, um erst in spätmerowingischer und karolingischer Zeit wieder forciert zu werden und nun vor allem der Festigung der Königsmacht zu dienen.

Vor diesem Hintergrund stellt Benjamin Spies in seinem Aufsatz die Frage Der Würzburger Marienberg – eine fränkische Burg? Obwohl auf dem Marienberg durch die Errichtung der Festung in der Frühen Neuzeit nur sehr wenige fränkische Funde erhalten sind, lässt sich die Frage wohl bejahen.

Ist Würzburg heute noch überregional bekannt, war der Ort, den Peter Ettel in seinem zweiten Beitrag in den Blick nimmt, im Frühmittelalter bedeutender als heute. Vom König zum Bischof. Castellum, monasterium und villa Karloburg – ein fränkischer Zentralort am Main zeichnet die Entwicklung von Karlburg nach, das möglicherweise von den frühen Karolingern als Gegengewicht zum noch von später verdrängten örtlichen Herzögen regierten Würzburg gedacht war.

Die karolingisch-ottonische Königspfalz Salz war ein weiterer für die frühmittelalterlichen Herrscher wichtiger Ort, dem Petra Wolters gleich zwei Beiträge widmet. Geht es im ersten um den umfangreichen königlichen Besitz im Einzugsgebiet der Fränkischen Saale und dessen allmählichen Bedeutungsverlust bis zur Zerstückelung durch verschiedene Schenkungen im 11. Jahrhundert, lokalisiert der zweite, Der Veitsberg – Zentrum des Pfalzgebietes Salz die eigentliche, ungewöhnlich stark befestigte Königspfalz auf dem Veitsberg, auf dem Tierknochenfunde die Nutzung unter anderem als eine Art Jagdschloss belegen.

Zusammen mit der reichen Bebilderung, die neben Fundfotos auch Kartenmaterial und Rekonstruktionszeichnungen umfasst, entsteht so ein regionalhistorisches Panorama, das über Archäologische Funde der Merowingerzeit, wie sie im Untertitel versprochen werden, noch hinausgeht. Allen, die sich für das Frankenreich interessieren, bietet der Band daher anregende und informative Lektüre. Nur das vorangestellte Grußwort des bayerischen Ministerpräsidenten, der an den zugrundeliegenden Forschungen offenbar eher die potenzielle Förderung des Lokalpatriotismus als den zu erwartenden historischen Erkenntnisgewinn zu schätzen weiß, muss man wohl mit Humor nehmen, statt sich dadurch von der Lektüre abschrecken zu lassen.

Margarete Klein-Pfeuffer, Markus Mergentaler (Hrsg. im Auftrag des Knauf-Museums Iphofen): Als Franken fränkisch wurde. Archäologische Funde der Merowingerzeit. Oppenheim, Nünnerich-Asmus Verlag, 2021, 224 Seiten.
ISBN: 978-3-96176-120-3

 

 


Genre: Geschichte

Die Straßen von Rom

Beim Stichwort „Römerstraßen“ denkt man sofort an die großen Überlandverbindungen, die für die Verkehrserschließung weiter Teile Europas prägend waren, aber wie sah es eigentlich mit den Straßen in der antiken Stadt Rom selbst aus? Antworten auf die Frage bietet Karl-Wilhelm Weeber in seinem neuesten populärwissenschaftlichen Buch Die Straßen von Rom.

Im Vordergrund stehen dabei nicht etwa technische Aspekte des Straßenbaus, sondern, wie der Untertitel Lebensadern einer antiken Großstadt schon ahnen lässt, die Rolle der Straßen für das Leben in der Stadt. Denn Straßen und Plätze waren – so wird rasch deutlich – im alten Rom in noch weit höherem Maße „Lebensraum“ als heute, da allein schon die beengten Wohnverhältnisse vieler Menschen dafür sorgten, dass sich Aktivitäten, die wir heute eher im häuslichen Kontext vermuten würden, ins Freie verlagerten.

Der eigentliche Straßenverkehr (mit allen damit einhergehenden Ärgernissen wie Lärm und Stau, die kein rein neuzeitliches Problem sind) ist daher nur eines unter vielen Themen, die angeschnitten werden. Straßen waren auch das Rückgrat der nachbarschaftlichen Organisation im vicus (wie man die kleinen Stadtviertel bezeichnete), Einkaufsmeilen, der Ort der täglichen Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln und der Arbeitsplatz von Akrobaten, Prostituierten, Wahrsagern und Bettlern. Allerdings hatten die Verkehrswege auch beträchtliche Schattenseiten: Müll, Schmutz und Kriminalität machten schon den Römern das Leben schwer.

Zu diesen alltäglichen Aspekten der Straße trat im alten Rom aber noch stärker und regelmäßiger als anderswo ihre Rolle als Bühne für öffentliche Auftritte und Spektakel hinzu. Der Triumphzug, der einem sofort als Beispiel dafür in den Sinn kommt, war dabei nur die eindrucksvollste und seltenste Spielart: Circusprozessionen, religiöse Umzüge, Politikerauftritte und nicht zuletzt auch prunkvolle Beerdigungen befriedigten weit häufiger die Schaulust.

Als Quellen für seine lebendige Schilderung dieses prallen Lebens nutzt Weeber nicht nur römische Prosatexte, sondern gern auch die satirischen Gedichte von Horaz, Martial und Juvenal. Bei aller gattungsimmanenten Überzeichnung sieht er hier nämlich manche Alltagsphänomene aufgegriffen, die in der zeitgenössischen Historiographie meist keine Beachtung fanden und, wie er zu Recht kritisiert, auch in heutigen Rekonstruktionsdarstellungen oft ausgeblendet bleiben.

Weeber schreibt modern, bisweilen auch umgangssprachlich und dort, wo es keine prägnante deutsche Entsprechung gibt, mit zahlreichen englischen Begriffen durchsetzt. So wird z.B. die deductio – der auf Öffentlichkeitswirksamkeit angelegte Gang eines aristokratischen Römers und seines Gefolges zum Forum – hier zum power walk (S. 139). Gelegentlich wirkt das etwas zu prononciert und gewollt, aber der um Zugänglichkeit bemühte Stil unterhält und dürfte die Hemmschwelle für das mit dem alten Rom nicht näher vertraute allgemeine Publikum, das als hauptsächliche Leserschaft anvisiert ist, niedrig halten.

Gerade angesichts dieser Zielgruppe ist es schade, dass ein ziemlich gravierender sachlicher Fehler stehen geblieben ist: Man begegnet im Buch „Messalina, Neros Mutter“ (S. 149). Auch wenn Agrippina die Jüngere in der Rückschau sicher nicht böse gewesen wäre, wenn eine andere Mutter als sie diesen Sohn bekommen hätte, hätte es doch spätestens in der Lektoratsphase auffallen müssen, dass hier zwei Frauen des Kaisers Claudius miteinander verwechselt worden sind.

Abgesehen von diesem Wermutstropfen lohnt sich die Lektüre aber durchaus, nicht nur, weil sie einmal das Rom der Durchschnittsmenschen abseits der Eliten in den Vordergrund rückt, sondern auch, weil sie auf spielerische und humorvolle Art ganz nebenbei an die lateinische Literatur heranführt.

Karl-Wilhelm Weeber: Die Straßen von Rom. Lebensadern einer antiken Großstadt. Darmstadt, Theiss (WBG), 2021, 256 Seiten.
ISBN: 978-3-8062-4303-1


Genre: Geschichte

Herrschaft, Kirche und Bauern im nördlichen Bodenseeraum in karolingischer Zeit

Der Buchtitel wirkt in seiner Länge zwar fast schon barock, aber es geht um das frühe Mittelalter: Der Tagungsband Herrschaft, Kirche und Bauern im nördlichen Bodenseeraum in karolingischer Zeit vereint Beiträge, die sich in irgendeiner Form dem weit gesteckten Oberthema unterordnen lassen. Ein komplettes regionalhistorisches Panorama der gewählten Epoche entsteht so zwar nicht, aber doch eine Sammlung interessanter Schlaglichter auf Alltag und lokale Machtverhältnisse.

Den Rahmen stecken zunächst Matthias Becher mit Alemannien zur Zeit der Karolinger und Andreas Schwab mit einem Beitrag über Die naturräumlichen Grundlagen im nördlichen Bodenseeraum ab. Die politische Ereignisgeschichte der gewaltsam ins Frankenreich eingegliederten Alemannia und die Besonderheiten von Landschaft, Klima und Bewirtschaftungsmöglichkeiten sind so im Hintergrund schon einmal präsent, wenn man in die Aufsätze zu Einzelaspekten der Forschung einsteigt.

Nicht zu jeden Bereich gibt es dabei viel zu sagen, wie Archäologisches zur Karolingerzeit im nördlichen Bodenseeraum (Christoph Morrissey) deutlich macht, denn an vielen Orten fehlen entweder Funde aus dieser Zeit oder zumindest Belege für das, was die Schriftquellen schildern. Mit diesen befasst sich Clemens Regenbogen, der Die ländliche Gesellschaft des nördlichen Bodenseeraums in der Karolingerzeit nach den schriftlichen Quellen untersucht, unter denen in Besitzübertragungen oder Freilassungsurkunden gelegentlich auch ein kurzer Blick auf die Unterschichten möglich wird, deren Angehörige allerdings selten ein individuelles Profil gewinnen.

Quellenkritisch und akribisch stellt Dieter Geuenich Überlegungen Zum Zeugniswert der Ortsnamen für die Erforschung der Siedlungsgeschichte des nördlichen Bodenseeraums an. Während die frühere Forschung oft hoffte, aus einem Ortsnamen ablesen zu können, wer die Siedlung gegründet hatte, mahnt Geuenich diesbezüglich zur Vorsicht. Denn Orte wurden zwar oft nach den Männern und Frauen benannt, denen sie gehörten, wechselten aber auch schnell den Namen, wenn sie in den Besitz anderer übergingen.

Ernst Tremp widmet sich den wichtigsten geistlichen Institutionen der Region, wenn er über Das Bistum Konstanz und die Klöster St. Gallen und Reichenau in der Karolingerzeit berichtet, die erst eng miteinander verflochten waren (bis hin zur gelegentlichen Vereinigung von Abts- und Bischofswürden in Personalunion), bis die Klöster unter königlichem Schutz mehr Eigenständigkeit gewannen. Neben den großen Entwicklungslinien spielen hier aber auch interessante Details wie z.B. der Bildungsstand von Priestern und eine Art Examen, dem sie sich unterziehen mussten, eine Rolle.

Dem Kloster St. Gallen entstammt mit dem älteren St. Galler Verbrüderungsbuch auch die Quelle, die Alfons Zettler hauptsächlich nutzt, um Herrschaft und Adel im Bodenseeraum zur Karolingerzeit darzustellen, denn aus den zum geistlichen Gedenken an vor allem männliche Mitglieder der Eliten angelegten Namenslisten lässt sich einiges über die zeitgenössische Kategorisierung der Führungsschichten ablesen. Dass allerdings nicht jedes Kloster so bedeutend und langlebig war wie St. Gallen, zeigt Thomas Zotz in seinem Aufsatz Die Klosterlandschaft zwischen Bodensee, Donau und Iller in der Karolingerzeit. Viele Gründungen verschwanden auch wieder oder verschmolzen im Laufe der Zeit mit größeren Institutionen.

Der abschließende Bericht zur Tagung von Edwin Ernst Weber fasst die einzelnen Beiträge knapp zusammen und hilft einem so, dass Gelesene noch einmal zu rekapitulieren; zusätzlich sind teilweise im Rahmen der Tagung erfolgte Nachfragen und Ergänzungen aus dem Publikum erwähnt. Hervorhebenswert am gesamten Band ist die üppige Ausstattung mit Farbabbildungen guter Qualität (insbesondere auch aus Handschriften wie etwa dem erwähnten St. Galler Verbrüderungsbuch). Hier macht oft schon allein das Betrachten großen Spaß. Alles in allem ist so ein schönes regionalgeschichtliches Buch entstanden, das allen Frühmittelalterinteressierten ans Herz gelegt werden kann.

Edwin Ernst Weber, Thomas Zotz (Hrsg.): Herrschaft, Kirche und Bauern im nördlichen Bodenseeraum in karolingischer Zeit. Stuttgart, Kohlhammer, 2020 (Oberschwaben – Forschungen zu Landschaft, Geschichte und Kultur 5), 208 Seiten.
ISBN: 978-3-17-038328-9

 


Genre: Geschichte

Gefangene der Zeit

Sowohl menschliches Handeln allgemein als auch die Geschichtsschreibung, die auf Vergangenes zurückblickt, sind immer ihrer Zeit verhaftet – das ist die Prämisse, die als eine Art lose Klammer die Texte zusammenhält, die in Christopher Clarks Aufsatzband Gefangene der Zeit versammelt sind. Wenn der Untertitel dabei suggeriert, dass Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump behandelt werden, ist das etwas zu hoch gegriffen, denn der Schwerpunkt liegt, passend zu den Forschungsinteressen des mittlerweile einem breiten Publikum bekannten Historikers, auf dem 18. bis 21. Jahrhundert. Der rote Faden, der die recht heterogene Zusammenstellung verbindet, ist eher dünn, aber das heißt nicht, dass die Lektüre sich nicht lohnt.

Das von allen Texten zuletzt entstandene Vorwort: Wie aus Gegenwart Geschichte wird nimmt die gerade grassierende Corona-Pandemie in den Blick, die Historikerinnen und Historiker der Neuzeit zwingt, sich stärker mit einer Seuche auseinanderzusetzen, als sie es Clarks Einschätzung nach gemeinhin tun. Im ersten eigentlichen Aufsatz Der Traum des Nebukadnezar oder Gedanken über die Macht geht es weniger um Nebukadnezar als historische Persönlichkeit und mehr um die biblische Geschichte, in der Daniel dem babylonischen Herrscher einen Traum deutet, in dem für Clark der unlösbare Konflikt zwischen dem Streben nach (dauerhafter) Macht und der menschlichen Endlichkeit und Sterblichkeit exemplifiziert ist.

Der nächste Essay, der sich mit dem Deutschland des 18. und 19. Jhs. befasst, bedeutet also einen großen zeitlichen Sprung: In Die Juden und das Ende aller Tage geht es um überwiegend erfolglose protestantische Bestrebungen, Menschen jüdischen Glaubens zum Christentum zu bekehren und dabei auch auf materielle Anreize zu setzen. Die Frage Welche Bedeutung hat eine Schlacht? stellt sich Clark dagegen in einem Vortrag, der zwar anlässlich einer Konferenz zur Schlacht bei Hastings gehalten wurde, sich aber primär mit Ereignissen des 16. und 19. Jahrhunderts befasst.

Als Frage formuliert ist auch der Titel des nächsten Beitrags, Von Bismarck lernen?, in dem Clark nicht nur imaginiert, wie wohl ein Managementratgeber aus der Feder Otto von Bismarcks aussehen würde, sondern auch herausarbeitet, inwieweit dieser in heutiger Zeit von Personen als Vorbild betrachtet wird, die für einen autoritären Politikstil plädieren (und dabei die Zeit- und Systemgebundenheit von Bismarcks eben nicht immer nachahmenswerter Handlungsweise gern verkennen). Findet man hier noch viel Bekanntes wieder, geht es in Liebesgrüße aus Preußen. Fanatismus, Liberalismus und Öffentlichkeit im Königsberg der 1830er Jahre in eher unvertraute Winkel der preußischen Geschichte, wenn ein Skandal um sektiererische Religiosität und eine den Sitten der Zeit widersprechende Sexualmoral nachgezeichnet wird.

Der Kaiser und sein Biograph dagegen ist eine Art erweiterter Rezension von John Röhls mehrbändiger Biographie Wilhelms II. und Reflexion darüber, inwieweit Röhls eigener Lebensweg zwischen Großbritannien und Deutschland sich auf sein wissenschaftliches Arbeiten ausgewirkt haben mag. Dem Thema der Biographie bleibt auch der folgende Aufsatz Leben und Tod des Generalobersten Blaskowitz treu, der am Beispiel eines Offiziers in der Nazizeit verdeutlicht, dass selbst manche Personen, die punktuell Kritik an Gräueltaten übten, in anderer Hinsicht die Terrorherrschaft weiter mittrugen, so dass eine Dichotomie zwischen überzeugten Nazis und Widerstand zu kurz greift, um die tatsächlichen Verhältnisse zu erfassen. Mit derselben Epoche befassen sich auch die Psychogramme aus dem Dritten Reich, wobei der Titel in die falsche Richtung denken lässt, denn ein detailliertes Persönlichkeitsbild wird eigentlich nur von Himmler geliefert, während Hitler mittelbar in einem Abwägen verschiedener historiographischer Einschätzungen gegeneinander erscheint. Ansonsten stehen weniger Individuen im Mittelpunkt als die Strategie der Führungsriege der Nazis, mit alten gesellschaftlichen Eliten zu kooperieren und deren Lebensstil bis zu einem gewissen Grade zu kopieren.

Thematisch ganz anders ist Die Zukunft des Krieges gelagert; hier geht es ausgehend von einem Beispiel aus dem 18. Jahrhundert, aber auch unter Einbeziehung von Science-Fiction und modernen Sachtexten, um Vorhersagen künftiger kriegerischer Konflikte. Naturgemäß sind auch solche Blicke nach vorn von ihrer jeweiligen Gegenwart geprägt und darum in vielen Fällen alles andere als zutreffend. Mit Hoch in heiterer Luft (einer Laudatio auf Jürgen Osterhammel) und Nachruf auf einen Freund (einem Nachruf auf Christopher Bayly) folgen zwei Texte, die jeweils das Wirken eines Historikers umfassend würdigen. Beide Kollegen von Christopher Clark haben das Interesse an der Überwindung eurozentrischer Perspektiven in der Geschichtswissenschaft gemeinsam.

Dagegen widmet sich Clark in Von Nationalisten, Revisionisten und Schlafwandlern Kritik an seinem eigenen Werk Die Schlafwandler. Den offenbar mehrfach geäußerten Vorwurf, er würde darin die deutsche Schuld am Ersten Weltkrieg relativieren, hält er für verfehlt. Vielmehr sei es ihm darum gegangen, aufzuzeigen, dass die deutsche Kriegstreiberei auf fruchtbaren Boden fallen konnte, weil auch in anderen Ländern ein vergleichbar imperialistisches Gedankengut vorherrschte, und die insbesondere im englischen Sprachraum noch gängige Glorifizierung dieses Krieges als verfehlt zu entlarven.

Der abschließende Text Unsichere Zeiten bietet einen Blick auf unsere Gegenwart, in der die alten Gewissheiten des 20. Jahrhunderts ins Wanken geraten und die internationale Politik – erörtert insbesondere am Beispiel von Donald Trump und seinem schwankenden Verhältnis zu Kim Jong Un – unberechenbarer denn je wirkt. Clark sieht einen zentralen Grund dafür darin, dass die bis vor wenigen Jahrzehnten von vielen Menschen geteilte Zukunftsvision eines unaufhaltsamen Fortschritts hin zu immer mehr Demokratie, Wohlstand und technologischer Perfektion an Strahlkraft verloren und stattdessen angstvollen Endzeitszenarien aller Art Platz gemacht habe. So mündet die Betrachtung der Vergangenheit in diesem Buch letztendlich in den Aufruf, über die Zukunft nachzudenken und gerade in unserer Zeit voller Krisen und Unwägbarkeiten neue Pläne und Hoffnungen zu entwickeln – ein beachtenswerter Denkanstoß.

Die Übersetzung von Norbert Juraschitz transponiert Clarks eingängigen Stil insgesamt überzeugend ins Deutsche, trifft aber an einigen Stellen nicht immer exakt den passenden Ausdruck (wenn z.B. behauptet wird, Hitler habe gern „seine eigenen Wasserfarben“ [S. 217] verschenkt, fragt man sich, ob nicht doch eher Aquarelle im Sinne von Bildern – englisch watercolours – gemeint sein könnten). Auffällig ist auch, dass dort, wo dasselbe Zitat in unterschiedlichen Aufsätzen zweimal auftaucht, jedes Mal eine andere Übersetzung gewählt wird (so etwa drohte Kim Jong Un je nach Version entweder eine „schockierende, wirkliche Maßnahme“ [S. 256] an oder mit einer „schockierenden eigentlichen Aktion“ [S. 318]). Hier hätte man sich ein etwas genaueres Lektorat gewünscht.

Christopher Clark: Gefangene der Zeit. Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump. München, DVA, 2020, 336 Seiten.
ISBN: 978-3-421-04831-8


Genre: Geschichte

1066. Englands Eroberung durch die Normannen

Die Eroberung Englands durch die Normannen im Jahre 1066 gilt bis heute als wichtige Zäsur nicht nur in der britischen, sondern in der europäischen Geschichte insgesamt und verfügt mit dem Teppich von Bayeux auch über eine der eindrucksvollsten historischen Quellen überhaupt. Entsprechend viel ist zu dem Thema schon geschrieben worden. Dominik Waßenhoven fügt mit 1066 dieser Literatur eine kompakte, transparent quellenkritische und gut lesbare Einführung hinzu, die allerdings an einer nicht hundertprozentig einleuchtenden Entscheidung bezüglich der Darstellungsreihenfolge krankt.

Das Positive zuerst: Waßenhoven beschreibt mit viel Sachverstand Ursachen, Verlauf und Folgen des Konflikts, der in der Schlacht bei Hastings (14. Oktober 1066) zwischen dem normannischen Herzog Wilhelm dem Eroberer und dem angelsächsischen König Harold Godwinson, der dabei den Tod fand, kulminierte. Besonders greifbar werden in seiner Schilderung die engen familiären, diplomatischen, aber auch immer wieder kriegerischen Kontakte, die es zwischen den Eliten Englands, der Normandie und Skandinaviens im 11. Jahrhundert gab. England selbst erscheint als einerseits erfolgreich kosmopolitisches und vielsprachiges, andererseits aber auch von Machtkämpfen der Führungsschicht in sich zerrissenes Gebiet, in dem schon zwischen den kurz aufeinanderfolgenden Eroberungsversuchen durch Harald den Harten von Norwegen (der bei Stamford Bridge scheiterte) und durch Wilhelm (der erfolgreich war, seine Herrschaft aber auch nach Hastings noch brutal gegen erhebliche Widerstände durchsetzen musste) nicht unbedingt Ruhe und Frieden herrschten. Rücksichtslosigkeit oder gar Grausamkeit war dabei auf allen Seiten nicht nur gegenüber politischen Gegnern – bisweilen einschließlich eigener Verwandter – an der Tagesordnung, sondern auch im Umgang mit der einfachen Bevölkerung.

Dass gerade Wilhelm sich durchsetzen konnte, war mithin nicht vorgezeichnet, und Waßenhoven macht eindringlich deutlich, dass die von ihm bejahte Charakterisierung von 1066 als „Epochenjahr“ (S. 117) sich daraus ergibt, dass die Eroberung Englands durch die Normannen und daraus resultierende Vereinigung der Herrschaft über England und die Normandie längerfristig Bestand hatten, was mehreren historischen Zufällen geschuldet war.

Diesem Bewusstsein, dass die Konsolidierung von Wilhelms Herrschaft nach 1066 letztlich entscheidender war als die Eroberung an sich, ist möglicherweise auch der Einfall geschuldet, die chronologische Nacherzählung und Deutung der Ereignisgeschichte mit einem eigenen Kapitel zum Thema Legitimation und Interpretation zu durchbrechen, das zwischen der Darstellung des Widerstands gegen Wilhelm nach 1066 und dem abschließenden Abschnitt über die Folgen der Eroberung eingefügt ist. Waßenhoven untersucht darin minutiös, wie Wilhelms und Harolds Thronansprüche jeweils begründet wurden, und kommt zu dem interessanten Schluss, dass angesichts von Unterschieden im normannischen und angelsächsischen Recht durchaus beide Männer jeweils davon ausgegangen sein könnten, der legitime Nachfolger Eduards des Bekenners zu sein.

Aufgrund der Auslagerung dieser Überlegungen in ein eigenes Kapitel fehlen jedoch Eduards Nachfolgeregelungen (die vermutlich erst Wilhelm, dann Harold bevorzugten) in den ansonsten relativ linear aufgebauten Ausführungen zum Vorlauf der Eroberung. Wilhelms Entschluss, in England einzufallen, wird hier zunächst nicht weiter motiviert. In einer Einführung, die ansonsten – auch dank eines Glossars und übersichtlicher Stammbäume und Karten – sehr gut darauf ausgelegt ist, einem fachfremden Publikum ohne größere Vorkenntnisse das Verständnis der historischen Vorgänge zu erleichtern, ist diese Auskoppelung darum nicht auf den ersten Blick nachvollziehbar.

Sieht man von diesem Detail ab, bietet 1066. Englands Eroberung durch die Normannen jedoch einen soliden Überblick, der sich für alle eignet, denen etwa Jörg Peltzers empfehlenswertes ausführlicheres Buch über dieselben Ereignisse zu umfangreich ist.

Dominik Waßenhoven: 1066. Englands Eroberung durch die Normannen. München, C.H. Beck, 2016, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-406-69844-6


Genre: Geschichte

Reise zum Ursprung der Welt

Heliopolis, am Südostrand des Nildeltas gelegen, war jahrtausendelang ein bedeutendes Heiligtum. Anders als bei den bekannten oberägyptischen Tempeln ist von aller Pracht und Herrlichkeit jedoch bis auf einen einzigen noch aufrecht stehenden Obelisken wenig offen Sichtbares erhalten geblieben. Heute liegt Heliopolis in der Millionenmetropole Kairo und ist nicht nur von modernen Baumaßnahmen, sondern auch von einem steigenden Grundwasserspiegel bedroht. Das klingt zunächst einmal eher unspektakulär, doch mit dem Urteil läge man falsch, wie Dietrich Raue in Reise zum Ursprung der Welt beweist. Mit der Darstellung der Geschichte von Heliopolis und der neueren Ausgrabungen dort, die vor allem durch die Auffindung einer Kolossalstatue Psammetichs I. 2017 mediale Aufmerksamkeit fanden, ist ihm ein beeindruckendes Buch gelungen, das den Reiz der Ägyptologie über Fachgrenzen hinaus nachempfindbar macht.

Heliopolis (altägyptisch: Junu) galt den alten Ägyptern nicht nur als Ort der Schöpfung oder vielmehr Emanation der Welt durch den Gott Atum, sondern war auch eng mit dem Mythos um Isis, Osiris, Seth und Horus verbunden, einer Geschichte also, die unter anderem von der Durchsetzung rechtmäßiger Erbansprüche gegen eine gewaltsame Usurpation handelt. Dadurch gewann Heliopolis eine zentrale Bedeutung für die Herrschaftslegitimation. Nur ein König, der sich hier überzeugend als Garant der rechten Weltordnung inszenieren konnte, hatte Aussichten, dauerhaft an der Macht zu bleiben. Das ganz irdische Heliopolis war darum von Anfang an auch mit dem Heliopolis der religiösen, politischen und nicht zuletzt auch literarischen Vorstellungswelt verknüpft.

Es ist diese Koppelung der Imagination an einen realen Ort, die Raue im ersten Teil des Buchs – Auf der Suche nach dem Ursprung der Welt – eindringlich heraufbeschwört. Dicht an den Quellen arbeitend, macht er das aus heutiger Sicht oft fremdartig anmutende Weltbild des alten Ägypten mit seiner Fülle von Gottheiten (die auch durchaus schon einmal in Hundertfüßergestalt auftreten konnten) fass- und nachvollziehbar.

Der zweite, unter Mitarbeit von Aiman Ashmawy verfasste Teil – Kleine Geschichte eines großen Tempels – schildert chronologisch die Entwicklung des Tempels von Heliopolis, die schon im 4. Jahrtausend v. Chr. mit der Entstehung einer Siedlung an einem topographisch markanten Punkt begann, an dem es ab dem 3. Jahrtausend ein Heiligtum mit enger Anbindung an das Königshaus gab. Jahrhundertelang verewigten sich hier Pharaonen durch Stiftungen, Statuen und Inschriften oder ließen bauliche Erneuerungen größeren und kleineren Umfangs vornehmen. Wichtig war dabei oft auch der Rückgriff auf ältere Kunststile oder Sprachstufen, um die eigene Verbundenheit zur Tradition zu betonen und das jeweilige Jetzt als eine Art Renaissance einer vermeintlich guten alten Zeit zu präsentieren.

Erst im Hellenismus setzte – vermutlich nach Zerstörungen durch die Perser – der Niedergang von Heliopolis ein. Von der römischen Antike an wurden Kunstwerke wie z.B. Obelisken an andere Orte verschleppt, und die Tempelgebäude dienten als Steinbruch. Noch im islamischen Mittelalter wurden Steine aus Heliopolis in Kairo verbaut, doch zugleich gab es in dieser Zeit erste Stimmen, die sich gegen eine Zerstörung der altägyptischen Bauwerke wandten und ihren Wert als Zeugnisse vergangener Epochen betonten. Das andere, literarische Heliopolis bestand jedoch bis in die Neuzeit fort und wurde immer wieder aktuellen religiösen und ideellen Gegebenheiten angepasst. Beispielsweise existieren örtliche Überlieferungen, die Heliopolis mit dem aus dem Alten Testament bekannten Joseph in Verbindung bringen und ihn gar auf erhaltenen Reliefs dargestellt sehen wollen.

Gerade der schlechte Erhaltungszustand der Stätte, die nur über ein kleines Freilichtmuseum verfügt und nicht zu den großen Touristenattraktionen Ägyptens zählt, bringt sie aber immer wieder mit der umliegenden modernen Großstadt und ihrem Bedarf an Bauland (oder auch an Platz für Müllkippen) in Konflikt, so dass sich die heutigen Ausgrabungen, zu deren Leitern Dietrich Raue zählt, oft schwierig gestalten. Auch die unsicheren politischen Verhältnisse machen den Archäologen ihre Tätigkeit nicht einfacher. Dennoch berichtet Raue mit viel Begeisterung von seinen Forschungsergebnissen und -erlebnissen, oft auch mit merklichem Sinn für Situationskomik (wenn etwa bei der Arbeit mit ausgebüxten Kühen oder Schafbockattacken gerechnet werden muss).

Dank der üppigen Bebilderung und insgesamt gelungenen Gestaltung des Buchs stimmt auch der äußere Rahmen für diesen Ausflug in ferne und jüngere Zeiten, der neben der titelgebenden Reise zum Ursprung der Welt auch eine schrittweise Rückreise ins Heute umfasst und ein großes Lektürevergnügen nicht nur für Archäologiebegeisterte bietet.

Dietrich Raue: Reise zum Ursprung der Welt. Die Ausgrabungen im Tempel von Heliopolis. Unter Mitarbeit von Aiman Ashmawy. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2020, 384 Seiten.
ISBN: 978-3-8053-5252-9


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur