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Mérovingiens dans le Jura

Ein schmales, ursprünglich als Ausstellungebegleitband konzipiertes Heftchen über die Merowinger im Jura – kann man daraus überhaupt etwas über die Epoche lernen? Sehr viel sogar, denn in Sachen Alltagsgeschichte der Merowingerzeit sind nur wenige Bücher so anschaulich wie Mérovingiens dans le Jura, was nicht allein den gelungenen Rekonstruktionszeichnungen von Nicolas Weis zu verdanken ist. Vielmehr werden hier auf ein allgemeines Publikum zugeschnitten, aber punktuell erstaunlich detailliert wesentliche Aspekte des Alltagslebens im französischen Jura zwischen 400 und 600 n.Chr. vorgestellt.
Zu Beginn des Frühmittelalters zunächst burgundisches Gebiet, fiel der Jura 534 an die Franken, die sich mit der ansässigen Bevölkerung aus Romanen und Burgundern bald vermischten und den weiterbestehenden regionalen Traditionen z.B. neue Bestattungssitten hinzufügten. Die Gräberfelder von Crotenay, Monnet-la-Ville, Largillay und Saint-Vit bilden dementsprechend auch Schwerpunkte der archäologischen Erforschung und verraten viel über den körperlichen Zustand der damaligen Bevölkerung. Während manche Erkrankungen wie Karies oder Krebs auch in der heutigen Zeit noch wohlbekannt sind, deuten die Kampfverletzungen, die manche Skelette aufweisen, auf sehr unruhige Zeiten vor 1500 Jahren hin. Schmuck, Waffen, Gefäße und Trachtbestandteile, die als Grabbeigaben gefunden wurden, sind in qualitativ hochwertigen Fotos präsent, auf denen sich auch Details noch gut erkennen lassen. Eine lokale Besonderheit sind dabei die insbesondere in Kirchen gefundenen Steinsarkophage.
Nach welchem standardisierten Prinzip diese hergestellt wurden, ist in Grafiken ebenso liebevoll aufbereitet wie die Technik der oft filigranen Tauschierungen, mit denen etwa prunkvolle Gürtelschnallen verziert sind. Auch die Herstellung von Klingen und Geschirr wird gut nachvollziehbar geschildert. Erkenntnisse aus der experimentellen Archäologie kommen ebenfalls nicht zu kurz (so beispielsweise, wie lange es dauert, die in manchen Gräbern in Fragmenten erhaltenen Textilien nachzuweben – bei einem 33 cm breiten Webstück mit Rautenmuster schafft man in der Stunde offenbar etwa 10 cm, nicht eingerechnet das aufwendige Bespannen des Gewichtswebstuhls).
Etwas knapper abgehandelt als die Handwerkstechniken werden die Christianisierung (die sich nicht nur in Heiligenviten und Kirchenbauten, sondern auch im Auftauchen biblischer Motive in der Kunst niederschlug – so ist etwa Daniel in der Löwengrube auf einem Bronzebeschlag zu sehen) sowie Wohnverhältnisse und Landwirtschaft (am Beispiel eines in Pratz ergrabenen Bauernhofs mit Brunnen und Schmiede, auf dem neben Viehzucht und Ackerbau auch die Jagd eine Rolle spielte und offenbar Tauschhandel mit recht entfernt gelegenen Regionen betrieben wurde).
Trotz dieser Ungleichgewichtung der Themen bietet der von einer knappen Liste weiterführender Literatur abgerundete Band gerade auch durch seine reiche Bebilderung die Möglichkeit, der Lebenswelt von Durchschnittsmenschen in der Merowingerzeit abseits von Königshöfen und Klöstern ungewöhnlich nahe zu kommen. Wer sich nicht auf die hier bestenfalls kursorisch gestreifte Ereignisgeschichte konzentrieren möchte, sondern lieber wissen will, wie die beeindruckenden archäologischen Funde aus dem frühen Mittelalter entstanden sind und eingesetzt wurden, findet hier einen optimalen niedrigschwelligen Zugang, der nicht nur beim Lesen, sondern auch beim Betrachten immer wieder viel Freude macht.

Marie-Jeanne Roulière-Lambert, Gilles Desplanque, Henri Gaillard de Sémainville (Hrsg.): Mérovingiens dans le Jura. Lons-le-Saunier, Centre Jurassien du Patrimoine / Musée d’archéologie, 2004, 64 Seiten.
ISBN: 2905854421


Genre: Geschichte

Die andere Geschichte der Bibel

Er sei, so Robin Lane Fox in seinem Vorwort zu seiner Monographie Die andere Geschichte der Bibel, Atheist und glaube „an die Bibel, nicht aber an Gott“ (S. 8). Wer auf dieser Basis nun damit rechnet, in dem Buch, das historischen Kontext und Quellenwert der Bibel zum Thema hat, eine polemische Streitschrift à la Richard Dawkins zu finden, irrt, denn ein Großteil von dem, was Robin Lane Fox hier darlegt, dürfte auch für mit der historisch-kritischen Methode vertraute Gläubige nicht weiter aufsehenerregend sein.
Der Autor schildert die mehrere Jahrhunderte umfassende Entstehung der Bibel aus unterschiedlichen Texten und weiß anschaulich zu machen, dass in einer Epoche, die nur Schriftrollen als Bücher kannte, die Zusammensetzung einer Sammlung heiliger Schriften durchaus immer wieder wechseln konnte, so dass sich erst allmählich ein Kanon hinausbildete. Während er mehrere Bücher der Bibel (so etwa Hiob und Esther) als gezielt erstellte fiktive Erzählungen einstuft und weitere als zumindest literarisch überformt und in sich widersprüchlich betrachtet (z.B. die Weihnachtsgeschichte des Lukas), sieht er in anderen durchaus auf Augenzeugenberichten basierende Quellen von historischem Wert (im Alten Testament vor allem in den Geschichten vom Hof Davids, im Neuen Testament im Johannesevangelium und Teilen der Apostelgeschichte). Diese vom Untertitel – Fakt und Fiktion in der Heiligen Schrift – hervorgehobene Überprüfung der biblischen Texte auf Tatsachen macht allerdings nur einen Teil des Buchs aus, denn Lane Fox ist es noch um eine andere Form von Wahrheit in der Bibel zu tun – das, was er „menschliche Wahrheit“ nennt. Als Atheist negiert er zwar die religiöse Bedeutung der Bibel für sich selbst, hält sie aber durchaus für aussagekräftig hinsichtlich ihres Blicks auf die conditio humana. Seine Überlegungen dazu, und insbesondere auch der Vergleich mit der altgriechischen Perspektive, bleiben allerdings im Ansatz stecken. Hier wäre vielleicht doch der literaturwissenschaftliche Zugang sinnvoll gewesen, an dem Lane Fox ansonsten kein gutes Haar lässt (wie auch an anderen Formen der Bibeldeutung, die ihm nicht ausreichend begründet scheinen, wie z.B. der feministischen Theologie).
Angesichts der abschätzigen Bemerkungen, die der Verfasser darüber mehrfach macht, kann man sich eigentlich nur wundern, dass er es selbst manchmal an Stringenz und Nachvollziehbarkeit fehlen lässt. Wer anderen von mangelnder Quellenkritik bis hin zu Wunschdenken alle möglichen methodischen Schwächen unterstellt, sollte umgekehrt seine Prämissen und Wertungskriterien expliziter zu machen, als es hier geschieht. Wenn Lane Fox z.B. die vielfach als eher symbolisch zu verstehen interpretierte Geschichte um Hosea und seine untreue Frau als historisch glaubwürdig einstuft, wünscht man sich eine argumentative Begründung dafür, statt nur die Einschätzung des Autors wie ein Faktum präsentiert zu bekommen.
Darüber hinaus haben sich einige Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen. So ist bei der Analyse des Buches Esther z.B. von „dem Juden Haman“ (S. 362) die Rede, während Haman in der Bibel eigentlich als äußerer Gegner der Juden, nicht als abtrünniger Glaubensbruder erscheint. Auch die Angabe, dass „Daniel (…) in einen glühenden Feuerofen geworfen wird“ (S. 430), überrascht, denn im Buch Daniel erleiden eigentlich drei andere Männer (Schadrach, Meschach und Abed-Nego) dieses Schicksal.
In einem 2018 verfassten Nachwort geht Lane Fox auf neuere Entwicklungen in der Wissenschaft ein (so etwa auf die archäologischen Forschungen von Finkelstein und Silberman, deren Schlüssen er kritisch gegenübersteht), legt aber zugleich auch ein gesundes Selbstbewusstsein an den Tag. Ob man seinem eigenen Werk z.B. vollmundig „die Energie und den Schwung (…), von denen sich die Leser anhaltend angetan zeigten“ (S. 539), bescheinigen muss, sei einmal dahingestellt.
Was man insgesamt von Der anderen Geschichte der Bibel halten soll, weiß man daher am Ende nicht so recht. Lane Fox ist auf seinen Kerngebieten – der griechischen und römischen Geschichte – eindeutig überzeugender als hier, und auch wenn die Lektüre passagenweise lohnend ist, sollte sie durchaus mit kritischem Blick erfolgen.

Robin Lane Fox: Die andere Geschichte der Bibel. Fakt und Fiktion in der Heiligen Schrift. Stuttgart, Klett-Cotta, 2019 (Original: 1991), 624 Seiten.
ISBN: 9783608981162


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Welterbe Limes

Beim Stichwort „Limes“ denken die meisten historisch Interessierten vermutlich zuallererst an die reichhaltigen Römerfunde in Hessen, die – publikumswirksam etwa im rekonstruierten Kastell Saalburg präsentiert – eine große Breitenwirkung entfalten. Der im heutigen Bayern gelegene Teil der Nordostgrenze des Römischen Reichs tritt demgegenüber in der allgemeinen Wahrnehmung oft etwas in den Hintergrund. Bernd Steidls Welterbe Limes. Roms Grenze am Main richtet sein Augenmerk ganz gezielt auf diesen oft übersehenen Bereich und weiß für ein allgemeines Publikum deutlich zu machen, wie viel Spannendes und Besonderes es auch an der einstigen Maingrenze zu entdecken gibt.
Begonnen mit dem 2. Jahrhundert v. Chr., in dem germanische Gruppen allmählich die bisherige keltische Bevölkerung verdrängten oder überlagerten, wird zunächst die Geschichte der Mainregion bis zur Eroberung durch die Römer und Errichtung des Limes skizziert. Den zentralen Teil des Buchs bildet dann jedoch unter der Überschrift Leben am Limes eine Folge thematisch geordneter Kapitel, in denen von der Bevölkerungszusammensetzung über die Infrastruktur und Wirtschaft bis hin zu Religion und Alltag alle wichtigen Aspekte des Daseins an der Außengrenze einer römischen Provinz abgehandelt werden. Den Abschluss der einzelnen Kapitel bildet dabei jeweils die Untersuchung eines bestimmten Fundorts, der für den Gegenstand des gerade gelesenen Abschnitts besonders relevante Forschungsergebnisse erbracht hat (z.B. Obernburg, Stockstadt oder Miltenberg).
Abschließend wird der Niedergang der römischen Herrschaft und damit auch des Limes geschildert und der Blick auf die Entwicklung der Region im Mittelalter gelenkt, das römische Steindenkmäler nicht nur als Baumaterial nutzte, sondern auch für aus heutiger Sicht amüsante Kuriosa verantwortlich zeichnet (z.B. wird ein Apollorelief vorgestellt, das man im Mittelalter mit mehr christlicher Frömmigkeit als Kunstsinn zum Heiligenbild umarbeitete). Mit der Renaissance dagegen wird wieder ein Interesse an der Antike um ihrer selbst willen erkennbar. Eine Zeittafel und ein Glossar runden den Band als nützliche Ergänzungen ab.
Gar nicht genug hervorheben kann man dabei die Anschaulichkeit, mit der die Antike und ihr Erbe hier im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar gemacht werden. Das ist nicht nur den qualitätvollen Fotos der archäologischen Funde zu verdanken. Vielmehr erlauben auch Luftaufnahmen mit eingezeichneten Gebäudegrundrissen bzw. antiken Straßen- und Grenzverläufen, die Topographie der Römerzeit mit der heutigen ganz konkret zu vergleichen. Die lebendigen Rekonstruktionsdarstellungen von Christoph Haußner tragen zusätzlich zur Vergegenwärtigung bei. Auf dieser Ebene hat Welterbe Limes auch manch einer Publikation aus größeren Verlagshäusern etwas voraus und macht so nicht nur beim Lesen, sondern auch beim Betrachten ungeheuer viel Spaß.
Wer tiefer ins Thema römische Maingrenze einsteigen möchte, findet in der Aufsatzsammlung Römer und Germanen am Main, die vom selben Autor stammt, eine wissenschaftliche Aufbereitung der auch hier behandelten archäologischen Funde.

Bernd Steidl: Welterbe Limes. Roms Grenze am Main. Mit Beiträgen von Ludwig Wamser und Horst Zimmerhackl. Obernburg am Main, Logo Verlag, 2008, 300 Seiten (Ausstellungskataloge der Archäologischen Staatssammlung München 36).
ISBN: 978393462064


Genre: Geschichte

Die Templer

Kaum ein mittelalterlicher Ritterorden ruft so viele Assoziationen wach wie die Templer. Vor allem ihre brutale Auslöschung durch den französischen König Philipp IV. im frühen 14. Jahrhundert und die im Zuge dessen erhobenen Ketzereivorwürfe trugen dazu bei, dass bis heute munter über vermeintliche mystische Geheimnisse der Tempelritter oder gar ein Überdauern ihrer Organisation im Verborgenen spekuliert wird.
Derart haltlosen Phantastereien tritt der Journalist und Historiker Dan Jones in seinem von Andreas Nohl kongenial übersetzten Buch Die Templer. Aufstieg und Untergang von Gottes heiligen Kriegern mit aller Entschiedenheit entgegen. Zugleich beweist er jedoch, dass sich die Geschichte der Templer auch abseits aller mehr oder minder abstrusen Legenden packend und lebendig erzählen lässt. Die vier großen Abschnitte seiner Darstellung sind mit den Rollen betitelt, die die Tempelritter in der Realität einnahmen: Waren die ersten von ihnen als bewaffnete Pilger nach Jerusalem gekommen, wirkten sie im Ringen ums Heilige Land bald dauerhaft als Soldaten, die aber daneben dank ihres geschickten Umgangs mit eigenem und fremdem Geld als Bankiers geschätzt waren. Das alles bewahrte sie jedoch nicht davor, als Ketzer zu enden.
Der Fokus der Erzählung liegt auf der Ereignisgeschichte vor allem im Heiligen Land und später – in der Endphase des Ordens – in Frankreich. Informationen über andere geographische Räume sowie wirtschafts- und sozialhistorische Details oder Spezialthemen wie den Burgenbau sind zwar am Rande mit eingeflochten, stehen aber eindeutig nicht im Mittelpunkt. Dafür erhält man einen auch für Laien gut verständlichen und packend geschriebenen chronologischen Überblick von den bescheidenen Anfängen der Templer bis zu ihrem betroffen stimmenden Ende.
Man merkt Dan Jones deutlich an, dass er Journalist ist: Jedes Kapitel beginnt mit einer reportagehaft ausgemalten dramatischen Szene, die geschickt das Leserinteresse bindet und als Einstieg in den jeweils geschilderten Zeitabschnitt dient. Das Thema bietet allerdings auch den idealen Stoff für dieses Vorgehen, denn die knapp zweihundert Jahre umfassende Geschichte der Kreuzfahrerstaaten im Orient ist geprägt von kriegerischen Verwerfungen, politischen Winkelzügen und beispiellosen Grausamkeiten aller beteiligten Seiten.
Insbesondere den als Individuen hervortretenden handelnden Personen – von den Meistern des Templerordens über europäische Könige auf Kreuzzug und ihre muslimischen Gegenspieler bis hin zu verschiedenen Päpsten – verleiht Jones im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht, indem er detailliert auf überlieferte Beschreibungen zurückgreift und durchaus mit breitem Pinsel typische Eigenarten und Vorgehensweisen herausarbeitet. Das mag stellenweise auf Kosten differenzierter Wertungen gehen, sorgt aber für einprägsame Bilder. Gerade für Leserinnen und Leser, die sich noch nicht näher mit den Kreuzzügen befasst haben, ist das im Prinzip ein ideales Vorgehen, denn was einem hier spannend wie in einem Roman präsentiert wird, vergisst man so schnell nicht wieder. So hat man eine solide Grundlage, um sich selbst auf die Suche nach den Zwischentönen zu machen, die Jones bewusst auslässt.
Der Epilog schließlich bietet das, worauf manch einer von Anfang an gewartet haben mag: einen knappen Überblick über das reiche Nachwirken der Templer in der Literatur vom Mittelalter an und der Populärkultur. Hier findet sich neben Sonderbarem auch viel Amüsantes.
Etwas verwirrend ist zunächst, dass sowohl mit Endnoten als auch mit Fußnoten gearbeitet wird. Doch da die Anmerkungen unter dem Fließtext in der Regel genau die Hinweise enthalten, die Laien den Zugang erleichtern, sind sie letztlich genauso nützlich wie die anderen beigegebenen Hilfsmittel (darunter reichlich Kartenmaterial und ein kleines Personenglossar).
Gerade denen, die sonst gern befürchten, dass Sachbücher über historische Themen zu kompliziert und zu trocken sein könnten, seien Die Templer daher ans Herz gelegt. Auch alle anderen Geschichtsinteressierten werden jedoch ihre Freude an der schwungvollen Darstellung haben. Denn Dan Jones zeigt kenntnisreich und voller Verve, dass das Mittelalter alles andere als langweilig war und uns auch heute noch unmittelbar ansprechen kann.

Dan Jones: Die Templer. Aufstieg und Untergang von Gottes heiligen Kriegern. München, C.H. Beck, 2019, 508 Seiten.
9783406734816


Genre: Geschichte

Das mykenische Griechenland

Der Name Mykene steht nicht nur für die bunte Sagenwelt rund um Agamemnon und seine mörderisch veranlagte Familie, sondern auch für eine ganze Epoche der altgriechischen Geschichte (ca. 1650 – 1150 v. Chr.). Die Schriftquellen sind spärlich, beschränken sie sich doch auf dürre Verwaltungsnotizen in der erst in den 1950er Jahren entzifferten Linear-B-Schrift. Umso üppiger sind die archäologischen Funde, die von den berühmten Schachtgräbern von Mykene aus der Frühzeit der Kultur bis zu den monumentalen Ruinen der erst später errichteten Paläste reichen.
Ausgehend von diesen seit Heinrich Schliemann im 19. Jahrhundert immer weiter ergrabenen und erforschten Überresten rekonstruieren die renommierten Archäologen Sigrid Deger-Jalkotzy und Dieter Hertel in Das mykenische Griechenland eine Geschichte , die mit der Einwanderung indogermanischsprachiger Gruppen begann und zunächst zur Errichtung einer Art oligarchischen Herrschaft angesehener Kriegergeschlechter führte. Wichtige Marksteine des weiteren Verlaufs sind die mykenische Eroberung des bis dahin minoisch geprägten Kreta (wohl um 1450 v.Chr.), die zur Entwicklung eines der frühgriechischen Sprache angepassten Schriftsystems nach minoischem Vorbild führte, und die Ausbildung eines Königtums, in dem neben dem wanax als König auch der lawagetas, eine Art oberster Heerführer, eine entscheidende Rolle spielte. Um 1200 wurden jedoch die von dieser Herrschaftsform geprägten Paläste (z.B. in Mykene, Pylos und Tiryns) durch Brandkatastrophen zerstört. Die Ursachen dafür sind unklar – von Fremdeinflüssen über innere Unruhen bis hin zu Naturkatastrophen wurde in der Forschung schon vieles diskutiert. Auffällig ist jedoch, dass die mykenische Kultur an sich das Ende der Paläste überdauerte und, wenngleich auf weniger komplexem Niveau, noch über ein Jahrhundert lang bestand, bis mit der Eisenzeit andere Verhältnisse anbrachen.
Reich illustriert mit Kartenmaterial, Grundrissplänen der Paläste und Abbildungen archäologischer Fundstücke zeichnet Das mykenische Griechenland diese Entwicklung anschaulich nach und informiert zudem über wirtschaftliche und soziale Verhältnisse, Beziehungen zu anderen Kulturräumen und vieles mehr.
Dabei weist das Buch allerdings eine Besonderheit auf, die man bei der Beurteilung nicht außer Acht lassen sollte: Die Autoren hatten nicht etwa von Anfang an eine Zusammenarbeit geplant. Vielmehr steuerte Hertel ein einziges, aber nicht unwichtiges Kapitel über die zweite Phase der mykenischen Palastzeit bei, das Deger-Jalkotzy krankheitsbedingt nicht verfassen konnte. Auch das wäre noch nicht weiter auffällig, wenn beide nicht in einigen nicht unwichtigen Punkten entgegengesetzter Ansicht wären (so z.B. bei der Lokalisierung des in hethitischen Texten erwähnten Aḫḫijawa, das Deger-Jalkotzy als Bezeichnung für das mykenische Griechenland allgemein wertet, während Hertel darin einen kleinasiatischen Staat sieht, in dem unter anderem auch Griechen gelebt haben mögen, oder bei der Beurteilung der Träger des Titels qasireu bzw. basileus, denen Deger-Jalkotzy eine höhere gesellschaftliche Stellung zubilligt, als Hertel es tut). So wirkt Hertels Beitrag letztlich in gewissem Maße wie ein – wenn auch sehr lesenswerter – Fremdkörper im Text, obwohl es durch seine exakte Schilderung der Palastbauten und ihrer möglichen Funktion besticht. Seine Deutungen sind dabei weniger zurückhaltend als die Deger-Jalkotzys und stellenweise spekulativ (so ist es z.B. natürlich eine verlockende Interpretation, wenn er von den jeweils in den mykenischen Palästen vorhandenen zwei Thronräumen einen dem wanax, den anderen dem lawagetas zuweist, doch wird dabei m.E. zu wenig berücksichtigt, dass ein und dieselbe Person nicht unbedingt auf die Nutzung eines speziellen Raums beschränkt gewesen sein muss; denkbar wäre auch, dass der wanax in verschiedenen sozialen, kultischen und administrativen Kontexten unterschiedliche Räume nutzte, in denen seine besondere Stellung auf ähnliche Art hervorgehoben war).
Eine Gesamtbewertung fällt daher schwerer als bei Monographien, die komplett aus einem Guss sind. Wenn man mit dem Phänomen einer quasi buchintern ausgetragenen Forschungsdebatte allerdings leben kann, lohnt sich die Lektüre, die eine solide und kenntnisreiche Einführung in eine spannende und in vielen Zügen noch immer rätselhafte Zeit bietet.

Sigrid Deger-Jalkotzy, Dieter Hertel: Das mykenische Griechenland. Geschichte, Kultur, Stätten. München, C. H. Beck, 2018, 144 Seiten.
ISBN: 9783406727269


Genre: Geschichte

Mysterienkulte der Antike

Neben der eng mit Stadt und Staat verknüpften offiziellen Verehrung des griechisch-römischen Pantheons und der rein privaten Frömmigkeit fand sich in der Antike noch eine dritte wichtige Form der Religionsausübung: Mysterienkulte verhießen den Eingeweihten eine besondere Nähe zu speziellen Gottheiten und gestatteten ihnen, ihren Glauben gemeinschaftlich mit anderen zu leben. Nicht zuletzt aufgrund der Ansätze zu einer Gemeindestruktur und der Jenseitshoffnungen, die oft mit den Mysterien verknüpft waren, sind immer wieder Parallelen zwischen diesen Kulten und dem frühen Christentum gezogen worden.
Hans Kloft blendet diese Perspektive in seiner ebenso kompakten wie kenntnisreichen Einführung Mysterienkulte der Antike nicht aus, warnt aber zu Recht davor, das Phänomen der Mysterienkulte ausschließlich aus dem Wissen um den letztendlichen Triumph des Christentums heraus zu deuten. Vielmehr zielt er auf eine Einordnung in den breiteren Kontext antiker Religiosität ab. Fallstudienartig stellt er zu diesem Zweck zunächst fünf bedeutende Mysterienkulte ausführlich vor, nämlich die der Demeter, des Dionysos, der Isis, der Kybele und des Mithras (andere Kulte, wie z.B. der der Kabiren, werden im weiteren Verlauf eher kursorisch abgehandelt).
Mit allen gebührenden Einschränkungen – kein Kult vereint idealtypisch alle Elemente – entwickelt der Autor daraus ein Schema dessen, was die Mysterienkulte ausmachte. Zumeist stand eine auch in der öffentlichen Religionsausübung der jeweiligen Herkunftsregion verehrte Gottheit im Mittelpunkt. Häufig war sie im Spannungsfeld um Fruchtbarkeit, Tod und neues Leben angesiedelt. In einer bisweilen mehrstufigen Initiation erwarben die Mysten ein besonderes Geheimwissen über diese Gottheit, das Aussicht auf ein besseres Dasein im Jenseits, aber auch ethische Regeln fürs diesseitige Leben und Kontakt zu Gleichgesinnten über die sozialen Barrieren des Alltags hinweg ermöglichte. Das Verhältnis zu den herrschenden Eliten blieb ambivalent: Punktuelle Verfolgungen (wie sie z.B. den Isiskult im republikanischen Rom nach einem Skandal um sexuellen Missbrauch trafen) standen einer Förderung der Mysterien durch die Mächtigen gegenüber. So wussten sich etwa verschiedene hellenistische Herrscher dem Dionysoskult besonders verbunden.
Ohnehin waren Hellenismus und Römerzeit mit ihren ausgedehnten Reichen, in denen Soldaten, Kaufleute, Seefahrer und Sklaven weit herumkamen, der Ausbreitung der Mysterien förderlich. Dem Christentum mit seiner strafferen Organisationsstruktur und nicht zuletzt auch seiner schriftlichen Grundlage, die eine Tradierung sehr erleichterte, war die bunte Vielfalt von Kulten jedoch letztlich nicht gewachsen. Mit dem Glauben ging in diesem Fall auch das nur einem begrenzten Personenkreis zugängliche Wissen um seine konkreten Inhalte unter. Kloft weiß durchaus den Reiz dieser Rätselhaftigkeit heraufzubeschwören, obwohl er in seinen Deutungen angenehm nüchtern bleibt und vor Generalisierungen und übertriebenen Spekulationen warnt. So führt er wissenschaftlich redlich und doch mit feinem Gespür für die Schönheit des Geheimnisvollen und nicht mehr Erforschbaren an das komplexe religionshistorische Phänomen heran. Kein Wunder also, dass die Mysterienkulte der Antike schon ihre fünfte Auflage erleben!

Hans Kloft: Mysterienkulte der Antike. München, C.H. Beck, 5., aktualisierte Aufl. 2019, 128 Seiten.
ISBN: 9783406736599


Genre: Geschichte

Das Tal der Könige

Das Tal der Könige zählt zweifelsohne zu den wichtigsten Fundstätten, die einen Zugang zu Kultur und Religion des altägyptischen Neuen Reichs ermöglichen. Von der 18. bis zur 20. Dynastie diente es vor allem den Pharaonen, aber auch wenigen ausgewählten Personen ihres nächsten Umfelds (wie etwa bestimmten Prinzen und Wesiren) als Bestattungsort. Erik Hornung bietet in seiner kompakten Einführung Das Tal der Könige einen Überblick über die wichtigsten Felsgräber und ihr Bildprogramm.
Einleitend zeigt ein Abriss der Entdeckungs- und Forschungsgeschichte die wechselvolle Entwicklung, die das Tal der Könige seit der Entdeckung durchlaufen hat. Einzelne Gräber waren schon früh bekannt und zugänglich, wie etwa Graffiti aus hellenistischer und römischer Zeit, aber auch die Nutzung als Kirche und Unterkunft durch spätantike und frühmittelalterliche Christen belegen. Auf diese erste Phase der Schaulust und Umfunktionierung folgte ein langer Dornröschenschlaf, der mit dem Beginn der wissenschaftlichen Erforschung im 18. Jahrhundert endete. Einerseits glückten von dieser Epoche an bis ins 20. Jahrhundert spannende Entdeckungen (wie das berühmte, 1922 gefundene Grab Tutanchamuns), andererseits erwies sich das gesteigerte Interesse jedoch als fatal. Hatte man zunächst keine Hemmungen, rabiat mit den Funden umzugehen und z.B. besonders schöne Reliefs einfach aus den Wänden zu schlagen, trug ab dem 20. Jahrhundert vor allem der immer weiter anwachsende Massentourismus zur Schädigung der Gräber bei. Dieses Problem ist bis heute ungelöst, doch was überdauert hat, ist noch immer spektakulär genug.
Hornung stellt zunächst sachkundig und in ebenso detaillierten wie anschaulichen Beschreibungen die bedeutendsten Grabanlagen in chronologischer Folge vor und zeichnet die historische Entwicklung des Grundrissplans ebenso nach wie die des Bildprogramms, das in Königsgräbern anders als z.B. in Beamtengräbern nicht Alltagsszenen, sondern ausgefeilte Illustrationen religiöser Texte umfasste.
Diese werden im zweiten Hauptkapitel des Buchs ausführlich präsentiert. Auch wenn der Textbestand im Laufe der Zeit schwankte, war zentral stets die Einbindung des verstorbenen Königs in die allnächtliche Unterweltsreise und morgendliche Wiederauferstehung der Sonne. Auch für Laien gut verständlich werden die Glaubenszusammenhänge und ihre bestimmten Konventionen unterworfene bildliche Wiedergabe erläutert, so dass man am Ende das Gefühl hat, sich in der aus der Außenperspektive bisweilen verwirrenden altägyptischen Götter- und Mythenfülle ein wenig besser zurechtzufinden als bisher. Nur eines dieser Unterweltsbücher, das sogenannte Amduat, ist dabei in einer vollständigen schematischen Umzeichnung all seiner zwölf Szenen auch als Bildmaterial beigegeben. Hornung beschreibt allerdings alles so präzise, dass man das Fehlen eines in anderen Bänden der Reihe C.H. Beck Wissen durchaus vorhandenen Tafelteils allenfalls kurz bedauert. Ungünstig ist dagegen, dass die einzige Karte im Buch sich auf den Ostteil des Tals der Könige beschränkt, während die Legende auch Gräber erfasst, die im Westteil liegen (wie das des Pharaos Aja / Eje), so dass man hier in die Situation geraten kann, auf der Karte vergeblich nach einer in der Legende genannten Nummer zu suchen.
Auf den Hauptteil des Buchs folgen kurze Abschnitte zu Götterdarstellungen abseits der religiösen Bücher, Sarkophagen, Grabbeigaben und Grabraub, Königsmumien und dem eigentlichen Bau der Gräber. Wer sich allerdings speziell für eines dieser Themen interessiert, muss zu ausführlicheren und tiefergehenden Werken greifen, denn hier sind sie erkennbar nur als knappe Ergänzung zu den hauptsächlichen Untersuchungsgegenständen behandelt.
Bei den Schwerpunkten, die er setzt, ist Hornung jedoch ein kenntnisreicher und anregend formulierender Reisebegleiter in eine fremde Welt, der vor allem die Kunst, Bilder nur aus Worten entstehen zu lassen, sehr gut beherrscht. Als Einstieg in Jenseitsvorstellungen und Grabarchitektur des Alten Ägypten ist Das Tal der Könige daher auf jeden Fall zu empfehlen.

Erik Hornung: Das Tal der Könige. 2., durchges. Aufl. München. C.H. Beck, 2010, 125 Seiten.
ISBN: 9783406479953


Genre: Geschichte, Märchen und Mythen

Heilsam – Kleidsam – Wundersam

Der als Sonderheft der Zeitschrift Archäologie in Deutschland erschienene Band von Sabine Karg und Ewald Weber informiert – so verheißt es der Untertitel – über Pflanzen im Alltag der Steinzeitmenschen. Kenntnisreich und voller spannender Details wird dieses Versprechen auch eingelöst. Konkret geht es um die jungsteinzeitlichen Feuchtbodensiedlungen des Voralpenraums (insbesondere am Bodensee und in der Schweiz) und die dort aufgrund der besonders günstigen Erhaltungsbedingungen gemachten archäobotanischen Funde, die Aussagen über die Verbreitung und Nutzung verschiedenster Pflanzen in der damaligen Epoche erlauben.
Die Ackerbau und Viehzucht betreibenden Menschen der Jungsteinzeit schufen und bewohnten bereits eine Kulturlandschaft, die allerdings noch wesentlich naturnäher war als heute und von einer eher gartenähnlichen Landwirtschaft geprägt war, während große Felder wohl erst späteren historischen Phasen ab der Bronzezeit angehören. Sowohl wilde als auch gezielt herangezogene Pflanzen wurden auf vielfältige Art genutzt.
Zentrale Bedeutung hatten Pflanzen natürlich vor allem für die Ernährung, und dieses in mehreren Kapiteln (über pflanzliche Lebensmittel allgemein und über ihre Zubereitung und Haltbarmachung im Speziellen) aufbereitete Thema bildet denn auch das Herzstück des Buchs. Während manche der damals genutzten Nahrungsmittel (wie Rohrkolben oder Wildgrassamen) dem heutigen Speiseplan eher fremd sind oder durch ihre jüngeren Kulturformen völlig aus der Küche verdrängt wurden (so z.B. Wildäpfel), sind andere seit Jahrtausenden populär geblieben (beispielsweise Holunder oder Himbeeren). Auch überregionale Handelsbeziehungen lassen sich auf diesem Gebiet nachweisen: So gelangte z.B. Saatgut aus dem Mittelmeerraum in die hier untersuchte Region. Mittelbar nützten Pflanzen der menschlichen Ernährung, wenn sie als Viehfutter Verwendung fanden. Auch hier stößt man zum Teil auf Ungewohntes, so etwa auf Misteln als gängiges Ziegenfutter.
Große Bedeutung hatten Pflanzen jedoch auch als Ausgangsmaterial für Gebäude und Gegenstände. Aus Holz und Schilf ließen sich nicht nur Behausungen, sondern auch Boote und Flöße herstellen. Rinde und Bast boten sich als Grundstoff für Gefäße und Fischernetze an, während sich aus Haselruten sogar mobile Brücken konstruieren ließen. Auch Kleidung und andere Textilien waren oft pflanzlichen Ursprungs. Nicht nur hier, sondern auch bei Wollstoffen und Keramik dienten Pflanzenfarben aller Art zur Verzierung und Verschönerung (so dass das Autorenduo hervorhebt, dass die in Rekonstruktionen gängige Darstellung von einförmig braunen Steinzeitgewändern womöglich gar nicht der Realität entspricht).
Bei allem Spannenden und manchmal Verblüffenden, was sich aus den archäobotanischen Funden ableiten lässt, verhehlen Karg und Weber jedoch auch nicht, was man – zumindest bisher – nicht weiß. So ist zwar Seifenkraut zahlreich in den Steinzeitsiedlungen des Alpenraums nachgewiesen, was einen Gebrauch zum Waschen von Textilien und zur Körperpflege nahelegt, aber wie genau damals für Sauberkeit gesorgt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis ebenso wie die Antwort auf die Frage nach dem Einsatz von Drogen, berauschenden Getränken und Heilpflanzen. Mit ein Grund dafür, dass vieles offen bleiben muss, ist auch, dass die zu den hier besprochenen Siedlungen gehörigen Bestattungsplätze bis heute nicht bekannt sind. Die Menschen selbst, deren Leben hier bruchstückhaft rekonstruiert wird, entziehen sich also noch dem Zugriff der Archäologie und werden nur selten einmal direkt greifbar (z.B. durch Zahnabdrücke in einer Art Kaugummi aus Birkenpech).
Eine Sammlung von kurzen Pflanzenporträts der im Text besprochenen Arten, eine Übersichtskarte zu den archäologischen Stätten und eine tabellarische Auflistung der dort gemachten funde runden den durchgängig reich bebilderten und äußerst lesenswerten Band ab.

Sabine Karg, Ewald Weber: Heilsam – Kleidsam – Wundersam. Pflanzen im Alltag der Steinzeitmenschen. Darmstadt, Theiss (WBG), 2019 (Sonderheft der „Archäologie in Deutschland“ 01/2019), 112 Seiten.
ISBN: 9783806239423


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

Das Knopfbuch

Praktischer Verschluss, modischer Zierrat, Statussymbol, Wirtschaftsfaktor oder begehrtes Sammelobjekt – Knöpfe spielen seit vor- und frühgeschichtlicher Zeit für die Menschen viele verschiedene Rollen. Zu einem facettenreichen und liebevoll bebilderten Streifzug durch Herstellung, Gebrauch und Kulturgeschichte dieser nur scheinbar unbedeutenden Gegenstände lädt Stephanie Schneider in ihrem Knopfbuch ein.
Nach einer kurzen Vorstellung der gebräuchlichsten Knopfformen und -größen stehen zunächst einmal die Materialien im Vordergrund, aus denen Knöpfe hergestellt wurden und werden. Von Naturprodukten tierischen oder pflanzlichen Ursprungs wie Perlmutt, Holz, Hirschhorn oder Bambus bis hin zu allerlei modernen Kunststoffen ist die die Auswahl schier unüberschaubar und hält neben Gewöhnlichem auch manch Exotisches bereit, das die meisten Leserinnen und Leser wohl nicht im eigenen Kleiderschrank finden dürften (wie z.B. Haizähne oder Schreibmaschinentasten).
Der daran anschließende umfangreichste Teil des Buchs ist der Geschichte des Knopfs gewidmet, der, zunächst nur mit einer Schlaufe als Gegenstück, ab dem Hochmittelalter auch mit dem uns heute vertrauteren Knopfloch, schon früh in allen möglichen Formen überliefert ist und sich flexibel allen Wandlungen von Mode und Selbstdarstellung anpasste. Hier finden sich daher auch viele kostümhistorische Details, die weit über das Thema Knopf hinausgehen.
Abschließend folgen noch eine kleine Sammlung von Kuriosa und Anekdoten und eine Betrachtung des Phänomens der Knopfkiste, die es in vielen Haushalten gibt. In Stephanie Schneiders persönlichen Betrachtungen und Erinnerungen zu diesem Thema entfaltet das Buch seinen größten Charme, und man liest schmunzelnd von Kinderspielen und Familienüberlieferungen, die sich mit Knöpfen verbinden.
Leider kann man jedoch bei einigen der historischen Informationen insbesondere über die frühesten Epochen berechtigte Zweifel haben, ob sie zutreffen. So können koptische Gräber nicht „aus der Zeit um 4500 bis 4000 v.Chr. “ (S. 56) stammen, sondern müssen wesentlich jünger sein. Auch wenn „die ersten Metallknöpfe der Bronzezeit, wie ‚Ötzi‘ sie getragen hat“ (S. 55), Erwähnung finden, darf man sich wundern. Nicht genug damit, dass der berühmte Gletschermann gemeinhin in die Jungsteinzeit bzw. Kupferzeit datiert wird und damit wohl etwa tausend Jahre vor Beginn der mitteleuropäischen Bronzezeit starb, zu seiner Kleidung gehörten laut Literatur zum Thema gar keine Knöpfe. Aufgrund der Konzeption eher als unterhaltsamer Geschenkband denn als Fach- oder Sachtext mit Quellennachweisen bleibt unklar, woher solche Fehlinformationen stammen, doch sie sorgen natürlich dafür, dass man auch auf Gebieten, auf denen man sich nicht gut genug auskennt, Bedenkliches sofort zu erkennen, der Zuverlässigkeit des Buchs zu misstrauen beginnt.
Das Gesamturteil muss daher notwendigerweise zweigeteilt ausfallen. Von der liebevollen Gestaltung her und als persönliche Auseinandersetzung mit dem Knopf macht Das Knopfbuch viel Vergnügen, doch als Informationsquelle braucht es zuallermindest vertrauenswürdige Ergänzungen, um einen nicht in die Irre zu führen.

Stephanie Schneider: Das Knopfbuch. Berlin, Insel Verlag, 2018 (Insel-Bücherei 1447), 136 Seiten.
ISBN: 9783458194477


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

Die Wikinger

Der Begriff „Wikinger“ weckt rasch eine Fülle von Assoziationen. Nicht nur die mit den immer noch durch die populäre Vorstellungswelt geisternden Hörnerhelmen ist falsch. Rudolf Simek stellt in seiner kompakten Einführung Die Wikinger dem Wikingermythos, der schon seit dem Mittelalter immer wieder seltsame Blüten treibt, die Fakten gegenüber, die sich über die Realität der Wikingerzeit den teilweise mit Vorsicht zu genießenden Quellen entnehmen und aus archäologischen Funden rekonstruieren lassen.
Für die das 9. bis 11. Jahrhundert prägenden Plünderungs- und Migrationszüge der Skandinavier benennt Simek dabei keinen einzelnen Grund (wie eine in der Forschung oft vermutete, aber wohl historisch nicht belegbare Überbevölkerung), sondern bevorzugt ein multikausales Modell, in dem spezifische Erbrechts- und Gefolgschaftssysteme ebenso eine Rolle spielen wie die schlichte Gier nach Ruhm und Reichtum. Einen wichtigen Faktor sieht er jedoch vor allem in den bis ins 8. Jahrhundert allmählich erfolgten Verbesserungen im Schiffbau, die es den Wikingern erlaubten, ein im Ostseeraum schon länger praktiziertes Muster von Raubüberfällen und Siedlungsverlagerungen auf die gesamten europäischen Küsten und sogar darüber hinaus auszudehnen.
Dementsprechend detailliert werden verschiedene Schiffstypen sowie Segel- und Navigationstechniken vorgestellt. Stärker noch in diesem Kapitel als in dem der altnordischen Literatur gewidmeten merkt man Simek hier den Germanisten an, der viel Freude an den poetischen Kenningar der Wikinger für ihre Schiffe hat (ob nun „Fjordhunde“, „Wellenwölfe“ oder gar „Windpferd“). Derselbe Spaß am Literarischen schwingt bisweilen auch in der Auswahl der Quellenzitate mit, wenn etwa die Prahlerei, „Fahrtwind selbst gegen den Tod“ zu haben, zur Charakterisierung des in den Schilderungen der Sagas und äußerer Beobachter überbordend erscheinenden Lebensgefühls der Epoche herangezogen wird.
Die Ereignisgeschichte der wikingischen Expansion macht den zentralen Teil des Buchs aus und zeigt eine je nach geographischem Raum unterschiedliche Zielsetzung der Fahrten an: Während in Westeuropa zunächst Plünderungen und Tributerpressungen im Vordergrund standen, aus denen sich erst im zweiten Schritt feste Ansiedlungen und Herrschaftsbildungen ergaben (am erfolgreichsten in der Normandie), war die Landnahme im nordwestlichen atlantischen Raum (Island, Grönland) sofort vorrangiges Ziel. In Osteuropa schließlich erscheinen Wikinger weniger als Plünderer denn als Händler und Söldner. Im Leben einzelner Personen konnten die Übergänge zwischen diesen Daseinsformen allerdings durchaus fließend sein.
Ähnlich quellennah werden Alltags-, Sozial-, Literatur- und Religionsgeschichte in jeweils eigenen Kapiteln beleuchtet. Dabei wird schnell deutlich, dass es angesichts des weitgespannten geographischen und zeitlichen Rahmens bisweilen schwierig ist, pauschale Aussagen über „die Wikinger“ allgemein zu treffen. So konnte etwa die gesellschaftliche Stellung von Frauen regional selbst in eng benachbarten Gebieten recht unterschiedlich sein. Über andere Themen schließlich ist generell kaum etwas bekannt: Zwar gibt es Funde von Musikinstrumenten wie Flöten und Leiern aus der Wikingerzeit, aber was genau darauf gespielt wurde, ist für uns – anders als, wenn auch hochmittelalterlich überformte, Reste der Dicht- und Erzählkunst – unwiederbringlich verloren.
Auf anderen Gebieten dagegen lässt sich viel herausfinden, und wie jede gute Einführung macht auch diese hier Lust darauf, genau das zu tun und noch tiefer ins Thema einzusteigen, vielleicht sogar mit einem anderen Buch desselben Autors.

Rudolf Simek: Die Wikinger. München, C.H. Beck, 6. Auflage 2016, 136 Seiten.
ISBN: 9783406418815


Genre: Geschichte