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Gefahr auf See

Der klassische Pirat ist in der allgemeinen Vorstellung sicher der des 17. oder 18. Jahrhunderts, und auch moderne Seeräuber, etwa am Horn von Afrika, machen seit einigen Jahren verstärkt von sich reden. Dass diese Form der Kriminalität jedoch nicht ausschließlich ein Phänomen der Neuzeit ist, zeigt die Archäologin Heidrun Derks in ihrer für eine breite Leserschaft gedachten Überblicksdarstellung Gefahr auf See – Piraten in der Antike.

Archäologisch lassen sich die Aktivitäten von Piraten nur selten nachweisen, auch wenn es Ausnahmen gibt, so etwa das vor Zypern gefundene Wrack von Kyrenia, ein mit Wein und Eisenbarren beladenes Handelsschiff, in dessen Bordwänden noch Pfeile steckten, als es im 3. Jahrhundert v. Chr. sank, so dass man wohl auf einen Überfall als Ursache des Untergangs schließen kann. Fassbar werden Seeräuber damit erst mit dem Aufkommen von Schriftquellen, das aber sehr früh – schon in der diplomatischen Korrespondenz der Bronzezeit ist von Piraterievorwürfen die Rede.

Im weiteren Verlauf des Altertums bekamen es dann Phönizier, Etrusker, Griechen und Römer mit Piraten zu tun oder wurden selber welche. Ohnehin waren die Grenzen zwischen legitimer Kriegsführung und Piraterie oft fließend, so dass sowohl in der Historiographie als auch in literarischen Werken (etwa in der Odyssee) das, was Feinden oder negativ gezeichneten Gestalten als Verbrechen ausgelegt wurde, bei Freunden oder Protagonisten als Heldentat gefeiert werden konnte. Dass diese Ambivalenz auch schon in der Antike so empfunden wurde, zeigt die bei Augustinus zitierte Bemerkung eines gefangenen Piratenkapitäns gegenüber Alexander dem Großen, der Unterschied zwischen ihnen bestehe vor allem im Umfang ihrer jeweiligen Operationen.

Neben Geld- oder Machtgier bildete aber auch immer wieder Armut einen entscheidenden Faktor bei der Hinwendung von Einzelpersonen oder ganzen Menschengruppen zum Seeraub. Das Entern anderer Schiffe stellte dabei übrigens, anders als in späteren Epochen, nicht einmal das bedeutendste Tätigkeitsfeld von Piraten dar. Noch häufiger sind Überfälle auf Küstenorte und Entführungen von Menschen dokumentiert, die als Sklaven verkauft oder gegen ein Lösegeld wieder freigelassen wurden (ein prominentes Opfer von letzterer Praktik war Caesar, der dafür allerdings mit harter Hand Vergeltung übte).

Eingebettet ist diese immer wieder durch Quellenzitate und Textkästen zu relevanten Persönlichkeiten aufgelockerte Geschichte der Piraterie in den größeren Kontext der Entwicklung von Schifffahrt und Handel im Mittelmeerraum. Heidrun Derks schreibt gut verständlich auch für Leserinnen und Leser, die mit der Antike bisher noch nicht viel zu tun hatten, und zieht gelegentlich auch augenzwinkernd Verbindungen zur modernen Popkultur. So hat etwa in dem Kapitel über die Phönizier auch eine Gestalt aus den Asterix-Comics, der windige Händler Epidemais, einen Auftritt.

Einzelne kleine Ungenauigkeiten haben sich eingeschlichen, fallen aber insgesamt nicht allzu sehr ins Gewicht (so z.B. die Angabe, die Schrift der Etrusker würde sich „bis heute der Entschlüsselung“ entziehen, S. 76 – die Schrift selbst ist durchaus lesbar, es ist vielmehr die etruskische Sprache, die mangels einer umfangreichen Textbasis Rätsel aufgibt). Alles in allem ist Gefahr auf See ein flüssig zu lesender, solider Einstieg in ein spannendes Thema, den man gerade aufgrund seines üppigen Bild- und Kartenmaterials sicher auch nach der ersten Lektüre gern noch einmal zur Hand nimmt.

Heidrun Derks: Gefahr auf See – Piraten in der Antike. Darmstadt, Theiss (WBG), 2016, 112 Seiten.
ISBN: 978-3806233131


Genre: Geschichte

Götter, Gaben, Heiligtümer

Das Leben der Römer war in hohem Maße von Religion geprägt, auch in den Provinzen, wie Alfred Schäfer in Götter, Gaben, Heiligtümer am Beispiel des römischen Köln anschaulich zeigt. Eingebettet in die Geschichte der Stadt von ihrer Gründung unter Augustus über die Erhebung zur Colonia Claudia Ara Agrippinensium bis in die Spätantike zeichnet er nach, was sich aus archäologischen Funden und inschriftlichen Quellen über das religiöse Leben der CCAA rekonstruieren lässt. Denn was außer Gebäuderesten, Götterstatuen und dergleichen geblieben ist, lässt sich vor allem als Zeugnis einer reichen paganen Memorialkultur fassen, die an das erinnert, was die Zeiten eben nicht überdauert hat, seien es nun Opfer und andere rituelle Handlungen, die in Inschriften und bildlichen Darstellungen festgehalten wurden, oder die Menschen selbst, deren Grabsteine und -beigaben etwas über Jenseitshoffnungen verraten können.

Hand in Hand gingen im Alten Rom aber insbesondere auch Religion und Politik, so dass es kein Zufall ist, dass die bedeutenden Heiligtümer, die dem Kaiserkult und der Verehrung der kapitolinischen Trias (Jupiter, Juno und Minerva) gewidmet waren, mit ihrer Ausrichtung zur Rheinfront hin das Stadtbild weithin sichtbar prägten. Auch anhand des Statthaltersitzes (Praetorium) oder des unweit der Stadt gelegenen Kastells der Rheinflotte lässt sich zeigen, dass Autoritätsanspruch und Sakrales eng miteinander verquickt waren.

Noch weitaus größer und vielfältiger jedoch war der Bereich privater Frömmigkeit, in dem regionale und individuelle Ausprägungen stärker zum Tragen kamen, und das nicht etwa nur im Rahmen von Mysterienkulten wie dem des Mithras, die Eingeweihten spezielles Geheimwissen verhießen. Am Beispiel der Verehrung der Matronen (einer zumeist als Dreierensemble dargestellten und mit allerlei lokalen Beinamen versehenen Gruppe von Göttinnen) und der Jupitersäulen sowie Jupitergigantensäulen schildert Schäfer gut nachvollziehbar, wie die religiöse Vorstellungswelt der ortsansässigen Bevölkerung sich mit den von den römischen Eroberern mitgebrachten Bräuchen und Überzeugungen vermischte, so dass eine reiche Fülle von Neuinterpretationen und Synkretismen entstand. Es wird deutlich, dass die antike Religion ein dynamisches Gebilde war, das immer wieder Raum für Hinzufügungen und Anpassungen bot und fremde Gottheiten nahtlos zu integrieren wusste. Allerdings hatte die jahrhundertelang so erfolgreiche Vielfalt in der Spätantike gegenüber dem Christentum keinen Bestand, wobei die Quellen sogar auf ein gewaltsames Vorgehen gegen überdauernde heidnische Praktiken noch in merowingischer Zeit hindeuten.

Schäfer schreibt auch für Laien gut verständlich in kurzen und übersichtlichen Kapiteln, die es ermöglichen, sich gezielt über spezielle Themen zu informieren, wenn man nicht das komplette Buch lesen möchte. Zusätzlich lockern Kästen den Text auf, in denen insbesondere interessante Einzelfunde, aber auch zentrale Begriffe wie z.B. Polytheismus näher erläutert werden. Vorkenntnisse werden nicht vorausgesetzt, so dass die Darstellung auf Zugänglichkeit für ein breites Publikum angelegt ist, ohne je über Gebühr verkürzt oder vereinfachend zu wirken.

Sehr ansprechend ist das Buch aber auch durch seine zahlreichen Illustrationen gestaltet. Neben Abbildungen von Fundstücken und Kartenmaterial sind auch digitale Rekonstruktionen enthalten, die einem gestatten, einen Eindruck von der Topographie des römischen Köln und vom Aussehen einzelner Gebäude zu gewinnen. So üppig die Bebilderung insgesamt auch ist, bedauert man allerdings doch im Einzelfall, dass ein Foto fehlt (z.B. wird das berühmte Dionysosmosaik, das im Römisch-Germanischen Museum zu sehen ist, zwar als Beispiel für religiöse Motive im Bildschmuck eines Privathauses beschrieben, ist aber im Buch selbst nicht gezeigt und nur durch einen Ausschnitt aus dem zentralen Feld auf dem Cover präsent).

Von solchen Kleinigkeiten abgesehen könnte man sich jedoch kaum eine bessere Einführung in die religiöse Welt des römischen Köln wünschen. Wer Götter, Gaben, Heiligtümer liest, lernt auf jeden Fall auf unterhaltsame Weise etwas dazu und wird vielleicht auch die heutige Stadt mit etwas anderen Augen als bisher sehen.

Alfred Schäfer: Götter, Gaben, Heiligtümer. Römische Religion in Köln. Darmstadt, Philipp von Zabern (WBG), 2016, 128 Seiten.
ISBN: 978-3805349499


Genre: Geschichte

Homers Odyssee

Die Odyssee zählt zu den bekanntesten und wirkmächtigsten Texten der Weltliteratur. In seiner kompakten Einführung Homers Odyssee bietet der Altphilologe Bernhard Zimmermann eine lebendig geschriebene und kluge Annäherung an das Epos, dessen Faszination bis heute ungebrochen ist.

Zimmermann datiert die Odysee auf etwa Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. und beginnt seine Darstellung, indem er dem schwer fassbaren Dichter Homer nachspürt, über den bei allem Ruhm schon in der Antike mehr Legendarisches als historisch wirklich Belastbares berichtet wurde. So undeutlich die Person des Autors also gezwungenermaßen bleibt, lässt sich doch viel zu Sprache und Versmaß sagen, und Zimmermann bietet in diesem Kontext eine der klarsten Erläuterungen der Funktionsweise des daktylischen Hexameters, die man in der Literatur finden kann. Selbst wer sich sonst nicht gern mit dem Metrum von Dichtungen auseinandersetzt, wird hier garantiert das Wesentliche nachvollziehen können.

Nach einem kurzen Forschungsabriss zur Homerphilologie seit dem Altertum steht im nächsten großen Abschnitt der Inhalt der Odyssee selbst im Mittelpunkt, die nicht nur ausführlich nacherzählt, sondern auch gut in ihren Sagenkontext (welche Ereignisse sind vorher, welche nachher zu denken?) eingeordnet wird. Nachdem so eine Verständnisbasis auch für diejenigen, die den Primärtext (noch) nicht kennen, geschaffen worden ist, folgt ein Analyseteil, in dem Struktur, Erzähltechnik, Motive und Poetik des Epos gründlich unter die Lupe genommen werden. Besonderen Wert legt Zimmermann dabei auf die Zeichnung der Figuren, denen noch einmal ein eigenes Kapitel gewidmet ist.

Deutlich wird in Zimmermanns Untersuchung insbesondere die Verknüpfung von Phantasie und heldenhafter, zeitlich unbestimmter Vorzeit einerseits mit der realen Lebenswelt von Mittelmeeranrainern des 7. Jahrhunderts andererseits, in der die Seefahrt ebenso sehr Wirtschaftsfaktor und verheißungsvolles Abenteuer wie lebensgefährliches Risiko ist und selbst sozial hochgestellte Persönlichkeiten nicht davor gefeit sind, unversehens als Sklaven zu enden. Dauerhaft bestehen kann in einer solchen Gesellschaft nur, wer tragfähige Bindungen hat – zu Eltern und Kindern, zum Ehepartner und zu Gefolgsleuten, aber nicht zuletzt auch zu den Göttern, deren Wohlwollen es sich zu erhalten gilt. In diesem Zusammenhang sieht Zimmermann nicht zuletzt auch das Schicksal der Atriden um Agamemnon, dessen Familie auf grausige Art zerbricht, als immer im Hintergrund mitzudenkende Folie für die trotz aller Gefahren für sämtliche Beteiligte erfolgreichere Heimkehr des Odysseus zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Telemach.

Ganz generell kann die Odyssee also auch unabhängig von ihrer Entstehungsepoche als Geschichte des Überstehens schwerer Zeiten mithilfe von Klugheit und Durchhaltevermögen gelesen werden (ob nun auf Odysseus selbst bezogen oder z.B. auch auf Penelope, die sich mit List und Tücke der zudringlichen Freier erwehren muss, um ihrem Mann treu zu bleiben). Auch diese Thematik trug dazu bei, ihr im Laufe der Jahrhunderte eine eifrige Rezeption zu sichern, über die Zimmermann in einem letzten Kapitel einen kurzen Überblick gibt, der den Schwerpunkt allerdings stark auf die Antike legt. Knappe Literaturhinweise und ein Register runden den Band ab.

Wer einen ersten Einstieg in die Odyssee sucht, ist mit dem kurzen Buch auf alle Fälle gut beraten, aber auch alle, die den Text selbst schon kennen, können Zimmermanns frische Deutungsansätze und insbesondere seine Einordnung in den historischen Entstehungszusammenhang mit Gewinn lesen.

Bernhard Zimmermann: Homers Odysee. Dichter, Helden und Geschichte. München, C.H. Beck, 2020, 128 Seiten.
ISBN: 978-3406750229


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur, Märchen und Mythen

Die apokryphen Evangelien

Schon in der Spätantike bildete sich in den Grundzügen der heute noch gültige Bibelkanon heraus – und damit auch die Festlegung auf die vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Diese Schriften waren jedoch nicht die einzigen, die unter frühen Christen kursierten und Taten und Äußerungen Jesu zum Inhalt hatten. Vielmehr existierte eine reiche Fülle teils sehr unterschiedlicher Werke, die alle auf ihre Art für sich in Anspruch nahmen, die Botschaft von Jesus Christus zu vermitteln. In Die apokryphen Evangelien, wie man diese Texte in der Forschung bezeichnet, führt der evangelische Theologe Jens Schröter in seinem gleichnamigen Buch ebenso knapp wie kenntnisreich ein.

Nach einer Einleitung zum Verhältnis von Bibel und Apokryphen sowie zur Forschungsgeschichte gliedert Schröter seine Darstellung nach den einzelnen apokryphen Evangelien, die dabei nach der Phase im Leben Jesu, die sie jeweils behandeln, zu Gruppen zusammengefasst sind (wobei in Einzelfällen, wie etwa beim Thomasevangelium, das Aussprüche Jesu auflistet, unklar bleibt, welche zeitliche Verortung ursprünglich intendiert gewesen sein mag). Inhaltsskizze und historisch einordnende Interpretation sind dabei eng miteinander verflochten.

Der Hoffnung, aus den apokryphen Evangelien Informationen über den historischen Jesus gewinnen zu können, erteilt Schröter zu Recht eine klare Absage: Noch nach den kanonischen Evangelien entstanden, eignen sie sich nicht als Primärquellen für das Leben Jesu, sind dafür aber umso aufschlussreicher, um die Mentalität und die spirituellen Bedürfnisse unterschiedlicher frühchristlicher Gruppen zu rekonstruieren.

Deutlich wird in vielen Texten vor allen Dingen der Wunsch, in der Bibel ausgesparte oder nur angedeutete Abschnitte der Geschichte Jesu lebendig auszumalen, so etwa seine Jugend oder die Zeit zwischen Tod und Auferstehung. Das Nikodemusevangelium, das u.a. die Höllenfahrt Christi vor der Auferstehung schildert, und die sogenannten Kindheitsevangelien füllen auf diese Art eher Leerstellen aus, als im Widerspruch zur kanonischen Überlieferung zu stehen. Infolgedessen wurden sie auf breiter Basis rezipiert und hatten bis ins Mittelalter großen Einfluss auf bildliche Darstellungen oder literarische Aufbereitungen des Lebens Christi, auch wenn manche Erzählung über einen bereits im Kindesalter aggressiv anmutende Strafwunder wirkenden Jesus aus heutiger Sicht eher bizarr erscheint.

Anders verhält es sich mit denjenigen apokryphen Evangelien, die Glaubensüberzeugungen abseits der Hauptströmungen der frühen Kirche widerspiegeln, so etwa mit den gnostischen Evangelien. Oft nur fragmentarisch überliefert, enthalten sie für heutige Leserinnen und Leser Erstaunliches bis Befremdliches, so z.B. Dialoge, in denen Jesus Maria Magdalena, Thomas oder gar Judas esoterisch anmutende Lehren anvertraut, die von dem, was sich als Christentum letztlich durchsetzte, denkbar weit entfernt sind, aber teilweise Einflüsse der antiken Philosophie aufgenommen zu haben scheinen.

In all ihrer Heterogenität lassen die apokryphen Evangelien – wie Schröter in einem kurzen Fazit resümiert – daher erkennen, dass es das eine unangefochtene Jesusbild gerade im frühen Christentum nicht gab, sondern konkurrierende Interpretationen eine lange Tradition haben. Gerade die hier ansatzweise greifbar werdende Vielfalt sorgt jedoch dafür, dass der hier vermittelte Überblick keine erschöpfende Analyse, sondern nur ein erster Einstieg für Interessierte sein kann. Der aber ist durchaus gelungen und verhilft zur Orientierung in einem komplexen und für Außenstehende doch oft eher verwirrenden Forschungsfeld.

Jens Schröter: Die apokryphen Evangelien. Jesusüberlieferungen außerhalb der Bibel. München, C. H. Beck, 2020, 128 Seiten.
ISBN: 978-3406750182

 


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Ein römisches Wohnhaus mit Wandmalereien in Oftersheim

Im baden-württembergischen Oftersheim wurden in den 1960er Jahren Reste eines römischen Wohnhauses archäologisch untersucht, doch die Grabung erfasste nur einen Teil des Gebäudes, und die Funde gerieten im Museumsdepot in Mannheim über Jahrzehnte in Vergessenheit. Unterstützt von drei Mitautoren unternimmt es Mathilde Grünewald in ihrem Buch Ein römisches Wohnhaus mit Wandmalereien in Oftersheim, die damaligen Fundstücke und teilweise nur unzureichend dokumentierten Befunde zu analysieren.

Dass das Oftersheimer Wohnhaus Teil einer villa rustica, also eines landwirtschaftlich genutzten römischen Guts, war, kann zwar mit einiger Wahrscheinlichkeit vermutet, aber bisher nicht mit letzter Sicherheit bewiesen werden, da die räumlich eng begrenzte Grabung keine Wirtschaftsgebäude freilegte. Daher steht nur fest, dass das recht repräsentativ ausgestattete Haus im 1. Jahrhundert n. Chr. entstand und danach kontinuierlich genutzt wurde, bis es nach Mitte des 3. Jahrhunderts offenbar äußerst gründlich abgerissen und durch ein hölzernes Bauwerk ersetzt wurde. In diesem vermutet Grünewald keine Ansiedlung der um diese Zeit in die Gegend eingefallenen Alamannen, da keinerlei Funde auf ihre Präsenz vor Ort hindeuten, sondern eher eine vielleicht in den bewegten Zeiten nicht mehr vollendete Umnutzung des Geländes durch seine Besitzer.

Angesichts der so gründlichen Zerstörung der römerzeitlichen Bebauung ist es fast ein kleines Wunder, dass dennoch genug Überreste davon vorhanden geblieben sind, um nicht nur ein Hypokaustum und das Vorhandensein von Dachziegeln und Glasfenstern nachweisen zu können, sondern auch in der Lage zu sein, aus Fragmenten von Wandmalereien die jeweilige Gestaltung einer weißgrundigen und einer rotgrundigen Wand überzeugend rekonstruieren zu können. Rüdiger Gogräfe entwickelt in seinem diesem Thema gewidmeten Beitrag fast schon kriminalistischen Spürsinn, um durch Vergleiche mit besser erhaltenen Beispielen eine plausible Anordnung der Bruchstücke zu präsentieren. Die von Renate Berghaus künstlerisch umgesetzten Rekonstruktionen der beiden Wände sind zauberhaft und lassen einen sehr bedauern, dass beim Abriss des Oftersheimer Hauses allem Anschein nach so gründlich vorgegangen wurde, dass keine größeren Teile der Wandmalereien überdauert haben.

Neben Spuren des Bauwerks an sich wurden Reste seines Inventars und der Habseligkeiten der Bewohner entdeckt, darunter außer der allgegenwärtigen Keramik auch Münzen, eine zerschlagene Venusstatuette, eine unvollendete Schnitzarbeit, Werkzeuge und Schmuckstücke (von denen Sven Jäger die Fibeln – die meisten davon römischen, aber auch eine germanischen Ursprungs – in einem gesonderten Unterkapitel betrachtet). Ein letzter Abschnitt, der aus der Feder von Erwin Hahn stammt, befasst sich mit den gefundenen Tierknochen, von denen viele – vor allem von Rind, Schaf und Schwein – durch Hack- und Schnittspuren als Küchenabfälle ausgewiesen sind. Doch auch tierische Mitbewohner gab es in der villa von Oftersheim, ob nun nützliche und im Leben sicher auch geliebte wie Hunde und eine Katze oder eher unwillkommene wie eine Ratte.

Insgesamt vermittelt der anregende und detailfreudige Band den Eindruck, dass hier mit vielen Jahren Verspätung aus einer nicht optimal abgelaufenen Grabung nachträglich noch das Beste herausgeholt worden ist. Das römische Haus von Oftersheim ist gerade angesichts seines rätselhaften Endes eine hochinteressante Fundstätte, und so kann man nur bedauern, dass in Zeiten, in denen die Kapazitäten der Archäologie oft völlig von Notgrabungen erschöpft werden, mit einer Nachuntersuchung, die noch offene Fragen klären könnte, wohl so schnell nicht zu rechnen ist.

Mathilde Grünewald: Ein römisches Wohnhaus mit Wandmalereien in Oftersheim. Mit Beiträgen von Rüdiger Gogräfe, Erwin Hahn und Sven Jäger. Hrsg. von der Gemeinde Oftersheim und dem Heimat- und Kulturkreis e.V. Oftersheim. Regensburg, Schnell & Steiner, 2017, 144 Seiten.
ISBN: 978-3795432980


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Die Griechen

Zugegeben: Der Untertitel Und die Erfindung der Kultur, mit dem sich die Taschenbuchausgabe von Edith Halls Die Griechen (auch schon als Die alten Griechen. Eine Erfolgsgeschichte in zehn Auftritten erschienen) schmückt, ist etwas hoch gegriffen. Als Erfinder der Kultur schlechthin stellt die britische Altphilologin die Griechen nicht dar, sehr wohl aber als die Zivilisation, deren Errungenschaften und Besonderheiten in vielerlei Hinsicht bis heute für die westliche Welt prägend sind. Mit entsprechendem Verve erzählt sie die Geistesgeschichte der griechischen Antike und ihrer Literatur, Wissenschaft und Philosophie.

Hall sieht dabei vor allem zehn Eigenheiten als prägend für die Griechen an: Liebe zur Seefahrt, Misstrauen gegenüber Autorität, Individualismus, Wissbegier, Offenheit, Humor, Wettkampfgeist, Bewunderung für außergewöhnliche Begabungen, Redegewandtheit und Vergnügungssucht. Statt diese Punkte epochenübergreifend abzuhandeln, greift Hall zu dem reizvollen Mittel, chronologisch geordnet jeweils eine bestimmte Phase der altgriechischen Geschichte zu nutzen, um daran exemplarisch eine ihrer Zuschreibungen zu belegen. In vielen Fällen passt das recht gut – so etwa bei der Analyse der Bedeutung der Seefahrt für die mykenische Kultur -, und manchmal sorgt der Ansatz sogar für ungewohnte und gerade dadurch erhellende Perspektiven (z.B. im Falle der Spartaner, die hier nicht allein als Krieger in den Blick genommen werden, sondern mit ihrem sprichwörtlichen lakonischen Humor glänzen dürfen). Je weiter das Buch jedoch fortschreitet, desto gewollter wirkt die Zuordnung, auch weil die als prägend propagierte Eigenschaft gar nicht immer im Zentrum des jeweiligen Kapitels steht. So ist der eigentlich Alexander dem Großen und seinen Makedonen zugeordnete Aspekt des Wettstreits im entsprechenden Abschnitt eher unterrepräsentiert – bedeutender sind hier Überlegungen zum Einfluss der in der makedonischen Elite besonders beliebten Mysterienkulte auf Alexanders Selbstwahrnehmung.

Bei aller Anerkennung der Leistungen der Griechen und trotz ihrer unverhohlen eingestandenen Sympathie für einzelne Persönlichkeiten,  so z.B. den spätantiken Redner Libanios, verschweigt Hall auch die Schattenseiten ihrer Kultur nicht: Die weitverbreitete Frauenfeindlichkeit und die allgemein akzeptierte Sklaverei finden ebenso immer wieder Erwähnung wie kriegerische Brutalität und Machtgier, so dass die stets spürbare Begeisterung der Autorin für ihren Forschungsgegenstand nicht in kritiklose Glorifizierung abgleitet. Dennoch sorgen Halls zugänglicher Stil und ihre oft sehr persönliche Herangehensweise dafür, dass die Lektüre vor allem Spaß und Lust auf mehr macht. Ein paar ereignisgeschichtliche Vorkenntnisse mitzubringen, schadet beim Verständnis allerdings nicht, denn abgesehen von einzelnen Kapiteln (wie etwa dem schon erwähnten über Alexander den Großen) referiert Hall die historischen Abläufe selten ausführlich, sondern greift eher punktuell besonders bedeutsame Geschehnisse heraus.

Die Übersetzung von Norbert Juraschitz liest sich insgesamt flüssig, aber an einzelnen Stellen zweifelt man doch, ob bei der Übertragung ins Deutsche ganz die richtige Formulierung getroffen worden ist (so stößt man eher verwundert auf die „Zeugnisse der parfümierten Ölindustrie“ [S. 75] in mykenischer Zeit – ist hier vielleicht die Herstellung von Duftölen gemeint?). Leider sind zudem einige Flüchtigkeitsfehler stehen geblieben, von denen sich nicht sagen lässt, ob sie schon im englischen Original vorhanden waren oder erst im Zuge der Übersetzung aufgetreten sind. So sollen z.B. die Goldbleche von Pyrgi  „um das Jahr 500 n. Chr.“ (S. 34) entstanden sein, was nicht stimmen kann (als terminus ante quem wird in der Forschung normalerweise die Plünderung von Pyrgi durch Dionysius von Syrakus im Jahre 384 v. Chr. genannt).

Trotz dieser Kritikpunkte bieten Die Griechen denjenigen, die sich noch nicht tiefergehend mit der griechischen Antike befasst haben, einen blendend lesbaren Einstieg in eine reizvolle Vergangenheit, während alle anderen hier vergnüglich eigene Kenntnisse auffrischen und Halls Wertungen mit eigenen Einschätzungen abgleichen können.

Edith Hall: Die Griechen und die Erfindung der Kultur. 2. Aufl. München, Pantheon, 2018, 416 Seiten.
ISBN: 978-3570553817


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur

Pflanzen im Mittelalter

Ob nun als Nahrung, Heilmittel, Bestandteil magischer Praktiken oder schöne Dekoration, Pflanzen sind bis heute aus keiner Epoche der Menschheitsgeschichte wegzudenken. Der Mediävist Helmut Birkhan spürt in seiner anregenden Studie Pflanzen im Mittelalter sowohl der ganz realen als auch der nur imaginierten Bedeutung der Flora für die mittelalterlichen Menschen nach. Unter den literarischen Quellen, auf die er sich dabei stützt, nehmen die Werke Konrads von Megenberg und Hildegards von Bingen die prominenteste Rolle ein, aber man begegnet auch Walahfrid Strabo, dem karolingischen Capitulare de villis, den an der Schwelle zur Frühen Neuzeit entstandenen Kräuterbüchern, dem St. Galler Klosterplan, so mancher Pflanzenerwähnung in der Dichtung und verschiedenen Bildern, unter denen das Frankfurter Paradiesgärtlein des sogenannten Oberrheinischen Meisters aus dem 15. Jahrhundert sicher zu den eindrucksvollsten zählt.

Trotz dieser vermeintlichen Quellenfülle ist es, wie schon in der Einleitung deutlich wird, keineswegs immer einfach, eindeutige Aussagen über Pflanzen im Mittelalter zu treffen, und das nicht, weil die Beschäftigung damaliger Gelehrter mit dem Thema von modernen naturwissenschaftlichen Standards noch ein gutes Stück entfernt war. Vielmehr stellen sich häufig allein schon sprachliche Zuordnungsprobleme, wenn eine mittelalterliche Pflanzenbezeichnung auf mehrere heutige Arten bezogen werden kann und die Beschreibungen vage genug bleiben, um eine exakte Identifikation unmöglich zu machen. Oft sind bei der Textauswertung also kleine oder große Rätsel zu lösen, aber Birkhan nimmt sich dieser Aufgabe voller Verve an.

Ein erster großer Abschnitt ist klassischen Nutzpflanzen gewidmet. Neben Getreide, Obst und Gemüse als wichtigen Grundsäulen der Ernährung spielen hier auch Pflanzen eine Rolle, aus denen Fasern für Textilien und Farbe gewonnen wurden, aber z.B. auch Holz und Schilf. Besonders beeindruckt Birkhan offenbar die Nutzung von fettgetränkten Binsen zur Beleuchtung, denn in der Folge setzt er das „Binsenlicht“ wiederholt als Sinnbild für seine eigene Forschungssituation ein, die die Vergangenheit nur ein wenig zu erhellen vermag, während vieles im Dunkeln bleiben muss.

Dieser Bescheidenheitsgestus kommt einem fast übertrieben vor, denn gerade im folgenden Kapitel, das Pflanzen im Hinblick auf ihre magische und medizinische Nutzung lexikalisch nach modernen Namen geordnet auflistet, weiß der Autor viele schlüssige Deutungen vorzuschlagen und nuanciert zwischen noch heute anerkannten Heilmethoden, solchen, die zumindest nach der mittlerweile überholten, aber im Mittelalter gültigen Humoralpathologie Sinn ergeben, und rein abergläubischen Vorstellungen zu unterscheiden.

Der folgende Abschnitt zu Nutz- und Lustgärten eröffnet bereits den Reigen der symbolischen Interpretation von Pflanzen, setzt er den Schwerpunkt doch eindeutig auf den Garten als bedeutungsvollen Schauplatz in literarischen Texten. Die Symbolik ist (neben Ausführungen zu Gesetzen über den Umgang mit Pflanzen) auch ein wichtiger Teil des Kapitels über Pflanzen im mittelalterlichen Recht. Umfangreicher ist die Betrachtung zu Pflanzen im Kontext der Religion. Hier sind besonders die zahlreichen Marienpflanzen berücksichtigt. Abschließend widmet Birkhan sich der Pflanze in der säkularen Kunst und Literatur des Mittelalters (wobei man sich sicher streiten kann, inwieweit die Einordnung von Weltenbäumen wie Yggdrasil in diesen Bereich schlüssig ist, da sie zwar nicht dem christlichen Kontext entstammen, als Produkte paganer Mythologie in ihrem Ursprung durchaus eine religiöse Komponente haben).

Der Anhang bietet neben den zu erwartenden bibliographischen Hinweisen auch einen nützlichen Index der erwähnten Pflanzen, die sowohl nach mittelalterlichen als auch nach modernen Bezeichnungen aufzufinden sind. Hervorzuheben ist die gelungene Buchgestaltung von Bettina Waringer, die mit Ausschnitten mittelalterlicher Bilder als Kapitelzierde arbeitet und ebenso wie das von J. Mullan aus Elementen des oben erwähnten Paradiesgärtleins reizvoll zusammengesetzte Cover dazu beiträgt, Pflanzen im Mittelalter zu einem auch äußerlich sehr schönen Buch zu machen. Inhaltlich lohnt sich die Lektüre sowohl für Mittelalterinteressierte als auch für Gartenbegeisterte unbedingt.

Helmut Birkhan: Pflanzen im Mittelalter. Eine Kulturgeschichte. Wien / Köln / Weimar, Böhlau, 2012, 312 Seiten.
ISBN: 978-3205787884


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur, Sachbuch allgemein

Die Wikinger: Entdecker und Eroberer

Der Hintergrund des Buchs Die Wikinger: Entdecker und Eroberer ist eigentlich ein trauriger: Ursprünglich plante der Archäologe Jörn Staecker ein Überblickswerk über die Wikingerzeit, starb aber, bevor er das Projekt vollenden konnte. Gleichsam als Ersatz entstanden ist nun eine Sammlung von verschiedenen Expertinnen und Experten verfasster Texte zu zentralen Aspekten der Wikingerzeit, wobei die einzelnen Beteiligten unterschiedlich an ihre Aufgabe herangehen, für ein allgemeines Publikum zu schreiben.

Das erste Oberkapitel, Die Wikinger aus archäologischer Sicht, liest sich daher auch recht heterogen. Die Beiträge von Caroline Arcini zu Rückschlüssen aus Skelettfunden und von Tobias Schade zu ländlichen Siedlungen informieren sachlich und nüchtern über ihre jeweiligen Themen. Dagegen ist bei den Anteilen des Herausgebers Matthias Toplak, insbesondere bei dem den Bestattungssitten gewidmeten Abschnitt, eine nicht immer von quellenkritischer Distanz geprägte Tendenz zur Verlebendigung zu beobachten.

Im folgenden Teil Heimat Nordland sind Aufsätze zu einigen Ursprungsgebieten der Wikinger versammelt. Tobias Schade umreißt das wikingerzeitliche Dänemark, während mit Haithabu (Volker Hilberg, Sven Kalmring) und Birka (Lena Holmquist, Sven Kalmring) zwei wichtige skandinavische Handelsplätze eine ausführlichere Vorstellung erfahren. Astrid Tummuscheit und Claus von Carnap-Bornheim steuern spannende neue Erkenntnisse über den Grenzwall Danewerk bei, dessen Ursprünge teilweise schon in der Völkerwanderungszeit zu suchen sind. Frans-Arne Stylegar schildert die Beziehungen zwischen den Wikingern und ihren Nachbarn im arktischen Norden Skandinaviens und Russlands.

Unter der Überschrift Mächtige Frauen und versklavte Männer nimmt das dritte Kapitel Geschlechterrollen und soziale Hierarchien in den Blick. Die Beiträge von Leszek Gardeła und Matthias Toplak einerseits sowie Clare Downham andererseits befassen sich mit der in letzter Zeit verstärkt in der Forschung diskutierten Frage nach etwaigen kriegerischen Aktivitäten von Frauen, wobei Gardeła und Toplak die archäologische Seite abdecken, während Downham anhand von Schriftquellen die Handlungsspielräume von weiblichen Angehörigen der Herrschaftselite auslotet. Breiten Raum nimmt dabei jeweils die Diskussion des Grabs BJ 581 von Birka ein, in dem nach neuesten Erkenntnissen eine Frau mit reichen Waffenbeigaben bestattet wurde. Der Beitrag von Gardeła und Toplak wirkt dabei teilweise arg bemüht in dem Bestreben, andere Erklärungen für die Waffenbeigaben zu finden als eben die, dass die Grabherrin eine Kriegerin gewesen sein könnte. Ob das nun mehr über das Geschlechterrollenverständnis der Wikinger oder über das leider oft immer noch sehr beschränkte heutige aussagt, sei einmal dahingestellt. Ein Kontrastprogramm zu diesem Fokus auf die Oberschicht und kriegerische Ideale bietet Stefan Brinks Beitrag, der die Sklaverei in der Wikingerzeit untersucht und dabei nuanciert Unterschiede zwischen der Situation in den Heimatgebieten der Wikinger und dem Sklavenhandel im Zuge von Reisen herausarbeitet.

Verkehrsmittel der Wahl bei diesen Fahrten war natürlich vor allem das Schiff, so dass es nicht verwundert, dass das vierte Oberkapitel Handel und Expansion durch einen Beitrag von Rudolf Simek über die Schiffe der Wikinger eingeleitet wird, bevor Handelsplätze (Hauke Jöns) und ganze Handelsnetzwerke (Cristoph Kilger, Matthias Toplak) im Mittelpunkt stehen. Birgitta Hårdh zeigt anschaulich die überragende Rolle auf, die das zunächst nur für seinen Materialwert und als Rohstoff geschätzte Silber im Wirtschaftssystem der Wikingerzeit spielte, während Ralf Wiechmann das Entstehen eines eigenen skandinavischen Münzwesens (und der damit wohl unvermeidlich einhergehenden Fälschertätigkeit) schildert.

Ein Großteil des erwähnten Silbers erreichte die Wikinger zunächst aus der islamischen Welt über Osteuropa, und folgerichtig ist dem Weg in den Osten ein eigenes Oberkapitel gewidmet. Leszek Gardeła konzentriert sich hier auf die Kontakte von Wikingern und Westslawen im Ostseeraum. Matthias Toplak hingegen skizziert die Entstehung der Kiewer Rus. In diesem Kontext zu verorten ist die von Veronika Murasheva untersuchte Wallburg von Supruty (im heutigen Russland), die offenbar von Wikingern, Slawen und Steppennomaden gemeinsam genutzt, dann aber unter Beteiligung weiterer Wikinger völlig verwüstet wurde. Die Existenz von Schmelztiegeln der Kulturen, die sich am Beispiel von Supruty schon andeutet, beleuchtet Charlotte Hedenstierna-Jonson in ihren Ausführungen zu Migration und Identität. Matthias Toplak beschäftigt sich mit dem Verhältnis der Wikinger zum Islam und findet im Zuge dessen doch noch zu der kritischen Würdigung von Ibn Fadlans bekanntem Reisebericht, die man bei der begeisterten Nacherzählung von Teilen der Quelle im ersten Oberkapitel vermisst. Heinrich Härke und Irina A. Arzhantseva stellen Vermutungen über die Rolle der Seidenstraße für die Wikinger an. Leider fehlt als Gegengewicht zu dieser ausführlichen Erkundung des Ostens ein entsprechendes Kapitel zum Westen, der – sei es durch Plünderungen, sei es durch Reise- und Siedlungsaktivitäten im atlantischen Raum (Island, Grönland) – ebenfalls zum Aktionsradius der Wikinger gehörte.

Abschließend wird dafür im Abschnitt Religion und Mythologie der Versuch unternommen, die geistige Welt der Wikingerzeit zu rekonstruieren. Gerade hinsichtlich der paganen Glaubensvorstellungen ist das aufgrund der Quellenlage alles andere als einfach, wie Rudolf Simek, Tobias Schade und Matthias Toplak herausarbeiten, die sich im Anschluss daran auch mit der Christianisierung der Wikinger befassen. Stefanie Gropper führt knapp, aber informativ in die altnordische Literatur ein, während Arnulf Krause die Runenschrift beleuchtet. Einen der faszinierendsten Beiträge des gesamten Buchs legt Michaela Helmbrecht vor, die nicht nur die Rolle von Tierornamentik und Menschendarstellungen in der wikingerzeitlichen Kunst erläutert, sondern auch die Frage nach der Bedeutung von Bildmedien in einer größtenteils von Mündlichkeit geprägten Kultur aufwirft. Sigmund Oehrl hebt die Verbreitung christlicher und synkretistischer Elementen in der Kunst der späten Wikingerzeit hervor.

So groß die Schwankungen in Stil und Inhalt teilweise auch sind, der Gesamteindruck, den Die Wikinger hinterlassen, ist positiv. Der durch einen üppigen Farbbildteil ergänzte Band macht aktuelle Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit gut lesbar zugänglich. Ein Nachteil gegenüber einer Monographie aus einem Guss sei allerdings nicht verschwiegen: Bei einer Lektüre des kompletten Buchs kommt es oft zu Wiederholungen, da verschiedene Beiträge dieselben Fakten referieren oder schon erwähnte Quellen noch einmal neu vorstellen. Ein einzelner Autor hätte hier vermutlich stärker straffen können.

Dennoch gehören Die Wikinger ohne Zweifel zu den zugänglichsten und vielfältigsten Überblicksdarstellungen, die es derzeit über die Epoche gibt, und seien daher allen Interessierten empfohlen.

Jörn Staecker, Matthias Toplak (Hrsg.): Die Wikinger. Entdecker und Eroberer. Berlin, Propyläen (Ullstein), 2019, 480 Seiten.
ISBN: 978-3549076484


Genre: Geschichte

Religion und Mythologie der Germanen

Mit Religion und Mythologie der Germanen holt Rudolf Simek weit aus, um einen Überblick über die Entwicklung religiöser Vorstellungen der verschiedensten germanischen Gruppen von den ersten greifbaren Anfängen bis zur Christianisierung zu geben. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem skandinavischen Kulturraum, der archäologisch und quellenmäßig gut erschlossen ist. Dient als Einstieg noch der schlaglichtartige Blick auf die Rezeption durch uns Heutige, geht es gleich darauf weit zurück bis ins Neolithikum, um ein Panorama der longue durée bestimmter Ideen und Kulthandlungen zu entwerfen. Von Bedeutung ist dabei ist dabei beispielsweise die kontinuierliche religiöse Nutzung mancher Orte über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende hinweg, auch wenn die konkreten Glaubensinhalte der frühesten Zeiten natürlich nicht überliefert sind.

Das ändert sich selbstverständlich, sobald Schriftquellen – seien sie nun inschriftlicher oder literarischer Art – ins Spiel kommen. Etwas Vorwissen schadet bei der Lektüre der ihnen gewidmeten Passagen sicher nicht, denn Simek hinterfragt viele scheinbare Gewissheiten. Insbesondere den Quellenwert der landläufig oft mit der nordischen Mythologie assoziierten isländischen Texte, die erst im christlichen Hochmittelalter entstanden, und dabei vor allem der Prosa-Edda des Snorri Sturluson setzt er nicht hoch an. Hier ist für ihn primär ein gelehrt mythografisches Interesse, wenn nicht gar eine von christlicher und antiker Literatur beeinflusste Fabulierfreude am Werk. So kommt es zu der sonderbaren Situation, dass sich über die frühe germanische Religiosität (etwa im Rahmen des Matronenkults im römischen Reich) teilweise stichhaltigere Aussagen treffen lassen als über die der uns historisch um einiges näheren Wikingerzeit. Neben der demnach nur bruchstückhaft zu rekonstruierenden Götterwelt und den Vorstellungen über Jenseits, Seele und Schöpfung rückt Simek deshalb immer wieder auch die Aspekte germanischer Religion in den Vordergrund, die durch archäologische Funde ganz konkret zu erkunden sind, etwa Opferhandlungen und Bestattungssitten.

Als Konstante in allen behandelten Epochen erweist sich letzten Endes die Tatsache, dass es so etwas wie ein einheitliches germanisches Heidentum zu keinem Zeitpunkt gab: Regionale und individuelle Unterschiede werden nicht nur an nicht miteinander in Deckung zu bringenden Mythenversionen deutlich, sondern auch z.B. daran, dass unterschiedliche Formen des Grabbrauchs (wie Brand- und Körperbestattung) in denselben Gegenden durchaus gleichzeitig praktiziert werden konnten. Im Fehlen einer klaren und einheitlichen Glaubensgrundlage sieht Simek auch einen wichtigen Faktor für das letztendliche Unterliegen der paganen Vorstellungen gegen das Christentum, das zwar weniger Raum für Variationen, dafür aber dank seiner schriftlichen Grundlage Verbindlichkeit und eine straffere Organisation zu bieten hatte.

Trotz aller unvermeidlichen Fragezeichen und Leerstellen ergibt sich so ein durchaus eindrucksvolles Gesamtbild. Was man dem Band allerdings gewünscht hätte, ist ein gründlicheres Lektorat, denn es sind viele Widersprüche stehengeblieben, die sich nicht aus dem disparaten Material an sich, sondern aus Simeks eigenen Interpretationen ergeben. So widerspricht er etwa bei der Behandlung der sogenannten Goldgubber – wohl kultisch genutzter Goldplättchen mit reliefartigen Darstellungen u.a. von unbekleideten Tänzern – der Deutung, hier könne der Gott Freyr gezeigt sein, da „man kaum den Gott selbst als nackt und tanzend dargestellt haben“ werde (S. 77); eine kleine vollplastische Figur, die einen bis auf die Kopfbedeckung nackten Mann zeigt, deutet er aber selbst als Freyr (S. 145 f.) und sieht auch nackte Pfahlidole als Götterdarstellungen (S. 103 f.), so dass sich beim besten Willen nicht erschließt, warum ein Gott zwar als Statue nackt gezeigt werden darf, auf einem Goldplättchen aber nicht. Auch Simeks Einschätzungen zum Bild, das man sich geistig von den Göttern machte, sind nicht in Deckung zu bringen: Ist nun „Odin (…) überhaupt der einzige wikingerzeitliche Gott, der als Reiter vorgestellt wird“ (S. 142), oder wird auch Thor nach Ausweis der mit ihm assoziierten Kenningar (dichterischen Umschreibungen) „offenbar als Reiter“ betrachtet (S. 136)? Noch deutlicher ist die absolute Gegensätzlichkeit der Aussagen bei der Meeresgottheit Ran: Ist sie zunächst eine „ganz zweifellos schon recht alte Göttin“ (S. 155), verkündet Simek wenig später genauso überzeugt: „Es dürfte sich also bei Ran nur um eine recht späte, im Heidentum auch kaum recht verbreitete Personifizierung der sinistren Seite des Meeres handeln, (…) und somit dürfte die Vorstellung einer Göttin des Reiches der Ertrunkenen mit diesem Namen recht jung sein“ (S. 212). Hier weiß man nun überhaupt nicht mehr, welcher Wertung des Autors man trauen soll.

Demensprechend zwiespältig muss auch das Gesamturteil ausfallen. Als quellenerschließendes Handbuch, das aufzeigt, welche Texte und archäologischen Funde Hinweise auf Glaubenswelten und -praktiken bieten, ist Religion und Mythologie der Germanen unbestreitbar von hohem Wert. Bei der Interpretation hingegen sollte man  Simeks Äußerungen sorgfältig hinterfragen, um nicht am Ende Deutungen, die sogar den Autor selbst schon nach ein paar Seiten nicht mehr überzeugen, für gesicherte Erkenntnisse zu halten.

Rudolf Simek: Religion und Mythologie der Germanen. 2., bibliographisch aktualisierte und überarbeitete Aufl. Darmstadt, Theiss (WBG), 2014, 336 Seiten.
ISBN: 978-3806229387


Genre: Geschichte, Märchen und Mythen

Träume in der Antike

Menschen träumen – das gilt für vergangene Jahrhunderte genauso wie für die heutige Zeit. Wie genau man in der Antike mit dem Phänomen Traum umging, zeigt die Altphilologin Marion Giebel in Träume in der Antike, einer kommentierten Sammlung von Quellen und literarischen Texten, die von den homerischen Epen bis zu Traumschilderungen der Spätantike zeitlich gut ein Jahrtausend abdecken.
Geordnet sind die einzelnen Beispiele jedoch nicht chronologisch, sondern in thematischen Gruppen. Das erste Kapitel nimmt Traumerzählungen aus Epos, Tragödie und Roman in den Blick und zeigt auf, wie antike Autoren von Homer über Vergil bis hin zu Apuleius ihre Figuren träumen ließen. Hier werden im fiktiven Kontext schon all die Funktionen fassbar, die Träume bzw. ihre Wiedergabe auch im realen Leben übernehmen konnten: Wie der zweite Abschnitt Die Träume der Mächtigen beweist, wurden tatsächliche oder nur vorgebliche Träume als Motivation für bestimmte Handlungen, als Vorzeichen oder als Reaktion auf Geschehnisse oft entweder propagandistisch ausgeschlachtet oder aber im Nachhinein zur Deutung historischer Vorgänge herangezogen. Die Quellen lassen erkennen, dass die Interpretation dabei durchaus von Person zu Person schwanken konnte. Während eher skeptische Zeitgenossen eine recht modern anmutende psychologische Perspektive einnahmen und Träume nur als unbewusste Verarbeitung dessen verstanden, was die Schlafenden im Wachzustand beschäftigt hatte, glaubten andere an das Wirken höherer Mächte.
Letztere Annahme steht im Kapitel Weisungen und Aufträge im Traum im Mittelpunkt, in dem sowohl pagane Gottheiten als auch der christliche Gott den träumenden Gläubigen Hinweise oder direkte Befehle zukommen lassen, die sie tunlichst befolgen sollten, um unangenehme Konsequenzen zu vermeiden.
Eine spezifische Form solcher Träume waren die in einem eigenen Abschnitt behandelten Heilträume, in denen insbesondere der Heilgott Asklepios in Erscheinung trat, was man in manchen Fällen durch ein Schlafen im Tempel gezielt herbeizuführen versuchte, um die Behebung eines Leidens zu forcieren.
Das fünfte Kapitel Literarisch ausgestaltete Traumerzählungen schlägt nicht etwa den Bogen zum Anfang des Buchs zurück, sondern betrachtet Träume im Kontext biographischen und autobiographischen Schreibens. Eine letzte Textgattung der Antike, die sich mit Träumen befasste, waren Sachbücher zum Thema, die Giebel in Form von Auszügen Aus der Traumkunst des Artemidor präsentiert. Artemidors Traumdeutungen sind aus heutiger Sicht insofern interessant, als er zwar von einer Zeichenhaftigkeit von Träumen ausging, aber zugleich bereits bestimmte psychologische Mechanismen erkannte.
Alle Texte sind zweisprachig im griechischen bzw. lateinischen Original und in Übersetzung enthalten. Die Übertragung ins Deutsche stammt in vielen Fällen von Giebel selbst, ist manchmal aber auch aus älteren Ausgaben übernommen. Neben einer allgemeinen Einleitung stellt die Herausgeberin auch kurze einführende Texte zu jedem einzelnen Traumbeispiel bereit, die eine (mentalitäts-)historische Einordnung erlauben.
Der Charme des kleinen Buchs besteht aber nicht zuletzt auch darin, dass neben der antiken Lebenswelt, die in den Details der Träume aufscheint, immer wieder auch eine allgemein menschliche Komponente fassbar wird, die auch über die Distanz der Jahrtausende hinweg einen unmittelbaren Zugang zu damaligen Erfahrungen eröffnet. Krankheiten, berufliche wie private Hoffnungen, aber auch Sorgen, Angst und Reue sind trotz aller kultur- und epochenspezifischen Unterschiede heute noch nachvollziehbar, und dass einem im Traum neben Personen und Gegenständen aus dem eigenen Alltag manchmal auch Verrücktes und im wahren Leben Unmögliches erscheint, dürfte jeder schon selbst erlebt haben. So bieten die Träume in der Antike nicht nur eine anregende und geschichtlich interessante Lektüre, sondern auch eine, bei der man sich berühmten wie unbekannten Menschen des Altertums punktuell sehr nahe fühlen kann.

Marion Giebel (Hrsg.): Träume in der Antike. Griechisch / Deutsch, Lateinisch / Deutsch. Stuttgart, Reclam, 2006, 256 Seiten.
ISBN: 978-3150183953


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur