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Die Elfe vom Veitner Moor

Die Kriegerin Ayla, die schon bessere Zeiten gesehen hat, ist als Kommandantin der Stadtwache in dem verregneten Provinznest Abilacht gestrandet. Die ackerbürgerliche Langeweile endet jäh, als ein Hirtenjunge im nahen Moor eine tote Elfe entdeckt, die niemand zu vermissen scheint. Ayla schließt auf einen Mord und nimmt die Ermittlungen auf, obwohl der örtliche Burgherr sehr erpicht darauf ist, die Angelegenheit als tragischen Unfall zu den Akten zu legen. Doch was die Elfe Saliniome, die das Opfer noch kurz vor seinem Tod gesehen haben will, zu berichten weiß, spricht für ein Gewaltverbrechen, so dass Ayla unterstützt von dieser einzigen Zeugin weiter nachforscht. Bald wird den beiden klar, dass sie es mit weit mehr zu tun haben als mit einem gewöhnlichen Überfall auf einsamer Landstraße – und dass auch der geheimnisvolle Fremde, der Ayla schöne Augen macht, die Hand im Spiel haben könnte …

Katja Angenents Debütroman ist in der Welt des Rollenspiels Das Schwarze Auge (DSA) angesiedelt, aber – nicht zuletzt dank eines ausführlichen Glossars – auch ohne entsprechende Vorkenntnisse problemlos verständlich. Was als Krimi beginnt, entwickelt sich rasch zum locker wegzulesenden Fantasyabenteuer mit militärischer und politischer Dimension, in dem Action und Blutvergießen wahrlich nicht zu kurz kommen (übrigens nicht nur, was Menschen bzw. anthropomorphe Wesen betrifft – wer tierlieb ist und insbesondere Pferde mag, wird einige Male schlucken müssen).

Während gegen Ende des Buchs also kräftig die Fetzen fliegen, lebt die Anfangsphase über weite Strecken von Katja Angenents Talent dafür, eine unheimliche Atmosphäre heraufzubeschwören und Wetter und Landschaft geradezu zu Mitspielern zu machen, wenn ihre ungleichen Heldinnen zu rekonstruieren versuchen, was im Moor geschehen ist, und erst nach und nach erkennen, dass sie nicht nur einen Todesfall aufklären, sondern vielmehr eine veritable Katastrophe verhindern müssen.

Bis auf den schaurigen Prolog, der Anklänge an Annette von Droste-Hülshoffs Knaben im Moor nicht verleugnen kann, ist die Handlung in der dritten Person aus Aylas Sicht geschildert. Gelegentlich wünscht man der wackeren Soldatin etwas mehr gesundes Misstrauen (als Leserin oder Leser ahnt man jedenfalls schon eher als sie, dass manches zu schön ist, um wahr zu sein), aber alles in allem macht es Spaß, einmal eine Frau in der Rolle des abgehalfterten und Liebesabenteuern nicht abgeneigten Kämpfers in der Midlife-Crisis zu sehen.

Bedingt auch durch Aylas Perspektive bleibt Saliniome, die an etwas wie einer posttraumatischen Belastungsstörung zu leiden scheint und ihre Zauberkräfte und ihre Lebenslust erst an Aylas Seite langsam wiederentdeckt, die rätselhaftere der Hauptfiguren. Beide eint jedoch, dass sie auf ihre Art jeweils Außenseiterinnen sind: Ayla sehnt sich nach ihrer südlichen Heimat, aus der es sie schon in ihrer Jugend in den unwirtlichen Norden verschlagen hat, Saliniome dagegen kann sich nicht völlig in die menschliche Kultur und Denkweise einfügen. Wie aus der Zufallsbekanntschaft der zwei eine Freundschaft und bald auch mehr wird, ist nett geschildert, und Anknüpfungspunkte für eine mögliche Fortsetzung um das Protagonistinnenduo sind vorhanden, so dass man durchaus hoffen kann, dass es nicht bei einem einzigen Roman um die beiden bleibt.

Was der Elfe vom Veitner Moor allerdings zu wünschen gewesen wäre, ist größere Gründlichkeit bei Lektorat und Korrektorat. Hier ist einiges versäumt worden, neben dem Verbessern von Flüchtigkeitsfehlern etwa auch das Ausmerzen kleiner Widersprüche (so wird z.B. der Kommandeur einer gegen Ende des Buchs ins Geschehen eingreifenden Truppe abwechselnd als „Hauptmann“ und als „Oberst“ bezeichnet) oder eine Vereinheitlichung in den Fällen, in denen ein Wort in mehreren Schreibweisen auftaucht („Schenke“ vs. „Schänke“). Zwar kann man notfalls darüber hinweglesen, aber dieser Feinschliff wäre dem ansonsten unterhaltsamen Buch eben doch zu gönnen gewesen.

Katja Angenent: Die Elfe vom Veitner Moor. Erkrath / Windeck, Rocket Books (Blitz Verlag), 2020, 324 Seiten.
ISBN: 978-3946502593


Genre: Roman

Die Brücke zwischen den Welten

Hamburg 1906. Als Hans Körner durch die Missgunst eines Vorgesetzten seine Arbeit in einem angesehenen Teppichgeschäft verliert, scheint seine Zukunft düster auszusehen. Doch bei dem Versuch, seinen Kummer zu ertränken, begegnet er einem Mann, der ihm zum Verwechseln ähnelt. Ludwig Brehm, ein abenteuerlustiger Sohn aus gutem Hause, hat eine Stelle bei den Teppichhändlern Ihmsen und Witt in Konstantinopel in Aussicht, aber eigentlich ganz andere Pläne. Spontan tauschen die beiden Doppelgänger die Namen und die Plätze, und Hans reist als Ludwig ins Osmanische Reich. Unter den Auslandseuropäern der pulsierenden Vielvölkermetropole führt er bald ein Leben, das er sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können, doch die Angst vor Entdeckung bleibt. Aber er ist nicht der Einzige, der Geheimnisse hat: Edie Witt, die Ehefrau eines der Firmeninhaber, probt still und heimlich den Aufstand gegen die restriktiven Rollenerwartungen an Damen der Gesellschaft, während die junge Milena, bei der „Ludwig“ Französischunterricht nimmt, der düsteren Vergangenheit ihrer russischen Familie nachspürt und sich dabei auf den windigen Maler Sergej einlässt, der ganz eigene Ziele verfolgt …

Die Brücke zwischen den Welten ist wieder einmal ein üppiger historischer Roman von Petra Oelker, der vor allem durch die gelungenen Figuren und die Schilderung der farbenprächtigen Kulisse am Bosporus besticht. Der Blick auf eine multikulturelle Stadt mit all ihren Chancen, aber auch all ihrem Konfliktpotential in politisch unruhigen Zeiten, die schon das allmähliche Nahen des Ersten Weltkriegs erahnen lassen, lädt dabei durchaus auch zu Vergleichen mit der Gegenwart ein. Ein umfangreiches Glossar, das neben Begriffen und Ortsnamen auch die in Nebenrollen auftretenden realen Persönlichkeiten enthält, trägt zum Verständnis der geschichtlichen Hintergründe bei.

Geschickt gelöst ist der Spannungsaufbau, denn was trotz der Hochstapelei als Ausgangssituation zunächst als recht ruhiger Gesellschaftsroman beginnt, gewinnt im weiteren Verlauf Züge einer Abenteuer- und Spionagegeschichte mit dramatischem Showdown. Bei allem Schwelgen in der Schönheit des Handlungsorts und einzelner Gegenstände – vom Orientteppich bis zur Heiligenikone – bleiben jedoch auch die Schattenseiten der Epoche nicht ausgespart. Die im frühen 20. Jahrhundert nicht nur in der Türkei noch sehr autoritäre Herrschaftsweise, die für Dissidenten keinen Platz lässt, tangiert das Leben der Protagonisten ebenso wie eine Fülle fremden- und frauenfeindlicher Vorurteile, die selbst innerhalb von Familien für Unfrieden sorgen können. Teilweise begegnen einem dabei Figurentypen, auf die Petra Oelker in ihrem Werk immer wieder gern zurückgreift. So ist z.B. die hier durch Edie Witt vertretene Kaufmannsgattin, die unter den Beschränkungen ihrer Rolle leidet und sich nicht nur nach größeren Freiheiten, sondern auch nach stärkerer geistiger Betätigung sehnt, eine wiederkehrende Gestalt in den Romanen der Autorin, aber durchaus immer wieder mit individuellen Zügen interpretiert.

Während Figurenensemble, Beschreibungen und große Teile der Handlung zu überzeugen wissen, fällt leider das Ende nach der abschließenden Konfrontation mit dem Schurken des Romans eher schwach aus und wirkt allzu offen. Vieles, was in den unterschiedlichen Handlungssträngen aufgebaut worden ist, bleibt so in der Luft hängen, als fehlte hier eigentlich noch eine Fortsetzung, und der Epilog, der das sehr veränderte Istanbul nach dem Ersten Weltkrieg in den Blick nimmt, verschärft das Problem eher, als es zu lösen. Beinahe hat man den Eindruck, dass Petra Oelker hier selbst keinen konkreten Plan hatte, wohin sie mit einigen ihrer Protagonisten eigentlich wollte, und deshalb lieber die Phantasie ihrer Leserinnen und Leser für sich arbeiten lässt, statt über im Vagen verbleibende Andeutungen hinauszugehen.

Abgesehen von diesem Verzicht auf einen befriedigenden Abschluss bietet Die Brücke zwischen den Welten jedoch unterhaltsame Lektüre für alle Fans historischer Romane, auch wenn sie nicht ganz an Petra Oelkers beste Werke (wie z.B. Emmas Reise) herankommt.

Petra Oelker: Die Brücke zwischen den Welten. Hamburg, Wunderlich (Rowohlt), 2018, 494 Seiten.
ISBN: 978-3805200271


Genre: Roman

Der letzte Steinmagier

Seit ein böser Zauberer die schwangere Kaiserin in Stein verwandelt und damit die dynastische Erbfolge unterbrochen hat, herrscht im Kaiserreich Niwaen-ju Bürgerkrieg. Zahlreiche Fürsten ringen um die Macht und bedienen sich dabei der Kräfte der Steinmagier, deren Zahl allerdings immer weiter zurückgeht. Die Schlacht von Wuchao, die eigentlich nur ein Etappensieg für den tyrannischen Fürsten Dayku Quan sein könnte, erweist sich als Wendepunkt, kommen in ihr doch sämtliche verbliebene Steinmagier um – bis auf einen, den jungen und oft unterschätzten Wurishi Yu, den sein Lehrmeister vorausschauend an einem sicheren Ort zurückgelassen hat.
Yu ahnt, dass weder er selbst noch die Zauberspruchsammlung seines Meisters Dayku Quan in die Hände fallen darf, der mit der Verfügungsgewalt über den letzten Rest der Steinmagie Verheerendes anrichten könnte. Die Flucht in ein Nachbarterritorium erscheint als einziger Ausweg, verläuft aber nicht so, wie Yu sie sich vorstellt. Unterwegs wird er nolens volens zum Befreier dreier Gefangener, die sich ihm anschließen. Bald braucht Yu seinerseits ihre Hilfe, denn alles deutet darauf hin, dass die ihm zugedachte Aufgabe sich beileibe nicht darauf beschränkt, magische Schriften in Sicherheit zu bringen …
James A. Sullivan entwirft in Der letzte Steinmagier eine bunte, lebendige und im wahrsten Sinne des Wortes zauberhafte Welt, die an das alte China erinnert. So lehnt sich die eindringliche Schilderung von Statuen, die einzelnen Menschen magisch zur Unsterblichkeit verhelfen können, an die Terrakotta-Armee im Grab des ersten chinesischen Kaisers an. Neben der Archäologie hat aber auch die klassische chinesische Literatur unverkennbar als Inspirationsquelle gedient. Charmant ist z.B., dass Yus Flucht zunächst explizit nach Westen verläuft, denn der Roman Die Reise nach Westen dürfte die Zusammensetzung des kleinen Gefährtentrupps, den Yu um sich schart, durchaus beeinflusst haben. Insbesondere der wohl an die Figur des Affenkönigs Sun Wukong angelehnte Dieb Sankou Yan bringt neben einiger Dynamik auch immer wieder einen guten Schuss Komik in die Geschehnisse ein.
Was sich in dieser fernöstlichen Umgebung abspielt, ist eine Questengeschichte um die Wiederherstellung der legitimen Herrschaft. Liebeswirren und Diebestouren am Rande lockern amüsant die Haupthandlung auf. Der Reiz besteht dabei insgesamt weniger in der Frage, was das Endergebnis von Yus Abenteuern sein wird – dank einer Rahmenerzählung kennt man das als Leserin oder Leser von Anfang an -, sondern in der, wie genau der Weg dorthin verläuft, und in den liebevoll ausgearbeiteten Figuren. Obwohl mehrere von ihnen mit eindrucksvollen magischen Kräften ausgestattet sind und Kämpfe, Verfolgungsjagden und Zaubererduelle in ihrem Verlauf deshalb oft das alltägliche Maß übersteigen, bleiben die Personen, wie von Sullivan gewohnt, stets menschlich und in vielen Fällen auch sympathisch.
Yu ist dabei ein Held abseits der gängigen Fantasyklischees, denn um seine Mission erfolgreich zu bewältigen, setzt er nicht primär auf kriegerische Mittel, sondern in hohem Maße auf Meditation und Bücherwissen, die auf stille Art die magischen Fertigkeiten stärken.
Das Ende der Rahmenhandlung lässt mit seinen Andeutungen über das weitere Schicksal von Yus Gefährten und den Verlauf der Wiederherstellung der kaiserlichen Macht die Möglichkeit einer Fortsetzung offen, zu der es aber bedauerlicherweise in den Jahren seit der Veröffentlichung des Letzten Steinmagiers nie gekommen zu sein scheint. Umso schöner ist es, dass der Autor auf seiner Website eine Kurzgeschichte um Sankou Yan als kostenlosen PDF-Download zur Verfügung stellt, denn wenn es schon kein Sequel gibt, so doch immerhin ein kleines Prequel.

James A. Sullivan: Der letzte Steinmagier. Hamburg, Mira, 2008, 604 Seiten.
ISBN: 978-3899414288

 


Genre: Roman

Eine Kiste voller Weihnachten

Dresden im späten 19. Jahrhundert. Vincent Storch ist erfolgreicher Hersteller sogenannter „Dresdner Pappen“, einer speziellen Form von Weihnachtsdekoration aus geprägtem und vergoldetem Papier. Privat seit einem nie beigelegten Familienkonflikt griesgrämig und zynisch eingestellt, legt er höchsten Wert auf den guten Ruf seines Unternehmens. Als sich ausgerechnet nach Betriebsschluss am Heiligabend herausstellt, dass eine Lieferung an die Kirchengemeinde im erzgebirgischen Zinnwald schlicht vergessen worden ist, kommt das für Storch daher einer Katastrophe gleich, und er beschließt, den Schaden höchstpersönlich durch eine riskante Fahrt ins winterliche Bergland zu beheben. Dass sich die kleine Lisbeth, die in verzweifelter Lage aus Dresden zurück zu ihrer Familie im Erzgebirge möchte, als blinde Passagierin auf seinem Wagen einschleicht, behagt ihm zunächst überhaupt nicht. Doch im Laufe des beschwerlichen Wegs freunden die beiden ungleichen Reisegefährten sich immer mehr miteinander an, so dass es Storch schon längst nicht mehr kaltlässt, als Gerüchte über ein Unglück zu ihnen dringen, von dem Lisbeths ohnehin vom Schicksal gebeutelte Familie betroffen sein könnte …
Eine Kiste voller Weihnachten gehört zu einer seit einigen Jahren in loser Folge bei Rowohlt veröffentlichten, von Andrea Offermann entzückend illustrierten Reihe von Weihnachtserzählungen (weitere Beispiele sind hier und hier rezensiert). Die Gestalt des verbitterten alten Geschäftsmanns, der zu Weihnachten doch noch seine menschliche Seite wiederentdeckt, ist seit Charles Dickens‘ Ebenezer Scrooge nicht neu in der Literatur, aber Ralf Günther legt mit seinem Vincent Storch eine phasenweise durchaus amüsante und nicht allzu süßliche Interpretation dieses Figurentypus vor. In ihm und der Bergmannstochter Lisbeth prallen auch abgesehen vom Kontrast zwischen Stadt und Land sowie Alt und Jung gegensätzliche Lebenswirklichkeiten und Weltanschauungen aufeinander, die sich allerdings bisweilen recht gut ergänzen, wenn Schwierigkeiten zu meistern sind. Wie die beiden Protagonisten sich Stück für Stück zusammenraufen, ist nett und gefällig erzählt, auch wenn ein Teil ihrer Abenteuer vielleicht einen etwas harmloseren Verlauf nimmt, als es in der Realität zu erwarten wäre (so z.B. die Begegnung mit zwei nicht unbedingt mit den größten Geistesgaben gesegneten Gaunern). Das Ende dagegen ist in seiner Offenheit nicht zu glatt gestaltet, um glaubhaft zu bleiben: Sowohl Vincent als auch Lisbeth sind zum Schluss zwar optimistisch, was die Entwicklung ihrer jeweiligen Situation angeht, aber darüber, ob sich ihre Erwartungen erfüllen werden, muss man als Leserin oder Leser selbst zu einem Schluss kommen.
Seinen Charme verdankt das kleine Buch aber gar nicht so sehr der Handlung allein, sondern vor allem auch der liebevollen Schilderung einer Welt im Wandel, die krasse soziale Gegensätze und archaische Verhältnisse ebenso kennt wie erste Anzeichen der Moderne und einen gewissen Glanz – auch wenn er unter der Oberfläche dann doch nur aus Papier sein mag. Ein paar wohlige Lesestunden, die Weihnachtsstimmung aufkommen lassen, sind so garantiert.

Ralf Günther: Eine Kiste voller Weihnachten. Hamburg, Kindler / Rowohlt, 2019, 128 Seiten.
ISBN: 978-3463406978


Genre: Roman

Something Human

Als die Verteidiger der belagerten Stadt Tios einen erfolglosen Ausfall wagen, scheint für den jungen Adares das Ende gekommen zu sein: Nach einem Sturz unter einem Karren eingeklemmt, wird er von seinen Leuten fälschlich für tot gehalten und zurückgelassen. Ausgerechnet Rus, ein kriegerischer Priester aus dem Heer der feindlichen Luth, rettet ihm das Leben, glaubt sich aber nach einer Verwundung durch einen vergifteten Pfeil selbst todgeweiht. Adares kennt ein Heilmittel, und da beiden Männern die Rückkehr zu ihren jeweiligen Truppen vorerst unmöglich ist, suchen sie in einem verlassenen Tempel Zuflucht. Dort kommt es, wie es kommen muss: Aus gegenseitiger Dankbarkeit wird Freundschaft und bald auch mehr. Doch Rus entstammt einer Kultur, die Homosexualität verachtet und von ihren Priestern Keuschheit erwartet, und auch Adares hütet ein Geheimnis, das eine Liebesbeziehung zu einem Kriegsgegner noch weit leichtsinniger erscheinen lässt, als sie es ohnehin schon wäre …
Something Human ist wahrlich kein Roman ohne Fehler und Schwächen: Die sehr ausgedehnten Liebesszenen hätte man gewiss um mindestens zwei Drittel kürzen können, ohne dass die Geschichte dadurch viel verloren hätte, und im Verhalten der Figuren wirkt manches gerade gegen Anfang heillos naiv (so etwa, dass Adares dem immerhin zum gegnerischen Heer gehörenden Rus sehr früh anvertraut, dass es einen heimlichen Weg in die belagerte Stadt gibt).
Dafür entschädigt wird man jedoch durch die bunte pseudohistorische Welt, die A. J. Demas (alias Alice Degan) aus Versatzstücken antiker Kulturen entwirft und in lebendigen Beschreibungen heraufbeschwört. Auch wenn man also hier von Historienfantasy sprechen könnte, sind die übernatürlichen Elemente sehr zurückgenommen. Ob die Götter tatsächlich ins Geschehen eingreifen oder dies nur von den handelnden Personen so interpretiert wird, bleibt offen, trägt aber stark dazu bei, die erdachte Religion als unverzichtbaren Teil des Romankosmos zu etablieren.
Doch auch abseits davon hat die hier entwickelte fiktive Antike genug zu bieten: Tios erinnert im weitesten Sinne an eine griechische Stadtgründung im Schwarzmeergebiet, wird aber von den Angehörigen einer Kultur bewohnt, die zusätzlich auch römische Züge umfasst (so lautet z.B. der Titel des gewählten Stadtoberhaupts Archon, aber das Militär setzt sich aus Legionen zusammen). Die Luth wiederum erscheinen wie eine Mischung aus Skythen und Kelten, wobei das von ihnen unter anderem als Orakel genutzte, einer rein männlichen Priesterschaft vorbehaltene Stiertötungsritual vielleicht auch Elemente der Mythologie des historischen Mithraskults aufgreift. Angenehm ist, dass die Autorin beide Lebenswelten gleichberechtigt mit ihren Licht- und Schattenseiten schildert und den Kontrast zwischen ihnen nicht zu einem Gegensatz zwischen verfeinerter Zivilisation und tumben Barbaren oder edlen Wilden stilisiert.
Auch auf der Figurenebene werden die diesbezüglich üblichen Klischees genüsslich gebrochen, und die feinfühlige Charakterisierung nicht nur der beiden Helden, sondern auch ihres jeweiligen Umfelds hebt Something Human über den durchschnittlichen Liebesroman hinaus. Der schon im Titel anklingende Appell, in einem vermeintlichen oder tatsächlichen Gegner immer auch den Mitmenschen zu sehen, durchzieht unterschwellig das ganze Buch. Da nicht nur dies die Protagonisten recht sympathisch macht, gönnt man es ihnen, dass sich einige zunächst unüberwindlich scheinende Schwierigkeiten dann doch schneller in Wohlgefallen auflösen, als es vielleicht in der Realität geschehen würde. Doch wie oben bereits erwähnt, liegt die große Stärke des Romans auch gar nicht so sehr in der Handlung selbst, sondern darin, dass es gelingt, eine erfundene und in mancherlei Hinsicht fremde Welt überzeugend und im allgemein Menschlichen dann doch wieder vertraut wirken zu lassen. Ein paar vergnügliche Lesestunden abseits ausgetretener Pfade kann Something Human damit auf alle Fälle bieten.

A. J. Demas: Something Human. Toronto, Sexton’s Cottage, 2018, E-Book (auch als Taschenbuch erhältlich).
ISBN Printausgabe: 978-1988086118


Genre: Roman

Bretonische Verhältnisse

Kommissar Georges Dupin, aus Paris in die Bretagne strafversetzt, aber mittlerweile ganz gut in der neuen Heimat angekommen, sieht sich mit einem mysteriösen Mordfall konfrontiert: Im Künstlerort Pont-Aven wird ein alter Hotelier erstochen. Wer könnte ein Motiv gehabt haben – die Angehörigen, zu denen das Opfer ein gespanntes Verhältnis hatte, die Hotelangestellten, der langjährige beste Freund oder vielleicht doch der undurchsichtige Direktor des örtlichen Museums? Alles erscheint in ganz neuem Licht, als Dupin herausfindet, dass der Ermordete ein Geheimnis hatte, das mit den Aufenhalten des berühmten Malers Paul Gauguin in Pont-Aven zusammenhängt. Doch dann wird eine zweite Leiche gefunden …
Wenn man erst spät ein bekanntes Buch liest, aus dem sich inzwischen eine seit Jahren erfolgreiche Serie entwickelt hat, verändert das unweigerlich den Blick: Die Erwartungen sind hoch, aber zugleich hegt man vielleicht eine gewisse Skepsis, ob der Hype wirklich berechtigt ist.
In diesem Fall erkennt man jedoch bei der Lektüre rasch, dass Bannalecs Krimis ihre Popularität verdient haben: Ein spannender Fall, ein eingängig gezeichnetes Ermittlerteam um den in allen Lebenslagen Unmengen von Kaffee trinkenden Kommissar und augenzwinkernde Seitenhiebe auf Klischees des Genres bieten glänzende Unterhaltung.
Der Hauptreiz liegt aber natürlich gar nicht so sehr in der Aufklärung des Mordes, sondern in der liebevollen Schilderung der Bretagne einschließlich ihrer Eigenarten, kulinarischen Köstlichkeiten, landschaftlichen Schönheit und Sehenswürdigkeiten. Gelegentlich wird ziemlich deutlich, dass Bannalec dabei für eine gute Beschreibung auch gern Umwege der Handlung (und seines Helden) in Kauf nimmt: So gelangt Dupin z.B. gegen Ende des Romans auf der Suche nach einem Beweisstück in einen besonders pittoresken Ort, der selbstverständlich in allen Details schwelgerisch heraufbeschworen wird, bevor sich erweist, dass der Kommissar vielleicht doch besser an anderer Stelle nachsehen sollte.
Zentral ist natürlich auch die Geschichte der Schule von Pont-Aven, wobei der Autor die realen kunsthistorischen Details gekonnt mit fiktiven verknüpft und ein Gemälde hinzuerfindet, das zwar in Wirklichkeit nicht existiert, sich aber durchaus glaubwürdig ins Œuvre des Künstlers einfügt, dem es zugeschrieben wird.
Ein Wermutstropfen sei allerdings nicht verschwiegen: Sprachlich ist leider nicht alles perfekt. Der Roman hätte ein gründlicheres Lektorat und Korrektorat gebrauchen können. Die Liste des Verbesserungswürdigen reicht von Tippfehlern und anderen Kleinigkeiten (so hat z.B. Pont-Aven im Text – anders als auf der beigefügten Karte – rätselhafterweise durchgängig keinen Bindestrich) über doch recht viele vermeidbare Wortwiederholungen bis hin zu Formulierungen, die so umgangssprachlich sind, dass sie schon an Grammatikfehler grenzen („brauchen“ mit Infinitiv ohne „zu“). Da es sich bei der mir vorliegenden Ausgabe schon um die vierte Auflage des Romans handelt, ist es doppelt bedauerlich, dass solche Schnitzer entweder niemandem aufgefallen sind oder vom Verlag schlicht als unwichtig eingestuft werden.
Ein gutes Buch sind die Bretonischen Verhältnisse trotzdem ohne jede Frage, aber gerade deshalb hätten sie den fehlenden Feinschliff unbedingt verdient.

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Verhältnisse. Ein Fall für Kommissar Dupin. 4. Aufl. Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2012, 302 Seiten.
ISBN: 978-3462044065


Genre: Roman

Die Lilie in Kardinalrot

Paris 1640. Die Kompanie der Musketiere ist aufgelöst, ihr Hauptmann in die Verbannung geschickt. Der ehemalige Leutnant d’Artagnan hadert mit seinem Schicksal. Da erhält er von keinem Geringeren als Kardinal Richelieu ein schier unglaubliches Angebot: Die Musketiere könnten unter d’Artagnan als neuem Befehlshaber wieder zusammengerufen werden, wenn es ihm zuvor gelingt, das rätselhafte Verschwinden einer Adligen aufzuklären. Doch zu dem Zweck muss d’Artagnan das Undenkbare tun und in die Garde seines alten Gegenspielers eintreten …
Das Wichtigste vorab: Um Die Lilie in Kardinalrot voll und ganz genießen zu können, sollte man Alexandre Dumas‘ Klassiker Die drei Musketiere gelesen haben. Denn was Maren von Strom hier mit viel Verve, Herzblut und Humor vorlegt, ist eine alternative Fortsetzung der Geschichte, in der d’Artagnan einen ganz anderen Weg einschlägt als in den späteren Bänden von Dumas (Zwanzig Jahre danach und Der Vicomte de Bragelonne).
Als historischen Roman im strengen Sinne – also als literarische Aufbereitung tatsächlicher Ereignisse – sollte man die Lilie dabei nicht verstehen, sondern als pralles Abenteuer vor geschichtsträchtiger Kulisse. Die Autorin verlegt zwei verbürgte Vorfälle (die Verbannung des Kommandeurs der Musketiere kurz vor Richelieus Tod und die Auflösung der Truppe unter dessen Nachfolger Mazarin) um einige Jahre vor und lässt sie zusammenfallen, um daraus eine maßgeschneiderte Ausgangssituation für eine Räuberpistole um den etwas gereiften, aber nicht unbedingt auf allen Gebieten weise gewordenen d’Artagnan zu stricken.
Seine Vorliebe für Anjouwein und seine fragwürdige Herangehensweise an Beziehungen zum anderen Geschlecht hat er kein bisschen verloren, aber anders als im Original ist er hier kein jugendlicher Heißsporn, sondern ein nachdenklicherer Mann, der sich nicht mehr blind in jeden Kampf stürzt und liebgewonnene Gewissheiten zu hinterfragen beginnt.
Dies geschieht jedoch zugleich auch auf der Erzählerebene, und nicht allein deshalb, weil die ewigen Antagonisten der Musketiere hier einmal selbst in die Protagonistenrolle schlüpfen dürfen und so Soldaten des Kardinals, die bei Dumas kaum mehr als Namen sind, ihre eigene Persönlichkeit (und im Fall des Leutnants Jussac auch eine komplette Familie) gewinnen. Vielmehr wird auch gehörig an einigen Selbstverständlichkeiten klassischer Abenteuerliteratur gekratzt: Die unschönen Langzeitfolgen von Kampfverletzungen und Folterungen werden ebenso in den Blick genommen wie soziale Ungerechtigkeiten und die Kollateralschäden typischen Romanheldenverhaltens. Nicht für jede Figur, mit der man mitfühlt, gibt es ein Happy End.
Trotz dieser melancholischen Zwischentöne kommt allerdings der Unterhaltungswert nicht zu kurz, fügen sie sich doch in eine geradlinig erzählte, actionreiche Geschichte um List und Gegenlist, in der Bündnisse und Loyalitäten fast im Kapiteltakt wechseln und manch eine unvorhersehbare Wendung wartet.
Spaß machen dabei besonders die spritzigen Dialoge. Gerade d’Artagnan und Rochefort, der Meisterspion des Kardinals, werfen sich die Pointen oft gegenseitig zu. In vielen Formulierungen stecken dabei Anspielungen auf Die drei Musketiere, deren Erzählhaltung auch in den schwelgerischen Beschreibungen von Paris nachgeahmt wird. Wer Lust hat, sich von einem nostalgischen Mantel-und-Degen-Roman mitreißen zu lassen, der die Stärken des Genres ausspielt, zugleich aber dessen Schwächen selbstironisch bricht, findet in der Lilie in Kardinalrot deshalb vergnügliche Lektüre.

Maren von Strom: Die Lilie in Kardinalrot. Berlin, epubli, 2019, e-Book (auch als Taschenbuch erhältlich, ISBN: 978-3748554240).


Genre: Roman

Heartstone

Nacherzählungen und Abwandlungen von Jane Austens Pride and Prejudice (dt. Stolz und Vorurteil) gibt es wie Sand am Meer. In die große Schar der Austen-Epigonen reiht sich Elle Katharine White mit Heartstone ein, das die Handlung des Klassikers in eine Welt voller Fabelwesen und übernatürlicher Bedrohungen verlegt.
Hier sind es also Aliza Bentaine, Tochter des Schreibers eines Gutsherrn, und der adelsstolze Drachenreiter Alistair Daired, die sich erst ganz und gar nicht grün sind und doch irgendwie nicht voneinander lassen können. In den Grundzügen folgt der Ablauf der Geschehnisse dabei so eng dem Original, dass sich eine Inhaltszusammenfassung erübrigt – abgesehen von dem Hinweis, dass es die Bedrohung durch ein mordlüsternes Greifenrudel ist, die Daired und seine Freunde überhaupt erst in die Umgebung der Bentaine-Schwestern führt und dass die Umdeutung der Geschichte an einem der anscheinend unausrottbaren Grundübel des Fantasygenres krankt: Ohne ein gerüttelt Maß an Gewalt und Blutvergießen inklusive obligatorischer Entscheidungsschlacht scheint es für viele Autorinnen und Autoren (und ihre Leserschaft) einfach nicht zu gehen.
Das unter diesen Umständen die psychologische Durchdringung und der subtile Witz des Vorbilds weder erreicht noch überhaupt angestrebt werden, ist aber noch nicht einmal das Hauptproblem. Vielmehr ergeben sich gewisse Schwierigkeiten daraus, den Plot in eine völlig andere Kulisse zu verpflanzen, und wie gut White sie meistert, schwankt je nach Situation. Da in der Welt von Heartstone Studium, Berufsausbildung und militärische Karriere auch Frauen offenstehen, wirkt es unverständlich, dass die Bentaine-Schwestern überwiegend gar nicht daran denken, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Die schrillen Versuche der Mutter, ihre Kinder unter die Haube zu bringen, verlieren die Berechtigung, die sie bei Austen darin finden, dass eine Heirat die einzig mögliche wirtschaftliche und soziale Absicherung für eine Frau darstellt. Im Fall von Alizas Freundin Gwyn (die der Charlotte Lucas des Originals entspricht) ist White das damit einhergehende Glaubwürdigkeitsproblem wohl selbst klar, führt sie doch eine nie befriedigend aufgelöste Nebenhandlung um Unterschlagung und Schulden ein, um plausibel zu machen, warum Gwyn den Antrag eines auf den ersten Blick nicht sehr verheißungsvollen Verehrers bereitwillig annimmt.
Trotz dieser Schwächen hat Heartstone aber durchaus seine unterhaltsamen Elemente. Sprachlich ist der Roman gelungen, die Welt hat charmante Details wie von Kobolden und Wichteln bevölkerte Gärten zu bieten, und solange man nicht zu sehr nachdenkt und zu den oben skizzierten Schlüssen kommt, liest sich die Geschichte flüssig und streckenweise vergnüglich (etwa bei der Schilderung eines Besuchs in einer von Feuergeistern betriebenen Schmiede). Auch einige Nebenfiguren erfahren eine interessante Umdeutung. So erweist sich z.B. die spröde Gelehrsamkeit von Alizas Schwester Mari (Mary) zwar auch hier als gesellschaftlich hinderlich, aber zugleich als extrem hilfreich im Umgang mit übernatürlichen Wesen. Die Protagonisten jedoch gewinnen keine sonderlich spannenden neuen Facetten hinzu, die über eine merkliche Vergröberung und Übersteigerung der schon bei Austen angelegten Züge hinausgehen.
Insgesamt wünscht man sich deshalb nach der Lektüre, White hätte ihr unbestreitbar vorhandenes Schreibtalent und ihre Fabulierfreude in ein originelleres Buch gesteckt, statt zu versuchen, ein altes Erfolgsmodell nachzuahmen und dabei immer wieder zu straucheln. Dem derzeitigen Lesegeschmack insbesondere in der Fantasy dürfte die Konzentration auf Action, Dramatik und Unkompliziertheit allerdings entgegenkommen, so dass Heartstone sicher durchaus seine Fans finden wird – allerdings wohl eher unter denjenigen, die Austen nie gelesen haben.

Elle Katharine White: Heartstone. New York, Harper Voyager (HarperCollins), 2016, 337 Seiten.
ISBN: 978-0062451941


Genre: Roman

Die kleine Kanzlei am Markt

Kerstin und Helen betreiben, unterstützt von ihrer patenten Sekretärin Frau Vogt, gemeinsam eine Anwaltskanzlei in München, könnten aber gar nicht gegensätzlicher sein. Während Kerstin sich oft genug zwischen Beruf und Familie aufreibt und eigene Interessen immer wieder zurückstellen muss, führt Helen ein flottes Junggesellinnenleben, fühlt sich aber eigentlich einsam und hegt heimliche Wünsche, die sich in einer klassischen Paarbeziehung gar nicht verwirklichen lassen würden.
Der eingespielte Alltagstrott der drei gerät aus dem Takt, als Frau Vogt dahinterkommt, dass ihr Mann sie betrügt, und Kerstin am selben Tag entdeckt, dass auch ihr zu Hause etwas verschwiegen wird. Helen dagegen schwebt unversehens im siebten Himmel: Nicht genug damit, dass ihre heißgeliebte Nichte nach einem längeren Auslandsaufenthalt bei ihr einzieht, ein überaus attraktiver Mandant entwickelt plötzlich ein alles andere als geschäftliches Interesse an ihr. Aber kann das lange gut gehen?
Die kleine Kanzlei am Markt ist ein ruhig erzählter Unterhaltungsroman, dem man anmerkt, wie viel Herzblut und Begeisterung Elly Sellers in die Geschichte gesteckt hat. Detailfreudig entwickelt sie ihre Figuren und malt das frühlingshafte München als Schauplatz liebevoll aus. Insbesondere kulinarische Köstlichkeiten spielen dabei eine große Rolle, ganz gleich, ob die Protagonistinnen gerade selbst den Kochlöffel schwingen oder Cafés, Restaurants und Delikatessengeschäfte aufsuchen. Die Gefahr, Appetit auf alles Mögliche von Pfannkuchen über belgische Pralinen bis hin zur Riesenportion Erdbeeren zu bekommen, ist beim Lesen eindeutig immer wieder gegeben. Doch auch Unternehmungen wie Wanderungen, Joggingrunden oder Museumsbesuche kommen nicht zu kurz und bilden einen vergnüglichen Kontrapunkt zur minutiös beschriebenen Arbeit in der Kanzlei. Da Elly Sellers selbst Anwältin ist, weiß sie, worüber sie schreibt, und erlaubt sich auch Seitenhiebe auf die übertriebene Darstellung des Berufs in den einschlägigen Anwaltsserien im Fernsehen.
Apropos Fernsehen: Die Handlung mit ihrem slice-of-life-Ansatz könnte man sich auch gut als Serie verfilmt vorstellen. Vorhersagbar verläuft sie übrigens nicht, denn die Heldinnen schlagen teilweise unerwartete Wege ein, um ihr Glück zu finden. Sympathisch ist, dass sehr unterschiedliche Lebensentwürfe als gleichermaßen legitim dargestellt werden, statt eine Lösung als passend für alle zu präsentieren. Formelhaft wie im klassischen Liebesroman entwickeln sich die zwischenmenschlichen Beziehungen nicht.
Wer noch eine leichte, lockere und immer wieder auch humorvolle Sommerlektüre sucht, die überraschende Wendungen bietet, wird hier daher fündig, und vielleicht kann man auch auf eine Fortsetzung um die Erlebnisse der drei Frauen aus der Kanzlei am Markt hoffen. Denn Platz für spannende neue Entwicklungen bleibt am Ende auf jeden Fall.

Elly Sellers: Die kleine Kanzlei am Markt. Norderstedt, Books on Demand, 2018, 338 Seiten.
ISBN: 9783749429820


Genre: Roman

Ihr Los ist Finsternis

Die irische Rechtsgelehrte Fidelma langweilt sich. Mit der Aufklärung einer Serie spektakulärer Silberdiebstähle ist, sehr zu ihrem Unmut, ein anderer Jurist betraut worden, und auch sonst gibt es für sie gerade wenig Aufregendes zu tun. Da ist es schon fast hochwillkommen, dass ihr Mann Eadulf eine Leiche entdeckt, die so übel zugerichtet ist, dass alles auf einen heidnischen Ritualmord hindeutet. Da auch noch das mit allerlei abergläubischen Vorstellungen befrachtete Samhain-Fest vor der Tür steht, geht in Cashel bald die Angst um. Doch stecken wirklich Anhänger des alten Glaubens hinter der brutalen Tat, und besteht vielleicht sogar ein Zusammenhang mit einem brisanten Buch, das aus dem päpstlichen Archiv in Rom entwendet worden sein soll?
Eingängig gezeichnete Figuren, Theologie und Geschichte des Frühmittelalters, ein etwas idealisiertes Bild des alten Irland und gleich mehrere Morde: Peter Tremayne bietet mit Ihr Los ist Finsternis genau das, was man von seiner inzwischen seit Jahrzehnten erfolgreichen Krimireihe gewohnt ist. Von den eigentlichen Ermittlungen her ist dieser Band auch eine durchaus solide Episode: Mehrere unterschiedliche Verbrechen erweisen sich als enger miteinander verflochten, als man zunächst annehmen könnte, und ein sektiererisches Kloster kristallisiert sich schon bald als der Ort heraus, an dem alle Fäden zusammenlaufen.
Während dieser Schauplatz eigentlich durchaus spannend gewählt ist, zeigt er aber zugleich, woran die Romanserie mittlerweile krankt: Der Wunsch, immer wieder Neues und Spektakuläres im Umfeld von Fidelmas Wohnort Cashel einzuführen, geht teilweise auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Dass so gut wie niemand am dortigen Königshof überhaupt weiß, dass es in weniger als einer Tagesreise Entfernung ein aus einem Fürstensitz hervorgegangenes Kloster überhaupt gibt (ganz zu schweigen davon, dass dort teilweise Merkwürdiges vorgeht), wirkt nicht unbedingt überzeugend. Ähnlich ist es mit manchem running gag, der stur durchgehalten wird, obwohl man ihm seine handlungsinterne Berechtigung kaum noch abnimmt (z.B. fragt man sich, wie es sein kann, dass es um Eadulfs Reitkünste immer noch erbärmlich bestellt ist – so oft, wie der gute Mann in fast jedem Band der Reihe im Sattel sitzt, ist es wirklich eine stramme Leistung, dass er immer noch kein bisschen dazuzulernen scheint).
Die Übersetzung von Bela Wohl ist im Großen und Ganzen gelungen, hätte aber stellenweise ein gründlicheres Lektorat verdient gehabt (so ist übersehen worden, dass schwankt, ob die Länderbezeichnung „Gaul“ korrekt als „Gallien“ übertragen oder unübersetzt gelassen wird).
Trotz dieser kleinen Schwächen liest sich Ihr Los ist Finsternis insgesamt recht unterhaltsam und hat auch einige wirklich witzige Szenen zu bieten (ewa die, in der eine theologische Debatte unter Mönchen bis hin zu Handgreiflichkeiten eskaliert). Für Fans der Reihe ist der Roman also ein nettes Wiedersehen mit alten Bekannten und sicher trotz allem keine Enttäuschung. Wer Fidelma und ihre Mitstreiter noch nicht kennt, hat aber vermutlich mehr davon, mit einem der zahlreichen älteren Bände in ihre Abenteuer einzusteigen.

Peter Tremayne: Ihr Los ist Finsternis. Historischer Kriminalroman. Berlin, Aufbau, 2018, 430 Seiten.
ISBN: 9783746634579


Genre: Roman