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Helle Tage, helle Nächte

Eine Krebsdiagnose wirft das beschauliche Leben der alternden Anna am Rande der Schwäbischen Alb gehörig aus der Bahn. Da sie nicht weiß, ob sie die Erkrankung überleben wird, beschließt sie, endlich reinen Tisch zu machen und ihrem langjährigen Brieffreund, dem samischen Rentierzüchter Petter, zu gestehen, dass sie ihn über entscheidende Dinge belogen hat. Nach Nordschweden bringen soll den Brief Annas Nichte Frederike, die bei ihrer Tante aufgewachsen ist und sich gerade, frisch vom untreuen Mann getrennt, einen ausgedehnten Urlaub am Mittelmeer gönnt. Frederike ist von Annas Ansinnen zunächst gar nicht begeistert, lässt sich dann aber doch überreden. Annas Brief enthält eine dramatische Enthüllung, die auch Frederike selbst betrifft, und als Petter sie nach der Lektüre des Schreibens überstürzt allein lässt, ist sie plötzlich fern der Zivilisation ganz auf sich gestellt …

Der Roman Helle Tage, helle Nächte überzeugt vor allem in den Passagen, in denen Hiltrud Baier ihr Talent für die atmosphärische Schilderung der Handlungsorte und insbesondere der Natur in Lappland ausspielt. Mitternachtssonne, allumfassende Stille, karge Landschaften, aber auch das Dorf- und Kleinstadtleben in Süddeutschland werden liebevoll heraufbeschworen und stehen einem greifbar vor Augen. Man wünscht sich nur, in dieser intensiv beschriebenen Kulisse würde sich eine bessere Geschichte abspielen.

Dabei ist die Grundidee, Annas und Frederikes kontrastierende Erlebnisse parallel zu erzählen, eigentlich ganz reizvoll: Während Frederike, die immer Menschen und Trubel um sich herum gebraucht hat, in der Einsamkeit des hohen Nordens ganz allmählich zu sich selbst findet und manche Sorgen und Probleme anders zu bewerten beginnt, lernt Anna, die sich größtenteils als Einzelkämpferin durchs Leben geschlagen und andere Leute oft auf Distanz gehalten hat, dank ihrer quirligen Großnichte Paula und netter Nachbarn, dass auch sie auf Familie und Freundschaft nicht verzichten kann und Nähe zulassen muss.

Leider wirken Entwicklung und Erfahrungen der Figuren oft nicht bis ins Letzte schlüssig. Mehrfach hat man den Eindruck, dass die Glaubwürdigkeit sich dem angestrebten Handlungsverlauf unterordnen muss. Insbesondere die Kindheitserinnerungen beider Protagonistinnen scheinen sehr selektiv zu funktionieren und häufig komplett verdrängt zu sein, um sich dann just zum passenden Zeitpunkt wieder zu regen. Aber das beste Gedächtnis hat in diesem Roman ohnehin niemand: Wenn ein Hubschrauberpilot, der Frederike von Petters entlegenem Wohnsitz abholen soll, das nicht ohne nähere Erklärung schlicht vergessen würde, könnte sie wohl gar nicht so viel Zeit in der Wildnis zubringen, wie die Geschichte es erfordert.

Auch die Romanze, die sich für Frederike ergibt, wirkt – anders als die schüchterne Annäherung zwischen Anna und ihrem Nachbarn Karl – nicht unbedingt ausgefeilt, sondern eher so, als ob eben auch für die jüngere der beiden Heldinnen noch ein neuer Partner hermuss und darum im Rekordtempo bei ihr zum Zuge kommen darf. Gelungener dagegen ist das, was sich auf Nebenschauplätzen abspielt: Wenn das Verhalten von spielenden Kindern oder von Passanten in der Stadt beobachtet wird, wirkt das lebensecht und vergnüglich eingefangen.

Eine abschließende Beurteilung des Romans fällt daher schwer. Bei Handlung und Hauptfiguren ist eindeutig noch Luft nach oben, aber der ruhige Erzähltonfall liest sich angenehm, und einzelne Beschreibungen und Szenen sind so treffend, dass man Helle Tage, helle Nächte schon um ihretwillen mögen will. Letztlich hängt es wohl von den individuellen Lesevorlieben ab, ob Erzählweise und Gesamtstimmung oder aber die erwähnten Kritikpunkte für einen stärker ins Gewicht fallen.

Hiltrud Baier: Helle Tage, helle Nächte. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 2020, 352 Seiten.
ISBN: 978-3-596-29854-9


Genre: Roman

Das Nordseegrab

Nicht ganz freiwillig tritt Peter Söt, den ein dunkles Geheimnis umgibt, als Schreiber in die Dienste des jungen Anwalts Theodor Storm, der sich lieber mit seinem neugegründeten Gesangsverein und dem Sammeln alter Sagen befasst als mit seinem eigentlichen Beruf. Doch kaum dass Söt die Stelle in Husum angenommen hat, häufen sich dort seltsame Geschehnisse. Ein vermeintlicher Leichenfund entpuppt sich zwar noch als makabrer Streich, aber kurz darauf kommt es tatsächlich zu einem sonderbaren Todesfall. Da sich unerwartet Querverbindungen zu Storms Anwaltstätigkeit ergeben, stecken er und Söt im Handumdrehen nolens volens in einer Mordermittlung, und es mehren sich die Anzeichen, dass auch noch andere als das erste Opfer in Gefahr schweben könnten …

Der berühmte Schriftsteller Theodor Storm als Privatdetektiv wider Willen? Das klingt auf den ersten Blick nach einer Idee, die schnell schiefgehen könnte, aber in den Händen des Germanisten und Historikers Tilman Spreckelsen funktioniert sie verblüffend gut. So verwundert es nicht, dass dieser Roman kein Einzelband geblieben, sondern inzwischen zum Auftakt einer Krimireihe geworden ist. Mit viel Gespür für Lokalkolorit und historische Umstände beschwört Spreckelsen ein Husum von 1843 herauf, von dem man nur zu gern glauben möchte, dass es durchaus so gewesen sein könnte, und spickt die spannende Geschichte mit zahlreichen augenzwinkernden Anspielungen auf Storms Werke.

Als gute Wahl erweist sich auch die Verwendung des Ich-Erzählers Peter Söt, der als Außenstehender Leserinnen und Leser gut an Schauplatz und Ereignisse heranführen kann. Ein klassischer Watson ist er freilich nicht, denn ganz abgesehen davon, dass er oft selbst kluge Beobachtungen macht und Storm einen Schritt voraus ist, hat er durch seine düstere Vergangenheit mehr mit den merkwürdigen Vorgängen zu tun, als ihm zunächst selbst klar ist. Auf welcher Seite er am Ende wirklich stehen wird, bleibt lange offen.

Die Atmosphäre ist über weite Strecken angemessen unheimlich, wird aber durch den immer wieder aufblitzenden Humor aufgelockert, der aus den Dialogen ebenso spricht wie aus den Personenbeschreibungen. Von den Honoratioren Husums über Wirtsleute, Bauern und Dienerschaft bis hin zum wunderlichen Stadtoriginal und zum kleinkriminellen Armenhausinsassen werden die Figuren gekonnt und einprägsam skizziert.

Zunächst scheinbar unverbunden mit der Handlung in Husum wird in schlaglichtartigen Rückblicken die Geschichte eines nicht alltäglichen Schiffsuntergangs erzählt, der zum Ausgangspunkt für die nicht auf einen einzigen Mord beschränkten Verbrechen in der Romangegenwart wird. Spreckelsen hat sich dabei, wie er in seinem lesenswerten Nachwort erläutert, von tatsächlichen geschichtlichen Vorgängen inspirieren lassen, dabei aber in der Realität Unverbundenes zu einem großen Ganzen verknüpft. Das Experiment ist weitaus besser geglückt als in vielen anderen Historienkrimis.

Zwar sind die recht kurzen Kapitel manchmal etwas zu gewollt auf einen Spannungshöhepunkt hinkomponiert, aber eine flotte und unterhaltsame Lektüre bis zum hochdramatischen Finale ist dadurch garantiert. Wer Lust auf einen ebenso vergnüglichen wie schaurigen Ausflug in norddeutsche Gefilde hat, sollte dem ermittelnden Storm also unbedingt eine Chance geben.

Tilman Spreckelsen: Das Nordseegrab. Ein Theodor-Storm-Krimi. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch, 2015, 272 Seiten.
ISBN: 978-3-596-19483-4

 

 


Genre: Roman

Hinter den drei Kiefern

Das Dorf Three Pines, in dem Armand Gamache, der umstrittene Polizeichef von Québec, lebt, wirkt auf den ersten Blick wie ein Bilderbuchidyll. Doch als auf einer Halloweenparty eine vermummte Gestalt erscheint und dann am nächsten Tag auf dem Dorfanger Stellung bezieht, ohne auf irgendeinen Gesprächsversuch einzugehen, macht sich Unruhe im Ort breit. Feriengäste bringen Gamache auf die Idee, dass es sich bei dem seltsamen Verhalten um die Wiederbelebung eines uralten Rügebrauchs handeln könnte, der auf ein ungesühntes Unrecht hinweisen soll. Spätestens als die dunkle Gestalt so plötzlich verschwindet, wie sie gekommen ist, und Gamaches Frau bald darauf eine übel zugerichtete Leiche im Kirchenkeller findet, steht fest, dass alles weit mehr ist als nur ein bizarrer Streich. Monate später sitzt für diesen Mord jemand auf der Anklagebank, doch der Prozess nimmt einen seltsamen Verlauf: Der Staatsanwalt scheint alles zu tun, um die Glaubwürdigkeit seines Hauptbelastungszeugen Gamache gezielt zu untergraben, und auch der Polizeichef selbst verfolgt noch ganz andere Pläne, als auf eine Verurteilung hinzuwirken …

Louise Pennys Hinter den drei Kiefern ist nicht der chronologisch erste Band ihrer Reihe um Armand Gamache, lässt sich aber dennoch problemlos als in sich abgeschlossenes Buch lesen, und das lohnt sich: Es handelt sich um einen originell aufgebauten und anspruchsvollen Krimi, der nicht nur durch die feine Figurenzeichnung, sondern auch durch den souveränen Einsatz zweier Zeitebenen überzeugt.

Obwohl der Roman durchaus insofern dem klassischen Whodunnit-Prinzip folgt, dass man als Leser oder Leserin miträtseln kann, wer denn nun die Urlauberin Katie Evans erschlagen hat, verzichtet er nämlich auf die sonst für die Gatttung typische lineare Erzählweise, sondern wechselt zwischen den Ereignissen um Halloween und denen um das Gerichtsverfahren hin und her. Letzteres bildet auch den Einstieg ins Buch, und bevor der Fund des Mordopfers überhaupt geschildert wird, sind schon um die 150 Seiten vergangen. Dass Gamache den sonderbaren Todesfall aufgeklärt haben muss und dass er es in der Gegenwart darauf abgesehen hat, Drogenschmugglern das Handwerk zu legen, erfährt man relativ bald, aber erst nach und nach erschließt sich, wie beide Verbrechen zusammenhängen und was für ein Spiel der Ermittler selbst spielt. Viel Spannung und mehr als eine überraschende Wendung gibt es dabei bis zum Schluss, der im Vergleich zum Rest des Buchs zu gewollt dramatisch und blutig ausfällt, die Geschichte aber dennoch zu einem überzeugenden Ende führt.

Die größte Stärke des Romans liegt aber in seinem Personal, das neben Gamache, seinem Team, seiner Familie, den Verdächtigen und der Belegschaft des Justizapparats auch noch eine ganze Anzahl teilweise herrlich skurriler Dorfbewohner umfasst. Wer z.B. die Krimis von Martha Grimes oder Fred Vargas weniger wegen der Mordfälle als wegen der gekonnt geschilderten kauzigen Typen liest, findet in Louise Penny eine Autorin, die in derselben Liga spielt und ebenso liebevoll wie differenziert ganz unterschiedliche Charaktere entwickelt. Erwähnung verdient hier insbesondere die alte und mehr als nur ein wenig wunderliche Dichterin Ruth, die – stets eine lebendige Ente unter dem Arm und um boshafte Bemerkungen nie verlegen – zur Lösung des Falls mehr beiträgt, als ihr irgendjemand zutraut.

Trotz der behandelten ernsten Themen wie Drogenkriminalität und schwieriger Gewissensentscheidungen würzt Penny die Dialoge und die Gedankengänge ihrer Figuren immer wieder auch mit einer ordentlichen Prise Humor. Zu düster gerät der Abstieg in die kleinen und großen Abgründe kanadischen Provinzlebens deshalb nie, und nach der Lektüre bleibt man mit dem Eindruck zurück, gut unterhalten worden zu sein, aber auch reichlich Stoff zum Nachdenken bekommen zu haben.

Louise Penny: Hinter den drei Kiefern. Ein Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2018, 496 Seiten.
ISBN: 978-3311120025


Genre: Roman

Liebe geht durch den Garten

Anna, Ende dreißig und alleinerziehende Mutter zweier Söhne, hat es nicht leicht im Leben: Als Illustratorin kann sie finanziell keine großen Sprünge machen, die pingelige Vermieterin nervt mindestens ebenso sehr wie der süffisante Ex, selbst auf die beste Freundin ist nur bedingt Verlass, und nun ist auch noch das Haus eine einzige Baustelle. Sich endlich einen Kleingarten zu gönnen und unbeschwert die Natur zu genießen, erscheint da wie der rettende Ausweg aus dem Dauerstress. Doch die vermeintlich romantische Gartenlaube entpuppt sich als zugemüllte Bude ohne Stromanschluss, die Kinder sind von den hochfliegenden Plänen der Mutter wenig begeistert, und die ersten Begegnungen mit dem charmanten Gartennachbarn Paul verlaufen alles andere als optimal. Als dann mit der attraktiven Anwältin Sabine auch noch eine Rivalin um seine Gunst auf den Plan tritt, muss Anna alles geben …

Etwas überzeichnete Charaktere, Alltagssituationen, die so oder so ähnlich vermutlich die meisten schon einmal erlebt haben, über weite Strecken heitere Sommeratmosphäre und zum Schmunzeln anregende Szenen, die man sich auch gut verfilmt vorstellen könnte: Ulrike Hartmanns Debüt Liebe geht durch den Garten ist genau die Art von federleichtem und beschwingtem Unterhaltungsroman, die man gern zur Entspannung im Liegestuhl liest – natürlich am besten in einem Garten.

Dass Ulrike Hartmann selbst ein großer Gartenfan ist, merkt man ihren lebensnahen Schilderungen der vielfältigen Tätigkeiten rund um Hecke, Beet und Rasen an: Das Gärtnern bringt einem eben nicht nur eine überreiche Apfelernte, sondern auch erst einmal einen handfesten Muskelkater ein, dem Unkraut ist nur mit viel Ausdauer beizukommen, und dass die Tulpenzwiebeln und das Wetter so wollen wie man selbst, sollte man besser nicht voraussetzen.

Nicht nur aufgrund ihrer gärtnerischen Missgeschicke ist die Ich-Erzählerin Anna eine sehr menschliche Protagonistin mit Fehlern und Schwächen, die sich oft selbst ein Bein stellt – sei es nun durch ihre Trinkfreudigkeit auf der Hochzeit einer Freundin, einen allzu gewagten neuen Haarschnitt oder den eher kontraproduktiven Versuch, ihr nicht mehr ganz taufrisches Fahrrad zu verstecken, bevor es einen schlechten Eindruck machen kann. Ihre Minderwertigkeitskomplexe nicht allein der alles andere als schüchternen Sabine gegenüber kann sie nur allmählich überwinden.

Der schweigsame Paul dagegen, der sich bereiterklärt, ihr bei der Arbeit auf ihrer Parzelle zu helfen, wirkt aus ihrer Sicht zunächst einmal wie ein Halbgott in Gärtnerkluft. Dass auch er beileibe nicht alles richtig macht, Unerfreuliches hinter sich hat und durchaus einmal an einen Punkt kommen kann, an dem er nicht mehr weiterweiß, entdeckt man durch Annas Augen im Zuge des Kennenlernens erst Stück für Stück. Auch hinter der Fassade der Nebenfiguren versteckt sich hier und da mehr, als man ihnen auf den ersten Blick zutraut; besonders Annas bei ihren ersten Auftritten nur lästige Vermieterin darf im Laufe des Romans noch ganz andere Seiten offenbaren.

Auch dank solcher kleinen Überraschungen liest sich die Mischung aus Liebes- und Selbstfindungsgeschichte flott, vergnüglich und locker weg. Wer für ein paar Lektürestunden dem derzeit wohl für alle belastenden Alltag entfliehen möchte, findet in Annas Garten zwischen Rosen und Lavendel einen einladenden Zufluchtsort.

Ulrike Hartmann: Liebe geht durch den Garten. 2. Aufl. München, Diana Verlag, 2019, 320 Seiten.
ISBN: 978-3453359918


Genre: Roman

Die Elfe vom Veitner Moor

Die Kriegerin Ayla, die schon bessere Zeiten gesehen hat, ist als Kommandantin der Stadtwache in dem verregneten Provinznest Abilacht gestrandet. Die ackerbürgerliche Langeweile endet jäh, als ein Hirtenjunge im nahen Moor eine tote Elfe entdeckt, die niemand zu vermissen scheint. Ayla schließt auf einen Mord und nimmt die Ermittlungen auf, obwohl der örtliche Burgherr sehr erpicht darauf ist, die Angelegenheit als tragischen Unfall zu den Akten zu legen. Doch was die Elfe Saliniome, die das Opfer noch kurz vor seinem Tod gesehen haben will, zu berichten weiß, spricht für ein Gewaltverbrechen, so dass Ayla unterstützt von dieser einzigen Zeugin weiter nachforscht. Bald wird den beiden klar, dass sie es mit weit mehr zu tun haben als mit einem gewöhnlichen Überfall auf einsamer Landstraße – und dass auch der geheimnisvolle Fremde, der Ayla schöne Augen macht, die Hand im Spiel haben könnte …

Katja Angenents Debütroman ist in der Welt des Rollenspiels Das Schwarze Auge (DSA) angesiedelt, aber – nicht zuletzt dank eines ausführlichen Glossars – auch ohne entsprechende Vorkenntnisse problemlos verständlich. Was als Krimi beginnt, entwickelt sich rasch zum locker wegzulesenden Fantasyabenteuer mit militärischer und politischer Dimension, in dem Action und Blutvergießen wahrlich nicht zu kurz kommen (übrigens nicht nur, was Menschen bzw. anthropomorphe Wesen betrifft – wer tierlieb ist und insbesondere Pferde mag, wird einige Male schlucken müssen).

Während gegen Ende des Buchs also kräftig die Fetzen fliegen, lebt die Anfangsphase über weite Strecken von Katja Angenents Talent dafür, eine unheimliche Atmosphäre heraufzubeschwören und Wetter und Landschaft geradezu zu Mitspielern zu machen, wenn ihre ungleichen Heldinnen zu rekonstruieren versuchen, was im Moor geschehen ist, und erst nach und nach erkennen, dass sie nicht nur einen Todesfall aufklären, sondern vielmehr eine veritable Katastrophe verhindern müssen.

Bis auf den schaurigen Prolog, der Anklänge an Annette von Droste-Hülshoffs Knaben im Moor nicht verleugnen kann, ist die Handlung in der dritten Person aus Aylas Sicht geschildert. Gelegentlich wünscht man der wackeren Soldatin etwas mehr gesundes Misstrauen (als Leserin oder Leser ahnt man jedenfalls schon eher als sie, dass manches zu schön ist, um wahr zu sein), aber alles in allem macht es Spaß, einmal eine Frau in der Rolle des abgehalfterten und Liebesabenteuern nicht abgeneigten Kämpfers in der Midlife-Crisis zu sehen.

Bedingt auch durch Aylas Perspektive bleibt Saliniome, die an etwas wie einer posttraumatischen Belastungsstörung zu leiden scheint und ihre Zauberkräfte und ihre Lebenslust erst an Aylas Seite langsam wiederentdeckt, die rätselhaftere der Hauptfiguren. Beide eint jedoch, dass sie auf ihre Art jeweils Außenseiterinnen sind: Ayla sehnt sich nach ihrer südlichen Heimat, aus der es sie schon in ihrer Jugend in den unwirtlichen Norden verschlagen hat, Saliniome dagegen kann sich nicht völlig in die menschliche Kultur und Denkweise einfügen. Wie aus der Zufallsbekanntschaft der zwei eine Freundschaft und bald auch mehr wird, ist nett geschildert, und Anknüpfungspunkte für eine mögliche Fortsetzung um das Protagonistinnenduo sind vorhanden, so dass man durchaus hoffen kann, dass es nicht bei einem einzigen Roman um die beiden bleibt.

Was der Elfe vom Veitner Moor allerdings zu wünschen gewesen wäre, ist größere Gründlichkeit bei Lektorat und Korrektorat. Hier ist einiges versäumt worden, neben dem Verbessern von Flüchtigkeitsfehlern etwa auch das Ausmerzen kleiner Widersprüche (so wird z.B. der Kommandeur einer gegen Ende des Buchs ins Geschehen eingreifenden Truppe abwechselnd als „Hauptmann“ und als „Oberst“ bezeichnet) oder eine Vereinheitlichung in den Fällen, in denen ein Wort in mehreren Schreibweisen auftaucht („Schenke“ vs. „Schänke“). Zwar kann man notfalls darüber hinweglesen, aber dieser Feinschliff wäre dem ansonsten unterhaltsamen Buch eben doch zu gönnen gewesen.

Katja Angenent: Die Elfe vom Veitner Moor. Erkrath / Windeck, Rocket Books (Blitz Verlag), 2020, 324 Seiten.
ISBN: 978-3946502593


Genre: Roman

Die Brücke zwischen den Welten

Hamburg 1906. Als Hans Körner durch die Missgunst eines Vorgesetzten seine Arbeit in einem angesehenen Teppichgeschäft verliert, scheint seine Zukunft düster auszusehen. Doch bei dem Versuch, seinen Kummer zu ertränken, begegnet er einem Mann, der ihm zum Verwechseln ähnelt. Ludwig Brehm, ein abenteuerlustiger Sohn aus gutem Hause, hat eine Stelle bei den Teppichhändlern Ihmsen und Witt in Konstantinopel in Aussicht, aber eigentlich ganz andere Pläne. Spontan tauschen die beiden Doppelgänger die Namen und die Plätze, und Hans reist als Ludwig ins Osmanische Reich. Unter den Auslandseuropäern der pulsierenden Vielvölkermetropole führt er bald ein Leben, das er sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können, doch die Angst vor Entdeckung bleibt. Aber er ist nicht der Einzige, der Geheimnisse hat: Edie Witt, die Ehefrau eines der Firmeninhaber, probt still und heimlich den Aufstand gegen die restriktiven Rollenerwartungen an Damen der Gesellschaft, während die junge Milena, bei der „Ludwig“ Französischunterricht nimmt, der düsteren Vergangenheit ihrer russischen Familie nachspürt und sich dabei auf den windigen Maler Sergej einlässt, der ganz eigene Ziele verfolgt …

Die Brücke zwischen den Welten ist wieder einmal ein üppiger historischer Roman von Petra Oelker, der vor allem durch die gelungenen Figuren und die Schilderung der farbenprächtigen Kulisse am Bosporus besticht. Der Blick auf eine multikulturelle Stadt mit all ihren Chancen, aber auch all ihrem Konfliktpotential in politisch unruhigen Zeiten, die schon das allmähliche Nahen des Ersten Weltkriegs erahnen lassen, lädt dabei durchaus auch zu Vergleichen mit der Gegenwart ein. Ein umfangreiches Glossar, das neben Begriffen und Ortsnamen auch die in Nebenrollen auftretenden realen Persönlichkeiten enthält, trägt zum Verständnis der geschichtlichen Hintergründe bei.

Geschickt gelöst ist der Spannungsaufbau, denn was trotz der Hochstapelei als Ausgangssituation zunächst als recht ruhiger Gesellschaftsroman beginnt, gewinnt im weiteren Verlauf Züge einer Abenteuer- und Spionagegeschichte mit dramatischem Showdown. Bei allem Schwelgen in der Schönheit des Handlungsorts und einzelner Gegenstände – vom Orientteppich bis zur Heiligenikone – bleiben jedoch auch die Schattenseiten der Epoche nicht ausgespart. Die im frühen 20. Jahrhundert nicht nur in der Türkei noch sehr autoritäre Herrschaftsweise, die für Dissidenten keinen Platz lässt, tangiert das Leben der Protagonisten ebenso wie eine Fülle fremden- und frauenfeindlicher Vorurteile, die selbst innerhalb von Familien für Unfrieden sorgen können. Teilweise begegnen einem dabei Figurentypen, auf die Petra Oelker in ihrem Werk immer wieder gern zurückgreift. So ist z.B. die hier durch Edie Witt vertretene Kaufmannsgattin, die unter den Beschränkungen ihrer Rolle leidet und sich nicht nur nach größeren Freiheiten, sondern auch nach stärkerer geistiger Betätigung sehnt, eine wiederkehrende Gestalt in den Romanen der Autorin, aber durchaus immer wieder mit individuellen Zügen interpretiert.

Während Figurenensemble, Beschreibungen und große Teile der Handlung zu überzeugen wissen, fällt leider das Ende nach der abschließenden Konfrontation mit dem Schurken des Romans eher schwach aus und wirkt allzu offen. Vieles, was in den unterschiedlichen Handlungssträngen aufgebaut worden ist, bleibt so in der Luft hängen, als fehlte hier eigentlich noch eine Fortsetzung, und der Epilog, der das sehr veränderte Istanbul nach dem Ersten Weltkrieg in den Blick nimmt, verschärft das Problem eher, als es zu lösen. Beinahe hat man den Eindruck, dass Petra Oelker hier selbst keinen konkreten Plan hatte, wohin sie mit einigen ihrer Protagonisten eigentlich wollte, und deshalb lieber die Phantasie ihrer Leserinnen und Leser für sich arbeiten lässt, statt über im Vagen verbleibende Andeutungen hinauszugehen.

Abgesehen von diesem Verzicht auf einen befriedigenden Abschluss bietet Die Brücke zwischen den Welten jedoch unterhaltsame Lektüre für alle Fans historischer Romane, auch wenn sie nicht ganz an Petra Oelkers beste Werke (wie z.B. Emmas Reise) herankommt.

Petra Oelker: Die Brücke zwischen den Welten. Hamburg, Wunderlich (Rowohlt), 2018, 494 Seiten.
ISBN: 978-3805200271


Genre: Roman

Der letzte Steinmagier

Seit ein böser Zauberer die schwangere Kaiserin in Stein verwandelt und damit die dynastische Erbfolge unterbrochen hat, herrscht im Kaiserreich Niwaen-ju Bürgerkrieg. Zahlreiche Fürsten ringen um die Macht und bedienen sich dabei der Kräfte der Steinmagier, deren Zahl allerdings immer weiter zurückgeht. Die Schlacht von Wuchao, die eigentlich nur ein Etappensieg für den tyrannischen Fürsten Dayku Quan sein könnte, erweist sich als Wendepunkt, kommen in ihr doch sämtliche verbliebene Steinmagier um – bis auf einen, den jungen und oft unterschätzten Wurishi Yu, den sein Lehrmeister vorausschauend an einem sicheren Ort zurückgelassen hat.
Yu ahnt, dass weder er selbst noch die Zauberspruchsammlung seines Meisters Dayku Quan in die Hände fallen darf, der mit der Verfügungsgewalt über den letzten Rest der Steinmagie Verheerendes anrichten könnte. Die Flucht in ein Nachbarterritorium erscheint als einziger Ausweg, verläuft aber nicht so, wie Yu sie sich vorstellt. Unterwegs wird er nolens volens zum Befreier dreier Gefangener, die sich ihm anschließen. Bald braucht Yu seinerseits ihre Hilfe, denn alles deutet darauf hin, dass die ihm zugedachte Aufgabe sich beileibe nicht darauf beschränkt, magische Schriften in Sicherheit zu bringen …
James A. Sullivan entwirft in Der letzte Steinmagier eine bunte, lebendige und im wahrsten Sinne des Wortes zauberhafte Welt, die an das alte China erinnert. So lehnt sich die eindringliche Schilderung von Statuen, die einzelnen Menschen magisch zur Unsterblichkeit verhelfen können, an die Terrakotta-Armee im Grab des ersten chinesischen Kaisers an. Neben der Archäologie hat aber auch die klassische chinesische Literatur unverkennbar als Inspirationsquelle gedient. Charmant ist z.B., dass Yus Flucht zunächst explizit nach Westen verläuft, denn der Roman Die Reise nach Westen dürfte die Zusammensetzung des kleinen Gefährtentrupps, den Yu um sich schart, durchaus beeinflusst haben. Insbesondere der wohl an die Figur des Affenkönigs Sun Wukong angelehnte Dieb Sankou Yan bringt neben einiger Dynamik auch immer wieder einen guten Schuss Komik in die Geschehnisse ein.
Was sich in dieser fernöstlichen Umgebung abspielt, ist eine Questengeschichte um die Wiederherstellung der legitimen Herrschaft. Liebeswirren und Diebestouren am Rande lockern amüsant die Haupthandlung auf. Der Reiz besteht dabei insgesamt weniger in der Frage, was das Endergebnis von Yus Abenteuern sein wird – dank einer Rahmenerzählung kennt man das als Leserin oder Leser von Anfang an -, sondern in der, wie genau der Weg dorthin verläuft, und in den liebevoll ausgearbeiteten Figuren. Obwohl mehrere von ihnen mit eindrucksvollen magischen Kräften ausgestattet sind und Kämpfe, Verfolgungsjagden und Zaubererduelle in ihrem Verlauf deshalb oft das alltägliche Maß übersteigen, bleiben die Personen, wie von Sullivan gewohnt, stets menschlich und in vielen Fällen auch sympathisch.
Yu ist dabei ein Held abseits der gängigen Fantasyklischees, denn um seine Mission erfolgreich zu bewältigen, setzt er nicht primär auf kriegerische Mittel, sondern in hohem Maße auf Meditation und Bücherwissen, die auf stille Art die magischen Fertigkeiten stärken.
Das Ende der Rahmenhandlung lässt mit seinen Andeutungen über das weitere Schicksal von Yus Gefährten und den Verlauf der Wiederherstellung der kaiserlichen Macht die Möglichkeit einer Fortsetzung offen, zu der es aber bedauerlicherweise in den Jahren seit der Veröffentlichung des Letzten Steinmagiers nie gekommen zu sein scheint. Umso schöner ist es, dass der Autor auf seiner Website eine Kurzgeschichte um Sankou Yan als kostenlosen PDF-Download zur Verfügung stellt, denn wenn es schon kein Sequel gibt, so doch immerhin ein kleines Prequel.

James A. Sullivan: Der letzte Steinmagier. Hamburg, Mira, 2008, 604 Seiten.
ISBN: 978-3899414288

 


Genre: Roman

Eine Kiste voller Weihnachten

Dresden im späten 19. Jahrhundert. Vincent Storch ist erfolgreicher Hersteller sogenannter „Dresdner Pappen“, einer speziellen Form von Weihnachtsdekoration aus geprägtem und vergoldetem Papier. Privat seit einem nie beigelegten Familienkonflikt griesgrämig und zynisch eingestellt, legt er höchsten Wert auf den guten Ruf seines Unternehmens. Als sich ausgerechnet nach Betriebsschluss am Heiligabend herausstellt, dass eine Lieferung an die Kirchengemeinde im erzgebirgischen Zinnwald schlicht vergessen worden ist, kommt das für Storch daher einer Katastrophe gleich, und er beschließt, den Schaden höchstpersönlich durch eine riskante Fahrt ins winterliche Bergland zu beheben. Dass sich die kleine Lisbeth, die in verzweifelter Lage aus Dresden zurück zu ihrer Familie im Erzgebirge möchte, als blinde Passagierin auf seinem Wagen einschleicht, behagt ihm zunächst überhaupt nicht. Doch im Laufe des beschwerlichen Wegs freunden die beiden ungleichen Reisegefährten sich immer mehr miteinander an, so dass es Storch schon längst nicht mehr kaltlässt, als Gerüchte über ein Unglück zu ihnen dringen, von dem Lisbeths ohnehin vom Schicksal gebeutelte Familie betroffen sein könnte …
Eine Kiste voller Weihnachten gehört zu einer seit einigen Jahren in loser Folge bei Rowohlt veröffentlichten, von Andrea Offermann entzückend illustrierten Reihe von Weihnachtserzählungen (weitere Beispiele sind hier und hier rezensiert). Die Gestalt des verbitterten alten Geschäftsmanns, der zu Weihnachten doch noch seine menschliche Seite wiederentdeckt, ist seit Charles Dickens‘ Ebenezer Scrooge nicht neu in der Literatur, aber Ralf Günther legt mit seinem Vincent Storch eine phasenweise durchaus amüsante und nicht allzu süßliche Interpretation dieses Figurentypus vor. In ihm und der Bergmannstochter Lisbeth prallen auch abgesehen vom Kontrast zwischen Stadt und Land sowie Alt und Jung gegensätzliche Lebenswirklichkeiten und Weltanschauungen aufeinander, die sich allerdings bisweilen recht gut ergänzen, wenn Schwierigkeiten zu meistern sind. Wie die beiden Protagonisten sich Stück für Stück zusammenraufen, ist nett und gefällig erzählt, auch wenn ein Teil ihrer Abenteuer vielleicht einen etwas harmloseren Verlauf nimmt, als es in der Realität zu erwarten wäre (so z.B. die Begegnung mit zwei nicht unbedingt mit den größten Geistesgaben gesegneten Gaunern). Das Ende dagegen ist in seiner Offenheit nicht zu glatt gestaltet, um glaubhaft zu bleiben: Sowohl Vincent als auch Lisbeth sind zum Schluss zwar optimistisch, was die Entwicklung ihrer jeweiligen Situation angeht, aber darüber, ob sich ihre Erwartungen erfüllen werden, muss man als Leserin oder Leser selbst zu einem Schluss kommen.
Seinen Charme verdankt das kleine Buch aber gar nicht so sehr der Handlung allein, sondern vor allem auch der liebevollen Schilderung einer Welt im Wandel, die krasse soziale Gegensätze und archaische Verhältnisse ebenso kennt wie erste Anzeichen der Moderne und einen gewissen Glanz – auch wenn er unter der Oberfläche dann doch nur aus Papier sein mag. Ein paar wohlige Lesestunden, die Weihnachtsstimmung aufkommen lassen, sind so garantiert.

Ralf Günther: Eine Kiste voller Weihnachten. Hamburg, Kindler / Rowohlt, 2019, 128 Seiten.
ISBN: 978-3463406978


Genre: Roman

Something Human

Als die Verteidiger der belagerten Stadt Tios einen erfolglosen Ausfall wagen, scheint für den jungen Adares das Ende gekommen zu sein: Nach einem Sturz unter einem Karren eingeklemmt, wird er von seinen Leuten fälschlich für tot gehalten und zurückgelassen. Ausgerechnet Rus, ein kriegerischer Priester aus dem Heer der feindlichen Luth, rettet ihm das Leben, glaubt sich aber nach einer Verwundung durch einen vergifteten Pfeil selbst todgeweiht. Adares kennt ein Heilmittel, und da beiden Männern die Rückkehr zu ihren jeweiligen Truppen vorerst unmöglich ist, suchen sie in einem verlassenen Tempel Zuflucht. Dort kommt es, wie es kommen muss: Aus gegenseitiger Dankbarkeit wird Freundschaft und bald auch mehr. Doch Rus entstammt einer Kultur, die Homosexualität verachtet und von ihren Priestern Keuschheit erwartet, und auch Adares hütet ein Geheimnis, das eine Liebesbeziehung zu einem Kriegsgegner noch weit leichtsinniger erscheinen lässt, als sie es ohnehin schon wäre …
Something Human ist wahrlich kein Roman ohne Fehler und Schwächen: Die sehr ausgedehnten Liebesszenen hätte man gewiss um mindestens zwei Drittel kürzen können, ohne dass die Geschichte dadurch viel verloren hätte, und im Verhalten der Figuren wirkt manches gerade gegen Anfang heillos naiv (so etwa, dass Adares dem immerhin zum gegnerischen Heer gehörenden Rus sehr früh anvertraut, dass es einen heimlichen Weg in die belagerte Stadt gibt).
Dafür entschädigt wird man jedoch durch die bunte pseudohistorische Welt, die A. J. Demas (alias Alice Degan) aus Versatzstücken antiker Kulturen entwirft und in lebendigen Beschreibungen heraufbeschwört. Auch wenn man also hier von Historienfantasy sprechen könnte, sind die übernatürlichen Elemente sehr zurückgenommen. Ob die Götter tatsächlich ins Geschehen eingreifen oder dies nur von den handelnden Personen so interpretiert wird, bleibt offen, trägt aber stark dazu bei, die erdachte Religion als unverzichtbaren Teil des Romankosmos zu etablieren.
Doch auch abseits davon hat die hier entwickelte fiktive Antike genug zu bieten: Tios erinnert im weitesten Sinne an eine griechische Stadtgründung im Schwarzmeergebiet, wird aber von den Angehörigen einer Kultur bewohnt, die zusätzlich auch römische Züge umfasst (so lautet z.B. der Titel des gewählten Stadtoberhaupts Archon, aber das Militär setzt sich aus Legionen zusammen). Die Luth wiederum erscheinen wie eine Mischung aus Skythen und Kelten, wobei das von ihnen unter anderem als Orakel genutzte, einer rein männlichen Priesterschaft vorbehaltene Stiertötungsritual vielleicht auch Elemente der Mythologie des historischen Mithraskults aufgreift. Angenehm ist, dass die Autorin beide Lebenswelten gleichberechtigt mit ihren Licht- und Schattenseiten schildert und den Kontrast zwischen ihnen nicht zu einem Gegensatz zwischen verfeinerter Zivilisation und tumben Barbaren oder edlen Wilden stilisiert.
Auch auf der Figurenebene werden die diesbezüglich üblichen Klischees genüsslich gebrochen, und die feinfühlige Charakterisierung nicht nur der beiden Helden, sondern auch ihres jeweiligen Umfelds hebt Something Human über den durchschnittlichen Liebesroman hinaus. Der schon im Titel anklingende Appell, in einem vermeintlichen oder tatsächlichen Gegner immer auch den Mitmenschen zu sehen, durchzieht unterschwellig das ganze Buch. Da nicht nur dies die Protagonisten recht sympathisch macht, gönnt man es ihnen, dass sich einige zunächst unüberwindlich scheinende Schwierigkeiten dann doch schneller in Wohlgefallen auflösen, als es vielleicht in der Realität geschehen würde. Doch wie oben bereits erwähnt, liegt die große Stärke des Romans auch gar nicht so sehr in der Handlung selbst, sondern darin, dass es gelingt, eine erfundene und in mancherlei Hinsicht fremde Welt überzeugend und im allgemein Menschlichen dann doch wieder vertraut wirken zu lassen. Ein paar vergnügliche Lesestunden abseits ausgetretener Pfade kann Something Human damit auf alle Fälle bieten.

A. J. Demas: Something Human. Toronto, Sexton’s Cottage, 2018, E-Book (auch als Taschenbuch erhältlich).
ISBN Printausgabe: 978-1988086118


Genre: Roman

Bretonische Verhältnisse

Kommissar Georges Dupin, aus Paris in die Bretagne strafversetzt, aber mittlerweile ganz gut in der neuen Heimat angekommen, sieht sich mit einem mysteriösen Mordfall konfrontiert: Im Künstlerort Pont-Aven wird ein alter Hotelier erstochen. Wer könnte ein Motiv gehabt haben – die Angehörigen, zu denen das Opfer ein gespanntes Verhältnis hatte, die Hotelangestellten, der langjährige beste Freund oder vielleicht doch der undurchsichtige Direktor des örtlichen Museums? Alles erscheint in ganz neuem Licht, als Dupin herausfindet, dass der Ermordete ein Geheimnis hatte, das mit den Aufenhalten des berühmten Malers Paul Gauguin in Pont-Aven zusammenhängt. Doch dann wird eine zweite Leiche gefunden …
Wenn man erst spät ein bekanntes Buch liest, aus dem sich inzwischen eine seit Jahren erfolgreiche Serie entwickelt hat, verändert das unweigerlich den Blick: Die Erwartungen sind hoch, aber zugleich hegt man vielleicht eine gewisse Skepsis, ob der Hype wirklich berechtigt ist.
In diesem Fall erkennt man jedoch bei der Lektüre rasch, dass Bannalecs Krimis ihre Popularität verdient haben: Ein spannender Fall, ein eingängig gezeichnetes Ermittlerteam um den in allen Lebenslagen Unmengen von Kaffee trinkenden Kommissar und augenzwinkernde Seitenhiebe auf Klischees des Genres bieten glänzende Unterhaltung.
Der Hauptreiz liegt aber natürlich gar nicht so sehr in der Aufklärung des Mordes, sondern in der liebevollen Schilderung der Bretagne einschließlich ihrer Eigenarten, kulinarischen Köstlichkeiten, landschaftlichen Schönheit und Sehenswürdigkeiten. Gelegentlich wird ziemlich deutlich, dass Bannalec dabei für eine gute Beschreibung auch gern Umwege der Handlung (und seines Helden) in Kauf nimmt: So gelangt Dupin z.B. gegen Ende des Romans auf der Suche nach einem Beweisstück in einen besonders pittoresken Ort, der selbstverständlich in allen Details schwelgerisch heraufbeschworen wird, bevor sich erweist, dass der Kommissar vielleicht doch besser an anderer Stelle nachsehen sollte.
Zentral ist natürlich auch die Geschichte der Schule von Pont-Aven, wobei der Autor die realen kunsthistorischen Details gekonnt mit fiktiven verknüpft und ein Gemälde hinzuerfindet, das zwar in Wirklichkeit nicht existiert, sich aber durchaus glaubwürdig ins Œuvre des Künstlers einfügt, dem es zugeschrieben wird.
Ein Wermutstropfen sei allerdings nicht verschwiegen: Sprachlich ist leider nicht alles perfekt. Der Roman hätte ein gründlicheres Lektorat und Korrektorat gebrauchen können. Die Liste des Verbesserungswürdigen reicht von Tippfehlern und anderen Kleinigkeiten (so hat z.B. Pont-Aven im Text – anders als auf der beigefügten Karte – rätselhafterweise durchgängig keinen Bindestrich) über doch recht viele vermeidbare Wortwiederholungen bis hin zu Formulierungen, die so umgangssprachlich sind, dass sie schon an Grammatikfehler grenzen („brauchen“ mit Infinitiv ohne „zu“). Da es sich bei der mir vorliegenden Ausgabe schon um die vierte Auflage des Romans handelt, ist es doppelt bedauerlich, dass solche Schnitzer entweder niemandem aufgefallen sind oder vom Verlag schlicht als unwichtig eingestuft werden.
Ein gutes Buch sind die Bretonischen Verhältnisse trotzdem ohne jede Frage, aber gerade deshalb hätten sie den fehlenden Feinschliff unbedingt verdient.

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Verhältnisse. Ein Fall für Kommissar Dupin. 4. Aufl. Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2012, 302 Seiten.
ISBN: 978-3462044065


Genre: Roman