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Eine Frau am Telefon

Die Ehe ist längst gescheitert, die Kinder sind aus dem Haus: Charlène versucht, sich im Leben neu zu orientieren, und hofft, vielleicht noch einen zweiten Frühling zu erleben, als eine Krebserkrankung ihr einen Strich durch die Rechnung zu machen droht. Da hilft nur eines: ausgedehnte Telefonate mit der erwachsenen Tochter, der Charlène ungehemmt ihr Herz ausschütten kann …
Wer schon immer heimlich den bösen Verdacht hatte, dass der Unterschied zwischen Trivialliteratur und anspruchsvollen Texten nicht unbedingt immer im Inhalt, sondern oft nur in der Form besteht, wird sich darin durch die Frau am Telefon voll und ganz bestätigt finden. Charlènes mehr als einmal hart am Klischee vorbeischrammende Erlebnisse zwischen Onlinedating, Krankenhausleid, Pauschaltourismus, im Keim scheiternden schriftstellerischen Ambitionen, Familienzwist und Aufenthalt in der Psychiatrie könnten eigentlich auch einen lockeren Unterhaltungswälzer füllen. Das besondere an Carole Fives Roman Eine Frau am Telefon ist also weniger das, was geschildert wird, sondern die Tatsache, dass der Titel Programm ist (und – übrigens eine Seltenheit – tatsächlich einmal den französischen Originaltitel Une femme au téléphone exakt übersetzt). Der gesamte Text besteht aus einem endlosen, auf verschiedene Telefonate aufgeteilten Monolog der Protagonistin, die in unterschiedlichen Stimmungen und Situationen ihrer Tochter mitteilt, was in ihrem Leben gerade passiert und was ihr dazu durch den Kopf geht.
Gefiltert durch den Blick dieser stets emotionalen, oft auch launischen und schwierigen Ich-Erzählerin entsteht so ein ganzer kleiner Kosmos aus Freunden, Kindern, Enkeln und Männerbekanntschaften, an denen sich Charlène himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt abarbeitet. Das ist teils unterhaltsam, teils nervtötend und könnte in gekürzter Form auch ein amüsantes Ein-Personen-Stück für die Bühne statt eines Romans abgeben. Stilistisch bleibt in der Übersetzung von Anne Braun gut die Anmutung des gesprochenen (manchmal auch geradezu hervorgesprudelten) Worts gewahrt, so dass man streckenweise durchaus glauben kann, hier eine Seite eines echten Telefongesprächs zu belauschen. Auf die Dauer jedoch stellt sich ein wenig der Eindruck einer überlangen Schreibübung ein, weil der Hauptreiz eben wirklich nur in der originellen Erzählweise und der Charakterisierung der in ihrer Subjektivität unzuverlässig berichtenden Protagonistin besteht. Mehr als die 127 Seiten, die das Buch umfasst, hätte dieser Ansatz wohl nicht hergegeben, aber als Experiment ist er durchaus lesenswert und etwas anderes als die gewohnte Romankost.

Carole Fives: Eine Frau am Telefon. Wien, Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, 2018, 127 Seiten.
ISBN: 9783552063624


Genre: Roman

The Arkadians

Die Wahrsager Calchas und Phobos haben dem tumben Krieger Bromios zur Herrschaft über das Königreich Arkadia verholfen und nutzen ihre Machtstellung an seinem Hof nun skrupellos aus, um Anhänger der alten matriarchalen Religion zu verfolgen und sich selbst zu bereichern. Der Schreiber Lucian kommt Unregelmäßigkeiten in der Palastbuchführung auf die Schliche und ist naiv genug, seine Entdeckung ausgerechnet Calchas zu offenbaren. Fortan muss er um sein Leben fürchten. Auf seiner Flucht aus der Hauptstadt Metara schließen sich ihm der in einen Esel verwandelte Dichter Fronto und die zauberkundige Joy-in-the-Dance an. Frontos einzige Hoffnung auf Rückverwandlung besteht darin, sich an die menschliche Verkörperung der entschwundenen Göttin zu wenden, die „Lady of Wild Things“. Doch auf dem Weg zu deren Heiligtum am Berg Panthea lauern ungeahnte Gefahren, und die mächtige Frau selbst steht in dem Ruf, arkadischen Männern nicht unbedingt wohlgesonnen zu sein …
Lloyd Alexander ist vor allem als Autor der Prydain Chronicles um den jungen Taran bekannt. Einige Elemente in seinem charmanten Jugendbuch The Arkadians ähneln auch tatsächlich den aus der berühmteren Reihe schon vertrauten: In beiden Fällen sammelt ein zunächst unbedarfter jugendlicher Held nach und nach Gefährten um sich, darunter ein ihm in mancherlei Hinsicht überlegenes Mädchen und einen vom Pech verfolgten Dichter, und die wichtigste Inspirationsquelle ist jeweils die Mythologie (bei Taran die keltisch-walisische, in diesem Fall die griechische). Ein reiner Abklatsch der älteren Serie in mediterranen Gefilden ist The Arkadians aber dennoch nicht.
Zum einen unterscheidet sich die Grundstimmung erheblich. Schwingt in den Prydain Chronicles bis zum bittersüßen Ende immer ein gewisses Maß an Düsternis und Verlust mit, sind Lucians Abenteuer trotz aller Härten, denen sich die Protagonisten stellen müssen, durchgehend sehr heiter und humorvoll erzählt und von spritzigen Dialogen und viel Situationskomik geprägt.
Zum anderen sind The Arkadians, auch wenn sie ursprünglich für Jugendliche und ältere Kinder gedacht sein mögen, fast eher eine für Erwachsene geeignete Lektüre, sind sie doch in hohem Maße ein literarisches Spiel, in dem es oft auch ganz explizit ums Geschichtenerzählen und um stilistische Fragen geht. Homer, Ovid, Apuleius und Lukian von Samosata haben dafür erkennbar ebenso Anregungen geliefert wie die typische Struktur antiker Romane, und neben Ilias und Odyssee sind auch die  Sagen um Pandora, den Minotaurus, Narziss und Echo und noch manche mehr mit eingeflossen, wenn auch nicht selten ironisch auf den Kopf gestellt.
Abgesehen davon, dass auch noch Zentauren und Faune in einer Form, die der Phantasie des Palaiphatos entsprungen sein könnte, durchs Bild huschen, fügt Alexander der bezaubernden Mischung eine Fülle von religions- und kulturhistorischem Wissen und Anspielungen auf die minoische und mykenische Kultur hinzu (dass die „Lady of Wild Things“ namentlich und zum Teil auch in ihrem Habitus an die Potnia theron angelehnt ist, stellt dabei nur ein spannendes Detail unter vielen dar). Beim Lesen immer neue dieser oft augenzwinkernd eingeflochtenen Einzelheiten zu entdecken, macht einfach großen Spaß.
Ganz perfekt ist der Roman dennoch nicht. Manchen Entwicklungen hätte man mehr Platz zur allmählichen Entfaltung gewünscht, und dafür, dass die Frage nach einem gerechten Geschlechterverhältnis eines der zentralen Themen des Buchs ist, gibt es bis auf die furios in Szene gesetzte Joy-in-the-Dance viel zu wenige Frauengestalten, die mehr als nur Hintergrundfiguren sind. Doch von diesen kleinen Wermutstropfen sollte man sich nicht weiter stören lassen. Insgesamt betrachtet sind The Arkadians nämlich trotz allem herrliche Wohlfühllektüre und für Antikeninteressierte ebenso ein Hochgenuss wie für Fantasyfans.

Lloyd Alexander: The Arkadians. London / New York u.a., Puffin Books, 1997 (Original: 1995), 276 Seiten.
ISBN: 9780140380736


Genre: Kinderbuch, Roman

Finnikin of the Rock

Jahrelang streift der junge Finnikin mit seinem Mentor Sir Topher unstet durch die Lande. Ihre Heimat, das beschauliche Lumatere, ist ihnen verschlossen, seit die Herrscherfamilie von Unbekannten ermordet wurde, ein Usurpator auf dem Thron sitzt und eine sterbende Hexe das Königreich mit einem Fluch belegt hat. Doch eine Äußerung der hellseherisch begabten, aber undurchsichtigen Novizin Evanjalin lässt die beiden Flüchtlinge neue Hoffnung schöpfen: Angeblich ist Finnikins Kindheitsfreund, der Kronprinz Balthazar, wider Erwarten doch noch am Leben. Er allein könnte Lumatere erlösen – doch um ihn aufzuspüren, gilt es erst einmal, Finnikins Vater, einen in Ungnade gefallenen Gardehauptmann, aus einem berüchtigten Gefängnislager zu befreien …
Melina Marchettas Finnikin of the Rock ist der Eingangsband der Reihe Lumatere Chronicles, kann aber problemlos als in sich abgeschlossener Roman gelesen werden. Ob die Lektüre sich allerdings lohnt, ist eine andere Frage, die nicht ganz einfach zu beantworten ist. Denn selbst bei wohlwollender Betrachtung ist Finnikin of the Rock ein Buch, in dem der märchenhaft-naive Weltenbau und die drastischen Themen bis zum Schluss nicht so recht miteinander harmonieren.
Lumatere ist ein selbst für die Verhältnisse pseudomittelalterlicher Fantasy winziges und ursprünglich idyllisches Königreich, in dem jeder jeden kennt, ein Herzog allenfalls so etwas wie ein besserer Dorfvorsteher ist, die wirtschaftlichen Verhältnisse eher simpel geordnet sind und dennoch mehrere kulturell äußerst unterschiedliche Bevölkerungsgruppen bestehen. Selbst der Kontinent Skuldenore, auf dem Lumatere liegt und der für seine Bewohner offenbar die gesamte bekannte Welt darstellt, scheint geographisch eher bescheiden dimensioniert zu sein und ist problemlos binnen kürzester Frist zu durchreisen.
Während die Kulisse also irgendwo zwischen Kinderbuch und Zaubermärchen zu verorten ist und nicht unbedingt einen hohen Grad an Realismus beanspruchen kann, spielt sich in ihr Düsteres ab. Flüchtlingselend, Seuchen, Religionskonflikte, Misshandlungen, Massaker, zerstörte Kindheiten und vor allem immer wieder auch sexuelle Gewalt sind wichtige Elemente der Handlung, mag sie vordergründig auch als ganz klassische Questengeschichte um die Rückgewinnung eines verlorenen Throns daherkommen. Doch mit Lug, Trug und (versuchter) Vergewaltigung ist selbst innerhalb der zusammengewürfelten Heldentruppe zu rechnen, und dass manches davon am Ende doch recht leicht verziehen wird, passt nicht ganz zu dem sonst spürbaren Bemühen, den Protagonisten Tiefe und eine überzeugende Psychologie zu verleihen.
Einzelne Szenen und Figurenkonstellationen sind nämlich durchaus gelungen. So ist etwa Finnikins Verhältnis zu seinem Vater Trevanion ein ständiger Balanceakt zwischen den Überresten kindlicher Heldenverehrung und dem erwachsenen Reiben an den unbestreitbar vorhandenen Ecken und Kanten. Auch Evanjalin ist in ihrer komplexen Mischung aus Skrupellosigkeit, Pathos und Verletzlichkeit eine nicht uninteressante Gestalt. Punktuell ist vieles sehr fein beobachtet und wird nicht ohne Humor kritisch beleuchtet, ob es nun um das Geschlechterverhältnis, die Bedeutung von Heimat und Zugehörigkeitsgefühl oder die Reaktion auf Veränderungen der eigenen gesellschaftlichen Stellung (im Guten wie im Bösen) geht.
All dies könnte in einer anderen Umgebung lohnende Denkanstöße liefern und gerade auch hinsichtlich der Flüchtlingsthematik aktuell wirken. Doch das Ineinandergreifen der so disparaten Teilstücke funktioniert einfach nicht gut genug, um das Gefühl zu verscheuchen, dass hier zusammengeworfen wird, was eigentlich nicht zusammenpasst. In der Gesamtschau will Finnikin of the Rock einfach zu viel auf einmal sein, mystisches Märchen, traditionelles Reiseabenteuer, Entwicklungsroman, mahnende Schilderung von Leid und Elend und nicht übertrieben optimistische Auseinandersetzung mit den Schattenseiten der menschlichen Natur. Über dieses etwas holprige Konglomerat trösten am Ende nicht einmal Marchettas flüssiger und leicht lesbarer Stil und ihr Gespür für Spannung und Dramatik hinweg. So bleibt ihr Roman einer, dessen bemerkenswerten Ansätzen man eine gekonntere Ausführung gewünscht hätte.

Melina Marchetta: Finnikin of the Rock (Lumatere Chronicles – Book One), London, Walker Books, 2014 (Original: 2008), 512 Seiten.
ISBN: 9781406355895


Genre: Roman

Adieu Paris

Frankreich zur Zeit des Algerienkriegs. Drei Soldaten wider Willen – der Intellektuelle Lachaume, der Kommunist Valette und der Lebemann Lasteyrie – verbringen ihren kurzen Heimaturlaub in Paris. Doch die dortige Bevölkerung will von dem fernen Krieg möglichst wenig wissen, und auch Angehörige und Freunde stehen der belastenden Situation eher hilflos gegenüber. Gemeinsam mit der jungen Deutschen Lena lassen die drei sich ziellos durch Paris treiben, während die Rückkehr nach Nordafrika unaufhaltsam näherrückt …
Antikriegsliteratur muss sich oft den Vorwurf gefallen lassen, gutgemeint, aber nicht effektiv zu sein. Die enthaltenen Kriegsschilderungen, so das Argument, könnten der Leserschaft durchaus auch aus den falschen Gründen gefallen und so den eigentlich intendierten Zweck in sein Gegenteil verkehren.
Der im Original schon 1957 erschienene Roman des ehemaligen Résistance-Kämpfers Daniel Anselme ist ganz eindeutig ein Plädoyer gegen den Krieg, schlägt aber einen anderen Weg ein, als ausführlich Schrecken und Blutvergießen zu schildern. Die schlimmen Erlebnisse der drei jungen Wehrpflichtigen werden nur in Andeutungen skizziert, aber umso detailreicher und einfühlsamer wird gezeigt, was ihre Erfahrungen bei ihnen angerichtet haben. Früher Wichtiges und Tröstliches – sei es nun Lachaumes geliebte Klassikerlektüre oder Valettes harmonisches Familienleben – reicht nicht mehr aus, um das Durchgemachte zu verarbeiten und auszugleichen, und Gesellschaft und Politik scheinen nur mit Gleichgültigkeit und Untätigkeit auf die Situation zu reagieren. Bezeichnenderweise ist die Einzige, die zeitweise so etwas wie eine Illusion von Geborgenheit spenden kann, mit Lena eine Fremde aus dem Deutschland der Nachkriegszeit, die mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen hat.
Um dieses Gefühl der Entfremdung in der eigenen Heimat besser zu verstehen, empfiehlt es sich, vor dem eigentlichen Roman das Nachwort der Übersetzerin Julia Schoch zu lesen, die nicht nur bei der Übertragung ins Deutsche, sondern auch bei der Einordnung in den historischen Kontext großartige Arbeit leistet. Sie zeichnet das Bild eines verheerenden, aber totgeschwiegenen Konflikts, der in Frankreich prägend für eine ganze Generation junger Männer wurde und bis heute Auswirkungen hat.
Wer allerdings nun glaubt, mit Adieu Paris ausschließlich einen deprimierenden und düsteren Roman vor sich zu haben, dessen Stärken allein in eindringlicher Kritik und der Darstellung verzweifelter Ausweglosigkeit liegen, tut dem Buch unrecht. Denn Daniel Anselme ist trotz seines ernsten Themas ein sehr unterhaltsamer Erzähler mit gutem Gespür für pointierte Dialoge und interessanter Figurenkonstellationen, vor allem aber auch ein grandioser Schilderer des alten Paris gewissermaßen „von unten“, von Kneipen, Arbeitervierteln, schäbigen Hotels und Straßenszenen. Ungeachtet der betroffen machenden historischen Situation schwingt in der Beschreibung des Driftens durch die Stadt und der Suche nach Ablenkungen oft ein Hauch von Leichtigkeit und Poesie mit, der deutlich macht, dass es viel Lebenswertes gäbe, wenn über den Protagonisten nicht das Damoklesschwert der Rückkehr ins Kriegsgebiet hängen würde. So ist der Roman nicht nur thematisch lesenswert, sondern zugleich bemerkenswerte Erzählkunst.

Daniel Anselme: Adieu Paris. Zürich / Hamburg, Arche Literatur Verlag, 2015 (Original: 1957), 206 Seiten.
ISBN: 9783716027196

 


Genre: Roman

Clockwork Boys

Die allergiegeplagte Meisterfälscherin Slate wird mit der Leitung eines Himmelfahrtskommandos betraut. Gemeinsam mit ihrem Ex-Geliebten, dem Auftragsmörder Brenner, und mit dem edlen Ritter Caliban, der unter Dämoneneinfluss ein Massaker angerichtet hat, soll sie etwas gegen die Clockwork Boys unternehmen, rätselhafte Maschinenwesen, die den Krieg, der zwischen Slates Heimat und dem benachbarten Stadtstaat Anuket tobt, zugunsten des Feinds entscheiden könnten. Im Erfolgsfall winkt den drei Verurteilten eine Begnadigung, bei Versagen droht ein grausiger Tod durch magische Tätowierungen. Begleitet von dem ebenso gelehrten wie frauenfeindlichen Mönch Edmund brechen sie ins Niemandsland zwischen den Fronten auf, doch dort lauern noch ganz andere Gefahren als die, derer sie Herr werden sollen …
Ein eher mageres Handlungsgerüst, überstrapazierte Running Gags (wie Slates Niesanfälle in Abwesenheit von Taschentüchern) und ein skizzenhafter Weltenbau, der einen manchmal vermuten lässt, dass die Autorin nicht unbedingt weit vorausplant, sondern im Laufe der Geschichte einfach die passenden Phänomene aus dem Hut zaubert – eigentlich gibt es sehr viel, was man an T. Kingfishers (alias Ursula Vernons) Clockwork Boys kritisch sehen kann. Dass man der Geschichte diese Schwächen verzeiht und sich trotzdem geradezu am Kragen gepackt und auf die muntere Queste mitgeschleift fühlt, liegt an den amüsant gezeichneten Figuren, die ein Fantasy- und Rollenspielklischee nach dem anderen anzitieren, um es dann doch auf ungewohnte und manchmal recht philosophische Art zu interpretieren oder gar zu konterkarieren. Ihr nicht immer nur mit Worten ausgetragenes Dauergeplänkel liest sich äußerst unterhaltsam, und manche Situation stellt gekonnt alle Erwartungen auf den Kopf (so etwa der Verlauf eines Banditenüberfalls, dem ebenso elegant wie urkomisch begegnet wird).
Der Spaß ist jedoch auch abgesehen von dem im Hintergrund stets gegenwärtigen Krieg untrennbar mit drastischen und düsteren Elementen verwoben. So trägt Caliban (vermutlich nicht verwandt oder verschwägert mit der gleichnamigen Shakespeare-Gestalt) einen zwar toten, aber redefreudigen Dämon in sich, eine tödliche Seuche geht um, und der freie Wille nicht nur der Hauptfiguren ist immer wieder Einschränkungen unterworfen.
Diese Tendenz, Herzzerreißendes und Humor zu kombinieren, zeichnet auch viele von Kingfishers Kurzgeschichten aus und trägt hier über weite Strecken das Buch, da der übergreifende Plot lange nur ein Vorwand bleibt, um die Abenteurerbande auf den Weg zu bringen und eine zarte Romanze zwischen Slate und Caliban zu erzählen. Diese Liebe mit Hindernissen ist, wie Kingfisher in ihrem Nachwort selbst erläutert, das Herzstück der Clockwork Boys und als Gegenentwurf zur typischen Darstellung schuldbeladener Paladine im Genre konzipiert. Ob es ihr vollends gelungen ist, das Vorbild gegen den Strich zu bürsten, sei einmal dahingestellt, denn natürlich weist Caliban mit seiner Ritterlichkeit und körperlichen Attraktivität auch einige ganz klassische Züge auf, die ihn zum Liebesromanhelden prädestinieren. Wie letztlich alle Interaktionen der Protagonisten ist die Entwicklung der schwierigen Beziehung aber so gelungen geschildert, dass man sie gern verfolgt und sich auf den jüngst erschienenen zweiten Band The Wonder Engine freut.
Apropos zweiter Band: Kingfishers Einschätzung, eine Aufteilung der Geschichte in zwei Bücher sei dringend notwendig gewesen, weil sie sonst zu umfangreich geworden wäre, bringt einen angesichts der 228 Seiten des schmalen Bands dann doch etwas zum Schmunzeln. Aber wie dem auch sei – ausgesprochen vergnügliche Lektüre bieten die  Clockwork Boys allemal, und wer eine frische Variante nostalgischer Questenfantasy sucht, die sich in einem Schwung weglesen lässt, findet hier genau das, was er sucht.

T. Kingfisher: Clockwork Boys. Clocktaur War Book One. Dallas, Argyll Productions, 2017, 228 Seiten.
ISBN: 9781614504061


Genre: Roman

Redemption in Indigo

Schon vor Jahren hat die Meisterköchin Paama ihren Mann, den tölpelhaften Fresssack Ansige, verlassen. Als er unerwartet in ihrem Heimatdorf auftaucht, gilt es dennoch, den schönen Schein zu wahren. Das Maß an Pflichtgefühl und Takt, das sie in dieser unersprießlichen Lage unter Beweis stellt, bringt ihr die Aufmerksamkeit der djombi ein, brauchen doch diese Geisterwesen, die abstrakte Konzepte wie Geduld oder Beständigkeit verkörpern, dringend einen Menschen, der die magischen Kräfte des Chaos verwahren kann. Der dafür zuständige indigoblaue djombi ist aus Arroganz und Verachtung für die Menschen vom rechten Weg abgewichen, und da er versucht, seine Magie um jeden Preis zurückzugewinnen, nimmt das Unheil für Paama und ihre Familie bald seinen Lauf …
Die Autorin Karen Lord, die mit Redemption in Indigo ihr Debüt vorlegt, stammt von Barbados, hat sich aber von senegalesischen Märchen inspirieren lassen. Das zeigt sich nicht allein an der bunten und verzauberten Kulisse des Buchs, in der man in einer mehr oder minder modernen Welt mit Hotels, Bars und Überlandbussen durchaus damit rechnen sollte, einem Spinnentrickster über den Weg zu laufen oder den eigenen Körper an ein übernatürliches Wesen verleihen zu müssen, das kurzfristig eine Verkleidung braucht. Was den Roman vielmehr so ungewöhnlich und originell macht, ist seine Erzählweise, die den in Schreibratgebern immer wieder zu findenden Tipp show, don’t tell komplett auf den Kopf stellt. Anstelle einer eng an den Protagonisten orientierten Perspektive gibt es hier eine starke Erzählerfigur, die sich immer wieder direkt an die Leserschaft (oder – so die gegen Schluss durchscheinende Fiktion – an ein zuhörendes Publikum) wendet, die Charaktere und ihr Verhalten explizit bewertet und gern auch einmal Kritik an ihnen und an der Geschichte vorwegnimmt. Einzelne Szenen, in denen man sich wie bei den meisten zeitgenössischen Romanen der Illusion hingeben kann, direkt ein Geschehen zu beobachten, gibt es zwar durchaus, aber es dauert eigentlich nie lange, bis einem ins Gedächtnis gerufen wird, dass man es mit einem bewusst gestalteten Kunstprodukt zu tun hat, und ganze Passagen werden auch in einem scheinbar naiven, gelegentlich jedoch augenzwinkernden Märchentonfall präsentiert.
Über weite Strecken ist das durchaus unterhaltsam, gelegentlich sogar sehr witzig; Lord hat ein Talent für Situationskomik und schräge Einfälle, und die überbordende Kulisse bietet viele Ansatzpunkte für unerwartete Wendungen. Doch was vielversprechend beginnt, wird gegen Ende hin immer schwächer, denn letztlich ist Redemption in Indigo ein Buch, das zu viel auf einmal sein will – Märchennacherzählung, Fantasyroman, an Klamauk grenzende Komödie und dann doch wieder bitterernste Parabel, die selbst für Gestalten wie den erst als Witzfigur eingeführten Ansige ein sehr tragisches Schicksal bereithält.
Ob die Moral, die von der Erzählinstanz vertreten wird, dabei jedem behagt, darf getrost bezweifelt werden. Während die Einbindung des christlich anmutenden Gedankens, dass eine höhere Macht erst Mensch werden muss, um ihrer Bestimmung vollkommen gerecht zu werden, noch ganz interessant geglückt ist, fällt etwas zu deutlich auf, dass Paama eine Heldin ist, deren Stärke hauptsächlich in ihrer Leidensfähigkeit liegt. Zwar wird sie mit wechselndem Erfolg manchmal aktiv, um Unglücke zu verhindern, aber was sie in hohem Maße auszeichnet, ist ihre Unterwerfung unter die gesellschaftlichen Spielregeln, mögen sie auch noch so verderblich sein. Dass diese Haltung auf den letzten Metern durch eine Liebesgeschichte mit einem Mann, mit dem sie das ganze Buch hindurch kaum direkte Berührungspunkte hatte, belohnt wird, wirkt etwas zu aufgesetzt und künstlich.
Der Gesamteindruck bleibt nach der Lektüre deshalb durchwachsen, aber einen interessanten Ausflug in ein magisches Afrika bietet Karen Lord auf alle Fälle.

Karen Lord: Redemption in Indigo. London, Jo Fletcher Books 2012 (Original: 2010), 280 Seiten.
ISBN:9781780873084


Genre: Roman

Rabenblut

Die Biologiestudentin Isa ist als Praktikantin eines Forschungsprojekts in den tschechischen Wäldern unterwegs, als dort ein von einem Hundeangriff übel zugerichteter Mann gefunden wird, der einen toten Raben bei sich hat. Auch wenn Isa Alexej, wie er sich nennt, zunächst für einen exzentrischen Aussteiger hält, fühlt sie sich zu ihm hingezogen. Sie ahnt nicht, dass er in Wirklichkeit ein Gestaltwandler ist, der gewöhnlich mit einem ganzen Schwarm von Schicksalsgefährten als Rabe durchs Land zieht. In dieses Dasein würde Alexej auch am liebsten so schnell wie möglich zurückkehren. Doch ein unbekannter Feind stellt den Rabenmenschen erbarmungslos nach und zwingt Alexej so, sich seiner verdrängten Vergangenheit zu stellen – und der Frage, wie Isa damit umgehen wird, dass er kein Mann wie alle anderen ist …
Die Grundidee von Rabenblut kennt man so oder so ähnlich aus vielen Romanen der Paranormal-Romance-Sparte: Eine junge Frau verliebt sich in einen Mann, der sich als übernatürliches Wesen entpuppt und aus dessen Welt den beiden handfeste Gefahr droht. Auch der Wechsel zwischen den beiden Ich-Erzählern Isa und Alexej und die leichte, eingängige Sprache (der man manchmal zur Abwechslung ein paar längere Sätze gewünscht hätte) sind für das Genre typisch.
Einige Besonderheiten heben Nikola Hotels Buch jedoch über den Durchschnitt hinaus. Vor allem sind es die liebevoll gezeichneten Figuren, die Vergnügen bereiten und denen die Autorin Ecken und Kanten zugesteht. Gerade Alexej ist kein ganz glatter Held, sondern eine zerrissene Gestalt, der es nicht leicht fällt, Glauben, Rabennatur und menschliche Liebe zur Musik unter einen Hut zu bringen. Die klassische Musik, die ihm als Klaviervirtuosen besonders am Herzen liegt, ist denn auch einer der Bereiche, die Hotel sehr intensiv und voller Begeisterung heraufbeschwört. Ein weiterer ist das Verhalten von Raben, von ihren Ernährungsgewohnheiten über ihre sozialen Beziehungen bis hin zu ihrer Zusammenarbeit mit Wölfen. Diesbezüglich merkt man dem Roman die gründliche Recherche an, ebenso in den Passagen, in denen es um Wald und Wildtiere allgemein geht. Hier macht es Spaß, den Wegen der Protagonisten zu folgen, besonders, da auch der Humor nicht zu kurz kommt (Alexej darf z.B. auch schon einmal gedankenverloren ein paar Asseln verspeisen, ohne daran zu denken, dass er erstens gerade nicht in Rabengestalt und zweitens in Gesellschaft etwas zu vieler Menschen ist).
Gegen Ende der Geschichte nehmen wilde Action und Dramatik dann überhand, und ob man sich mit jeder inhaltlichen Entwicklung anfreunden kann, ist wohl Geschmackssache (so bleibt z.B. ein brutaler Vergewaltigungsversuch mehr oder minder ohne Konsequenzen, weil der Täter bald darauf dem Opfer in einer anderen brenzligen Situation beisteht – hier hat man dann doch das Gefühl, dass die ungute Sichtweise mitschwingt, dass machohaftes Gebaren bis hin zur sexuellen Gewalt durch die Übernahme einer Beschützerrolle in gewissem Maße aufgewogen werden könne). Überdeutlich ist auch, dass man es hier mit einem Reihenauftakt zu tun hat: So manch eine Frage in Bezug auf die gestaltwandelnden Raben bleibt offen, die Bedrohung für sie besteht ungebrochen fort, und die letzten Sätze des Romans sind ein einziger Aufhänger für Folgebände.
Diesen leichten Wermutstropfen zum Trotz bietet Rabenblut aber über weite Strecken gute und mitreißende Unterhaltung. Wer gern für ein paar Stunden in eine attraktive Fantasywelt abtauchen und nebenbei noch ein klein wenig über Raben lernen möchte, ist mit diesem Buch gut beraten.

Nikola Hotel: Rabenblut. Nur einen Flügelschlag entfernt. Luxemburg, 47North (Amazon), 2015 (Original: 2012), 448 Seiten.
ISBN: 9781503951310


Genre: Roman

Vitamin V wie Wohnung

Ein leichtsinniger Jugendlicher löst mit einem Feuerwerkskörper eine Explosion aus und sorgt so dafür, dass die junge Übersetzerin Nora und ihr kleiner Sohn Colin von einer Minute zur anderen ohne Wohnung dastehen. Kurz entschlossen lässt ihr Bekannter Eggert sie ins Haus seiner Freunde Bruno und Rea ziehen, die gerade im Urlaub sind und sich bei ihrer Rückkehr mit der neuen Situation erst einmal schwertun. Die Zwangswohngemeinschaft auf Zeit steuert von einer Katastrophe in die nächste, doch auch sonst hat Nora es nicht leicht: Der angespannte Hamburger Wohnungsmarkt hat auf eine alleinerziehende Freiberuflerin nicht gewartet, Probleme mit ihrem Internetanbieter bringen sie um einen wichtigen Auftrag, eine schrille Bekannte nutzt sie gern ohne Vorwarnung als Babysitterin aus, und privat stürzt auf einmal viel zu viel auf sie ein. Denn außer dem weltläufigen und charmanten Eggert entwickelt plötzlich auch der idealistische Gemüsehändler Thies mehr als nur freundschaftliche Gefühle für sie, während ein absolut ungewollter dritter Verehrer zur echten Gefahr zu werden droht …
Katja Heimanns Debüt ist ein warmherziger Unterhaltungsroman, der sich leicht und locker wegliest und gekonnt die Balance zwischen Hamburger Sommeridyll und kleinen wie größeren Alltagsdramen wahrt. Heimann hat dabei vor allem ein Händchen für die oft bis zum Slapstick gesteigerte Situationskomik von Chaos und Pannen, ganz gleich, ob es um Kinderstreiche, Handwerkerungeschick, Haushaltsunfälle oder das Festhängen in einer alles andere als hilfreichen Telefonhotline geht. Es ist vor allem der Wiedererkennungseffekt des selbst schon Erlebten, der einen hier oft zum Lachen bringt, doch gerade für Hamburger dürfte er auch bei den beschriebenen Orten und Unternehmungen zum Tragen kommen (Bonuspunkte hat die Autorin übrigens eindeutig dafür verdient, dass selbst der geschilderte Weg durch den Wildpark Schwarze Berge eine realistische Reihenfolge einhält und sogar das Eis an der richtigen Stelle gekauft wird).
In erster Linie lebt der Roman aber von seinen liebevoll gezeichneten und oft auch sympathischen Figuren, die durch einen interessanten erzählerischen Kniff aus den verschiedensten Blickwinkeln beleuchtet werden: Die Heldin Nora fungiert über weite Strecken als Ich-Erzählerin, doch immer wieder kommen in der dritten Person auch die Perspektiven anderer zu ihrem Recht. So erhält man nicht nur Einblick in die Gedanken von Eggert und Thies, sondern auch in die des gutmütigen Bruno, der in Colin schnell eine Art Enkelersatz ausmacht, oder in die der schwierigen Rea, die es eigentlich nicht böse meint, aber andauernd zu viel von ihrem Umfeld erwartet und sich so manchmal selbst unglücklich macht.
Allzu arg kommt es allerdings nicht, denn rettender Humor schwingt eigentlich stets im Hintergrund mit, und darüber hinaus beschwört Heimann auch immer wieder greifbar tröstliche Alltagsfreuden herauf, ob nun Musik, Treppenhüpfen oder eine ganz besondere Sorte Tomaten, die es wohl nicht ohne Grund auf das von Katharina Netolitzky hübsch gestaltet Titelbild geschafft hat.
Um ein bisschen Sommerstimmung in den derzeit so trüben Winter zu holen und sich heitere und gefällige Lektüre zu gönnen, ist Vitamin V wie Wohnung also bestens geeignet. Entspannter Lesespaß ist garantiert!

Katja Heimann: Vitamin V wie Wohnung. Hamburg, tredition, 332 Seiten.
ISBN: 9783743969605


Genre: Roman

Das Weihnachtswunder des Henry N. Brown

Eigentlich rechnet der Teddy Henry N. Brown für dieses Weihnachten nicht mit großen Überraschungen. Nach einem bewegten Bärenleben mit zahlreichen Besitzerwechseln und Verlusterfahrungen wohnt er seit einigen Jahren bei der Schriftstellerin Flora, und die plant nur einen ruhigen Heiligabend mit ihrem neuen Partner Felix. Der aber erscheint nicht, und stattdessen fallen in Floras beschauliche Wohnung nach und nach ihre zerstrittenen Familienmitglieder, der indische Nachbar und eine todunglückliche Freundin ein. Der Abend droht, in Chaos und Unzufriedenheit zu enden, zumal der arme Henry als Stoffbär zu tatenlosem Zusehen verdammt ist. Aber vielleicht geschieht ja doch noch ein kleines Weihnachtswunder?
Seinen ersten Auftritt als Ich-Erzähler hatte Henry bereits in dem Roman Die unglaubliche Geschichte des Henry N. Brown, der seinen Weg durch alle Höhen und Tiefen des 20. Jahrhunderts schildert. Während der Vorgängerband deshalb bei aller bärigen Niedlichkeit auch zahlreiche ernste und tragische Situationen enthält, ist Das Weihnachtswunder des Henry N. Brown, das man als eine Art ausgedehnten Epilog zur Unglaublichen Geschichte lesen kann, ein klassisches Wohlfühlweihnachtsbuch. Bis auf Alltags- bzw. Feiertagssorgen und normale zwischenmenschliche Konflikte droht niemandem viel Ungemach. Der Ton ist durchgehend heiter bis besinnlich und gewinnt seinen Charme vor allem daraus, dass Henry bei aller durch jahrzehntelange Beobachtungen gewonnenen Weisheit eben im Grunde seines Herzens doch ein Kuschelbär bleibt, der den Menschen Trost und Liebe spenden möchte und sich freut, wenn alle glücklich sind und sich vertragen.
Bis es dazu kommt, sind aber natürlich noch einige Hürden zu nehmen, die recht humorvoll geschildert werden, so etwa die Diskussion der mittlerweile geschiedenen Eltern der Heldin über eine Jahre zurückliegende, sehr spezielle Weihnachtsbaumfällaktion, über deren Erfolg man bis heute geteilter Meinung ist. Die Charaktere sind dabei allesamt nett skizziert, wenn auch teilweise nicht frei von Klischees (gerade Salim, dem oben erwähnten Nachbarn, hätte man ein etwas markanteres individuelles Profil und etwas weniger Reduzierung auf die Rolle des nolens volens in die deutsche Weihnachtsfeier gestolperten Fremden gewünscht). Sprachlich hat man hier und da das Gefühl, dass englischsprachige Texte oder deren direkte Übersetzungen stilistisch Pate gestanden haben könnten, denn manche Formulierung wirkt wie eine wörtliche Übertragung einer gängigen englischen Wendung (z.B. „Mein Herz sank.“).
Doch das ist eigentlich nicht weiter schlimm, denn alles in allem ist Henrys Geschichte einfach zu drollig und warmherzig, als dass man sich an solchen Kleinigkeiten stören sollte. Das Ende hält sogar noch eine nette Weihnachtsüberraschung für den Teddy selbst bereit. Wer immer schon den heimlichen Verdacht hatte, dass auch Kuscheltiere Gedanken und Gefühle haben, findet in der Erzählung eine liebenswerte Bestätigung, und alle anderen können zumindest die gefällige Weihnachtsunterhaltung genießen, die man sich auch gut als lustigen Film vorstellen könnte.

Anne Helene Bubenzer: Das Weihnachtswunder des Henry N. Brown. München und Wien, Thiele Verlag, 2013, 126 Seiten.
ISBN: 9783851792614


Genre: Roman

Der Tod des Teemeisters

Japan Ende des 16. Jahrhunderts. Der Ich-Erzähler Honkaku lebt schon seit Jahren zurückgezogen als Mönch in einem Tempel, doch einst war er ein Schüler des berühmten Teemeisters Rikyū, der sich unter ungeklärten Umständen das Leben nahm – angeblich auf Befehl seines Dienstherrn, des mächtigen Fürsten Hideyoshi. Eine Zufallsbegegnung mit einem alten Bekannten seines Meisters zwingt Honkaku, sich seinen Erinnerungen zu stellen, und weckt nach langer Vermeidung doch noch seine Neugier, herauszufinden, was damals eigentlich vorgefallen ist und warum Rikyū sterben musste.
In Rezensionen von Yasushi Inoues Tod des Teemeisters wird gern einerseits der Aspekt des historischen Romans betont (viele Figuren wie etwa der Titelheld Sen no Rikyū und sein Gönner Toyotomi Hideyoshi sind fiktionalisierte Versionen realer Gestalten), andererseits aber hervorgehoben, dass die genauen Schilderungen von Teekultur und ritualisierten Verhaltensweisen Einblicke in die aus europäischer Sicht fremdartige und bisweilen unverständliche Lebenswirklichkeit des alten Japan bieten. Beides ist nicht falsch, greift aber zu kurz, um zu umreißen, was die Besonderheit des Buchs eigentlich ausmacht.
Dafür, dass es um hochdramatische und teilweise kriegerische Ereignisse geht, ist Der Tod des Teemeisters ein ungewöhnlich stiller und zurückgenommener Roman, ganz so, als würde die Ruhe der mehrfach mit all ihren Zutaten lyrisch heraufbeschworenen Teezeremonie sich auf den Gang der Handlung übertragen. Der Stoff würde ohne weiteres auch einen Krimi hergeben, doch auf entsprechende Elemente wird größtenteils verzichtet. Honkakus Nachforschungen, die sich über ein Vierteljahrhundert hinziehen, schreiten äußerst gemessen voran, und es geht eigentlich weniger darum, am Ende zu enthüllen, wer welche Strippen gezogen hat, als um feine Charakterskizzen des lange rätselhaft bleibenden Rikyū und seines Umfelds. Fast kammerspielartig treten sie im realen Leben, aber auch – insbesondere, was den toten Teemeister betrifft – in Form von Traumvisionen und Geistererscheinungen mit Honkaku in Kontakt und lassen so nach und nach ein Bild der Geschehnisse und Konflikte entstehen, die zu dem titelgebenden Selbstmord geführt haben, ja vielleicht sogar führen mussten.
Während die Ausprägung, die diese Abläufe annehmen, typisch japanisch sein mag und auf eine bestimmte Epoche verweist, sind die angesprochenen Themen an sich zeitlos und nicht an einen spezifischen geographischen Rahmen gebunden. Ästhetik und Philosophie stehen pragmatischer Machtpolitik und Geltungsdrang gegenüber, und aus der explosiven Mischung ergibt sich auf sehr leise Art ein Ausloten der Frage nach persönlicher Integrität und den Kompromissen, die man einzugehen bereit ist (oder eben auch nicht). Dass die unterschiedlichen Antworten, die man darauf finden kann, auch innerhalb einer einzigen Kultur größte Ferne und Fremdheit erzeugen können, macht der melancholische Schluss deutlich, denn auch, wenn Honkaku am Ende intellektuell nachvollziehen kann, was sich abgespielt haben muss, fällt ihm der emotionale Zugang zur radikalen Entschlossenheit Rikyūs mindestens so schwer wie dem Leser.
Gerade diese Sprödigkeit sorgt aber vielleicht dafür, dass Der Tod des Teemeisters einen nach der Lektüre noch lange nicht loslässt und viele Denkanstöße bietet, denen man sich nur schwer entziehen kann.

Yasushi Inoue: Der Tod des Teemeisters. Frankfurt am Main, Suhrkamp, 6. Auflage 2015 (Original: 1981), 169 Seiten.
ISBN: 9783518460252


Genre: Roman