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Das Erbe der Elfenmagierin

Auf dem Elfen Ardoas ruhen große Erwartungen: Als jüngste Inkarnation der Elfenmagierin Naromee, die schon vielfach wiedergeboren worden ist, kann nur er den Schlüssel zu ihren Erinnerungen finden, die seine Gemeinschaft für entscheidend für ihr weiteres Gedeihen hält. Es gibt nur eine Schwierigkeit: All seine Seelengeschwister (wie er die vorhergehenden Inkarnationen nennt) haben bei dem Versuch, in der Fremde Naromees Erinnerungen auf die Spur zu kommen, den Tod gefunden. So soll Ardoas auf Wunsch seiner Eltern lieber friedlich seine Studien treiben, als sich in die Ferne zu wagen. Natürlich verschlägt es ihn auf Umwegen doch noch dorthin, denn ihm wird schnell klar, dass vermutlich nur das Orakel Niadaris ihm weiterhelfen kann, eine hellseherisch begabte Person, die angeblich in einem entlegenen Felsentempel lebt. Auch der junge Adlige Daludred, der ähnlich wie Ardoas gegen den Willen seiner Eltern in die Welt gezogen ist, möchte Niadaris finden, um seine eigene Sehergabe schulen zu können. Die beiden hoffen, gemeinsam ans Ziel zu kommen. Doch leider geht auch das Gerücht, dass der Tempel Schätze birgt. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten, und so sind den jungen Männern bald ein zwielichtiger Händler, verschiedene Söldnerhaufen und ein undurchsichtiger Magierbund auf den Fersen. Die Söldnerin Jerudana scheint die besten Aussichten zu haben, die Gesuchten als Erste aufzuspüren – doch als sie erkennt, dass in den eigenen Reihen Verrat lauert, muss sie noch einmal überdenken, was sie mit Ardoas und Daludred nun eigentlich anfangen will …

Nach mehreren Science-Fiction-Romanen kehrt James A. Sullivan mit seinem neuen Buch Das Erbe der Elfenmagierin in die Fantasy zurück, die sich bei ihm – wie schon aus Nuramon gewohnt – fast wie die moderne Entsprechung eines mittelalterlichen Artusromans liest: eine Geschichte voller Abenteuer, Kämpfe und Liebe, aber auch mit dem ein oder anderen philosophischen Moment, die mit einer magiedurchtränkten Welt und einer bunten Figurenfülle aufwartet. Diesmal hat vor allem der Parzival Wolframs von Eschenbach als Inspirationsquelle gedient, und das nicht nur, weil die Ausgangssituation des Helden, der aus elterlicher Liebe von der Welt ferngehalten wird, um nicht die tödlichen Fehler vorhergehender Generationen (bzw. hier: Inkarnationen) zu wiederholen, sich gleicht (wobei im Einstieg mit einer bedeutungsvollen Geburtstagsfeier natürlich zugleich ein Augenzwinkern in Richtung Tolkien mitschwingt). Vielmehr kehrt fast leitmotivisch der Begriff des Zweifels wieder, der den vieldiskutierten zwîvel der Eingangsverse des Parzival evoziert, und auch die Art, wie Jagd und Gewaltausübung als oft unumgängliche, aber für den Helden emotional doch zweischneidige Tätigkeiten gezeichnet werden, hat bei Wolfram Vorbilder. Dass diese und manch andere Parallelen nicht etwa unbewusst eingeflossen sind, sondern Methode haben, zeigt sich an deutlicheren Anspielungen, die das Mediävistenherz erfreuen: So diskutieren z. B. zwei Romanfiguren ganz offen über die anscheinend auch in ihrer Welt für epische Dichtung typischen Doppelwege, zu denen es vorzüglich passt, dass der Roman der Einstiegsband eines Zweiteilers ist.

Doch Das Erbe der Elfenmagierin ist eben zugleich auch ein modernes Buch, das sich keinem mittelalterlichen Ethos, sondern progressiven Idealen verschrieben hat. James A. Sullivan wählt dabei den Weg, Probleme unserer Welt nicht einfach durch eine phantastische Entsprechung darzustellen, sondern hält der heutigen Gesellschaft einen Spiegel vor, indem er für Ardoas und seine Umgebung vieles, was in der Realität bestenfalls geduldet, aber doch nicht voll und ganz akzeptiert ist, schiere Normalität sein lässt. Diversität (ob nun an Hautfarben, Geschlechtsidentitäten oder sexuellen Orientierungen), Gleichberechtigung und Liebesbeziehungen, die sich nicht nur auf zwei Personen beschränken, sind hier selbstverständlich und stellen einen vor die Frage, ob das Gewohnte und Gewöhnliche tatsächlich immer naturgegeben ist oder ob Traditionen nicht auch willkürliche Elemente enthalten mögen.

Mit dem Stichwort Traditionen – die einerseits zwar als Kitt geschildert werden, der insbesondere verfolgte Gruppen zusammenhält, andererseits aber auch in ihrer Hinterfragbarkeit beleuchtet werden – ist auch schon eines der Themen benannt, die James A. Sullivan schon in seinen älteren Werken beschäftigen, hier aber noch klarer und prononcierter ausgearbeitet werden als etwa in Nuramon. In diesen Kreis gehören auch das Motiv der Fremdheitserfahrung, das der Weltenreisenden, die sich – ihrem eigenen Ursprungskontext entrissen und nach langer Zeit in der Sklaverei – selbst eine Zuflucht schaffen müssen, das des nach menschlichen Maßstäben außergewöhnlich langen (ggf. magisch verlängerten) Lebens und das der Reinkarnation. Die Kombination der beiden letztgenannten Phänomene bringt Ardoas in einige interessante Situationen, denn wie geht man etwa damit um, wenn man wiedergeboren der noch lebenden Geliebten seiner letzten Inkarnation gegenübersteht? Auch die Freude des Autors an Sprache ist dem Roman anzumerken, und so kann es auch schon einmal passieren, dass ein romantisches Nachtgespräch nahtlos in eine linguistische Erörterung derbster Flüche übergeht, um dann doch noch ebenso deftig wie elegant den Bogen zurück zum Ausgangsthema zu schlagen.

Falls das aber nun alles nach gedankenschwerer Lektüre klingt, keine Sorge: Das Erbe der Elfenmagierin verpackt all diese Überlegungen mit leichter Hand in eine spannende Handlung, die zwar noch recht beschaulich mit Bibliotheksrecherchen beginnen mag, aber im Laufe der Zeit immer mehr Fahrt aufnimmt und gegen Ende äußerst actionreich auf eine tragische Wendung hinführt, mit der man im ersten Band einer Reihe so nicht rechnet. Gut also, dass Band 2, Das Orakel in der Fremde, schon im nächsten Jahr erscheint, denn wie es weitergeht, möchte man nach der Lektüre des Erbes der Elfenmagierin (das übrigens mit einer Karte zum Ausklappen und geprägtem Cover auch äußerlich schön gestaltet ist) unbedingt wissen.

James A. Sullivan: Das Erbe der Elfenmagierin. Die Chroniken von Beskadur 1. München, Piper, 2021, 448 Seiten.
ISBN: 978-3-492-70671-1


Genre: Roman

Die Katzenäugige 2: Kinder des Krieges

Das hier besprochene Buch ist Band 2 einer Reihe. Die Rezension von Band 1 ist hier zu finden.

Seit Monaten ist die Katzenäugige in der Menschenstadt gefangen. Der Priester Yanta, der sie mit einer Mischung aus Verachtung und Begehren behandelt, hat sich immer schlechter in der Gewalt, und nicht nur das sorgt dafür, dass sie endlich die Kraft findet, sich aufzulehnen. Die Herrscherin Paqari dagegen bekommt es mit dem fremden Besucher Cahal zu tun, der Menschen geschickt zu manipulieren weiß und dessen Anwesenheit stärker denn je deutlich werden lässt, dass die vordergründige Harmonie in der Stadt nur eine schöne Fassade ist. Als die Katzenäugige einen Fluchtversuch unternimmt und Paqari eingreift, führt das zu einer entscheidenden Änderung im Verhältnis der beiden jungen Frauen zueinander …

Der zweite Band von Judith C. Vogts Fantasyreihe um Die Katzenäugige schließt nahtlos an den ersten an und ist nicht als unabhängige Erzählung zu lesen. Die Kinder des Krieges sind aber eine würdige Fortsetzung des Waldes der Welt, in der sich die Geschichte ebenso spannend wie düster, oft genug auch ziemlich gewalttätig, weiter entfaltet. Immer deutlicher treten die Parallelen zwischen der Katzenäugigen und Paqari hervor, die sich trotz ihrer auf den ersten Blick so unterschiedlichen Stellung – hier die entrechtete Gefangene, dort die erhabene Herrscherin – letzten Endes in einer ähnlich hilflosen Situation befinden.

Während die Katzenäugige dem immer verstörenderen Verhalten Yantas ausgeliefert ist, wird Paqaris Autorität heimlich von mehr als nur einer Person untergraben, ganz zu schweigen davon, dass ein Mensch in der Stadt auch um ein Geheimnis weiß, das sie leicht ganz die Macht kosten könnte. Kein Wunder also, dass beide Frauen im Laufe der Handlung auf jeweils eigene Art einen Ausbruch wagen – und im Zuge dessen an (vermeintliche) Helfer geraten, die Hintergedanken haben und nicht halb so vertrauenerweckend sind, wie sie gern wirken wollen. Insbesondere der auch als Erzählerfigur in einer Rahmenhandlung fungierende und nicht notwendigerweise zur Bescheidenheit neigende Cahal spielt hier eine wichtige Rolle. Fast noch bedrohlicher ist aber insbesondere für die Katzenäugige die Erkenntnis, dass leidvolle Erfahrungen und Erlebnisse einen nicht unverändert lassen. Die Frau, die hier den Aufstand probt, ist nicht mehr dieselbe, die aus dem Wald in die Menschenwelt verschleppt worden ist, und ihr Ringen mit diesem ungewollten Wandel ist glaubhaft geschildert. Das könnte deprimierend sein, aber glücklicherweise lockert hier und da ein Anflug von trockenem Humor die Erzählung auf.

Die vom Kontrast zwischen Stadt und Wald geprägte Welt bildet weiterhin eine lebendige und eindrucksvolle Kulisse, die man nicht immer nur durch die Augen der Hauptfiguren betrachten darf. Hier sieht man sie z.B. auch aus der Perspektive der harpyienhaften Vogelkinder, von denen eines auch das Cover ziert. Apropos Cover: Diesbezüglich ist es besonders schade, dass es keine gedruckte Fassung der Katzenäugigen gibt, denn dass das zweite Cover quasi das erste fortsetzt und beide zusammen den Beginn eines Bildteppichs ergeben, wie er in der Geschichte eine wichtige Rolle spielt, würde sicher noch besser zur Geltung kommen, wenn man die Titelbilder physisch aneinanderlegen könnte. Aber so oder so ist diese Gestaltung eine nette Idee, die der Katzenäugigen einen hübschen äußeren Rahmen verleiht. Vor allem aber hat es natürlich der Text selbst in sich, und nicht nur eine finstere Vorausdeutung kurz vor dem Ende macht einen neugierig auf die folgenden Bände.

Vogt, Judith C.. Die Katzenäugige 2: Kinder des Krieges, o. O. 2021. E-Book (über Amazon zu beziehen).
ASIN: B09H9885BZ


Genre: Roman

Anarchie Déco

Im Berlin der 1920er Jahre wird ein kommunistischer Politiker tot aufgefunden. Die Umstände seines Ablebens sind nur mit einem jüngst entdeckten Phänomen zu erklären: Magie, die noch kaum erforscht ist, aber offenbar auch schon abseits der Universitätslabore erfolgreich praktiziert wird. Die Polizei braucht Unterstützung, und so steckt die junge Physikerin Nike Wehner, die sich in ihrer Dissertation mit der Magie befasst und von ihrem Doktorvater in die Rolle der Hilfskraft für den alternden Kommissar Seidel gedrängt wird, bald tief in den Ermittlungen. Mit dem zweiten Magieexperten, der Seidel zugeordnet wird, dem heimlichen Anarchisten und nicht ganz so heimlichen Teetrinker Sandor Černý, muss sie sich erst zusammenraufen. Als dann eine Vermisste versteinert aufgefunden wird und sich herausstellt, dass sich auch die aufstrebenden Nazis der Magie bedienen, droht die Situation Nike und Sandor vollends zu überfordern. Kann vielleicht die geheimnisvolle Georgette mehr ausrichten, die Sandor ihre Hilfe in Sachen Magie anträgt? Aber wem ist in einer Stadt, in der sich politische und persönliche Konflikte immer weiter zuspitzen, überhaupt noch zu trauen?

Was das Autorenduo Judith und Christian Vogt mit Anarchie Déco vorlegt, ist eine spannende und temporeiche Mischung aus Krimi und Urban-Fantasy-Abenteuer. Der Handlungsort – das Berlin der Weimarer Republik – ist dabei mehr als bloße Kulisse, auch wenn Nachtleben und großstädtischer Bauboom effektvoll geschildert werden. Vielmehr prägen politische Verwerfungen und soziale Ungleichheit die Schicksale der Figuren. Am differenziertesten ausgestaltet ist dies bei Nike, die als uneheliches Kind einer ägyptischen Mutter und eines deutschen Vaters in Armut aufgewachsen ist, aber dank ihrer Bildung – sie denkt sogar bisweilen in Physikvergleichen! – Zugang zu Akademikerkreisen hat, die ihr oft Steine in den Weg legen. Ernüchternd ist dabei die Erkenntnis, dass viele damalige Probleme wie Wohnungsnot, Bauspekulation, koloniale Raubkunst, Antisemitismus und die Diskriminierung von Frauen und Minderheiten auch hundert Jahre nach der Handlungszeit des Romans noch aktuell sind.

Ein wichtiges Thema ist in diesem Kontext das Ausloten der Geschlechtsidentität (ohne dass den Figuren dabei schon das differenzierte Vokabular der heutigen Gender Studies zur Verfügung stünde). Nike, die hinter ihrem betont unkonventionellen Auftreten einiges an Verletzlichkeit und Minderwertigkeitskomplexen versteckt, kämpft nicht nur gegen die einschränkende Frauenrolle an, sondern muss sich im Laufe des Romans auch damit auseinandersetzen, wie sie sich selbst im Spannungsfeld zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit verorten kann und möchte. Georgette, die sich im Beruf zwar als Mann präsentiert, ansonsten aber ihre weibliche Seite auslebt, ist nicht nur in Sachen Magie schon einen Schritt weiter. Obwohl der Roman also eine Lanze für Diversität und individuelle Lebensentwürfe bricht, werden nicht alle, die (noch) in Traditionen und altmodischen Überzeugungen feststecken, negativ gezeichnet: Am Beispiel von Seidel und Nikes Mutter Rabea Gamal wird deutlich, dass nicht jede Biographie die nötigen Freiräume lässt, um radikal aufzubegehren und sich frühzeitig auszuprobieren.

Vieles davon würde auch in einen reinen historischen Roman passen, zumal auch reale Personen wie Marie Curie, Lise Meitner, Albert Einstein und Albert Speer ihren Auftritt haben. Aber in das Panorama der Epoche bricht eben mit voller Wucht die Magie ein, die in Anarchie Déco nur im Zusammenwirken von Naturwissenschaft und Kunst entstehen kann und zudem jeweils männliche und weibliche Anteile erfordert. Leider ist allerdings weder in der Magie noch im Lektorat jemand aus der Romanistik mit von der Partie, sonst wäre vielleicht aufgefallen, dass die framboises im Namen eines für die Handlung wichtigen Lokals eher fraises sein sollten, um den „Erdbeeren“ der deutschen Übersetzung zu entsprechen (aber Himbeeren sind ja auch etwas Schönes). Dem Gesamteindruck tun solche Kleinigkeiten aber keinen Abbruch, zumal sie an vielen Stellen durch herrlich pointierte Formulierungen aufgewogen werden: Dass die Gegend, in der Nike lebt, „besonders exklusiv heruntergekommen“ (S. 130) ist, und die „Urangst vor Kernseife und Staubwedel“ (S. 270), die Rabea mit ihrem überkommenen Rollenverständnis Männern pauschal zuschreibt, prägen sich ein. Auf amüsanterer Ebene geht es einem auch mit den „pseudoägyptischen Kajalmassakern“ (S. 48) einer feiernden Menge so.

Das facettenreiche Buch, das so nahe an der historischen Wirklichkeit beginnt, ist am Ende nicht zuletzt aufgrund der prononcierten Fantasyelemente, die in einem bombastischen Finale kulminieren, auf einem ganz anderen Weg. Dementsprechend bieten sich zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine mögliche Fortsetzung. Aber auch als Einzelroman liest sich die wilde Reise durch ein alternatives Berlin flott und packend weg und ist allein schon aufgrund des oft von bissigem Humor geprägten Erzählstils bemerkenswert.

Judith und Christian Vogt: Anarchie Déco. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag, 2021, 480 Seiten.
ISBN: 978-3-596-00221-4


Genre: Roman

Wo die Spuren aufhören

Das hier besprochene Buch ist Teil einer Serie. Es lässt sich zwar als in sich abgeschlossener Roman lesen, aber zum besseren Verständnis trägt es bei, Band 7 schon zu kennen.

Nach langen Jahren als Mordermittler ist Armand Gamache im Ruhestand und hat sich mit Frau und Hund ins idyllische Three Pines zurückgezogen. Dennoch hat er bald einen neuen Fall zu lösen, und noch dazu im Freundeskreis: Peter, der Mann der Künstlerin Clara Morrow, ist nach einer Trennung auf Zeit nicht zum vereinbarten Termin nach Hause zurückgekehrt und hat sich noch nicht einmal gemeldet. Hat er Clara etwa ohne weitere Aussprache dauerhaft verlassen – oder ist ihm sogar etwas zugestoßen? Natürlich kann Gamache gar nicht anders, als zu helfen, und holt auch seinen ehemaligen Stellvertreter Beauvoir mit ins Boot, um auf die Suche nach dem Verschollenen zu gehen. Bald zeigt sich, dass Peter das allein verbrachte Jahr offenbar zu einer Art Selbstfindungsreise quer durch Europa genutzt hat, um dann nach Kanada zurückzukehren und zu verschwinden. Aber wirklich spurlos? Das gilt es nun herauszufinden und erfordert ein Einlassen auf die zutiefst von Neid und Missgunst geprägte Kunstwelt …

Ein wenig wundert man sich über die Entscheidung des Verlags, Wo die Spuren aufhören, den zehnten Band von Louise Pennys Reihe um Armand Gamache, direkt im Anschluss an den achten zu veröffentlichen, während der neunte ein späteres Erscheinungsdatum hat. Denn schnell wird klar, dass in der fortlaufenden Hintergrundhandlung der Bücher in diesem zunächst noch fehlenden Band entscheidende Entwicklungen eingetreten sein müssen: Die dramatischen Umstände, unter denen es zu Gamaches Ausscheiden aus dem Dienst gekommen ist, werden hier zwar angedeutet, aber nicht näher ausgeführt, und auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen des Stammpersonals hat sich inzwischen einiges weiterentwickelt.

Die Rückkehr der teilweise verschrobenen, aber nicht unsympathischen Gestalten, die den gewohnten Handlungsort Three Pines bevölkern, sorgt wieder für einen deutlich stärkeren Roman, als Unter dem Ahorn mit seinen Irrungen und Wirrungen in einem doch eher sonderbar gezeichneten Kloster es war, aber der Fall selbst, der sich nach und nach aus den Recherchen herauskristallisiert, bei denen diesmal neben den üblichen Ermittlern auch Gamaches Frau Reine-Marie, die unverwüstliche alte Dichterin Ruth Zardo und die Buchhändlerin Myrna Landers kräftig mitmischen, ist dann doch wieder relativ bizarr, was allerdings insgesamt nicht untypisch für die bei Louise Penny geschilderten Verbrechen ist.

Wer übrigens zu hoffen wagt, dass sich hier einmal eine bekannte Autorin getraut haben könnte, eine Genrekonvention auszuhebeln und einen Krimi ohne Mord zu verfassen, irrt leider: Gegen Ende des Buchs kommt es doch noch zu zwei Bluttaten, und Penny setzt dabei unter anderem auch auf den Schockeffekt, es einer ihrer seit den ersten Bänden wiederkehrenden Figuren an den Kragen gehen zu lassen.

Der Weg zu diesem eher düsteren Schluss bietet aber wieder viel Amüsantes und Menschliches (herrlich geschildert ist z.B., wie Ruth in Myrnas Abwesenheit auf ihre ganz eigene Art als Aushilfsbuchhändlerin einspringt). Der schon im achten Band auffällige und höchst beklagenswerte Mangel an Lakritzpfeifen ist allerdings immer noch nicht behoben – ein eindeutiges Manko, wenn man die Reihe vor allem aus Freude an solch liebenswerten Details liest …

Die Übersetzung dieses Bandes stammt, wie schon die des zuletzt auf Deutsch erschienenen, von Sepp Leeb, und die in der damaligen Rezension gegebene Einschätzung lässt sich auch auf dieses Buch übertragen: Das spürbare Bemühen um einen umgangssprachlicheren und allgemein etwas härteren Stil tut Pennys Krimis nicht gut, da sie stark von ihren philosophischen Ansätzen und ihrem feinen Humor leben.

Louise Penny: Wo die Spuren aufhören. Der zehnte Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2021, 480 Seiten.
ISBN: 978-3-311-12031-5


Genre: Roman

Der Schatten des Todes

Sidney Chambers ist anglikanischer Pfarrer im Dorf Grantchester in der Nähe von Cambridge und könnte dort eigentlich ein beschauliches Leben führen, um sich – man schreibt das Jahr 1953 – von seinen Kriegserlebnissen zu erholen. Doch nach der Beerdigung eines Anwalts sucht ihn die heimliche Geliebte des Verstorbenen auf und vertraut ihm an, dass sie überzeugt ist, dass der Mann ermordet wurde. Und ein Pfarrer, mit dem man offen reden kann, ist doch wohl der ideale Ermittler, um ihrem Verdacht nachzugehen? Sidney zieht dann doch lieber seinen Freund von der Polizei, Inspector Geordie Keating, zurate, der erst nicht an ein Verbrechen glauben will – nur, um bald eines Besseren belehrt zu werden. Das ist für den jungen Geistlichen der Auftakt zu einer ungeahnten Detektivkarriere …

Der Schatten des Todes enthält sechs Kurzkrimis, nimmt aber in gewisser Weise eine Zwischenstellung zwischen Roman und Geschichtensammlung ein, da die einzelnen kleinen Erzählungen, chronologisch angeordnet und auch über den Protagonisten hinaus durch wiederkehrende Figuren eng miteinander verflochten, eine übergreifende Hintergrundhandlung haben. Durch die im Buch schon angelegte Serienstruktur waren Sidney Chambers‘ Abenteuer natürlich für eine Fernsehverfilmung prädestiniert. Wer – wie die Rezensentin – erst durch die TV-Serie Grantchester überhaupt auf James Runcies Geschichten um den neugierigen Pfarrer aufmerksam geworden ist, wird allerdings eine Überraschung erleben, denn abgesehen vom ersten Fall, der denselben Titel wie das ganze Buch trägt, sind die Abweichungen zwischen dem Original und der Adaptation nicht nur inhaltlich beträchtlich.

Während in Grantchester bei allem immer wieder aufblitzenden Humor Dramatik und sozialkritische Aspekte betont werden, fehlen diese zwar auch im Buch nicht, wirken aber weniger plakativ. Runcie schreibt eher im Tonfall eines klassischen englischen Krimis irgendwo zwischen Agatha Christie und Dorothy L. Sayers, aber mit viel Augenzwinkern, Selbstironie und auch Nachdenklichkeit. Nicht jede Episode handelt dabei von einem Todesfall (auch wenn selbstverständlich mehrere Mörder ihr Unwesen treiben): Manchmal verschwindet auch nur etwas Wertvolles wie etwa ein Verlobungsring oder ein Gemälde und muss wieder aufgespürt werden. Gelegentlich führt ein Ausflug nach London auch einmal aus dem – wenn auch nicht ungetrübten – dörflichen Idyll fort.

Wie es sich für einen anständigen Detektiv gehört, hat Sidney Chambers natürlich auch ein Umfeld aus mehr oder minder schrägen Typen (vom Hilfsgeistlichen mit Faible für Philosophie und russische Literatur bis hin zur resoluten Haushälterin, die ihren verschollenen Ehemann noch am Leben wähnt, weil er sich in spiritistischen Sitzungen partout nicht kontaktieren lassen will). Zwei recht gegensätzliche Damenbekanntschaften garantieren dem Pfarrer ein interessantes Privatleben, und wie er zwischen Liebeswirren und Verbrechensaufklärung auch noch zu einem Hund kommt, liest sich vergnüglich und sympathisch.

Wer bei seiner Lektüre ständig atemlose Aufregung braucht, wird sie hier eher nicht finden (obwohl es durchaus sehr spannende Passagen gibt), aber alle, die Freude an Krimiunterhaltung in bester Genretradition haben und beim Lesen gern auch etwas ins Schmunzeln kommen, können sich hier ein paar entspannte Stunden in der englischen Nachkriegszeit gönnen.

James Runcie: Der Schatten des Todes. Sidney Chambers ermittelt. Hamburg, Atlantik (Hoffmann & Campe), 2. Aufl. 2017, 416 Seiten.
ISBN: 978-3-455-00045-0


Genre: Anthologie, Roman

Bretonische Idylle

Kommissar Dupin findet keine Zeit, sich seiner jüngst geschlossenen Freundschaft mit einer neugierigen Robbe zu widmen, sondern muss sein morgendliches Bad im Meer verfrüht beenden: Im Hafen eines kleinen Fischerorts treibt ein Ermordeter. Bald stellt sich heraus, dass es sich um den wohlhabenden Schafzüchter Patric Provost von der malerischen Belle-Île handelt, der nur selten aufs Festland kam. Da der gebrechliche alte Verwandte, den er besucht hat, als Mörder nicht infrage kommt, liegt es nahe, den Grund für Provosts Tod auf seiner Heimatinsel zu suchen. Dort verläuft das Leben nach etwas anderen Spielregeln als in der übrigen Bretagne. Die Insulaner bilden eine eingeschworene Gemeinschaft und machen Dupin die Ermittlungen nicht unbedingt leicht, so dass nur eines schnell feststeht: Jeder, der Provost gekannt hat, könnte ein Motiv gehabt haben, ihn aus dem Weg zu räumen, war er doch kein freundlicher Zeitgenosse und allgemein äußerst unbeliebt. Doch dann kommt es zu einer Entführung und bald darauf zu einem zweiten Mord – ist der Fall also doch komplizierter, als er auf den ersten Blick erscheint?

Was Jean-Luc Bannalec (alias Jörg Bong) auch in diesem neuesten Band seiner Reihe um den aus Paris in die Bretagne verpflanzten, aber mittlerweile ganz gut dort angekommenen Kommissar Georges Dupin bietet, ist eine Mischung aus spannender Krimihandlung und schwelgerischer Schilderung einer geschichtsträchtigen und landschaftlich eindrucksvollen Region. Auch wenn die titelgebende Bretonische Idylle durch Verbrechen getrübt wird, stehen die Schönheit der Gegend, Besonderheiten wie die Schafzucht, ehrgeizige Windenergieprojekte oder die zahllosen Menhire immer wieder im Vordergrund. Dupins Untergebener Riwal darf wie gewohnt vieles direkt erläutern, aber das Buch geht mit seiner Rolle als unerschöpfliche Informationsquelle zum Glück so selbstironisch um, dass man gut damit leben kann, dass Wissenswertes über Land und Leute nicht unauffälliger eingeflochten wird.

Die Auflösung des Kriminalfalls selbst wird genreerfahrenen Leseratten sicher bekannt vorkommen, denn eine sehr ähnliche Wendung (wenn auch nicht mit dem gleichen Ausgang für die Beteiligten) kommt in einem berühmten Roman von Agatha Christie zum Einsatz. Bis dahin aber macht es trotz der dunklen Wolken, die über Dupins Privatleben aufzuziehen drohen, viel Spaß, mit ihm auf der Belle-Île herumzustöbern, und da der Kommissar kulinarischen Genüssen alles andere als abgeneigt ist, kann man sich durchaus darüber amüsieren, dass auch der entscheidende Hinweis, der es ihm am Ende erlaubt, den Mord aufzuklären, mit Essen zu tun hat.

Mit der Rekonstruktion der Geschehnisse, die zu Provosts Tod und den weiteren damit verbundenen Verbrechen geführt haben, ist der Roman aber noch nicht zu Ende, und das nicht nur, weil die Robbe vom Anfang zum Schluss hin dankenswerterweise noch einen Auftritt bekommt. Denn in diesem zehnten Band der Reihe feiert Dupin zugleich buchintern sein zehnjähriges Dienstjubiläum in der Bretagne, das für ihn und andere den Anlass bietet, Bilanz zu ziehen. Ob darin gezielt die augenzwinkernde Aufforderung an die Leser mitschwingt, zurückzublicken und zu überlegen, wie gut ihnen Bannalecs Bücher bisher gefallen haben, sei einmal dahingestellt. Wenn man sich die Frage beantworten möchte, kommt man jedenfalls zu dem Schluss, dass die Reihe mit ihrem liebevollen Lokalkolorit und ihren teilweise herrlich kauzigen Figuren zu Recht nach wie vor zu den beliebtesten unter der großen Auswahl von Frankreichkrimis zählt.

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Idylle. Kommissar Dupins zehnter Fall. Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2021, 318 Seiten.
ISBN: 978-3-462-05402-6

 

 


Genre: Roman

Schweigendes Les Baux

In einem heute zu kulturellen Zwecken genutzten ehemaligen Steinbruch bei Les Baux wird der Privatdetektiv Patrick Ripert brutal ermordet aufgefunden. Zeugen gibt es keine, obwohl die Tonbildschau, bei der die Tat geschehen sein muss, gut besucht war. Ein Taschendieb wird mit den Habseligkeiten des Opfers aufgegriffen, aber der Ermittler Roger Blanc hat Zweifel, ob er in ihm auch den Mörder vor sich hat, zumal die Tatwaffe unauffindbar bleibt. Ripert war offenbar für den Besitzer eines nahen Landguts auf der Suche nach einem verschwundenen Gemälde, dessen Diebstahl gleichwohl nie zur Anzeige gebracht wurde. Aber warum hatte er Material für einen Gentest bei sich, als er starb, und welche Rolle spielt ein grausiges Verbrechen, das vor Jahren in seiner Heimatstadt begangen wurde und noch immer ungesühnt ist?

Cay Rademachers Reihe um Capitaine Roger Blanc zählt unter den seit mehreren Jahren populären Frankreichkrimis zu den besseren, auch und vor allem, weil die genaue Ortskenntnis des Autors und seine Liebe zum Midi aus den Beschreibungen sprechen. Wer selbst schon in der Provence war, wird vieles wiedererkennen. In diesen Schilderungen der Gegend und der französischen Lebensart besteht neben den oft pointierten und humorvollen Formulierungen auch der größte Reiz der Serie.

Der neue Band Schweigendes Les Baux ist dabei ein sehr aktueller Roman, spielt er doch vor nur anderthalb Jahren und dennoch in einer anderen Welt: Mitte Februar 2020 erreicht die Coronakrise Europa erst allmählich und wird noch nicht von allen ernstgenommen, so dass es für die Romanfiguren, anders als für das Lesepublikum, sehr überraschend kommt, als sich einer der Polizisten gegen Ende der Geschichte in Quarantäne wiederfindet.

Etwas Ähnliches gilt auch für den Mordfall selbst, denn wer von Anfang an die Beschreibungen der auftretenden Figuren aufmerksam liest, kann relativ früh erraten, unter welcher Identität eine für die Vergangenheit des Mordopfers wichtige Person in der Gegenwart lebt, und damit auch die richtigen Schlüsse über die Hintergründe der aktuellen Morde ziehen (denn es bleibt selbstverständlich nicht bei einem einzigen). Das gilt allerdings nicht für die reichlich verwickelte Familiengeschichte, durch die Roger Blanc und seine Kollegen erst einmal waten müssen, um zu erkennen, dass sie lange einer falschen Spur gefolgt sind. Dabei werden nach und nach noch ganz andere Verbrechen als das auslösende und auch ein paar eher harmlose menschliche Schwächen aufgedeckt, durchaus mit ungewöhnlichen Methoden: Blanc operiert dann und wann am Rande der Legalität (z.B., um ohne das Wissen der Betroffenen DNA-Proben zu nehmen), und einer seiner Untergebenen demonstriert, dass man die Flucht eines Verdächtigen gegebenenfalls auch durch einen gut gezielten Bienenstock-Wurf stoppen kann.

Weil die Polizeitruppe mit all ihren Ecken und Kanten und ihrem nicht gerade ideal verlaufenden Privatleben durchaus Spaß macht, verzeiht man Rademacher auch, dass er bei seinen Tatortschilderungen etwas zu viel Freude an schaurigen Einzelheiten unter Beweis stellt und dass nicht alle Motive hundertprozentig nachvollziehbar sind (besonders die Handlungsweise von Blancs Vorgesetzten Nkoulou, dessen Beziehung zu einer eher schwierigen Frau als Amour fou fast noch zu höflich beschrieben wäre, lässt einen phasenweise den Kopf schütteln, so notwendig sie für den Plot auch sein mag).

Spannend bleibt die Lektüre aber bis zum Schluss, auch wenn mehr Gründlichkeit bei Lektorat und Korrektorat dem Roman nicht geschadet hätten. Neben kleineren Fehlern sind nämlich auch einige widersprüchliche Angaben stehen geblieben (ist z.B. eine Verdächtige nun achtundvierzig oder fünfundvierzig Jahre alt?), und bei in den deutschen Text übernommenen französischen Bezeichnungen wird munter zwischen den für das grammatische Geschlecht in der Originalsprache korrekten Artikeln und denen, die zu dem der deutschen Entsprechung passen, gewechselt (so z.B. „die“ und „der“ Tour Sarrasine für einen Turm auf der Burg von Les Baux). Wer nur in die Provence eintauchen will, um sich gut unterhalten zu lassen und nebenbei einiges über Mandelanbau und Kunstszene zu erfahren, wird sich daran aber wohl nicht allzu sehr stören.

Cay Rademacher: Schweigendes Les Baux. Ein Provence-Krimi mit Capitaine Roger Blanc. Köln, Dumont, 2021, 416 Seiten.
ISBN: 978-3-8321-8128-4


Genre: Roman

Die Katzenäugige 1: Der Wald der Welt

Von einem Luchsweibchen großgezogen, lebt ein Mädchen mit Katzenaugen in einem Wald, der eine isoliert gelegene Stadt umschließt. Als deren junge Herrscherin Paqari, um sich zu beweisen, auf die Jagd geht, kostet das die Luchstochter nicht nur ihre Mutter, sondern auch die Freiheit. Der Arzt und Priester Yanta nimmt sich ihrer nicht ganz uneigennützig an. Obwohl sie mit seiner Hilfe die Menschen zumindest sprachlich verstehen lernt, scheint ihre Lage erst einmal ausweglos. Doch so leicht gibt die Luchstochter nicht auf, und als sie auf einen Bildteppich stößt, der eine besondere Geschichte erzählt, eröffnet sich ihr eine neue Sicht auf die Dinge …

Die Katzenäugige 1: Der Wald der Welt von Judith C. Vogt ist der Auftakt einer neuen Fantasyreihe. Trotz seiner Kürze hat das düstere, atmosphärische Buch viel Inhalt zu bieten und besticht vor allen Dingen durch seinen originellen Weltenbau, der mittel- und südamerikanische Inspirationen nicht verleugnen kann (so gibt es etwa einen Jaguar, eine Knotenschrift und einen lichtzentrierten Opferkult). Dieser nuanciert ausgemalten Zivilisation steht der magisch aufgeladene Wald gegenüber, der neben einer ganz eigenen Kultur seiner Wesen auch einen Schmetterling, der es in sich hat, und manch weitere Rätsel zu bieten hat. Der Konflikt zwischen Stadt und Wald ist dabei mit interessanten Zwischentönen geschildert, denn es erweist sich, dass auch Menschen, die selbst schon mit Völkermord und – so kann man vermuten – Eroberung konfrontiert waren, daraus nicht unbedingt lernen, ihren Umgang mit der Natur nicht als gnadenlose Kolonisierung zu gestalten.

Ungeachtet dieses beständig mitschwingenden Hintergrundthemas erscheint der Roman zunächst primär wie eine mit Kontrasten und Parallelen arbeitende Erzählung um zwei junge Frauen, die sich bei aller Verschiedenheit in einer ähnlichen Situation befinden: Beide müssen mit dem plötzlichen Tod ihrer jeweiligen Mutter und weiteren Verlusten zurechtkommen und sind gezwungen, sich in einem Spannungsfeld aus Macht und Hilflosigkeit zu behaupten, das ihre Handlungsmöglichkeiten beschränkt. Zudem zwingt ihre Andersartigkeit – im einen Fall der Herkunft aus dem Wald, im anderen der übermenschlich aufgeladenen Herrscherrolle geschuldet – die Luchstochter wie Paqari, mit Furcht und Zurückscheuen ihrer Umgebung zurechtzukommen. Für die Folgebände deuten sich allerdings epischere Entwicklungen an, bei denen auch noch ein geheimnisvoller Reisender eine Rolle spielt, der die Isolation der Stadt durchbricht und das begrenzte Figurenensemble erweitert.

Das alles ist oft blutig und brutal, manchmal aber auch ungeahnt humorvoll erzählt, immer aber intensiv, wozu auch die ungewohnten Schilderungen aus der Perspektive der Luchstochter beitragen, für die z.B. der Geruchssinn eine weit größere Rolle spielt als für den Durchschnittsmenschen.

Die durchdachte Sprache des Romans verrät viel Spaß an poetischen Wendungen und vor allem auch an bedeutsamen Antonomasien. Zudem gibt es eine Besonderheit: Die Katzenäugige wird explizit damit beworben, in geschlechtergerechter Sprache verfasst zu sein. Das wird all diejenigen freuen, die sich in diesem Bereich Veränderungen wünschen. Aber auch wer (wie die Rezensentin) mit dem generischen Maskulinum gut leben kann, wird hier nicht über sperrige Konstruktionen stolpern. Judith C. Vogt macht vor, wie ein geschicktes, einem literarischen Werk angemessenes Gendern, das den Lesefluss nicht hemmt, aussehen kann.

Bedauerlich ist nur, dass dieser erste Teil schon endet, kaum dass die Figuren einem vertraut geworden sind. Die spannenden Wendungen kurz vor Schluss lassen einen wünschen, gleich weiterlesen zu können, statt schon am Ende des Buchs angelangt zu sein. Aber vielleicht erscheint ja in nicht allzu ferner Zukunft der nächste Band und lässt einen wieder in abenteuerliche Geschehnisse in Stadt und Wald eintauchen …

Vogt, Judith C.. Die Katzenäugige 1: Der Wald der Welt, o. O. 2021. E-Book (über Amazon und Judith C. Vogts Website zu beziehen).
ASIN: B096SLXM5H


Genre: Roman

Hollow Kingdom

Das zahme Krähenmännchen S. T. führt in Seattle ein zufriedenes Leben. Auf seinen Menschen Big Jim lässt S. T. nichts kommen, auch wenn er seinen zweiten Mitbewohner, den Bluthund Dennis, als Trottel ohne Manieren verachtet. Als plötzlich eine Zombieapokalypse über die Welt hereinbricht und auch mit Big Jim besorgniserregende Veränderungen vorgehen, erklärt S. T., der sich eher als Mensch ehrenhalber denn als Vogel versteht, es zu seiner Mission, ihn zu retten. Gemeinsam mit Dennis bricht er auf, um ein Heilmittel für Big Jim zu finden. Erst im Zuge zahlreicher Begegnungen mit anderen Tieren, unter denen ebenso viele eiskalte Killer wie unerwartete Verbündete sind, erkennt S. T. nach und nach, dass in dem radikal gewandelten Umfeld eine ganz andere Aufgabe auf ihn wartet – und dass er ihr nur gewachsen sein wird, wenn er sich damit abfindet, dass es kein Zurück in die vermeintlich gute alte Zeit mehr gibt …

Die Abkürzung „S. T.“ steht für „Shit Turd“, und der Name des Ich-Erzählers gibt den Ton für nahezu das gesamte Buch vor, das von Henning Ahrens gelungen ins Deutsche übersetzt wurde. Die Sprache ist mit Ausnahme einzelner Passagen äußerst deftig, und auch thematisch wird es bei allem schwarzen Humor oft genug ordinär und ziemlich blutig. Kira Jane Buxton holt nicht allein aus der Zombiethematik an Ekel und Grauen heraus, was nur irgend darinsteckt, sondern konfrontiert ihre tierischen Protagonisten auch in anderer Hinsicht immer wieder mit Tod und Verderben. Für manche Schilderungen braucht man einen guten Magen. Es ist wohl Geschmackssache, ob man sie als ungeschminkte Darstellung einer Situation empfindet, in der nach dem Ausfall des Faktors Mensch die Machtverhältnisse rabiat neu ausgehandelt werden, oder doch das Gefühl hat, dass die Lust am Schaurigen bisweilen zu sehr ausgereizt wird.

Wenn man diese vordergründige Ebene der Geschichte ausblenden oder gar goutieren kann, hat Hollow Kingdom aber durchaus interessante Ansätze zu bieten, und das nicht nur, weil es keine schlechte Idee ist, einmal eine Krähe in der Rolle des abgehalfterten und griesgrämigen Antihelden zu präsentierten, der sich als Auserwählter wider Willen auf eine Queste begeben muss, deren Tragweite ihm zunächst selbst gar nicht bewusst ist.

Kira Jane Buxton geht es auch um eine Warnung vor der in ihren Augen besonders durch die Digitalisierung beförderten Naturferne der Menschen, der für die Tiere „Hohlen“, die hier die Quittung dafür präsentiert bekommen, indem sie zu Zombies mutieren, die von Handys und anderen Geräten mit Bildschirmen magisch angezogen werden. Auch darüber hinaus schwingt ein gerüttelt Maß an Gesellschaftskritik mit, allerdings durchaus mit Zwischentönen, wenn sich nach und nach in den Erinnerungen des Ich-Erzählers an den zunächst als tumber Macho und Waffennarr eingeführten Big Jim enthüllt, dass dieser in gewisser Weise auch ein Opfer der Verhältnisse ist.

Eingeflochten in das, was S. T. erzählt (wem genau, zeigt sich übrigens erst ganz am Schluss), sind die Erfahrungen aller möglichen Haus- und Wildtiere nach dem Absturz der Menschen ins Zombiedasein. Teils geht es auch hier drastisch zu, doch daneben finden sich unerwartet poetische Momente, in denen die Naturbegeisterung der Autorin deutlich durchklingt und sich erweist, dass sprachliche Schönheit ihr doch nicht völlig fremd ist.

Das Romanende bietet dann eine vielleicht nicht ganz unerwartete versöhnliche Wendung (zumindest allen, die Simone Hellers How Bees Fly gelesen haben, dürfte hier etwas bekannt vorkommen). Insgesamt hat man aber doch den Eindruck, dass Hollow Kingdom davon hätte profitieren können, wenn die Autorin die ihr am Herzen liegenden Botschaften – auch die, dass man sich auf Veränderungen einlassen muss und nur gemeinsam etwas erreichen kann – etwas subtiler vermittelt hätte und nicht mit dem Holzhammer.

Kira Jane Buxton: Hollow Kingdom. Das Jahr der Krähe. Frankfurt am Main, Fischer Tor, 2020, 362 Seiten.
ISBN: 978-3-596-70527-6


Genre: Roman

Unter dem Ahorn

Chief Inspector Armand Gamache und sein Stellvertreter Jean-Guy Beauvoir werden zu einem ungewöhnlichen Einsatz gerufen: In einem einsamen Kloster in der kanadischen Wildnis, das erst kürzlich durch den ungeahnten Erfolg seiner CD mit gregorianischen Gesängen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt ist, liegt der Chorleiter Frère Mathieu erschlagen im für Außenstehende nicht zugänglichen Garten des Abts. Schnell zeichnet sich ab, dass die scheinbar so friedliche Gemeinschaft tief gespalten ist und mehr als einer der Mönche ein Motiv gehabt hätte, den Mord zu begehen. Aber noch bevor Gamache und Beauvoir auch nur herausfinden können, was es mit dem geheimnisvollen Pergament auf sich hat, das Mathieu an seinem Todestag bei sich hatte, taucht im Kloster auch noch ihr feindseliger Vorgesetzter Sylvain Francoeur auf, der nichts Gutes im Schilde führt. So droht der schon länger schwelende Konflikt innerhalb der Polizei zu eskalieren, während der Mörder immer noch unerkannt ist …

Louise Pennys Krimireihe um Armand Gamache, den Leiter der Mordkommission von Québec, ist eigentlich eine der besten Serien, die das Genre in den letzten Jahren gesehen hat. Umso mehr überrascht es, dass Unter dem Ahorn, der neueste auf Deutsch erschienene Band, auf ganzer Linie enttäuscht. Zumindest in einer Hinsicht ist das allerdings nicht die Schuld der Autorin: Die Übersetzung von Sepp Leeb weicht in Wortwahl und Sprachduktus erheblich von den übrigen Teilen der Reihe ab (die überwiegend von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck übersetzt wurden), so dass sich die gewohnte Atmosphäre nicht einstellen will.

Abgesehen von dem Eindruck, dass hier ein etwas härterer und „dreckigerer“ Krimitonfall als bisher angestrebt und gerade auch Figuren wie Gamache in den Mund gelegt wird, zu denen er nicht gut passt, finden sich an manchen Stellen eher unglückliche Übersetzungsentscheidungen. So fragt man sich z.B., warum mehrfach die englische Anrede „Sir“ (von Gamache an Francoeur gerichtet, S. 326, oder von Frère Sébastien Gamache gegenüber, S. 494) in der deutschen Fassung stehen geblieben ist, obwohl die Beteiligten an der jeweiligen Unterhaltung allesamt französischsprachig sind und sich vermutlich nicht unbedingt auf Englisch austauschen.

Das alles wäre vielleicht noch zu verschmerzen, wenn der Band wenigstens inhaltlich überzeugen würde, aber das ist nicht der Fall. Durch die Beschränkung der Handlung auf das entlegene Kloster opfert Louise Penny eine der größten Stärken ihrer Reihe: Das Dorf Three Pines und seine herrlich exzentrische Bewohnerschar kommen hier bis auf eine Erwähnung im Nebensatz überhaupt nicht vor. Der eher düstere Mikrokosmos des Klosters bildet keinen adäquaten Ersatz dafür, zumal es, von ein paar Modernisierungen wie Solarstrom und Erdwärmeheizung abgesehen, eher aus einem Schauerroman des 19. Jahrhunderts stammen könnte, als glaubwürdig modernes Ordensleben abzubilden. Hier gibt es mehr Geheimtüren und jahrhundertelang erfolgreich Verborgenes, als man in einem ansonsten mehr oder minder realistischen Krimi erwarten würde.

Der Mordfall selbst wirkt wie eine etwas plumpe Hommage an den Klosterkrimi schlechthin, Umberto Ecos Namen der Rose. Zwar hält sich das Blutvergießen bei Louise Penny im Vergleich dazu in Grenzen, aber hier wie dort wird aus ideologischen Gründen gemordet, um die eigene Deutungshoheit über ein wichtiges Kulturgut zu bewahren, und auch der Auftritt eines dominikanischen Inquisitors (pardon, eines Abgesandten der vatikanischen Glaubenskongregation) darf natürlich nicht fehlen. Nicht nur aufgrund der Orientierung am berühmten Vorbild ist der Mörder relativ früh zu erraten, aber der Fall an sich ist Penny wohl auch weniger wichtig als der Versuch, mit aller Macht die Parallelen zwischen dem Kloster und der ebenfalls zerstrittenen Sûreté herauszuarbeiten. Orden wie Polizei sind eingeschworene Gemeinschaften, die Übeltäter in den eigenen Reihen nur ungern an die Außenwelt ausliefern und in denen bei Konflikten zwischen Führungspersönlichkeiten jeder Einzelne entscheiden muss, auf welcher Seite er stehen will. Dass Beauvoir, der in diesem Buch solch eine Wahl treffen muss, zu allem Elend auch noch in einem der Mönche gewissermaßen sein geistliches Spiegelbild erblickt, ist reichlich dick aufgetragen.

Hier und da blitzt dennoch etwas von dem auf, was Pennys Romane sonst so lesens- und liebenswert macht, etwa in der von beiden Beteiligten noch geheim gehaltenen Beziehung zwischen Beauvoir und Gamaches Tochter Annie oder in einigen humorvollen Szenen, sei es, dass Gamache im Bademantel in die Morgenandacht der Mönche stolpert oder dass die klostereigene Pralinenproduktion sich für die Polizisten immer wieder als unwiderstehliche Verführung zum kulinarischen Sündigen erweist.

Ein vollkommen schlechtes Buch ist Unter dem Ahorn daher nicht, aber doch eben der bisher schwächste Band der Reihe. Man kann nur hoffen, dass es ab dem folgenden Roman wieder bergauf geht und Louise Penny zu Lakritzpfeifen und spritzigen Dialogen zurückkehrt, statt sich weiter wie hier in allzu grobschlächtiger Symbolik zu üben.

Louise Penny: Unter dem Ahorn. Der achte Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2021, 556 Seiten.
ISBN: 978-3-311-12029-2


Genre: Roman