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Der letzte Zug nach Schottland

Inspector Alan Grant ist überarbeitet und einem Nervenzusammenbruch nahe. Ein paar Wochen Angelurlaub bei seiner Cousine Laura und deren Familie in Schottland sollen ihm helfen, wieder zu sich selbst zu finden. Doch als er, am Ziel angekommen, den Nachtzug verlässt, beobachtet er, wie der Schaffner in einem Abteil einen Toten findet, und sammelt aus alter Gewohnheit eine herumliegende Zeitung auf. Natürlich ist Grant nicht für den Fall zuständig, und der scheint rasch geklärt: Offenbar hat der Verstorbene nur zu viel getrunken und ist dann unglücklich gestürzt. Ein bedauerlicher, aber nicht weiter weltbewegender Unfall also – wäre da nicht die von Grant stibitzte Zeitung, auf der jemand ein unvollständiges, geheimnisvoll anmutendes Gedicht notiert hat, in dem singender Sand und der Weg ins Paradies von zentraler Bedeutung zu sein scheinen. Eine letzte Botschaft des Toten? Die Frage lässt Grant nicht los, und statt sich zu erholen, beginnt der kranke Polizist privat zu ermitteln. Bald ahnt er, dass er es in Wahrheit mit einem perfiden Mord zu tun hat, dessen abenteuerliche Hintergründe sich erst nach und nach herauskristallisieren  …

Die 1952 verstorbene Schriftstellerin Josephine Tey ist im deutschen Sprachraum wahrscheinlich vor allem für Alibi für einen König bekannt, ein Buch, in dem der nach einem Beinbruch bettlägerige Grant vom Krankenhaus aus und mit knapp 500 Jahren Abstand herauszufinden versucht, ob der englische König Richard III. tatsächlich seine Neffen auf dem Gewissen hatte. Neben weiteren Romanen, Dramen und Erzählungen hat sie jedoch auch noch andere Krimis um Inspector Grant verfasst, von denen Der letzte Zug nach Schottland (im Original: The Singing Sands) tatsächlich auch der letzte ist. Bei Kampa ist er unter dem Imprint Oktopus nun in der Übersetzung von Manfred Allié mit einem Nachwort der bekannten Krimiautorin Val McDermid wiederveröffentlicht worden.

Im direkten Vergleich ist Alibi für einen König dabei das bessere Buch, denn – so viel sei vorab verraten – im Letzten Zug nach Schottland führt Tey in die Ereignisse, die sich als ursächlich für das Mordmotiv entpuppen, ein absolut verzichtbares spezielles Element ein, das so unwahrscheinlich wirkt, dass es in einem phantasievollen Abenteuerroman des 19. Jahrhunderts besser aufgehoben wäre als in einem ansonsten mehr oder minder realistischen Krimi. Sieht man von diesem speziellen Detail jedoch ab, ist Der letzte Zug nach Schottland ein sehr spannender und unterhaltsamer Roman, der nicht nur durch stimmungsvolle Beschreibungen von Landschaft und Atmosphäre besticht, sondern auch durch seine gekonnt gezeichneten, teilweise herrlich verschrobenen Charaktere, unter denen Pat, der kleine Sohn von Grants Cousine, mit seinem Berufswunsch „Revolutionär“ und seinen liebevoll porträtierten kindlichen Eigenarten besondere Erwähnung verdient.

Aber auch Grant selbst ist eine besondere, für die Entstehungszeit des Romans ungewöhnliche Figur. Modern ausgedrückt leidet er an einem Burnout, der mit Angstzuständen und Attacken von Klaustrophobie einhergeht, und wie er sich mit seinen psychischen Problemen auseinandersetzt, ist durchaus mitfühlend und sensibel geschildert. Auch in anderen Punkten war Teys Blick auf die Welt ihrer Zeit wohl voraus, wie McDermid in ihrem Nachwort im Hinblick auf die androgyne Figur Zoë Kentallen – eine Grant nicht ganz gleichgültige Schulfreundin von Laura – und auf latent anklingende homoerotische Motive herausarbeitet.

In manchen Punkten dagegen ist Der letzte Zug nach Schottland ein Produkt seiner Epoche, etwa in seinen pauschalen Aussagen über den angeblichen Charakter bestimmter Nationen und den aus heutiger Sicht rassistisch anmutenden, wenngleich nur im Nebensatz geäußerten Bedenken gegen die Vermischung unterschiedlicher Ethnien. Anderes wirkt allerdings immer noch frisch und zeitlos, so zum Beispiel der bissige Humor, mit dem Esoterisches, Geltungsdrang aller Art und literarisch hochgelobte, aber real enttäuschende Reiseziele aufs Korn genommen werden. Alles ist allem ist der Roman so auch noch über 70 Jahre nach seinem ersten Erscheinen durchaus lesenswert und eine lohnende Entdeckung für alle Krimifans.

Josephine Tey: Der letzte Zug nach Schottland. Zürich, Oktopus (Kampa), 2023 (Original: 1952), 336 Seiten.
ISBN: 978-3-311-30032-8


Genre: Roman

Marco Polo. Bis ans Ende der Welt

Schon seit Jahren befindet sich Rustichello da Pisa unter immer erbärmlicheren Bedingungen in genuesischer Kriegsgefangenschaft, als die Ankunft eines neuen Zellennachbarn sein in Leid und Kummer erstarrtes Dasein gründlich durcheinanderwirbelt. Denn Marco Polo, der nach einer verlorenen Seeschlacht im Kerker gelandet ist, hat Aufregendes über seine weite Reise mit seinem Vater Nicolò und seinem Onkel Maffeo, seinen langen Aufenthalt in einer märchenhaften Fremde am Hofe Kublai Khans und seine unter keinem guten Stern stehende Liebe zu der mongolischen Prinzessin Kokachin zu erzählen. Seine Geschichten lassen nicht nur Rustichello neuen Lebensmut schöpfen, sondern gefallen auch den sonst oft brutalen und verächtlichen Wärtern so gut, dass sie den Weg zu besseren Haftbedingungen und allerlei Vergünstigungen ebnen, die sich Rustichello trotz aller Zweifel, ob sein neuer Freund überhaupt die Wahrheit sagt oder nur gekonnt fabuliert, gern gefallen lässt. Erst ganz allmählich beginnt er zu begreifen, dass vielleicht nicht er selbst, sondern der scheinbar so gewandte Marco Polo derjenige ist, der am meisten Hilfe braucht – und dass sich eine ungeahnte Möglichkeit bieten könnte, ihn zu unterstützen.

Wer einen Roman über eine berühmte und mehr oder minder gut dokumentierte historische Persönlichkeit schreibt, steht immer vor dem Problem, die Quellen mit einer Handlung in Einklang zu bringen, die trotz des in aller Regel schon im Voraus bekannten Ausgangs spannend bleibt. Oliver Plaschka wählt in Marco Polo. Bis ans Ende der Welt die elegante Lösung, gar nicht erst eine allzu exakte Rekonstruktion dessen zu versuchen, was sich in der Realität auf Marco Polos Reisen und bei seinem Aufenthalt im mongolisch beherrschten China abgespielt haben könnte, sondern bewusst eine in vielen Teilen erfundene und manchmal auch vom historisch Belegbaren oder Anzunehmenden abweichende Geschichte zu erzählen. Dank des Kunstgriffs der Rahmenhandlung im Gefängnis, dessen Mikrokosmos in einer vielfältigen Wechselbeziehung zu der in den Geschichten aufscheinenden großen weiten Welt steht, ist auch nie ganz sicher, ob Marco Polo ein sehr zuverlässiger Erzähler ist oder hier und da etwas ausschmückt und spontan dem Publikumsgeschmack anpasst. Fest steht nur, dass er je nach Zuhörerschaft unterschiedlich viel enthüllt und manches auch gar nicht in die Verschriftlichung seiner Geschichten, die Rustichello irgendwann anzufertigen beginnt, einfließen sehen will.

Geschickt schildern Rahmen- wie Binnenhandlung jeweils eine Geschichte von Aufstieg (in den Gefängnisszenen sehr wörtlich aus dem Keller in bequemere Geschosse, in denen mit fast schon vergessenen Freuden wie einem Bad oder einem Blick auf den Himmel zu rechnen ist) und Fall und weisen auch atmosphärische Parallelen auf. Ist in der frühen Phase, in der Marcos Erzählungen für Rustichello zum innerlichen Ausweg aus der Gefängnisenge werden, die Binnenhandlung noch von viel Fernweh, Entdeckerfreude und Begeisterung für den Kontakt mit fremden Sprachen, Kulturen sowie Religionen, ja sogar von fast mystischen Erlebnissen (in denen immer wieder weiße Pferde eine Rolle spielen), geprägt, erweist sich Kublai Khans in seinem Prunk und seiner Weite zunächst wie eine Zauberwelt anmutendes Reich, in dem Marco beneidenswert schnell Karriere macht (sich aber auch schon einmal ungewollt im Tigerkäfig wiederfindet), nach und nach als nur von Gewalt und Unfreiheit zusammengehaltenes Gebilde, ganz gleich, ob bei grausamen Kriegszügen ganze Städte ausgelöscht werden oder der Herrscher mit harter Hand tatsächliche oder vermeintliche Untaten mit drastischen Hinrichtungsmethoden oder Verstümmelungen ahndet und mit Anschlägen von Neidern und Missgünstigen jederzeit zu rechnen ist. Kein Wunder also, dass sich sogar die (halbwegs) Guten irgendwann eines ninjahaften Auftragsmörders bedienen oder selbst eiskalt jemanden meucheln, der ihren Plänen im Wege steht – denn ob man in einer von Macht- und Geldgier geprägten Umwelt, in der der einzelne Mensch und seine Interessen und Bedürfnisse wenig zählen, anständig bleiben kann, ist eine Frage, die immer wieder aufgeworfen wird, es sei denn, man hat gar nicht erst den Drang, es zu versuchen, wie etwa der umtriebige Maffeo (ein fürchterlicher Mensch, aber eine gelungen gezeichnete Romanfigur).

Mag die Handlung selbst auch noch so phantasievoll ausgestaltet sein, die Hintergründe sind gut und genau recherchiert, so dass in unterhaltsamer Form eine Fülle von Wissen über die Geschichte des 13. Jahrhunderts und kulturhistorische Details auch abseits von Marco Polos großer Reise mit einfließt. Auf welche Quellen und Darstellungen der Autor dabei zurückgegriffen hat, enthüllt das dankenswert ausführliche Nachwort, das auch Abweichungen vom historisch Überlieferten (und die dramaturgischen und sonstigen Gründe dafür) detailliert offenlegt. Auch eine nützliche Auswahlbibliographie wird geboten. Stutzig macht einen angesichts dieser Akribie  allein, dass die italienische Anrede Messere („mein Herr“, analog zum französischen Monsieur) offenbar als eingedeutschtes Fremdwort verwendet wird und so im Plural Messeres (statt Messeri) steht und auch beim Gebrauch direkt vor einem Namen nicht, wie man erwarten würde, das End-E wegfällt (vielleicht, um eine Verwechslung mit dem gleich geschriebenen deutschen „Messer“ zu vermeiden?).

Vor allem aber ist Marco Polo ein Buch über die Macht von Geschichten und die Kunst des Erzählens, die Menschen auch in den unwahrscheinlichsten Situationen zusammenführen kann, aber auch der Selbstdarstellung und Identitätsfindung, bisweilen allerdings sogar der Manipulation dient. Das gilt nicht nur für die Rahmenhandlung: Auch in der Reiseerzählung kommt es immer wieder zu Situationen, in denen erzählt wird, wobei Marco hier meist in der Zuhörerrolle erscheint (und im Zuge dessen eine Erklärung dafür angeboten wird, wie einige der sagenhafteren Elemente seines Reiseberichts – so etwa die Geschichte um den Priesterkönig Johannes – ihren Weg zu ihm gefunden haben könnten), während er später als Erzähler auch Dinge wiedergibt, die er selbst nur aus zweiter Hand weiß. Die Wahrheit ist nicht nur in diesen Fällen schwer zu ermitteln, und nicht ohne Grund findet der venezianische Karneval mit seinen Masken hier und da Erwähnung. Denn beileibe nicht jede Figur ist, was sie auf den ersten Blick zu sein scheint, und manch eine schlüpft im Laufe der Handlung zeitweise oder dauerhaft in eine neue Rolle. Das erlaubt einige überraschende Wendungen, und auch das Ende, in dem Rahmen- und Binnenhandlung bis zu einem gewissen Grade zusammenfinden, gestaltet sich vielleicht nicht so, wie man zu Anfang hätte vermuten können.

Bei allem Ernst erzählt Oliver Plaschka durchaus nicht ohne Humor, der sich teilweise in gelungen geschilderter Situationskomik äußert (Dromedarreiten ist nichts für schwache Nerven und Tee kein Getränk für den europäischen Gaumen des Mittelalters), manchmal aber auch als historischer Insiderwitz aufblitzt, wenn etwa Marco Polo spekuliert, sein Onkel Maffeo werde aus der geplanten Ehe seines Neffen mit Donata Badoer mindestens drei Söhne erwarten. Wer sich schon einmal mit dem Testament des historischen Marco Polo befasst hat, weiß, dass es an der nötigen Anzahl von Versuchen offenbar nicht gefehlt hat – wohl aber am „Erfolg“ nach den Maßstäben des literarischen Maffeo.

Alles in allem bietet Marco Polo Spannung und Unterhaltung auf einem hohen Niveau, das andere historische Romane oft vermissen lassen, und ist so trotz des Buchumfangs ein schnell verschlungenes Lesevergnügen, das auch mit der Epoche Vertraute immer wieder zu erstaunen vermag.

Oliver Plaschka: Marco Polo. Bis ans Ende der Welt. München, Droemer Knaur, 2016 (E-Book; Druckausgabe: 864 Seiten).
ISBN: 978-3-426-43602-8


Genre: Roman

Die Toten von Brambly Hedge

Das hier besprochene Buch ist der zweite Teil einer Reihe; die Rezension des ersten Bandes ist hier zu finden.

Erst vor kurzem und durchaus nicht zur allgemeinen Freude hat DCI Liam Woodhouse das Disziplinarverfahren überstanden, das nach seinem letzten großen Fall unausweichlich war, und auch ansonsten sieht die Lage trübe aus: An seinen Personalentscheidungen gibt es Kritik von allen Seiten, im Privatleben sind allerlei Probleme zu bewältigen und die enge Zusammenarbeit mit Joanna Bloom, die für ihn mehr als eine beliebige Untergebene ist, hat ein vorläufiges Ende gefunden. Als drei Mitglieder eines sonst unzertrennlichen Quartetts von Obdachlosen tot aufgefunden werden und der Vierte aus der Runde, ein gewisser Shaun Pantinkin, spurlos verschwunden ist, kommt zu allem Elend auch noch von höherer Stelle die Order, den Fall gar nicht erst zu verfolgen. Zu offensichtlich scheint eine Überdosis Drogen im Spiel gewesen zu sein. Aber Woodhouse wäre wohl nicht Woodhouse, wenn er nicht dennoch seinem Verdacht nachgehen und Bloom mit ins Boot holen würde, um herauszufinden, wer Die Toten von Brambly Hedge auf dem Gewissen hat.

Wer mit dem Namen „Brambly Hedge“ bisher nur die niedlichen Mäusegeschichten von Jill Barklem verbindet, wird sich verwundert die Augen reiben, denn was Christian Wagnon in seinem neuen Krimi auffährt, ist von der idyllischen Welt der liebenswerten Bilderbücher denkbar weit entfernt. Geht es erst nur darum, Pantinkin aufzuspüren und festzustellen, ob er Täter, Opfer oder an dem Vorfall völlig unbeteiligt ist, kommen bald noch Drogen- und Menschenhandel, die Ausbeutung und Misshandlung Hilfloser (von jugendlichen im sozialen Abseits bis hin zu kranken alten Leuten), unschöne Verhältnisse in einer sozialen Einrichtung, die eigentlich die Schwächsten unterstützen soll, und eine äußerst unersprießliche Familiengeschichte voller Hass und Missgunst mit ins Spiel. Dass es selbstverständlich auch nicht bei drei Toten bleibt, sondern weitere Menschen ums Leben kommen oder zumindest in große Gefahr geraten, versteht sich da fast schon von selbst. Besonders bedrückend ist daran, dass teilweise reale Ereignisse die Inspiration für den Roman geliefert haben (auf den Missbrauchsskandal von Rotherham wird explizit Bezug genommen).

Die Geschehnisse werden dabei nicht nur aus Sicht der Polizei geschildert: Parallel zu den Mordermittlungen entwickelt sich die damit zunächst scheinbar nur zufällig verbundene Geschichte des jungen Kylen Desai, der in die Dienste eines Kriminellen gepresst wird und, wie auch seine mit einer drogenabhängigen Cousine geschlagene Freundin Jayda Ellis, Dinge erlebt, die wahrlich nichts für schwache Nerven sind.

Wie immer bei Christian Wagnon gibt es aber den ein oder anderen Ausgleich zu den harten Krimianteilen: Gelegentlich gönnt er seinen Figuren durchaus ein wenig Behaglichkeit und kulinarische oder musikalische Genüsse, und die polizeiinternen Intrigen, die diesmal sogar die dienststelleneigenen Meerschweinchen in ernste Gefahr bringen, sind mit einem Schuss Humor erzählt, der auch in der Namensgebung mitschwingt (dass ein Lokal ausgerechnet The Sinking Ship heißt, sagt schon einiges über die Atmosphäre des Buchs aus). Apropos Tiere: Auch Schafe spielen diesmal eine durchaus nicht unwichtige Nebenrolle.

Insgesamt ist also auch der zweite Band um die Payton Lane ein spannender Krimi, der sich bei aller Düsternis flott liest und die Neugier auf das wiederkehrende Figurenensemble wachhält, das hier zwar schon erste, aber beileibe nicht alle seiner Geheimnisse preisgibt.

Christian Wagnon: Die Toten von Brambly Hedge. DCI Liam Woodhouse Band 2. Dresden 2023. E-Book (über Amazon zu beziehen).
ASIN: ‎ B0CBWTM5CG

 


Genre: Roman

Frau Komachi empfiehlt ein Buch

In die Bibliothek eines Gemeindezentrums in Tokio verschlägt es nach und nach fünf sehr unterschiedliche Menschen, in deren Leben alles gerade nicht zum Besten steht: die junge Verkäuferin Tomoka, die damit hadert, keine glänzende Karriere hingelegt zu haben, sondern sich mit schwierigen Vorgesetzten und unfreundlicher Kundschaft herumschlagen zu müssen, den Buchhalter Ryo, der von einem eigenen Antiquitätengeschäft träumt, den Sprung ins kalte Wasser aber scheut, die ehemalige Redakteurin Natsumi, die sich seit der Geburt ihrer Tochter mit einer weniger erfüllenden Stelle begnügen muss und damit ringt, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, den Arbeitslosen Hiroya, dem der große Durchbruch als Zeichner versagt geblieben ist, während anderen in seinem Umfeld alles spielend zu gelingen scheint, und den frischgebackenen Rentner Masao, der nicht so recht weiß, wie es im Ruhestand mit ihm weitergehen soll. Alle wenden sie sich auf der Suche nach bestimmten Büchern an die Bibliothekarin Sayuri Komachi, die auf den ersten Blick zwar abweisend wirkt und sich nur für ihre Filzarbeiten zu interessieren scheint, aber jedem Menschen, der sich an sie wendet, nicht nur einen kleinen Glücksbringer schenkt, sondern auch ein Buch zusätzlich zu dem eigentlich gewünschten empfiehlt. Wer sich darauf einlässt, kann Überraschendes erleben.

Michiko Aoyama legt ihrem Roman Frau Komachi empfiehlt ein Buch im Grunde ein ähnliches Konzept zugrunde wie Carsten Henn seinem Buchspazierer: Eine leicht exzentrische, aber kluge Gestalt nutzt ihre Menschenkenntnis, um den mehr oder minder unglücklichen Personen, die sich an sie wenden, genau das passende Buch zuzuordnen, das, mit dem richtigen Blick gelesen, eine lebensverändernde Wirkung entfaltet. Während die Titelfigur bei Henn allerdings stark im Zentrum der Geschichte steht, ist sie bei Aoyama eher eine helfende Instanz im Hintergrund, über deren eigenen Lebensweg und seine unerwarteten Wendungen man nur bruchstückhaft etwas erfährt, ohne je ihre Perspektive erleben zu dürfen.

Stattdessen schlüpfen die fünf, die sich bei der Bibliothekarin nach Büchern erkundigen, nacheinander in die Ich-Erzähler-Rolle. Da die Hauptfiguren nichts weiter miteinander zu tun haben, könnte man die einzelnen Kapitel auch als eigenständige kleine Geschichten lesen – könnte, sollte aber nicht, denn auf subtile Art, durch erst ziemlich unauffällige Nebenfiguren und scheinbar beiläufig eingestreute Einzelheiten, sind alle Abschnitte auch über die Bibliothek als Ort und Sayuri Komachi und ihre Assistentin als wiederkehrende Gestalten hinaus so eng miteinander verflochten, dass sie erst in der Zusammenschau ein großes Ganzes ergeben.

Während die geschilderten Schicksale in manchen Zügen sehr japanisch geprägt sind (gerade der hohe, für die eigene Identität zentrale Stellenwert, den eine bestimmte Art von Arbeitsverhältnis genießt, mutet nach europäischen Maßstäben extrem an), ist die zentrale Botschaft des Buchs, sich auch einmal auf Lektüre, nach der man vielleicht nicht spontan greifen würde, einzulassen und darin den nötigen Anstoß zu finden, Chancen zu nutzen oder sich wenigstens so gut wie möglich mit den gegebenen Verhältnissen zu arrangieren, universell gültig.

In einigen Fällen hat man den Eindruck, dass Aoyama die Wendung zum Guten im Leben ihrer Figuren etwas zu mühelos eintreten lässt: Dass ein zufälliges Alltagsgespräch mit den richtigen Leuten umgehend zum Traumjob führt, wie hier gleich zweimal, wünscht man sich zwar sicher, aber das Glück haben wohl nur die wenigsten. Doch alles in allem liest sich der hoffnungsvolle und freundliche Roman in der Übersetzung von Sabine Mangold angenehm und unterhaltsam. Wer Lust auf ein Buch über Bücher hat, das einen in positiver Stimmung zurücklässt, kann hier daher nicht viel falsch machen.

Michiko Aoyama: Frau Komachi empfiehlt ein Buch. 3. Aufl. Hamburg, Kindler (Rowohlt), 2023, 288 Seiten.
ISBN: 978-3-463-00040-4


Genre: Roman

Hausboottage

Eve hat gerade ihre prestigeträchtige Stelle in einem Technikunternehmen, die bisher ihr Lebensinhalt war, verloren. Sally hat sich nach langer Ehe und reichlich stiller Unzufriedenheit entschlossen, ihren wenig verständnisvollen Mann zu verlassen. Die beiden Frauen begegnen sich auf einem Treidelpfad am Kanalufer und werden auf einen auf einem Hausboot jämmerlich heulenden Hund aufmerksam. Der ziemlich handfeste Befreiungsversuch, den Eve und Sally unternehmen, endet nicht nur mit einem vorerst verschwundenen Hund, sondern auch damit, dass sie mit seiner exzentrischen Besitzerin Bekanntschaft schließen, der alten Anastasia, die auf dem Hausboot lebt, nun aber aufgrund einer Krebsdiagnose in einer unschönen Lage ist: Ihr Boot zu der Werft fahren, auf der es dringend überholt werden muss, und den unbedingt notwendigen Krankenhausaufenthalt antreten, kann sie nicht gleichzeitig. Spontan beschließen Eve und Sally, die Überführung des Boots zu übernehmen, und so sind sie bald darauf tatsächlich auf dem Wasser unterwegs. Dabei gewinnen sie nicht nur in praktischer Hinsicht Kenntnisse hinzu (von Schleusenbewältigung bis Klappstuhlrettung), sondern lernen auch Englands Kanalsystem, einander und sich selbst immer besser kennen. Doch wie soll es weitergehen, wenn die kleine Flucht aus dem Alltag irgendwann unweigerlich ihr Ende findet?

Wie schon in ihrem wunderbaren Debüt Das Versprechen, dich zu finden schildert Anne Youngson in Hausboottage den in nicht mehr ganz jugendlichem Alter gewagten Ausbruch zweier Figuren aus eingefahrenen Bahnen und reichert die Gegenwartshandlung mit einer Auseinandersetzung ihrer Charaktere mit Historischem an. Denn neben Eves und Sallys (und im Laufe des Buchs immer stärker, wenn auch zunächst nur im Hintergrund, Anastasias) jeweiliger Geschichte spielt auch immer wieder die Vergangenheit der Kanäle eine Rolle, die einst ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und Arbeitsplatz für viele Menschen waren, jetzt aber nach dem überwiegenden Niedergang der kommerziellen Binnenschifffahrt eher das Revier von Freizeitskippern, Aussteigern, Kriminellen und schrägen Gestalten sind.

So manchen von ihnen begegnen Eve und Sally auf ihrer Fahrt, denn sie bleiben nicht die ganze Zeit über allein, sondern haben gelegentlich Gäste an Bord (so etwa den rätselhaften Arthur, der Anastasia näher zu kennen scheint, als beide zunächst zugeben möchten) oder finden neue Bekannte wie das junge Pärchen Trompette und Billy, das auf seinem Boot ein unbeschwertes Künstlerdasein zu führen scheint, hinter dem sich aber durchaus auch Unschönes verbirgt.

Überhaupt begeht Youngson nicht den Fehler, das Aussteigerleben auf dem Wasser als eskapistische Phantasie zu romantisieren, sondern macht immer wieder deutlich, dass ein Wechsel vom Land aufs Hausboot einem nicht nur Sorglosigkeit beschert, sondern mit zahlreichen Problemen behaftet ist, seien es nun so banale, wie das Boot permanent fahrtüchtig und auch sonst in Schuss zu halten, oder gravierendere wie Ärger aller Art mit den Behörden. Manches kann dem fröhlichen Herumvagabundieren sogar im Handumdrehen ganz ein Ende setzen oder es sehr einschränken, sei es nun eine schwere Krankheit wie die, mit der Anastasia sich herumschlägt, oder schlicht das eigene Verantwortungsbewusstsein, das in Arthurs Fall nachvollziehbarerweise verhindert, dass er auf die Art, die er sich vielleicht erträumt haben mag, sein Glück findet.

Trotz dieser ernsten Aspekte sind die Hausboottage ein durchaus hoffnungsvoller, dabei auf ruhige Art sehr unterhaltsamer und phasenweise sogar urkomischer Roman (nicht ohne Grund evoziert wohl der englische Originaltitel, Three Women and a Boat, Jerome K. Jeromes berühmte Three Men in a Boat). Die schöne Übersetzung von Edith Beleites lässt einen dabei immer wieder vergessen, dass man das Buch nicht in seiner Originalsprache liest. Nicht nur als Sommerlektüre ist Anne Youngsons zweiter Roman also wärmstens zu empfehlen und ein großes Lesevergnügen.

Anne Youngson: Hausboottage. Hamburg, HarperCollins, 2022, 352 Seiten.
ISBN: 978-3-7499-0355-9


Genre: Roman

Die Reise nach Paris

Eigentlich ist Armand Gamache, Leiter der Mordkommission von Québec, mit seiner Frau Reine-Marie rein privat in Paris: Seine Tochter Annie, die mit Schwiegersohn Jean-Guy Beauvoir kürzlich nach Frankreich gezogen ist, erwartet demnächst ihr zweites Kind, und auch sein Sohn Daniel und dessen Familie leben in der Stadt. Doch das Idyll des familiären Beisammenseins wird jäh getrübt, als Gamaches schwerreicher Patenonkel Stephen Horowitz, der sich ebenfalls gerade in Paris aufhält, nach einem gemeinsamen Essen im Restaurant angefahren wird und lebensgefährlich verletzt im Krankenhaus landet. Was auf den ersten Blick nach einem Unfall mit Fahrerflucht aussehen könnte, war, wie Gamache vermutet, Absicht, und da Stephen ihm gegenüber vage Andeutungen über kriminelle Machenschaften gemacht hat, denen er auf der Spur war, gilt es, schnell herauszufinden, wer ihm nach dem Leben trachtet. Der Pariser Polizeichef Claude Dussault, ein alter Bekannter von Gamache, könnte dabei der ideale Verbündete sein. Doch spätestens, als in Stephens Wohnung die Leiche eines Fremden gefunden wird, muss Gamache sich der unbequemen Wahrheit stellen, dass Dussault nicht mit offenen Karten spielt – ganz zu schweigen davon, dass auch sein eigener Sohn Daniel anscheinend etwas zu verbergen hat …

Die Reise nach Paris ist der 16. Band von Louise Pennys erfolgreicher Krimireihe um Armand Gamache und vereint die problematischsten Züge der Geschichten um den integren Polizisten, der mit allen Mitteln für das Gute kämpft, leider nur mit einigen der besten. Liebevoll beschriebene Handlungsorte, zahlreiche Anspielungen auf Literatur, Kunst und Kultur, differenziert gezeichnete Figuren und ein spannender, wendungsreicher Plot sind hier wie immer vorhanden, aber – und das ist ein gewichtiger Nachteil – Gamache muss wieder einmal nicht nur einen Mord und einen Mordversuch aufklären, sondern gleich die Welt retten (in diesem Fall sogar fast wortwörtlich), und das actionreiche Finale, das natürlich nicht ohne Lebensgefahr für Gamache und einige seiner Lieben auskommt, ist überzogener denn je.

Die Kulisse aus Vorstandsetagen, Luxushotels, Nobelkaufhäusern und edlen Restaurants, in der sich Gamache auf seiner Reise nach Paris bewegt, macht leider auch wesentlich weniger Spaß als das sonst im Zentrum stehende Three Pines mit seinem Dorfbistro und seinen exzentrischen, aber doch größtenteils bodenständigen und liebenswerten Charakteren, die hier nur ganz gegen Ende noch einen kleinen Auftritt haben. Zwar wird endlich der in den vorherigen Bänden schon immer angedeutete Vater-Sohn-Konflikt zwischen Armand und Daniel näher erläutert, aber die gewählte Auflösung ist dann eben auch eine überdramatische, die recht gut zeigt, woran die Reihe inzwischen krankt: Nachdem Penny schon früher einige Male Tragweite des jeweiligen Falls und persönliches Risiko für ihre Hauptfiguren sehr hoch angesetzt hat, glaubt sie mittlerweile offensichtlich, sich diesbezüglich immer wieder übertreffen zu müssen. So berechtigt die zugrundeliegende Kritik am oft auch in der realen Welt skrupellosen Verhalten von Machtmenschen in Entscheidungspositionen in Unternehmen oder Behörden auch sein mag, es hätte der Handlung vielleicht gut getan, das Thema in etwas kleinerem Maßstab auszuloten, als es hier geschieht.

Ohne Unterhaltungswert ist Die Reise nach Paris dennoch nicht, und für ein deutsches Publikum ist es wahrscheinlich wesentlich komischer als für ein englischsprachiges, dass ein geheimnisvoller Duft, der den entscheidenden Hinweis auf die Identität eines Verdächtigen gibt, sich ausgerechnet als 4711 entpuppt. Insgesamt aber hält man vor allem deshalb bis zum Ende des Bandes durch, weil man die Figuren im bisherigen Verlauf der Reihe liebgewonnen hat und ihre Geschichte darum auch dann weiterverfolgt, wenn der Plot viel zu sehr auf Superheldenformat angelegt ist.

Louise Penny: Die Reise nach Paris. Der 16. Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2023, 558 Seiten.
ISBN: 978-3-311-12050-6


Genre: Roman

Das Café

Materiell wohlversorgt, aber von Eltern und Bruder vernachlässigt, führt die junge Fred Kaltental ein aufgrund ihrer chronischen Krankheit als Bluterin zahlreichen Einschränkungen unterworfenes Leben im Herrenhaus ihrer Familie. Abwechslung bieten ihr nur die heimlichen Ausflüge ins nahe Dorf, die sie sich von Zeit zu Zeit gönnt. Eines dieser kleinen Abenteuer nimmt ungeahnte Ausmaße an, als sie auf der Flucht vor angriffslustigen Hunden in ein von dem undurchsichtigen Pépin geführtes Café gerät, das sie nicht ohne Weiteres wieder verlassen kann, da es in der Anderswelt liegt – oder vielmehr nicht so ganz, hat doch ein versuchtes Attentat auf ein tyrannisches Königspaar dort so einiges aus dem Lot gebracht. Während Fred sich in ihrer neuen Umgebung einlebt, die neben allen Bedrohungen durch Pépin, seinen insektenhaften Schergen Mathéo und den mordlüsternen Zirkusdirektor Barbossa auch ein paar ungeahnte Vorteile bietet, erkennt sie nach und nach, dass nur sie das Café vor dem sicheren Untergang bewahren kann. Dazu allerdings braucht sie Verbündete, die in dem mit einem sonderbaren Eigenleben ausgestatteten Gebäude nicht allzu leicht zu finden sind, und was es mit ihr selbst auf sich hat, erkennt sie erst, als es schon fast zu spät ist …

Eileen Kohnles Jugendroman Das Café bietet in einem flotten, oft etwas umgangssprachlichen Stil eine unterhaltsame Mischung aus Portalfantasy, Grusel, Humor und recht spät im Text auch angedeuteter Liebesgeschichte, aber auf ganz eigene Art geschildert. Die Kapitel um Freds Abenteuer wechseln immer wieder mit in der Anderswelt angesiedelte Passagen ab, die zunächst ganz unverbunden erscheinen und ihren Sinn für die Haupthandlung erst Stück für Stück erkennen lassen (wobei bis zum Schluss nicht alle Rätsel gelöst werden, sondern hier und da Leerstellen bleiben, um eigene Erklärungen hinzuzudichten). Eine geheimnisvolle Erzählerinstanz mit sehr speziellem Hintergrund, die sich oft direkt ans Publikum wendet und dabei durchaus auch einmal die Genrekonventionen ein bisschen ironisiert, ist dabei nicht das einzige spielerische Element: Von Alice im Wunderland bis hin zum Zauberer von Oz werden immer wieder klassische Werke der phantastischen Jugendliteratur, aber auch manche Details aus Popkultur und Aberglauben evoziert.

Wie auch in ihren Taleswood Inn Chroniken ist Eileen Kohnles Begeisterung für ihre Figuren und für ihre fabulierfreudig ausgestaltete Welt, die mit sprechenden Türen, einem sehr wandelbaren Haus, gefährlichem Nebel, seltsam katzenhaften Nachthunden, bedrohlichen Uhrwerkwesen und vergossenem Tee, der zu Schlimmerem als einer bloßen Verbrühung führen kann, aufwartet, deutlich spürbar. Gerade weil man der Geschichte anmerkt, mit wie viel Herzblut sie geschrieben ist, macht es Vergnügen, der Wandlung, die Fred nicht nur innerlich durchmacht, zu folgen und sich von allerlei unerwarteten Wendungen überraschen zu lassen. Wer sich für ein paar spannende Lesestunden wortwörtlich in eine Welt zurückziehen möchte, kann dem Café also unbedenklich einen Besuch abstatten.

Eileen Kohnle: Das Café, o. O. 2020, 468 Seiten (E-Book – PDF).
Ohne ISBN, erhältlich über Etsy.

 


Genre: Roman

Bretonischer Ruhm

Kommissar Georges Dupin und die Ärztin Claire Lannoy haben endlich geheiratet und sind im Gebiet der Loiremündung, das zwar längst nicht mehr verwaltungsmäßig, aber doch historisch und kulturell zur Bretagne zählt, auf Hochzeitsreise. Doch aus dem Plan, entspannt von Weingut zu Weingut zu fahren, wird nichts, da schon zu Beginn der Flitterwochen der Winzer Brian, der zugleich auch der immer noch freundschaftlich verbundene Ex-Mann von Claires bester Freundin Cécile ist, beim Joggen erschossen wird. Die zuständige Polizei aus Nantes glaubt zunächst an eine unglückliche Zufallsbegegnung mit einem gewaltbereiten Wilderer, aber Claire ist sich da alles andere als sicher und drängt ihren Mann, selbst zu ermitteln, obwohl er dazu eigentlich gar nicht befugt ist. Dass unterdessen die Hiobsbotschaft eintrifft, dass ein eifriger Grünspecht es auf die Holzverkleidung des Hauses des frischgebackenen Ehepaars abgesehen hat, trübt die Ferienstimmung zusätzlich. Aber dann geschieht ein zweiter Mord, und Dupin muss, unterstützt von Claire und Cécile, tätig werden, um dem von Weinkultur und komplizierten zwischenmenschlichen Beziehungen geprägten Fall auf den Grund zu gehen.

Bretonischer Ruhm, der zwölfte Band von Jean-Luc Bannalecs Reihe um Kommissar Dupin, bewegt sich in gewohnten Bahnen: Wie immer wird eine regionale Besonderheit – hier eben der Weinbau im äußersten Südosten der Bretagne – zum Hintergrund eines Mordfalls, den Dupin mithilfe von reichlich Kaffee und Vertrauten aus seinem Umfeld, die ihren eigenen Kopf haben, aufklären muss. Am vergnüglichsten liest sich dabei in diesem Fall der Nebenhandlungsstrang um den hartnäckigen Specht, den Dupins Untergebene von der Polizei in seiner Abwesenheit mit allen Mitteln zu bekämpfen versuchen. Der eigentliche Krimi (mit obligatorischer Lebensgefahr für den Kommissar gegen Ende und so viel Weingenuss nebenbei, dass man beeindruckt ist, dass Dupin es schafft, nüchtern genug zu bleiben, um den Fall zu lösen) ist solide, krankt aber ein wenig daran, dass Dupin und die beiden Frauen in Privatdetektivmanier auch noch zu einem Zeitpunkt, als die Lage eigentlich zu kritisch dafür wird, die Zusammenarbeit mit der lokalen Polizei vermeiden und dadurch vermeidbare Risiken eingehen. So kann natürlich alles einen schön dramatischen Verlauf nehmen, keine Frage – aber nötig gehabt hätte die Geschichte diese ein bisschen zu gewollte Spannungsmaximierung eigentlich nicht, um unterhaltsam zu sein.

Wünschenswert wäre es dagegen gewesen, ein paar Ungereimtheiten am Rande auszuräumen. So heißt es z. B. im Text, dass das Weingut Château Joly am Westufer des Lac de Grand-Lieu liegt (S. 195), auf der Karte in der vorderen Umschlagklappe ist es aber am Ostufer eingezeichnet. Auch fällt auf, dass Dupin seiner Mitarbeiterin Nolwenn am Telefon zweimal vom Fund einer besonderen Weinflasche im Besitz des ersten Mordopfers erzählt (S. 215 und 227), Nolwenn aber beim zweiten Mal noch überrascht reagiert, als wäre die Information ihr völlig neu. Zudem bleibt die Frage, warum in einer örtlichen Legende im Jahre 555 noch der heilige Martin als Bischof von Tours amtiert (S. 83), ungeklärt – aber was so ein echter Heiliger ist, lässt sich von einer Kleinigkeit wie dem eigenen Tod vielleicht nicht davon abhalten, weiter sein Amt auszuüben.

Ungeachtet dieser kleinen Schönheitsfehler macht Bretonischer Ruhm natürlich trotzdem Spaß, weil man einfach immer wieder gern in Bannalecs lebens- und liebenswerte Bretagne zurückkehrt und die neuesten Abenteuer der sympathischen Truppe um Dupin verfolgt. Das Gesamtkonzept stimmt nach wie vor, so dass man kleine Schwächen des einzelnen Bandes verzeiht und auch zu einer Fortsetzung noch neugierig greifen dürfte.

Jean-Luc Bannalec: Bretonischer Ruhm. Kommissar Dupins zwölfter Fall. Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2023, 340 Seiten.
ISBN: 978-3-462-05404-0


Genre: Roman

A River Enchanted

Lange Jahre ist der Barde Jack nicht mehr auf seiner Heimatinsel Cadence gewesen, die seit Generationen in von den beiden unversöhnlich verfeindeten Clans der Breccans im Westen und der Tamerlaines im Osten beherrschte Hälften geteilt ist. Dann aber ruft Jacks alte Kindheitsrivalin Adaira, die Erbin des Lairds, ihn durch eine List zurück, weil sie seine Hilfe benötigt: Aus dem Osten der Insel verschwinden immer wieder kleine Mädchen. Adaira vermutet, dass die zu Schabernack neigenden örtlichen Elementargeister dahinterstecken könnten, und nur ein Barde kann sie durch seine Musik beschwören. Ein einfaches Unterfangen ist das nicht, aber bald nicht mehr das einzige Problem, vor dem Jack steht: Damit, dass seine kränkelnde Mutter in seiner Abwesenheit ein zweites Kind seines ihm unbekannten Vaters zur Welt gebracht hat, über den sie sich weiterhin beharrlich ausschweigt, weiß er zunächst ebenso wenig umzugehen wie mit seinen erwachenden Gefühlen für Adaira. Als dann auch noch sein alter Freund, Adairas Cousin Torin, und dessen Frau Sidra seltsame Erlebnisse teilweise übernatürlicher Natur zu haben beginnen und Adaira den riskanten Plan fasst, gegen den Willen des Clans ein Friedensabkommen mit den verfeindeten Breccans zu schließen, droht die Lage vollends zu entgleisen …

A River Enchanted von Rebecca Ross ist der erste Band eines in einer keltisch-schottisch inspirierten Fantasywelt angesiedelten Zweiteilers, dessen große Stärke die poetischen Schilderungen der Landschaft und der übernatürlichen Elemente sind, die genaue Kenntnis typischer Feen- und Elfenmärchen verraten. Zwischen Torffeuern, Heilkräutern und Whisky fügen sich die magischen Bestandteile der Geschichte wie mit Zaubern durchwobene Plaids, ein als Lügendetektor dienender Dolch, die allgegenwärtigen Elementargeister und eben auch der titelgebende Fluss, der die beiden ansonsten strikt getrennten Inselhälften verbindet, nahtlos und authentisch anmutend ein.

Das erzeugt ein Lesegefühl, das stark an klassische Fantasy irgendwo zwischen Tolkien, Dunsany und einer frühen McKillip erinnert, und auch abgesehen von Erzählduktus und Weltenbau drängt sich der Eindruck auf, dass die offenbar sehr religiöse Autorin (die ihr Nachwort – man fühlt sich an Johann Sebastian Bach erinnert – mit der Wendung Soli Deo Gloria abschließt und explizit ihrem „Heavenly Father“ dankt) Traditionelleres bevorzugt als die oft unverkennbar progressiv eingestellten führenden heutigen Stimmen im Genre. So sorgt sie z. B. durch eine konstruierte Wendung dafür, dass Jack und Adaira erst ordnungsgemäß verheiratet sind, bevor es zu einer Liebesnacht zwischen den beiden kommt.

Mag man zu solchen Details stehen, wie man will – die Art, wie Ross ihre Geschichte erzählt, ist trotzdem gelungen, verrät sie doch viel Gespür für die Schilderung differenzierter, glaubwürdiger Charaktere, die neben allen äußeren Schwierigkeiten auch psychische Ausnahmezustände zu bewältigen haben, und durchaus nicht unkomplizierter zwischenmenschlicher Beziehungen. Die wechselnden Perspektiven – neben Jack, Adaira, Torin und Sidra kommt hier auch Jacks kleine Schwester Frae zum Zuge – sind eingängig und überzeugend ausgestaltet, so dass das Buch sich flüssig und unterhaltsam liest. In sich abgeschlossen ist es allerdings nur zum Teil: Man erfährt zwar, was aus den verschwundenen Mädchen geworden ist, und einige Rätsel, wie das um Jacks mysteriösen Vater, werden gelöst, aber andere bleiben offen, und die Liebesgeschichte zwischen Jack und Adaira wird durch einen ganz klassischen Cliffhanger unterbrochen, der zur Lektüre des Folgebands A Fire Endless animieren soll.

Eine nette Einzelheit der äußerlichen Buchgestaltung ist die Landkarte von Nick Springer: Passend dazu, dass die Handlung im Osten von Cadence spielt und der feindliche Westen den handelnden Personen größtenteils fremd und unbekannt ist, ist tatsächlich nur der Ostteil der Insel gezeigt und der Westen als undurchdringlicher Wald angedeutet.

Alles in allem ist A River Enchanted so das richtige Buch für einen Ausflug in nostalgische Lesegefilde und macht durchaus Lust auf den zweiten Teil.

Rebecca Ross: A River Enchanted. London, Harper Voyager, 2022, 472 Seiten.
ISBN: 978-0-00-851468-6


Genre: Roman

Die Tage in der Buchhandlung Morisaki

Die junge Takako führt in Tokio ein eher unspektakuläres Leben ohne große Höhen und Tiefen. Unzufrieden ist sie damit zwar nicht, aber etwas wirklich Besonderes ist für sie nur die feste Beziehung mit ihrem Arbeitskollegen Hideaki, den sie für den Mann fürs Leben hält. Als Hideaki ihr eröffnet, dass er eine andere Angestellte derselben Firma zu heiraten gedenkt und Takako für ihn nie mehr als eine Geliebte nebenher war, kündigt sie und hat keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Eher widerwillig nimmt sie mangels Alternativen das Angebot ihres Onkels Satoru an, vorerst in die Wohnung über seinem Antiquariat zu ziehen, denn Bücher sind nicht gerade ihre Leidenschaft, und Satoru – als Buchhändler mäßig erfolgreich, ohne echte Berufsausbildung und mit einer wildbewegten Vergangenheit als Weltenbummler – ist in gewissem Maße das schwarze Schaf der Familie. Doch umgeben von Stapeln von Literatur findet Takako bald heraus, dass das Lesen doch seinen Reiz hat und dass sie von ihrem exzentrischen Onkel einiges lernen kann. Während sie das Viertel um seine Buchhandlung erkundet, schließt sie Freundschaften, kommt zur Ruhe und sieht endlich eine Perspektive für sich, erkennt aber erst spät, dass sie vielleicht nicht die Einzige ist, die Hilfe und einen Neuanfang gebrauchen kann – und dass es an ihr ist, etwas zu unternehmen …

Satoshi Yagisawas Debüt Die Tage in der Buchhandlung Morisaki ist ein eher stiller Roman, der ohne große äußere Aufregungen auskommt. Bis auf eine recht dramatische neuerliche Konfrontation mit Hideaki im weiteren Verlauf der Geschichte sind Takakos Abenteuer alltäglicher und ruhiger Natur, und vieles spielt sich zwischen den Zeilen ab. Das ist übrigens ganz wörtlich zu nehmen, denn obwohl manch kulturelles Detail das Buch mit seinen treffend skizzierten Charakteren zu einem typisch japanischen macht, ist es auch und vor allem eine zeitlose und über alle geographischen Grenzen hinaus ansprechende Geschichte über die Macht des Lesens und der Begeisterung für Literatur.

Insbesondere gilt das für den der Selbstfindung Takakos gewidmeten ersten der zwei Teile, in die das Buch sich untergliedert; im zweiten geht es in mehr als einer Hinsicht etwas stärker in die Außenwelt jenseits der Bücher hinaus. Zum Allheilmittel gerät das Versinken in Romanen hier also nicht, doch es ist der Anstoß dafür, sich selbst und das, was einen umgibt, mit anderen Augen zu sehen. Die Sprache der Übersetzung von Ute Endres spielt dabei gekonnt mit verschiedenen Tonfällen (von umgangssprachlich bis lyrisch) und liest sich angenehm und mühelos, so dass man den kurzen Roman rasch verschlungen hat. Doch er ist einer, den man durchaus ein zweites oder drittes Mal zur Hand nehmen kann und der in seiner trügerischen Schlichtheit noch eine Weile in einem nachhallt. Nicht nur für Japanfans dürften Die Tage in der Buchhandlung Morisaki also eine lohnende Entdeckung sein.

Satoshi Yagisawa: Die Tage in der Buchhandlung Morisaki. Berlin, Insel Verlag, 2023, 192 Seiten.
ISBN: 978-3-458-64369-2


Genre: Roman