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Bretonische Verhältnisse

Kommissar Georges Dupin, aus Paris in die Bretagne strafversetzt, aber mittlerweile ganz gut in der neuen Heimat angekommen, sieht sich mit einem mysteriösen Mordfall konfrontiert: Im Künstlerort Pont-Aven wird ein alter Hotelier erstochen. Wer könnte ein Motiv gehabt haben – die Angehörigen, zu denen das Opfer ein gespanntes Verhältnis hatte, die Hotelangestellten, der langjährige beste Freund oder vielleicht doch der undurchsichtige Direktor des örtlichen Museums? Alles erscheint in ganz neuem Licht, als Dupin herausfindet, dass der Ermordete ein Geheimnis hatte, das mit den Aufenhalten des berühmten Malers Paul Gauguin in Pont-Aven zusammenhängt. Doch dann wird eine zweite Leiche gefunden …
Wenn man erst spät ein bekanntes Buch liest, aus dem sich inzwischen eine seit Jahren erfolgreiche Serie entwickelt hat, verändert das unweigerlich den Blick: Die Erwartungen sind hoch, aber zugleich hegt man vielleicht eine gewisse Skepsis, ob der Hype wirklich berechtigt ist.
In diesem Fall erkennt man jedoch bei der Lektüre rasch, dass Bannalecs Krimis ihre Popularität verdient haben: Ein spannender Fall, ein eingängig gezeichnetes Ermittlerteam um den in allen Lebenslagen Unmengen von Kaffee trinkenden Kommissar und augenzwinkernde Seitenhiebe auf Klischees des Genres bieten glänzende Unterhaltung.
Der Hauptreiz liegt aber natürlich gar nicht so sehr in der Aufklärung des Mordes, sondern in der liebevollen Schilderung der Bretagne einschließlich ihrer Eigenarten, kulinarischen Köstlichkeiten, landschaftlichen Schönheit und Sehenswürdigkeiten. Gelegentlich wird ziemlich deutlich, dass Bannalec dabei für eine gute Beschreibung auch gern Umwege der Handlung (und seines Helden) in Kauf nimmt: So gelangt Dupin z.B. gegen Ende des Romans auf der Suche nach einem Beweisstück in einen besonders pittoresken Ort, der selbstverständlich in allen Details schwelgerisch heraufbeschworen wird, bevor sich erweist, dass der Kommissar vielleicht doch besser an anderer Stelle nachsehen sollte.
Zentral ist natürlich auch die Geschichte der Schule von Pont-Aven, wobei der Autor die realen kunsthistorischen Details gekonnt mit fiktiven verknüpft und ein Gemälde hinzuerfindet, das zwar in Wirklichkeit nicht existiert, sich aber durchaus glaubwürdig ins Œuvre des Künstlers einfügt, dem es zugeschrieben wird.
Ein Wermutstropfen sei allerdings nicht verschwiegen: Sprachlich ist leider nicht alles perfekt. Der Roman hätte ein gründlicheres Lektorat und Korrektorat gebrauchen können. Die Liste des Verbesserungswürdigen reicht von Tippfehlern und anderen Kleinigkeiten (so hat z.B. Pont-Aven im Text – anders als auf der beigefügten Karte – rätselhafterweise durchgängig keinen Bindestrich) über doch recht viele vermeidbare Wortwiederholungen bis hin zu Formulierungen, die so umgangssprachlich sind, dass sie schon an Grammatikfehler grenzen („brauchen“ mit Infinitiv ohne „zu“). Da es sich bei der mir vorliegenden Ausgabe schon um die vierte Auflage des Romans handelt, ist es doppelt bedauerlich, dass solche Schnitzer entweder niemandem aufgefallen sind oder vom Verlag schlicht als unwichtig eingestuft werden.
Ein gutes Buch sind die Bretonischen Verhältnisse trotzdem ohne jede Frage, aber gerade deshalb hätten sie den fehlenden Feinschliff unbedingt verdient.

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Verhältnisse. Ein Fall für Kommissar Dupin. 4. Aufl. Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2012, 302 Seiten.
ISBN: 978-3462044065


Genre: Roman

Die Lilie in Kardinalrot

Paris 1640. Die Kompanie der Musketiere ist aufgelöst, ihr Hauptmann in die Verbannung geschickt. Der ehemalige Leutnant d’Artagnan hadert mit seinem Schicksal. Da erhält er von keinem Geringeren als Kardinal Richelieu ein schier unglaubliches Angebot: Die Musketiere könnten unter d’Artagnan als neuem Befehlshaber wieder zusammengerufen werden, wenn es ihm zuvor gelingt, das rätselhafte Verschwinden einer Adligen aufzuklären. Doch zu dem Zweck muss d’Artagnan das Undenkbare tun und in die Garde seines alten Gegenspielers eintreten …
Das Wichtigste vorab: Um Die Lilie in Kardinalrot voll und ganz genießen zu können, sollte man Alexandre Dumas‘ Klassiker Die drei Musketiere gelesen haben. Denn was Maren von Strom hier mit viel Verve, Herzblut und Humor vorlegt, ist eine alternative Fortsetzung der Geschichte, in der d’Artagnan einen ganz anderen Weg einschlägt als in den späteren Bänden von Dumas (Zwanzig Jahre danach und Der Vicomte de Bragelonne).
Als historischen Roman im strengen Sinne – also als literarische Aufbereitung tatsächlicher Ereignisse – sollte man die Lilie dabei nicht verstehen, sondern als pralles Abenteuer vor geschichtsträchtiger Kulisse. Die Autorin verlegt zwei verbürgte Vorfälle (die Verbannung des Kommandeurs der Musketiere kurz vor Richelieus Tod und die Auflösung der Truppe unter dessen Nachfolger Mazarin) um einige Jahre vor und lässt sie zusammenfallen, um daraus eine maßgeschneiderte Ausgangssituation für eine Räuberpistole um den etwas gereiften, aber nicht unbedingt auf allen Gebieten weise gewordenen d’Artagnan zu stricken.
Seine Vorliebe für Anjouwein und seine fragwürdige Herangehensweise an Beziehungen zum anderen Geschlecht hat er kein bisschen verloren, aber anders als im Original ist er hier kein jugendlicher Heißsporn, sondern ein nachdenklicherer Mann, der sich nicht mehr blind in jeden Kampf stürzt und liebgewonnene Gewissheiten zu hinterfragen beginnt.
Dies geschieht jedoch zugleich auch auf der Erzählerebene, und nicht allein deshalb, weil die ewigen Antagonisten der Musketiere hier einmal selbst in die Protagonistenrolle schlüpfen dürfen und so Soldaten des Kardinals, die bei Dumas kaum mehr als Namen sind, ihre eigene Persönlichkeit (und im Fall des Leutnants Jussac auch eine komplette Familie) gewinnen. Vielmehr wird auch gehörig an einigen Selbstverständlichkeiten klassischer Abenteuerliteratur gekratzt: Die unschönen Langzeitfolgen von Kampfverletzungen und Folterungen werden ebenso in den Blick genommen wie soziale Ungerechtigkeiten und die Kollateralschäden typischen Romanheldenverhaltens. Nicht für jede Figur, mit der man mitfühlt, gibt es ein Happy End.
Trotz dieser melancholischen Zwischentöne kommt allerdings der Unterhaltungswert nicht zu kurz, fügen sie sich doch in eine geradlinig erzählte, actionreiche Geschichte um List und Gegenlist, in der Bündnisse und Loyalitäten fast im Kapiteltakt wechseln und manch eine unvorhersehbare Wendung wartet.
Spaß machen dabei besonders die spritzigen Dialoge. Gerade d’Artagnan und Rochefort, der Meisterspion des Kardinals, werfen sich die Pointen oft gegenseitig zu. In vielen Formulierungen stecken dabei Anspielungen auf Die drei Musketiere, deren Erzählhaltung auch in den schwelgerischen Beschreibungen von Paris nachgeahmt wird. Wer Lust hat, sich von einem nostalgischen Mantel-und-Degen-Roman mitreißen zu lassen, der die Stärken des Genres ausspielt, zugleich aber dessen Schwächen selbstironisch bricht, findet in der Lilie in Kardinalrot deshalb vergnügliche Lektüre.

Maren von Strom: Die Lilie in Kardinalrot. Berlin, epubli, 2019, e-Book (auch als Taschenbuch erhältlich, ISBN: 978-3748554240).


Genre: Roman

Heartstone

Nacherzählungen und Abwandlungen von Jane Austens Pride and Prejudice (dt. Stolz und Vorurteil) gibt es wie Sand am Meer. In die große Schar der Austen-Epigonen reiht sich Elle Katharine White mit Heartstone ein, das die Handlung des Klassikers in eine Welt voller Fabelwesen und übernatürlicher Bedrohungen verlegt.
Hier sind es also Aliza Bentaine, Tochter des Schreibers eines Gutsherrn, und der adelsstolze Drachenreiter Alistair Daired, die sich erst ganz und gar nicht grün sind und doch irgendwie nicht voneinander lassen können. In den Grundzügen folgt der Ablauf der Geschehnisse dabei so eng dem Original, dass sich eine Inhaltszusammenfassung erübrigt – abgesehen von dem Hinweis, dass es die Bedrohung durch ein mordlüsternes Greifenrudel ist, die Daired und seine Freunde überhaupt erst in die Umgebung der Bentaine-Schwestern führt und dass die Umdeutung der Geschichte an einem der anscheinend unausrottbaren Grundübel des Fantasygenres krankt: Ohne ein gerüttelt Maß an Gewalt und Blutvergießen inklusive obligatorischer Entscheidungsschlacht scheint es für viele Autorinnen und Autoren (und ihre Leserschaft) einfach nicht zu gehen.
Das unter diesen Umständen die psychologische Durchdringung und der subtile Witz des Vorbilds weder erreicht noch überhaupt angestrebt werden, ist aber noch nicht einmal das Hauptproblem. Vielmehr ergeben sich gewisse Schwierigkeiten daraus, den Plot in eine völlig andere Kulisse zu verpflanzen, und wie gut White sie meistert, schwankt je nach Situation. Da in der Welt von Heartstone Studium, Berufsausbildung und militärische Karriere auch Frauen offenstehen, wirkt es unverständlich, dass die Bentaine-Schwestern überwiegend gar nicht daran denken, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Die schrillen Versuche der Mutter, ihre Kinder unter die Haube zu bringen, verlieren die Berechtigung, die sie bei Austen darin finden, dass eine Heirat die einzig mögliche wirtschaftliche und soziale Absicherung für eine Frau darstellt. Im Fall von Alizas Freundin Gwyn (die der Charlotte Lucas des Originals entspricht) ist White das damit einhergehende Glaubwürdigkeitsproblem wohl selbst klar, führt sie doch eine nie befriedigend aufgelöste Nebenhandlung um Unterschlagung und Schulden ein, um plausibel zu machen, warum Gwyn den Antrag eines auf den ersten Blick nicht sehr verheißungsvollen Verehrers bereitwillig annimmt.
Trotz dieser Schwächen hat Heartstone aber durchaus seine unterhaltsamen Elemente. Sprachlich ist der Roman gelungen, die Welt hat charmante Details wie von Kobolden und Wichteln bevölkerte Gärten zu bieten, und solange man nicht zu sehr nachdenkt und zu den oben skizzierten Schlüssen kommt, liest sich die Geschichte flüssig und streckenweise vergnüglich (etwa bei der Schilderung eines Besuchs in einer von Feuergeistern betriebenen Schmiede). Auch einige Nebenfiguren erfahren eine interessante Umdeutung. So erweist sich z.B. die spröde Gelehrsamkeit von Alizas Schwester Mari (Mary) zwar auch hier als gesellschaftlich hinderlich, aber zugleich als extrem hilfreich im Umgang mit übernatürlichen Wesen. Die Protagonisten jedoch gewinnen keine sonderlich spannenden neuen Facetten hinzu, die über eine merkliche Vergröberung und Übersteigerung der schon bei Austen angelegten Züge hinausgehen.
Insgesamt wünscht man sich deshalb nach der Lektüre, White hätte ihr unbestreitbar vorhandenes Schreibtalent und ihre Fabulierfreude in ein originelleres Buch gesteckt, statt zu versuchen, ein altes Erfolgsmodell nachzuahmen und dabei immer wieder zu straucheln. Dem derzeitigen Lesegeschmack insbesondere in der Fantasy dürfte die Konzentration auf Action, Dramatik und Unkompliziertheit allerdings entgegenkommen, so dass Heartstone sicher durchaus seine Fans finden wird – allerdings wohl eher unter denjenigen, die Austen nie gelesen haben.

Elle Katharine White: Heartstone. New York, Harper Voyager (HarperCollins), 2016, 337 Seiten.
ISBN: 978-0062451941


Genre: Roman

Die kleine Kanzlei am Markt

Kerstin und Helen betreiben, unterstützt von ihrer patenten Sekretärin Frau Vogt, gemeinsam eine Anwaltskanzlei in München, könnten aber gar nicht gegensätzlicher sein. Während Kerstin sich oft genug zwischen Beruf und Familie aufreibt und eigene Interessen immer wieder zurückstellen muss, führt Helen ein flottes Junggesellinnenleben, fühlt sich aber eigentlich einsam und hegt heimliche Wünsche, die sich in einer klassischen Paarbeziehung gar nicht verwirklichen lassen würden.
Der eingespielte Alltagstrott der drei gerät aus dem Takt, als Frau Vogt dahinterkommt, dass ihr Mann sie betrügt, und Kerstin am selben Tag entdeckt, dass auch ihr zu Hause etwas verschwiegen wird. Helen dagegen schwebt unversehens im siebten Himmel: Nicht genug damit, dass ihre heißgeliebte Nichte nach einem längeren Auslandsaufenthalt bei ihr einzieht, ein überaus attraktiver Mandant entwickelt plötzlich ein alles andere als geschäftliches Interesse an ihr. Aber kann das lange gut gehen?
Die kleine Kanzlei am Markt ist ein ruhig erzählter Unterhaltungsroman, dem man anmerkt, wie viel Herzblut und Begeisterung Elly Sellers in die Geschichte gesteckt hat. Detailfreudig entwickelt sie ihre Figuren und malt das frühlingshafte München als Schauplatz liebevoll aus. Insbesondere kulinarische Köstlichkeiten spielen dabei eine große Rolle, ganz gleich, ob die Protagonistinnen gerade selbst den Kochlöffel schwingen oder Cafés, Restaurants und Delikatessengeschäfte aufsuchen. Die Gefahr, Appetit auf alles Mögliche von Pfannkuchen über belgische Pralinen bis hin zur Riesenportion Erdbeeren zu bekommen, ist beim Lesen eindeutig immer wieder gegeben. Doch auch Unternehmungen wie Wanderungen, Joggingrunden oder Museumsbesuche kommen nicht zu kurz und bilden einen vergnüglichen Kontrapunkt zur minutiös beschriebenen Arbeit in der Kanzlei. Da Elly Sellers selbst Anwältin ist, weiß sie, worüber sie schreibt, und erlaubt sich auch Seitenhiebe auf die übertriebene Darstellung des Berufs in den einschlägigen Anwaltsserien im Fernsehen.
Apropos Fernsehen: Die Handlung mit ihrem slice-of-life-Ansatz könnte man sich auch gut als Serie verfilmt vorstellen. Vorhersagbar verläuft sie übrigens nicht, denn die Heldinnen schlagen teilweise unerwartete Wege ein, um ihr Glück zu finden. Sympathisch ist, dass sehr unterschiedliche Lebensentwürfe als gleichermaßen legitim dargestellt werden, statt eine Lösung als passend für alle zu präsentieren. Formelhaft wie im klassischen Liebesroman entwickeln sich die zwischenmenschlichen Beziehungen nicht.
Wer noch eine leichte, lockere und immer wieder auch humorvolle Sommerlektüre sucht, die überraschende Wendungen bietet, wird hier daher fündig, und vielleicht kann man auch auf eine Fortsetzung um die Erlebnisse der drei Frauen aus der Kanzlei am Markt hoffen. Denn Platz für spannende neue Entwicklungen bleibt am Ende auf jeden Fall.

Elly Sellers: Die kleine Kanzlei am Markt. Norderstedt, Books on Demand, 2018, 338 Seiten.
ISBN: 9783749429820


Genre: Roman

Ihr Los ist Finsternis

Die irische Rechtsgelehrte Fidelma langweilt sich. Mit der Aufklärung einer Serie spektakulärer Silberdiebstähle ist, sehr zu ihrem Unmut, ein anderer Jurist betraut worden, und auch sonst gibt es für sie gerade wenig Aufregendes zu tun. Da ist es schon fast hochwillkommen, dass ihr Mann Eadulf eine Leiche entdeckt, die so übel zugerichtet ist, dass alles auf einen heidnischen Ritualmord hindeutet. Da auch noch das mit allerlei abergläubischen Vorstellungen befrachtete Samhain-Fest vor der Tür steht, geht in Cashel bald die Angst um. Doch stecken wirklich Anhänger des alten Glaubens hinter der brutalen Tat, und besteht vielleicht sogar ein Zusammenhang mit einem brisanten Buch, das aus dem päpstlichen Archiv in Rom entwendet worden sein soll?
Eingängig gezeichnete Figuren, Theologie und Geschichte des Frühmittelalters, ein etwas idealisiertes Bild des alten Irland und gleich mehrere Morde: Peter Tremayne bietet mit Ihr Los ist Finsternis genau das, was man von seiner inzwischen seit Jahrzehnten erfolgreichen Krimireihe gewohnt ist. Von den eigentlichen Ermittlungen her ist dieser Band auch eine durchaus solide Episode: Mehrere unterschiedliche Verbrechen erweisen sich als enger miteinander verflochten, als man zunächst annehmen könnte, und ein sektiererisches Kloster kristallisiert sich schon bald als der Ort heraus, an dem alle Fäden zusammenlaufen.
Während dieser Schauplatz eigentlich durchaus spannend gewählt ist, zeigt er aber zugleich, woran die Romanserie mittlerweile krankt: Der Wunsch, immer wieder Neues und Spektakuläres im Umfeld von Fidelmas Wohnort Cashel einzuführen, geht teilweise auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Dass so gut wie niemand am dortigen Königshof überhaupt weiß, dass es in weniger als einer Tagesreise Entfernung ein aus einem Fürstensitz hervorgegangenes Kloster überhaupt gibt (ganz zu schweigen davon, dass dort teilweise Merkwürdiges vorgeht), wirkt nicht unbedingt überzeugend. Ähnlich ist es mit manchem running gag, der stur durchgehalten wird, obwohl man ihm seine handlungsinterne Berechtigung kaum noch abnimmt (z.B. fragt man sich, wie es sein kann, dass es um Eadulfs Reitkünste immer noch erbärmlich bestellt ist – so oft, wie der gute Mann in fast jedem Band der Reihe im Sattel sitzt, ist es wirklich eine stramme Leistung, dass er immer noch kein bisschen dazuzulernen scheint).
Die Übersetzung von Bela Wohl ist im Großen und Ganzen gelungen, hätte aber stellenweise ein gründlicheres Lektorat verdient gehabt (so ist übersehen worden, dass schwankt, ob die Länderbezeichnung „Gaul“ korrekt als „Gallien“ übertragen oder unübersetzt gelassen wird).
Trotz dieser kleinen Schwächen liest sich Ihr Los ist Finsternis insgesamt recht unterhaltsam und hat auch einige wirklich witzige Szenen zu bieten (ewa die, in der eine theologische Debatte unter Mönchen bis hin zu Handgreiflichkeiten eskaliert). Für Fans der Reihe ist der Roman also ein nettes Wiedersehen mit alten Bekannten und sicher trotz allem keine Enttäuschung. Wer Fidelma und ihre Mitstreiter noch nicht kennt, hat aber vermutlich mehr davon, mit einem der zahlreichen älteren Bände in ihre Abenteuer einzusteigen.

Peter Tremayne: Ihr Los ist Finsternis. Historischer Kriminalroman. Berlin, Aufbau, 2018, 430 Seiten.
ISBN: 9783746634579


Genre: Roman

Thick as Thieves

Als Sklave des medischen Aristokraten Nahuseresh, der als Gesandter in Attolia auf ganzer Linie gescheitert ist, muss der hochgebildete Kamet die unvorhersehbaren Launen seines Herrn und nicht selten auch körperliche Misshandlungen ertragen. Dennoch ist er alles andere als begeistert, als ein attolischer Soldat ihm vorschlägt, ihn zu befreien und mit in seine Heimat zu nehmen. Als Sklave am Herrscherhof des mächtigen Mederreichs einen begrenzten Einfluss zu haben, ist aus seiner Sicht immer noch ersprießlicher, als zwar frei, aber unter Barbaren in der Fremde hausen zu müssen. Die Nachricht, dass Nahuseresh vergiftet wurde und seine Dienerschaft nun unter Mordverdacht steht, zwingt ihn bald darauf, das unwillkommene Angebot doch noch anzunehmen. Da Kamets Flucht nicht unbemerkt bleibt, wird die Reise in die Freiheit zu einem wilden Abenteuer, in dem nicht nur von den Elitetruppen des Mederreichs Gefahr droht, sondern auch von Löwen, Banditen und Verrätern – ganz zu schweigen davon, dass keiner der beiden gegensätzlichen Gefährten die ganze Wahrheit über die Hintergründe der Geschehnisse kennt, in die sie verwickelt werden …
Mit Thick as Thieves kehrt Megan Whalen Turner in die an den östlichen Mittelmeerraum angelehnte Welt ihrer Reihe The Queen’s Thief (auf Deutsch als Die Legenden von Attolia erschienen) zurück und macht mit Kamet eine Nebenfigur aus einem der früheren Bände zum Protagonisten und Ich-Erzähler. Der neue Roman lässt sich aber durchaus auch unabhängig von den Vorgängerwerken lesen, auch wenn manche Zusammenhänge (wie etwa die Identität des von Kamet stets nur als „the Attolian“ beschriebenen Mannes) einem bei Vorkenntnissen aus den anderen Teilen sehr viel schneller klarwerden.
Zwar greift die Autorin mit der Form des Reiseabenteuers, der Thematisierung unverhofften göttlichen Eingreifens und der differenzierten Behandlung der Sklavereiproblematik wieder einmal Elemente auf, die ihr schon seit Beginn der Reihe erkennbar besonders am Herzen liegen, doch abgesehen davon nimmt sie hier geographisch wie inhaltlich wesentliche Erweiterungen vor. Man lernt nicht nur das sonst bisher als feindliche Entität eher vage umrissene Mederreich aus der Innensicht kennen, sondern erhält auch erste Hinweise auf die politischen Verhältnisse im nördlich und westlich gelegenen Pseudoeuropa. Vor allem aber tut es der Geschichte gut, dass der wie gewohnt schier übermächtige attolische Herrscher Eugenides hier überwiegend im Hintergrund agiert und anderen die Bühne überlässt. Mit dem (nicht unbedingt im übertragenen Sinne) kurzsichtigen, wenig kämpferischen und von kultureller Arroganz ebenso wie von langen Sklavenjahren geprägten Kamet steht ein sehr unwahrscheinlicher Held im Mittelpunkt. Wie er ganz allmählich hinzulernt und nicht nur zu sich selbst findet, sondern sich auch mit seinem attolischen Gefährten zusammenrauft, liest sich spannend, oft anrührend und stellenweise auch wunderbar komisch.
Am meisten Spaß macht es aber wie immer bei Turner, den Quellen nachzuspüren, aus denen sie schöpft. Stand bisher die griechische Mythologie Pate für ihre fiktiven Sagen, so ist hier das Gilgamesch-Epos der hauptsächliche und kongenial genutzte Ideengeber, wie überhaupt das Mederreich dem alten Mesopotamien nachgebildet ist. Bestimmte Details (wie etwa die berühmten Stadtmauern von Babylon) sind sogar beinahe unverändert aus der Realität an die imaginierten Orte übertragen. Der Reiseweg, den ihr Protagonistenduo beschreitet, ist eindeutig von Xenophons Anabasis angeregt, und die aus dem Philogelos entnommenen Scherze, die der Attolier Kamet mit mäßigem Erfolg erzählt, sind eigentlich schon ein Plagiat, da sie fast wortwörtlich ihren Vorbildern in der antiken Witzesammlung entsprechen. Darüber, ob Kamet selbst sich in manchen Zügen an Bagoas in Mary Renaults The Persian Boy (dt. Ein Weltreich zu erobern) anlehnt, kann man dagegen nur spekulieren; möglich ist es immerhin.
Alle Fans historisch inspirierter Fantasy oder auch einfach nur schöner Freundschaftsgeschichten mit vielschichtigen Charakteren können also mit der Lektüre gar nichts falsch machen.

Megan Whalen Turner: Thick as Thieves. New York, Greenwillow Books (HarperCollins), 2017, 369 Seiten.
ISBN: 9780062568267


Genre: Roman

Das Stuttgarter Hutzelmännlein

Im frühen 14. Jahrhundert will der nicht gerade mit überragenden Geistesgaben ausgestattete Schustergeselle Seppe von Stuttgart aus in die Welt ziehen. Vom geheimnisvollen Hutzelmännlein erhält er vor seinem Aufbruch nicht nur den Auftrag, nach einem ganz bestimmten Bleiklötzchen zu suchen, sondern auch mehrere magische Geschenke, darunter zwei Paar Schuhe, von denen er eines tragen, das andere aber am Wegrand zurücklassen soll, um zu seinem Glück zu gelangen. Dummerweise vertauscht Seppe jedoch jeweils einen Schuh des Paars, so dass ihm und der Finderin der zurückgelassenen Schuhe, der jungen Vrone, allerlei gefährliche Missgeschicke zustoßen. Daraus ergeben sich zahlreiche Abenteuer, in denen zwei ungesühnte Gattenmorde, ein Krakenzahn und das angeblich von der Titelfigur erfundene Hutzelbrot (eine Art Früchtebrot) eine nicht unwesentliche Rolle spielen, bis am Ende die ursprüngliche zusammengehörigen Schuhpaare auf ebenso unerwartete wie spektakuläre Art wieder zusammenfinden und damit auch Seppes und Vrones weiteres Leben bestimmen …
Eduard Mörikes 1853 zum ersten Mal erschienenes Stuttgarter Hutzelmännlein ist ein ebenso charmanter wie fabulierfreudiger Text, der rein formal auf halbem Weg zwischen Kunstmärchen und Novelle steht, aber trotz seiner so harmlosen Anmutung einige ziemlich subversive und ironische Elemente enthält. Der bekannteste Teil des Werks ist heute vermutlich die als eine von mehreren Binnenerzählungen eingefügte, aber auch als Vorgeschichte der Haupthandlung zentrale Historie von der schönen Lau um das Schicksal einer Wasserfrau im Blautopf bei Blaubeuren, aber auch der Rest der Geschichte ist sehr lesenswert und vergnüglich. Unverzichtbar bei der Lektüre ist allerdings das schon von Mörike selbst begonnene und von den modernen Herausgebern noch ergänzte Glossar, denn der Autor gibt der Sprache seiner Erzählung durch teils regionale, teils schon zu seiner Zeit überholte und archaische Begriffe ein ganz besonderes Gepräge. Selbst mit halbwegs soliden Kenntnissen früherer Sprachstufen des Deutschen stößt man hier deshalb garantiert auf einige Wörter, die einem noch nie begegnet sind, doch das ist, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, so amüsant wie die Geschichte selbst.
Denn so naiv sie in den Grundzügen anmuten mag, gewisse Untiefen fehlen eigentlich nie. Manchmal wird es verblüffend frech und doppeldeutig (so etwa im Traum der schönen Lau von der Wirtin und dem Abt), dann wiederum wird die Illusion eines fernen ursprünglichen Mittelalters gekonnt torpediert, wenn eine Figur im Suff lamentieren darf, dass ja leider das Schießpulver noch nicht erfunden ist. Der sich daraus ergebene Scherz wird sogar zu einer ganzen kleinen Nebenhandlung ausgestaltet. Trotz aller Ironisierung kommt auch immer wieder Mörikes spürbare Freude an poetischen Stadt- und Landschaftsschilderungen und an Sagen- und Märchenhaftem aller Art zum Tragen. Sympathisch ist, dass, anders als im typischen Märchen, auch die Antagonisten relativ gut davonkommen. Die Vergeltung, die sie für ihre Taten erleiden müssen, übersteigt ein gewisses Maß nicht und lässt die Aussicht auf Besserung.
Natürlich gäbe es noch mancherlei zu Entstehungszeittypischem und -untypischem, den entworfenen Geschlechterrollenbildern, literarischen Techniken und Mörikes immer wieder durchschimmernder gelehrter Bildung zu bemerken, aber ein literaturwissenschaftlicher Aufsatz soll diese Rezension ja nicht werden, sondern nur eine Leseempfehlung. Denn wer Lust auf ein liebenswertes Beispiel von Fantasy avant la lettre hat, sollte bedenkenlos zu diesem Klassiker greifen und sich ein paar unterhaltsame Lektürestunden gönnen.

Eduard Mörike: Das Stuttgarter Hutzelmännlein. Stuttgart, Reclam, 1970 (RUB 4755), 112 Seiten.
ISBN: 9783150047552


Genre: Märchen und Mythen, Roman

Mittagsstunde

Es sind nicht unbedingt nur glückliche Erinnerungen, die den Vor- und Frühgeschichtler Ingwer Feddersen mit seinem Heimatdörfchen Brinkebüll verbinden. Doch als es mit der Gesundheit seiner dementen Großmutter Ella und ihres starrköpfigen Mannes Sönke steil bergabgeht, nimmt Ingwer sich ein Sabbatjahr, um als Pfleger einzuspringen und sich zugleich um den maroden Dorfkrug der Familie zu kümmern. Die Heimkehr auf Zeit wird nicht nur zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, sondern auch mit dem radikalen Wandel des ländlichen Raums seit dem Zweiten Weltkrieg …
In weitaus stärkerem Maße als Dörte Hansens Debüt Altes Land ist ihr neuer Roman Mittagsstunde eine Abfolge von Stimmungsbildern ohne sonderlich ausgeprägte übergreifende Handlung. Im Mittelpunkt stehen weniger die Erlebnisse der sperrigen und gerade nicht als leicht zugängliche Identifikationsfiguren angelegten Protagonisten, sondern die oft zerstörerischen Veränderungen, denen Landschaft und Lebensweise in den letzten fünf bis sechs Jahrzehnten unterworfen waren. Dreh- und Angelpunkt der Entwicklung ist dabei in Brinkebüll eine Flurbereinigung, die nicht nur das Leben der Wirtsfamilie Feddersen durcheinanderwirbelt und indirekt für Ingwers Existenz verantwortlich ist, sondern dem Ort auch sein bisheriges Gesicht nimmt (bis auf das in letzter Sekunde vom Dorflehrer gerettete Hünengrab).
Hansen beschwört dabei nicht nur in spröder Klarheit eine fiktive, aber realitätsnahe Topographie herauf, sondern erweist sich auch wieder einmal als präzise Beobachterin unterschiedlicher Milieus in allen behandelten Epochen – von der starren alten Dorfgemeinschaft, der die titelgebende Mittagsstunde heilig ist, über eine Hippiekommune auf dem Lande bis hin zu Ingwers akademischer Umgebung und alternder WG im Kiel der Gegenwart. Gelegentlich kann man sogar etwas schmunzeln (so gibt es z.B. Anspielungen auf ihren Spezialinteressen sehr ergebene Archäologen, in denen man u.a. Alfred Dieck und Marcus Junkelmann erkennen kann, und auch einige der zu einem Großteil auf Plattdeutsch gebotenen Dialoge enthalten einen Spritzer Humor).
Insgesamt ist die Atmosphäre jedoch deutlich düsterer und hoffnungsloser als im Alten Land. Dass eine exzentrische Dorfbewohnerin sich als Weltuntergangsprophetin betätigt, ist symptomatisch: Verlust, Abschied, Tod und die Unerfüllbarkeit ureigenster Wünsche sind zentrale Themen, vermeintlich Tröstliches wird in mehr als einem Fall als Lebenslüge entlarvt, und mehr als einem Neuanfang haftet ein Hauch von Erbärmlichkeit an. Hansens Nordfriesland erscheint als Gegenbeweis zu dem alljährlich durch die Medien geisternden Befund, in Schleswig-Holstein würden die glücklichsten Menschen von ganz Deutschland leben. Dennoch weiß man nicht ganz, ob man das Ende der überkommenen Sozialstruktur wirklich bedauern soll, denn so, wie sie beschrieben wird, hatte sie viel geistige Enge, Verlogenheit und Raum für Gewalt zu bieten, aber abgesehen von einem diffusen Heimatgefühl nicht viel, was dem postmodernen Trübsinn der Romangegenwart überlegen wäre. So ist das Vergnügen, dass die Mittagsstunde einem durch Hansens Sprachkunst und ihr Talent für eine ganz spezielle Art geschriebener Genrebilder bietet, eher intellektueller als emotionaler Natur. Wer ein Buch sucht, das ihn ein wenig mit der Welt und der Menschheit versöhnen kann, wird es hier jedenfalls nicht finden.

Dörte Hansen: Mittagsstunde. München, Penguin, 2018, 320 Seiten.
ISBN: 9783328600039


Genre: Roman

Swordheart

Als mittellose Witwe fristet Halla ein bescheidenes Dasein als Haushälterin eines angeheirateten Verwandten, bis der alte Herr stirbt und ihr überraschend sein beträchtliches Vermögen vermacht. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten bei den übrigen Angehörigen, und so will man Halla kurzerhand zu einer neuen Ehe zwingen, um Geld und Landbesitz in der Familie zu halten. Doch zu Hallas Erbe zählt auch ein magisches Schwert, in das der unsterbliche Krieger Sarkis gebannt ist – und der hat, sobald er erst einmal Bekanntschaft mit seiner neuen Besitzerin geschlossen hat, sehr viel dagegen einzuwenden, wie mit ihr umgesprungen wird …
Mit Swordheart kehrt T. Kingfisher (alias Ursula Vernon) in die Welt zurück, in der schon ihr Zweiteiler Clocktaur War (mit den Bänden Clockwork Boys und The Wonder Engine) angesiedelt war. Stand in der Dilogie noch ein klassischer Fantasyplot um die Weltenrettung vor einem übermächtigen Kriegsgegner im Vordergrund, dominiert hier die auch dort schon präsente persönliche Ebene vollends: Swordheart ist vor allem eine Liebesgeschichte zwischen Halla und Sarkis, und das Problem, das diesmal das Questenabenteuer auslöst, ist privater Natur, gilt es doch, Halla vor der ebenso gierigen wie rabiaten Verwandtschaft zu schützen und ihr Rechtsbeistand für die Bestätigung ihres Erbanspruchs zu sichern.
Auch hier tragen jedoch wieder die liebevoll gezeichneten Figuren das Buch. Halla und Sarkis sind in ihrer Verschiedenheit ein amüsantes Gespann und sich doch in einem Punkt ziemlich ähnlich: Beiden fällt es schwer, daran zu glauben, dass jemand sie um ihrer selbst willen wertschätzen oder gar lieben kann, haben andere sie doch zu lange nur als nützliches Mittel zum Zweck behandelt. Mit Zale, einem ohne eindeutiges Geschlecht auskommenden Mitglied der Priesterschaft des Rattengottes, und Brindle vom dachsartigen Volk der Gnole (offenbar verwandt mit Grimehug aus Clocktaur War) bilden die beiden eine Heldentruppe, die abgesehen vom hier fehlenden Meuchelmörder vergleichbar zusammengesetzt ist wie die des älteren Zweiteilers und teilweise auch ganz ähnliche Erlebnisse hat (so scheinen sich Banditenüberfälle, die nicht ablaufen wie geplant, bei Kingfisher langsam zum running gag zu entwickeln).
Trotz einiger vorhersehbarer Wendungen liest sich die wilde Reise durch verzauberte Landschaften, Gelehrtensammlungen, Gasthäuser und Städte spannend und unterhaltsam. Nur der Humor ist phasenweise zum Fremdschämen pubertär und oft auf Sexualität oder körperliche Ausscheidungen bezogen. Hier wäre weniger eindeutig mehr gewesen. Auch das Lektorat hätte hier und da etwas gründlicher sein können (irgendwo wird z.B. aus einem cousin unversehens ein brother).
Trotz dieser Schwächen ist das Konzept des gegen seinen Willen in eine Waffe gebannten Kämpfers mit allen praktischen Vor- und Nachteilen und in seiner menschlichen Dimension so interessant ausgearbeitet, dass es durchaus nachvollziehbar erscheint, dass Swordheart nicht als Einzelroman, sondern als Eingangsband einer Trilogie gedacht ist – denn praktischerweise haben zwei von Sarkis‘ Kampfgefährten seinerzeit dasselbe Schicksal wie er erlitten, so dass der Figurenbestand für die nächsten Romane gesichert sein dürfte. Es bleibt abzuwarten, ob Kingfisher in den folgenden Büchern das Potential ihrer Grundidee voll ausschöpfen kann oder ob die Aspekte, die einem hier das Lesen streckenweise ein wenig verleiden, noch stärker zum Tragen kommen werden.

T. Kingfisher (Ursula Vernon): Swordheart. Dallas, Argyll Productions, 2018 (e-Book;
ISBN Printausgabe: 9781614504634).


Genre: Roman

Schneefrau küsst Schneemann

Auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Partner fährt die schwangere Konditorin Liv in einem Schneesturm fast den sympathischen Tierarzt Rune über den Haufen. Da eine Weiterreise im Auto bei den extremen Wetterbedingungen ohnehin kaum möglich ist, bietet Rune Liv spontan an, das Ende des Unwetters in seinem nahen Haus abzuwarten. Da auch er in der Liebe schlechte Erfahrungen gemacht hat, kann er sich eine neue Beziehung eigentlich ebenso wenig vorstellen wie sein unerwarteter Gast. So betrachten beide ihre bald nicht mehr zu leugnende gegenseitige Zuneigung erst einmal mit reichlich Argwohn. Doch die eigenen Zweifel sind nicht das einzige Hindernis: Auch die intrigante Nachbarin Dina hat ein Auge auf den charmanten Rune geworfen und weiß Livs Schwächen und Ängste gekonnt auszunutzen …
Schneefrau küsst Schneemann kommt zunächst leichtfüßig als lockerer und unterhaltsamer Liebesroman daher, doch sollte man sich nicht täuschen und vermuten, den Verlauf ohnehin vorhersehen zu können. Auch über Livs Gewalterfahrungen hinaus birgt das Buch nämlich eine Reihe düsterer und tragischer Elemente, die dem skandinavischen Winteridyll aus Kerzenschein, Tafelfreuden und putzigen Haustieren einen ungewohnt dunklen Beiklang verleihen. Leben und Tod liegen in der Geschichte so nahe beieinander wie in der Realität, und wer unter dem heiteren Titel nur seichtes Vergnügen erwartet, sollte wohl schon einmal die Taschentücher bereitlegen. Leicht haben es Held und Heldin auf ihrem Weg zueinander wahrlich nicht, und insbesondere Livs traumatische Erfahrungen verschwinden nicht einfach wundersam durch die Begegnung mit einem neuen Mann, sondern erweisen sich als handlungsbestimmend und äußerst folgenschwer.
Wie schon in Lied des Lebens ist es also kein idealisiertes Märchen, das Ann-Kristin Vinterberg in ihrer schnörkellosen Art erzählt, sondern ein Zusammenfinden inmitten aller Widrigkeiten des Lebens, das trotz aller Härten auch immer wieder von Hoffnung getragen wird. Dafür, dass es nicht allzu traurig wird, sorgen Runes tierische Hausgenossen, Kater Che und Hündin Mistel, deren Verhalten sehr liebevoll und realitätsnah geschildert wird. Abseits der ernsteren Passagen blitzt zudem auch immer wieder viel Humor auf, der teilweise augenzwinkernd mit den genreüblichen Klischees spielt (wenn etwa Rune sich auf seine „männliche Intuition“ beruft, um eine Vermutung zu begründen).
Auf Fortsetzungen darf man wohl hoffen, denn außer dem Heldenpaar und der etwas überzeichneten Dina spielen auch Runes zahlreiche Geschwister eine Rolle, von denen einige durchaus so wirken, als könnten sie in etwaigen Folgebänden die Bühne dominieren.
Schneefrau küsst Schneemann ist aber nicht nur Reihenauftakt und romantische winterliche Erzählung, sondern bietet darüber hinaus noch einen kleinen Kochbuchanhang mit dänischen Weihnachtsspezialitäten und Leckereien, die im Laufe der Handlung auf den Tisch kommen. So lässt sich ein Teil des Romans ganz praktisch ins wahre Leben holen – eine nette Idee, vor allem, da einige der Rezepte wirklich verlockend klingen.

Ann-Kristin Vinterberg: Schneefrau küsst Schneemann. Norderstedt, Books on Demand, 2. Auflage 2018. E-Book (auch als Taschenbuch erhältlich).
ISBN: 9783748135388

 


Genre: Roman