Archive

Das Geheimnis von Dower House

Der stellvertretende Polizeipräsident von London bittet seinen Neffen, Privatdetektiv Nigel Strangeways, um einen Gefallen: Der berühmte Flieger Fergus O’Brien erhält seit einiger Zeit beunruhigende Drohbriefe, die seine Ermordung für den 26. Dezember ankündigen, lehnt aber jeglichen Polizeischutz ab. Daher soll Nigel zu der Weihnachtsparty reisen, die O’Brien in seinem Landhaus gibt, und die Lage im Auge behalten. Obwohl Nigel sein Bestes tut, wird O’Brien eines Morgens erschossen aufgefunden. Mögliche Motive könnten unter den Gästen der Feier und auch aus dem Kreis der Dienerschaft viele gehabt haben, ob nun die verschmähte ehemalige Geliebte oder verschiedene in O’Briens Testament großzügig bedachte Personen. Nigel unterstützt die Polizei bei ihren Ermittlungen, aber sowohl O’Briens rätselhafte Vergangenheit als auch die Tatsache, dass der Detektiv sich ausgerechnet in seine Hauptverdächtige verliebt, machen es nicht unbedingt einfacher, die Wahrheit ans Licht zu bringen …

In manchen Punkten merkt man dem Krimi Das Geheimnis von Dower House aus der Nigel-Strangeways-Serie von Nicholas Blake (alias Cecil Day-Lewis) an, dass der Roman im Original schon 1936 erschienen ist. Einzelne Bemerkungen über angeblich typisch männliche und weibliche Eigenheiten oder den vermeintlichen Charakter der Iren im Allgemeinen wirken aus heutiger Sicht altmodisch bis fragwürdig. Doch glücklicherweise dominieren solche Elemente nicht, und abgesehen von ihnen ist das Buch eine unterhaltsame klassische Detektivgeschichte voll überraschender Wendungen und falscher Fährten. Spaß macht daran vor allem, dass Blake humorvoll und mit spitzer Feder manches auf Korn nimmt, was heute noch Wiedererkennungswert hat. So wirkt etwa die das erste Kapitel einleitende Schilderung des großstädtischen Vorweihnachtstrubels und Konsumrausches abgesehen von einigen Einzelheiten auch nach vierundachtzig Jahren noch aktuell.

Die Figuren sind bis in die Nebenrollen hinein amüsant gezeichnet (besondere Erwähnung verdient diesbezüglich der mit Nigel befreundete Altphilologe Philip Starling, der ständig damit beschäftigt zu sein scheint, vernichtende Rezensionen über die Fachbücher der Forschungskonkurrenz zu verfassen). Nigel Strangeways selbst erscheint als leicht exzentrischer, aber nicht unsympathischer gentleman detective, ähnlich wie Dorothy Sayers‘ Peter Wimsey (der allerdings eine facettenreichere literarische Gestalt ist). Seine Überlegungen zum Fall beschränken sich nicht auf physische Hinweise und psychologische Vermutungen, sondern unternehmen durchaus auch einmal einen reizvollen Schlenker in literarische Gefilde. Nicht zuletzt deshalb macht es Spaß, der Auflösung der komplizierten Verwicklungen zu folgen, die hinter O’Briens Tod und noch einigen weiteren Geschehnissen stecken. Die übersteigerte Verfolgungsjagd mit fast schon zu dramatischem Finale, in die die Ermittlungen münden, hätte es da gar nicht gebraucht, um den Roman bis zum Schluss spannend zu halten.

Alles in allem bildet Das Geheimnis von Dower House so vergnügliche Lektüre für alle, die Freude am England der Zwischenkriegszeit als Kulisse haben oder ganz allgemein gern Krimis aus dem goldenen Zeitalter des Genres lesen. Nur den deutschen Untertitel Eine weihnachtliche Kriminalgeschichte sollte man nicht so wichtig nehmen, dass man sich das Buch bis in die Adventszeit aufspart, denn abgesehen davon, den Anlass für die Zusammenkunft in O’Briens Haus zu liefern, spielt der Festtag selbst keine allzu große Rolle.

Nicholas Blake: Das Geheimnis von Dower House. Eine weihnachtliche Kriminalgeschichte. Stuttgart, Klett-Cotta, 2020 (Original: 1936), 334 Seiten.
ISBN: 978-3-608-98346-3


Genre: Roman

Das Dezernat für heikle Fälle

Im schwedischen Malmö landen alle Fälle, die dem Rest der Kriminalpolizei zu unwichtig und zugleich zu bizarr sind, im Dezernat für heikle Fälle bei Kommissar Ulf Varg und seinem Team. Ein rätselhafter Angriff auf einen Markthändler bereitet ihm ebenso viel Kopfzerbrechen wie eine Vermisstenmeldung, die durch die Nichtexistenz eines der Beteiligten zur Farce wird, und das Auftauchen eines vermeintlichen Werwolfs an einem Hotel, das ausgerechnet der Verwandtschaft seines Vorgesetzten gehört. All das wäre ja vielleicht noch zu bewältigen, aber Ulf hat auch noch mit eigenen psychischen Problemen, einer handfesten Depression seines geliebten Hunds Martin und seiner uneingestandenen Liebe zu der verheirateten Polizistin Anna zu kämpfen … Kann das gut gehen?

In Skandinavien angesiedelte Krimis sind oft betont sozialkritisch und düster. Diese literarische Tradition ironisiert der vor allem für seine in Botswana spielende Krimireihe um Precious Ramotswe bekannte, ungewöhnlich produktive Autor Alexander McCall Smith, wenn er mit seinem neuen Roman Das Dezernat für heikle Fälle einen humoristischen Blick auf eine schwedische Polizeiabteilung und ihre skurrilen Erlebnisse wirft. Ein Augenzwinkern schwingt schon in der Namensgebung mit: Der Held Ulf Varg dürfte eine Anspielung auf Gunnar Staalesens Reihe um Varg Veum sein, während sein ungeliebter Kollege Blomquist sein namentliches Vorbild bei Astrid Lindgren hat.

Auch ansonsten gibt es trotz einiger ernster Untertöne viel zu lachen – wie viel genau jedoch, ist eindeutig Geschmackssache. Die mit der Attacke auf dem Markt zusammenhängende Episode um den Oberst, die gemeinnützige Arbeit und den Kampfmittelräumdienst z. B. ist überzogen genug, um hart an der Grenze der Glaubwürdigkeit zu sein, und würde vielleicht auch mit einem der Kolonialzeit nachtrauernden britischen Offizier besser funktionieren als mit einem Schweden. In anderen Passagen dagegen ist der Humor unaufdringlicher und damit auch ansprechender, etwa in Ulfs Psychotherapiesitzungen mit dem selbst an einigen Problemen herumlaborierenden Dr. Svensson, die das Motiv des gebrochenen Ermittlers liebevoll auf die Schippe nehmen, oder in seinen Dialogen mit seinem ebenso gesundheitsbewussten wie redseligen Kollegen Blomquist, der es nur gut meint und Ulf dabei dennoch entsetzlich auf die Nerven geht. Auch die Art, wie elegant vermieden wird, den angelbegeisterten Erik, ein weiteres Mitglied des ungewöhnlichen kleinen Dezernats, für seine mangelnde Allgemeinbildung bloßzustellen, ist so nett und witzig, dass sie einen mit den weniger gelungenen Aspekten des Buchs ein bisschen versöhnt.

Neben der teilweise fast schon zu unernsten Grundausrichtung ist eine weitere potentielle Schwäche die sehr episodische Erzählstruktur, die eigentlich nur drei voneinander unabhängige Fälle reiht, aber nicht genügend Querverbindungen zwischen den einzelnen Handlungsabschnitten bietet, um das Buch als Gesamtpaket wirklich spannend zu machen. Die Hoffnung auf einen besonders clever konstruierten Krimi mit zahlreichen falschen Fährten und unerwarteten Zusammenhängen sollte man also besser gar nicht erst an das Dezernat für heikle Fälle herantragen. Durchaus vergnüglich ist es dagegen als Unterhaltungsroman um eine Runde schräger Typen, die hier erkennbar schon für potentielle weitere Bände einer Serie in Stellung gebracht wird. Abgesehen davon verdient der Roman auch dafür Sympathie und Respekt, dass er nicht die voyeuristische Lust an besonders grausigen Verbrechen bedient, sondern demonstriert, dass man Ermittlungsarbeiten auch dann interessant schildern kann, wenn es nicht um Mord, sondern um die großen und kleinen Absurditäten des Alltags geht.

Alexander McCall Smith: Das Dezernat für heikle Fälle. Kommissar Varg ermittelt. München, Droemer Knaur, 2020, 304 Seiten.
ISBN: 978-3-426-52561-6


Genre: Roman

Im schwarzen Wasser

Hamburg 1774. Hippolyt Meunier, ein junger Erfinder, ist mit großen Plänen in die Stadt gekommen und hat auch wohlhabende Unterstützer für seine Projekte gewinnen können, aber eines Morgens wird er erschlagen in einer Gerberei aufgefunden. Nicht nur Gerberlehrling Jakob, der den Toten offensichtlich kannte, verhält sich eigenartig, sondern auch die für die Bergung von Mordopfern zuständige städtische Leichenfrau samt ihren Kindern. Als dann auch noch einige ehrbare Bürger ein auffälliges Interesse an Meuniers Habseligkeiten bekunden, hat der mit den Ermittlungen betraute Weddemeister Wagner endgültig zu viele Verdächtige und keine heiße Spur. Zu seinem Glück ist die ehemalige Komödiantin Rosina, die seit ihrer Heirat ihrem freien Vagabundenleben nachtrauert, nur zu gern bereit, ihn bei seinen Nachforschungen zu unterstützen, und kommt dahinter, dass in der Tatnacht an der Gerberei etwas Ungewöhnliches beobachtet worden ist, das einen entscheidenden Hinweis darauf liefert, wer Meunier ans Leder wollte …

Mit Im schwarzen Wasser fügt Petra Oelker nach längerer Pause ihrer Reihe von Historienkrimis um die abenteuerlustige Rosina, die sich als Privatdetektivin avant la lettre betätigt, einen neuen Band hinzu, der nicht nur ein Wiedersehen mit liebgewonnenen Figuren ermöglicht, sondern auch sonst alles bietet, was man an der Serie schätzt: zuverlässige Recherche über das 18. Jahrhundert und seine Kulturgeschichte, atmosphärische Beschreibungen des alten Hamburg, eine Dosis feinen Humor und einen ausgeklügelten Kriminalfall. Charmant sind die Auftritte eines Rotmilans, der an einer Stelle sogar kurz als Perspektivträger fungiert und zwar Entscheidendes beobachtet hat, sich dann aber doch eher für schmackhafte Beute als für die langweiligen Menschen interessiert. Solche netten Details am Rande machen Petra Oelkers Bücher immer zu etwas Besonderem und tragen dazu bei, sie weit über den durchschnittlichen historischen Roman hinauszuheben.

Typisch für Petra Oelker ist auch, dass die Handelnden glaubwürdig aus ihrer Zeit heraus agieren und in ihren Wertvorstellungen, Überzeugungen, Träumen und Sorgen, aber auch in ihrem gelegentlichen Rebellieren gegen die ihnen auferlegten gesellschaftlichen Beschränkungen nicht wie nur aus der Moderne in eine bunte Kulisse verpflanzt wirken. Selbst Kleinigkeiten wie die liebevolle Schilderung von Kleider- und Frisurenmode sind nicht nur reines Zeitkolorit, sondern liefern, wenn man genau aufpasst, schon früh Hinweise darauf, wer hinter dem Mord stecken könnte.

Der Mordfall selbst ist spannend aufgebaut und wartet mit einer Vielzahl falscher Fährten auf. Ganz am Schluss macht es die Person, die den Mord begangen hat, der Heldin dann vielleicht doch etwas zu leicht, aber bis dahin liest sich der Roman äußerst unterhaltsam und mitreißend. Viel Spaß macht vor allem die sympathisch geschilderte Freundschaft zwischen Wagner und Rosina, die hier schon weitaus selbstverständlicher zusammenarbeiten als in früheren Bänden der Reihe und einfach ein sehr liebenswertes Team abgeben.

In ihrem Nachwort schreibt Petra Oelker, es müsse sich erst erweisen, ob es „klug war“ (S. 429), Rosina noch einmal zurückkehren lassen. Zumindest diese Rezensentin hier ist fest davon überzeugt, dass es eine sehr gute Idee war und Rosina gern noch ein paar Jahrzehnte in Hamburg ermitteln kann, um dann irgendwann als alte Dame die Verwerfungen der napoleonischen Besatzung zu erleben – auch das wäre sicher ein aufregender historischer Hintergrund für einen Krimi. Das Ende dieses Bandes allerdings deutet erst einmal darauf hin, dass bei einer Fortsetzung der Reihe eine Episode außerhalb der Hansestadt anstehen könnte. Da literarische Roadmovies aus Petra Oelkers Feder sich eigentlich immer gut lesen (man denke nur an Emmas Reise), wäre das etwas, worauf man sich freuen kann – hoffen wir also, dass dies nun nicht der letzte Auftritt von Rosina und ihrem Umfeld war.

Abschließend noch ein Hinweis, der auch als Werbung für das örtliche Museum gelesen werden kann: Wenn einem beim Lesen der Appetit auf die mehrfach von den Figuren lustvoll verspeisten „Harburger Kringel“ packen sollte, kann das Helms-Museum mit einem Rezept weiterhelfen (auf der Museumsseite S. 4 in diesem PDF).

Petra Oelker: Im schwarzen Wasser. Hamburg, Rowohlt, 2020, 432 Seiten.
ISBN: 978-3-499-00330-1


Genre: Roman

In feiner Gesellschaft

Von ihrem Verlobten verlassen, sucht die in ihrem Alltagstrott festsitzende Dulcie Mainwaring Ablenkung auf einer Tagung für wissenschaftliche Hilfskräfte. Dort schließt sie Bekanntschaft mit der schwierigen Viola, die unglücklich in den Literaturhistoriker Aylwin Forbes verliebt ist, dem sie zuarbeitet. Auch Dulcie fühlt sich rasch zu dem tief in der Midlife-Crisis steckenden Aylwin hingezogen und stellt mit geradezu detektivischem Ehrgeiz Nachforschungen über ihn und seine Verwandtschaft an. Ihm näherzukommen, erweist sich aber als gar nicht so einfach, vor allem, als neben Viola, die nach einem Streit mit ihrer Vermieterin schnell eine neue Bleibe braucht, auch noch Dulcies junge Nichte Laurel bei ihr einzieht und ihrerseits Aylwins Interesse weckt …

Barbara Pyms frisch auf Deutsch herausgekommener Roman In feiner Gesellschaft ist im Original bereits 1961 erschienen, in seiner präzisen Beobachtung menschlicher Schwächen und verwickelter Beziehungen aber herrlich zeitlos. Manches hat sich in den letzten sechzig Jahren offenbar kein bisschen geändert, so etwa, dass ein literaturwissenschaftlicher Universitätsabschluss alles andere als ein Garant für eine glänzende Karriere ist und gerade bei Frauen meist bestenfalls in eher undankbare Tätigkeiten wie die Registererstellung für fremde Bücher mündet. Auch Männer mittleren Alters, die nach einer gescheiterten Ehe nicht immer unbedingt mit Erfolg ihr Glück bei einer Jüngeren suchen, sind vermutlich nicht seltener geworden.

Barbara Pym zeichnet ihre Nicht-ganz-Heldinnen und -Helden mit spitzer Feder, aber durchaus nicht ohne Sympathie, und nimmt mit viel Augenzwinkern die Absurdität von Alltagssituationen aufs Korn. Skurrile Dekorationsobjekte spielen dabei ebenso eine wiederkehrende Rolle wie pointiert eingesetzte literarische Zitate und zahlreiche verschrobene Figuren, und es gibt sogar eine kleine Szene, in der man wohl einen Gastauftritt der Autorin selbst (bzw. ihres fiktiven Alter Egos) erblicken darf.

Viel Vergnügen macht auch die Treffsicherheit, mit der die geschilderten Milieus heraufbeschworen werden, ob nun die Akademikerkonferenz, der Kirchenbasar oder der etwas verstaubte Charme eines Badeorts in der Nebensaison. Von wirklich feiner Gesellschaft, wie sie der deutsche Titel verspricht, kann allerdings keine Rede sein: Eher ist hier eine Mittelschicht karikiert, die sich zwar durch Bildung und (häufig nur vermeintlich) guten Geschmack von sozial Unterlegenen abzugrenzen versucht, dabei aber selbst oft genug zum Lachen bis Kopfschütteln reizt.

Apropos Titel: Obwohl sich das Buch in Sabine Roths gelungener Übersetzung flüssig und unterhaltsam liest, bedauert man doch, dass sich für den englischen Titel, das abgewandelte Gedichtzitat No Fond Return of Love, keine auch nur annähernde Übertragung ins Deutsche gefunden hat, denn er umreißt eigentlich sehr schön, worum es in diesem bunten Beziehungsreigen geht: Liebe wird selten (sofort) erwidert, und wenn sie einmal verloren ist, kehrt sie auch nicht zurück.

Doch auch wenn der perfekte deutsche Titel fehlt, ist In feiner Gesellschaft ein ungemein lesens- und liebenswerter Roman, der mit Humor und Stil zu überzeugen weiß. Wer gern einen literarischen Ausflug in die jüngere englische Vergangenheit unternehmen möchte, kann hier absolut nichts falsch machen.

Barbara Pym: In feiner Gesellschaft. Köln, DuMont, 2020 (Original: 1961), 352 Seiten.
ISBN: 978-3-8321-4

 

 


Genre: Roman

Das verlassene Haus

Eigentlich ist Medium Jeanne nur als Urlauberin ins beschauliche Three Pines im Südosten Kanadas gekommen, aber Pensionsbesitzer Gabri beschwatzt die moderne Hexe, eine Séance anzubieten. Als die erste im gemütlichen Rahmen nicht den gewünschten Erfolg bringt, beschließt man aus einer Laune heraus, eine zweite Séance an einem angemessen unheimlichen Ort folgen zu lassen. So wird im verlassenen Haus der Familie Hadley, in dem sich schon mehrere Verbrechen ereignet haben, noch einmal versucht, die Toten zu beschwören. Doch was für die meisten Anwesenden nur ein Gruselspaß ist, wird eiskalt ausgenutzt, um die im Dorf beliebte Madeleine im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode zu erschrecken. Es ist an Chief Inspector Armand Gamache und seinem bewährten Team, herauszufinden, wer ausgerechnet die Frau, die scheinbar jeder mochte, ermordet hat. Doch Gamache steckt selbst in Schwierigkeiten: Seit er die Verbrechen eines hochrangigen Polizisten öffentlich gemacht hat, ist er in der Sûreté umstritten, und jemand legt es offensichtlich nicht nur darauf an, seinen Ruf zu ruinieren, sondern hat auch einen Maulwurf in seine engste Umgebung eingeschleust …

Was Das verlassene Haus ebenso wie die meisten anderen Bände aus Louise Pennys Reihe um den klugen und sympathischen Armand Gamache weit über durchschnittliche Krimikost hinaushebt, ist ihre Vielschichtigkeit, die den eigentlichen Mordfall fast zur Nebensache werden lässt, während literarische Anspielungen, philosophische Überlegungen, lebendige Beschreibungen und vor allem unglaublich fein beobachtete Charakterstudien den Hauptreiz der Lektüre ausmachen. Besonders das teilweise herrlich exzentrische Stammpersonal der Reihe (allen voran die schrullige alte Dichterin Ruth Zardo, die in diesem Band mehr Herz beweisen darf, als man ihr hinter der spitzen Zunge zugetraut hätte) unterhält blendend und wäre Grund genug zum Lesen, auch wenn im Buch kein einziges Verbrechen geschehen würde.

Derer gibt es allerdings genug, ebenso wie eine Fülle anderer Ereignisse, und das in wohltuend komplexer Erzählweise, die Umwege nicht nur zulässt, sondern geradezu feiert. In den verschiedenen Handlungssträngen werden dabei geschickt thematische Parallelen aufgebaut: Sowohl bei der Lebensgeschichte des Mordopfers als auch bei den gegen Gamache gerichteten Intrigen innerhalb der Polizei geht es um Freundschaft und ungeahnten Neid, und letzterer spielt auch noch in einem ganz anderen Kontext eine Rolle. Penny gelingt es dabei, auch die Unsympathen zu differenzierten Charakteren auszugestalten, deren teilweise entsetzliches Handeln seine Wurzeln in nur allzu menschlichen Wünschen, Bedürfnissen und Schwächen hat, was nicht nur realistisch wirkt, sondern in manchen Fällen auch Denkanstöße liefert.

Doch Das verlassene Haus ist trotz aller ernsten Belange, die nicht ohne Anspruch und Tiefgang verhandelt werden, in vielen Passagen auch ein hinreißend komischer Roman voller Humor und Wortwitz. Das hier ist ein Krimi, ja – aber auch ein Buch, in dem schon einmal aus dem Winterschlaf erwachte Bären auf Ostereiersuche gehen, auch die härtesten Polizisten durch Alltagserfahrungen augenzwinkernd auf Normalmaß zurechtgestutzt werden und Lakritzpfeifen niemals fehlen dürfen. Neben dem gelungenen und vielfach auch ziemlich liebenswerten Figurenensemble und der bis kurz vor Schluss hohen Spannung sorgt das für pures Lesevergnügen.

Louise Penny: Das verlassene Haus. Der dritte Fall für Gamache. Zürich, Kampa Verlag, 2020 (Original: 2007), 480 Seiten.
ISBN: 978-3-311-12011-7


Genre: Roman

Song of the Current

Der Lebensweg der siebzehnjährigen Caroline Oresteia scheint vorgezeichnet: Als Tochter eines Flussschiffers wird sie irgendwann in die Fußstapfen ihres Vaters treten und mit Frachttransporten und gelegentlichem Schmuggel ihren Lebensunterhalt verdienen. Nur die Tatsache, dass sie die Stimme des Flussgotts, der die Schiffer leitet, nicht hören kann, bereitet ihr heimlich Sorgen. Doch als Kapitän Oresteia unversehens verhaftet wird, hat sie auf einmal ganz andere Schwierigkeiten zu bewältigen. Um die Freiheit ihres Vaters zurückzugewinnen, muss sie in Behördenauftrag eine geheimnisvolle Kiste an Bord nehmen, die sie ungeöffnet an ihrem Bestimmungsort abliefern soll. Natürlich ist die Neugier stärker als die Vorsicht, und so stellt Caroline erschrocken fest, dass man ihr keine Waren, sondern einen in einen magischen Schlaf versetzten Mann anvertraut hat, der nicht erfreut ist, vorzeitig geweckt worden zu sein. Tarquin, wie er sich nennt, ist angeblich ein Kurier, der in politischer Mission unterwegs ist. Aber Caroline und ihre treue Freundin, die Froschfrau Fee, ahnen bald, dass es mit ihm mehr auf sich hat, als er zugibt, zumal sich auch eine finstere Piratenbande allzu sehr für ihren unerwarteten Passagier interessiert und über Leichen geht, um seiner habhaft zu werden. Als dann auch noch Carolines undurchsichtige Verwandtschaft mütterlicherseits ins Geschehen eingreift, überschlagen sich die Ereignisse, und auf einmal ist sogar mit Drachen und Untoten zu rechnen …

Sarah Tolcsers Song of the Current ist als Eingangsband einer Reihe um Caroline Oresteia konzipiert, lässt sich aber problemlos als in sich abgeschlossener Roman lesen. Der Tiefgang bleibt überschaubar, auch wenn die Protagonisten im Laufe der Geschichte von einem Flussschiff auf ein hochseetüchtiges Gefährt wechseln, aber ein vergnügliches und flott zu lesendes Fantasyabenteuer bietet der kleine Roman dennoch. Bunt ausgemalt ist vor allem die Kulisse, eine multikulturelle frühneuzeitliche Welt, die sich ein bisschen so ausnimmt, als würde der Mississippi durch ein in unterschiedliche Staaten aufgeteiltes Griechenland fließen. Auch eine Art Atlantis gibt es, und dass es sich dabei nicht um einen reinen Mythos, sondern einen ganz realen Ort handelt, ist angesichts des Genres keine so große Überraschung, dass man sie in einer Rezension verschweigen müsste. Ohnehin werden übernatürliche Elemente nicht sparsam eingesetzt: Neben dem handfesten Eingreifen von Gottheiten, die auch schon einmal das Wetter im Sinne ihrer Günstlinge beeinflussen oder das direkte Gespräch suchen, gibt es ein originelles, auf der Nutzung von Licht und Schatten basierendes Magiesystem und mit den Froschleuten auch omnipräsente nichtmenschliche Wesen.

Die Handlung ist eine schwungvolle Mischung aus Coming-of-Age-Roman, Liebesgeschichte und politischer Fantasy. Der gewohnte Konflikt zwischen Usurpator und rechtmäßigem Thronerben wird dadurch aufgelockert, dass auch noch eine von einem verbannten Adligen im Exil angeführte Demokratiebewegung das Ringen um Macht und Einfluss ein wenig aufmischt. Auf der Figurenebene wird die Bühne unangefochten von der Ich-Erzählerin Caroline und Tarquin dominiert, doch die Nebenfiguren – insbesondere der enigmatische Nereus – sind immerhin so nett skizziert, dass man ihnen ein wenig mehr Zeit gönnen würde, sich zu präsentieren.

Der Eindruck, dass es gute Ansätze gibt, die es verdient gehabt hätten, ausführlicher ausgearbeitet zu werden, lässt sich letztlich auf den gesamten Roman übertragen. So aber bleibt er trotz eines spektakulären Tauchgangs über weite Strecken an der Oberfläche, ist aber eine nette Ablenkung, wenn man den Alltag einmal für ein paar beschwingte Lesestunden vergessen möchte.

Sarah Tolcser: Song of the Current. New York, Bloomsbury, 2017, 376 Seiten.
ISBN: 978-1-68119-783-8


Genre: Roman

Amadeus auf dem Fahrrad

Der junge Mexikaner Vian Mauer scheitert bei dem Versuch, in Europa Karriere als Opernsänger zu machen, und sieht am Ende keine Alternative mehr dazu, sich dem Druck seines tyrannischen Vaters zu beugen und in seine Heimat zurückzukehren, um einen langweiligen Bürojob anzunehmen. Bevor es so weit ist, bleiben ihm nur noch ein paar Wochen in Salzburg, wo er eine Komparsenrolle in Mozarts Don Giovanni ergattert hat. Doch der Festspielsommer wird zum Wendepunkt in seinem Leben: Auf seinen Streifzügen durch die Stadt verliebt er sich in die unkonventionelle Julia, lernt deren diabolischen Mitbewohner Jacques kennen und verabscheuen, schließt Freundschaft mit dem Buchhändler Perec und beginnt zu hinterfragen, ob alles wirklich so unausweichlich ist, wie es ihm erscheint …

Es wäre vermutlich einfacher, ein Urteil über Amadeus auf dem Fahrrad zu fällen, wenn es sich bei dem Autor des sprachgewaltig von Willi Zurbrüggen ins Deutsche übersetzten Romans nicht ausgerechnet um den weltberühmten und auf mehr als einem Gebiet höchst erfolgreichen Opernsänger Rolando Villazón handeln würde. Dass ein Star der Branche über jemanden schreibt, der mit ihm einige Züge teilt, dem der große Durchbruch aber – so viel sei verraten – dauerhaft versagt bleibt, womit er sich abzufinden lernt, ist ein eigenartiger Kontrast, der einen im Hinterkopf bei der Lektüre immer begleitet.

Gelungen ist der Roman jedoch einerseits als persönliche Auseinandersetzung mit der Stadt Salzburg und ihrer Kunst im öffentlichen Raum, andererseits aber auch mit Mozart und seiner Oper Don Giovanni, wobei eine dieser entnommene Textzeile – Viva la libertà („Es lebe die Freiheit“) – zum unaufdringlichen Leitmotiv gerät. Literarische Anspielungen aller Art, Seitenhiebe auf den Kulturbetrieb mit seinem Hang zu seltsamen Inszenierungen, kleine Gastauftritte von realen Sängerinnen und Sängern (insbesondere immer wieder Cecilia Bartoli) und eingeflochtene Überlegungen zu Mozarts Biographie lesen sich vergnüglich und lassen einen Villazóns eigene Begeisterung für die unterschiedlichsten Themen mitempfinden. Besonders die liebevoll heraufbeschworene Topographie der Stadt bereitet einem beim Lesen viel Freude und lebt natürlich ein wenig auch vom Reiz des Wiedererkennens. Hier bietet Amadeus auf dem Fahrrad durchaus ein paar Momente, die einen atmosphärisch an Tonio Kröger denken lassen.

Wie viel man mit den Figuren anfangen kann, ist dagegen eindeutig Geschmackssache. Mit dem Ich-Erzähler Vian lässt sich zumindest Mitgefühl haben, wenn er durch seine tragikomischen Erlebnisse stolpert (auch wenn der Running Gag, dass er durch seine Tollpatschigkeit immer wieder ungewollt Schlagzeilen macht, einem irgendwann fast schon überstrapaziert vorkommt). Sein Vater gibt einen angemessen widerwärtigen Schurken ab, und Vians väterlichen Freund Perec kann man mögen. Die nur scheinbar freie und rebellische Julia sowie Jacques, der sich in der Rolle des provokanten Spötters gefällt, sind dagegen ziemlich typische Vertreter des dauerpubertären Personals literarisch anspruchsvoller Romane, und es passt gut, dass sie zu einem gewissen Zeitpunkt parallel zu Vians innerem Heranreifen aus der Handlung verschwinden.

Apropos Heranreifen: Auch als wie befriedigend man das Buch als Entwicklungsroman empfindet, bleibt wohl der subjektiven Einschätzung überlassen. Seine Stärken hat es wirklich in den Passagen, in denen es einem erlaubt, literarisch durch Salzburg zu flanieren, und so ist Amadeus auf dem Fahrrad letzten Endes ein Text, an dem einem nicht notwendigerweise die erzählte Geschichte in Erinnerung bleibt, sondern eher die Stimmung, die sie hier und da eindringlich heraufbeschwört.

Rolando Villazón: Amadeus auf dem Fahrrad. Hamburg, Rowohlt, 2020, 416 Seiten.
ISBN: 978-3-498-07070-0

 


Genre: Roman

Helle Tage, helle Nächte

Eine Krebsdiagnose wirft das beschauliche Leben der alternden Anna am Rande der Schwäbischen Alb gehörig aus der Bahn. Da sie nicht weiß, ob sie die Erkrankung überleben wird, beschließt sie, endlich reinen Tisch zu machen und ihrem langjährigen Brieffreund, dem samischen Rentierzüchter Petter, zu gestehen, dass sie ihn über entscheidende Dinge belogen hat. Nach Nordschweden bringen soll den Brief Annas Nichte Frederike, die bei ihrer Tante aufgewachsen ist und sich gerade, frisch vom untreuen Mann getrennt, einen ausgedehnten Urlaub am Mittelmeer gönnt. Frederike ist von Annas Ansinnen zunächst gar nicht begeistert, lässt sich dann aber doch überreden. Annas Brief enthält eine dramatische Enthüllung, die auch Frederike selbst betrifft, und als Petter sie nach der Lektüre des Schreibens überstürzt allein lässt, ist sie plötzlich fern der Zivilisation ganz auf sich gestellt …

Der Roman Helle Tage, helle Nächte überzeugt vor allem in den Passagen, in denen Hiltrud Baier ihr Talent für die atmosphärische Schilderung der Handlungsorte und insbesondere der Natur in Lappland ausspielt. Mitternachtssonne, allumfassende Stille, karge Landschaften, aber auch das Dorf- und Kleinstadtleben in Süddeutschland werden liebevoll heraufbeschworen und stehen einem greifbar vor Augen. Man wünscht sich nur, in dieser intensiv beschriebenen Kulisse würde sich eine bessere Geschichte abspielen.

Dabei ist die Grundidee, Annas und Frederikes kontrastierende Erlebnisse parallel zu erzählen, eigentlich ganz reizvoll: Während Frederike, die immer Menschen und Trubel um sich herum gebraucht hat, in der Einsamkeit des hohen Nordens ganz allmählich zu sich selbst findet und manche Sorgen und Probleme anders zu bewerten beginnt, lernt Anna, die sich größtenteils als Einzelkämpferin durchs Leben geschlagen und andere Leute oft auf Distanz gehalten hat, dank ihrer quirligen Großnichte Paula und netter Nachbarn, dass auch sie auf Familie und Freundschaft nicht verzichten kann und Nähe zulassen muss.

Leider wirken Entwicklung und Erfahrungen der Figuren oft nicht bis ins Letzte schlüssig. Mehrfach hat man den Eindruck, dass die Glaubwürdigkeit sich dem angestrebten Handlungsverlauf unterordnen muss. Insbesondere die Kindheitserinnerungen beider Protagonistinnen scheinen sehr selektiv zu funktionieren und häufig komplett verdrängt zu sein, um sich dann just zum passenden Zeitpunkt wieder zu regen. Aber das beste Gedächtnis hat in diesem Roman ohnehin niemand: Wenn ein Hubschrauberpilot, der Frederike von Petters entlegenem Wohnsitz abholen soll, das nicht ohne nähere Erklärung schlicht vergessen würde, könnte sie wohl gar nicht so viel Zeit in der Wildnis zubringen, wie die Geschichte es erfordert.

Auch die Romanze, die sich für Frederike ergibt, wirkt – anders als die schüchterne Annäherung zwischen Anna und ihrem Nachbarn Karl – nicht unbedingt ausgefeilt, sondern eher so, als ob eben auch für die jüngere der beiden Heldinnen noch ein neuer Partner hermuss und darum im Rekordtempo bei ihr zum Zuge kommen darf. Gelungener dagegen ist das, was sich auf Nebenschauplätzen abspielt: Wenn das Verhalten von spielenden Kindern oder von Passanten in der Stadt beobachtet wird, wirkt das lebensecht und vergnüglich eingefangen.

Eine abschließende Beurteilung des Romans fällt daher schwer. Bei Handlung und Hauptfiguren ist eindeutig noch Luft nach oben, aber der ruhige Erzähltonfall liest sich angenehm, und einzelne Beschreibungen und Szenen sind so treffend, dass man Helle Tage, helle Nächte schon um ihretwillen mögen will. Letztlich hängt es wohl von den individuellen Lesevorlieben ab, ob Erzählweise und Gesamtstimmung oder aber die erwähnten Kritikpunkte für einen stärker ins Gewicht fallen.

Hiltrud Baier: Helle Tage, helle Nächte. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 2020, 352 Seiten.
ISBN: 978-3-596-29854-9


Genre: Roman

Das Nordseegrab

Nicht ganz freiwillig tritt Peter Söt, den ein dunkles Geheimnis umgibt, als Schreiber in die Dienste des jungen Anwalts Theodor Storm, der sich lieber mit seinem neugegründeten Gesangsverein und dem Sammeln alter Sagen befasst als mit seinem eigentlichen Beruf. Doch kaum dass Söt die Stelle in Husum angenommen hat, häufen sich dort seltsame Geschehnisse. Ein vermeintlicher Leichenfund entpuppt sich zwar noch als makabrer Streich, aber kurz darauf kommt es tatsächlich zu einem sonderbaren Todesfall. Da sich unerwartet Querverbindungen zu Storms Anwaltstätigkeit ergeben, stecken er und Söt im Handumdrehen nolens volens in einer Mordermittlung, und es mehren sich die Anzeichen, dass auch noch andere als das erste Opfer in Gefahr schweben könnten …

Der berühmte Schriftsteller Theodor Storm als Privatdetektiv wider Willen? Das klingt auf den ersten Blick nach einer Idee, die schnell schiefgehen könnte, aber in den Händen des Germanisten und Historikers Tilman Spreckelsen funktioniert sie verblüffend gut. So verwundert es nicht, dass dieser Roman kein Einzelband geblieben, sondern inzwischen zum Auftakt einer Krimireihe geworden ist. Mit viel Gespür für Lokalkolorit und historische Umstände beschwört Spreckelsen ein Husum von 1843 herauf, von dem man nur zu gern glauben möchte, dass es durchaus so gewesen sein könnte, und spickt die spannende Geschichte mit zahlreichen augenzwinkernden Anspielungen auf Storms Werke.

Als gute Wahl erweist sich auch die Verwendung des Ich-Erzählers Peter Söt, der als Außenstehender Leserinnen und Leser gut an Schauplatz und Ereignisse heranführen kann. Ein klassischer Watson ist er freilich nicht, denn ganz abgesehen davon, dass er oft selbst kluge Beobachtungen macht und Storm einen Schritt voraus ist, hat er durch seine düstere Vergangenheit mehr mit den merkwürdigen Vorgängen zu tun, als ihm zunächst selbst klar ist. Auf welcher Seite er am Ende wirklich stehen wird, bleibt lange offen.

Die Atmosphäre ist über weite Strecken angemessen unheimlich, wird aber durch den immer wieder aufblitzenden Humor aufgelockert, der aus den Dialogen ebenso spricht wie aus den Personenbeschreibungen. Von den Honoratioren Husums über Wirtsleute, Bauern und Dienerschaft bis hin zum wunderlichen Stadtoriginal und zum kleinkriminellen Armenhausinsassen werden die Figuren gekonnt und einprägsam skizziert.

Zunächst scheinbar unverbunden mit der Handlung in Husum wird in schlaglichtartigen Rückblicken die Geschichte eines nicht alltäglichen Schiffsuntergangs erzählt, der zum Ausgangspunkt für die nicht auf einen einzigen Mord beschränkten Verbrechen in der Romangegenwart wird. Spreckelsen hat sich dabei, wie er in seinem lesenswerten Nachwort erläutert, von tatsächlichen geschichtlichen Vorgängen inspirieren lassen, dabei aber in der Realität Unverbundenes zu einem großen Ganzen verknüpft. Das Experiment ist weitaus besser geglückt als in vielen anderen Historienkrimis.

Zwar sind die recht kurzen Kapitel manchmal etwas zu gewollt auf einen Spannungshöhepunkt hinkomponiert, aber eine flotte und unterhaltsame Lektüre bis zum hochdramatischen Finale ist dadurch garantiert. Wer Lust auf einen ebenso vergnüglichen wie schaurigen Ausflug in norddeutsche Gefilde hat, sollte dem ermittelnden Storm also unbedingt eine Chance geben.

Tilman Spreckelsen: Das Nordseegrab. Ein Theodor-Storm-Krimi. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch, 2015, 272 Seiten.
ISBN: 978-3-596-19483-4

 

 


Genre: Roman

Hinter den drei Kiefern

Das Dorf Three Pines, in dem Armand Gamache, der umstrittene Polizeichef von Québec, lebt, wirkt auf den ersten Blick wie ein Bilderbuchidyll. Doch als auf einer Halloweenparty eine vermummte Gestalt erscheint und dann am nächsten Tag auf dem Dorfanger Stellung bezieht, ohne auf irgendeinen Gesprächsversuch einzugehen, macht sich Unruhe im Ort breit. Feriengäste bringen Gamache auf die Idee, dass es sich bei dem seltsamen Verhalten um die Wiederbelebung eines uralten Rügebrauchs handeln könnte, der auf ein ungesühntes Unrecht hinweisen soll. Spätestens als die dunkle Gestalt so plötzlich verschwindet, wie sie gekommen ist, und Gamaches Frau bald darauf eine übel zugerichtete Leiche im Kirchenkeller findet, steht fest, dass alles weit mehr ist als nur ein bizarrer Streich. Monate später sitzt für diesen Mord jemand auf der Anklagebank, doch der Prozess nimmt einen seltsamen Verlauf: Der Staatsanwalt scheint alles zu tun, um die Glaubwürdigkeit seines Hauptbelastungszeugen Gamache gezielt zu untergraben, und auch der Polizeichef selbst verfolgt noch ganz andere Pläne, als auf eine Verurteilung hinzuwirken …

Louise Pennys Hinter den drei Kiefern ist nicht der chronologisch erste Band ihrer Reihe um Armand Gamache, lässt sich aber dennoch problemlos als in sich abgeschlossenes Buch lesen, und das lohnt sich: Es handelt sich um einen originell aufgebauten und anspruchsvollen Krimi, der nicht nur durch die feine Figurenzeichnung, sondern auch durch den souveränen Einsatz zweier Zeitebenen überzeugt.

Obwohl der Roman durchaus insofern dem klassischen Whodunnit-Prinzip folgt, dass man als Leser oder Leserin miträtseln kann, wer denn nun die Urlauberin Katie Evans erschlagen hat, verzichtet er nämlich auf die sonst für die Gatttung typische lineare Erzählweise, sondern wechselt zwischen den Ereignissen um Halloween und denen um das Gerichtsverfahren hin und her. Letzteres bildet auch den Einstieg ins Buch, und bevor der Fund des Mordopfers überhaupt geschildert wird, sind schon um die 150 Seiten vergangen. Dass Gamache den sonderbaren Todesfall aufgeklärt haben muss und dass er es in der Gegenwart darauf abgesehen hat, Drogenschmugglern das Handwerk zu legen, erfährt man relativ bald, aber erst nach und nach erschließt sich, wie beide Verbrechen zusammenhängen und was für ein Spiel der Ermittler selbst spielt. Viel Spannung und mehr als eine überraschende Wendung gibt es dabei bis zum Schluss, der im Vergleich zum Rest des Buchs zu gewollt dramatisch und blutig ausfällt, die Geschichte aber dennoch zu einem überzeugenden Ende führt.

Die größte Stärke des Romans liegt aber in seinem Personal, das neben Gamache, seinem Team, seiner Familie, den Verdächtigen und der Belegschaft des Justizapparats auch noch eine ganze Anzahl teilweise herrlich skurriler Dorfbewohner umfasst. Wer z.B. die Krimis von Martha Grimes oder Fred Vargas weniger wegen der Mordfälle als wegen der gekonnt geschilderten kauzigen Typen liest, findet in Louise Penny eine Autorin, die in derselben Liga spielt und ebenso liebevoll wie differenziert ganz unterschiedliche Charaktere entwickelt. Erwähnung verdient hier insbesondere die alte und mehr als nur ein wenig wunderliche Dichterin Ruth, die – stets eine lebendige Ente unter dem Arm und um boshafte Bemerkungen nie verlegen – zur Lösung des Falls mehr beiträgt, als ihr irgendjemand zutraut.

Trotz der behandelten ernsten Themen wie Drogenkriminalität und schwieriger Gewissensentscheidungen würzt Penny die Dialoge und die Gedankengänge ihrer Figuren immer wieder auch mit einer ordentlichen Prise Humor. Zu düster gerät der Abstieg in die kleinen und großen Abgründe kanadischen Provinzlebens deshalb nie, und nach der Lektüre bleibt man mit dem Eindruck zurück, gut unterhalten worden zu sein, aber auch reichlich Stoff zum Nachdenken bekommen zu haben.

Louise Penny: Hinter den drei Kiefern. Ein Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2018, 496 Seiten.
ISBN: 978-3311120025


Genre: Roman