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Leben und Werk der Hetty Beauchamp

In der provinziellen Biederkeit der Fenlands der 1980er Jahre findet die junge Hetty, die kurz vor ihrem Schulabschluss steht und von einem Studium träumt, bei ihrer Familie wenig Verständnis für ihre Literaturbegeisterung. Insbesondere ihr gewalttätiger Vater tut alles, um sie kleinzuhalten. Als sich nach einer besonders schlimmen Auseinandersetzung mit ihm herausstellt, dass sie ein Adoptivkind ist, beschließt sie, sich einen neuen Namen zuzulegen und auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern zu gehen. Allerdings hat sie auf ihre Herkunft nur den Hinweis, dass sie ursprünglich aus Birmingham stammt. Dort angekommen findet sie durch einen glücklichen Zufall bei der zupackenden Pensionswirtin Rose nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch Unterstützung bei ihrem Vorhaben, und so beginnen turbulente Wochen, während Hetty auf die Ergebnisse ihrer Abschlussprüfungen wartet …

Seit einigen Jahren verhilft der Verlag DuMont dem 1994 verstorbenen englischen Autor J. L. Carr dankenswerterweise zu einer Renaissance in Deutschland (begonnen mit Ein Monat auf dem Land). Auch das von Monika Köpfer stilsicher und gelungen übersetzte Leben und Werk der Hetty Beauchamp ist wieder eine wunderschöne Entdeckung, in der die für Carr so charakteristische Kombination aus Humor und Melancholie voll zum Tragen kommt.

Gespickt mit in einem kleinen Anhang aufgeschlüsselten literarischen Zitaten und Anspielungen von Catull bis Robert Browning bietet Hettys Geschichte eine Mischung aus Entwicklungsroman und augenzwinkernder Gesellschaftsbeobachtung. Neben Carrs gewohnt spitzer Feder ist die große Stärke des Romans die Fülle ebenso fein gezeichneter wie exzentrischer Charaktere, denen die Ich-Erzählerin Hetty begegnet, vom Geistlichen aus Sierra Leone im Missionseinsatz in England über den kommunistischen Russen, der fotografisch die Dekadenz des Westens dokumentieren möchte, bis hin zu einer resoluten alten Dame, die ein bei Straßenkrawallen zertrümmertes Buchhandlungsschaufenster erst zur Waffenbeschaffung und dann zum Ausleihen von Lektüre nutzt. Allerlei Überraschungen und absurde Vorfälle sind bei diesem Personal selbstverständlich vorprogrammiert, auch wenn genügend Instanzen immer wieder versuchen, Spontaneität und erfolgversprechende kreative Ansätze zu untergraben und Konventionen zu zementieren, die vielen Leuten längst zu eng sind. Aber nicht nur Hettys Leben ist unaufhaltsam im Umbruch, sondern auch das in ganz England, und wie sich individuell und kollektiv die Weltsicht allmählich verschiebt, ist mit viel Witz und Wärme geschildert.

In Hettys Fall ist die grundlegende Erkenntnis, dass die Realität nicht unbedingt den Spielregeln der Literatur folgt, natürlich von feiner Ironie begleitet, denn ihr eigener Weg nimmt durchaus einige romanhafte Wendungen bis hin zu einer Schlusspointe, die Literatur und Außenwelt in mehrerlei Hinsicht noch einmal ganz neu zusammenbringt. Ernster und nicht unbedingt nur auf einen Roman anwendbar ist allerdings die von Hetty gemachte Erfahrung, dass familiäre Nähe sich nicht notwendigerweise aus Blutsverwandtschaft oder aus einer förmlichen Adoption ergibt, sondern andere und unerwartete Möglichkeiten bestehen, Menschen zu finden, die mit einem durch dick und dünn gehen und einen dann unterstützen, wenn diejenigen, von denen man es eigentlich hätte erwarten können, versagen.

Nicht nur dank solcher Überlegungen, sondern auch dank der ebenso angenehmen wie amüsanten Erzählstimme, die J. L. Carr Hetty verleiht, ist Leben und Werk der Hetty Beauchamp ein einziges Lesevergnügen, das allen, die Literatur lieben, hiermit wärmstens ans Herz gelegt sei.

J. L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp. Köln, DuMont, 2022 (englisches Original: 1988), 272 Seiten.
ISBN: 978-3-8321-8185-7

 


Genre: Roman

Mrs Potts’ Mordclub und der tote Nachbar

Judith Potts ist eine alte Kreuzworträtselautorin, die dank einer reichen Erbschaft im beschaulichen Marlow ein entspanntes Leben nach ihrem Geschmack führen kann. Als sie gerade einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen – dem Nacktbaden in der Themse – nachgeht, hört sie, wie ihr Nachbar erschossen wird. Die Polizei nimmt ihre Beobachtungen erst nicht ernst und ist eher geneigt, die Sache als Suizid oder Unfall abzutun. So muss Judith eigenmächtig aktiv werden und beginnt unerschrocken zu ermitteln, nur um bald mit einem weiteren Mord konfrontiert zu sein, der mit dem ersten in Zusammenhang zu stehen scheint. Ist hier ein Serienkiller am Werk, oder ist alles doch etwas komplizierter? Die Unterstützung der Pfarrersfrau Becks und der Hundesitterin Suzie kommt Judith bei ihren Ermittlungen durchaus gelegen, aber dass sie selbst ein dunkles Geheimnis hütet, lässt sich nicht ewig vor ihren neugierigen neuen Freundinnen verbergen …

Zugegeben: Der Titel Mrs Potts’ Mordclub und der tote Nachbar lässt erst einmal an Richard Osmans Erfolgsroman Der Donnerstagsmordclub denken und knüpft vielleicht zu Marketingzwecken auch gezielt daran an, aber abgesehen davon, dass in beiden Krimis die Ermittlungen nicht von Profis durchgeführt werden, ähnelt Robert Thorogoods von Ingo Herzke angenehm übersetztes Buch dem Bestseller nicht weiter. Ein echter Club wird hier nämlich gar nicht gegründet; die drei Protagonistinnen begegnen sich zunächst eher zufällig, weil die Verbrechen Personen in ihrem jeweiligen Bekanntenkreis betreffen, und tun sich unter Judiths Führung zum Ermitteln zusammen.

Das kann man in gewisser Weise auch als Leser tun, denn das Buch ist ein fairer Krimi zum Miträtseln. Wer viel im Genre liest, wird die Auflösung hinter den Morden wahrscheinlich relativ früh erraten, da das gewählte Muster kein ganz neues ist (so ist z. B. in einem von Marc Paillets Abbé-Erwin-Bänden die Erklärung für mehrere Todesfälle praktisch die gleiche wie hier). Aber auf atemlose Spannung ist Mrs Potts’ Mordclub ohnehin nicht angelegt, sondern eher auf den Spaß daran, hinter der idyllischen Fassade des englischen Kleinstadtlebens das Verbrechen lauern zu sehen und drei sympathische Hauptfiguren mit Ecken und Kanten bei ihren humorvoll geschilderten und teilweise herrlich schrägen, aber durchaus erfolgreichen Nachforschungen zu begleiten, während reichlich Tee und Whisky fließen.

Die exzentrische Judith scheint dabei sowohl in ihrem Habitus (ohne Cape geht sie nicht aus dem Haus) als auch in ihrer Ermittlungstaktik stark von den Miss-Marple-Verfilmungen mit Margaret Rutherford inspiriert zu sein, nur, dass sie keinen Mr Stringer, sondern zwei weitere Frauen an ihrer Seite hat. Judith, die vorbestrafte und nach einer gescheiterten Ehe mit ihren erwachsenen Töchtern hadernde Suzie und die perfektionistische Becks, die ihr Aufgehen in der Hausfrauen- und Mutterrolle nur mimt, um nicht eingestehen zu müssen, wie unglücklich sie eigentlich ist, sind auf den ersten Blick ein unwahrscheinliches Trio. Gerade dadurch bedienen sie aber die sicher tief in vielen Menschen verwurzelte Sehnsucht, auch im mittleren bis höheren Alter, wenn vieles im Leben nicht so wie erhofft gelaufen ist, noch Freundinnen finden zu können, auf die man sich absolut verlassen kann und die mit einem die wildesten Abenteuer bestehen. Auch Polizistin Tanika – die Kontaktperson der drei bei den Behörden – passt mit ihrem Leiden darunter, Familie und Karriere nicht befriedigend unter einen Hut bringen zu können, ganz gut in das Schema der unerfüllten Träume, das auch in den Biographien der drei Heldinnen anklingt.

Der große Showdown, bei dem einem Verdächtigen eine Falle gestellt wird, die dann aber doch nicht ganz so zuschnappt wie erhofft, ist für den ansonsten eher gemütlichen Krimi etwas zu überdramatisch geraten, und dass Judith hier in höchster Not noch Zeit hat, ihre Lösung des Falls in aller Ausführlichkeit darzulegen, strapaziert die Glaubwürdigkeit ein bisschen. Aber auf den allerletzten Tiefgang und Realismus kommt es bei diesem Roman, den man sich auch gut verfilmt vorstellen könnte, eigentlich gar nicht an. Das, was er verspricht – amüsante Unterhaltung am milderen Ende des Krimigenres -, bietet er jedenfalls voll und ganz.

Robert Thorogood: Mrs Potts‘ Mordclub und der tote Nachbar. Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2022, 416 Seiten.
ISBN: 978-3-462-00198-3


Genre: Roman

Diebe der Nacht

Offiziell sind die Herbstgänger eine fahrende Theatertruppe, aber in Wirklichkeit bilden Betrug und Diebstahl ihre Hauptgeschäftszweige. Kreativer Kopf der kleinen Schar ist der junge Glin Melisma, dessen geniale Pläne immer aufzugehen scheinen und der seinen Charme und das ein oder andere Bestechungsgeld so gut einzusetzen weiß, dass sich manchmal sogar die Opfer seiner Missetaten mit dem Ergebnis seiner Gaunereien anfreunden können. In der geschichtsträchtigen Lagunenstadt Mosmerano hat die Bande Großes vor. Aber kaum dass die ersten Schritte zu einem dreisten Coup erfolgreich unternommen sind, erspäht Glins Ziehvater Talmo mitten in einer Theatervorstellung einen alten Bekannten, der nichts Gutes im Schilde führt. Das Wiedersehen hat Folgen. So werden die Herbstgänger unversehens von Tätern zu Opfern, und Glin muss all seine Findigkeit aufbieten, wenn es mit seiner Wahlfamilie nicht sehr schnell zu Ende sein soll …

Thilo Corzilius entführt einen in Diebe der Nacht in eine prall ausgemalte Fantasyversion eines frühneuzeitlichen Venedig voller Kunst und Lebensfreude, mit Entsprechungen zu Karneval und sposalizio del mare, aber dann doch auch wieder sehr anders als die historische Version, und das nicht nur, weil es eine polytheistische Religion ganz eigener Prägung dort gibt. Denn in seiner von Christina Srebalus in schönem Kartenmaterial eingefangenen Ruhenden Welt wirken sogenannte Chemistiker und Mechanisten (zu Letzteren zählen auch Talmo und Glin), die mit ihren trickreichen Erfindungen oft mehr auszurichten verstehen als die meisten Magier. Wie so oft in der Fantasy ist nämlich die Magie in gewissem Maße aus der Welt entschwunden, hier jedoch in der interessanten Form, dass es sich bei fortgeschrittenen magischen Fähigkeiten um nichts allzu Esoterisches, sondern um das Wissen einer ausgerotteten Vorgängerkultur handelt, das man vielleicht zurückgewinnen könnte. Einzelne Artefakte aus alten Zeiten haben freilich überdauert, so z. B. auch die Grille, die den Helden – als kleine Pinocchio-Reminiszenz? – begleitet und kein Lebewesen im klassischen Sinne, sondern ein mechanisches Wunderwerk mit eigenem Willen ist.

Sie ist nur eines von vielen charmanten Details des Weltenbaus, der auch in kulinarischen Genüssen, architektonischer Pracht, edlen Kunstwerken und bunten Kostümen schwelgt. Doch mit all dem geht eine dunkle Seite einher, die im Laufe des Romans immer deutlicher hervortritt, seien es nun grausame Hinrichtungsmethoden und Körperstrafen oder schlicht die Ausmaße von sozialer Ungleichheit, Korruption und Heuchelei hinter der Fassade der vermeintlich so strahlenden Stadt. Auch auf der Handlungsebene macht einem das Buch zunächst genauso sehr etwas vor wie die Bande diebischer Schauspieler, denn was als leichtfüßiges Gaunerabenteuer mit flottem Wahlspruch und nur mäßig destruktiver Kriminalität beginnt, schlägt nach einer Weile einen düsteren Weg ein, der in bestenfalls bittersüße Gefilde führt. Auch die passend zur Theaterthematik als Interludien eingefügten Rückblicke, die schildern, wie sich die Herbstgänger Jahre vor der Jetztzeit des Romans nach und nach zusammenfinden, sind teilweise starker Tobak, egal, ob es nun um sexuellen Missbrauch, Gladiatorenkämpfe oder andere Formen unmenschlicher und würdeloser Behandlung geht.

Diese Mischung aus überbordendem Spaß und bitterem Ernst, in der nach und nach auch liebgewonnene Figuren auf der Strecke bleiben und ein glückliches Ende alles andere als garantiert ist, sorgt für ein Leseerlebnis, das durchaus an diesbezüglich oft ähnlich ambivalente klassische Schelmenromane erinnert. Allerdings geht es hier doch teilweise dreckiger zu (eher abschreckende Sexszene im Bordell inklusive), und auch der Stil ist um einiges lockerer und umgangssprachlicher. So können Wetter und Befinden auch im Erzählerbericht schon einmal „beschissen“ sein, und oft wird ein derber Ausdruck gezielt genutzt, um eine vorher aufgebaute lyrische Stimmung zu konterkarieren. Kontraste verbergen sich zum Teil auch in der Namensgebung. Dass in jemandem namens Melisma viel – einschließlich verschlungener Gedankengänge – steckt, überrascht nicht, wohingegen es natürlich ironisch wirkt, dass die beste Kämpferin der Herbstgänger, die im Notfall auch vor Folterungen nicht zurückschreckt, Yrrein heißt. Nur bei dem Namen Birkenau für einen Konstrukteur aus der Vergangenheit fragt man sich, ob er angesichts der mit der Bezeichnung unweigerlich verbundenen traurigen Assoziationen geschmackvoll ist (besonders, als sich im letzten Drittel des Romans dann erweist, was genau die Person, die ihn trägt, eigentlich gebaut hat).

Alles in allem jedoch bieten die Diebe der Nacht ein wildes und bunt ausgemaltes Abenteuer um einen moralisch fragwürdig handelnden Tricksterhelden, der in manchen Zügen den Schurken der Geschichte gar nicht so unähnlich ist, wie ihm vielleicht lieb wäre, aber bis zum actionreichen Finale nicht nur das Personal des Romans, sondern auch diejenigen, die ihn lesen, in Atem hält, bis dann eine letzte unerwartete Wendung selbst ihn überrumpelt. Auf alle Fälle hat man am Ende den Eindruck, die Ruhende Welt erst ansatzweise erkundet zu haben. Falls Thilo Corzilius also irgendwann für ein anderes Buch dorthin zurückkehrt, gibt es gewiss noch einiges zu erzählen.

Thilo Corzilius: Diebe der Nacht. Stuttgart, Klett-Cotta, 2020, 480 Seiten.
ISBN: 978-3-608-98330-2

 


Genre: Roman

Léon und Louise

Unmittelbar vor dem Beginn der Totenmesse für den hochbetagt gestorbenen Léon Le Gall in Notre-Dame tritt eine der versammelten Familie fremde alte Dame an den Sarg und gibt dem Toten eine Fahrradklingel mit auf die letzte Reise. Eine völlig Unbekannte ist die Frau allerdings nicht: Schnell ahnen alle, dass es sich um Léons langjährige Geliebte Louise Janvier handeln muss. Ihr denkwürdiger Auftritt auf der Trauerfeier ist Grund genug für einen von Léons zahlreichen Enkeln, sich auszumalen, wie die Liebesgeschichte der beiden verlaufen sein muss, und so erfährt man, dass Léon und Louise sich schon an der Schwelle zum Erwachsenwerden in der französischen Provinz kennenlernen, bevor sie im Ersten Weltkrieg unter dramatischen Umständen voneinander getrennt werden. Als sie sich Jahre später in Paris wiedersehen, ist Léon längst mit einer anderen verheiratet, und so scheint ihre Liebe keine Zukunft zu haben. Doch die Verwerfungen des Zweiten Weltkriegs lassen vieles noch einmal in einem ganz neuen Licht erscheinen …

Es ist die Erzählsituation, die den Roman Léon und Louise von Alex Capus zu etwas Besonderem macht, denn dadurch, dass Léons Enkel als Ich-Erzähler Ereignisse zu rekonstruieren versucht, über die er nur aus Erzählungen und Briefen spärliche Informationen hat, die er mit eigenen Schlüssen und Spekulationen anreichert, ergibt sich gewissermaßen eine Staffelung potenziell unzuverlässiger Erzähler. So eindringlich manche Szene auch geschildert sein mag, der Illusion, dass man in diesem Buch die (fiktive) Wahrheit über Léon und Louise erfährt, wird damit von vornherein ein Riegel vorgeschoben.

Das, was vielleicht gewesen sein könnte, ist aber darum nicht weniger lesenswert, denn über die reine Liebesgeschichte hinaus wird ein Bild Frankreichs in den ersten beiden Dritteln des 20. Jahrhunderts entworfen. Die Protagonisten können ihrer Zeit nicht entkommen und setzen sich dennoch phasenweise auch kritisch damit auseinander, sei es nun, dass Léon im deutsch besetzten Paris bei seiner Arbeit für die Polizei erkennen muss, dass man selbst mit den besten Absichten im Kleinen in die Kollaboration abrutschen kann, oder dass Louise, die es zur selben Zeit nach Mali (bzw. in den damaligen Soudan français) verschlägt, sich die Frage stellt, ob die dort als brutale Kolonialherren auftretenden Franzosen sich den zu Recht verhassten Deutschen wirklich getrost moralisch überlegen fühlen können.

Trotz dieser ernsten Untertöne und der präzisen Beobachtungen menschlicher und allzumenschlicher Verhaltensweisen geht es in Léon und Louise aber immer wieder auch um die großen und kleinen Freuden des Lebens, von kulinarischen Genüssen über Rad-, Auto- und Bootstouren bis hin zur Liebe, die sich zwar vielleicht nicht in die gesellschaftlichen Konventionen einpassen lässt, aber doch bis über den Tod hinaus anhält. Das alles ist in eine sprachlich schöne Form gegossen, bei der manche Formulierung lange nachhallt und auch der Humor nicht zu kurz kommt. So ist es von Anfang bis Ende ein Lesevergnügen, das Protagonistenduo durch Höhen und Tiefen eines (außer-)gewöhnlichen Lebens zu begleiten.

Alex Capus: Léon und Louise. München, DTV, Sonderausgabe 2021 (Original: 2011), 320 Seiten.
ISBN: 978-3-423-14810-8


Genre: Roman

Gerechtigkeit

In einem schon lange ungenutzten Nebengebäude eines heruntergekommenen Bauernhofs finden die neuen Eigentümer das Skelett einer Frau, die offenbar gewaltsam ums Leben gekommen ist. Kommissar Falin, der tief im Umzugsstress steckt und eigentlich genug mit privaten Sorgen zu tun hat, nimmt die Ermittlungen auf. Doch wie soll man einen Mord aufklären, bei dem nicht einmal die Identität des Opfers festzustellen ist? Keine Vermisstenmeldung scheint auf die Tote zu passen, und die Vorbesitzerin des Hofs, die enigmatische Jolin, weiß angeblich von nichts. Aber was hat es mit der Vergangenheit ihrer Familie auf sich, von der nur noch sie übrig ist? Welche Rolle spielt Falins neue Nachbarin, und was hat der alte Pfarrer zu verbergen? Hat hier vielleicht sogar der Serienkiller zugeschlagen, auf dessen Konto mehrere Frauenmorde gehen, den Falin aber nie fassen konnte? Stück für Stück enthüllt sich eine Geschichte, die weit grausiger ist als alles, womit selbst ein erfahrener Polizist wie Falin zu Anfang rechnen konnte.

Gerechtigkeit von Christian Wagnon ist ein ebenso spannender wie düsterer Roman, denn es geht hinab in menschliche Abgründe, mit denen man im realen Leben um keinen Preis konfrontiert werden möchte. Die Auflösung der Geschichte ist wirklich nichts für schwache Nerven, aber was den Weg dorthin originell macht, ist, dass es sich, anders als in vielen Krimis, nicht um ein frisches Verbrechen handelt, sondern um eine Tat, die schon vor Jahren begangen worden ist, so dass Falin einigen Personen, die damit in Zusammenhang stehen könnten, gar nicht mehr direkt begegnen kann, sondern sie nur gefiltert durch die Schilderungen Dritter zu erahnen vermag. Da aus wechselnden Perspektiven erzählt wird, ist aus Lesersicht bald klar, dass so manche Figur – darunter sogar der Dorfpolizist Bjarne – dem Kommissar nicht gleich die ganze Wahrheit sagt. Dementsprechend sorgt auch die Frage für Spannung, ob und wie Falin zwischen Kneipe, Reiterhof, Knicks und Fleeten (und bei einem kleinen Abstecher ins Ausland) noch auf die lohnenden Verdachtsmomente stoßen wird, von denen man vor ihm erfährt.

Die große Stärke des Buchs sind die atmosphärischen Beschreibungen einer ländlichen Region irgendwo in Norddeutschland, in der bis auf den Neuankömmling Falin jeder jeden kennt und doch alle ihre Geheimnisse haben, obwohl mit Wonne unbelegbare Gerüchte über eine angeblich mit einem Landarbeiter von außerhalb durchgebrannte Bäuerin und einen sehr plötzlich ins Heim abgeschobenen geistig Behinderten weitergetratscht werden. Das oft trübe Märzwetter, die Albträume, die nicht nur Falin heimsuchen, die schaurigen Zeichnungen, die Jolin in jungen Jahren anfertigte, und die in den passenden Situationen auftauchenden, mit abergläubischen Vorstellungen assoziierten Krähen tun ein Übriges, für eine beklemmende Stimmung zu sorgen. Doch die provinzielle Gegend, in der man auf Nachbarschaftshilfe angewiesen ist, hat auch abgesehen von gutem Eintopf und landschaftlicher Schönheit ihre Vorteile: Wenn jemand ins Reden kommt, den man eigentlich nur zur Behebung eines Sturmschadens ins Haus bestellt hat, kann man als Polizist dann doch mehr erfahren als bei offiziellen Befragungen …

Wie auch in seinem neueren Werk Balmsund: Fegefeuer gelingt es Christian Wagnon, Charaktere mit Ecken und Kanten und den Mikrokosmos, in dem sie sich bewegen, einprägsam zu schildern. Dabei nimmt er sich Zeit, den Fall Schicht um Schicht zu entwickeln. Auch als schon geklärt ist, wer das Skelett im Schuppen einmal war, und ein Geständnis vorliegt, folgen noch einige unerwartete (und zum Teil ziemlich schockierende) Wendungen. Am Ende steht fest, was sich vor Jahren Schreckliches abgespielt hat, doch inwieweit durch irdische oder höhere Instanzen tatsächlich die titelgebende Gerechtigkeit geübt worden ist, bleibt wohl eine Ermessensfrage. Für Falin allerdings, in dessen Leben sich einschneidende Veränderungen ergeben haben, hat an seinem neuen Wohnort alles gerade erst begonnen, und genügend Anknüpfungspunkte für eine Fortsetzung sind unbestreitbar vorhanden. Es könnte also in möglichen Folgebänden noch aufregend weitergehen.

Christian Wagnon: Gerechtigkeit. Die Tote im Schuppen. Dresden 2020. E-Book (über Amazon zu beziehen).
ASIN: ‎ B087Q956Z8

 


Genre: Roman

Schildmaid

Im wikingerzeitlichen Norwegen erhält die unauffällige Weberin Eyvor unversehens von der Meeresgöttin Rán den Auftrag, ein Drachenschiff zu bauen. Die Aufgabe würde ihre Kräfte wohl übersteigen, wenn sich ihr nicht nach und nach andere Frauen anschließen würden, die auf ihre Art allesamt Außenseiterinnen sind oder sich aus einer bedrohlichen häuslichen Situation befreien müssen, darunter die Skaldin Tinna, die auf Runenmagie zurückgreifen muss, um anderen überhaupt als Frau zu erscheinen, die hitzköpfige Skade, die aus ihrer Ehe mit dem abscheulichen Berserker Ivar flüchtet, und die jugendliche Seherin Herdis, die sich selbst ein düsteres Ende im Kampf gegen ihren Zwillingsbruder vorhersagt.

Da Herdis gefährliche Verfolger dicht auf den Fersen sind, beginnt für alle nolens volens auf dem Schildmaid genannten Schiff eine Fahrt ins Unbekannte, doch um sich aus der Nähe der Küste fort aufs offene Meer hinauswagen zu können, fehlt dem Frauentrupp jemand, der sich mit Navigation auskennt. Im dänischen Ribe finden sie unter dramatischen Umständen mit der friesischen Sklavin Dineke, was sie brauchen, und damit geht es mitten hinein ins Abenteuer, das nicht nur in ein atlantishaft in der Nordsee versunkenes bronzezeitliches Reich, zu Seeungeheuern und stilecht auf Plünderungsfahrt nach England führt, sondern sich bald auch zur Weltrettung auswächst, scheint es der Besatzung der Schildmaid doch bestimmt zu sein, einen Riesen zu erschlagen und damit Ragnarök aufzuschieben. Aber kann das gelingen, wenn einem ein Gegner wie Ivar im Nacken sitzt – und sollte man den göttlichen Auftraggebern überhaupt vertrauen?

Gleich eingangs nennt die Erzählinstanz Schildmaid eine Saga, und in der Tat hat das Buch mit dieser literarischen Gattung des Mittelalters nicht nur den stellenweise gekonnt imitierten Erzähltonfall, die Neigung zu Brutalität und den gelegentlich aufblitzenden trockenen Humor gemein, sondern auch die Tatsache, dass es sich um eine mit phantastischen Zügen angereicherte Aufbereitung der Wikingerzeit handelt. Über diese hat das Autorenduo offensichtlich genau recherchiert und wartet nicht nur mit umfangreichen Mythologiekenntnissen, sondern auch mit einer Fülle manchmal nur im Nebensatz erwähnter kulturhistorischer Details auf, von dekorativen Guldgubbar bis hin zu in die Schneidezähne geritzten Rillen bei einer Kriegergruppe. Wann genau das Geschehen sich abspielt, bleibt gleichwohl offen, auch wenn man aus dem parallelen Auftreten der Königsnamen Harald und Horik und einer sehr eigenen Interpretation der Besiedlung Islands (immerhin: Eine Unn ist mit an Bord) auf das späte 9. Jahrhundert als wahrscheinliche Handlungszeit schließen kann.

Wer nun allerdings glaubt, ein klassisches Wikingerabenteuer, nur eben in weiblicher Besetzung, vor sich zu haben, dürfte sich wundern, denn Schildmaid wäre wohl kein Buch von Judith und Christian Vogt, wenn es nicht zugleich eine dezidierte Patriarchatskritik wäre. Wie wichtig dieser Aspekt den beiden ist, spricht auch aus dem Nachwort, das nicht nur ihre historischen Recherchen und ihre Sicht auf die Wikingerzeit erläutert, sondern auch auf heute immer noch bestehende Ungleichbehandlungen und Ungerechtigkeiten verweist und davor warnt, sich vergangenen Zeiten in dieser Hinsicht allzu überlegen zu fühlen.

Bei allem Spaß, mit dem Runenmagie, prachtvolle Knotenmusterornamente, ausgefeilte Dichtkunst und wilde Kämpfe heraufbeschworen werden, schwingt deshalb immer auch ein sehr ernster Unterton mit, und die unangenehmen Seiten der altnordischen Gesellschaft nehmen breiten Raum ein, von der Sklaverei über Menschenopfer im Zuge von Totenfolgebräuchen bis hin zu alltäglicher Gewalt, unter der vor allem die Frauen und Kinder leiden, aus der es aber auch für Männer, die gern ein anderes Leben führen würden, keinen einfachen Ausweg gibt.

In einem Fall sieht es in der Romanwelt diesbezüglich düsterer aus als in der Realität: Die Aussage, es gäbe keine Skaldinnen, sondern nur männliche Skalden, trifft historisch so pauschal nicht zu. Im Nachwort wird das glücklicherweise auch erwähnt (und die Situation im Buch damit erklärt, dass Tinna dann eben die erste Skaldin von allen gewesen sei), aber ein wenig hat man doch den Eindruck, dass hier kein Hoffnungsschimmer innerhalb der bestehenden sozialen Verhältnisse aufkommen soll und die Möglichkeit deshalb von vornherein ausgeschlossen wird. Folgerichtig endet die Reise der Schidmaid auch anders als die der meisten in historischen Sagas auftretenden Kämpferinnen: Während diese sich, sofern sie ihre Abenteuer überleben, in aller Regel in die Mehrheitsgesellschaft integrieren, ist der sperrigen Besatzung von Eyvors Schiff ein ganz anderes Schicksal bestimmt.

Der Weg zu diesem Ende verläuft spannend und gelegentlich auch ziemlich witzig (Fans altnordischer Mythologie dürften sich z. B. amüsieren, welche Rolle hier der aus dem Weltschöpfungsmythos bekannten Kuh Audhumbla zugedacht ist, die natürlich nicht fehlen darf, als es irgendwann gewissermaßen um die Erschaffung einer neuen Welt geht). Vor allem aber ist Schildmaid ein Buch, dem man anmerkt, dass es mit der (Berserker-)Wut im Bauch geschrieben wurde, die auch manche Charaktere verspüren. In seinem Plädoyer dafür, eigene Gemeinschaften zu schaffen und sich gegenseitig zu unterstützen, wenn einem die Gesellschaft die nötigen Freiräume versagt, folgt es aktuellen Trends der progressiven Phantastik und zeigt mit der Ansiedlung in der Wikingerzeit, die sonst eher die Domäne traditioneller Abenteuerezählungen ist, dass sich auch ein überkommenes Setting durchaus im Sinne der neuen Richtung im Genre nutzen lässt.

Judith und Christian Vogt: Schildmaid. Das Lied der Skaldin. München, Piper, 2022, 448 Seiten.
ISBN: 978-3-492-70598-1


Genre: Roman

Der Donnerstagsmordclub

Dank ihrer gut verdienenden Tochter kann die ehemalige Krankenschwester Joyce es sich leisten, in der edlen Seniorenwohnanlage Coopers Chase im ländlichen Kent unterzukommen. Unerwartet wird sie dort in den sogenannten Donnerstagsmordclub hineingezogen, in dem die frühere Agentin Elizabeth, der nur so halb im Ruhestand befindliche Psychiater Ibrahim und der immer noch streitbare einstige Gewerkschaftsführer Ron zum Vergnügen versuchen, ungeklärte Mordfälle zu lösen. Gewöhnlich greifen sie dabei auf alte Akten zurück, die Elizabeths Freundin Penny, die einmal Polizistin war, nun aber längst im an Coopers Chase angrenzenden Pflegeheim dahinvegetiert, nicht ganz legal beschafft hat. Dann aber geschieht gewissermaßen vor der Haustür ein neuer Mord, und das Quartett kann natürlich nicht widerstehen, seinen detektivischen Spürsinn in der Praxis zu erproben. Dass man sich mit der jungen Polizistin Donna angefreundet hat, als sie in Coopers Chase war, um einen Vortrag zu halten, kann da ja nicht schaden. Doch obwohl alles zunächst recht vergnüglich beginnt, bleibt es nicht bei einer einzigen Leiche, und bald müssen die vier sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass auch Personen aus ihrem engsten Umfeld Motive gehabt haben könnten, die Taten zu begehen …

Die Idee wacker ermittelnder Privatpersonen vorgerückten Alters, die nicht zuletzt auch dank ihrer Lebenserfahrung und ihres unkonventionellen Blicks auf die Welt der Polizei immer einen Schritt voraus sind, ist spätestens seit Agatha Christies Miss Marple nichts Neues mehr, aber Richard Osman setzt sie in seinem Donnerstagsmordclub mit viel Esprit und Humor um. Die Übersetzung von Sabine Roth fängt die pointierten Formulierungen, die den Charme des Buchs ausmachen, gekonnt ein. Die im Präsens gehaltenen personal erzählten Passagen aus unterschiedlichen Perspektiven, in denen auch mit nur in einem Schriftmedium möglichen Tricks gearbeitet wird (wenn z. B. bei einem Dialog lange offen bleibt, welchem Gesprächspartner die Äußerungen jeweils zuzuordnen sind), wechseln immer wieder mit Einträgen aus Joyce‘ Tagebuch. Obwohl sie es faustdick hinter den Ohren hat, übernimmt Joyce zunächst im gewissen Maße die Watson-Rolle an der Seite ihrer erfahreneren Detektivkollegen, unter denen sich insbesondere die mit allen Wassern gewaschene Elizabeth oft als unerwartet gut vernetzt und jedem Problem gewachsen entpuppt.

Nicht nur hinsichtlich der Leichtigkeit, mit der ihr und den anderen deshalb auch Unwahrscheinliches glückt, ist Realismus nicht gerade die größte Stärke des Romans. Dass es zu mancher Plotentwicklung hart an der Grenze der Glaubwürdigkeit eher deshalb kommt, weil die Handlung oder das Lesevergnügen es so erfordern, und nicht, weil sie sich unbedingt überzeugend aus dem bisher Geschilderten ergibt, muss man also hinnehmen. Das gilt auch für den Umstand, dass auffällig viele Leute hier eine Leiche im Keller (oder nicht unbedingt dort, aber doch eben eine Leiche) haben und diese Geheimnisse mehr tragische Verstrickungen nach sich ziehen, als der ursprüngliche Kriminalfall sie eigentlich gebraucht hätte.

Denn für einen auf den ersten Blick witzigen und leichtfüßigen Unterhaltungsroman werden hier durchaus Themen angeschnitten, die ziemlich starker Tobak sind, von Pflegebedürftigkeit, Demenz und Sterbehilfe bis hin zu mehreren Selbstmorden aus unterschiedlichen Gründen (so dass die Anzahl der durch Suizid Umgekommenen am Ende fast mit der von anderen Umgebrachter mithalten kann). Selbst Elizabeth, die sonst schier alles bewirken zu können scheint, steht dem fortschreitenden Verfall ihres Mannes und ihrer besten Freundin Penny hilflos gegenüber, und einige Geschichten gehen trauriger aus, als sie es zwingend müssten. In einem ausschließlich todernsten Buch wäre all das in dieser Fülle wohl schwer bis gar nicht erträglich, aber der Grundton bleibt über weite Strecken heiter, wenn auch manchmal bissig, und in einzelnen Nebenhandlungen überwiegt die Komik. So kann man sich z. B. darüber amüsieren, wie Donna daran geht, das auf den Hund gekommene (Liebes-)Leben ihres unglücklichen Vorgesetzten Chris gehörig auf Vordermann zu bringen, während sie ihre eigenen Baustellen diesbezüglich vernachlässigt.

Auch abgesehen davon kann man an den etwas überzeichneten Charakteren seinen Spaß haben, ob nun an dem dauerpolternden Ron, der immer noch gern auf die Barrikaden geht und auch jeden Anlass dazu nutzt, dem kultivierten Ibrahim, der alles bis auf seine eigene Eitelkeit präzise zu analysieren vermag, oder der nur scheinbar dauerunverdrossenen Joyce, die ebenso viele Kuchenrezepte wie kluge Beobachtungen parat hat. Kein Wunder also, dass der Roman sich erfolgreich verkauft und mit Der Mann, der zweimal starb, schon ein Folgeband auf dem Markt ist. Wenn man sie nicht allzu ernst nimmt und es gelassen sieht, dass die Hand des Autors oft überdeutlich mit im Spiel ist, kann man sicher gut auf weitere Abenteuer des Donnerstagsmordclubs einlassen.

Richard Osman: Der Donnerstagsmordclub. 12. Aufl. Berlin, List (Ullstein), 2021, 464 Seiten.
ISBN: 978-3-471-36014-9


Genre: Roman

Das Orakel in der Fremde

Das hier besprochene Buch ist der zweite Band eines Zweiteilers. Zur Rezension des ersten Bandes führt dieser Link.

Jahrzehnte sind ins Land gegangen, seit die Runde von Vertrauten um Ardoas, die Reinkarnation der Elfenmagierin Naromee, einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen musste. Inzwischen hat sich im Felsentempel Beskadur eine lebendige Gemeinschaft herausgebildet, die zusammen wirtschaftet und forscht. Die Schergen des Magiers Erlun, der weiterhin das Orakel Niadaris gefangen hält, ruhen aber nach wie vor nicht. Allerdings gibt es Hoffnung: Endlich scheint sich abzuzeichnen, dass Naromees für die Elfen so wichtige Erinnerungen doch wieder zugänglich werden könnten. Um das zu erleichtern, begibt sich die ehemalige Söldnerin Jerudana noch einmal nach Ilbengrund und tritt mit einem ganz besonderen Begleiter die Rückreise nach Beskadur an. Aber wird diesmal gelingen, woran sie und ihre Liebsten schon einmal knapp gescheitert sind? Helfen könnte Ardoas‘ Tante und Mentorin Zordura, doch deren derzeitiger Aufenthaltsort ist unbekannt, und die Suche nach ihr wird zum gefahrvollen Abenteuer …

Es ist James A. Sullivan ernst mit dem schon im ersten Band beschworenen Doppelweg: Der Teilerfolg, den Ardoas und die Seinen errungen haben, reicht nicht aus, und so müssen, wieder gerahmt von einer Geburtstagsfeier und einer Beerdigung, bestimmte Stationen ein zweites Mal angelaufen und die erste Queste und ihr Ergebnis noch deutlich übertroffen werden, um ans Ziel zu gelangen. Während sich aber der Held des klassischen Artusromans zumeist relativ bald nach seinen ersten Abenteuern ein zweites Mal beweisen muss, sind seit dem Erbe der Elfenmagierin über dreißig Jahre vergangen und haben ihre Spuren hinterlassen. Daludred und Jerudana sind gealtert und herangereift, und obwohl diesbezüglich für Elfen etwas andere Spielregeln als für Menschen gelten, ist auch Ardoas ein anderer, als er wieder ins Geschehen eingreift. Doch die Veränderungen beschränken sich nicht auf individuelle Schicksale. Gerade das erste Viertel des Romans befasst sich immer wieder mit dem Thema, wie Einzelpersonen oder kleine Gruppen den Anstoß zu weitreichenden Entwicklungen liefern können, die gleichwohl nicht überall auf Gegenliebe stoßen.

Dies bleibt nicht die einzige Anspielung auf aktuelle Themen, denn trotz der Ansiedlung der Geschichte in einer vormodern anmutenden Welt ist der Roman dezidiert progressiv, und so finden sich hier auch Kritik an dem, was wir heute unter dem Begriff der „kulturellen Aneignung“ fassen würden, immer wieder Verweise auf die bittere Sklavereivergangenheit der Elfen, Überlegungen zu Machtstrukturen (etwa durch Altersunterschiede in einer Liebesbeziehung) und eine selbstverständliche Vielfalt nicht nur an Fantasywesen, sondern auch an Hautfarben und Geschlechtsidentitäten (die jenseits der Unterscheidung in Frau und Mann durch ein kreatives Pronomensystem beschrieben werden). Eine große Rolle spielen abermals Reinkarnationserfahrungen, einerseits phantastisch-wörtlicher Art, dann aber auch in Form metaphorischer Wiedergeburten, wenn eine Person in ein- und demselben Leben noch einmal ein ganz neues Kapitel aufschlägt.

Als zweites Leitmotiv tritt neben das schon im ersten Band immer wieder aufscheinende des Zweifels hier dasjenige des Lobs der positiven Aspekte von Gemeinschaft und gegenseitiger Unterstützung. Ohnehin liest es sich erfrischend, wie sehr die Hauptfiguren stets um einen respekt- und vertrauensvollen Umgang miteinander und mit Dritten bemüht sind. Auch stilistisch geht James A. Sullivan teilweise neue Wege, die sich von der Fantasytradition der letzten paar Jahrzehnte absetzen: So wird im personalen Erzählen nicht immer strikt eine Perspektive durchgehalten, sondern durchaus einmal effektvoll gewechselt, und der typische Erzählerbericht wird durch Einschübe in Form von Tagebucheinträgen aufgelockert, die weniger szenisch angelegt sind. Erwartungen werden aber nicht nur in dieser Hinsicht gebrochen, sondern auch handlungsmäßig: Glaubt man, ein vertrautes Motiv vor sich zu haben, wird es oft  spielerisch abgewandelt oder ganz anders aufgelöst, als man es erwarten könnte. Kein Wunder, dass da in kritischer Situation selbst ein gestandenes Orakel angibt, das Ende nicht vorausahnen zu können!

Trotz aller modernen Elemente ist Das Orakel in der Fremde aber auch stark von James A. Sullivans Wissen über mittelalterliche Literatur geprägt (z. B. taucht ein deftiger Begriff aus dem Werk Neidharts leicht abgewandelt als Vokabel der Elfensprache auf, und es gibt eine Gestalt namens Ithaunje, deren Partner eine ähnlich ambivalente Rolle spielt wie der Geliebte der Itonje im Parzival). Hier wie auch beim Schöpfen aus einer zweiten (wenn auch von der ersten zumindest mittelbar beeinflussten) literarischen Tradition, nämlich der der abenteuerlichen Questenfantasy, ist überdeutlich, dass der Autor sich die im ersten Band auf die Elfen bezogene Maxime selbst zu eigen gemacht hat, Überkommenes zu hinterfragen, aber das Gute daran durchaus zu bewahren. Denn neben ruhigeren und philosophischen Passagen verfügt der Roman über alles, was an dieser Art von Fantasy Spaß macht: eine ausgedehnte Welt mit unterschiedlichsten Kulturen, eindrucksvolle Gebäude, actionreiche Kämpfe (darunter manche auch auf Luftschiffen), kühne Rettungsmissionen, rätselhafte Artefakte sowie magische Geheimnisse aller Art. Auch eine schön gestaltete Landkarte (in zwei Teilen) fehlt natürlich nicht.

So ist letztlich auch James A. Sullivans gelungene Rückkehr in die Fantasy ein Doppelweg eigener Art, der in vertrauten Gefilden noch einmal eine ganz neue Richtung einschlägt und aufzeigt, welche unerwarteten Möglichkeiten das Genre bieten kann, ohne dass man auf vertraute Vorzüge verzichten muss.

James A. Sullivan: Das Orakel in der Fremde. Die Chroniken von Beskadur 2. München, Piper 2022, 432 Seiten.
ISBN: 978-3-492-70672-8


Genre: Roman

Im Schatten der Esse

In ihrer Kindheit und Jugend hat die Schmiedegesellin Zita viel Unschönes erlebt, und auch als sie in der von Kriegsverwüstungen tief gezeichneten Wildermark auf die Walz geht, hat sie es nicht unbedingt leicht. Auf der Flucht vor einem Räuber verirrt sie sich im Wald. Der undurchsichtige Halbork Alrik, auf den sie dort trifft, nimmt sie mit in das Dorf, in dem er nur widerwillig als Hilfsarbeiter geduldet wird. Zwar findet Zita hier über den Winter ihr Auskommen, doch es mehren sich die Anzeichen, dass etwas Bedrohliches im Gange ist: Orks treiben ebenso ihr Unwesen wie allerlei kriegerische Menschen, die das Machtvakuum in der Gegend ausnutzen, um die Herrschaft über einzelne Orte an sich zu reißen, und geheimnisvolles Sternenmetall weckt Begehrlichkeiten. Als die Gesellin schon ans Weiterziehen denkt, überschlagen sich auf einmal die Ereignisse, und sie begegnet unter dramatischen Umständen dem Junker Ulfberth, an dessen Seite ihr Abenteuer noch ganz andere Formen annimmt …

Im Schatten der Esse, das Romandebüt von Judith C. Vogt, ist mittlerweile über zehn Jahre alt, braucht sich aber vor ihren neueren Werken nicht zu verstecken. In der Welt des Rollenspiels Das Schwarze Auge angesiedelt (über das man allerdings dank eines Glossars nichts im Voraus wissen muss, um das Buch zu verstehen), ist es von der Kulisse her ein eher traditioneller Fantasyroman mit ebenso bösartigen wie hässlichen Orks als Schurken und Gestalten wie einem trinkfreudigen Zwergenschmied, der immer wieder einmal für humoristische Einlagen in der ansonsten ernsten und bisweilen auch blutigen Geschichte sorgen darf. Einige Passagen sind recht verstörend (seien es nun Zitas schmerzliche Erinnerungen oder eine happige Folterszene, in der nicht die Antagonisten die Ausführenden sind). Unter dieser Oberfläche verbirgt sich aber mehr, als man vielleicht auf den ersten Blick erwarten würde.

Gerade im Vergleich zu jüngeren Texten wie etwa Anarchie Déco ist es interessant, zu sehen, wie viel Typisches hier bereits zu erkennen ist. Denn auch wenn Judith C. Vogts progressive Ideale in ihrem aktuellen Schaffen vordergründiger ausgearbeitet sein mögen, ist das Bewusstsein für Ungerechtigkeiten und die Sorgen und Nöte von Personen, die von der Gesellschaft an den Rand gedrängt werden, offensichtlich viel älter. Nicht anders ist es mit dem Gespür dafür, was Traumata und die Befürchtung, nicht ernstgenommen zu werden, wenn man für sich selbst eintritt, in einem anrichten können, insbesondere auch in einem Umfeld, in dem die latente Bedrohung durch physische und sexuelle Gewalt erschreckend alltäglich ist.

Bei der Ich-Erzählerin Zita, die sich oft lieber als Schmied denn als Schmiedin bezeichnet und einen klassisch femininen Habitus für sich ablehnt, kann man sich sogar fragen, ob in ihr nicht schon manche Züge angelegt sind, die später in einer Figur wie Nike in Anarchie Déco, die sich einer Einordnung als Frau oder Mann entzieht, eindeutiger zum Tragen kommen. Nach strahlenden Auserwählten sucht man auch in diesem Buch schon vergebens; die rettende Tat im wilden Showdown müssen vom Leben Gebeutelte vollbringen, die durchaus auch das Potenzial haben, viel Unheil anzurichten, und selbst schon schuldig geworden sind. Umso erfreulicher ist es, dass die Lösung eines zentralen Problems nicht in Kampfkraft allein liegt, sondern im geschickten Einsatz ganz anderer Fähigkeiten und in der Zusammenarbeit miteinander.

Abgesehen von diesen nachdenklichen Elementen bietet Im Schatten der Esse aber nach einem ruhigen Anfang auch flotte Dialoge, actionreiche Kämpfe, ein spannend aufgebautes Questenabenteuer und daneben Schilderungen, die viel Begeisterung für das Schmiedehandwerk verraten, die sich sogar in der Namensgebung niederschlägt (so ist es sicher kein Zufall, dass Ulfberth zwar selbst kein Schwert herstellt, aber doch eines geschenkt bekommt). Für alle, die Spaß an klassischen Fantasysettings haben und sich von einem eher düsteren Grundton nicht abschrecken lassen, lohnt sich also der Ausflug in die Wildermark.

Judith C. Vogt: Im Schatten der Esse. Erkrath, FanPro, 2011, 400 Seiten.
ISBN: 978-3-89064-125-6


Genre: Roman

Der vermisste Weihnachtsgast

Das hier besprochene Buch ist Teil einer Reihe. Die Rezension des unmittelbar vorhergehenden Bandes ist hier zu finden.

Als Leiter der Mordkommission genießt Armand Gamache eigentlich großes Ansehen, aber der Konflikt zwischen ihm und seinem bösartigen Vorgesetzten Sylvain Francoeur nimmt immer unerfreulichere Formen an. Da ist es fast schon eine Erleichterung, als die Buchhändlerin Myrna, eine von Gamaches Bekannten aus dem beschaulichen Dorf Three Pines, ihn um Hilfe bittet: Ihre Freundin Constance, die sie über die Weihnachtstage besuchen wollte, ist nicht zum verabredeten Zeitpunkt erschienen. Ihre schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten sich, als Constance ermordet aufgefunden wird. Schnell erweist sich, dass die scheinbar so unauffällige alte Dame in jüngeren Jahren ungewollt eine Berühmtheit war. Wer genug gegen sie gehabt haben könnte, um sie zu erschlagen, lässt sich dennoch nicht im Handumdrehen entschlüsseln. Unterdessen werden Francoeurs Intrigen zur Bedrohung auch für andere Menschen als Gamache, insbesondere für seinen Protegé Jean-Guy Beauvoir, der an seiner von Francoeur geförderten Medikamentensucht zu zerbrechen droht …

Im neuesten ihrer auf Deutsch erschienenen Krimis (der unerklärlicherweise vor dem Folgeband herausgekommen ist, der mit Kenntnis der hier geschilderten Geschehnisse viel mehr Sinn ergibt) fährt Louise Penny einiges auf – so viel, dass die eigentlichen Mordermittlungen fast schon ins Hintertreffen geraten. Armand Gamache muss zwar nicht ganz die Welt retten, aber doch weitaus größere Probleme bewältigen, als sie sonst in die Kompetenz eines Mordermittlers fallen, und neben einem Verbrechen unglaublichen Ausmaßes auch noch eine politische Katastrophe verhindern. Zusammen mit dem Showdown in Westernmanier, der zu guter Letzt auf ihn wartet, ist das alles reichlich dick aufgetragen.

Wenn man Louise Penny diese doch etwas überzogene Herangehensweise verzeiht, dann deshalb, weil ihre Figuren wieder einmal großen Spaß machen. Die allesamt etwas exzentrischen Leute von Three Pines, die dennoch das Herz auf dem rechten Fleck haben, dürfen in diesem Band zusammenarbeiten, um Gamache zu unterstützen, und sind mit ihren Eigenarten und Marotten liebenswert wie eh und je gezeichnet. Auch der Schauplatz Three Pines selbst gehört natürlich nach wie vor zu den Pluspunkten der Reihe. So kommt trotz aller fürchterlichen Ereignisse durchaus ein bisschen wohlige Winterstimmung auf, und an kulinarischen Genüssen mangelt es natürlich auch nicht.

Die Hintergründe des eigentlichen Mordfalls sind, wie so oft bei Louise Penny, in unglücklichen zwischenmenschlichen Beziehungen im engsten Umfeld des Opfers zu suchen. Wer schon einige ihrer Krimis gelesen hat, wird vermutlich bemerken, dass hier zum wiederholten Mal ein ganz bestimmter Personentyp zum Mörder wird. Fast ist man deshalb froh, dass hinter einem zweiten gewaltsamen Todesfall, zu dem es kommt, ganz andere Motive stecken.

Doch wie oben schon angedeutet, ist dieses Buch eigentlich nur teilweise ein typischer Krimi. Im Vordergrund steht bis zu seiner überdramatischen Auflösung das schon seit mehreren Bänden immer weiter aufgebaute Ringen zwischen Gamache und Francoeur, mit Folgen, die für die Weiterentwicklung bestimmter wiederkehrender Figuren entscheidend sind. Als Fan von Three Pines allgemein hat man daher garantiert Spaß an der Lektüre, auch wenn es Romane gibt, in denen der eigentliche Kriminalfall aufregender und besser konstruiert ist.

Louise Penny: Der vermisste Weihnachtsgast. Der neunte Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2021, 576 Seiten.
ISBN: 978-3-311-12030-8

 


Genre: Roman