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Eine Kiste voller Weihnachten

Dresden im späten 19. Jahrhundert. Vincent Storch ist erfolgreicher Hersteller sogenannter „Dresdner Pappen“, einer speziellen Form von Weihnachtsdekoration aus geprägtem und vergoldetem Papier. Privat seit einem nie beigelegten Familienkonflikt griesgrämig und zynisch eingestellt, legt er höchsten Wert auf den guten Ruf seines Unternehmens. Als sich ausgerechnet nach Betriebsschluss am Heiligabend herausstellt, dass eine Lieferung an die Kirchengemeinde im erzgebirgischen Zinnwald schlicht vergessen worden ist, kommt das für Storch daher einer Katastrophe gleich, und er beschließt, den Schaden höchstpersönlich durch eine riskante Fahrt ins winterliche Bergland zu beheben. Dass sich die kleine Lisbeth, die in verzweifelter Lage aus Dresden zurück zu ihrer Familie im Erzgebirge möchte, als blinde Passagierin auf seinem Wagen einschleicht, behagt ihm zunächst überhaupt nicht. Doch im Laufe des beschwerlichen Wegs freunden die beiden ungleichen Reisegefährten sich immer mehr miteinander an, so dass es Storch schon längst nicht mehr kaltlässt, als Gerüchte über ein Unglück zu ihnen dringen, von dem Lisbeths ohnehin vom Schicksal gebeutelte Familie betroffen sein könnte …
Eine Kiste voller Weihnachten gehört zu einer seit einigen Jahren in loser Folge bei Rowohlt veröffentlichten, von Andrea Offermann entzückend illustrierten Reihe von Weihnachtserzählungen (weitere Beispiele sind hier und hier rezensiert). Die Gestalt des verbitterten alten Geschäftsmanns, der zu Weihnachten doch noch seine menschliche Seite wiederentdeckt, ist seit Charles Dickens‘ Ebenezer Scrooge nicht neu in der Literatur, aber Ralf Günther legt mit seinem Vincent Storch eine durchaus amüsante und nicht zu süßliche Interpretation dieses Figurentypus vor. In ihm und der Bergmannstochter Lisbeth prallen auch abgesehen vom Kontrast zwischen Stadt und Land sowie Alt und Jung gegensätzliche Lebenswirklichkeiten und Weltanschauungen aufeinander, die sich allerdings bisweilen recht gut ergänzen, wenn Schwierigkeiten zu meistern sind. Wie die beiden Protagonisten sich Stück für Stück zusammenraufen, ist nett und gefällig erzählt, auch wenn ein Teil ihrer Abenteuer vielleicht einen etwas harmloseren Verlauf nimmt, als es in der Realität zu erwarten wäre (so z.B. die Begegnung mit zwei nicht unbedingt mit den größten Geistesgaben gesegneten Gaunern). Das Ende dagegen ist in seiner Offenheit nicht zu glatt gestaltet, um glaubhaft zu bleiben: Sowohl Vincent als auch Lisbeth sind zum Schluss zwar optimistisch, was die Entwicklung ihrer jeweiligen Situation angeht, aber darüber, ob sich ihre Erwartungen erfüllen werden, muss man als Leserin oder Leser selbst zu einem Schluss kommen.
Seinen Charme verdankt das kleine Buch aber gar nicht so sehr der Handlung allein, sondern vor allem auch der liebevollen Schilderung einer Welt im Wandel, die krasse soziale Gegensätze und archaische Verhältnisse ebenso kennt wie erste Anzeichen der Moderne und einen gewissen Glanz – auch wenn er unter der Oberfläche dann doch nur aus Papier sein mag. Ein paar wohlige Lesestunden, die Weihnachtsstimmung aufkommen lassen, sind so garantiert.

Ralf Günther: Eine Kiste voller Weihnachten. Hamburg, Kindler / Rowohlt, 2019, 128 Seiten.
ISBN: 978-3463406978


Genre: Roman

Something Human

Als die Verteidiger der belagerten Stadt Tios einen erfolglosen Ausfall wagen, scheint für den jungen Adares das Ende gekommen zu sein: Nach einem Sturz unter einem Karren eingeklemmt, wird er von seinen Leuten fälschlich für tot gehalten und zurückgelassen. Ausgerechnet Rus, ein kriegerischer Priester aus dem Heer der feindlichen Luth, rettet ihm das Leben, glaubt sich aber nach einer Verwundung durch einen vergifteten Pfeil selbst todgeweiht. Adares kennt ein Heilmittel, und da beiden Männern die Rückkehr zu ihren jeweiligen Truppen vorerst unmöglich ist, suchen sie in einem verlassenen Tempel Zuflucht. Dort kommt es, wie es kommen muss: Aus gegenseitiger Dankbarkeit wird Freundschaft und bald auch mehr. Doch Rus entstammt einer Kultur, die Homosexualität verachtet und von ihren Priestern Keuschheit erwartet, und auch Adares hütet ein Geheimnis, das eine Liebesbeziehung zu einem Kriegsgegner noch weit leichtsinniger erscheinen lässt, als sie es ohnehin schon wäre …
Something Human ist wahrlich kein Roman ohne Fehler und Schwächen: Die sehr ausgedehnten Liebesszenen hätte man gewiss um mindestens zwei Drittel kürzen können, ohne dass die Geschichte dadurch viel verloren hätte, und im Verhalten der Figuren wirkt manches gerade gegen Anfang heillos naiv (so etwa, dass Adares dem immerhin zum gegnerischen Heer gehörenden Rus sehr früh anvertraut, dass es einen heimlichen Weg in die belagerte Stadt gibt).
Dafür entschädigt wird man jedoch durch die lebendige pseudohistorische Welt, die A. J. Demas (alias Alice Degan) aus Versatzstücken antiker Kulturen entwirft und in lebendigen Beschreibungen heraufbeschwört. Auch wenn man also hier von Historienfantasy sprechen könnte, sind die übernatürlichen Elemente sehr zurückgenommen. Ob die Götter tatsächlich ins Geschehen eingreifen oder dies nur von den handelnden Personen so interpretiert wird, bleibt offen, trägt aber stark dazu bei, die erdachte Religion als unverzichtbaren Teil des Romankosmos zu etablieren.
Doch auch abseits davon hat die hier entwickelte fiktive Antike genug zu bieten: Tios erinnert im weitesten Sinne an eine griechische Stadtgründung im Schwarzmeergebiet, wird aber von den Angehörigen einer Kultur bewohnt, die zusätzlich auch römische Züge umfasst (so lautet z.B. der Titel des gewählten Stadtoberhaupts Archon, aber das Militär setzt sich aus Legionen zusammen). Die Luth wiederum erscheinen wie eine Mischung aus Skythen und Kelten, wobei das von ihnen unter anderem als Orakel genutzte, einer rein männlichen Priesterschaft vorbehaltene Stiertötungsritual vielleicht auch Elemente der Mythologie des historischen Mithraskults aufgreift. Angenehm ist, dass die Autorin beide Lebenswelten gleichberechtigt mit ihren Licht- und Schattenseiten schildert und den Kontrast zwischen ihnen nicht zu einem Gegensatz zwischen verfeinerter Zivilisation und tumben Barbaren oder edlen Wilden stilisiert.
Auch auf der Figurenebene werden die diesbezüglich üblichen Klischees genüsslich gebrochen, und die feinfühlige Charakterisierung nicht nur der beiden Helden, sondern auch ihres jeweiligen Umfelds hebt Something Human über den durchschnittlichen Liebesroman hinaus. Der schon im Titel anklingende Appell, in einem vermeintlichen oder tatsächlichen Gegner immer auch den Mitmenschen zu sehen, durchzieht unterschwellig das ganze Buch. Da nicht nur dies die Protagonisten recht sympathisch macht, gönnt man es ihnen, dass sich einige zunächst unüberwindlich scheinende Schwierigkeiten dann doch schneller in Wohlgefallen auflösen, als es vielleicht in der Realität geschehen würde. Doch wie oben bereits erwähnt, liegt die große Stärke des Romans auch gar nicht so sehr in der Handlung selbst, sondern darin, dass es gelingt, eine erfundene und in mancherlei Hinsicht fremde Welt überzeugend und im allgemein Menschlichen dann doch wieder vertraut wirken zu lassen. Ein paar vergnügliche Lesestunden abseits ausgetretener Pfade kann Something Human damit auf alle Fälle bieten.

A. J. Demas: Something Human. Toronto, Sexton’s Cottage, 2018, E-Book (auch als Taschenbuch erhältlich).
ISBN Printausgabe: 978-1988086118


Genre: Roman

Bretonische Verhältnisse

Kommissar Georges Dupin, aus Paris in die Bretagne strafversetzt, aber mittlerweile ganz gut in der neuen Heimat angekommen, sieht sich mit einem mysteriösen Mordfall konfrontiert: Im Künstlerort Pont-Aven wird ein alter Hotelier erstochen. Wer könnte ein Motiv gehabt haben – die Angehörigen, zu denen das Opfer ein gespanntes Verhältnis hatte, die Hotelangestellten, der langjährige beste Freund oder vielleicht doch der undurchsichtige Direktor des örtlichen Museums? Alles erscheint in ganz neuem Licht, als Dupin herausfindet, dass der Ermordete ein Geheimnis hatte, das mit den Aufenhalten des berühmten Malers Paul Gauguin in Pont-Aven zusammenhängt. Doch dann wird eine zweite Leiche gefunden …
Wenn man erst spät ein bekanntes Buch liest, aus dem sich inzwischen eine seit Jahren erfolgreiche Serie entwickelt hat, verändert das unweigerlich den Blick: Die Erwartungen sind hoch, aber zugleich hegt man vielleicht eine gewisse Skepsis, ob der Hype wirklich berechtigt ist.
In diesem Fall erkennt man jedoch bei der Lektüre rasch, dass Bannalecs Krimis ihre Popularität verdient haben: Ein spannender Fall, ein eingängig gezeichnetes Ermittlerteam um den in allen Lebenslagen Unmengen von Kaffee trinkenden Kommissar und augenzwinkernde Seitenhiebe auf Klischees des Genres bieten glänzende Unterhaltung.
Der Hauptreiz liegt aber natürlich gar nicht so sehr in der Aufklärung des Mordes, sondern in der liebevollen Schilderung der Bretagne einschließlich ihrer Eigenarten, kulinarischen Köstlichkeiten, landschaftlichen Schönheit und Sehenswürdigkeiten. Gelegentlich wird ziemlich deutlich, dass Bannalec dabei für eine gute Beschreibung auch gern Umwege der Handlung (und seines Helden) in Kauf nimmt: So gelangt Dupin z.B. gegen Ende des Romans auf der Suche nach einem Beweisstück in einen besonders pittoresken Ort, der selbstverständlich in allen Details schwelgerisch heraufbeschworen wird, bevor sich erweist, dass der Kommissar vielleicht doch besser an anderer Stelle nachsehen sollte.
Zentral ist natürlich auch die Geschichte der Schule von Pont-Aven, wobei der Autor die realen kunsthistorischen Details gekonnt mit fiktiven verknüpft und ein Gemälde hinzuerfindet, das zwar in Wirklichkeit nicht existiert, sich aber durchaus glaubwürdig ins Œuvre des Künstlers einfügt, dem es zugeschrieben wird.
Ein Wermutstropfen sei allerdings nicht verschwiegen: Sprachlich ist leider nicht alles perfekt. Der Roman hätte ein gründlicheres Lektorat und Korrektorat gebrauchen können. Die Liste des Verbesserungswürdigen reicht von Tippfehlern und anderen Kleinigkeiten (so hat z.B. Pont-Aven im Text – anders als auf der beigefügten Karte – rätselhafterweise durchgängig keinen Bindestrich) über doch recht viele vermeidbare Wortwiederholungen bis hin zu Formulierungen, die so umgangssprachlich sind, dass sie schon an Grammatikfehler grenzen („brauchen“ mit Infinitiv ohne „zu“). Da es sich bei der mir vorliegenden Ausgabe schon um die vierte Auflage des Romans handelt, ist es doppelt bedauerlich, dass solche Schnitzer entweder niemandem aufgefallen sind oder vom Verlag schlicht als unwichtig eingestuft werden.
Ein gutes Buch sind die Bretonischen Verhältnisse trotzdem ohne jede Frage, aber gerade deshalb hätten sie den fehlenden Feinschliff unbedingt verdient.

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Verhältnisse. Ein Fall für Kommissar Dupin. 4. Aufl. Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2012, 302 Seiten.
ISBN: 978-3462044065


Genre: Roman

Die Lilie in Kardinalrot

Paris 1640. Die Kompanie der Musketiere ist aufgelöst, ihr Hauptmann in die Verbannung geschickt. Der ehemalige Leutnant d’Artagnan hadert mit seinem Schicksal. Da erhält er von keinem Geringeren als Kardinal Richelieu ein schier unglaubliches Angebot: Die Musketiere könnten unter d’Artagnan als neuem Befehlshaber wieder zusammengerufen werden, wenn es ihm zuvor gelingt, das rätselhafte Verschwinden einer Adligen aufzuklären. Doch zu dem Zweck muss d’Artagnan das Undenkbare tun und in die Garde seines alten Gegenspielers eintreten …
Das Wichtigste vorab: Um Die Lilie in Kardinalrot voll und ganz genießen zu können, sollte man Alexandre Dumas‘ Klassiker Die drei Musketiere gelesen haben. Denn was Maren von Strom hier mit viel Verve, Herzblut und Humor vorlegt, ist eine alternative Fortsetzung der Geschichte, in der d’Artagnan einen ganz anderen Weg einschlägt als in den späteren Bänden von Dumas (Zwanzig Jahre danach und Der Vicomte de Bragelonne).
Als historischen Roman im strengen Sinne – also als literarische Aufbereitung tatsächlicher Ereignisse – sollte man die Lilie dabei nicht verstehen, sondern als pralles Abenteuer vor geschichtsträchtiger Kulisse. Die Autorin verlegt zwei verbürgte Vorfälle (die Verbannung des Kommandeurs der Musketiere kurz vor Richelieus Tod und die Auflösung der Truppe unter dessen Nachfolger Mazarin) um einige Jahre vor und lässt sie zusammenfallen, um daraus eine maßgeschneiderte Ausgangssituation für eine Räuberpistole um den etwas gereiften, aber nicht unbedingt auf allen Gebieten weise gewordenen d’Artagnan zu stricken.
Seine Vorliebe für Anjouwein und seine fragwürdige Herangehensweise an Beziehungen zum anderen Geschlecht hat er kein bisschen verloren, aber anders als im Original ist er hier kein jugendlicher Heißsporn, sondern ein nachdenklicherer Mann, der sich nicht mehr blind in jeden Kampf stürzt und liebgewonnene Gewissheiten zu hinterfragen beginnt.
Dies geschieht jedoch zugleich auch auf der Erzählerebene, und nicht allein deshalb, weil die ewigen Antagonisten der Musketiere hier einmal selbst in die Protagonistenrolle schlüpfen dürfen und so Soldaten des Kardinals, die bei Dumas kaum mehr als Namen sind, ihre eigene Persönlichkeit (und im Fall des Leutnants Jussac auch eine komplette Familie) gewinnen. Vielmehr wird auch gehörig an einigen Selbstverständlichkeiten klassischer Abenteuerliteratur gekratzt: Die unschönen Langzeitfolgen von Kampfverletzungen und Folterungen werden ebenso in den Blick genommen wie soziale Ungerechtigkeiten und die Kollateralschäden typischen Romanheldenverhaltens. Nicht für jede Figur, mit der man mitfühlt, gibt es ein Happy End.
Trotz dieser melancholischen Zwischentöne kommt allerdings der Unterhaltungswert nicht zu kurz, fügen sie sich doch in eine geradlinig erzählte, actionreiche Geschichte um List und Gegenlist, in der Bündnisse und Loyalitäten fast im Kapiteltakt wechseln und manch eine unvorhersehbare Wendung wartet.
Spaß machen dabei besonders die spritzigen Dialoge. Gerade d’Artagnan und Rochefort, der Meisterspion des Kardinals, werfen sich die Pointen oft gegenseitig zu. In vielen Formulierungen stecken dabei Anspielungen auf Die drei Musketiere, deren Erzählhaltung auch in den schwelgerischen Beschreibungen von Paris nachgeahmt wird. Wer Lust hat, sich von einem nostalgischen Mantel-und-Degen-Roman mitreißen zu lassen, der die Stärken des Genres ausspielt, zugleich aber dessen Schwächen selbstironisch bricht, findet in der Lilie in Kardinalrot deshalb vergnügliche Lektüre.

Maren von Strom: Die Lilie in Kardinalrot. Berlin, epubli, 2019, e-Book (auch als Taschenbuch erhältlich, ISBN: 978-3748554240).


Genre: Roman

Heartstone

Nacherzählungen und Abwandlungen von Jane Austens Pride and Prejudice (dt. Stolz und Vorurteil) gibt es wie Sand am Meer. In die große Schar der Austen-Epigonen reiht sich Elle Katharine White mit Heartstone ein, das die Handlung des Klassikers in eine Welt voller Fabelwesen und übernatürlicher Bedrohungen verlegt.
Hier sind es also Aliza Bentaine, Tochter des Schreibers eines Gutsherrn, und der adelsstolze Drachenreiter Alistair Daired, die sich erst ganz und gar nicht grün sind und doch irgendwie nicht voneinander lassen können. In den Grundzügen folgt der Ablauf der Geschehnisse dabei so eng dem Original, dass sich eine Inhaltszusammenfassung erübrigt – abgesehen von dem Hinweis, dass es die Bedrohung durch ein mordlüsternes Greifenrudel ist, die Daired und seine Freunde überhaupt erst in die Umgebung der Bentaine-Schwestern führt und dass die Umdeutung der Geschichte an einem der anscheinend unausrottbaren Grundübel des Fantasygenres krankt: Ohne ein gerüttelt Maß an Gewalt und Blutvergießen inklusive obligatorischer Entscheidungsschlacht scheint es für viele Autorinnen und Autoren (und ihre Leserschaft) einfach nicht zu gehen.
Das unter diesen Umständen die psychologische Durchdringung und der subtile Witz des Vorbilds weder erreicht noch überhaupt angestrebt werden, ist aber noch nicht einmal das Hauptproblem. Vielmehr ergeben sich gewisse Schwierigkeiten daraus, den Plot in eine völlig andere Kulisse zu verpflanzen, und wie gut White sie meistert, schwankt je nach Situation. Da in der Welt von Heartstone Studium, Berufsausbildung und militärische Karriere auch Frauen offenstehen, wirkt es unverständlich, dass die Bentaine-Schwestern überwiegend gar nicht daran denken, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Die schrillen Versuche der Mutter, ihre Kinder unter die Haube zu bringen, verlieren die Berechtigung, die sie bei Austen darin finden, dass eine Heirat die einzig mögliche wirtschaftliche und soziale Absicherung für eine Frau darstellt. Im Fall von Alizas Freundin Gwyn (die der Charlotte Lucas des Originals entspricht) ist White das damit einhergehende Glaubwürdigkeitsproblem wohl selbst klar, führt sie doch eine nie befriedigend aufgelöste Nebenhandlung um Unterschlagung und Schulden ein, um plausibel zu machen, warum Gwyn den Antrag eines auf den ersten Blick nicht sehr verheißungsvollen Verehrers bereitwillig annimmt.
Trotz dieser Schwächen hat Heartstone aber durchaus seine unterhaltsamen Elemente. Sprachlich ist der Roman gelungen, die Welt hat charmante Details wie von Kobolden und Wichteln bevölkerte Gärten zu bieten, und solange man nicht zu sehr nachdenkt und zu den oben skizzierten Schlüssen kommt, liest sich die Geschichte flüssig und streckenweise vergnüglich (etwa bei der Schilderung eines Besuchs in einer von Feuergeistern betriebenen Schmiede). Auch einige Nebenfiguren erfahren eine interessante Umdeutung. So erweist sich z.B. die spröde Gelehrsamkeit von Alizas Schwester Mari (Mary) zwar auch hier als gesellschaftlich hinderlich, aber zugleich als extrem hilfreich im Umgang mit übernatürlichen Wesen. Die Protagonisten jedoch gewinnen keine sonderlich spannenden neuen Facetten hinzu, die über eine merkliche Vergröberung und Übersteigerung der schon bei Austen angelegten Züge hinausgehen.
Insgesamt wünscht man sich deshalb nach der Lektüre, White hätte ihr unbestreitbar vorhandenes Schreibtalent und ihre Fabulierfreude in ein originelleres Buch gesteckt, statt zu versuchen, ein altes Erfolgsmodell nachzuahmen und dabei immer wieder zu straucheln. Dem derzeitigen Lesegeschmack insbesondere in der Fantasy dürfte die Konzentration auf Action, Dramatik und Unkompliziertheit allerdings entgegenkommen, so dass Heartstone sicher durchaus seine Fans finden wird – allerdings wohl eher unter denjenigen, die Austen nie gelesen haben.

Elle Katharine White: Heartstone. New York, Harper Voyager (HarperCollins), 2016, 337 Seiten.
ISBN: 978-0062451941


Genre: Roman

Die kleine Kanzlei am Markt

Kerstin und Helen betreiben, unterstützt von ihrer patenten Sekretärin Frau Vogt, gemeinsam eine Anwaltskanzlei in München, könnten aber gar nicht gegensätzlicher sein. Während Kerstin sich oft genug zwischen Beruf und Familie aufreibt und eigene Interessen immer wieder zurückstellen muss, führt Helen ein flottes Junggesellinnenleben, fühlt sich aber eigentlich einsam und hegt heimliche Wünsche, die sich in einer klassischen Paarbeziehung gar nicht verwirklichen lassen würden.
Der eingespielte Alltagstrott der drei gerät aus dem Takt, als Frau Vogt dahinterkommt, dass ihr Mann sie betrügt, und Kerstin am selben Tag entdeckt, dass auch ihr zu Hause etwas verschwiegen wird. Helen dagegen schwebt unversehens im siebten Himmel: Nicht genug damit, dass ihre heißgeliebte Nichte nach einem längeren Auslandsaufenthalt bei ihr einzieht, ein überaus attraktiver Mandant entwickelt plötzlich ein alles andere als geschäftliches Interesse an ihr. Aber kann das lange gut gehen?
Die kleine Kanzlei am Markt ist ein ruhig erzählter Unterhaltungsroman, dem man anmerkt, wie viel Herzblut und Begeisterung Elly Sellers in die Geschichte gesteckt hat. Detailfreudig entwickelt sie ihre Figuren und malt das frühlingshafte München als Schauplatz liebevoll aus. Insbesondere kulinarische Köstlichkeiten spielen dabei eine große Rolle, ganz gleich, ob die Protagonistinnen gerade selbst den Kochlöffel schwingen oder Cafés, Restaurants und Delikatessengeschäfte aufsuchen. Die Gefahr, Appetit auf alles Mögliche von Pfannkuchen über belgische Pralinen bis hin zur Riesenportion Erdbeeren zu bekommen, ist beim Lesen eindeutig immer wieder gegeben. Doch auch Unternehmungen wie Wanderungen, Joggingrunden oder Museumsbesuche kommen nicht zu kurz und bilden einen vergnüglichen Kontrapunkt zur minutiös beschriebenen Arbeit in der Kanzlei. Da Elly Sellers selbst Anwältin ist, weiß sie, worüber sie schreibt, und erlaubt sich auch Seitenhiebe auf die übertriebene Darstellung des Berufs in den einschlägigen Anwaltsserien im Fernsehen.
Apropos Fernsehen: Die Handlung mit ihrem slice-of-life-Ansatz könnte man sich auch gut als Serie verfilmt vorstellen. Vorhersagbar verläuft sie übrigens nicht, denn die Heldinnen schlagen teilweise unerwartete Wege ein, um ihr Glück zu finden. Sympathisch ist, dass sehr unterschiedliche Lebensentwürfe als gleichermaßen legitim dargestellt werden, statt eine Lösung als passend für alle zu präsentieren. Formelhaft wie im klassischen Liebesroman entwickeln sich die zwischenmenschlichen Beziehungen nicht.
Wer noch eine leichte, lockere und immer wieder auch humorvolle Sommerlektüre sucht, die überraschende Wendungen bietet, wird hier daher fündig, und vielleicht kann man auch auf eine Fortsetzung um die Erlebnisse der drei Frauen aus der Kanzlei am Markt hoffen. Denn Platz für spannende neue Entwicklungen bleibt am Ende auf jeden Fall.

Elly Sellers: Die kleine Kanzlei am Markt. Norderstedt, Books on Demand, 2018, 338 Seiten.
ISBN: 9783749429820


Genre: Roman

Ihr Los ist Finsternis

Die irische Rechtsgelehrte Fidelma langweilt sich. Mit der Aufklärung einer Serie spektakulärer Silberdiebstähle ist, sehr zu ihrem Unmut, ein anderer Jurist betraut worden, und auch sonst gibt es für sie gerade wenig Aufregendes zu tun. Da ist es schon fast hochwillkommen, dass ihr Mann Eadulf eine Leiche entdeckt, die so übel zugerichtet ist, dass alles auf einen heidnischen Ritualmord hindeutet. Da auch noch das mit allerlei abergläubischen Vorstellungen befrachtete Samhain-Fest vor der Tür steht, geht in Cashel bald die Angst um. Doch stecken wirklich Anhänger des alten Glaubens hinter der brutalen Tat, und besteht vielleicht sogar ein Zusammenhang mit einem brisanten Buch, das aus dem päpstlichen Archiv in Rom entwendet worden sein soll?
Eingängig gezeichnete Figuren, Theologie und Geschichte des Frühmittelalters, ein etwas idealisiertes Bild des alten Irland und gleich mehrere Morde: Peter Tremayne bietet mit Ihr Los ist Finsternis genau das, was man von seiner inzwischen seit Jahrzehnten erfolgreichen Krimireihe gewohnt ist. Von den eigentlichen Ermittlungen her ist dieser Band auch eine durchaus solide Episode: Mehrere unterschiedliche Verbrechen erweisen sich als enger miteinander verflochten, als man zunächst annehmen könnte, und ein sektiererisches Kloster kristallisiert sich schon bald als der Ort heraus, an dem alle Fäden zusammenlaufen.
Während dieser Schauplatz eigentlich durchaus spannend gewählt ist, zeigt er aber zugleich, woran die Romanserie mittlerweile krankt: Der Wunsch, immer wieder Neues und Spektakuläres im Umfeld von Fidelmas Wohnort Cashel einzuführen, geht teilweise auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Dass so gut wie niemand am dortigen Königshof überhaupt weiß, dass es in weniger als einer Tagesreise Entfernung ein aus einem Fürstensitz hervorgegangenes Kloster überhaupt gibt (ganz zu schweigen davon, dass dort teilweise Merkwürdiges vorgeht), wirkt nicht unbedingt überzeugend. Ähnlich ist es mit manchem running gag, der stur durchgehalten wird, obwohl man ihm seine handlungsinterne Berechtigung kaum noch abnimmt (z.B. fragt man sich, wie es sein kann, dass es um Eadulfs Reitkünste immer noch erbärmlich bestellt ist – so oft, wie der gute Mann in fast jedem Band der Reihe im Sattel sitzt, ist es wirklich eine stramme Leistung, dass er immer noch kein bisschen dazuzulernen scheint).
Die Übersetzung von Bela Wohl ist im Großen und Ganzen gelungen, hätte aber stellenweise ein gründlicheres Lektorat verdient gehabt (so ist übersehen worden, dass schwankt, ob die Länderbezeichnung „Gaul“ korrekt als „Gallien“ übertragen oder unübersetzt gelassen wird).
Trotz dieser kleinen Schwächen liest sich Ihr Los ist Finsternis insgesamt recht unterhaltsam und hat auch einige wirklich witzige Szenen zu bieten (ewa die, in der eine theologische Debatte unter Mönchen bis hin zu Handgreiflichkeiten eskaliert). Für Fans der Reihe ist der Roman also ein nettes Wiedersehen mit alten Bekannten und sicher trotz allem keine Enttäuschung. Wer Fidelma und ihre Mitstreiter noch nicht kennt, hat aber vermutlich mehr davon, mit einem der zahlreichen älteren Bände in ihre Abenteuer einzusteigen.

Peter Tremayne: Ihr Los ist Finsternis. Historischer Kriminalroman. Berlin, Aufbau, 2018, 430 Seiten.
ISBN: 9783746634579


Genre: Roman

Thick as Thieves

Als Sklave des medischen Aristokraten Nahuseresh, der als Gesandter in Attolia auf ganzer Linie gescheitert ist, muss der hochgebildete Kamet die unvorhersehbaren Launen seines Herrn und nicht selten auch körperliche Misshandlungen ertragen. Dennoch ist er alles andere als begeistert, als ein attolischer Soldat ihm vorschlägt, ihn zu befreien und mit in seine Heimat zu nehmen. Als Sklave am Herrscherhof des mächtigen Mederreichs einen begrenzten Einfluss zu haben, ist aus seiner Sicht immer noch ersprießlicher, als zwar frei, aber unter Barbaren in der Fremde hausen zu müssen. Die Nachricht, dass Nahuseresh vergiftet wurde und seine Dienerschaft nun unter Mordverdacht steht, zwingt ihn bald darauf, das unwillkommene Angebot doch noch anzunehmen. Da Kamets Flucht nicht unbemerkt bleibt, wird die Reise in die Freiheit zu einem wilden Abenteuer, in dem nicht nur von den Elitetruppen des Mederreichs Gefahr droht, sondern auch von Löwen, Banditen und Verrätern – ganz zu schweigen davon, dass keiner der beiden gegensätzlichen Gefährten die ganze Wahrheit über die Hintergründe der Geschehnisse kennt, in die sie verwickelt werden …
Mit Thick as Thieves kehrt Megan Whalen Turner in die an den östlichen Mittelmeerraum angelehnte Welt ihrer Reihe The Queen’s Thief (auf Deutsch als Die Legenden von Attolia erschienen) zurück und macht mit Kamet eine Nebenfigur aus einem der früheren Bände zum Protagonisten und Ich-Erzähler. Der neue Roman lässt sich aber durchaus auch unabhängig von den Vorgängerwerken lesen, auch wenn manche Zusammenhänge (wie etwa die Identität des von Kamet stets nur als „the Attolian“ beschriebenen Mannes) einem bei Vorkenntnissen aus den anderen Teilen sehr viel schneller klarwerden.
Zwar greift die Autorin mit der Form des Reiseabenteuers, der Thematisierung unverhofften göttlichen Eingreifens und der differenzierten Behandlung der Sklavereiproblematik wieder einmal Elemente auf, die ihr schon seit Beginn der Reihe erkennbar besonders am Herzen liegen, doch abgesehen davon nimmt sie hier geographisch wie inhaltlich wesentliche Erweiterungen vor. Man lernt nicht nur das sonst bisher als feindliche Entität eher vage umrissene Mederreich aus der Innensicht kennen, sondern erhält auch erste Hinweise auf die politischen Verhältnisse im nördlich und westlich gelegenen Pseudoeuropa. Vor allem aber tut es der Geschichte gut, dass der wie gewohnt schier übermächtige attolische Herrscher Eugenides hier überwiegend im Hintergrund agiert und anderen die Bühne überlässt. Mit dem (nicht unbedingt im übertragenen Sinne) kurzsichtigen, wenig kämpferischen und von kultureller Arroganz ebenso wie von langen Sklavenjahren geprägten Kamet steht ein sehr unwahrscheinlicher Held im Mittelpunkt. Wie er ganz allmählich hinzulernt und nicht nur zu sich selbst findet, sondern sich auch mit seinem attolischen Gefährten zusammenrauft, liest sich spannend, oft anrührend und stellenweise auch wunderbar komisch.
Am meisten Spaß macht es aber wie immer bei Turner, den Quellen nachzuspüren, aus denen sie schöpft. Stand bisher die griechische Mythologie Pate für ihre fiktiven Sagen, so ist hier das Gilgamesch-Epos der hauptsächliche und kongenial genutzte Ideengeber, wie überhaupt das Mederreich dem alten Mesopotamien nachgebildet ist. Bestimmte Details (wie etwa die berühmten Stadtmauern von Babylon) sind sogar beinahe unverändert aus der Realität an die imaginierten Orte übertragen. Der Reiseweg, den ihr Protagonistenduo beschreitet, ist eindeutig von Xenophons Anabasis angeregt, und die aus dem Philogelos entnommenen Scherze, die der Attolier Kamet mit mäßigem Erfolg erzählt, sind eigentlich schon ein Plagiat, da sie fast wortwörtlich ihren Vorbildern in der antiken Witzesammlung entsprechen. Darüber, ob Kamet selbst sich in manchen Zügen an Bagoas in Mary Renaults The Persian Boy (dt. Ein Weltreich zu erobern) anlehnt, kann man dagegen nur spekulieren; möglich ist es immerhin.
Alle Fans historisch inspirierter Fantasy oder auch einfach nur schöner Freundschaftsgeschichten mit vielschichtigen Charakteren können also mit der Lektüre gar nichts falsch machen.

Megan Whalen Turner: Thick as Thieves. New York, Greenwillow Books (HarperCollins), 2017, 369 Seiten.
ISBN: 9780062568267


Genre: Roman

Das Stuttgarter Hutzelmännlein

Im frühen 14. Jahrhundert will der nicht gerade mit überragenden Geistesgaben ausgestattete Schustergeselle Seppe von Stuttgart aus in die Welt ziehen. Vom geheimnisvollen Hutzelmännlein erhält er vor seinem Aufbruch nicht nur den Auftrag, nach einem ganz bestimmten Bleiklötzchen zu suchen, sondern auch mehrere magische Geschenke, darunter zwei Paar Schuhe, von denen er eines tragen, das andere aber am Wegrand zurücklassen soll, um zu seinem Glück zu gelangen. Dummerweise vertauscht Seppe jedoch jeweils einen Schuh des Paars, so dass ihm und der Finderin der zurückgelassenen Schuhe, der jungen Vrone, allerlei gefährliche Missgeschicke zustoßen. Daraus ergeben sich zahlreiche Abenteuer, in denen zwei ungesühnte Gattenmorde, ein Krakenzahn und das angeblich von der Titelfigur erfundene Hutzelbrot (eine Art Früchtebrot) eine nicht unwesentliche Rolle spielen, bis am Ende die ursprüngliche zusammengehörigen Schuhpaare auf ebenso unerwartete wie spektakuläre Art wieder zusammenfinden und damit auch Seppes und Vrones weiteres Leben bestimmen …
Eduard Mörikes 1853 zum ersten Mal erschienenes Stuttgarter Hutzelmännlein ist ein ebenso charmanter wie fabulierfreudiger Text, der rein formal auf halbem Weg zwischen Kunstmärchen und Novelle steht, aber trotz seiner so harmlosen Anmutung einige ziemlich subversive und ironische Elemente enthält. Der bekannteste Teil des Werks ist heute vermutlich die als eine von mehreren Binnenerzählungen eingefügte, aber auch als Vorgeschichte der Haupthandlung zentrale Historie von der schönen Lau um das Schicksal einer Wasserfrau im Blautopf bei Blaubeuren, aber auch der Rest der Geschichte ist sehr lesenswert und vergnüglich. Unverzichtbar bei der Lektüre ist allerdings das schon von Mörike selbst begonnene und von den modernen Herausgebern noch ergänzte Glossar, denn der Autor gibt der Sprache seiner Erzählung durch teils regionale, teils schon zu seiner Zeit überholte und archaische Begriffe ein ganz besonderes Gepräge. Selbst mit halbwegs soliden Kenntnissen früherer Sprachstufen des Deutschen stößt man hier deshalb garantiert auf einige Wörter, die einem noch nie begegnet sind, doch das ist, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, so amüsant wie die Geschichte selbst.
Denn so naiv sie in den Grundzügen anmuten mag, gewisse Untiefen fehlen eigentlich nie. Manchmal wird es verblüffend frech und doppeldeutig (so etwa im Traum der schönen Lau von der Wirtin und dem Abt), dann wiederum wird die Illusion eines fernen ursprünglichen Mittelalters gekonnt torpediert, wenn eine Figur im Suff lamentieren darf, dass ja leider das Schießpulver noch nicht erfunden ist. Der sich daraus ergebene Scherz wird sogar zu einer ganzen kleinen Nebenhandlung ausgestaltet. Trotz aller Ironisierung kommt auch immer wieder Mörikes spürbare Freude an poetischen Stadt- und Landschaftsschilderungen und an Sagen- und Märchenhaftem aller Art zum Tragen. Sympathisch ist, dass, anders als im typischen Märchen, auch die Antagonisten relativ gut davonkommen. Die Vergeltung, die sie für ihre Taten erleiden müssen, übersteigt ein gewisses Maß nicht und lässt die Aussicht auf Besserung.
Natürlich gäbe es noch mancherlei zu Entstehungszeittypischem und -untypischem, den entworfenen Geschlechterrollenbildern, literarischen Techniken und Mörikes immer wieder durchschimmernder gelehrter Bildung zu bemerken, aber ein literaturwissenschaftlicher Aufsatz soll diese Rezension ja nicht werden, sondern nur eine Leseempfehlung. Denn wer Lust auf ein liebenswertes Beispiel von Fantasy avant la lettre hat, sollte bedenkenlos zu diesem Klassiker greifen und sich ein paar unterhaltsame Lektürestunden gönnen.

Eduard Mörike: Das Stuttgarter Hutzelmännlein. Stuttgart, Reclam, 1970 (RUB 4755), 112 Seiten.
ISBN: 9783150047552


Genre: Märchen und Mythen, Roman

Mittagsstunde

Es sind nicht unbedingt nur glückliche Erinnerungen, die den Vor- und Frühgeschichtler Ingwer Feddersen mit seinem Heimatdörfchen Brinkebüll verbinden. Doch als es mit der Gesundheit seiner dementen Großmutter Ella und ihres starrköpfigen Mannes Sönke steil bergabgeht, nimmt Ingwer sich ein Sabbatjahr, um als Pfleger einzuspringen und sich zugleich um den maroden Dorfkrug der Familie zu kümmern. Die Heimkehr auf Zeit wird nicht nur zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, sondern auch mit dem radikalen Wandel des ländlichen Raums seit dem Zweiten Weltkrieg …
In weitaus stärkerem Maße als Dörte Hansens Debüt Altes Land ist ihr neuer Roman Mittagsstunde eine Abfolge von Stimmungsbildern ohne sonderlich ausgeprägte übergreifende Handlung. Im Mittelpunkt stehen weniger die Erlebnisse der sperrigen und gerade nicht als leicht zugängliche Identifikationsfiguren angelegten Protagonisten, sondern die oft zerstörerischen Veränderungen, denen Landschaft und Lebensweise in den letzten fünf bis sechs Jahrzehnten unterworfen waren. Dreh- und Angelpunkt der Entwicklung ist dabei in Brinkebüll eine Flurbereinigung, die nicht nur das Leben der Wirtsfamilie Feddersen durcheinanderwirbelt und indirekt für Ingwers Existenz verantwortlich ist, sondern dem Ort auch sein bisheriges Gesicht nimmt (bis auf das in letzter Sekunde vom Dorflehrer gerettete Hünengrab).
Hansen beschwört dabei nicht nur in spröder Klarheit eine fiktive, aber realitätsnahe Topographie herauf, sondern erweist sich auch wieder einmal als präzise Beobachterin unterschiedlicher Milieus in allen behandelten Epochen – von der starren alten Dorfgemeinschaft, der die titelgebende Mittagsstunde heilig ist, über eine Hippiekommune auf dem Lande bis hin zu Ingwers akademischer Umgebung und alternder WG im Kiel der Gegenwart. Gelegentlich kann man sogar etwas schmunzeln (so gibt es z.B. Anspielungen auf ihren Spezialinteressen sehr ergebene Archäologen, in denen man u.a. Alfred Dieck und Marcus Junkelmann erkennen kann, und auch einige der zu einem Großteil auf Plattdeutsch gebotenen Dialoge enthalten einen Spritzer Humor).
Insgesamt ist die Atmosphäre jedoch deutlich düsterer und hoffnungsloser als im Alten Land. Dass eine exzentrische Dorfbewohnerin sich als Weltuntergangsprophetin betätigt, ist symptomatisch: Verlust, Abschied, Tod und die Unerfüllbarkeit ureigenster Wünsche sind zentrale Themen, vermeintlich Tröstliches wird in mehr als einem Fall als Lebenslüge entlarvt, und mehr als einem Neuanfang haftet ein Hauch von Erbärmlichkeit an. Hansens Nordfriesland erscheint als Gegenbeweis zu dem alljährlich durch die Medien geisternden Befund, in Schleswig-Holstein würden die glücklichsten Menschen von ganz Deutschland leben. Dennoch weiß man nicht ganz, ob man das Ende der überkommenen Sozialstruktur wirklich bedauern soll, denn so, wie sie beschrieben wird, hatte sie viel geistige Enge, Verlogenheit und Raum für Gewalt zu bieten, aber abgesehen von einem diffusen Heimatgefühl nicht viel, was dem postmodernen Trübsinn der Romangegenwart überlegen wäre. So ist das Vergnügen, dass die Mittagsstunde einem durch Hansens Sprachkunst und ihr Talent für eine ganz spezielle Art geschriebener Genrebilder bietet, eher intellektueller als emotionaler Natur. Wer ein Buch sucht, das ihn ein wenig mit der Welt und der Menschheit versöhnen kann, wird es hier jedenfalls nicht finden.

Dörte Hansen: Mittagsstunde. München, Penguin, 2018, 320 Seiten.
ISBN: 9783328600039


Genre: Roman