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Lacroix und die Toten vom Pont Neuf

Unter dem Pont Neuf in Paris wird ein Obdachloser ermordet aufgefunden. Der ein wenig altmodische Kommissar Lacroix und seine Mitarbeiter nehmen sich des Falls an. Bald rückt ein kriminelles Brüderpaar, das im Milieu Schutzgelderpressung betreibt, in den Fokus der Ermittlungen, aber als es nicht bei einer einzigen Leiche bleibt, steht bald ein ganz anderer Verdacht im Raum: Ist etwa der nie gefasste Serienkiller zurück, der schon vor Jahrzehnten an der Seine umging – oder sind die Motive für die neuen Morde vielleicht doch persönlicherer Natur?

Es ist ein sehr klassischer Krimi, den Alex Lépic mit Lacroix und die Toten vom Pont Neuf, dem Eingangsband einer neuen Reihe, vorlegt. Zwar gibt es ein paar behutsame Modernisierungen – so etwa ein recht divers aufgestelltes Ermittlerteam, in dem besonders die engagierte Jade Rio hervorsticht, die aus einem französischen Überseegebiet stammt und in einer lesbischen Ehe lebt -, aber die Hauptfigur Lacroix wird nicht ohne Grund auch buchintern gern mit Maigret verglichen. Technischen Neuerungen abhold, dafür aber mit einer Vorliebe für gutes Essen gesegnet und bestens in einem bei seinen Nachforschungen hilfreichen Umfeld verwurzelt, kann sich der Kommissar ganz auf sein Gespür verlassen und auf traditionelle Art die richtigen Schlüsse aus seinen Beobachtungen ziehen.

Die Runde kauziger Gestalten vom alten Gemüsehändler über die Wirtin des Stammbistros bis hin zum als Priester mit Gott und der Welt bekannten Bruder, die als privater Bezugsrahmen um den Helden etabliert wird, ist nicht unsympathisch, aber typenhafter geraten als z.B. das wiederkehrende Personal in den Krimis von Louise Penny. In gewisser Weise gilt das auch für das Paris, das Lépic beschreibt: Bekannte Landmarken, die auch in jedem Reiseführer vorkommen, haben ihren Auftritt, und das Leben an der Seine wird vielleicht etwas zu sehr so geschildert, wie ein deutsches Publikum es sich gern ausmalt, als wie es wirklich sein könnte. Ein bisschen hat man deshalb den Eindruck, dass der Reiheneinstieg gezielt darauf ausgerichtet ist, auf der Erfolgswelle der Frankreichkrimis mitzuschwimmen, die im Gefolge der beliebten Werke insbesondere von Martin Walker und Jean-Luc Bannalec seit Jahren in wachsender Zahl erscheinen.

Solange man die Erkenntnis, dass hier vorauseilend ganz bestimmte Lesevorlieben bedient werden, mit Humor nehmen kann, wird man jedoch von der Geschichte gut unterhalten. Der eigentliche Kriminalfall ist spannend gestaltet, auch wenn es der Autor seinem Protagonisten bei der Klärung der Frage, ob eine Verbindung zwischen den neuen Mordfällen und denen in der Vergangenheit besteht, vielleicht einen Hauch zu einfach macht. Das Drumherum mit ausgedehnten Bistrobesuchen und Gesprächen auch über Themen abseits der Ermittlungen liest sich vergnüglich, und sich irgendwann auf einen weiteren Besuch in Lépics Paris einzulassen, schadet sicher nicht.

Gründlicher hätte allerdings das Korrektorat vorgehen können, denn neben den üblichen Tippfehlern, die man immer einmal übersehen kann, sind hier und da auch regelrechte Stilblüten stehen geblieben (z.B., wenn Lacroix sich auf der Suche nach Beweismaterial bei einigen Müllmännern erkundigt, ob sie „die restlichen Mülltonnen denn gelehrt“ hätten, S. 156).

Alex Lépic: Lacroix und die Toten vom Pont Neuf. Zürich, Kampa, 2019, 272 Seiten.
ISBN: 978-311-12500-6


Genre: Roman

Bei Sonnenaufgang

Clara Morrow, unterschätzte Malerin und gute Bekannte von Chief Inspector Armand Gamache, bekommt endlich eine große Einzelausstellung. Doch die Freude währt nicht lange: Am Morgen nach der Vernissage liegt die einst gefürchtete, mittlerweile aber in die Bedeutungslosigkeit abgerutschte Kunstkritikerin Lillian Dyson mit gebrochenem Genick in Claras Garten im beschaulichen Dorf Three Pines. Obwohl Lillian eine auffällige Erscheinung war, will niemand sie auf Claras Party am Vorabend gesehen haben. Schnell stellt sich heraus, dass Lillians Tod kein Unfall, sondern Mord war. Personen, die ein Motiv gehabt haben könnten und zum Tatzeitpunkt vor Ort waren, gibt es mehr als genug, und bald muss Gamache sich auch damit auseinandersetzen, dass Clara selbst mit Lillian mehr zu tun hatte, als irgendjemand ahnen konnte …

Louise Pennys in Kanada angesiedelte Krimis um den klugen und kultivierten Ermittler Armand Gamache heben sich durch ihre feine Charakterzeichnung und die angeschnittenen Themen wohltuend vom Durchschnitt des Genres ab. In dem zuletzt auf Deutsch erschienenen siebten Band Vor Sonnenaufgang ist es das Künstlerdasein mit all seinen Höhen und Tiefen, das ausgelotet wird. Dabei geht es nicht nur um Gemälde und ihre Wirkung, sondern auch um Galeristen, die einerseits zwar den von ihnen Betreuten zu Bekanntheit und Erfolg verhelfen können, sich andererseits aber auch oft über Gebühr an ihnen bereichern oder lieber auf leicht Verkäufliches als auf anspruchsvolle Kunst setzen. Noch zentraler für die geschickt aufgebaute Handlung sind jedoch Neid und Missgunst, die unter Kreativen selbst Freundschaften und intime Beziehungen vergiften können. Dass dies nicht nur für die bildenden Künste, sondern auch für die Literatur gilt, wird an der alten Dichterin Ruth deutlich, die sich trotz all ihrer Marotten als kundige Ratgeberin für Clara in Bezug auf den Umgang mit guten wie schlechten Kritiken erweist.

Die Aufklärung des Mordfalls liest sich zwar spannend, ist aber, wie immer bei Louise Penny, eigentlich nicht das Wesentliche an dem Roman. Vielmehr werden die schon in früheren Bänden eingeführten Figuren behutsam weiterentwickelt, diesmal insbesondere Gamaches Stellvertreter Jean-Guy Beauvoir, der nicht nur einen desaströsen Polizeieinsatz, sondern auch das Scheitern seiner Ehe zu verkraften hat und teilweise gefährliche Mittel wählt, um damit zurechtzukommen. Die Liebesgeschichte, die sich hier – wenn auch zunächst einmal sehr einseitig – für ihn zu entwickeln beginnt, ist sensibel und amüsant geschildert.

Ohnehin ist trotz des Ernsts und der Brutalität bestimmter Handlungsaspekte Louise Pennys unaufdringlicher Humor stets präsent, ob nun in den pointierten Dialogen oder in einzelnen Szenen, die einen aus dem Schmunzeln gar nicht mehr hinauskommen lassen (herrlich ist z.B. eine Passage, in der sich der nicht gerade kunstaffine Beauvoir spontan als Kritiker einer bekannten Zeitung ausgibt – mit ungeahntem Erfolg). Doch noch stärker als von den lustigen Elementen ist Pennys Erzählweise von tiefer Menschlichkeit geprägt. Die Autorin weckt viel Verständnis auch für Fehler und Schwächen und setzt sich immer wieder mit der Frage auseinander, ob und wie viel man vergeben kann. Die Grenzen des Verzeihlichen sind dabei für die einzelnen Romanfiguren unterschiedlich weit gesteckt, und auch aus Lesersicht kann man einige Denkanstöße mitnehmen.

Wer Freude an den früheren Bänden der Reihe hatte, wird diesen aber wohl ohnehin verschlingen, und spätestens ab hier (wenn nicht schon ab dem vorigen Band) empfiehlt es sich auch, die Serie tatsächlich in chronologischer Reihenfolge zu lesen. Zwar ist der Roman prinzipiell in sich abgeschlossen, aber manche Details machen einfach noch mehr Spaß, wenn man das Leben in Three Pines schon länger verfolgt.

Louise Penny: Bei Sonnenaufgang. Der siebte Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2021, 480 Seiten.
ISBN: 978-3-311-12028-5


Genre: Roman

Lil Bob

Als Kind einer drogensüchtigen Mutter und eines Vaters mit Alkoholproblem wird die kleine Lily Bobinski zunächst überwiegend von ihrer Großmutter aufgezogen. Nach deren plötzlichen Tod ist der Vater mehr denn je überfordert, und so kommt Lily als Vierjährige aus England nach Hamburg zu ihrem Onkel Paul, dessen Lebensgefährte Ian ihr bald eine ganz neue Welt eröffnet: die der Musik. Nicht nur musikalisch hochbegabt, meistert sie den Cellounterricht ebenso mühelos wie die Schule. Der Umgang mit Menschen fällt ihr dagegen nicht nur aufgrund ihrer Gesichtsblindheit ein gutes Stück schwerer. Doch als ihre Karriere als Cellistin sie schon in jungen Jahren nach England zurückführt, begegnet sie dort zwei Personen, die für ihr weiteres Leben prägend werden sollen: der mit ihrem traurigen Schicksal ringenden Komponistin Fanny, die ihr zur Mentorin wird, und der brillanten jungen Pianistin Theda …

Der Roman Lil Bob lebt vor allem von seiner Ich-Erzählerin Lily, deren Stimme sich Stück für Stück ihrem steigenden Alter vom Kind bis zur jungen Frau anpasst. Gerade die Anfangskapitel sind stark von noch kindlichen Formulierungen und naiv-klugen Überlegungen über Gott und die Welt geprägt, obwohl sich manchmal Informationen in den Text stehlen, die erst der erwachsenen Lily in der Rückschau bekannt sein können. Dadurch bleibt die imaginierte Erzählsituation, in der Lily ihre Erlebnisse schildert, etwas diffus, aber da das für aus der Ich-Perspektive geschriebene Bücher nicht untypisch ist, stört das nicht weiter.

Während dieser Kinderblick zunächst noch die harten Themen, die angeschnitten werden, auflockert und mildert, wird das Buch Schritt für Schritt zu einer immer ernsteren Auseinandersetzung mit Leben und Tod. Im Hintergrund stets präsent ist die Geschichte einer vom Holocaust brutal auseinandergerissenen Familie, ein Trauma, das sich nicht nur auf die unmittelbar davon betroffenen Generationen auswirkt. Doch auch Alltagssexismus, latente bis offene Homophobie, die unschönen Seiten des Musik- und Kulturbetriebs und das unentrinnbare Gefühl, lebenslang eine Außenseiterrolle einzunehmen und unverstanden zu bleiben, werden nuanciert dargestellt. Bisweilen wird sogar gemordet, teilweise nur in Gedanken, in einem Fall aber auch sehr handfest.

Genug Stoff also für einen sehr deprimierenden Roman, würde man meinen – und sich in diesem Fall doch irren, denn es gelingt Ruth Frobeen, einen leichten und oft sogar heiteren Erzähltonfall beizubehalten und dabei unerwartete und einprägsame sprachliche Bilder zu zaubern, ganz gleich, ob nun metaphorische Samthandschuhe Löcher bekommen oder eine sonst runde Seele unter Belastung eckige Formen annimmt. Dabei mischt sich in das Entsetzliche auch viel Schönes, so etwa ein Blick für Pflanzen (die Lily aus gutem Grund schon früh alle beim Namen kennt), die Trostwirkung von Katzen und Kuscheltieren und allen voran immer wieder die Musik, die hier nicht nur in ihrer ideellen, sondern auch in ihrer sinnlich-körperlichen Dimension fassbar wird, von ihren Vibrationen über die Haptik von Cellobogen und Feinstimmer bis hin zur Hornhaut an Musikerfingern. Wer selbst gern musiziert oder auch nur musikinteressiert ist, findet viele Szenen zum Eintauchen und Mitempfinden. Hamburg und Cornwall als gegensätzliche, aber jeweils mit viel Begeisterung eingefangene Kulissen tun ein Übriges, die Geschichte lebendig wirken zu lassen.

So ist Lil Bob vieles auf einmal, Entwicklungsroman, Reflexion über die deutsche Vergangenheit und Loblied auf die Musik und ihre Fähigkeit, Kraft zu spenden und Überlebenshilfe zu sein. Es lohnt sich also, sich für ein paar Lesestunden auf Lily und ihre ganz besondere Sicht auf die Welt einzulassen.

Ruth Frobeen: Lil Bob. Hamburg, Selbstverlag, 2021, e-Book.
ISBN: 978-3-9819400-5-3


Genre: Roman

Die Stadt der Symbionten

Nach der Verwüstung der Erde durch Außerirdische kann der letzte Rest der Menschheit nur noch in der unter einer Kuppel am Südpol gelegenen Stadt Jaskandris überleben. Dank der perfekten Steuerung der Stadt durch künstliche Intelligenz ist das auch mit einigem Komfort möglich: Der menschliche Alterungsprozess wird ab einem gewissen Punkt gestoppt, Wärme und synthetisch erzeugte Nahrung sind reichlich vorhanden. Allerdings funktioniert das System nur, solange die Bevölkerungszahl konstant bleibt. Wann immer ein neues Kind geboren wird, muss sich zum Ausgleich ein anderes Familienmitglied in einen Schlaf in den unter der Stadt gelegenen Eiskammern begeben, der durchaus Jahrzehnte andauern kann.

Aus solch einem Schlaf ist Gamil kürzlich wieder geweckt worden. Als sogenannter Symbiont, der dank besonders feiner Sinne und in seinen Körper eingesetzter technischer Bauteile gedanklich mit den Computersystemen der Stadt kommunizieren kann, könnte er eigentlich eine glänzende Zukunft an einer der konkurrierenden wissenschaftlichen Fakultäten haben. Doch seinen Verwandten ist er nicht mehr willkommen, und da sein einstiges Umfeld nicht mehr existiert, fühlt er sich oft genug fremd in der eigenen Heimat. Kein Wunder also, dass er zum besonders genauen Beobachter wird und in all den Datensätzen, die ihn umschwirren, irgendwann ein sonderbares Flüstern aufschnappt, dem er neugierig folgt, ohne zu ahnen, dass er sich damit in höchste Gefahr begibt. Denn in Jaskandris ist nicht alles, wie es scheint, und als Gamil sich bereiterklärt, einer Person zu helfen, die eine unglaubliche Entdeckung gemacht hat, ist ihm bald nicht nur die Polizei auf den Fersen, sondern auch seine Rivalin Yaldira, die wild entschlossen ist, Gamil selbst zur Strecke zu bringen …

Ein Geständnis gleich zu Beginn meiner Einschätzung dieses spannenden Romans: Eine große Science-Fiction-Leserin bin ich eigentlich nicht und fühle mich in der Regel in historisch inspirierten Welten wesentlich sattelfester als in futuristischen. Für einen Lieblingsautor wie James A. Sullivan mache ich aber durchaus einmal eine Ausnahme, und das zu tun, hat sich in diesem Fall gelohnt.

Es ist eine beklemmende, ja geradezu klaustrophobische Kulisse, die Sullivan entwirft: Die ganze bekannte Welt beschränkt sich für sein Figurenensemble auf eine einzige Stadt in einer ansonsten lebensfeindlichen Gegend. Wer aber nun glaubt, dass die Situation schon am Anfang unerfreulich genug aussieht, darf sich auf eine Enthüllung nach der anderen gefasst machen, die alles nach und nach in immer verstörenderem Licht erscheinen lässt. Sogar ganz zum Schluss, als nach einem aufregenden Showdown schon alles geklärt scheint, folgt in Sachen Weltenbau eine letzte überraschende Wendung, die die bisher gewonnenen Erkenntnisse noch einmal gehörig auf den Kopf stellt. Auch wenn die Handlung zu einem stimmigen Abschluss gebracht wird, hat man nicht zuletzt auch deshalb das Gefühl, dass die eigentliche Geschichte am Ende des Romans gerade erst beginnen könnte.

Bis dahin folgt man Gamil und seinen Verbündeten durch einen wahren Thriller, in dem an Verfolgungsjagden, Blutvergießen, List und Gegenlist kein Mangel herrscht, aber auch mit Genrekonventionen gespielt wird, um altbekannte Formeln auszuhebeln (z.B. wenn zwei Figuren, die in jedem anderen Roman vermutlich schnell ein Liebespaar werden würden, stattdessen darüber diskutieren, aus welchen Gründen ebendiese Entwicklung ausbleibt). Hinzu kommt noch ein packendes Polarabenteuer, denn der Verlauf der Geschehnisse führt dazu, dass Yaldira sich ab einem bestimmten Zeitpunkt außerhalb der Stadt wiederfindet, und dort im ewigen Eis ist mehr zu entdecken, als man zunächst zu hoffen gewagt hätte. Dieser Handlungsstrang, der Elemente einer Questengeschichte aufweist, hätte gern noch etwas ausgebaut werden können.

Zentral für den Roman ist immer wieder die Frage nach Selbst- und Fremdbestimmung und nach der Bereitschaft, aus egoistischen Gründen ungute Verhältnisse mitzutragen (oder aber eben zum eigenen Nachteil dagegen aufzubegehren). Vordergründig mag es dabei auch um die Tücken einer immer stärkeren technischen Vernetzung gehen, die einerseits die eigenen Handlungsoptionen erhöht, einen andererseits aber auch angreifbar macht. Doch die zugrundeliegenden Mechanismen sind auch abseits des Computerzeitalters durchaus denkbar. Sullivan erweist sich als kundiger Beobachter menschlicher Schwächen und Stärken, der trotz seines realistischen Blicks auf die Hierarchien, brüchigen Loyalitäten, Eifersüchteleien und offenen Konflikte, die das Zusammenleben nicht nur in seinem Roman prägen, in seiner Grundtendenz dennoch hoffnungsvoll bleibt. Wer Lust auf einen Ausflug in postapokalyptische Zeiten hat, an deren Beispiel manches geschildert wird, was sich auch auf unsere Gegenwart übertragen lässt, sollte der Stadt der Symbionten also einen Besuch abstatten.

James A. Sullivan: Die Stadt der Symbionten. München, Piper, 2019, 720 Seiten.
ISBN: 978-3-492-70419-9

 

 


Genre: Roman

Die kleine Kanzlei entdeckt Neues

Für die Münchner Anwältinnen Kerstin und Helen bahnen sich Veränderungen an: Helens Nichte, die seit einer Weile bei ihr lebt, bekommt ein Baby, und Helen entdeckt auf einmal ganz neue Seiten an sich. Kerstin muss unterdessen feststellen, dass ihr Mann schon seit Jahren ein Geheimnis vor ihr hat, das ihre Ehe zerstören könnte. Die Sekretärin der beiden sieht sich damit konfrontiert, dass ihr längst erwachsener Sohn eigenmächtig seinen Wiedereinzug in die elterliche Wohnung plant. Als wäre das alles noch nicht genug, beschränkt sich das Interesse mancher Mandanten an den Damen der kleinen Kanzlei nicht bloß auf den reinen Rechtsbeistand. Es beginnen also turbulente Zeiten …

Das Hauptproblem dieses im Grunde sympathischen Romans lässt sich nicht verschweigen, so gern man es angesichts der spürbaren Begeisterung der Autorin für ihre Figuren und deren Abenteuer unter den Teppich kehren würde: Das Lektorat hat in der mir vorliegenden Erstausgabe des Buchs eine Reihe von Flüchtigkeits- und Kontinuitätsfehlern übersehen. Laut Elly Sellers ist mittlerweile (Stand: 13.01.2021) allerdings schon eine Neuauflage in Arbeit, in der diese Kinderkrankheiten behoben sein sollen.

Sieht man von diesem Wermutstropfen ab, bietet Die kleine Kanzlei entdeckt Neues die schon aus dem ersten Band gewohnte leichte Unterhaltung, die sich flott und locker wegliest. Eine Hauptrolle spielt neben den Heldinnen auch wieder München an sich, die Heimatstadt nicht nur der Romanfiguren, sondern auch der Autorin. Insbesondere der Englische Garten ist diesmal mehrfach Handlungsort, an dem Spaziergänge zu unverhofften Begegnungen oder zur Vertiefung von Bekanntschaften führen. Auch auf das Schwelgen in kulinarischen Genüssen aller Art muss in diesem Band nicht verzichtet werden: Oft wird Verlockendes eingekauft, gekocht oder im Restaurant verzehrt. Alles in allem erhält man den Eindruck, dass es sich als Anwältin in Bayern nicht allzu schlecht lebt.

Die aus Elly Sellers‘ Debütroman bekannten zwischenmenschlichen Beziehungen werden dagegen kräftig durchgerüttelt. Dabei entwickelt sich die Charakterisierung der einzelnen Figuren ein gutes Stück weiter. Während die unangepasste Helen, die bisher ihre Ungebundenheit in vollen Zügen genossen hat, doch noch ein Bedürfnis nach mehr Beständigkeit und familiärer Nähe zu empfinden beginnt, sieht Kerstin ihre heile Welt ins Wanken geraten und bringt nach einigem Zaudern endlich den Mut auf, auch einmal an sich zu denken und eigene Wege zu gehen. Mehr Raum auf der Bühne bekommt außerdem Helens Nichte Sarah, die sich zwar rasch in ihre neue Mutterrolle einfindet, aber eine nicht unproblematische Entscheidung trifft, was ihre Partnerwahl angeht, und so für reichlich Konfliktpotential sorgt.

Das alles ist wieder mit Humor und einigen unerwarteten Wendungen geschildert, so dass Die kleine Kanzlei entdeckt Neues insgesamt eine nette und vergnügliche Lektüre bildet, um für ein paar Stunden dem Alltag zu entfliehen. Anknüpfungspunkte für eine mögliche Fortsetzung der Romanserie sind auch hier wieder vorhanden, und wenn Elly Sellers sich inhaltlich treu bleibt und noch etwas an der handwerklichen Seite des Schreibens feilt, könnte sich ein Blick in einen etwaigen nächsten Band durchaus lohnen.

Elly Sellers: Die kleine Kanzlei entdeckt Neues. Norderstedt, Books on Demand, 2020, 310 Seiten.
ISBN: 978-3752689464

Ergänzung (13.03.2021): Die Neuauflage von Die kleine Kanzlei entdeckt Neues ist laut Elly Sellers inzwischen erschienen.


Genre: Roman

Return of the Thief

Stumm und gehbehindert wächst der Junge Pheris als ungeliebtes Kind einer Adelsfamilie im Königreich Attolia auf. Doch als König Eugenides von Pheris‘ Großvater, dem oft in Opposition zur Krone stehenden Baron Erondites, verlangt, seinen Erben am Hof erziehen zu lassen, schickt Erondites nicht seinen designierten Nachfolger Juridius, sondern Pheris dorthin. Alle rechnen damit, dass der vermeintliche Tölpel Pheris sich unbeliebt machen wird und vielleicht sogar aus dem Weg geräumt werden kann. Doch der ehemalige Dieb Eugenides hat nach wie vor ein Auge für besondere Menschen und fördert Pheris nach Kräften. Allerdings kann er nicht verhindern, dass sein Schützling immer tiefer in bedrohliche Hofintrigen gerät, und hat ohnehin andere Sorgen: Das mächtige Mederreich zieht nach zahlreichen diplomatischen Misserfolgen in einen Eroberungskrieg gegen Attolia und seine Nachbarstaaten, und eine Prophezeiung sagt Eugenides Böses voraus …

Mit Return of the Thief schließt Megan Whalen Turner ihre sechsbändige Reihe The Queen’s Thief ab. Erstmals bricht sie dabei mit dem Konzept, dass man die Bände prinzipiell auch unabhängig voneinander lesen kann: Um diesen Roman wirklich zu verstehen, sollte man mindestens Band 3 (The King of Attolia) und Band 5 (Thick as Thieves) gelesen haben, am besten aber wohl die komplette Geschichte. Das Buch, das teilweise zeitlich parallel zu Thick as Thieves spielt, lässt nicht nur manche vorausgegangene Geschehnisse in neuem Licht erscheinen, sondern erwähnt auch nicht jedes bereits angelegte Weltenbaudetail, das für die Handlung wichtig wird, so etwa den Umstand, dass der Gott der Diebe seinem Auserwählten Eugenides zugesichert hat, ihn nie bei einem Sturz ernsthaft zu Schaden kommen zu lassen.

Einige alte Stärken der Serie behält der Abschlussband bei: So tritt mit Pheris ein neuer unzuverlässiger Ich-Erzähler auf den Plan, der schon in seinem Vorwort zugibt, wie ein antiker Geschichtsschreiber vorzugehen und auch schon einmal Dialoge zu erfinden, wenn sie ihm passend erscheinen. Wie viele von Turners Helden ist er ein Außenseiter, der es im Leben nicht einfach hat und am Ende doch seinen Weg macht. Liebgewonnene Charaktere (und verhasste Schurken) aus den vorherigen Bänden treten noch einmal auf. Auch die reizvolle Welt, die das Griechenland des Altertums mit Eigenheiten der Frühen Neuzeit verbindet, ist so fabulierfreudig und gekonnt ausgemalt wie gewohnt. Diesmal liefern die Perserkriege die historische Inspiration für das Grundgerüst der Handlung, auch wenn an den Thermopylen – pardon, am Leonyla-Pass – nicht alles so abläuft wie vielleicht zu erwarten.

Der Grundtonfall des Romans ist jedoch trotz einzelner humorvoller Szenen deutlich ernster und bedrückender als in den bisherigen Teilen, und das nicht nur, weil mit Pheris ein ohnehin schon leidendes Kind immer wieder Misshandlungen und Todesangst ausgesetzt ist. Vielmehr nimmt die düstere Komponente, die bei Turner schon immer im Hintergrund mitgeschwungen hat, hier breiteren Raum als je zuvor ein. Gerade nach dem trotz aller geschilderten Härten sehr amüsanten unmittelbaren Vorgängerband, der im Prinzip ein Loblied auf Abenteuerlust und Freundschaft darstellt, nimmt man den Stimmungsumschwung hier besonders wahr und hat das Gefühl, dass Turner ihre Protagonisten bewusst die ganze Zeit über am Rande der Katastrophe entlangführt und manchmal auch darüber hinausschiebt.

Die Dominanz des Verstörenden beschränkt sich dabei nicht auf Äußerlichkeiten wie die drastisch ausgemalte Sterbeszene einer ambivalenten Gestalt. Vielmehr steht die Frage im Raum, ob Eugenides selbst die Gunst der Götter (die hier, etwa in Form eines Heilwunders, manchmal zu dick aufgetragen wirkt) dadurch zu verspielen droht, dass er nach allen ernüchternden Erfahrungen als Herrscher seiner skrupellosen Seite den Vorrang vor seiner Menschlichkeit einräumt. Doch nicht nur er ist Täter und Opfer zugleich: Auch der Erzähler Pheris ist, so mitleiderregend er auch auf den ersten Blick erscheinen mag, nicht unschuldig, sondern zu Schrecklichem fähig.

So ist es alles in allem ein nachdenklicher und durchaus würdiger Abschluss, den Megan Whalen Turner für The Queen’s Thief findet, andererseits aber auch einer, der einen ganz froh sein lässt, dass die Reihe nun nicht mehr fortgesetzt wird, da ein noch weiterer Abstieg in die Dunkelheit der Geschichte sicher nicht guttäte.

Megan Whalen Turner: Return of the Thief. New York, Greenwillow Books (HarperCollins),464 Seiten.
ISBN: 978-0-06-287447-4

 


Genre: Roman

Das Geheimnis von Dower House

Der stellvertretende Polizeipräsident von London bittet seinen Neffen, Privatdetektiv Nigel Strangeways, um einen Gefallen: Der berühmte Flieger Fergus O’Brien erhält seit einiger Zeit beunruhigende Drohbriefe, die seine Ermordung für den 26. Dezember ankündigen, lehnt aber jeglichen Polizeischutz ab. Daher soll Nigel zu der Weihnachtsparty reisen, die O’Brien in seinem Landhaus gibt, und die Lage im Auge behalten. Obwohl Nigel sein Bestes tut, wird O’Brien eines Morgens erschossen aufgefunden. Mögliche Motive könnten unter den Gästen der Feier und auch aus dem Kreis der Dienerschaft viele gehabt haben, ob nun die verschmähte ehemalige Geliebte oder verschiedene in O’Briens Testament großzügig bedachte Personen. Nigel unterstützt die Polizei bei ihren Ermittlungen, aber sowohl O’Briens rätselhafte Vergangenheit als auch die Tatsache, dass der Detektiv sich ausgerechnet in seine Hauptverdächtige verliebt, machen es nicht unbedingt einfacher, die Wahrheit ans Licht zu bringen …

In manchen Punkten merkt man dem Krimi Das Geheimnis von Dower House aus der Nigel-Strangeways-Serie von Nicholas Blake (alias Cecil Day-Lewis) an, dass der Roman im Original schon 1936 erschienen ist. Einzelne Bemerkungen über angeblich typisch männliche und weibliche Eigenheiten oder den vermeintlichen Charakter der Iren im Allgemeinen wirken aus heutiger Sicht altmodisch bis fragwürdig. Doch glücklicherweise dominieren solche Elemente nicht, und abgesehen von ihnen ist das Buch eine unterhaltsame klassische Detektivgeschichte voll überraschender Wendungen und falscher Fährten. Spaß macht daran vor allem, dass Blake humorvoll und mit spitzer Feder manches auf Korn nimmt, was heute noch Wiedererkennungswert hat. So wirkt etwa die das erste Kapitel einleitende Schilderung des großstädtischen Vorweihnachtstrubels und Konsumrausches abgesehen von einigen Einzelheiten auch nach vierundachtzig Jahren noch aktuell.

Die Figuren sind bis in die Nebenrollen hinein amüsant gezeichnet (besondere Erwähnung verdient diesbezüglich der mit Nigel befreundete Altphilologe Philip Starling, der ständig damit beschäftigt zu sein scheint, vernichtende Rezensionen über die Fachbücher der Forschungskonkurrenz zu verfassen). Nigel Strangeways selbst erscheint als leicht exzentrischer, aber nicht unsympathischer gentleman detective, ähnlich wie Dorothy Sayers‘ Peter Wimsey (der allerdings eine facettenreichere literarische Gestalt ist). Seine Überlegungen zum Fall beschränken sich nicht auf physische Hinweise und psychologische Vermutungen, sondern unternehmen durchaus auch einmal einen reizvollen Schlenker in literarische Gefilde. Nicht zuletzt deshalb macht es Spaß, der Auflösung der komplizierten Verwicklungen zu folgen, die hinter O’Briens Tod und noch einigen weiteren Geschehnissen stecken. Die übersteigerte Verfolgungsjagd mit fast schon zu dramatischem Finale, in die die Ermittlungen münden, hätte es da gar nicht gebraucht, um den Roman bis zum Schluss spannend zu halten.

Alles in allem bildet Das Geheimnis von Dower House so vergnügliche Lektüre für alle, die Freude am England der Zwischenkriegszeit als Kulisse haben oder ganz allgemein gern Krimis aus dem goldenen Zeitalter des Genres lesen. Nur den deutschen Untertitel Eine weihnachtliche Kriminalgeschichte sollte man nicht so wichtig nehmen, dass man sich das Buch bis in die Adventszeit aufspart, denn abgesehen davon, den Anlass für die Zusammenkunft in O’Briens Haus zu liefern, spielt der Festtag selbst keine allzu große Rolle.

Nicholas Blake: Das Geheimnis von Dower House. Eine weihnachtliche Kriminalgeschichte. Stuttgart, Klett-Cotta, 2020 (Original: 1936), 334 Seiten.
ISBN: 978-3-608-98346-3


Genre: Roman

Das Dezernat für heikle Fälle

Im schwedischen Malmö landen alle Fälle, die dem Rest der Kriminalpolizei zu unwichtig und zugleich zu bizarr sind, im Dezernat für heikle Fälle bei Kommissar Ulf Varg und seinem Team. Ein rätselhafter Angriff auf einen Markthändler bereitet ihm ebenso viel Kopfzerbrechen wie eine Vermisstenmeldung, die durch die Nichtexistenz eines der Beteiligten zur Farce wird, und das Auftauchen eines vermeintlichen Werwolfs an einem Hotel, das ausgerechnet der Verwandtschaft seines Vorgesetzten gehört. All das wäre ja vielleicht noch zu bewältigen, aber Ulf hat auch noch mit eigenen psychischen Problemen, einer handfesten Depression seines geliebten Hunds Martin und seiner uneingestandenen Liebe zu der verheirateten Polizistin Anna zu kämpfen … Kann das gut gehen?

In Skandinavien angesiedelte Krimis sind oft betont sozialkritisch und düster. Diese literarische Tradition ironisiert der vor allem für seine in Botswana spielende Krimireihe um Precious Ramotswe bekannte, ungewöhnlich produktive Autor Alexander McCall Smith, wenn er mit seinem neuen Roman Das Dezernat für heikle Fälle einen humoristischen Blick auf eine schwedische Polizeiabteilung und ihre skurrilen Erlebnisse wirft. Ein Augenzwinkern schwingt schon in der Namensgebung mit: Der Held Ulf Varg dürfte eine Anspielung auf Gunnar Staalesens Reihe um Varg Veum sein, während sein ungeliebter Kollege Blomquist sein namentliches Vorbild bei Astrid Lindgren hat.

Auch ansonsten gibt es trotz einiger ernster Untertöne viel zu lachen – wie viel genau jedoch, ist eindeutig Geschmackssache. Die mit der Attacke auf dem Markt zusammenhängende Episode um den Oberst, die gemeinnützige Arbeit und den Kampfmittelräumdienst z. B. ist überzogen genug, um hart an der Grenze der Glaubwürdigkeit zu sein, und würde vielleicht auch mit einem der Kolonialzeit nachtrauernden britischen Offizier besser funktionieren als mit einem Schweden. In anderen Passagen dagegen ist der Humor unaufdringlicher und damit auch ansprechender, etwa in Ulfs Psychotherapiesitzungen mit dem selbst an einigen Problemen herumlaborierenden Dr. Svensson, die das Motiv des gebrochenen Ermittlers liebevoll auf die Schippe nehmen, oder in seinen Dialogen mit seinem ebenso gesundheitsbewussten wie redseligen Kollegen Blomquist, der es nur gut meint und Ulf dabei dennoch entsetzlich auf die Nerven geht. Auch die Art, wie elegant vermieden wird, den angelbegeisterten Erik, ein weiteres Mitglied des ungewöhnlichen kleinen Dezernats, für seine mangelnde Allgemeinbildung bloßzustellen, ist so nett und witzig, dass sie einen mit den weniger gelungenen Aspekten des Buchs ein bisschen versöhnt.

Neben der teilweise fast schon zu unernsten Grundausrichtung ist eine weitere potentielle Schwäche die sehr episodische Erzählstruktur, die eigentlich nur drei voneinander unabhängige Fälle reiht, aber nicht genügend Querverbindungen zwischen den einzelnen Handlungsabschnitten bietet, um das Buch als Gesamtpaket wirklich spannend zu machen. Die Hoffnung auf einen besonders clever konstruierten Krimi mit zahlreichen falschen Fährten und unerwarteten Zusammenhängen sollte man also besser gar nicht erst an das Dezernat für heikle Fälle herantragen. Durchaus vergnüglich ist es dagegen als Unterhaltungsroman um eine Runde schräger Typen, die hier erkennbar schon für potentielle weitere Bände einer Serie in Stellung gebracht wird. Abgesehen davon verdient der Roman auch dafür Sympathie und Respekt, dass er nicht die voyeuristische Lust an besonders grausigen Verbrechen bedient, sondern demonstriert, dass man Ermittlungsarbeiten auch dann interessant schildern kann, wenn es nicht um Mord, sondern um die großen und kleinen Absurditäten des Alltags geht.

Alexander McCall Smith: Das Dezernat für heikle Fälle. Kommissar Varg ermittelt. München, Droemer Knaur, 2020, 304 Seiten.
ISBN: 978-3-426-52561-6


Genre: Roman

Im schwarzen Wasser

Hamburg 1774. Hippolyt Meunier, ein junger Erfinder, ist mit großen Plänen in die Stadt gekommen und hat auch wohlhabende Unterstützer für seine Projekte gewinnen können, aber eines Morgens wird er erschlagen in einer Gerberei aufgefunden. Nicht nur Gerberlehrling Jakob, der den Toten offensichtlich kannte, verhält sich eigenartig, sondern auch die für die Bergung von Mordopfern zuständige städtische Leichenfrau samt ihren Kindern. Als dann auch noch einige ehrbare Bürger ein auffälliges Interesse an Meuniers Habseligkeiten bekunden, hat der mit den Ermittlungen betraute Weddemeister Wagner endgültig zu viele Verdächtige und keine heiße Spur. Zu seinem Glück ist die ehemalige Komödiantin Rosina, die seit ihrer Heirat ihrem freien Vagabundenleben nachtrauert, nur zu gern bereit, ihn bei seinen Nachforschungen zu unterstützen, und kommt dahinter, dass in der Tatnacht an der Gerberei etwas Ungewöhnliches beobachtet worden ist, das einen entscheidenden Hinweis darauf liefert, wer Meunier ans Leder wollte …

Mit Im schwarzen Wasser fügt Petra Oelker nach längerer Pause ihrer Reihe von Historienkrimis um die abenteuerlustige Rosina, die sich als Privatdetektivin avant la lettre betätigt, einen neuen Band hinzu, der nicht nur ein Wiedersehen mit liebgewonnenen Figuren ermöglicht, sondern auch sonst alles bietet, was man an der Serie schätzt: zuverlässige Recherche über das 18. Jahrhundert und seine Kulturgeschichte, atmosphärische Beschreibungen des alten Hamburg, eine Dosis feinen Humor und einen ausgeklügelten Kriminalfall. Charmant sind die Auftritte eines Rotmilans, der an einer Stelle sogar kurz als Perspektivträger fungiert und zwar Entscheidendes beobachtet hat, sich dann aber doch eher für schmackhafte Beute als für die langweiligen Menschen interessiert. Solche netten Details am Rande machen Petra Oelkers Bücher immer zu etwas Besonderem und tragen dazu bei, sie weit über den durchschnittlichen historischen Roman hinauszuheben.

Typisch für Petra Oelker ist auch, dass die Handelnden glaubwürdig aus ihrer Zeit heraus agieren und in ihren Wertvorstellungen, Überzeugungen, Träumen und Sorgen, aber auch in ihrem gelegentlichen Rebellieren gegen die ihnen auferlegten gesellschaftlichen Beschränkungen nicht wie nur aus der Moderne in eine bunte Kulisse verpflanzt wirken. Selbst Kleinigkeiten wie die liebevolle Schilderung von Kleider- und Frisurenmode sind nicht nur reines Zeitkolorit, sondern liefern, wenn man genau aufpasst, schon früh Hinweise darauf, wer hinter dem Mord stecken könnte.

Der Mordfall selbst ist spannend aufgebaut und wartet mit einer Vielzahl falscher Fährten auf. Ganz am Schluss macht es die Person, die den Mord begangen hat, der Heldin dann vielleicht doch etwas zu leicht, aber bis dahin liest sich der Roman äußerst unterhaltsam und mitreißend. Viel Spaß macht vor allem die sympathisch geschilderte Freundschaft zwischen Wagner und Rosina, die hier schon weitaus selbstverständlicher zusammenarbeiten als in früheren Bänden der Reihe und einfach ein sehr liebenswertes Team abgeben.

In ihrem Nachwort schreibt Petra Oelker, es müsse sich erst erweisen, ob es „klug war“ (S. 429), Rosina noch einmal zurückkehren lassen. Zumindest diese Rezensentin hier ist fest davon überzeugt, dass es eine sehr gute Idee war und Rosina gern noch ein paar Jahrzehnte in Hamburg ermitteln kann, um dann irgendwann als alte Dame die Verwerfungen der napoleonischen Besatzung zu erleben – auch das wäre sicher ein aufregender historischer Hintergrund für einen Krimi. Das Ende dieses Bandes allerdings deutet erst einmal darauf hin, dass bei einer Fortsetzung der Reihe eine Episode außerhalb der Hansestadt anstehen könnte. Da literarische Roadmovies aus Petra Oelkers Feder sich eigentlich immer gut lesen (man denke nur an Emmas Reise), wäre das etwas, worauf man sich freuen kann – hoffen wir also, dass dies nun nicht der letzte Auftritt von Rosina und ihrem Umfeld war.

Abschließend noch ein Hinweis, der auch als Werbung für das örtliche Museum gelesen werden kann: Wenn einem beim Lesen der Appetit auf die mehrfach von den Figuren lustvoll verspeisten „Harburger Kringel“ packen sollte, kann das Helms-Museum mit einem Rezept weiterhelfen (auf der Museumsseite S. 4 in diesem PDF).

Petra Oelker: Im schwarzen Wasser. Hamburg, Rowohlt, 2020, 432 Seiten.
ISBN: 978-3-499-00330-1


Genre: Roman

In feiner Gesellschaft

Von ihrem Verlobten verlassen, sucht die in ihrem Alltagstrott festsitzende Dulcie Mainwaring Ablenkung auf einer Tagung für wissenschaftliche Hilfskräfte. Dort schließt sie Bekanntschaft mit der schwierigen Viola, die unglücklich in den Literaturhistoriker Aylwin Forbes verliebt ist, dem sie zuarbeitet. Auch Dulcie fühlt sich rasch zu dem tief in der Midlife-Crisis steckenden Aylwin hingezogen und stellt mit geradezu detektivischem Ehrgeiz Nachforschungen über ihn und seine Verwandtschaft an. Ihm näherzukommen, erweist sich aber als gar nicht so einfach, vor allem, als neben Viola, die nach einem Streit mit ihrer Vermieterin schnell eine neue Bleibe braucht, auch noch Dulcies junge Nichte Laurel bei ihr einzieht und ihrerseits Aylwins Interesse weckt …

Barbara Pyms frisch auf Deutsch herausgekommener Roman In feiner Gesellschaft ist im Original bereits 1961 erschienen, in seiner präzisen Beobachtung menschlicher Schwächen und verwickelter Beziehungen aber herrlich zeitlos. Manches hat sich in den letzten sechzig Jahren offenbar kein bisschen geändert, so etwa, dass ein literaturwissenschaftlicher Universitätsabschluss alles andere als ein Garant für eine glänzende Karriere ist und gerade bei Frauen meist bestenfalls in eher undankbare Tätigkeiten wie die Registererstellung für fremde Bücher mündet. Auch Männer mittleren Alters, die nach einer gescheiterten Ehe nicht immer unbedingt mit Erfolg ihr Glück bei einer Jüngeren suchen, sind vermutlich nicht seltener geworden.

Barbara Pym zeichnet ihre Nicht-ganz-Heldinnen und -Helden mit spitzer Feder, aber durchaus nicht ohne Sympathie, und nimmt mit viel Augenzwinkern die Absurdität von Alltagssituationen aufs Korn. Skurrile Dekorationsobjekte spielen dabei ebenso eine wiederkehrende Rolle wie pointiert eingesetzte literarische Zitate und zahlreiche verschrobene Figuren, und es gibt sogar eine kleine Szene, in der man wohl einen Gastauftritt der Autorin selbst (bzw. ihres fiktiven Alter Egos) erblicken darf.

Viel Vergnügen macht auch die Treffsicherheit, mit der die geschilderten Milieus heraufbeschworen werden, ob nun die Akademikerkonferenz, der Kirchenbasar oder der etwas verstaubte Charme eines Badeorts in der Nebensaison. Von wirklich feiner Gesellschaft, wie sie der deutsche Titel verspricht, kann allerdings keine Rede sein: Eher ist hier eine Mittelschicht karikiert, die sich zwar durch Bildung und (häufig nur vermeintlich) guten Geschmack von sozial Unterlegenen abzugrenzen versucht, dabei aber selbst oft genug zum Lachen bis Kopfschütteln reizt.

Apropos Titel: Obwohl sich das Buch in Sabine Roths gelungener Übersetzung flüssig und unterhaltsam liest, bedauert man doch, dass sich für den englischen Titel, das abgewandelte Gedichtzitat No Fond Return of Love, keine auch nur annähernde Übertragung ins Deutsche gefunden hat, denn er umreißt eigentlich sehr schön, worum es in diesem bunten Beziehungsreigen geht: Liebe wird selten (sofort) erwidert, und wenn sie einmal verloren ist, kehrt sie auch nicht zurück.

Doch auch wenn der perfekte deutsche Titel fehlt, ist In feiner Gesellschaft ein ungemein lesens- und liebenswerter Roman, der mit Humor und Stil zu überzeugen weiß. Wer gern einen literarischen Ausflug in die jüngere englische Vergangenheit unternehmen möchte, kann hier absolut nichts falsch machen.

Barbara Pym: In feiner Gesellschaft. Köln, DuMont, 2020 (Original: 1961), 352 Seiten.
ISBN: 978-3-8321-4

 

 


Genre: Roman