Archive

Das Stuttgarter Hutzelmännlein

Im frühen 14. Jahrhundert will der nicht gerade mit überragenden Geistesgaben ausgestattete Schustergeselle Seppe von Stuttgart aus in die Welt ziehen. Vom geheimnisvollen Hutzelmännlein erhält er vor seinem Aufbruch nicht nur den Auftrag, nach einem ganz bestimmten Bleiklötzchen zu suchen, sondern auch mehrere magische Geschenke, darunter zwei Paar Schuhe, von denen er eines tragen, das andere aber am Wegrand zurücklassen soll, um zu seinem Glück zu gelangen. Dummerweise vertauscht Seppe jedoch jeweils einen Schuh des Paars, so dass ihm und der Finderin der zurückgelassenen Schuhe, der jungen Vrone, allerlei gefährliche Missgeschicke zustoßen. Daraus ergeben sich zahlreiche Abenteuer, in denen zwei ungesühnte Gattenmorde, ein Krakenzahn und das angeblich von der Titelfigur erfundene Hutzelbrot (eine Art Früchtebrot) eine nicht unwesentliche Rolle spielen, bis am Ende die ursprüngliche zusammengehörigen Schuhpaare auf ebenso unerwartete wie spektakuläre Art wieder zusammenfinden und damit auch Seppes und Vrones weiteres Leben bestimmen …
Eduard Mörikes 1853 zum ersten Mal erschienenes Stuttgarter Hutzelmännlein ist ein ebenso charmanter wie fabulierfreudiger Text, der rein formal auf halbem Weg zwischen Kunstmärchen und Novelle steht, aber trotz seiner so harmlosen Anmutung einige ziemlich subversive und ironische Elemente enthält. Der bekannteste Teil des Werks ist heute vermutlich die als eine von mehreren Binnenerzählungen eingefügte, aber auch als Vorgeschichte der Haupthandlung zentrale Historie von der schönen Lau um das Schicksal einer Wasserfrau im Blautopf bei Blaubeuren, aber auch der Rest der Geschichte ist sehr lesenswert und vergnüglich. Unverzichtbar bei der Lektüre ist allerdings das schon von Mörike selbst begonnene und von den modernen Herausgebern noch ergänzte Glossar, denn der Autor gibt der Sprache seiner Erzählung durch teils regionale, teils schon zu seiner Zeit überholte und archaische Begriffe ein ganz besonderes Gepräge. Selbst mit halbwegs soliden Kenntnissen früherer Sprachstufen des Deutschen stößt man hier deshalb garantiert auf einige Wörter, die einem noch nie begegnet sind, doch das ist, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, so amüsant wie die Geschichte selbst.
Denn so naiv sie in den Grundzügen anmuten mag, gewisse Untiefen fehlen eigentlich nie. Manchmal wird es verblüffend frech und doppeldeutig (so etwa im Traum der schönen Lau von der Wirtin und dem Abt), dann wiederum wird die Illusion eines fernen ursprünglichen Mittelalters gekonnt torpediert, wenn eine Figur im Suff lamentieren darf, dass ja leider das Schießpulver noch nicht erfunden ist. Der sich daraus ergebene Scherz wird sogar zu einer ganzen kleinen Nebenhandlung ausgestaltet. Trotz aller Ironisierung kommt auch immer wieder Mörikes spürbare Freude an poetischen Stadt- und Landschaftsschilderungen und an Sagen- und Märchenhaftem aller Art zum Tragen. Sympathisch ist, dass, anders als im typischen Märchen, auch die Antagonisten relativ gut davonkommen. Die Vergeltung, die sie für ihre Taten erleiden müssen, übersteigt ein gewisses Maß nicht und lässt die Aussicht auf Besserung.
Natürlich gäbe es noch mancherlei zu Entstehungszeittypischem und -untypischem, den entworfenen Geschlechterrollenbildern, literarischen Techniken und Mörikes immer wieder durchschimmernder gelehrter Bildung zu bemerken, aber ein literaturwissenschaftlicher Aufsatz soll diese Rezension ja nicht werden, sondern nur eine Leseempfehlung. Denn wer Lust auf ein liebenswertes Beispiel von Fantasy avant la lettre hat, sollte bedenkenlos zu diesem Klassiker greifen und sich ein paar unterhaltsame Lektürestunden gönnen.

Eduard Mörike: Das Stuttgarter Hutzelmännlein. Stuttgart, Reclam, 1970 (RUB 4755), 112 Seiten.
ISBN: 9783150047552


Genre: Märchen und Mythen, Roman

Mittagsstunde

Es sind nicht unbedingt nur glückliche Erinnerungen, die den Vor- und Frühgeschichtler Ingwer Feddersen mit seinem Heimatdörfchen Brinkebüll verbinden. Doch als es mit der Gesundheit seiner dementen Großmutter Ella und ihres starrköpfigen Mannes Sönke steil bergabgeht, nimmt Ingwer sich ein Sabbatjahr, um als Pfleger einzuspringen und sich zugleich um den maroden Dorfkrug der Familie zu kümmern. Die Heimkehr auf Zeit wird nicht nur zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, sondern auch mit dem radikalen Wandel des ländlichen Raums seit dem Zweiten Weltkrieg …
In weitaus stärkerem Maße als Dörte Hansens Debüt Altes Land ist ihr neuer Roman Mittagsstunde eine Abfolge von Stimmungsbildern ohne sonderlich ausgeprägte übergreifende Handlung. Im Mittelpunkt stehen weniger die Erlebnisse der sperrigen und gerade nicht als leicht zugängliche Identifikationsfiguren angelegten Protagonisten, sondern die oft zerstörerischen Veränderungen, denen Landschaft und Lebensweise in den letzten fünf bis sechs Jahrzehnten unterworfen waren. Dreh- und Angelpunkt der Entwicklung ist dabei in Brinkebüll eine Flurbereinigung, die nicht nur das Leben der Wirtsfamilie Feddersen durcheinanderwirbelt und indirekt für Ingwers Existenz verantwortlich ist, sondern dem Ort auch sein bisheriges Gesicht nimmt (bis auf das in letzter Sekunde vom Dorflehrer gerettete Hünengrab).
Hansen beschwört dabei nicht nur in spröder Klarheit eine fiktive, aber realitätsnahe Topographie herauf, sondern erweist sich auch wieder einmal als präzise Beobachterin unterschiedlicher Milieus in allen behandelten Epochen – von der starren alten Dorfgemeinschaft, der die titelgebende Mittagsstunde heilig ist, über eine Hippiekommune auf dem Lande bis hin zu Ingwers akademischer Umgebung und alternder WG im Kiel der Gegenwart. Gelegentlich kann man sogar etwas schmunzeln (so gibt es z.B. Anspielungen auf ihren Spezialinteressen sehr ergebene Archäologen, in denen man u.a. Alfred Dieck und Marcus Junkelmann erkennen kann, und auch einige der zu einem Großteil auf Plattdeutsch gebotenen Dialoge enthalten einen Spritzer Humor).
Insgesamt ist die Atmosphäre jedoch deutlich düsterer und hoffnungsloser als im Alten Land. Dass eine exzentrische Dorfbewohnerin sich als Weltuntergangsprophetin betätigt, ist symptomatisch: Verlust, Abschied, Tod und die Unerfüllbarkeit ureigenster Wünsche sind zentrale Themen, vermeintlich Tröstliches wird in mehr als einem Fall als Lebenslüge entlarvt, und mehr als einem Neuanfang haftet ein Hauch von Erbärmlichkeit an. Hansens Nordfriesland erscheint als Gegenbeweis zu dem alljährlich durch die Medien geisternden Befund, in Schleswig-Holstein würden die glücklichsten Menschen von ganz Deutschland leben. Dennoch weiß man nicht ganz, ob man das Ende der überkommenen Sozialstruktur wirklich bedauern soll, denn so, wie sie beschrieben wird, hatte sie viel geistige Enge, Verlogenheit und Raum für Gewalt zu bieten, aber abgesehen von einem diffusen Heimatgefühl nicht viel, was dem postmodernen Trübsinn der Romangegenwart überlegen wäre. So ist das Vergnügen, dass die Mittagsstunde einem durch Hansens Sprachkunst und ihr Talent für eine ganz spezielle Art geschriebener Genrebilder bietet, eher intellektueller als emotionaler Natur. Wer ein Buch sucht, das ihn ein wenig mit der Welt und der Menschheit versöhnen kann, wird es hier jedenfalls nicht finden.

Dörte Hansen: Mittagsstunde. München, Penguin, 2018, 320 Seiten.
ISBN: 9783328600039


Genre: Roman

Swordheart

Als mittellose Witwe fristet Halla ein bescheidenes Dasein als Haushälterin eines angeheirateten Verwandten, bis der alte Herr stirbt und ihr überraschend sein beträchtliches Vermögen vermacht. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten bei den übrigen Angehörigen, und so will man Halla kurzerhand zu einer neuen Ehe zwingen, um Geld und Landbesitz in der Familie zu halten. Doch zu Hallas Erbe zählt auch ein magisches Schwert, in das der unsterbliche Krieger Sarkis gebannt ist – und der hat, sobald er erst einmal Bekanntschaft mit seiner neuen Besitzerin geschlossen hat, sehr viel dagegen einzuwenden, wie mit ihr umgesprungen wird …
Mit Swordheart kehrt T. Kingfisher (alias Ursula Vernon) in die Welt zurück, in der schon ihr Zweiteiler Clocktaur War (mit den Bänden Clockwork Boys und The Wonder Engine) angesiedelt war. Stand in der Dilogie noch ein klassischer Fantasyplot um die Weltenrettung vor einem übermächtigen Kriegsgegner im Vordergrund, dominiert hier die auch dort schon präsente persönliche Ebene vollends: Swordheart ist vor allem eine Liebesgeschichte zwischen Halla und Sarkis, und das Problem, das diesmal das Questenabenteuer auslöst, ist privater Natur, gilt es doch, Halla vor der ebenso gierigen wie rabiaten Verwandtschaft zu schützen und ihr Rechtsbeistand für die Bestätigung ihres Erbanspruchs zu sichern.
Auch hier tragen jedoch wieder die liebevoll gezeichneten Figuren das Buch. Halla und Sarkis sind in ihrer Verschiedenheit ein amüsantes Gespann und sich doch in einem Punkt ziemlich ähnlich: Beiden fällt es schwer, daran zu glauben, dass jemand sie um ihrer selbst willen wertschätzen oder gar lieben kann, haben andere sie doch zu lange nur als nützliches Mittel zum Zweck behandelt. Mit Zale, einem ohne eindeutiges Geschlecht auskommenden Mitglied der Priesterschaft des Rattengottes, und Brindle vom dachsartigen Volk der Gnole (offenbar verwandt mit Grimehug aus Clocktaur War) bilden die beiden eine Heldentruppe, die abgesehen vom hier fehlenden Meuchelmörder vergleichbar zusammengesetzt ist wie die des älteren Zweiteilers und teilweise auch ganz ähnliche Erlebnisse hat (so scheinen sich Banditenüberfälle, die nicht ablaufen wie geplant, bei Kingfisher langsam zum running gag zu entwickeln).
Trotz einiger vorhersehbarer Wendungen liest sich die wilde Reise durch verzauberte Landschaften, Gelehrtensammlungen, Gasthäuser und Städte spannend und unterhaltsam. Nur der Humor ist phasenweise zum Fremdschämen pubertär und oft auf Sexualität oder körperliche Ausscheidungen bezogen. Hier wäre weniger eindeutig mehr gewesen. Auch das Lektorat hätte hier und da etwas gründlicher sein können (irgendwo wird z.B. aus einem cousin unversehens ein brother).
Trotz dieser Schwächen ist das Konzept des gegen seinen Willen in eine Waffe gebannten Kämpfers mit allen praktischen Vor- und Nachteilen und in seiner menschlichen Dimension so interessant ausgearbeitet, dass es durchaus nachvollziehbar erscheint, dass Swordheart nicht als Einzelroman, sondern als Eingangsband einer Trilogie gedacht ist – denn praktischerweise haben zwei von Sarkis‘ Kampfgefährten seinerzeit dasselbe Schicksal wie er erlitten, so dass der Figurenbestand für die nächsten Romane gesichert sein dürfte. Es bleibt abzuwarten, ob Kingfisher in den folgenden Büchern das Potential ihrer Grundidee voll ausschöpfen kann oder ob die Aspekte, die einem hier das Lesen streckenweise ein wenig verleiden, noch stärker zum Tragen kommen werden.

T. Kingfisher (Ursula Vernon): Swordheart. Dallas, Argyll Productions, 2018 (e-Book;
ISBN Printausgabe: 9781614504634).


Genre: Roman

Schneefrau küsst Schneemann

Auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Partner fährt die schwangere Konditorin Liv in einem Schneesturm fast den sympathischen Tierarzt Rune über den Haufen. Da eine Weiterreise im Auto bei den extremen Wetterbedingungen ohnehin kaum möglich ist, bietet Rune Liv spontan an, das Ende des Unwetters in seinem nahen Haus abzuwarten. Da auch er in der Liebe schlechte Erfahrungen gemacht hat, kann er sich eine neue Beziehung eigentlich ebenso wenig vorstellen wie sein unerwarteter Gast. So betrachten beide ihre bald nicht mehr zu leugnende gegenseitige Zuneigung erst einmal mit reichlich Argwohn. Doch die eigenen Zweifel sind nicht das einzige Hindernis: Auch die intrigante Nachbarin Dina hat ein Auge auf den charmanten Rune geworfen und weiß Livs Schwächen und Ängste gekonnt auszunutzen …
Schneefrau küsst Schneemann kommt zunächst leichtfüßig als lockerer und unterhaltsamer Liebesroman daher, doch sollte man sich nicht täuschen und vermuten, den Verlauf ohnehin vorhersehen zu können. Auch über Livs Gewalterfahrungen hinaus birgt das Buch nämlich eine Reihe düsterer und tragischer Elemente, die dem skandinavischen Winteridyll aus Kerzenschein, Tafelfreuden und putzigen Haustieren einen ungewohnt dunklen Beiklang verleihen. Leben und Tod liegen in der Geschichte so nahe beieinander wie in der Realität, und wer unter dem heiteren Titel nur seichtes Vergnügen erwartet, sollte wohl schon einmal die Taschentücher bereitlegen. Leicht haben es Held und Heldin auf ihrem Weg zueinander wahrlich nicht, und insbesondere Livs traumatische Erfahrungen verschwinden nicht einfach wundersam durch die Begegnung mit einem neuen Mann, sondern erweisen sich als handlungsbestimmend und äußerst folgenschwer.
Wie schon in Lied des Lebens ist es also kein idealisiertes Märchen, das Ann-Kristin Vinterberg in ihrer schnörkellosen Art erzählt, sondern ein Zusammenfinden inmitten aller Widrigkeiten des Lebens, das trotz aller Härten auch immer wieder von Hoffnung getragen wird. Dafür, dass es nicht allzu traurig wird, sorgen Runes tierische Hausgenossen, Kater Che und Hündin Mistel, deren Verhalten sehr liebevoll und realitätsnah geschildert wird. Abseits der ernsteren Passagen blitzt zudem auch immer wieder viel Humor auf, der teilweise augenzwinkernd mit den genreüblichen Klischees spielt (wenn etwa Rune sich auf seine „männliche Intuition“ beruft, um eine Vermutung zu begründen).
Auf Fortsetzungen darf man wohl hoffen, denn außer dem Heldenpaar und der etwas überzeichneten Dina spielen auch Runes zahlreiche Geschwister eine Rolle, von denen einige durchaus so wirken, als könnten sie in etwaigen Folgebänden die Bühne dominieren.
Schneefrau küsst Schneemann ist aber nicht nur Reihenauftakt und romantische winterliche Erzählung, sondern bietet darüber hinaus noch einen kleinen Kochbuchanhang mit dänischen Weihnachtsspezialitäten und Leckereien, die im Laufe der Handlung auf den Tisch kommen. So lässt sich ein Teil des Romans ganz praktisch ins wahre Leben holen – eine nette Idee, vor allem, da einige der Rezepte wirklich verlockend klingen.

Ann-Kristin Vinterberg: Schneefrau küsst Schneemann. Norderstedt, Books on Demand, 2. Auflage 2018. E-Book (auch als Taschenbuch erhältlich).
ISBN: 9783748135388

 


Genre: Roman

Das Versprechen, dich zu finden

Vor fünfzig Jahren gehörte Tina Hopgood zu einer Schulklasse, der der dänische Professor Glob sein Buch Die Schläfer im Moor widmete. Durch den Tod ihrer besten Freundin daran erinnert, dass sie beide nie ihren Plan umsetzen konnten, eine der in dem Buch vorgestellten Moorleichen, den Tollund-Mann, in natura zu sehen, schreibt sie mit der Bitte um weitere Informationen an Glob. Doch der Professor ist längst verstorben, und so beantwortet der Museumskurator Anders Larsen, der selbst gerade einen herben Verlust erlitten hat, den Brief der englischen Bäuerin. Bald entspinnt sich eine rege Korrespondenz, in der Tina und Anders sich nicht nur über die Eisenzeit, sondern auch und vor allem über ihren Arbeit, ihre Familien, unverwirklichte Lebensträume und verpasste Chancen austauschen. Doch Tina ist verheiratet, und so kann aus dieser Brieffreundschaft eigentlich nicht mehr werden – oder etwa doch?
Das Versprechen, dich zu finden, das Debüt der siebzigjährigen Autorin Anne Youngson, ist ein stiller und sehr menschlicher Briefroman mit einem unglaublich feinen Gespür für Zwischentöne. Große äußere Abenteuer erleben die beiden Protagonisten nicht, aber Youngson beherrscht die Kunst, mit treffenden Charakterisierungen und intensiven Beschreibungen Alltägliches so spannend zu machen, dass man auch dann fasziniert weiterliest, wenn es vordergründig nur um einen gestrickten Teewärmer oder die tägliche Fahrradfahrt geht. Zwischen dem auch körperlich strapaziösen Landleben der früh in eine wenig erfüllende Ehe gedrängten Tina und der ruhigen Bürotätigkeit des Archäologen Anders liegen eigentlich Welten, was sich nicht allein in der Kontrastierung von englischen und dänischen Einrichtungsvorlieben widerspiegelt. Beide eint allerdings die Erfahrung, in ihren Familien nie ganz zu der ersehnten Nähe gefunden und überhaupt manch schöne Seite des Lebens verpasst zu haben – von Tina charmant in das Bild des Himbeerpflückens gefasst, bei dem man zunächst immer einige Früchte übersieht. Gemeinsam ist ihnen aber trotz ihrer unterschiedlichen Herangehensweise auch ein reges Interesse an der Vergangenheit, und so gibt es neben den lebenden oder erst jüngst verstorbenen Menschen ihres jeweiligen Umfelds im Buch noch eine weitere wichtige Figur, nämlich den stets mehr oder minder präsenten Tollund-Mann.
In der Literatur werden Mumien sonst häufig als Gruselelement eingesetzt. Youngsons Ansatz dagegen ist dankenswert weit davon entfernt und bietet eine äußerst sensible Auseinandersetzung mit dem Toten aus vorgeschichtlicher Zeit, der durch die perfekte Erhaltung seines Gesichts zu Identifikation und allerlei Projektionen anregt, aber seine Geheimnisse dennoch bewahren darf. Eine fiktive Geschichte wird ihm hier nämlich nicht übergestülpt. Stattdessen wird klar zwischen den gut recherchierten Fakten und jeglichen Spekulationen getrennt und bei aller Faszination von dem archäologischen Fund immer wieder darauf hingewiesen, dass man es mit den Überresten eines Menschen zu tun hat. Diese respektvolle und feinfühlige Perspektive berührt tief, und insbesondere eine Szene, in der Anders Tina die Reaktion einer kleinen Museumsbesucherin auf die Moorleiche schildert, kann einen bei der Lektüre mitten ins Herz treffen – vermutlich selbst dann, wenn man die Archäologiebegeisterung der Rezensentin nicht teilt.
So ist Das Versprechen, dich zu finden alles in allem ein sehr kluges, unprätentiöses und schönes Buch, das die Gefühle anspricht, ohne je in Kitsch abzugleiten, und einen zum Nachdenken über das eigene Leben und das längst vergangener Generationen anregt.

Anne Youngson: Das Versprechen, dich zu finden. Hamburg, HarperCollins, 2018, 272 Seiten.
ISBN: 9783959672276


Genre: Roman

Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen

Die Restauratorin Marie hat einen Notkaiserschnitt knapp überlebt – ihr Sohn nicht. Der tragische Verlust belastet nicht nur ihr Verhältnis zu ihrem Mann Matti, sondern löst auch Albträume über einen unheimlichen Schmetterling in ihr aus und weckt böse Erinnerungen an ihre Jugend, in der sie sich als Heimkind stets verlassen und zu kurz gekommen fühlte. Dann aber begegnet Marie im Klinikgarten einer Katze und folgt ihr spontan auf den nahen Friedhof, der sich als weniger einsam erweist als erwartet. Neben Rose, die ein Grab pflegt, in dem gar nicht ihre verlorene Tochter liegt, sind dort auch der griesgrämige Steinmetz Siegfried, die rätselhafte Sängerin Gretel und der junge Adrian anzutreffen, der als eine Mischung aus Aussteiger und Mädchen für alles in der Friedhofskapelle sein Lager aufgeschlagen hat. Erst ganz allmählich wird Marie klar, dass es kein Zufall ist, dass sie ausgerechnet mit diesen vier Menschen ins Gespräch kommt – und dass nicht nur für sie selbst weitaus mehr auf dem Spiel steht, als es zunächst den Anschein hat …
Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen ist ein philosophischer kleiner Roman über den Tod und das Leben, Festhalten und Loslassen, Selbstmitleid und Hoffnung. Sein besonderer Reiz besteht darin, dass er sich auf zwei ganz verschiedene Arten lesen lässt, je nachdem, ob man bestimmte Vorgänge als rein innerlich oder durchaus äußerlich interpretieren möchte. Wer bereit ist, dem Phantastischen und Übernatürlichen in seiner Lektüre etwas Raum zu geben, ahnt eine zentrale Wendung sicher weit schneller voraus als jemand, der alles Geschehen in einem Buch nach rein realistischen Maßstäben bewertet, aber für beide Arten von Leserinnen und Lesern dürfte die Geschichte funktionieren. Die aufgeworfene Frage nach dem richtigen Umgang mit leidvollen Erfahrungen ist ohnehin allgemein menschlich.
Was die darauf gefundene Antwort betrifft, hat man in gewissem Maße den Eindruck, dass Marie von verschiedenen Figuren (und auch in der impliziten Wertung der Autorin selbst) fast schon etwas zu unbarmherzig beurteilt wird. Natürlich ist es weder für sie noch für ihr Umfeld gut, dass sie immer tiefer in Verzweiflung versinkt und diese Gefühle auch an anderen, insbesondere an Matti, relativ rücksichtslos auslässt. Allerdings ist das, was sie in ihrem Leben durchgemacht (und nie völlig bewältigt) hat, in der Summe doch recht happig, so dass man ihr heimlich ein tröstendes Schulterklopfen mehr und eine Ermahnung weniger wünscht. Insgesamt aber ist die Perspektive, selbst im Unglück nicht den Wert des Lebens an sich zu vergessen und sich nicht allein über Erlittenes zu definieren, eine Sichtweise, die vieles für sich hat und den Roman trotz seiner ernsten Themen immer wieder optimistisch wirken lässt.
Dazu tragen sicher auch die fein beobachteten Schilderungen von Naturstimmungen und fast meditativ anmutenden Tätigkeiten bei. Barbara Imgrund hat Talent für intensive Beschreibungen, ganz gleich, ob nun ein morgendliches Vogelkonzert genossen oder eine Grabinschrift neu vergoldet wird (denn von der Zeit Gebeuteltes wieder auf Vordermann zu bringen, spielt, wie schon Maries Beruf als Restauratorin ahnen lässt, nicht nur auf psychischer Ebene eine Rolle). So bietet Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen ungeachtet aller nachdenklichen und traurigen Elemente im Kleinen immer wieder hübsches Leseglück und ist allen zu empfehlen, die bereit sind, sich auf einen Roman einzulassen, der in vielerlei Hinsicht ein wenig anders, aber reizvoll ist.

Barbara Imgrund: Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen. Norderstedt, BoD, 2018, 196 Seiten.
ISBN: 9783752803303


Genre: Roman

Lied des Lebens

Die junge New Yorkerin Nora hat es nicht leicht. Der Durchbruch als Sängerin lässt auf sich warten, und seit dem Unfalltod ihrer Mutter, an dem sie sich die Schuld gibt, bleibt ihr nicht einmal mehr die Hoffnung, irgendwann das Geheimnis zu lüften, wer ihr Vater ist. Doch als sie die Wohnung ihrer Mutter auflöst, findet sie versteckte Briefe von einem gewissen Al. Da er des Rätsels Lösung sein könnte, reist sie spontan an seinen letzten bekannten Wohnort in Dänemark. Statt auf Al trifft sie dort auf den attraktiven Jazzmusiker Jonathan. Rasch fühlen sich die beiden zueinander hingezogen, und so stünde einer Sommerliebe zwischen Tangotanzen, Strand und kulinarischen Genüssen eigentlich nichts im Wege – hätte Nora da nicht einen bösen Verdacht …
Ann-Kristin Vinterbergs Lied des Lebens ist ein leicht und locker zu lesender Liebesroman um die Vergangenheitsbewältigung einer jungen Frau. Mit den fast filmisch direkten Szenen aus Noras Gegenwart sind daher auch immer wieder Rückblenden zu ihren früheren Erlebnissen oder in die Jugend ihrer Mutter verwoben. Der Erzählstil ist schlicht und gerade gegen Anfang fast schon etwas zu umgangssprachlich (ein „Boah“ weniger im Erzählerbericht hätte es sicher auch getan). Das verzeiht man dem auch äußerlich charmant gestalteten Roman (mit kleiner Möwe als Kapitelzierde) aber recht gern, weil er so spürbar von der Begeisterung seiner Autorin für ihre liebevoll gezeichneten Figuren und für ihre Wahlheimat Dänemark getragen wird.
Nora ist eine freche und moderne Heldin, die sich trotz aller Zweifel, Schuldgefühle und Rückschläge nie passiv in ihr Schicksal ergibt. Mit dem ebenso fürsorglichen wie flirtlustigen Jonathan ist ihr ein sympathischer Partner an die Seite gestellt, mit dem sie die Liebe zur Musik teilt. Wie die beiden miteinander singen oder tanzen, wird sinnlich und intensiv heraufbeschworen, so dass man ihnen den sehr schnellen Verlauf ihrer Romanze durchaus abnimmt. Positiv fällt auf, dass das, was die beiden zunächst voneinander fernhält, kein künstlich konstruiertes Hindernis ist, denn wenn Noras Annahme über Jonathan zutreffen würde, wäre es wirklich keine gute Idee, sich auf eine Beziehung mit ihm einzulassen. Doch keine Sorge – in einem Wohlfühlbuch wie diesem darf man schon darauf vertrauen, dass alles kein allzu trauriges Ende nehmen wird.
Die Protagonisten werden von kleinen, aber quirligen Riege von Nebenfiguren unterstützt, unter denen Jonathans Mutter Marcia hervorsticht, die ihrem Sohn mehr als nur eine entscheidende Einzelheit verschweigt. Ihr werden dann auch mehrere der verlockenden Rezepte zugeschrieben, die den Roman um ein Miniaturkochbuch erweitern, das Fischgerichte, eine üppige Walnusstorte, tröstlichen Milchreis und ein in Dänemark populäres Currygericht zu bieten hat.
Unter dieser wohligen Oberfläche eines zumindest am Esstisch nacherlebbaren dänischen Postkartenidylls werden jedoch auch ernste Themen angeschnitten. Vor schweren Krankheiten und Unfällen ist auch das Personal eines Liebesromans nicht gefeit (auch wenn die Art, auf die Jonathans Freund Rune im ungünstigsten Moment überhaupt verunglückt, dann doch eher wieder tragikomisch ist und eine der witzigsten Passagen des Buchs in Gang setzt). Noras Probleme lösen sich am Ende nicht komplett in Wohlgefallen auf: Dass sie doch noch eine Chance als Sängerin bekommt, ist – durchaus realistisch – nicht Talent und harter Arbeit allein zu verdanken, sondern den richtigen Beziehungen, und sie muss sich einer schwer zu verkraftenden Wahrheit stellen. Die stärkste Botschaft, die Lied des Lebens vermittelt, ist also vielleicht die, dass man sich mit manchen Härten einfach abfinden muss, sich aber davon nicht daran hindern lassen darf, lebensbejahend in die Zukunft zu schauen und das, was sie an Gutem bietet, zu genießen. Wer eine Dosis Optimismus gebrauchen kann und den Sommer noch ein bisschen festhalten will, kann sich also von Ann-Kristin Vinterberg für ein paar ganz entspannte Lesestunden an die Küste des Kattegat entführen lassen.

Ann-Kristin Vinterberg: Lied des Lebens. Norderstedt, Books on Demand, 2018, 234 Seiten.
ISBN: 9783752868562


Genre: Roman

The Idylls of the Queen

Bei einem Bankett am Artushof nimmt der eher unbedeutende Ritter Partrise ein vergiftetes Stück Obst zu sich und stirbt sofort. Wutentbrannt klagt sein Verwandter Mador Königin Guenevere an, die für die Auswahl der servierten Früchte persönlich verantwortlich war, und will ihre Schuld in einem Gerichtskampf beweisen. Der heimlich in Guenevere verliebte Seneschall Kay ist skeptisch, was die Zuverlässigkeit eines solchen Gottesurteils betrifft, und würde seine Herrin gern anders entlasten. Gemeinsam mit Mordred, dem unehelichen Sohn des Königs, nimmt er daher nach besten Kräften Ermittlungen auf und setzt dabei auf die Hilfe der Zauberin Nimue. Doch nicht genug damit, dass es eine Fülle von Verdächtigen gibt (und Kay und Mordred einander diesbezüglich auch gegenseitig nicht ganz über den Weg trauen): Bald steht noch nicht einmal mehr fest, ob Partrise überhaupt das intendierte Opfer war oder ob der Anschlag nicht vielmehr Mordreds Halbbruder Gawaine galt, der sich zahlreiche Feinde gemacht hat …
Phyllis Ann Karr greift in The Idylls of the Queen eine Episode aus dem 18. Buch von Thomas Malorys Le Morte Darthur auf und zaubert daraus bei großer Treue zur Vorlage etwas ganz Bemerkenswertes, nämlich einen packenden Fantasykrimi, den man auch dann gebannt liest, wenn man ihre spätmittelalterliche Inspirationsquelle und damit Mörder und Motiv von Anfang an kennt. Magie ist in der gezielt ahistorischen Artuswelt, die hier heraufbeschworen wird, selbstverständlich, aber auch wenn sich hellseherische Kräfte wie eine Art rückwirkende Überwachungskamera einsetzen lassen, gilt das nur mit gewissen Einschränkungen, die der Täter offensichtlich kennt und für sich zu nutzen weiß. Der eigentliche Fall und seine Aufklärung würden auch ohne übernatürliche Elemente funktionieren, doch sie tragen zum Reiz der Kulisse erheblich bei.
Die größte Stärke des Romans sind allerdings die Figuren, allen voran das ungleiche Ermittlerduo Kay und Mordred. Wer sich ein wenig mit der mittelalterlichen Artusepik auskennt, weiß, dass Kay darin nicht notwendigerweise den besten Ruf genießt, sondern als grober und unhöflicher Geselle, der im Zweikampf oft das Nachsehen hat, als Folie für heldenhafter gezeichnete Ritter herhalten muss. Hier ist er ein herrlich ironischer und reflektierter Ich-Erzähler, der das Bild, das die Öffentlichkeit von ihm hat, genussvoll auseinandernimmt und ganz generell Wertmaßstäbe und Verhalten seiner Umgebung hinterfragt. Artus, Merlin und vor allem auch der Kay nicht nur als Rivale um die Gunst der Königin verhasste Lancelot kommen dabei weitaus schlechter weg als in vielen gängigen Darstellungen. Mordred seinerseits könnte eigentlich ein heroischerer Kämpe als manch ein populäreres Mitglied der Tafelrunde sein, wenn er sich mit seiner Überzeugung, aufgrund seiner inzestuösen Herkunft verflucht zu sein, nicht ständig selbst im Wege stünde.
Diese Psychologisierung der vertrauten Sagengestalten funktioniert auch bei den übrigen Figuren sehr gut, ganz gleich, ob es sich nun um die große Schar von Verdächtigen oder um nur am Rande Beteiligte handelt. Generell zeigt der Besuch bei der interpretatorisch gegen den Strich gebürsteten, von den reinen Fakten her aber sehr quellentreuen Tafelrunde, die ihre besten Zeiten hinter sich hat, dass sich frisch, originell und modern anmutende Fantasy nicht unbedingt immer unter den Neuerscheinungen findet, sondern dass auch ein über dreißig Jahre altes Werk hervorragend altern kann.

Phyllis Ann Karr: The Idylls of the Queen. A Tale of Queen Guenevere. Berkeley Heights, Wildside Press, 1999 (Original: 1982), 341 Seiten.
ISBN: 0781587150128


Genre: Roman

The Golden City

Als die Karawane, mit der Tadala reist, in einen tödlichen Sandsturm gerät, kann die junge Frau sich und die beiden kleinen Töchter ihres Pflegevaters in eine sonderbare Stadt retten. Nur ein einziger Mensch scheint dort zu leben: die ebenso rätselhafte wie verschüchterte Elabel. Dass sie in Wirklichkeit einer fremden Welt entstammt, erweist sich erst, als sie keine Wahl mehr hat, als Tadala und die Kinder dorthin mitzunehmen. Doch in Elabels magisch und technisch hochentwickelter Heimat ist längst nicht alles so friedlich und wohlgeordnet, wie es auf den ersten Blick scheint. Gefahr droht nicht nur von Elabels intriganten Geschwistern, sondern auch durch übernatürliche Vorgänge, über die seit Generationen zu viel in Vergessenheit geraten ist …
Sharon J. Gochenours The Golden City, der erste Band eines geplanten Vierteilers, bietet originelle und erfrischend andere Fantasy, die sich jeder Formelhaftigkeit verweigert und vor allem von ihrem üppigen und verspielten Weltenbau lebt. Während Tadalas Herkunftsgebiet realistisch gezeichnet und vermutlich im Afrika der Frühen Neuzeit zu verorten ist, folgt das geheimnisvolle Kaiserreich, dem Elabel entstammt, ganz anderen Spielregeln. Steampunkelemente wie z.B. mechanische, aber dennoch gefräßige Pferde stehen hier neben rein phantastischen wie einem Wald, in dem Bücher in freier Natur wachsen, jäh an unerwarteter Stelle aufklaffenden Weltenportalen oder einer am Himmel schwebenden Stadt. Magie lässt sich durch die Manipulation von Fäden wirken, die – für Laien unsichtbar – das gesamte Land durchziehen und stabilisieren.
Die Erkundung dieser bunten und fabulierfreudig ausgemalten Kulisse ist dann auch das Herzstück der Geschichte, die ohne viel Blutvergießen und Action auskommt, sondern eher auf den Charme des Reiseabenteuers setzt. Die beiden Hauptfiguren müssen sich dabei auf ganz unterschiedliche Art erst einmal in der Welt zurechtfinden: Während die praktisch veranlagte und zupackende Tadala aus einer wohl unserer Erde entsprechenden Umgebung dorthin gelangt und sich trotz alles Staunens über das Wunderbare immer nach der fast unmöglichen Heimkehr sehnt, ist Elabel eine ängstliche Außenseiterin. Von einem Orakel früh für eine besondere Rolle bestimmt, ist sie als Kind gleichwohl nur schlecht darauf vorbereitet worden und fühlt sich zwischen Büchern wesentlich wohler als im Umgang mit Menschen. Ihr Versprechen, für Tadala einen Weg nach Hause zu finden, wird zur wesentlichen Triebfeder ihres Handelns, während sich im Hintergrund abzuzeichnen beginnt, dass es mit teilweise schon Jahre zurückliegenden mysteriösen Todesfällen mehr auf sich hat, als alle wahrhaben wollen.
Trotz des Weltrettungsplots, der sich hier für die geplanten Folgebände ankündigt, bleibt das Figurenensemble überschaubar, und die geschilderten Interaktionen haben oft etwas von einem fein beobachteten Kammerspiel. Die Spannung resultiert deshalb auch nicht so sehr aus den äußeren Geschehnissen (die allerdings gegen Ende des Buchs kräftig Fahrt aufnehmen), sondern aus der Entwicklung der zwischenmenschlichen Beziehungen, ganz gleich, ob es sich nun um Tadalas zarte Liebe zu einem Mann aus dem Kaiserreich oder um Elabels nimmerendendes Ringen mit ihren älteren Geschwistern handelt, in dem sich das Machtgefälle im Laufe des Buchs beträchtlich verschiebt.
Auf die Fortsetzung der Reihe darf man also gespannt sein, und ohnehin lohnt es sich, Sharon J. Gochenour als interessante neue Autorin im Fantasygenre im Auge zu behalten.

Sharon J. Gochenour: The Golden City. The Threads Quartet, Book 1. High Flying Poultry Press (KDP), 2017, ca. 380 Seiten (E-Book)


Genre: Roman

Monsters: A Retelling of Beauty and the Beast

Lange Zeit war die Familie des jungen Historikers Khirkara wohlhabend, doch seit der Firmenpleite seiner Mutter müssen sie und ihre Söhne sich mühsam durchschlagen. Als historischer Berater einer unterfinanzierten Filmproduktion, die auf einer alten Sage über einen Schäfer und eine geheimnisvolle Bestie basiert, hat Khirkara oft das Gefühl, dass es gar nicht mehr schlimmer kommen kann. Doch weit gefehlt: Als seine Mutter durch eine Verkettung unglücklicher Umstände gezwungen ist, Schadenersatz zu leisten, den sie nicht aufbringen kann, soll sie die Schulden abarbeiten. Um der Familie nicht die hauptsächliche Ernährerin zu nehmen, erklärt Khirkara sich bereit, für sie einzuspringen, und gerät so auf einen verfallenen Landsitz. Misstrauisch beäugt muss er dort bei der Betreuung des durch einen Axthieb grauenvoll entstellten und sprachunfähigen Atzgar helfen. Wider Erwarten freunden die beiden jungen Männer sich an und empfinden bald noch weitaus mehr füreinander. Doch Atzgar scheint ein dunkles Geheimnis zu hüten, und was Khirkara in seiner Bibliothek entdeckt, spricht dafür, dass auch hinter der Geschichte von Schäfer und Bestie etwas ganz anderes steckt als zunächst angenommen …
Es ist eine ungewöhnliche, aber bestechende Form der Märchenadaptation, die Sharon J. Gochenour wählt, um Die Schöne und das Biest in eine moderne, wenn auch fremde Welt zu versetzen. Handlungsort ist ein fiktiver zentralasiatischer Staat, dessen tiefreligiöse Gesellschaft traditionell matriarchal strukturiert ist und in dem die Moderne nicht nur positive Neuerungen, sondern auch viel soziale Ungerechtigkeit mit sich bringt. Neben seiner sehr authentisch heraufbeschworenen Jetztzeit hat das Land jedoch auch eine reiche Geschichte, die liebevoll ausgemalt und mit erfundenen Primärquellen ebenso wie mit Sekundärliteratur versehen wird: Auszüge aus der Dichtung über den Schäfer sind ebenso in den Text eingeflochten wie Teile des von Khirkara so verabscheuten Filmskripts, Passagen aus einer Monographie über die Sage und jahrhundertealte Briefe eines Missionars, die Khirkara helfen, den Ursprung der Legenden über die geheimnisvolle Bestie auszumachen (die zwischen dem „Biest“ des bekannten Märchens und einer entfernten Verwandten der Bête du Gévaudan changiert).
Fantasy im klassischen Sinne ist die Geschichte trotz des erfundenen Schauplatzes und des üppigen Weltenbaus nicht. Atzgars Schicksal hat, wie sich erweist, alles andere als übernatürliche Ursachen, und auch die Aufdeckung seines Geheimnisses bleibt ganz innerhalb der Realität. Dies ist übrigens die einzige Hinsicht, in der die Erzählung enttäuscht: Die knappe und überhastete Auflösung der Handlungshintergründe wirkt wie eine lieblose Pflichtübung, die noch so manche Frage offenlässt.
Gochenours Hauptinteresse gilt neben dem Weltentwurf und dem gelungenen literarischen Spiel mit verschiedenen Textgattungen eindeutig der kammerspielartigen Entwicklung des Verhältnisses zwischen ihren beiden Hauptfiguren. Die Schilderung der behutsamen Annäherung über alle anfänglichen Kommunikationshindernisse hinweg glückt auch tatsächlich so sensibel und voller Zwischentöne, dass man dem Buch die oben skizzierte Schwäche auf der Plotebene ebenso gern verzeiht wie ein paar stehengebliebene Flüchtigkeitsfehler (z.B. fälschlich fauna an einer Stelle, an der es ausschließlich um die Flora einer Region geht). Stilisierte, aber ausdrucksvolle Illustrationen der Autorin zur Schäfersage runden das lesenswerte E-Book ab.

Sharon J. Gochenour: Monsters: A Retelling of Beauty and the Beast. High Flying Poultry Press (KDP), 2018, ca. 200 Seiten (E-Book).


Genre: Roman