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Wie wir Menschen wurden

Die menschliche Evolution und damit auch die Entstehung spezifisch menschlicher Eigenschaften wie des aufrechten Gangs und der differenzierten Sprache spielten sich in Afrika ab, bevor der Mensch sich dann auf der ganzen Welt ausbreitete – so lautete lange die gängige Lehrmeinung, und so sehen die meisten die eigenen Ursprünge auch bis heute. Die Paläontologin Madelaine Böhme setzt dagegen ein differenzierteres Bild der Menschwerdung, in dem neben Afrika auch Europa und Eurasien sowie zahlreiche Wanderungsbewegungen zwischen diesen Kontinenten eine große Rolle spielen. Unterstützt von den Wissenschaftsjournalisten Rüdiger Braun und Florian Breier wendet sie sich mit ihrem Buch Wie wir Menschen wurden bewusst an ein breites Publikum, um an vermeintlichen Gewissheiten zu rütteln.

Von zentraler Bedeutung für Böhmes Gegenentwurf sind in Europa gemachte Funde, darunter der frühe Menschenaffe Danuvius guggenmosi, den Böhme selbst 2016 im Allgäu entdeckte und dessen besterhaltenes Exemplar – ein Männchen – nach dem Sänger Udo Lindenberg auf den Spitznamen „Udo“ getauft wurde, aber auch der in Griechenland entdeckte Graecopithecus freybergi und versteinerte Fußspuren auf Kreta, die einen frühen Beleg für den aufrechten Gang bilden. Wie andere typisch menschliche Merkmale (z.B. Besonderheiten der Zähne) könnte dieser sich durchaus zuerst in Europa herausgebildet haben.

Böhme attestiert den älteren Theorien jedoch ein großes Beharrungsvermögen in der Paläontologie, die sie ohnehin als eine Wissenschaft schildert, die zumindest partiell noch in einer Schatzsuchermentalität verharrt, wie sie für die Archäologie im 19. Jahrhundert typisch war, und in der es immer wieder auch zu Skandalen kommt. Als besonders kritikwürdig geschildert wird das Verhalten des französischen Paläontologen Michel Brunet, der hier des Verschwindenlassens eines nicht zu einer von ihm favorisierten Interpretation passenden Knochens des von seinem Team gefundenen Sahelanthropus tchadensis verdächtigt wird. Doch auch abgesehen von solchen Beispielen wissenschaftlich unsauberen Arbeitens wird deutlich, auf welch geringer Fundbasis oft sehr weitreichende Annahmen fußen.

Das, was sich über die menschliche Evolution mit Sicherheit sagen oder auch nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vermuten lässt, stellen Böhme und ihre Mitautoren jedoch sehr anschaulich und in einem reportagehaften, blendend lesbaren Stil dar, der auch für Leserinnen und Lesern, die sonst nie zum Sachbuch greifen, die Schwelle niedrig hält. Neben zahlreichen Fotos und Grafiken bereichern auch eindrucksvolle Rekonstruktionen des Künstlers Velizar Simeonovski, dessen Darstellungsweise im besten Sinne an die Bilder Zdeněk Burians erinnert, das Buch.

Doch auch im Text selbst wird neben reinen Sachschilderungen mehrfach zu einem imaginären Spaziergang durch eine prähistorische Landschaft eingeladen. An diesen immersiven Zeitreisen fällt allerdings eines auf: In den seltenen Fällen, in denen (vor-)menschliche Individuen handelnd hervortreten, stehen immer Männer im Mittelpunkt. So erleben wir „Udo“ (oder einen nahen Verwandten) bei der Verteidigung seiner Gruppe gegen ein Raubtier und später vier Urmenschenmänner, die nach einem Gewitter erkennen, dass das Feuer beherrschbar ist. Die ausführlicher besprochenen weiblichen Individuen (so z.B. der erste Fund eines Homo floresiensis oder „Denny“, ein Mädchen, das laut genetischer Untersuchung eine Neandertalerin zur Mutter und einen Denisova-Menschen zum Vater hatte) bekommen keine Auftritte in eigenen Lebensbildern. Das farbige Heraufbeschwören der urzeitlichen Welten reiht sich damit – wenn auch vermutlich nicht gezielt – leider in die Tradition ein, ein rein männerdominiertes Bild früherer Epochen zu entwerfen und Frauen und Kindern allenfalls Nebenrollen zuzubilligen.

Dieser kleine Wermutstropfen schmälert allerdings nicht die Leistung, ein auch für Laien ungemein gut zugängliches Werk über die Paläoanthropologie vorgelegt zu haben. Lesenswert ist Wie wir Menschen wurden allemal, solange man sich bei der Lektüre den kritischen Blick bewahrt, den Madelaine Böhme selbst wiederholt anmahnt.

Madelaine Böhme, Rüdiger Braun, Florian Breier: Wie wir Menschen wurden. Eine kriminalistische Spurensuche nach den Ursprüngen der Menschheit. München, Heyne, 2019, 336 Seiten.
ISBN: 978-3453207189


Genre: Sachbuch allgemein

Gäste in meinem Garten

Bienen, eine ganze Hühnerschar, eine Terrierdame namens Erbse, allerlei Wildvögel, eine verirrte Brieftaube, Weinbergschnecken und Eichhörnchen, die sich voller Begeisterung ihren Anteil an der Pilz- und Kirschernte sichern – das sind nur einige der Tiere, die in Susanne Wiborgs liebenswertem Buch Gäste in meinem Garten ihren Auftritt haben. Der von Rotraut Susanne Berner charmant und humorvoll illustrierte kleine Band ist eine Sammlung von Kolumnen, die sich mit Freud, Leid und dem Lauf der Jahreszeiten in einem Garten in der Stadt befassen.
Zwischen Linden, Kürbissen, Krokussen und einem großen Kirschbaum spielt sich das pralle Leben ab: Wenn die Hühner nicht gerade wegen Vogelgrippegefahr in den Stall verbannt sind, werden sie zur Gefahr für den Weinbergschneckennachwuchs, müssen selbst den Habicht fürchten und erregen das unverdiente Mitleid von Passantinnen, wenn sie in der Mauser für bedauernswerte Tierquälereiopfer gehalten werden. Die Bienen dagegen produzieren nicht nur eifrig Honig, sondern leben auch ihre Abneigung gegen intensives Parfüm gnadenlos aus, während die Hummeln ungeniert den Lerchensporn durchlöchern. Andere Gartengäste sind da deutlich diskreter: So ist die scheue Heckenbraunelle zwar erkennbar anwesend, lässt sich aber trotz aller Bemühungen der Autorin nicht beim Brüten ertappen.
Geschickt eingeflochten in diese Tierbeobachtungen und in die gärtnerischen Erlebnisberichte (z.B. über Abenteuer mit Indischem Springkraut oder großes Pech bei dem Versuch, neue Clematis anzupflanzen) sind zahlreiche Sachinformationen. Bei allem Unterhaltungswert kann man hier und da also noch einiges dazulernen. Vor allem aber hat man seinen Spaß, denn Susanne Wiborg ist eine Formulierungskünstlerin, deren leiser Humor oft schon aus den Überschriften der einzelnen Texte spricht, die unter anderem einen Königsmord im Hinterhof, eine Nackte auf der Einfahrt oder Rot sehen – aber richtig versprechen. Trotz einiger ernster und durchaus auch trauriger Stellen schmunzelt man sich also die meiste Zeit über zufrieden durch das Leseerlebnis. Gärtnernde Leserinnen und Leser werden häufig vor allem aufgrund des Wiedererkennungseffekts lachen (wenn z.B. eine neue Blume doch nicht die geplante Blütenfarbe entwickelt oder die Kürbiszucht nicht ganz so verläuft wie geplant), aber auch allen anderen seien die Gäste in meinem Garten als entspannte und sympathische Lektüre ans Herz gelegt.

Susanne Wiborg: Gäste in meinem Garten. Bienen, Amseln, Huhn und Star. Mit Bildern von Rotraut Susanne Berner. München, Verlag Antje Kunstmann, 2019, 142 Seiten.
ISBN: 978-3956142970


Genre: Sachbuch allgemein

Pflanzen im Mittelalter

Ob nun als Nahrung, Heilmittel, Bestandteil magischer Praktiken oder schöne Dekoration, Pflanzen sind bis heute aus keiner Epoche der Menschheitsgeschichte wegzudenken. Der Mediävist Helmut Birkhan spürt in seiner anregenden Studie Pflanzen im Mittelalter sowohl der ganz realen als auch der nur imaginierten Bedeutung der Flora für die mittelalterlichen Menschen nach. Unter den literarischen Quellen, auf die er sich dabei stützt, nehmen die Werke Konrads von Megenberg und Hildegards von Bingen die prominenteste Rolle ein, aber man begegnet auch Walahfrid Strabo, dem karolingischen Capitulare de villis, den an der Schwelle zur Frühen Neuzeit entstandenen Kräuterbüchern, dem St. Galler Klosterplan, so mancher Pflanzenerwähnung in der Dichtung und verschiedenen Bildern, unter denen das Frankfurter Paradiesgärtlein des sogenannten Oberrheinischen Meisters aus dem 15. Jahrhundert sicher zu den eindrucksvollsten zählt.

Trotz dieser vermeintlichen Quellenfülle ist es, wie schon in der Einleitung deutlich wird, keineswegs immer einfach, eindeutige Aussagen über Pflanzen im Mittelalter zu treffen, und das nicht, weil die Beschäftigung damaliger Gelehrter mit dem Thema von modernen naturwissenschaftlichen Standards noch ein gutes Stück entfernt war. Vielmehr stellen sich häufig allein schon sprachliche Zuordnungsprobleme, wenn eine mittelalterliche Pflanzenbezeichnung auf mehrere heutige Arten bezogen werden kann und die Beschreibungen vage genug bleiben, um eine exakte Identifikation unmöglich zu machen. Oft sind bei der Textauswertung also kleine oder große Rätsel zu lösen, aber Birkhan nimmt sich dieser Aufgabe voller Verve an.

Ein erster großer Abschnitt ist klassischen Nutzpflanzen gewidmet. Neben Getreide, Obst und Gemüse als wichtigen Grundsäulen der Ernährung spielen hier auch Pflanzen eine Rolle, aus denen Fasern für Textilien und Farbe gewonnen wurden, aber z.B. auch Holz und Schilf. Besonders beeindruckt Birkhan offenbar die Nutzung von fettgetränkten Binsen zur Beleuchtung, denn in der Folge setzt er das „Binsenlicht“ wiederholt als Sinnbild für seine eigene Forschungssituation ein, die die Vergangenheit nur ein wenig zu erhellen vermag, während vieles im Dunkeln bleiben muss.

Dieser Bescheidenheitsgestus kommt einem fast übertrieben vor, denn gerade im folgenden Kapitel, das Pflanzen im Hinblick auf ihre magische und medizinische Nutzung lexikalisch nach modernen Namen geordnet auflistet, weiß der Autor viele schlüssige Deutungen vorzuschlagen und nuanciert zwischen noch heute anerkannten Heilmethoden, solchen, die zumindest nach der mittlerweile überholten, aber im Mittelalter gültigen Humoralpathologie Sinn ergeben, und rein abergläubischen Vorstellungen zu unterscheiden.

Der folgende Abschnitt zu Nutz- und Lustgärten eröffnet bereits den Reigen der symbolischen Interpretation von Pflanzen, setzt er den Schwerpunkt doch eindeutig auf den Garten als bedeutungsvollen Schauplatz in literarischen Texten. Die Symbolik ist (neben Ausführungen zu Gesetzen über den Umgang mit Pflanzen) auch ein wichtiger Teil des Kapitels über Pflanzen im mittelalterlichen Recht. Umfangreicher ist die Betrachtung zu Pflanzen im Kontext der Religion. Hier sind besonders die zahlreichen Marienpflanzen berücksichtigt. Abschließend widmet Birkhan sich der Pflanze in der säkularen Kunst und Literatur des Mittelalters (wobei man sich sicher streiten kann, inwieweit die Einordnung von Weltenbäumen wie Yggdrasil in diesen Bereich schlüssig ist, da sie zwar nicht dem christlichen Kontext entstammen, als Produkte paganer Mythologie in ihrem Ursprung durchaus eine religiöse Komponente haben).

Der Anhang bietet neben den zu erwartenden bibliographischen Hinweisen auch einen nützlichen Index der erwähnten Pflanzen, die sowohl nach mittelalterlichen als auch nach modernen Bezeichnungen aufzufinden sind. Hervorzuheben ist die gelungene Buchgestaltung von Bettina Waringer, die mit Ausschnitten mittelalterlicher Bilder als Kapitelzierde arbeitet und ebenso wie das von J. Mullan aus Elementen des oben erwähnten Paradiesgärtleins reizvoll zusammengesetzte Cover dazu beiträgt, Pflanzen im Mittelalter zu einem auch äußerlich sehr schönen Buch zu machen. Inhaltlich lohnt sich die Lektüre sowohl für Mittelalterinteressierte als auch für Gartenbegeisterte unbedingt.

Helmut Birkhan: Pflanzen im Mittelalter. Eine Kulturgeschichte. Wien / Köln / Weimar, Böhlau, 2012, 312 Seiten.
ISBN: 978-3205787884


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur, Sachbuch allgemein

Im Wald

Die vielen Waldbücher, die insbesondere im Gefolge der literarischen Erfolge des Försters Peter Wohlleben in den letzten Jahren erschienen sind, haben in aller Regel eine naturkundliche Ausrichtung, ganz gleich, ob es nun eher um biologische Fakten oder um Tipps zur Freizeitgestaltung geht. Eine völlig andere Herangehensweise wählt dagegen Rita Mielke mit Im Wald, denn die – so der Untertitel – Wortwanderung durch die Natur nähert sich dem Wald aus sprachlicher und mentalitätshistorischer Perspektive.

Allen möglichen Begriffen, die mit dem Wald in Verbindung stehen, ist jeweils ein Kapitel gewidmet, das nicht nur die mit dem entsprechenden Wort am häufigsten verbundenen Assoziationen aufführt, sondern auch eine kurze Kulturgeschichte des menschlichen Blicks auf das Bezeichnete skizziert. Etymologie, Aberglaube, symbolische Zuschreibungen und religiöse Signifikanz finden hier ebenso ihren Platz wie zahlreiche Zitate aus literarischen Werken von der Antike bis in die heutige Zeit. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Europa, aber punktuell wird auch auf andere geographische Räume verwiesen.

Dabei begegnen die Leserinnen und Leser nicht nur den Bäumen selbst, aus denen der Wald besteht – ob nun Buche, Eiche oder Tanne -, sondern auch anderen Pflanzen wie der Mistel und zahlreichen tierischen Waldbewohnern wie Ameise, Eichhörnchen, Fuchs, Reh oder Specht. Daneben werden aber auch abstrakte Konzepte wie Einsamkeit behandelt, und auch Gestalten wie Hexe und Waldgeister, denen in Märchen und Geschichten gern ein Aufenthalt im Wald nachgesagt wird, haben ihren Auftritt.

Zwar kommt auch die ganz reale Waldnutzung durch den Menschen zur Sprache (z.B. wenn erwähnt wird, dass Fichtenholz oft zum Instrumentenbau verwendet wird), aber der Schwerpunkt liegt eindeutig auf den Vorstellungswelten, die der Wald heraufbeschwört. Vielfach fällt dabei auf, dass die menschliche Sicht insbesondere auf Tiere von Epoche zu Epoche schwankt und teilweise bis heute ambivalent bleibt: So wird der Wolf einerseits als bedrohlich und dämonisch (bis hin zum Phänomen des Werwolfs) geschildert, taucht andererseits aber schon früh auch in positiver Rolle auf (z.B. bei der Wölfin, die laut römischer Sage Romulus und Remus säugt). Auch die Eule als vermeintliches Hexentier einerseits und Sinnbild der Weisheit andererseits ist hier einzuordnen.

Besondere Erwähnung verdient die gelungene Buchgestaltung. Nicht nur die realistischen Tier- und Pflanzenillustrationen von Hanna Zeckau, sondern auch nette Details wie die kleinen Blätter, die jeweils eingangs des Kapitels das zum Begriff gehörende Wortassoziationsfeld markieren, machen Im Wald zu einem sehr hübschen Bändchen, das sich auch gut als Geschenk eignen dürfte.

Negativ fällt nur auf, dass die zu den Zitaten jeweils genannten Jahreszahlen im Einzelfall fehlerhaft zu sein scheinen (z.B. kann ein Werk des 1655 verstorbenen Friedrich von Logau wohl kaum 1872 – so die Angabe hier auf S. 26 – entstanden sein). Hier wäre ein gründlicheres Korrekturlesen wünschenswert gewesen.

Abgesehen davon ist Im Wald jedoch ein rundum empfehlenswerter kleiner Spaziergang durch die mit der heimischen Natur verknüpften Begriffs- und Vorstellungswelten, der eine ebenso vergnügliche wie lehrreiche Lektüre bildet.

Rita Mielke: Im Wald. Eine Wortwanderung durch die Natur. Mit Illustrationen von Hanna Zeckau. Berlin, Duden, 2019, 160 Seiten.
ISBN: 978-3411742585


Genre: Kunst und Kultur, Sachbuch allgemein

Der Wald

Der Wald ist derzeit ein populäres Thema, und das nicht nur, weil die Bedeutung von Umwelt- und Klimaschutz immer mehr Menschen bewusst wird. Trends wie das „Waldbaden“ oder die Beliebtheit des nature writing zeigen, dass der Wald vor allem auch die Gefühle anspricht.
Von solchen emotional geprägten Ansätzen grenzt der Biologe Hansjörg Küster sich in seinem Buch Der Wald. Natur und Geschichte bewusst strikt ab und wählt eine von Sachlichkeit und Nüchternheit geprägte naturwissenschaftliche und historische Perspektive, um seinen Leserinnen und Lesern das Phänomen Wald nahezubringen. Dabei stellt sich schon eingangs heraus, dass gar nicht so leicht zu umreißen ist, was einen Wald eigentlich ausmacht – was laut Gesetz dazugehört (wie z.B. Lichtungen oder Waldwege), fällt ökologisch gar nicht unter den Begriff. Doch auch abgesehen von solchen Spitzfindigkeiten hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert, was genau man unter einem Wald versteht, und das nicht nur in geographisch unterschiedlichen Regionen, sondern auch innerhalb von Mitteleuropa und speziell Deutschland, den Gebieten, auf die Küster sich hier konzentriert.
Der ständige Wandel der Natur- und Kulturlandschaft zieht sich daher auch wie ein roter Faden durch das Buch, ob nun im Hinblick auf die Erdgeschichte (von der Entstehung der ersten Wälder vor über 370 Millionen Jahren bis heute) oder bezogen auf die Veränderungen, die der Wald spätestens seit der Jungsteinzeit durch direkten oder indirekten menschlichen Einfluss wiederholt durchmachte. Nicht jeder große Umbruch ist dabei Menschenwerk: So wirbelte z.B. die Abfolge von Warm- und Kaltzeiten die Zusammensetzung der mitteleuropäischen Wälder kräftig durcheinander. Echte Urwälder waren diese jedoch schon in vorindustrieller Zeit nicht mehr: Neben der direkten Holznutzung wirkten sich auch Ackerbau und Viehzucht beträchtlich auf die Landschaft aus. Neben rücksichtsloser Nutzung sind jedoch immer wieder, verstärkt ab der frühen Neuzeit, Bemühungen überliefert, den Wald zu schützen und auf Nachhaltigkeit zu setzen. Aus diesem Grunde steht Küster auch Bestrebungen kritisch gegenüber, Wälder gar nicht mehr zu bewirtschaften und sich selbst zu überlassen. Er plädiert vielmehr für einen Kompromiss zwischen Natur und Kultur, der sowohl Raubbau am Wald als auch die völlige Unterlassung menschlicher Eingriffe vermeidet.
Ein knapper Überblick widmet sich auch dem Wald aus ideengeschichtlicher Sicht, wobei Küster das 18. und 19. Jahrhundert als die für insbesondere das deutsche Bild vom Wald prägende Phase betrachtet, die einerseits eine Romantisierung und Aufladung mit politischen und nationalistischen Gedanken, andererseits aber auch eine Zuschreibung unheimlicher Züge (z.B. im Märchen) mit sich brachte. Geisteswissenschaftlich greift die Betrachtung der mit dem Wald verbundenen Assoziationen und Vorstellungen durch diese zeitliche Beschränkung teilweise etwas zu kurz (so gehört etwa der Wald als Ort der – vermeintlichen – Zivilisationsferne und des Abenteuers bereits in den festen Bestand der Schauplätze mittelalterlicher Dichtung und nicht erst der Grimm’schen Märchen), aber selbstverständlich ist eine umfassende kulturhistorische Analyse im Rahmen einer knappen Einführung weder angestrebt noch zu leisten.
Seinem Anspruch, einen ersten Überblick zu bieten, wird Der Wald auf jeden Fall gerecht und ist dank guter und genauer Erklärungen der gebrauchten Fachbegriffe für Laien problemlos zu lesen. Wer dagegen schon über Grundwissen in Sachen Wald verfügt, wird von ausführlicheren Darstellungen (die unter anderem auch vom selben Autor vorliegen) eher profitieren.

Hansjörg Küster: Der Wald. Natur und Geschichte. München, C.H. Beck, 2019, 128 Seiten.
ISBN: 978-3406732164


Genre: Sachbuch allgemein

Tagebuch eines Buchhändlers

Mit seinem Tagebuch eines Buchhändlers bietet Shaun Bythell genau das, was der Titel verspricht: eine nach Tagen gegliederte Schilderung seiner Aktivitäten in seinem Buchantiquariat im schottischen Wigtown im Jahreslauf zwischen dem 5. Februar 2014 und dem 4. Februar 2015. Jeder Monat wird dabei von einem Zitat aus George Orwells Erinnerungen an eine Buchhandlung eingeleitet, das als Anknüpfungspunkt für allgemeine Betrachtungen über das Buchhändlerdasein dient, bevor die in ihrer Länge stark wechselnden Berichte über die einzelnen Tage folgen. Seinen Charme gewinnt das Buch dabei vor allem daraus, dass sich aus der Fülle der Einzelereignisse auch die fortlaufenden Geschichten eines ganzen wiederkehrenden Figurenensembles herauskristallisieren: Von der exzentrischen Mitarbeiterin, die Bücher nach ihren ganz eigenen Kriterien in die nach Themengebieten geordneten Regale einsortiert, über Stammkunden, Nachbarn und Bekannte bis hin zur Buchhandlungskatze Captain sind viele Personen präzise und amüsant charakterisiert, so dass es Spaß macht, ihre Abenteuer zu verfolgen und auf ihr nächstes Auftauchen zu warten. Neben dem Tagesgeschäft im Antiquariat spielen auch immer wieder Buchankäufe, lokale Großereignisse wie das jährliche Bücherfestival und private Unternehmungen des Autors – ob nun Angelausflüge oder Leseinteressen abseits des Berufs – eine entscheidende Rolle. In der gelungenen Übersetzung von Mechthild Barth liest sich all das so flüssig und unterhaltsam, dass man schnell mehr Seiten verschlungen hat, als man selbst bemerkt.
Bei allem oft bissigen Humor ist allerdings der Grundton nicht sonderlich hoffnungsvoll: Wie andere unabhängige Buchhandlungen auch hat Bythells Laden seit Jahren unter der Konkurrenz durch den Onlineversand und den damit einhergehenden Wandel im Kauf- und Leseverhalten zu leiden, und sein Ärger darüber zieht sich wie ein roter Faden durch fast alle Kapitel, obwohl er ohne die verhasste Internetkonkurrenz als Verkaufsplattform selbst nicht mehr auskommt. Seine Wut lässt ihn sogar irgendwann auf einen Kindle schießen und daraus ein schräges Kunstprojekt machen (ein Bild davon ist übrigens im Buch vorhanden).
Aber es liegt nicht vorrangig an den mit so viel Engagement angeprangerten Schwierigkeiten der Branche, dass sich im Lauf der Lektüre ein gewisses Unbehagen einstellt. Bythell erwartet viel Verständnis für seine wirtschaftlich alles andere als beneidenswerte Lage und den Arbeitsaufwand, den das Betreiben eines unabhängigen Antiquariats bedeutet. Umgekehrt sind seine Kommentare über andere Menschen jedoch ein wenig zu oft von Selbstgerechtigkeit und Häme geprägt. In vielen Fällen übt er zwar berechtigte Kritik an Fehlverhalten, doch in anderen Situationen beschleicht einen unweigerlich der Eindruck, dass mit ihm oder zumindest mit seiner in welchem Maße auch immer fiktionalisierten Erzählerfigur nicht unbedingt der netteste Buchhändler aller Zeiten von den unleugbaren Problemen betroffen ist.
Trotz dieses kleinen Wermutstropfens bietet Bythells literarisch aufbereitetes Buchhändlerjahr einen wertvollen Einblick in eine Welt, die man als Leserin oder Leser sonst nur von außen zu sehen bekommt, und vermittelt auch überzeugend etwas von der partiellen Entzauberung, die unweigerlich damit einhergeht, wenn man seine Bücherleidenschaft in irgendeiner Form zum Beruf macht. Lesenswert ist das Tagebuch eines Buchhändlers deshalb auf jeden Fall.

Shaun Bythell: Tagebuch eines Buchhändlers. München, btb, 2019, 448 Seiten.
ISBN: 978-3442718658


Genre: Sachbuch allgemein

Unter Briten

Christoph Scheuermann war von 2012 bis 2017 Großbritannienkorrespondent für den SPIEGEL. Seine in dieser Zeit insbesondere in England und Schottland gemachten Erfahrungen präsentiert er in Unter Briten, einer Sammlung von fünfundzwanzig kleinen Reportagen über Begegnungen mit verschiedenen Menschen.
Die Auswahl an Interviewten oder auch nur Beobachteten ist dabei buntgemischt: Von Prinz Charles geht es über Prominenz wie Boris Johnson (zum Zeitpunkt des Treffens noch Bürgermeister von London), die Schauspielerin Tilda Swinton und den Schriftsteller John le Carré bis hin zu Normalbürgern aller Schichten. Eton-Schüler und junge Konservative stehen hier neben einer Callcentermitarbeiterin, einem LKW-Fahrer oder einem Pfandleiher samt seiner weit unten in der Gesellschaft angekommenen Kundschaft. Auch viel Exzentrisches wird geschildert: Verarmte Landadlige als Stars einer Reality-TV-Sendung sind ebenso vertreten wie die Mitglieder einer eher schrägen Untergrundband oder UFO-Gläubige, die schon der Entführung durch missgünstige Aliens entronnen sein wollen. Nicht nur deshalb ist der Unterhaltungswert von Unter Briten durchgängig hoch. Scheuermann schreibt geistreich, humorvoll und oft auch ein wenig selbstironisch, und die kurzen Kapitel bieten sich auch als Lektüre für zwischendurch an, da sie sich problemlos einzeln lesen lassen.
Dennoch würde es dem Buch nicht gerecht werden, wollte man in ihm nur eine Serie vergnüglicher bis berührender Artikel sehen. Kaleidoskopartig ergibt sich aus ihnen nämlich Stück für Stück eine Art Psychogramm der britischen Seele.
Eine tiefergehende Analyse bietet die Sammlung von Momentaufnahmen natürlich nicht, aber dennoch kristallisieren sich im Laufe der Lektüre bestimmte Züge heraus, die Großbritannien allgemein zu prägen scheinen und Entwicklungen wie den Brexit bis zu einem gewissen Grade erklären. So unterschiedlich die porträtierten Menschen auch sind, bei vielen von ihnen wird eine tiefe Sehnsucht nach vermeintlich besseren früheren Zeiten erkennbar, die – je nach sozialer Herkunft und individueller Situation – vielleicht nur ein paar Jahrzehnte, vielleicht aber auch fünfhundert Jahre zurückliegen. Die Bandbreite reicht dabei von verständlicher Unzufriedenheit mit der Gegenwart (wie z.B. im Falle von Bergleuten, die durch Zechenschließungen ihre Arbeit verloren haben) über harmlose Nostalgie bis hin zu weit verstörenderen Sichtweisen, die der Kolonialherrschaft oder der Gelegenheit, zum Kriegshelden zu werden, nachtrauern. Sieht man diese Tendenzen in Verbindung mit der auch immer wieder aufscheinenden Neigung, die eigene Insellage zu betonen und einen gewissen Stolz auf die kulturelle Abgrenzung von Kontinentaleuropa zu empfinden, beginnt man zu ahnen, warum die EU-Skepsis gerade in diesem Land so einen fruchtbaren Nährboden fand, dass es zum Austrittsbeschluss kommen konnte.
Vor diesem Hintergrund betrachtet ist der Untertitel Begegnungen mit einem unbegreiflichen Volk dann doch ein wenig tiefgestapelt, denn Christoph Scheuermann hilft einem hier durchaus, vieles ein wenig besser zu verstehen und überkommene Traditionen ebenso wie Entwicklungen der Moderne in ein Gesamtbild einzuordnen.

Christoph Scheuermann: Unter Briten. Begegnungen mit einem unbegreiflichen Volk. München / Hamburg, DVA / Penguin Verlag / SPIEGEL-Verlag, 2017, 237 Seiten.
ISBN: 978-3328102083


Genre: Sachbuch allgemein

Unser Hof in der Bretagne

Die Autorin Regine und der Informatiker Anton führen in Berlin ein im landläufigen Sinne erfolgreiches Leben – beide reüssieren im Beruf, eine schöne Wohnung und ein netter Bekanntenkreis sind ebenfalls vorhanden. Doch Arbeitsstress, Zeitmangel und ständiger Konsumdruck machen auf die Dauer nicht glücklich, so dass das Paar radikal die Konsequenzen zieht und in einem Wohnmobil quer durch Europa aufbricht, um einen Ort zu suchen, an dem ein sinnvolleres, natürlicheres Dasein möglich ist. Fündig werden die beiden in der Bretagne, wo sie in einem winzigen Dorf mit einstelliger Einwohnerzahl ein altes Haus kaufen und ohne viel Erfahrung, aber mit großer Begeisterung in eine Selbstversorgerexistenz starten …
Unser Hof in der Bretagne ist ein vergnüglich zu lesender, leichtfüßiger Erfahrungsbericht, der, mit einer Reihe instagramtauglicher Fotos aufgepeppt, seine Leserinnen und Leser nie überfordert, sondern auf sehr zugängliche und persönliche Art Themen anschneidet, die heutzutage zahlreiche Menschen bewegen. Die Unzufriedenheit mit einem immer naturferneren und in vielerlei Hinsicht fremdbestimmten Alltag dürfte gerade in Großstädten vielen vertraut sein, auch wenn nur die wenigsten tatsächlich den Schritt gehen, einschneidende Veränderungen zu wagen. Gerade zu diesen möchte Regine Rompa aber ermutigen. Am Beispiel ihrer Erlebnisse zeigt sie auf, dass zum Ausstieg aus dem Hamsterrad viel weniger nötig ist, als man oft annimmt, und eine Auseinandersetzung mit den eigenen Ansprüchen und Bedürfnissen oft unvermutete Freiräume eröffnet.
Auch Schwierigkeiten werden allerdings nicht verschwiegen: So erweist es sich z.B. als einfacher, auf dem eigenen Land ein Wildtierschutzgebiet einzurichten, als in Frankreich ein Konto zu eröffnen oder in eine Krankenversicherung aufgenommen zu werden, und der erste Versuch, Gemüse anzupflanzen, scheitert an einer allzu optimistischen Einschätzung der Frühjahrstemperaturen. Die Grundhaltung bleibt jedoch durchgehend positiv, auch in der liebe- und humorvollen Schilderung von Menschen und Tieren, mit denen die Autorin es zu tun hat. Neben Anrührendem und Sympathischem beschreibt sie auch reichlich Skurriles, das den Unterhaltungswert der Lektüre deutlich steigert: Von einem Rasenmäher als Rollatorersatz über einen leibhaftigen Obelix auf der Suche nach einer heiratswilligen reichen Dame bis hin zu dem spontan gefassten Plan, im Namen der Menschenrechte den niederländischen König zu stürzen, begegnet einem hier so einiges, das zum Schmunzeln reizt.
Bei aller Heiterkeit, die immer wieder aufkommt, bleibt Unser Hof in der Bretagne jedoch auch und vor allem ein Denkanstoß hinsichtlch der Frage, ob unschöne Phänomene wie Massentierhaltung, soziale Kälte und die Gier nach ständigen spektakulären Erlebnissen, die oft genug den Blick auf die kleinen Besonderheiten am Wegesrand verstellt, wirklich unumgänglich sind oder ob es nicht doch Auswege aus den Schattenseiten der Moderne gibt. Die Lösung, die Regine Rompa und ihr Partner für sich gefunden haben, wird sicher manchem zu weit gehen, doch als Anregung zum Überprüfen eigener eingefahrener Überzeugungen und Gewohnheiten taugt sie allemal.

Regine Rompa: Unser Hof in der Bretagne. Neuanfang zwischen Beeten, Bienen und Bretonen. Hamburg, Rowohlt, 2019, 256 Seiten.
ISBN: 978-3499634260


Genre: Sachbuch allgemein

Hochbegabt

Ein kleiner Junge sitzt auf einer Bank auf einem Schulhof, um still das Treiben in der Pause zu beobachten und seinen Gedanken nachzuhängen. Mit dieser autobiographischen Szene aus dem Aufsatz eines Fünftklässlers lässt Ole Kyed seinen Ratgeber Hochbegabt einsetzen und gibt damit zugleich einen Vorgeschmack auf Ton und Zielrichtung des Buchs. Hier geht es nicht darum, Hochbegabte gewissermaßen als Ressource für Wirtschaft und Gesellschaft zu erschließen oder den Einzelnen auf Höchstleistung in Schule, Studium und Beruf zu trimmen. Vielmehr steht der Ansatz im Mittelpunkt, den Kindern und Jugendlichen und damit letztlich auch den Erwachsenen, zu denen sie heranwachsen, ein menschlich gelungenes Leben zu ermöglichen.
Zusätzlich zu den allgemeinverständlich formulierten und gut lesbaren Sachteilen bietet Hochbegabt daher auch eine Auswahl persönlich gehaltener Schilderungen von Eltern, die über Entwicklung und Eigenarten ihrer hochbegabten Kinder sowie über Lösungsansätze bei Problemen berichten. Neben der wissenschaftlichen Perspektive auf das Thema steht so auch eine aus dem Alltag gegriffene, die in ihrer Unmittelbarkeit ansprechend wirkt. Zentrale Aspekte – wie etwa typische Anzeichen von Hochbegabung, Merkmale verschiedener Lernstile oder unterschiedliche psychologische Intelligenzmodelle – sind als Grafiken, Tabellen und Stichpunktlisten übersichtlich hervorgehoben und kommen so allen entgegen, die sich nur einen raschen Einblick verschaffen wollen, ohne das komplette Buch zu lesen.
Doch die Lektüre lohnt sich sehr. Deutlich wird dabei vor allem, dass es den einen idealen Ansatz, der bei allen Hochbegabten weiterhilft, nicht gibt. Mag für Kinder, die vor allem unter schulischer Unterforderung leiden, das Überspringen einer Klasse oder der Wechsel auf eine spezielle Hochbegabtenschule das Richtige sein, ist anderen damit gerade nicht gedient. Insbesondere die Tatsache, dass die emotionale und die intellektuelle Entwicklung oft asynchron verlaufen und auch deshalb akademischer Erfolg und das glückliche Einfügen in eine Gemeinschaft nicht immer Hand in Hand gehen, wird von Kyed dabei immer wieder hervorgehoben. Zugleich warnt er in diesem Zusammenhang auch vor Fehldiagnosen: Psychische Störungen können zwar bei Hochbegabten auftreten wie bei jedem anderen Menschen, aber manches, was in anderem Kontext ein Symptom z.B. für eine klinische Depression wäre, kann bei ihnen auch eine normale, mithin gesunde, Reaktion auf Schwierigkeiten mit dem Umfeld sein (wie z.B. wenig hilfsbereite Lehrkräfte oder Mobbing durch Klassenkameraden). Kyed wirbt daher dafür, in jedem Einzelfall mit Aufmerksamkeit und Verständnis die individuelle Situation zu betrachten und flexibel zu reagieren.
Trotz aller guten Ansätze, die hier schon greifbar werden, räumt Kyed in seinem Nachwort selbst ein, dass in der Forschung wie in der Praxis noch viel zu tun bleibt. Dennoch ist Hochbegabt zweifelsohne einer der derzeit besten Zugänge zum Phänomen Hochbegabung, ob nun für die im Untertitel hervorgehobenen Eltern, für Menschen, die mit hochbegabten Kindern und Jugendlichen arbeiten, oder für diejenigen Erwachsenen, die ihr jüngeres Ich in den Beschreibungen des Buchs wiederfinden und mit seiner Hilfe vielleicht lernen, sich selbst ein wenig besser zu verstehen.

Ole Kyed: Hochbegabt. Der Ratgeber für Eltern. Freiburg im Breisgau, Herder, 2018, 302 Seiten.
ISBN: 978-3451600500


Genre: Sachbuch allgemein

Rendezvous mit einem Oktopus

Schleimig, kannibalisch veranlagt, mit Gift ausgestattet, alles andere als langlebig und noch dazu von allerlei schaurigem Seemannsgarn umwoben: Ein Oktopus ist auf den ersten Blick nicht gerade der ideale Sympathieträger. Die Naturkundlerin Sy Montgomery blendet diese eher unangenehmen Eigenschaften von Kraken in ihrem klugen Sachbuch Rendezvous mit einem Oktopus nicht aus, zeigt aber mit viel Verve, Nachdenklichkeit und Herzblut, dass man die Meerestiere auch ganz anders wahrnehmen kann: als faszinierende, intelligente und ungemein erfindungsreiche Wesen, die nicht nur zu verblüffenden Wahrnehmungen und schier unglaublichen körperlichen Leistungen in der Lage sind, sondern auch jeweils eine ganz individuelle Persönlichkeit haben – mithin also eine Seele, wie es der englische Originaltitel The Soul of an Octopus andeutet.
Montgomery stützt sich bei ihrer Annäherung an die Kopffüßer überwiegend auf Erfahrungen mit Pazifischen Riesenkraken im New England Aquarium in Boston, mit denen sie über einen längeren Zeitraum hinweg interagieren durfte, aber auch auf Beobachtungen von Oktopoden in freier Wildbahn bei Tauchgängen vor Mexiko und in Polynesien. Schnell wird dabei deutlich, dass wirklich jeder Krake seine Eigenarten hat und auch ganz unterschiedlich auf verschiedene Menschen reagiert. Neben dem Leben und leider oft auch Sterben ihrer tierischen Protagonisten skizziert Montgomery so auch Charakter und Biographien der Personen, die mit ihnen in Kontakt kommen, vom Aquariumsmitarbeiter über den alternden Ehrenamtler oder die ebenfalls freiwillig im Aquarium tätige autistische Schülerin bis hin zur Psychologin, die eine Persönlichkeitstest für Tintenfische entwickelt. Das gemeinsame Interesse an den Tieren führt eine Vielfalt nicht alltäglicher Typen zusammen, aber man erfährt nicht nur etwas über ihre teils amüsanten, teils anrührenden Marotten, sondern auch viel über die Abläufe in einem großen Aquarium, in der Forschung und beim Tauchen, das sich als komplizierter erweist, als Montgomery es sich vorgestellt hat.
Detailgenau porträtiert werden aber natürlich vor allem die Kraken selbst, inbesondere das eindrucksvolle Weibchen Octavia, mit dem Montgomery sich regelrecht anfreundet. Die Schilderung ihrer Sinneseindrücke und Gedankenspiele beim Umgang mit dem Oktopus stehen in bester Tradition des englischsprachigen nature writing und eröffnet gerade dadurch, dass Emotionen und Assoziationen nicht nüchtern ausgeblendet werden, spannende Perspektiven auf eine aus Menschensicht doch sehr fremdartige Welt. Allerdings beschleichen einen beim Lesen immer wieder Zweifel, wie gut sich Oktopoden eigentlich überhaupt für eine Haltung in Gefangenschaft eignen, und das nicht nur wegen ihrer notorischen Ausbruchsfreude. Bei allem Bemühen seitens der Aquarien wirkt es doch ungemein schwierig, einen so komplexen Lebensraum wie den, der den Kraken in freier Natur zur Verfügung steht, adäquat für die neugierigen und stets nach Beschäftigung suchenden Tiere nachzustellen. So stimmt die Lektüre trotz der Begeisterung, die sie für das Meer und seine Bewohner wecken kann, nicht nur fröhlich, aber lohnend ist sie auf jeden Fall.
Abschließend noch ein Tipp für alle, die sich von Sy Montgomerys Tierliebe und Einfühlungsvermögen angesprochen fühlen, aber mit Oktopoden so gar nicht warm werden können: Montgomerys älteres Buch Das glückliche Schwein, in dem sie das Leben ihres nach dem Dirigenten Christopher Hogwood benannten Hausschweins schildert, liest sich genauso nett wie Rendezvous mit einem Oktopus und kann mit einer unmittelbarer zugänglichen und überdies sehr charmanten Hauptfigur aufwarten.

Sy Montgomery: Rendezvous mit einem Oktopus. Zürich, Diogenes, 2019, 384 Seiten.
ISBN: 9783257344533


Genre: Sachbuch allgemein