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Ungeheuerlich

Alte Karten und Beschreibungen von Küsten und Meeren sind voller Fabelwesen, die mit der realen Fauna der dargestellten Region allenfalls bedingt etwas zu tun haben. Der Historiker Erling Sandmo nimmt sich in Ungeheuerlich. Seemonster in Karten und Literatur 1491 – 1895 der verblüffenden, unheimlichen und oft auch sehr amüsanten Kreaturen an, die durch die Bestände der norwegischen Nationalbibliothek geistern. In kurzen Kapiteln, die sich auch sehr gut unabhängig voneinander lesen lassen wird jeweils ein wundersames Tier oder Phänomen vorgestellt, um dann in einer meist doppelseitigen historischen Illustration auch im Bild präsentiert zu werden. Die Übersetzung von Sylvia Kall wirkt elegant und flüssig, so dass die Lektüre zur genüsslichen Entdeckungstour werden kann.
Während Seeschlangen, Meermenschen oder schiffeversenkende Riesenkraken fast schon zum Standardinventar phantasievoller Seefahrergeschichten zählen, begegnet man in Sandmos kleinem Kompendium der bizarren Meeresbewohner auch originelleren Geschöpfen, so etwa dem ebenso gierigen wie ängstlichen swamfisk, der sich im Notfall sogar selbst auffrisst.
Neben Ungeheuern im eigentlichen Sinne bevölkern auch reale Tiere, über die man Merkwürdiges berichtete, die Seiten. Vermeintliche Wunderzeichen (wie eine im 17. Jahrhundert gefangene Scholle, deren Haut ein Kreuzeszeichen aufwies, so dass man sogleich den Bischof von Bergen informierte) stehen neben ungewöhnlichen Verhaltensweisen, die man bei Walross, Rochen oder Wal beobachtet haben wollte. Darüber hinaus spielen immer wieder auch andere erstaunliche Geschichten eine Rolle. So vertrat ein Geistlicher im frühen 18. Jahrhundert etwa die Theorie, Odysseus habe nicht nur die Lofoten bereist, sondern sei überdies mit Odin gleichzusetzen.
Wie vieles in dem Buch regt diese These aus heutiger Sicht natürlich zum Schmunzeln an, aber all das Witzige, Abstruse und Unterhaltsame trägt letztlich dazu bei, eine durchaus ernsthafte Geschichte zu erzählen – die nämlich von einem Wandel des Weltbilds, das in der hier im Zentrum stehenden Frühen Neuzeit einen allmählichen Übergang von Wundergläubigkeit und mythischer Zeichenhaftigkeit zu naturwissenschaftlichen Erklärungen erlebte. Stand erst noch die Frage im Vordergrund, was Erscheinen und Verhalten eines monströsen Wesens im wahrsten Sinne des Wortes zu bedeuten hätten, überwog später der Aspekt der Erforschung. Sandmo weiß mit leichter Hand deutlich zu machen, dass die Welt im Zuge ihrer Entzauberung zwar viel von ihrem Schrecken, aber in gewisser Weise auch etwas von ihrem Charme einbüßte.
Umso schöner ist es, den heute größtenteils vergessenen Bewohnern eines mit Magie und Legenden aufgeladenen Meeres in Ungeheuerlich begegnen zu können und sich auch an der liebevollen Gestaltung zu freuen: Beispielsweise ist im vorderen Buchdeckel der Innenteil einer Windrose ausgespart, so dass einen vom Vorsatzblatt aus ein Ungeheuerauge aus dem geschlossenen Buch anblickt. Ein rundum gelungenes kleines Werk also, dem man viele begeisterte Leserinnen und Leser (sowie Betrachterinnen und Betrachter) wünscht!

Erling Sandmo: Ungeheuerlich. Seemonster in Karten und Literatur 1491 – 1895. München, Nagel & Kimche, 2018, 100 Seiten.
ISBN: 9783312010943


Genre: Kunst und Kultur, Märchen und Mythen, Sachbuch allgemein

Das Herz einer Honigbiene hat fünf Öffnungen

Honigbienen zählen als Bestäuber von Pflanzen und Honigproduzenten zu den Tieren, die mit den Menschen am engsten verbunden sind. Gezähmt sind sie trotz jahrtausendealter Bienenhaltung bis heute nicht, und ihre erst spät wirklich in Schwung gekommene Erforschung hält immer noch so manche Überraschung parat. Wer auf unterhaltsame und berührende Art mehr über die kleinen Insekten, ihre Lebensweise und die Geschichte ihrer Koexistenz mit uns erfahren möchte, findet in Helen Jukes Erfahrungsbericht Das Herz einer Honigbiene hat fünf Öffnungen genau die richtige Lektüre.
Nach zahllosen Umzügen verschlägt es die dreißigjährige Helen Jukes für längere Zeit nach Oxford, doch weder das schimmelbefallene Haus, das sie sich mit einer Freundin teilt, noch der von Stress und Reibereien geprägte Bürojob lässt so etwas wie ein Heimatgefühl aufkommen. Das ändert sich, als ein Geschenk sie zwingt, ihr altes Interesse an der Imkerei nicht mehr nur in Gedankenspielen zu verfolgen, sondern endlich Nägel mit Köpfen zu machen: Das Bienenvolk, das sie bekommt, muss schließlich untergebracht und versorgt werden, und es gibt noch viel über die neuen Mitbewohner im Garten herauszufinden.
An diesem Wissen lässt Jukes ihre Leserinnen und Leser in der Schilderung ihres ersten Jahres als Imkerin teilhaben, doch die naturkundlichen und forschungshistorischen Informationen sind so liebevoll um persönliche Eindrücke bereichert, dass nie der Eindruck aufkommt, ein trockenes Sachbuch vor sich zu haben. So lernt man nicht nur den ungewöhnlichen Körperbau der Bienen, ihre Nahrungssuche und ihr Sozialverhalten kennen, sondern auch ihre Bedrohung durch Insektengifte wie etwa Neonicotinoide. Auch die auf Hochleistung getrimmte moderne Imkerei selbst hat jedoch ihre Tücken für die Tiere, so dass Jukes sich für eine auf den ersten Blick unpraktischere, dafür aber natürlichere Haltungsform entscheidet und sich mit Gleichgesinnten vernetzt. Bisweilen hilft ihr daneben der Blick in die Geschichte weiter: Insbesondere die Untersuchungen des blinden Schweizers François Huber, der im 18. Jahrhundert die Bienenforschung entscheidend voranbrachte, und des amerikanischen Pastors Lorenzo Langstroth, dessen im 19. Jahrhundert in die Imkerei eingeführte Neuerungen bis heute nachwirken, beeindrucken sie stark und werden immer wieder lebendig gewürdigt.
Beide Männer dienen Jukes zugleich als Beispiele dafür, wie die Beschäftigung mit Bienen Menschen helfen kann, Einschränkungen oder Belastungen in ihrem eigenen Leben zu bewältigen. Denn diese Erfahrung macht Jukes Schritt für Schritt selbst, während sie das Wachsen ihres Bienenvolks verfolgt und auf die erste Honigernte wartet. Die genaue Naturbeobachtung und die Verantwortung für die Tiere verändern viel in ihr selbst, und durch die Bienen erleichterte Begegnungen mit teilweise herrlich exzentrischen alten und neuen Bekannten tun ein Übriges, sie aus dem sinnentleerten Arbeitsalltag ausbrechen zu lassen. So findet sie neben einer neuen Aufgabe ganz allmählich auch die Liebe und eine wirksamere Art, mit Schwierigkeiten umzugehen.
Das alles ist in bester englischer Sachbuchtradition sehr zugänglich beschrieben, ohne je anspruchslos zu werden. Neben allem, was man so ganz entspannt über Bienen lernt, findet man in Jukes‘ Geschichte auch Denkanstöße für das eigene Leben und indirekt die Ermutigung, neue Wege einzuschlagen. Wenn ein Buch einem also ebenso viel nützt, wie es beim Lesen Freude macht, dann garantiert Das Herz einer Honigbiene hat fünf Öffnungen. Uneingeschränkte Lektüreempfehlung!

Helen Jukes: Das Herz einer Honigbiene hat fünf Öffnungen. Köln, DuMont, 2018, 304 Seiten.
ISBN: 9783832183639


Genre: Sachbuch allgemein

One Pot Soulfood

Mit One Pot Soulfood setzen die renommierten Kochbuchautorinnen Susanne Bodensteiner und Sabine Schlimm ihre Seelenfutter-Reihe fort, in der wohlige und unkomplizierte Gerichte im Mittelpunkt stehen, die ohne großen Aufwand den Alltag ein bisschen versüßen können. Den Hinweis One Pot im Titel sollte man dabei weitgefasst auslegen – der „Topf“ ist manchmal auch eine Pfanne, eine Auflaufform oder sogar ein Backblech, aber man kommt in der Tat mit wenig Kochgeschirr aus, um eine bunte Vielfalt von Speisen zu zaubern. Der Titel dieses Bandes hätte eigentlich auch Seelenfutter weltweit lauten können, denn die Gerichte – von Mona Binner in eher minimalistischen als besonders seelenwärmenden Fotos effektvoll in Szene gesetzt – decken geographisch eine große Bandbreite ab: Von verschiedensten europäischen Ländern über den Orient, Indien und Ostasien bis nach Amerika kann man sich hier nach Lust und Laune einmal um die Welt kochen. Bei manchen Rezepten ist deshalb auch ein bisschen Einkaufsvorbereitung erforderlich: Jackfruit oder Okraschoten hat wahrscheinlich nicht jeder dauerhaft im Vorratsschrank, um sie spontan nach Feierabend einem schnellen Gericht hinzuzufügen.
Zu diesem Zweck dienen eher die auf Sonderseiten zwischen den großen Kapiteln vorgestellten Vorratsjoker wie z.B. Hülsenfrüchte, Speck oder Tiefkühlbeeren, zu denen gleich passende Rezepte vorgeschlagen werden. Ansonsten gliedert sich das Buch in die Kategorien Vegetarische Wundertöpfe, Fleischiges mit Wohlfühlfaktor, Seelenfutter bei die Fische sowie Seelenstreichler süß und sündig, so dass für wirklich jeden Geschmack das Passende dabei ist. Zu ganz typischem Trostessen wie Pasta, Eintöpfen oder Milchreis gibt es dabei über die eigentlichen Rezepte hinaus schwungvoll formulierte Zusatztexte, die mit historischen Informationen, aber auch mit Empfehlungen zur Auswahl guter Zutaten und mit ganz praktischen Küchentipps aufwarten (und sogar mit einem versteckten Extrarezept – es lohnt sich also, genau zu lesen). Solche kleinen Hinweise – zu Variationen der Gerichte, aber auch z.B. zum Händereinigen nach Kontakt mit Roter Bete – sind auch in den Rezeptteil immer wieder eingestreut und bieten gute Ideen, die man in dieser Form noch nicht überall gelesen hat. Ohnehin sind die originellen Abwandlungen bekannter Gerichte eine große Stärke von One Pot Soulfood (mein Favorit in der Beziehung ist bisher der Heidelbeer-Clafoutis, der schnell gemacht ist, ganz hervorragend schmeckt und den Vergleich mit dem eigentlich mit Kirschen zubereiteten französischen Original nicht zu scheuen braucht).
Nützlich gerade für Singles oder für kleine Haushalte ist auch die Tatsache, dass alle Rezepte für zwei Personen (anders als sonst üblich für vier oder sechs) berechnet sind. Wer nicht jeden Tag für eine ganze Familie oder eine gesellige Besucherrunde kocht, hat es hier also leicht, sofort ohne langes Umrechnen eine angemessene Menge auf den Tisch zu bringen. Neben der unbestreitbar gegebenen praktischen Anwendbarkeit kommt aber auch der Spaß nicht zu kurz: Charmante kleine Einleitungstexte zu jedem Rezept nehmen, oft mit einem Augenzwinkern, eine Einordnung der Herkunft vor oder erläutern, welche Zutaten hier der Seelenfutter-Wirkung besonders dienlich sind.
Wer eine abwechslungsreiche Küche schätzt, einen Hauch von Exotik nicht scheut und dennoch auf eine alltagstaugliche Zubereitung Wert legt, findet bei One Pot Soulfood also genau das, was er sucht.

Susanne Bodensteiner, Sabine Schlimm: One Pot Soulfood. 80 Seelenwärmer-Rezepte für Topf, Blech oder Pfanne. München, Gräfe und Unzer, 2018, 192 Seiten.
ISBN: 97838338677637

 


Genre: Sachbuch allgemein

Römisches Kochbuch

Die Aufbereitung historischer Rezepte für moderne Geschmäcker und Bedürfnisse liegt im Trend, und gerade die römische Küche, aus der mit dem sogenannten Kochbuch des Apicius, aber auch mit einzelnen Anleitungen etwa bei Cato und Columella die genaue Zubereitung zahlreicher Gerichte überliefert ist, bietet in der Hinsicht ein dankbares Betätigungsfeld.
Robert Maiers Römisches Kochbuch ist ein besonders gut konzipiertes Beispiel für einen solchen kulinarischen Ausflug ins alte Rom, das durch große Sachkenntnis besticht. Bevor es zu den eigentlichen Rezepten geht, verrät eine kurze Einführung viel Wissenswertes über die römische Küche. Neben den üblichen Hinweisen zu damals noch nicht bzw. heute nicht mehr bekannten Zutaten und einer Vorstellung der wichtigsten Quellen geht es dabei auch um Feinheiten, die man sonst selten bedenkt (etwa darum, dass bestimmte Gemüsesorten heute größer gezüchtet werden, als sie es in der Antike waren), und um Traditionen, die bis heute überdauert haben: So lassen sich etwa die Ursprünge mancher Arten von Wurst und Gebäck, die in bestimmten italienischen Regionen immer noch gängig sind, bis in die Römerzeit zurückverfolgen. Daneben finden sich interessante Überlegungen zum Preis von Lebensmitteln in der Antike. Zumindest einzelne Werte haben sich hier nicht sehr verändert: Umgerechnet kostete ein Ei zur Zeit des Kaisers Diokletian ungefähr das Gleiche wie heute ein Bio-Ei.
Die eigentlichen Rezepte sind nach den Kategorien Getränke, Eingemachtes, Vorspeisen, Hauptgerichte, Beilagen, Nachspeisen und Gebäck geordnet. Neben heute gängigen Mengenangaben und Zubereitungsempfehlungen bieten sie immer wieder auch durchdachte Detailtipps (z.B. sind Hinweise enthalten, wann man in einem Rezept besser etwas verändert sollte, weil der Garprozess sonst bei einem modernen Herd oder Ofen nicht zum selben Resultat führt wie bei der Nutzung der jeweiligen antiken Pendants).
Trotz dieser Anpassung an unsere Möglichkeiten und Kochgewohnheiten ist das Römische Kochbuch aber eines der wenigen seiner Art, das neben alltäglichen Rezepten ganz bewusst auch solche für schwelgerische Feste enthält. Wer also schon immer wissen wollte, wie er ein Spanferkel mit Füllung aus Hähnchen, Wachteln, Weinbergschnecken und allerlei Gemüse und Früchten zubereiten kann – hier gibt es die Schritt-für-Schritt-Anleitung, komplett mit der wenig überraschenden Versicherung, dass man damit garantiert „eine große Anzahl von Gästen“ satt bekommt. Wahrscheinlich wird man zwar eher etwas einfachere Speisen spontan nachkochen (z.B. eines der vielen empfehlenswerten Pilzgerichte), aber es verdient doch Anerkennung, dass Robert Maier nicht einfach unterschlägt, dass auch solch übersteigerte Üppigkeit durchaus Teil der gehobenen römischen Küche war, und sich tatsächlich an eine Umsetzung wagt.
Aber keine Sorge: Auch Vegetarier und Veganer kommen hier auf ihre Kosten, und die Menüvorschläge, die das Buch abrunden, sind jeweils so gekennzeichnet, dass man schnell erkennt, ob sie nur für Fleisch- und Fischfans oder speziell für die Freunde rein pflanzlicher Nahrung geeignet sind.
Nur eines fehlt dem kompakten Taschenbuch: eine Bebilderung. Wer wissen möchte, wie die römischen Gerichte denn nun zubereitet aussehen, hat keine Wahl, als sich ans Nachkochen zu machen – aber das lohnt sich durchaus.

Robert Maier: Römisches Kochbuch. Rezepte für die moderne Küche. Stuttgart, Reclam, 2015, 257 Seiten.
ISBN: 9783150110195


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

Auf Jesu Spuren

Zugegeben, der Titel lässt erst einmal an ein frommes Erbauungsbuch denken – doch Nils Straatmanns Auf Jesu Spuren ist kein primär religiöses oder geschichtliches Werk, sondern ein hochaktueller Reisebericht über das heutige Israel und Palästina.
Als Theologiestudent nicht unbedingt frei von Skepsis und Glaubenszweifeln beschließt Nils Straatmann, dem historischen Jesus nachzuspüren, indem er dessen Weg von Galiläa bis Jerusalem nachwandert – ein Vorhaben, das er im Frühjahr bis Sommer 2016 gemeinsam mit seinem wenig kirchenaffinen Freund Sören in die Tat umsetzt.
Was so als schräge Mischung zwischen Pilgerfahrt und Bildungsreise beginnt, führt jedoch nicht zu bahnbrechenden Erkenntnissen über die Antike oder gar zur spirituellen Erweckung. Im Gegenteil: Die touristische Ausschlachtung jeder noch so zweifelhaften Legende stößt die beiden Besucher eher ab und nimmt selbst prinzipiell interessanten archäologischen Stätten ihren Reiz.
Als umso spannender erweisen sich die Begegnungen mit den heutigen Bewohnern der Landstriche, in denen Jesus einst wirkte. Immer wieder erleben die beiden Wanderer Offenheit und rührende Gastfreundschaft, sehen sich daneben aber angesichts der angespannten politischen Lage auch mehr als einmal mit Misstrauen bis hin zur Aggression konfrontiert.
Wer den israelisch-palästinensischen Konflikt nicht nur in seiner historischen Dimension, sondern auf ganz persönlicher Ebene verstehen möchte, findet in Straatmanns Schilderungen seiner Gespräche mit Juden, Muslimen, Christen und Drusen reichlich Material. Mehrfach scheinen Friedenssehnsucht und legitime Kritik am Verhalten beider Seiten auf, aber vor allem wird überdeutlich, dass auch mancher, der auf den ersten Blick aufgeschlossen und sympathisch wirkt, der jeweils anderen Konfliktpartei gegenüber Vorurteile bis hin zur ideologischen Verbohrtheit hegt. Dementsprechend sind es auch nicht ausschließlich praktische Gründe, die einer dauerhaften Überwindung der Gegnerschaft im Wege stehen, sondern nicht zuletzt auch die Tatsache, dass das Festhalten an eingefahrenen Feindbildern für Israelis wie für Palästinenser in gewissem Maße identitätsstiftend wirkt und hilft, in sich durchaus heterogene Gruppen zusammenzuschweißen. Eine schnelle Lösung dieser Probleme sieht Straatmann zu Recht nicht, und so stimmen einen viele seiner Beobachtungen eher nachdenklich und pessimistisch.
Deprimierend ist die Lektüre dennoch nicht, denn neben allem Ernst finden sich am Wegesrand auch zahlreiche Kuriosa, von einem Harry-Potter-Film, der etwas Abwechslung ins triste Beduinendasein bringt, über merkwürdige Souvenirs wie Jordanwasser, vor dessen Konsum dringend gewarnt wird, bis hin zu einer Brauerei in einem christlichen Palästinenserdorf, die Bier nach deutschem Reinheitsgebot herstellt. Nicht nur an diesen Stellen ist der Erzählstil beschwingt und humorvoll, so dass sich das Wandeln Auf Jesu Spuren durchgehend sehr unterhaltsam gestaltet, auch wenn einmal manchmal das Lachen im Halse steckenbleibt.

Nils Straatmann: Auf Jesu Spuren. Eine Wanderung durch Israel und Palästina. München, Piper, 2. Aufl. 2018, 304 Seiten.
ISBN: 9783890294797


Genre: Sachbuch allgemein

Die Weisheit der Wölfe

Wölfe haben in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer keinen leichten Stand: Das Image des „bösen Wolfs“ ist schwer abzuschütteln, und die andererseits bisweilen betriebene Romantisierung wird den klugen und sozialen Tieren ebenso wenig gerecht. Dem wirklichen Wesen der Wölfe versucht Elli H. Radinger sich in Die Weisheit der Wölfe anzunähern.
Das Buch in eine der gängigen Schubladen einzuordnen, ist dabei fast unmöglich: Vordergründig ist es zwar naturkundlich ausgerichtet und schildert vor allem Beobachtungen an den Wolfsrudeln im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark, doch es hat zugleich eine philosophische Komponente, wenn Radinger immer wieder herausarbeitet, inwieweit das Verhalten der Wölfe dem menschlichen ähnelt oder ihm sogar als Vorbild dienen kann. Wer eher trockene Sachtexte gewohnt ist, wird vielleicht sogar einen kleinen Kulturschock erleben, denn Die Weisheit der Wölfe ist bewusst emotional geschrieben – nicht sentimental (die Tiere werden keineswegs verniedlicht), sondern von viel Enthusiasmus und Sympathie für Wölfe im Allgemeinen und manche Exemplare im Besonderen getragen. Ob und inwieweit man sich darauf einlassen mag, ist sicher Geschmackssache, aber wenn man es tut, wird man mit einem intensiven Ausflug in eine faszinierende Welt belohnt.
Wie Wölfe in freier Wildbahn miteinander, mit ihrer Beute und mit weiteren Lebewesen interagieren, ist, wie man hier erfährt, erst relativ spät erforscht worden. Noch immer sind die populären Vorstellungen daher stark von Beobachtungen geprägt, die man an in Gefangenschaft gehaltenen Wölfen gemacht hat, deren Zwangsgemeinschaften mit der natürlichen, überwiegend familiär geprägten Rudelstruktur wenig gemein haben. „Alphatiere“ und dergleichen mehr tauchen hier deshalb nur als kritisierte und überholte Konzepte auf.
Stattdessen erfährt man viel über den fürsorgliches Miteinander, clevere Jagdstrategien, erbitterte Kämpfe gegen rivalisierende Rudel, Anpassungsfähigkeit, ausgelassene Spiele, die Zusammenhänge in ganzen Ökosystemen und – besonders spannend – die fast freundschaftliche Zusammenarbeit mit Raben bei der Beutesuche. Auch den weitverbreiteten Ressentiments gegenüber Wölfen und nicht zuletzt der Rückkehr des Wolfs nach Deutschland, die nicht bei allen Begeisterung auslöst, obwohl sie eigentlich zu begrüßen ist, sind Kapitel gewidmet.
Wer sich schon eingehender mit Wölfen befasst hat, wird hier zwar viel Bekanntes wiederfinden, aber die Lektüre von Radingers Buch lohnt sich dennoch, da bei ihr einzelne Tiere deutlicher als anderswo als Individuen hervortreten. Wölfe – so wird einem klar – ähneln Menschen auch in der Hinsicht, dass vieles vom Charakter des Einzelnen abhängt und nicht jeder denselben Weg beschreitet, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Oft scheinen sie dabei weit mehr im Einklang mit sich und ihrer Umwelt zu sein als Menschen, so dass Radinger immer wieder dafür plädiert, sich einiges bei ihnen abzuschauen. Hier sind manche Interpretationen natürlich sehr subjektiv, aber insgesamt ist die Überlegung, dass der Blick in die Natur helfen kann, innezuhalten und eigene Gewohnheiten und Denkmuster zu hinterfragen, sicher nicht falsch.
Neben zahlreichen schönen Fotos (teilweise sogar in Farbe) runden einige praktische Hinweise den Band ab. Außer Tipps zum richtigen Verhalten wilden Wölfen gegenüber ist hier auch eine Art kleiner Reiseführer enthalten, falls man selbst planen sollte, den Protagonisten des Buchs in den USA einen Besuch abzustatten. Wer keinen wissenschaftlich-trockenen, sondern eher einen mitreißenden und schwungvoll lesbaren Zugang zum Thema Wolf sucht, findet hier also genau das Richtige.

Elli H. Radinger: Die Weisheit der Wölfe. Wie sie denken, planen, füreinander sorgen – Erstaunliches über das Tier, das dem Menschen am ähnlichsten ist. München, Ludwig, 2017, 288 Seiten.
ISBN: 9783453280939


Genre: Sachbuch allgemein

Der Geschmack des Weltreichs

Die Alltagsgeschichte der römischen Antike ist nicht nur in der Forschung, sondern auch bei historisch Interessierten ein beliebtes Thema, und die Esskultur ist daraus nicht wegzudenken: Speisen, die man nachkochen und probieren kann, bieten schließlich mit den unmittelbarsten sinnlichen Zugang zu einer vergangenen Welt. Die überlieferten Rezepte sind jedoch in Mengenangaben und Zubereitungsempfehlungen oft äußerst vage. Abhilfe schaffen Kochbücher, die das antike Textmaterial heutigen Gepflogenheiten entsprechend ausdeuten. Der Geschmack des Weltreichs ist ein Beispiel für diese Buchgattung, das ins römische Germanien führt.
Der Romanautor Michael Kuhn nähert sich der römischen Kochkunst nicht aus streng wissenschaftlicher Perspektive, sondern von der unterhaltsamen Seite. Eine strikte Rekonstruktion steht nicht im Vordergrund, sondern der Spaß für Hobbyköchinnen und -köche. So sind die Rezepte in eine kleine Geschichte um das Pech eines jungen Legionärs eingebettet, der unfreiwillig als Küchenhilfe beim Gastmahl seines Vorgesetzten einspringen muss, und kommen in Geschmacksrichtung und Zutatenauswahl heutigen Vorlieben sehr entgegen. Wer also hofft, hier eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für orgiastische Prassereien à la Trimalchio zu erhalten, dürfte eher enttäuscht sein.
Stattdessen gibt es freie Interpretationen derjenigen antiken Rezepte (etwa von Apicius oder Cato), die im weitesten Sinne so etwas wie solide Hausmannskost ergeben, vom Fladenbrot über Linseneintopf und Schinken im Teigmantel bis hin zum Honig-Käsekuchen. Bequemlichkeit geht dabei teilweise vor historischer Korrektheit (so wird z.B. ein Wurstrezept in eines für Frikadellen umgewandelt und auch durchaus einmal Backpulver in den Teig gemischt). Aber nicht immer ist der Griff zu modernen Zutaten so bewusst: Ein Gericht wird mit grünen Bohnen zubereitet, die den Römern eigentlich noch unbekannt gewesen sein dürften, da sie aus der Neuen Welt stammen.
Nicht ganz klar geworden ist mir die Logik hinter der Grammatik der lateinischen Rezeptnamen, bei denen Nominativ und Akkusativ munter abwechseln. Hier hätte man sich ein gründlicheres und sprachkundigeres Lektorat gewünscht.
Auch bei den Illustrationen schwankt die Qualität ein wenig. Während die Fotos der einzelnen Gerichte ansprechend geraten sind, wirken die Grafiken mit der Übersicht über die den Römern bekannten und unbekannten Lebensmittel etwas unscharf und hätten eine hübschere Gestaltung verdient.
Ein Gesamturteil über den Geschmack des Weltreichs fällt daher im Endeffekt schwer. Einerseits ist einem an dem Buch die Intention sympathisch, römische Esskultur für Laien ohne großen Aufwand und mit raschen Erfolgserlebnissen nachvollziehbar zu machen, und die fiktiven Szenen lesen sich ganz unterhaltsam, auch wenn ihnen der didaktische Charakter anzumerken ist. Andererseits hätte man sich doch etwas mehr Genauigkeit im Detail gewünscht. Wer in der Antike einfach nur ein paar vergnügliche Anregungen für die Küchenpraxis sucht, kann hier fündig werden, aber alle, die auf bis in alle Einzelheiten belastbare Informationen Wert legen, sollten zumindest zusätzlich oder gleich ganz zu anderen Werken greifen.

Michael Kuhn: Der Geschmack des Weltreichs. Einführung in die römische Küche. Aachen, Ammianus, 2017, 96 Seiten.
ISBN: 9783945025604


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

Die geheime Welt der Gartendrachen

Es gibt Bücher, die sich den gewohnten Genrezuordnungen entziehen, einen aber auf den ersten Blick verzaubern – und Eleanor Bicks Die geheime Welt der Gartendrachen gehört ganz eindeutig dazu. Vordergründig fiktive Naturkunde über sieben ausgesprochen niedliche Drachenarten bietet es zugleich eine Sammlung nützlicher Tipps, um in der realen Welt Gärten und Balkons naturnah und bienenfreundlich zu gestalten, und enthält nebenbei auch mit leichter Hand eingestreute Informationen über Drachenmythen aus aller Welt. Seinen Charme gewinnt das Buch dabei vor allem aus den liebenswerten Illustrationen, die von der Autorin stammen und anschaulich die im Titel versprochene „geheime Welt“ heraufbeschwören, die sich zwischen ganz normalen Pflanzen wie Lavendel, Klee oder Schneeglöckchen verbirgt.
Denn wenn man genau hinsieht – so erfährt man hier-, kann man in Beeten und auf verwilderten Grundstücken kleine freundliche Drachen erspähen, die gut getarnt auf ihren Wirtspflanzen sitzen und das Unkraut sprießen lassen, um Verstecke für ihre Jungen zu schaffen oder den Bienen zu helfen. Denn mit dem in den letzten Jahren immer stärker spürbaren Insektensterben hat das Buch eigentlich ein ernstes Grundthema, das jedoch so liebevoll und warmherzig verpackt ist, dass zu keinem Zeitpunkt der Gedanke an einen bemühten Problemtext aufkommt.
Vielmehr versinkt man bald glücklich in der Lektüre der Kurzporträts der einzelnen Drachenarten, die alle in Wort und Bild ihren ganz eigenen Charakter verliehen bekommen, von den putzigen und geselligen kleinen Kleedrachen über elegante Jäger wie die Ringelblumendrachen bis hin zum schelmischen Sonnenblumendrachen, der es sich gut getarnt auf den großen Blüten bequem zu machen weiß. Auf jede Drachenvorstellung folgen realistische Sachinformationen zur jeweiligen Wirtspflanze. Neben einem eigenen Kapitel über Bienen gibt es zu guter Letzt auch noch recht umfassende praktische Hinweise, die einen ersten Einstieg ins Gärtnern erleichtern und vor allem Berührungsängste abbauen – denn um mit der Auswahl der richtigen Pflanzen der Natur etwas zurückzugeben (und selbstverständlich viele kleine Drachen anzulocken), muss man, so wird deutlich, kein Profi sein.
Eingebettet ist dies alles in die amüsante Geschichte der Entdeckung der Gartendrachen und ihrer Erforschung, die, wie immer wieder betont wird, noch ganz an ihrem Anfang steht und viel Raum für neue Erkenntnisse lässt. Vielleicht darf man also auf eine Fortsetzung hoffen, in der noch mehr drollige kleine Fabelwesen Blumenbeete und Wiesen bevölkern.
Die geheime Welt der Gartendrachen ist übrigens durchaus kindertauglich, aber keineswegs ein typisches Kinderbuch, sondern ein phantasievoller literarischer Ausflug für alle Altersklassen, der die Magie im Alltäglichen fassbar macht.

Eleanor Bick: Die geheime Welt der Gartendrachen. Unter Mitwirkung von Eva-Christiane Wetterer. Hamburg, KJM, 2017, 80 Seiten.
ISBN: 9783945465578


Genre: Kinderbuch, Märchen und Mythen, Sachbuch allgemein

German Glück

Im internationalen Vergleich geht es uns Deutschen ziemlich gut, was Lebensstandard, medizinische Versorgung, Bildungschancen und dergleichen mehr betrifft. Im Glücksempfinden scheint sich das jedoch nicht niederzuschlagen. German Angst gilt als charakteristische Befindlichkeit in der Bundesrepublik, nicht das in augenzwinkernder Anspielung darauf zum Buchtitel gewordene German Glück, und sogar innerhalb des Landes ist bei der Zufriedenheit der Norden dem wirtschaftlich starken Süden um Längen voraus.
Einen möglichen Erklärungsansatz für die auf den ersten Blick paradoxe Situation findet man, wenn man die von Sabine Eichhorst ansprechend und lebendig wiedergegebenen Gespräche mit mehr oder minder Glücklichen liest, denn eines erweist sich schnell: Glück bedeutet nicht unbedingt, dass die äußeren Umstände ideal sind.
Die Auswahl von vorgestellten Personen deckt eine große Bandbreite ab. Von der Neunjährigen bis hin zu älteren Damen und Herren haben Menschen ihren Auftritt, die hinsichtlich ihres Berufs, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer geographischen und sozialen Herkunft und ihrer Vorlieben gar nicht unterschiedlicher sein könnten. Natürlich sind darunter auch durchaus Glückspilze im landläufigen Sinne (etwa der Gewinner einer Quizshow, der sein Glück aber interessanterweise gar nicht in der dort erspielten hohen Geldsumme sieht), und manche der Interviewten hatten durch eine liebevolle Herkunftsfamilie oder günstige Zeitumstände bessere Chancen als andere. In den weitaus meisten Fällen jedoch sind die skizzierten Biographien von überwundenen oder noch ertragenen Widrigkeiten geprägt.
Manche Schicksale machen einen zutiefst betroffen: So begegnen einem eine Frau, die sich als kleines Kind nach Ende des Zweiten Weltkriegs unter erbärmlichen Bedingungen allein in Ostpreußen durchschlagen muss und erst viel zu spät erfährt, was aus ihrem verschollenen Vater geworden ist, eine syrische Flüchtlingsfamilie, die sich auf abenteuerlichen getrennten Wegen nach Deutschland rettet, und ein junger Mann, der durch ein Erkrankung einen Teil seines Gedächtnisses verliert, so dass ihm zwar Sprach-, Musik- und Computerkenntnisse, aber keine persönlichen Erinnerungen bleiben. Andere Katastrophen sind nicht ganz so unfassbar, für die Betroffenen aber nicht minder tragisch, ob es nun um eine Firmenpleite, die Demenz des Ehepartners oder ein Leben im Rollstuhl geht.
Neben all diesen zumindest auf den ersten Blick traurigen Geschichten stehen aber auch viele weniger dramatische von beruflichen oder privaten Neuorientierungen, unkonventionellen Daseinsformen (wie einer Phase als Eremitin) und gelingenden Ehen. Bisweilen geht es auch einfach nur um die Freude an Natur, Gesang, Lektüre und scheinbaren Kleinigkeiten.
In die fein beobachteten Porträts sind an passender Stelle mit leichter Hand Forschungsergebnisse zum Thema Glück eingeflochten. Nach und nach kristallisiert sich so ein Bild dessen heraus, was Glück eigentlich ausmacht. Bestimmte körperliche und psychische Grundbedürfnisse müssen selbstverständlich erfüllt sein, damit man Glück empfinden kann, aber abgesehen davon sind es nicht etwa großer Reichtum und perfekte Gesundheit, die einen zum glücklichen Menschen machen, sondern neben tragfähigen Bindungen vor allem innere Überzeugungen.
Oft spielt dabei Glaube eine Rolle, ob nun an Gott oder nur daran, dass sich die Lage schon zum Guten wenden wird, weil sich bisher noch immer alles irgendwie ergeben hat. Vor allem aber ist es das Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten, die sogenannte Selbstwirksamkeit, das einem die Tür zum Glück öffnet. Wer sich nicht hilflos einer Situation ausgeliefert fühlt, sondern die Dinge in die Hand nimmt, soweit es eben geht, wird offenbar glücklicher als allzu passive Zeitgenossen.
Es ist vor allem diese Erkenntnis, die German Glück trotz aller Härten, die geschildert werden, zu solch einem tröstlichen und hoffnungsvollen Buch macht. Ein Lektüregenuss ist es übrigens auch abseits aller Denkanstöße, denn Sabine Eichhorsts Begabung, Orte, Stimmungen und Menschen in der Anmutung locker-impressionistisch, in der Sache aber immer präzise und unbestechlich heraufzubeschwören, zeigt sich in den kurzen Lebensbildern wunderschön. Ein bisschen Alltagsglück liegt also auch darin, in German Glück zu versinken.

Sabine Eichhorst: German Glück. Reise durch ein unerwartet glückliches Land. München, Ludwig, 2017, 256 Seiten.
ISBN: 9783453280892


Genre: Sachbuch allgemein

Das geheimnisvolle Leben der Pilze

Populärwissenschaftliche Sachbücher zu Naturthemen liegen im Trend, und so ist es kein Wunder, dass auf dieser Bühne nun endlich auch Wesen mit eindrucksvollen Namen wie Spitzbuckliger Riesenschirmling, Runzelverpel, Totenfinger oder Teufelszahn ihren Auftritt bekommen. Das geheimnisvolle Leben der Pilze, das die eben Aufgezählten und noch viele weitere Verwandte führen, erkundet der Biologe Robert Hofrichter mit spürbarer Begeisterung in Wort und Bild. Dabei geht es nicht etwa nur ums Pilzesammeln in heimischen Wäldern, obwohl Hofrichter auch die Freuden und Gefahren dieses Zeitvertreibs ausführlich beschreibt, sondern vielmehr vor allem darum, die ganze Wunderwelt der Pilze und ihre Bedeutung für die Menschen fassbar zu machen.
In handlichen Abschnitten und munterem, oft humorvollem Stil nimmt einen der Autor mit auf eine Entdeckungsreise, die nicht nur zu alten Bekannten wie Champignons, Fliegenpilzen oder Trüffelschweinen führt, sondern auch zum vermutlich größten Lebewesen der Welt (einem Hallimasch in Nordamerika), zu unheimlichen Parasiten, die Ameisen gewissermaßen zu Zombies machen oder Raupen zum Verhängnis werden, zu natürlichen Frostschutzmitteln und zu viel zu wenig bekannten Unterwasserpilzen. Man erfährt, welche Speisepilze sich züchten lassen und welche nicht (oder nur schlecht), und auch die Forschungsgeschichte kommt nicht zu kurz.
Daneben werden zahlreiche kuriose Details mit eingeflochten (so etwa, dass Giftmorde durch Pilze laut englischer Kriminalstatistik des 19. Jahrhunderts eher selten sind), und die Schilderung persönlicher Erlebnisse des Verfassers mit Pilzen, bis hin zur Verlobung auf Pilzsuche, lockert den Text zusätzlich auf. Überdeutlich wird aber vor allem, dass noch längst nicht alles über Pilze bekannt ist und immer wieder neue Erkenntnisse warten, die sicher geglaubtes Wissen infrage stellen – sei es nun, dass inzwischen erforscht ist, dass Flechten nicht aus zwei, sondern aus drei Symbionten bestehen, oder dass man die Giftigkeit bestimmter vermeintlicher Speisepilze womöglich bisher unterschätzt hat.
So gut sich das Buch insgesamt liest, unfreiwillig komisch wird es, wenn Hofrichter sich in die Steinzeit zurückzuversetzen versucht, in der Pilze nicht nur als Nahrung eine wichtige Rolle spielten. Liest man von dem geistig anscheinend eher schlichten Jäger-und-Sammler-Clan, der wohlig schmatzend in seiner Höhle hockt und vor lauter Fresslust nur halb mitbekommt, wie der Schamane plant, mithilfe von Fliegenpilzen Kontakt zum „Großen Geist“ aufzunehmen, stellt sich doch schnell der Eindruck ein, dass hier eher populäre Klischees in eine ferne Vergangenheit zurückprojiziert werden, als dass es um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der damaligen Lebenswirklichkeit geht. Da versteht es sich schon fast von selbst, dass in Hofrichters Steinzeit auch äußerst patriarchalische Verhältnisse herrschen und man „die Frauen und Kinder hinaustrieb“, um Rauschmittel für die Herren der Schöpfung zu beschaffen, die nur „in ihrer Verzweiflung (…) dabei mitmachten“, um genug zusammenzutragen …
Es lohnt sich aber trotzdem, nach etwas Kopfschütteln und Augenrollen weiterzulesen, denn wann immer es um Pilze und nicht um Geschichte geht, liefert Hofrichter wirklich eine Fülle spannender und aktueller Informationen. Mit kleinen Abstrichen ist Das geheimnisvolle Leben der Pilze also durchaus zu empfehlen und macht Lust darauf, sich noch genauer mit dem Thema zu beschäftigen.

Robert Hofrichter: Das geheimnisvolle Leben der Pilze. Die faszinierenden Wunder einer verborgenen Welt. Gütersloh, Gütersloher Verlagshaus, 2017, 240 Seiten.
ISBN: 9783579086767


Genre: Sachbuch allgemein