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Der Wald

Der Wald ist derzeit ein populäres Thema, und das nicht nur, weil die Bedeutung von Umwelt- und Klimaschutz immer mehr Menschen bewusst wird. Trends wie das „Waldbaden“ oder die Beliebtheit des nature writing zeigen, dass der Wald vor allem auch die Gefühle anspricht.
Von solchen emotional geprägten Ansätzen grenzt der Biologe Hansjörg Küster sich in seinem Buch Der Wald. Natur und Geschichte bewusst strikt ab und wählt eine von Sachlichkeit und Nüchternheit geprägte naturwissenschaftliche und historische Perspektive, um seinen Leserinnen und Lesern das Phänomen Wald nahezubringen. Dabei stellt sich schon eingangs heraus, dass gar nicht so leicht zu umreißen ist, was einen Wald eigentlich ausmacht – was laut Gesetz dazugehört (wie z.B. Lichtungen oder Waldwege), fällt ökologisch gar nicht unter den Begriff. Doch auch abgesehen von solchen Spitzfindigkeiten hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert, was genau man unter einem Wald versteht, und das nicht nur in geographisch unterschiedlichen Regionen, sondern auch innerhalb von Mitteleuropa und speziell Deutschland, den Gebieten, auf die Küster sich hier konzentriert.
Der ständige Wandel der Natur- und Kulturlandschaft zieht sich daher auch wie ein roter Faden durch das Buch, ob nun im Hinblick auf die Erdgeschichte (von der Entstehung der ersten Wälder vor über 370 Millionen Jahren bis heute) oder bezogen auf die Veränderungen, die der Wald spätestens seit der Jungsteinzeit durch direkten oder indirekten menschlichen Einfluss wiederholt durchmachte. Nicht jeder große Umbruch ist dabei Menschenwerk: So wirbelte z.B. die Abfolge von Warm- und Kaltzeiten die Zusammensetzung der mitteleuropäischen Wälder kräftig durcheinander. Echte Urwälder waren diese jedoch schon in vorindustrieller Zeit nicht mehr: Neben der direkten Holznutzung wirkten sich auch Ackerbau und Viehzucht beträchtlich auf die Landschaft aus. Neben rücksichtsloser Nutzung sind jedoch immer wieder, verstärkt ab der frühen Neuzeit, Bemühungen überliefert, den Wald zu schützen und auf Nachhaltigkeit zu setzen. Aus diesem Grunde steht Küster auch Bestrebungen kritisch gegenüber, Wälder gar nicht mehr zu bewirtschaften und sich selbst zu überlassen. Er plädiert vielmehr für einen Kompromiss zwischen Natur und Kultur, der sowohl Raubbau am Wald als auch die völlige Unterlassung menschlicher Eingriffe vermeidet.
Ein knapper Überblick widmet sich auch dem Wald aus ideengeschichtlicher Sicht, wobei Küster das 18. und 19. Jahrhundert als die für insbesondere das deutsche Bild vom Wald prägende Phase betrachtet, die einerseits eine Romantisierung und Aufladung mit politischen und nationalistischen Gedanken, andererseits aber auch eine Zuschreibung unheimlicher Züge (z.B. im Märchen) mit sich brachte. Geisteswissenschaftlich greift die Betrachtung der mit dem Wald verbundenen Assoziationen und Vorstellungen durch diese zeitliche Beschränkung teilweise etwas zu kurz (so gehört etwa der Wald als Ort der – vermeintlichen – Zivilisationsferne und des Abenteuers bereits in den festen Bestand der Schauplätze mittelalterlicher Dichtung und nicht erst der Grimm’schen Märchen), aber selbstverständlich ist eine umfassende kulturhistorische Analyse im Rahmen einer knappen Einführung weder angestrebt noch zu leisten.
Seinem Anspruch, einen ersten Überblick zu bieten, wird Der Wald auf jeden Fall gerecht und ist dank guter und genauer Erklärungen der gebrauchten Fachbegriffe für Laien problemlos zu lesen. Wer dagegen schon über Grundwissen in Sachen Wald verfügt, wird von ausführlicheren Darstellungen (die unter anderem auch vom selben Autor vorliegen) eher profitieren.

Hansjörg Küster: Der Wald. Natur und Geschichte. München, C.H. Beck, 2019, 128 Seiten.
ISBN: 978-3406732164


Genre: Sachbuch allgemein

Tagebuch eines Buchhändlers

Mit seinem Tagebuch eines Buchhändlers bietet Shaun Bythell genau das, was der Titel verspricht: eine nach Tagen gegliederte Schilderung seiner Aktivitäten in seinem Buchantiquariat im schottischen Wigtown im Jahreslauf zwischen dem 5. Februar 2014 und dem 4. Februar 2015. Jeder Monat wird dabei von einem Zitat aus George Orwells Erinnerungen an eine Buchhandlung eingeleitet, das als Anknüpfungspunkt für allgemeine Betrachtungen über das Buchhändlerdasein dient, bevor die in ihrer Länge stark wechselnden Berichte über die einzelnen Tage folgen. Seinen Charme gewinnt das Buch dabei vor allem daraus, dass sich aus der Fülle der Einzelereignisse auch die fortlaufenden Geschichten eines ganzen wiederkehrenden Figurenensembles herauskristallisieren: Von der exzentrischen Mitarbeiterin, die Bücher nach ihren ganz eigenen Kriterien in die nach Themengebieten geordneten Regale einsortiert, über Stammkunden, Nachbarn und Bekannte bis hin zur Buchhandlungskatze Captain sind viele Personen präzise und amüsant charakterisiert, so dass es Spaß macht, ihre Abenteuer zu verfolgen und auf ihr nächstes Auftauchen zu warten. Neben dem Tagesgeschäft im Antiquariat spielen auch immer wieder Buchankäufe, lokale Großereignisse wie das jährliche Bücherfestival und private Unternehmungen des Autors – ob nun Angelausflüge oder Leseinteressen abseits des Berufs – eine entscheidende Rolle. In der gelungenen Übersetzung von Mechthild Barth liest sich all das so flüssig und unterhaltsam, dass man schnell mehr Seiten verschlungen hat, als man selbst bemerkt.
Bei allem oft bissigen Humor ist allerdings der Grundton nicht sonderlich hoffnungsvoll: Wie andere unabhängige Buchhandlungen auch hat Bythells Laden seit Jahren unter der Konkurrenz durch den Onlineversand und den damit einhergehenden Wandel im Kauf- und Leseverhalten zu leiden, und sein Ärger darüber zieht sich wie ein roter Faden durch fast alle Kapitel, obwohl er ohne die verhasste Internetkonkurrenz als Verkaufsplattform selbst nicht mehr auskommt. Seine Wut lässt ihn sogar irgendwann auf einen Kindle schießen und daraus ein schräges Kunstprojekt machen (ein Bild davon ist übrigens im Buch vorhanden).
Aber es liegt nicht vorrangig an den mit so viel Engagement angeprangerten Schwierigkeiten der Branche, dass sich im Lauf der Lektüre ein gewisses Unbehagen einstellt. Bythell erwartet viel Verständnis für seine wirtschaftlich alles andere als beneidenswerte Lage und den Arbeitsaufwand, den das Betreiben eines unabhängigen Antiquariats bedeutet. Umgekehrt sind seine Kommentare über andere Menschen jedoch ein wenig zu oft von Selbstgerechtigkeit und Häme geprägt. In vielen Fällen übt er zwar berechtigte Kritik an Fehlverhalten, doch in anderen Situationen beschleicht einen unweigerlich der Eindruck, dass mit ihm oder zumindest mit seiner in welchem Maße auch immer fiktionalisierten Erzählerfigur nicht unbedingt der netteste Buchhändler aller Zeiten von den unleugbaren Problemen betroffen ist.
Trotz dieses kleinen Wermutstropfens bietet Bythells literarisch aufbereitetes Buchhändlerjahr einen wertvollen Einblick in eine Welt, die man als Leserin oder Leser sonst nur von außen zu sehen bekommt, und vermittelt auch überzeugend etwas von der partiellen Entzauberung, die unweigerlich damit einhergeht, wenn man seine Bücherleidenschaft in irgendeiner Form zum Beruf macht. Lesenswert ist das Tagebuch eines Buchhändlers deshalb auf jeden Fall.

Shaun Bythell: Tagebuch eines Buchhändlers. München, btb, 2019, 448 Seiten.
ISBN: 978-3442718658


Genre: Sachbuch allgemein

Unter Briten

Christoph Scheuermann war von 2012 bis 2017 Großbritannienkorrespondent für den SPIEGEL. Seine in dieser Zeit insbesondere in England und Schottland gemachten Erfahrungen präsentiert er in Unter Briten, einer Sammlung von fünfundzwanzig kleinen Reportagen über Begegnungen mit verschiedenen Menschen.
Die Auswahl an Interviewten oder auch nur Beobachteten ist dabei buntgemischt: Von Prinz Charles geht es über Prominenz wie Boris Johnson (zum Zeitpunkt des Treffens noch Bürgermeister von London), die Schauspielerin Tilda Swinton und den Schriftsteller John le Carré bis hin zu Normalbürgern aller Schichten. Eton-Schüler und junge Konservative stehen hier neben einer Callcentermitarbeiterin, einem LKW-Fahrer oder einem Pfandleiher samt seiner weit unten in der Gesellschaft angekommenen Kundschaft. Auch viel Exzentrisches wird geschildert: Verarmte Landadlige als Stars einer Reality-TV-Sendung sind ebenso vertreten wie die Mitglieder einer eher schrägen Untergrundband oder UFO-Gläubige, die schon der Entführung durch missgünstige Aliens entronnen sein wollen. Nicht nur deshalb ist der Unterhaltungswert von Unter Briten durchgängig hoch. Scheuermann schreibt geistreich, humorvoll und oft auch ein wenig selbstironisch, und die kurzen Kapitel bieten sich auch als Lektüre für zwischendurch an, da sie sich problemlos einzeln lesen lassen.
Dennoch würde es dem Buch nicht gerecht werden, wollte man in ihm nur eine Serie vergnüglicher bis berührender Artikel sehen. Kaleidoskopartig ergibt sich aus ihnen nämlich Stück für Stück eine Art Psychogramm der britischen Seele.
Eine tiefergehende Analyse bietet die Sammlung von Momentaufnahmen natürlich nicht, aber dennoch kristallisieren sich im Laufe der Lektüre bestimmte Züge heraus, die Großbritannien allgemein zu prägen scheinen und Entwicklungen wie den Brexit bis zu einem gewissen Grade erklären. So unterschiedlich die porträtierten Menschen auch sind, bei vielen von ihnen wird eine tiefe Sehnsucht nach vermeintlich besseren früheren Zeiten erkennbar, die – je nach sozialer Herkunft und individueller Situation – vielleicht nur ein paar Jahrzehnte, vielleicht aber auch fünfhundert Jahre zurückliegen. Die Bandbreite reicht dabei von verständlicher Unzufriedenheit mit der Gegenwart (wie z.B. im Falle von Bergleuten, die durch Zechenschließungen ihre Arbeit verloren haben) über harmlose Nostalgie bis hin zu weit verstörenderen Sichtweisen, die der Kolonialherrschaft oder der Gelegenheit, zum Kriegshelden zu werden, nachtrauern. Sieht man diese Tendenzen in Verbindung mit der auch immer wieder aufscheinenden Neigung, die eigene Insellage zu betonen und einen gewissen Stolz auf die kulturelle Abgrenzung von Kontinentaleuropa zu empfinden, beginnt man zu ahnen, warum die EU-Skepsis gerade in diesem Land so einen fruchtbaren Nährboden fand, dass es zum Austrittsbeschluss kommen konnte.
Vor diesem Hintergrund betrachtet ist der Untertitel Begegnungen mit einem unbegreiflichen Volk dann doch ein wenig tiefgestapelt, denn Christoph Scheuermann hilft einem hier durchaus, vieles ein wenig besser zu verstehen und überkommene Traditionen ebenso wie Entwicklungen der Moderne in ein Gesamtbild einzuordnen.

Christoph Scheuermann: Unter Briten. Begegnungen mit einem unbegreiflichen Volk. München / Hamburg, DVA / Penguin Verlag / SPIEGEL-Verlag, 2017, 237 Seiten.
ISBN: 978-3328102083


Genre: Sachbuch allgemein

Unser Hof in der Bretagne

Die Autorin Regine und der Informatiker Anton führen in Berlin ein im landläufigen Sinne erfolgreiches Leben – beide reüssieren im Beruf, eine schöne Wohnung und ein netter Bekanntenkreis sind ebenfalls vorhanden. Doch Arbeitsstress, Zeitmangel und ständiger Konsumdruck machen auf die Dauer nicht glücklich, so dass das Paar radikal die Konsequenzen zieht und in einem Wohnmobil quer durch Europa aufbricht, um einen Ort zu suchen, an dem ein sinnvolleres, natürlicheres Dasein möglich ist. Fündig werden die beiden in der Bretagne, wo sie in einem winzigen Dorf mit einstelliger Einwohnerzahl ein altes Haus kaufen und ohne viel Erfahrung, aber mit großer Begeisterung in eine Selbstversorgerexistenz starten …
Unser Hof in der Bretagne ist ein vergnüglich zu lesender, leichtfüßiger Erfahrungsbericht, der, mit einer Reihe instagramtauglicher Fotos aufgepeppt, seine Leserinnen und Leser nie überfordert, sondern auf sehr zugängliche und persönliche Art Themen anschneidet, die heutzutage zahlreiche Menschen bewegen. Die Unzufriedenheit mit einem immer naturferneren und in vielerlei Hinsicht fremdbestimmten Alltag dürfte gerade in Großstädten vielen vertraut sein, auch wenn nur die wenigsten tatsächlich den Schritt gehen, einschneidende Veränderungen zu wagen. Gerade zu diesen möchte Regine Rompa aber ermutigen. Am Beispiel ihrer Erlebnisse zeigt sie auf, dass zum Ausstieg aus dem Hamsterrad viel weniger nötig ist, als man oft annimmt, und eine Auseinandersetzung mit den eigenen Ansprüchen und Bedürfnissen oft unvermutete Freiräume eröffnet.
Auch Schwierigkeiten werden allerdings nicht verschwiegen: So erweist es sich z.B. als einfacher, auf dem eigenen Land ein Wildtierschutzgebiet einzurichten, als in Frankreich ein Konto zu eröffnen oder in eine Krankenversicherung aufgenommen zu werden, und der erste Versuch, Gemüse anzupflanzen, scheitert an einer allzu optimistischen Einschätzung der Frühjahrstemperaturen. Die Grundhaltung bleibt jedoch durchgehend positiv, auch in der liebe- und humorvollen Schilderung von Menschen und Tieren, mit denen die Autorin es zu tun hat. Neben Anrührendem und Sympathischem beschreibt sie auch reichlich Skurriles, das den Unterhaltungswert der Lektüre deutlich steigert: Von einem Rasenmäher als Rollatorersatz über einen leibhaftigen Obelix auf der Suche nach einer heiratswilligen reichen Dame bis hin zu dem spontan gefassten Plan, im Namen der Menschenrechte den niederländischen König zu stürzen, begegnet einem hier so einiges, das zum Schmunzeln reizt.
Bei aller Heiterkeit, die immer wieder aufkommt, bleibt Unser Hof in der Bretagne jedoch auch und vor allem ein Denkanstoß hinsichtlch der Frage, ob unschöne Phänomene wie Massentierhaltung, soziale Kälte und die Gier nach ständigen spektakulären Erlebnissen, die oft genug den Blick auf die kleinen Besonderheiten am Wegesrand verstellt, wirklich unumgänglich sind oder ob es nicht doch Auswege aus den Schattenseiten der Moderne gibt. Die Lösung, die Regine Rompa und ihr Partner für sich gefunden haben, wird sicher manchem zu weit gehen, doch als Anregung zum Überprüfen eigener eingefahrener Überzeugungen und Gewohnheiten taugt sie allemal.

Regine Rompa: Unser Hof in der Bretagne. Neuanfang zwischen Beeten, Bienen und Bretonen. Hamburg, Rowohlt, 2019, 256 Seiten.
ISBN: 978-3499634260


Genre: Sachbuch allgemein

Hochbegabt

Ein kleiner Junge sitzt auf einer Bank auf einem Schulhof, um still das Treiben in der Pause zu beobachten und seinen Gedanken nachzuhängen. Mit dieser autobiographischen Szene aus dem Aufsatz eines Fünftklässlers lässt Ole Kyed seinen Ratgeber Hochbegabt einsetzen und gibt damit zugleich einen Vorgeschmack auf Ton und Zielrichtung des Buchs. Hier geht es nicht darum, Hochbegabte gewissermaßen als Ressource für Wirtschaft und Gesellschaft zu erschließen oder den Einzelnen auf Höchstleistung in Schule, Studium und Beruf zu trimmen. Vielmehr steht der Ansatz im Mittelpunkt, den Kindern und Jugendlichen und damit letztlich auch den Erwachsenen, zu denen sie heranwachsen, ein menschlich gelungenes Leben zu ermöglichen.
Zusätzlich zu den allgemeinverständlich formulierten und gut lesbaren Sachteilen bietet Hochbegabt daher auch eine Auswahl persönlich gehaltener Schilderungen von Eltern, die über Entwicklung und Eigenarten ihrer hochbegabten Kinder sowie über Lösungsansätze bei Problemen berichten. Neben der wissenschaftlichen Perspektive auf das Thema steht so auch eine aus dem Alltag gegriffene, die in ihrer Unmittelbarkeit ansprechend wirkt. Zentrale Aspekte – wie etwa typische Anzeichen von Hochbegabung, Merkmale verschiedener Lernstile oder unterschiedliche psychologische Intelligenzmodelle – sind als Grafiken, Tabellen und Stichpunktlisten übersichtlich hervorgehoben und kommen so allen entgegen, die sich nur einen raschen Einblick verschaffen wollen, ohne das komplette Buch zu lesen.
Doch die Lektüre lohnt sich sehr. Deutlich wird dabei vor allem, dass es den einen idealen Ansatz, der bei allen Hochbegabten weiterhilft, nicht gibt. Mag für Kinder, die vor allem unter schulischer Unterforderung leiden, das Überspringen einer Klasse oder der Wechsel auf eine spezielle Hochbegabtenschule das Richtige sein, ist anderen damit gerade nicht gedient. Insbesondere die Tatsache, dass die emotionale und die intellektuelle Entwicklung oft asynchron verlaufen und auch deshalb akademischer Erfolg und das glückliche Einfügen in eine Gemeinschaft nicht immer Hand in Hand gehen, wird von Kyed dabei immer wieder hervorgehoben. Zugleich warnt er in diesem Zusammenhang auch vor Fehldiagnosen: Psychische Störungen können zwar bei Hochbegabten auftreten wie bei jedem anderen Menschen, aber manches, was in anderem Kontext ein Symptom z.B. für eine klinische Depression wäre, kann bei ihnen auch eine normale, mithin gesunde, Reaktion auf Schwierigkeiten mit dem Umfeld sein (wie z.B. wenig hilfsbereite Lehrkräfte oder Mobbing durch Klassenkameraden). Kyed wirbt daher dafür, in jedem Einzelfall mit Aufmerksamkeit und Verständnis die individuelle Situation zu betrachten und flexibel zu reagieren.
Trotz aller guten Ansätze, die hier schon greifbar werden, räumt Kyed in seinem Nachwort selbst ein, dass in der Forschung wie in der Praxis noch viel zu tun bleibt. Dennoch ist Hochbegabt zweifelsohne einer der derzeit besten Zugänge zum Phänomen Hochbegabung, ob nun für die im Untertitel hervorgehobenen Eltern, für Menschen, die mit hochbegabten Kindern und Jugendlichen arbeiten, oder für diejenigen Erwachsenen, die ihr jüngeres Ich in den Beschreibungen des Buchs wiederfinden und mit seiner Hilfe vielleicht lernen, sich selbst ein wenig besser zu verstehen.

Ole Kyed: Hochbegabt. Der Ratgeber für Eltern. Freiburg im Breisgau, Herder, 2018, 302 Seiten.
ISBN: 978-3451600500


Genre: Sachbuch allgemein

Rendezvous mit einem Oktopus

Schleimig, kannibalisch veranlagt, mit Gift ausgestattet, alles andere als langlebig und noch dazu von allerlei schaurigem Seemannsgarn umwoben: Ein Oktopus ist auf den ersten Blick nicht gerade der ideale Sympathieträger. Die Naturkundlerin Sy Montgomery blendet diese eher unangenehmen Eigenschaften von Kraken in ihrem klugen Sachbuch Rendezvous mit einem Oktopus nicht aus, zeigt aber mit viel Verve, Nachdenklichkeit und Herzblut, dass man die Meerestiere auch ganz anders wahrnehmen kann: als faszinierende, intelligente und ungemein erfindungsreiche Wesen, die nicht nur zu verblüffenden Wahrnehmungen und schier unglaublichen körperlichen Leistungen in der Lage sind, sondern auch jeweils eine ganz individuelle Persönlichkeit haben – mithin also eine Seele, wie es der englische Originaltitel The Soul of an Octopus andeutet.
Montgomery stützt sich bei ihrer Annäherung an die Kopffüßer überwiegend auf Erfahrungen mit Pazifischen Riesenkraken im New England Aquarium in Boston, mit denen sie über einen längeren Zeitraum hinweg interagieren durfte, aber auch auf Beobachtungen von Oktopoden in freier Wildbahn bei Tauchgängen vor Mexiko und in Polynesien. Schnell wird dabei deutlich, dass wirklich jeder Krake seine Eigenarten hat und auch ganz unterschiedlich auf verschiedene Menschen reagiert. Neben dem Leben und leider oft auch Sterben ihrer tierischen Protagonisten skizziert Montgomery so auch Charakter und Biographien der Personen, die mit ihnen in Kontakt kommen, vom Aquariumsmitarbeiter über den alternden Ehrenamtler oder die ebenfalls freiwillig im Aquarium tätige autistische Schülerin bis hin zur Psychologin, die eine Persönlichkeitstest für Tintenfische entwickelt. Das gemeinsame Interesse an den Tieren führt eine Vielfalt nicht alltäglicher Typen zusammen, aber man erfährt nicht nur etwas über ihre teils amüsanten, teils anrührenden Marotten, sondern auch viel über die Abläufe in einem großen Aquarium, in der Forschung und beim Tauchen, das sich als komplizierter erweist, als Montgomery es sich vorgestellt hat.
Detailgenau porträtiert werden aber natürlich vor allem die Kraken selbst, inbesondere das eindrucksvolle Weibchen Octavia, mit dem Montgomery sich regelrecht anfreundet. Die Schilderung ihrer Sinneseindrücke und Gedankenspiele beim Umgang mit dem Oktopus stehen in bester Tradition des englischsprachigen nature writing und eröffnet gerade dadurch, dass Emotionen und Assoziationen nicht nüchtern ausgeblendet werden, spannende Perspektiven auf eine aus Menschensicht doch sehr fremdartige Welt. Allerdings beschleichen einen beim Lesen immer wieder Zweifel, wie gut sich Oktopoden eigentlich überhaupt für eine Haltung in Gefangenschaft eignen, und das nicht nur wegen ihrer notorischen Ausbruchsfreude. Bei allem Bemühen seitens der Aquarien wirkt es doch ungemein schwierig, einen so komplexen Lebensraum wie den, der den Kraken in freier Natur zur Verfügung steht, adäquat für die neugierigen und stets nach Beschäftigung suchenden Tiere nachzustellen. So stimmt die Lektüre trotz der Begeisterung, die sie für das Meer und seine Bewohner wecken kann, nicht nur fröhlich, aber lohnend ist sie auf jeden Fall.
Abschließend noch ein Tipp für alle, die sich von Sy Montgomerys Tierliebe und Einfühlungsvermögen angesprochen fühlen, aber mit Oktopoden so gar nicht warm werden können: Montgomerys älteres Buch Das glückliche Schwein, in dem sie das Leben ihres nach dem Dirigenten Christopher Hogwood benannten Hausschweins schildert, liest sich genauso nett wie Rendezvous mit einem Oktopus und kann mit einer unmittelbarer zugänglichen und überdies sehr charmanten Hauptfigur aufwarten.

Sy Montgomery: Rendezvous mit einem Oktopus. Zürich, Diogenes, 2019, 384 Seiten.
ISBN: 9783257344533


Genre: Sachbuch allgemein

Heilsam – Kleidsam – Wundersam

Der als Sonderheft der Zeitschrift Archäologie in Deutschland erschienene Band von Sabine Karg und Ewald Weber informiert – so verheißt es der Untertitel – über Pflanzen im Alltag der Steinzeitmenschen. Kenntnisreich und voller spannender Details wird dieses Versprechen auch eingelöst. Konkret geht es um die jungsteinzeitlichen Feuchtbodensiedlungen des Voralpenraums (insbesondere am Bodensee und in der Schweiz) und die dort aufgrund der besonders günstigen Erhaltungsbedingungen gemachten archäobotanischen Funde, die Aussagen über die Verbreitung und Nutzung verschiedenster Pflanzen in der damaligen Epoche erlauben.
Die Ackerbau und Viehzucht betreibenden Menschen der Jungsteinzeit schufen und bewohnten bereits eine Kulturlandschaft, die allerdings noch wesentlich naturnäher war als heute und von einer eher gartenähnlichen Landwirtschaft geprägt war, während große Felder wohl erst späteren historischen Phasen ab der Bronzezeit angehören. Sowohl wilde als auch gezielt herangezogene Pflanzen wurden auf vielfältige Art genutzt.
Zentrale Bedeutung hatten Pflanzen natürlich vor allem für die Ernährung, und dieses in mehreren Kapiteln (über pflanzliche Lebensmittel allgemein und über ihre Zubereitung und Haltbarmachung im Speziellen) aufbereitete Thema bildet denn auch das Herzstück des Buchs. Während manche der damals genutzten Nahrungsmittel (wie Rohrkolben oder Wildgrassamen) dem heutigen Speiseplan eher fremd sind oder durch ihre jüngeren Kulturformen völlig aus der Küche verdrängt wurden (so z.B. Wildäpfel), sind andere seit Jahrtausenden populär geblieben (beispielsweise Holunder oder Himbeeren). Auch überregionale Handelsbeziehungen lassen sich auf diesem Gebiet nachweisen: So gelangte z.B. Saatgut aus dem Mittelmeerraum in die hier untersuchte Region. Mittelbar nützten Pflanzen der menschlichen Ernährung, wenn sie als Viehfutter Verwendung fanden. Auch hier stößt man zum Teil auf Ungewohntes, so etwa auf Misteln als gängiges Ziegenfutter.
Große Bedeutung hatten Pflanzen jedoch auch als Ausgangsmaterial für Gebäude und Gegenstände. Aus Holz und Schilf ließen sich nicht nur Behausungen, sondern auch Boote und Flöße herstellen. Rinde und Bast boten sich als Grundstoff für Gefäße und Fischernetze an, während sich aus Haselruten sogar mobile Brücken konstruieren ließen. Auch Kleidung und andere Textilien waren oft pflanzlichen Ursprungs. Nicht nur hier, sondern auch bei Wollstoffen und Keramik dienten Pflanzenfarben aller Art zur Verzierung und Verschönerung (so dass das Autorenduo hervorhebt, dass die in Rekonstruktionen gängige Darstellung von einförmig braunen Steinzeitgewändern womöglich gar nicht der Realität entspricht).
Bei allem Spannenden und manchmal Verblüffenden, was sich aus den archäobotanischen Funden ableiten lässt, verhehlen Karg und Weber jedoch auch nicht, was man – zumindest bisher – nicht weiß. So ist zwar Seifenkraut zahlreich in den Steinzeitsiedlungen des Alpenraums nachgewiesen, was einen Gebrauch zum Waschen von Textilien und zur Körperpflege nahelegt, aber wie genau damals für Sauberkeit gesorgt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis ebenso wie die Antwort auf die Frage nach dem Einsatz von Drogen, berauschenden Getränken und Heilpflanzen. Mit ein Grund dafür, dass vieles offen bleiben muss, ist auch, dass die zu den hier besprochenen Siedlungen gehörigen Bestattungsplätze bis heute nicht bekannt sind. Die Menschen selbst, deren Leben hier bruchstückhaft rekonstruiert wird, entziehen sich also noch dem Zugriff der Archäologie und werden nur selten einmal direkt greifbar (z.B. durch Zahnabdrücke in einer Art Kaugummi aus Birkenpech).
Eine Sammlung von kurzen Pflanzenporträts der im Text besprochenen Arten, eine Übersichtskarte zu den archäologischen Stätten und eine tabellarische Auflistung der dort gemachten funde runden den durchgängig reich bebilderten und äußerst lesenswerten Band ab.

Sabine Karg, Ewald Weber: Heilsam – Kleidsam – Wundersam. Pflanzen im Alltag der Steinzeitmenschen. Darmstadt, Theiss (WBG), 2019 (Sonderheft der „Archäologie in Deutschland“ 01/2019), 112 Seiten.
ISBN: 9783806239423


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

Das Knopfbuch

Praktischer Verschluss, modischer Zierrat, Statussymbol, Wirtschaftsfaktor oder begehrtes Sammelobjekt – Knöpfe spielen seit vor- und frühgeschichtlicher Zeit für die Menschen viele verschiedene Rollen. Zu einem facettenreichen und liebevoll bebilderten Streifzug durch Herstellung, Gebrauch und Kulturgeschichte dieser nur scheinbar unbedeutenden Gegenstände lädt Stephanie Schneider in ihrem Knopfbuch ein.
Nach einer kurzen Vorstellung der gebräuchlichsten Knopfformen und -größen stehen zunächst einmal die Materialien im Vordergrund, aus denen Knöpfe hergestellt wurden und werden. Von Naturprodukten tierischen oder pflanzlichen Ursprungs wie Perlmutt, Holz, Hirschhorn oder Bambus bis hin zu allerlei modernen Kunststoffen ist die die Auswahl schier unüberschaubar und hält neben Gewöhnlichem auch manch Exotisches bereit, das die meisten Leserinnen und Leser wohl nicht im eigenen Kleiderschrank finden dürften (wie z.B. Haizähne oder Schreibmaschinentasten).
Der daran anschließende umfangreichste Teil des Buchs ist der Geschichte des Knopfs gewidmet, der, zunächst nur mit einer Schlaufe als Gegenstück, ab dem Hochmittelalter auch mit dem uns heute vertrauteren Knopfloch, schon früh in allen möglichen Formen überliefert ist und sich flexibel allen Wandlungen von Mode und Selbstdarstellung anpasste. Hier finden sich daher auch viele kostümhistorische Details, die weit über das Thema Knopf hinausgehen.
Abschließend folgen noch eine kleine Sammlung von Kuriosa und Anekdoten und eine Betrachtung des Phänomens der Knopfkiste, die es in vielen Haushalten gibt. In Stephanie Schneiders persönlichen Betrachtungen und Erinnerungen zu diesem Thema entfaltet das Buch seinen größten Charme, und man liest schmunzelnd von Kinderspielen und Familienüberlieferungen, die sich mit Knöpfen verbinden.
Leider kann man jedoch bei einigen der historischen Informationen insbesondere über die frühesten Epochen berechtigte Zweifel haben, ob sie zutreffen. So können koptische Gräber nicht „aus der Zeit um 4500 bis 4000 v.Chr. “ (S. 56) stammen, sondern müssen wesentlich jünger sein. Auch wenn „die ersten Metallknöpfe der Bronzezeit, wie ‚Ötzi‘ sie getragen hat“ (S. 55), Erwähnung finden, darf man sich wundern. Nicht genug damit, dass der berühmte Gletschermann gemeinhin in die Jungsteinzeit bzw. Kupferzeit datiert wird und damit wohl etwa tausend Jahre vor Beginn der mitteleuropäischen Bronzezeit starb, zu seiner Kleidung gehörten laut Literatur zum Thema gar keine Knöpfe. Aufgrund der Konzeption eher als unterhaltsamer Geschenkband denn als Fach- oder Sachtext mit Quellennachweisen bleibt unklar, woher solche Fehlinformationen stammen, doch sie sorgen natürlich dafür, dass man auch auf Gebieten, auf denen man sich nicht gut genug auskennt, Bedenkliches sofort zu erkennen, der Zuverlässigkeit des Buchs zu misstrauen beginnt.
Das Gesamturteil muss daher notwendigerweise zweigeteilt ausfallen. Von der liebevollen Gestaltung her und als persönliche Auseinandersetzung mit dem Knopf macht Das Knopfbuch viel Vergnügen, doch als Informationsquelle braucht es zuallermindest vertrauenswürdige Ergänzungen, um einen nicht in die Irre zu führen.

Stephanie Schneider: Das Knopfbuch. Berlin, Insel Verlag, 2018 (Insel-Bücherei 1447), 136 Seiten.
ISBN: 9783458194477


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

Wie klone ich ein Mammut?

Keine Angst – trotz seines dahin misszuverstehenden Titels ist Torill Kornfeldts Wie klone ich ein Mammut? Die Rückkehr der Eiszeitgiganten keine Schritt-für-Schritt-Anleitung, um bald die eigene Mammutherde im Garten weiden lassen zu können. Die Antwort auf die Frage, wie man ein Mammut klont, kennt derzeit mangels gut genug für solch einen Vorgang erhaltener Mammutzellen nämlich noch niemand. Stattdessen geht es im Buch der schwedischen Wissenschaftsjournalistin um die unterschiedlichsten Versuche, ausgestorbene Arten wiederzubeleben.
Das im Titel so prominent herausgestellte Klonen ist dabei nur in den seltensten Fällen das Mittel der Wahl, eignet es sich doch aufgrund des raschen Verfalls der DNA in toten Organismen nur bei gerade erst ausgestorbenen oder kurz vor dem Verschwinden stehenden Tieren und Pflanzen. Eingesetzt wurde es mit eher zweifelhaftem Erfolg beim um die Jahrtausendwende ausgestorbenen Pyrenäensteinbock: Hier kam tatsächlich ein geklontes Jungtier zur Welt, starb aber aufgrund eines Lungenproblems unmittelbar nach der Geburt. Auch für das Nördliche Breitmaulnashorn, eine nur noch in wenigen Individuen überdauernde Unterart des Breitmaulnashorns, wird diese Möglichkeit diskutiert.
Schon heute praktiziert wird dagegen die Vorgehensweise, mit konventionellen Methoden Tiere zu züchten, die äußerlich einer verschwundenen Art gleichen und darum deren Funktion im Ökosystem übernehmen könnten. Gleich mehrere Initiativen bemühen sich so um eine Rückzüchtung des im 17. Jahrhundert ausgestorbenen Auerochsen, der seither als großer Pflanzenfresser in Mitteleuropa fehlt.
Spektakulärer, aber in ihren ethischen und ökologischen Implikationen zugleich auch weit schwieriger einzuschätzen sind Vorhaben, schon länger ausgestorbene Tierarten durch gentechnische Veränderungen an heutigen Verwandten wiederauferstehen zu lassen. Die Rückkehr einst prägender Arten könnte möglicherweise aus der Bahn geworfene Ökosysteme wieder näher an ihren natürlichen Zustand führen und dadurch langfristig sogar zur Lösung von Problemen wie dem Klimawandel beitragen.
Wirkt dieser Plan schon bei der durch immer intensivere Bejagung im Laufe des 19. Jahrhunderts ausgerotteten nordamerikanischen Wandertaube ziemlich kühn, stellt man sich bei der Idee, aus Asiatischen Elefanten durch Genveränderungen Mammuts zu machen und sie in Sibirien auszuwildern, vollends die Frage, ob das eine gute Idee sein kann. Noch bizarrere Formen nehmen die Gedankengänge der Verantwortlichen an, wenn ernsthaft vorgeschlagen wird, aus genveränderten Hühnern eine Art kleiner Dinosaurier zu gewinnen, die als Haustiere dienen sollen.
Sinnvoll umsetzbare Ideen, verlockende bis abschreckende Zukunftsvisionen und vollkommen exzentrische Phantastereien samt der dazugehörigen Selbstüberschätzung und Lust daran, Gott zu spielen, scheinen auf diesem Gebiet so eng beieinanderzuliegen wie auf kaum einem anderen. Dennoch vermeidet Kornfeldt eindeutige moralische Urteile. Bei allen Zweifeln, die sie eingesteht, scheint doch immer wieder auch ihr Verständnis für Experimentierfreude durch. Das erklärte Ziel der Autorin ist es, dass ihre Leserinnen und Leser ihre eigenen Schlüsse aus dem geschilderten ziehen, wenn es gilt, Hoffnungen und durchaus überzeugende Gegengründe (wie Aufwand und mögliches Tierleid) gegeneinander abzuwägen.
Um dazu auch tatsächlich in der Lage zu sein, wünscht man sich allerdings manchmal etwas mehr Tiefgang und detailreichere Informationen, als der reportagehafte, auf leichte Lesbarkeit angelegte Stil sie zulässt. Als erster Einstieg in ein ebenso komplexes wie verstörendes Thema ist Wie klone ich ein Mammut? dennoch geeignet.

Torill Kornfeldt: Wie klone ich ein Mammut? Die Rückkehr der Eiszeitgiganten. Darmstadt, WBG / Theiss, 2018, 224 Seiten.
ISBN: 9783806237702


Genre: Sachbuch allgemein

Ungeheuerlich

Alte Karten und Beschreibungen von Küsten und Meeren sind voller Fabelwesen, die mit der realen Fauna der dargestellten Region allenfalls bedingt etwas zu tun haben. Der Historiker Erling Sandmo nimmt sich in Ungeheuerlich. Seemonster in Karten und Literatur 1491 – 1895 der verblüffenden, unheimlichen und oft auch sehr amüsanten Kreaturen an, die durch die Bestände der norwegischen Nationalbibliothek geistern. In kurzen Kapiteln, die sich auch sehr gut unabhängig voneinander lesen lassen wird jeweils ein wundersames Tier oder Phänomen vorgestellt, um dann in einer meist doppelseitigen historischen Illustration auch im Bild präsentiert zu werden. Die Übersetzung von Sylvia Kall wirkt elegant und flüssig, so dass die Lektüre zur genüsslichen Entdeckungstour werden kann.
Während Seeschlangen, Meermenschen oder schiffeversenkende Riesenkraken fast schon zum Standardinventar phantasievoller Seefahrergeschichten zählen, begegnet man in Sandmos kleinem Kompendium der bizarren Meeresbewohner auch originelleren Geschöpfen, so etwa dem ebenso gierigen wie ängstlichen swamfisk, der sich im Notfall sogar selbst auffrisst.
Neben Ungeheuern im eigentlichen Sinne bevölkern auch reale Tiere, über die man Merkwürdiges berichtete, die Seiten. Vermeintliche Wunderzeichen (wie eine im 17. Jahrhundert gefangene Scholle, deren Haut ein Kreuzeszeichen aufwies, so dass man sogleich den Bischof von Bergen informierte) stehen neben ungewöhnlichen Verhaltensweisen, die man bei Walross, Rochen oder Wal beobachtet haben wollte. Darüber hinaus spielen immer wieder auch andere erstaunliche Geschichten eine Rolle. So vertrat ein Geistlicher im frühen 18. Jahrhundert etwa die Theorie, Odysseus habe nicht nur die Lofoten bereist, sondern sei überdies mit Odin gleichzusetzen.
Wie vieles in dem Buch regt diese These aus heutiger Sicht natürlich zum Schmunzeln an, aber all das Witzige, Abstruse und Unterhaltsame trägt letztlich dazu bei, eine durchaus ernsthafte Geschichte zu erzählen – die nämlich von einem Wandel des Weltbilds, das in der hier im Zentrum stehenden Frühen Neuzeit einen allmählichen Übergang von Wundergläubigkeit und mythischer Zeichenhaftigkeit zu naturwissenschaftlichen Erklärungen erlebte. Stand erst noch die Frage im Vordergrund, was Erscheinen und Verhalten eines monströsen Wesens im wahrsten Sinne des Wortes zu bedeuten hätten, überwog später der Aspekt der Erforschung. Sandmo weiß mit leichter Hand deutlich zu machen, dass die Welt im Zuge ihrer Entzauberung zwar viel von ihrem Schrecken, aber in gewisser Weise auch etwas von ihrem Charme einbüßte.
Umso schöner ist es, den heute größtenteils vergessenen Bewohnern eines mit Magie und Legenden aufgeladenen Meeres in Ungeheuerlich begegnen zu können und sich auch an der liebevollen Gestaltung zu freuen: Beispielsweise ist im vorderen Buchdeckel der Innenteil einer Windrose ausgespart, so dass einen vom Vorsatzblatt aus ein Ungeheuerauge aus dem geschlossenen Buch anblickt. Ein rundum gelungenes kleines Werk also, dem man viele begeisterte Leserinnen und Leser (sowie Betrachterinnen und Betrachter) wünscht!

Erling Sandmo: Ungeheuerlich. Seemonster in Karten und Literatur 1491 – 1895. München, Nagel & Kimche, 2018, 100 Seiten.
ISBN: 9783312010943


Genre: Kunst und Kultur, Märchen und Mythen, Sachbuch allgemein