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Zu den Wurzeln

Häufig steht in der Science-Fiction die Technik als prägendes Element der Zukunft im Vordergrund; Pflanzen spielen, wenn sie überhaupt vorkommen, bestenfalls eine Nebenrolle. Anders sieht es im Subgenre des Plantpunk aus, das (oft recht hoffnungsvolle) Zukunftsentwürfe mit den Themen Pflanzen und Gärtnern verbindet. Dementsprechend untertiteln Ingrid Pointecker und Birgit Schwäbe die von ihnen herausgegebene Anthologie Zu den Wurzeln, die sich dieser literarischen Strömung zuordnen lässt, auch augenzwinkernd mit Eine Planthologie und versammeln darin sechzehn ganz unterschiedliche Geschichten, die, meist in Form von Science-Fiction, in einigen Fällen aber auch eher fantasynah, einen Blick auf künftige Zeiten voller Pflanzen werfen.

In Alfie lässt Sabine Frambach die Forscherin Lexa tief in die Geheimnisse der Pflanzenkommunikation eintauchen. Ihre Erkenntnisse könnten den Ackerbau revolutionieren, doch als ihr Versuchsfeld durch Lieferroboter bedroht wird, die sich nicht um irgendetwas anderes als den kürzesten Weg scheren, sieht die Lage zunächst düster aus. Neben der Schilderung einer alles andere als utopischen, aber nicht hoffnungslosen Zukunft macht an dieser Geschichte vor allem der clevere Einfall Spaß, den Lexa zur Lösung ihres Problems findet und der sich überzeugend aus dem, was man über sie und ihre Experimente erfahren hat, ergibt.

An Brenach wirft in 347 Sprossen einen Blick auf eine Raumstation, auf der Pflanzen zunächst nur vom Hörensagen bekannt sind, bis Jay – auf der Station aufgewachsen und beileibe nicht von Haus aus mit Gartenwissen gesegnet – gegen alle Widerstände ein mutiges Experiment mit archiviertem Saatgut wagt. Den Hauptreiz dabei macht nicht zuletzt die Verfremdung des Blickwinkels aus, die das staunende Erkunden für irdische Verhältnisse ganz normaler Aspekte des Pflanzenwachstums gut einfängt und vielleicht anregt, selbst einmal genauer hinzusehen.

Mit dem nicht gerade mit einem grünen Daumen gesegneten Dex schickt auch Dominique Goreßen in Mimulus Fortuna jemanden ins Rennen, der von der Norm in seiner Gesellschaft abweicht, darunter aufgrund zahlreicher Hänseleien aber sehr leidet. Als ausgerechnet er von seiner heimlichen Angebeteten Jasmin zum Pflanzensitter auserkoren wird, scheint eine Tragödie vorprogrammiert zu sein. Die große Stärke des Texts sind die sympathischen Figuren und der sehr menschliche Blick auf (vermeintliche) Unzulänglichkeiten, der einem auch abseits vom Thema Pflanzen Hoffnung machen kann.

Waren die ersten drei Geschichten eher ruhig, wird es in Nemus Novum von dem Autorenduo Chaoseule und LiaSchattenfell dramatisch und gefährlich: Ein Sandsturm droht nicht nur die Ernte, sondern auch ein wichtiges Familienerbstück der Hauptfigur Malu zu vernichten. Neben deutlicher Kritik am heutigen Umgang mit der Klimakrise zeichnet diese Geschichte vor allem die Schilderung der kleinen Freuden aus, die einem das Durchhalten in einer eigentlich schwer erträglichen Situation ermöglichen, ob nun beim Gärtnern oder im Umgang mit einem geliebten Haustier, und es gibt eine nette Wendung am Ende, die einige zuvor geschilderte Einzelheiten noch einmal in ganz neuem Licht erscheinen lässt.

Wieder abseits der Erde bewegt sich M. R. Seiberts Beitrag Die Blüten der Mars-Katastrophe. Die junge Wissenschaftlerin Hana reist auf den Mars, um dort an Pflanzen zu forschen, doch so recht wollen die kreativen Kreuzungen aus verschiedenen Gemüsearten nicht gedeihen. Als endlich der Grund dafür gefunden wird, scheint die Situation aussichtslos – aber gibt es nicht vielleicht doch noch Hoffnung? Aus dieser Geschichte spricht viel Begeisterung für die Naturwissenschaften mit all ihren Fehlversuchen und Irrwegen, aber eben auch überraschenden Zufallsentdeckungen.

In Per Terrena ad Astra von Chris Balz wird Hauptfigur Neom durch den Besuch einer neuen Vorgesetzten auf dem Raumschiff, das Dienstort und Lebensraum zugleich ist, jäh wieder mit traurigen Erinnerungen an dramatische Ereignisse und einen großen Verlust konfrontiert. Der Text besticht vor allem durch seine kreativen Einfälle (wie ein Raumschiff aus Pilzgeflecht oder eine Person aus einer Spezies mit auberginenfarbener Haut) und die daraus resultierende schiere Fremdartigkeit der geschilderten Welt.

Mina Schüttmanns Epiphyten spielen dagegen wieder auf der Erde, die hier allerdings schon derart zerstört ist, dass schon ein Aufenthalt im Freien riskant ist. Die alte Narine und die junge Hurik ziehen in einem Hochhauslabor Pflanzen, die dank spezieller Genveränderungen mithelfen sollen, die verwüstete Welt wieder bewohnbar zu machen. Wenn sie nicht bald Ergebnisse vorzuweisen haben, könnte ihr Job in Gefahr sein, und so muss Narine, als eine handfeste Katastrophe für ihr vielversprechendstes Experiment droht, über sich hinauswachsen – mit ungeahnten Folgen. Ähnlich wie schon in den Blüten der Mars-Katastrophe kommt auch hier der Zufall der Wissenschaft zu Hilfe, aber abgesehen davon lebt die Geschichte auch von der sensiblen Schilderung des Eingehens aufeinander und des Zusammenhaltens unter widrigen Bedingungen.

Abermals auf den Mars geht es in Britta Redweiks Seelenverwandt, diesmal zu der eifersüchtigen Jahel, der es nicht so recht passt, dass ihre Frau Svea so an einem alten Apfelbaum hängt, mit dem es eine besondere Bewandtnis hat. Als Jahel sich deshalb zu einem ungewöhnlichen Schritt hinreißen lässt, bereut sie es bald darauf – doch das Ergebnis ihres Handelns eröffnet einen ganz neuen Blickwinkel … Anders als die vorherigen Geschichten des Bandes, die das Problem, in lebensfeindlicher Umgebung Pflanzenanbau und damit ein von äußerer Versorgung unabhängiges menschliches Leben möglich zu machen, eher von der (labor-)wissenschaftlichen Seite angehen, beleuchtet diese hier die emotionale Komponente des menschlichen Verhältnisses zu Pflanzen mit viel Sympathie und Verständnis für beide Hauptfiguren und ihre Perspektiven.

Um eine besondere seelische Verbindung zur Pflanzenwelt geht es auch in der nächsten Geschichte: Charline Winter, bisher besonders als Lyrikerin hervorgetreten, beweist in ihrem Beitrag Das Gewächshaus am Rande der Realität, dass sich auch ihre Prosa nicht verstecken muss, die hier eine virtuelle Gartenwelt als Rückzugsort aus einer Realität heraufbeschwört, in der für viele heutige Menschen positiv besetzte Dinge wie Gemeinschaft und Gärtnern zum strikt regulierten Zwang geworden sind und das Anderssein nicht unbedingt einfacher ist. Gerade das Hinterfragen in utopischen Texten oft hochgehaltener Motive und der geschickt in die skizzierten Verhältnisse eingewobene Hauch von Unbehagen machen hier die Intensität aus.

Gleich darauf ist man mit Fenja Harbke im Internet of Plants unterwegs. Influencerin Mila bekommt eine neue Werbepartnerschaft angeboten; bei ihren Pflanzen soll sie ein KI-Gerät testen, das deren Pflege angeblich optimiert. Trotz leiser Zweifel lässt sie sich darauf ein, und das hat Folgen, aber auf die Katastrophe, die bald darauf droht, kann sie auch die modernste Technik nicht vorbereiten … Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte ist die eigentlich auf heutige Verhältnisse abzielende Kritik am unreflektierten Umgang mit KI und am Influencerdasein; der Zukunftsaspekt tritt dem gegenüber fast in den Hintergrund.

Schon formal wählt Carina Zacharias in Fürchtet uns, denn wir gebären Wälder einen originellen Ansatz: Ihre Geschichte setzt sich aus einer Reihe von Tagebucheinträgen zusammen. Auch inhaltlich kommt es hier anders als gewohnt, denn was zunächst noch wie eine alltägliche Geschichte wirken mag, in der die Hauptfigur das von der Patentante ererbte Haus mit Garten in Besitz nimmt, schildert, wie sich schrittweise erweist, etwas viel Merkwürdigeres und Verstörenderes, das eher in den Bereich der Fantasy als den der Science-Fiction fällt. Ansprechend ist, wie viel Gartenwissen hier mitschwingt.

Katrin Biasis Um Haarwurzelbreite lässt einzelne Menschen in Symbiose mit Pflanzen leben – im Fall von Hauptfigur Ela sehr zum Unverständnis ihrer Familie. So geht es hier denn auch weniger um Pflanzen an sich als um das Durchsetzen eigener Lebensentwürfe gegen elterliche Bevormundung und gesellschaftliche Vorurteile, aber auch um die mögliche Überwindung von Intoleranz und die Freude daran, den für sich richtigen Weg gefunden zu haben. Parallelen zu sehr realen Konflikten, mit denen Menschen auch in unserer Welt zu kämpfen haben, drängen sich da natürlich auf.

Auch Saskia Dreßlers Vergessen und Erinnern hüllt Probleme unserer Wirklichkeit in ein phantastisches Gewand: Was in der Realität die Situation pflegender Angehöriger angesichts von Altern und Demenz ist, erlebt die Hauptfigur hier angesichts der „Pflanzwerdung“ einer geliebten Person – trotz liebevoller Hexenunterstützung und eines letztendlichen Abfindens mit der Situation kein leichter Weg, und so liest sich der Text alles in allem ziemlich bedrückend.

Eindeutig bessere Laune hinterlässt Martina Johns Tagewerk, eine sehr kurze, aber darum nicht minder einprägsame und gelungene Geschichte über magisches Guerilla Gardening in einer mit allen Sinnen heraufbeschworenen städtischen Umgebung, in der schon ein bisschen Moos ein kleines Wunder und einen Schritt in die richtige Richtung bedeutet.

Kiàn KoWananga spielt mit dem Titel Ribbeck natürlich auf ein berühmtes literarisches Werk an, erzählt dann aber doch eine ganz eigene postapokalyptische Geschichte über die Rückkehr von Menschen in ein verwüstetes Gebiet. Unversehens werden sie zu Forschungsobjekten eines ethnologisch interessierten Aliens, und ebenso unerwartet erfolgt dann tatsächlich ganz direkt der Schlenker zurück zu Fontanes Ballade, die sich in mehr als einer Hinsicht als Inspirationsquelle erweist.

Johanna Brenne erzählt in Die Dalonie eine zarte Geschichte von der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen der Ich-Erzählerin – einer gestressten Bäckerin, die ihren Zufluchtsort, einen Garten, zunächst eifersüchtig hütet – und einem umherstreifenden Flüchtlingsjungen, der ihr ein besonderes Geschenk macht, das am Ende auch über den privaten Rahmen hinaus seine Wirkung entfaltet. Die Problematik illegaler Einwanderung wird hier sehr hübsch mit der fremder, misstrauisch als womöglich invasiv beäugter Pflanzenarten verknüpft, und der Text lädt dazu ein, beides in einem anderen und positiveren Licht zu sehen.

Bei allen stilistischen und inhaltlichen Unterschieden haben sämtliche Texte der Anthologie eine dezidiert progressive Grundtendenz gemein, die sich nicht in der Hoffnung auf eine klima- und umweltfreundlichere Zukunft erschöpft, sondern auch gesellschaftliche Veränderungen in den Blick nimmt (so sind z. B. in mehreren Geschichten nichtbinäre Figuren in prominenter Rolle vertreten und Neopronomen nichts Ungewöhnliches mehr, ebenso, wie in manchen Szenarien auch Ableismus und Rassismus überwunden scheinen; in weniger durchgängig optimistischen Ansätzen werden entsprechende Vorurteile zumindest thematisiert und mögliche Verbesserungen aufgezeigt). Obwohl einen, wie es bei einer Sammlung von Texten aus unterschiedlicher Feder eigentlich immer der Fall ist, natürlich nicht jede Schwerpunktsetzung gleichermaßen überzeugt, bietet Zu den Wurzeln dementsprechend eine vielfältige Auswahl interessanter Stimmen der modernen Science-Fiction und Phantastik, so dass es sich lohnt, sich auf die Anthologie einzulassen.

Ingrid Pointecker, Birgit Schwäbe (Hrsg.): Zu den Wurzeln. Wien, Verlag ohneohren, 2026 (E-Book; auch als Printausgabe erhältlich).
ISBN: 978-3-903296-97-8

 

 

 


Genre: Anthologie, Erzählung

Moorgeflüster

Moorgeflüster – das klingt geheimnisvoll und poetisch, und Ein lyrischer Bildband soll das von Joana van de Löcht, Niels Penke und Jonas Stuck herausgegebene Buch seinem Untertitel nach auch sein. Die Anthologie, die neben ihrem literarischen und künstlerischen Wert zugleich als von der Andrea von Braun Stiftung angestoßenes Charity-Projekt zugunsten des Sinswanger Moors dient, vereint Gedicht- und Illustrationsbeiträge, die unter den Einsendungen zu einer Ausschreibung speziell für diesen Band ausgewählt wurden, mit aus anderen Zusammenhängen stammenden Texten und Bildern zum Thema Moor. Ziel ist es, so van de Löcht und Penke in ihrem Vorwort, ein neues Bild vom Moor zu entwerfen und über seine lange dominierende Charakterisierung als Schauerort voller Moorleichen, Geister, Armut und Gefahren hinauszugehen. Denn heute ist es das Moor selbst, das, vielfach längst entwässert und umgenutzt, bedroht und hilfsbedürftig ist.

Einige Klassiker der Moorliteratur sind dennoch ganz oder auszugsweise vertreten, ob nun Gedichte von Klaus Groth (auf Niederdeutsch mit hochdeutscher Übersetzung) und Annette von Droste-Hülshoff, die nicht nur mit dem Knaben im Moor das Gespenstische der Landschaftsform einzufangen wusste, Auszüge aus Arthur Conan Doyles Hund der Baskervilles und der in Sachen Moor sehr voreingenommenen Germania des Tacitus oder auch das in düsterer Zeit unter üblen Umständen entstandene Lied Die Moorsoldaten. Die bekannten künstlerischen Moordarstellungen aus Worpswede, etwa von Paula Modersohn-Becker, dürfen natürlich unter den schon im Inhaltsverzeichnis geschickt den Texten gegenübergestellten Illustrationen auch nicht fehlen.

Daneben aber kann man viel Neues und Unbekanntes entdecken, das teilweise geistreich Traditionelles aufgreift, wenn etwa Madeline von Foerster in ihrer Gouache Hohes Venn Pflanzen und Tiere der titelgebenden Landschaft in der Art eines barocken Blumenstilllebens (bis hin zu Details wie einer Fensterspiegelung in der Vase) anordnet und, kunst- und wunderkammergleich in einem Regalfach rahmt. Neben Malerei und Zeichnungen sind auch Fotos in reicher Fülle vertreten. Muten manche demonstrativ gestellt-künstlerisch an (so zeigt etwa Das unsichtbare Gesicht der Natur von Leonard Mohr und Ole Kamperschroer einen Sensenmann, der so von einem im Moor platzierten Spiegel reflektiert wird, dass ausgerechnet sein Gesicht von der fensterartigen Rahmung verdeckt ist), suggerieren andere (ob nun aus den 1930er Jahren oder von heute) einen eher dokumentarischen, freilich ebenfalls bewusst gewählten Blickwinkel.

Genauso bunt ist auch die Fülle der modernen Texte, die sich unter anderem Birken, Fröschen und Torfmoos widmen, sich aber trotz des im Vorwort angemahnten neuen Moorbilds dem Schaurigen und Unheimlichen nicht immer zu entziehen trachten. So sind Moorleichen mehrfach vertreten und zählen auch zu den Aufhängern für die in den Gedichten gar nicht einmal seltene Gesellschaftskritik, etwa in Thomas Klings Retina Scans, in denen Voyeurismus und male gaze eine zentrale Rolle spielen. Weiter geht noch Simone Weisenberger, die schon durch den Titel Moortoo, der auf die #MeToo-Bewegung verweist, Frau und Moor in Parallele setzt. Dagegen schickt Romana Ganzoni in ihrem (leider im Inhaltsverzeichnis nicht aufgeführten) Prosatext Als ich noch eine Riesin war einen Moor-Mann ins Rennen, der die verstörende Verwandlung der Ich-Erzählerin nicht verwinden kann.

Ganz wie im Moor selbst die Grenzen zwischen Land und Wasser fließend sind, entziehen sich auch die versammelten Beiträge trotz einer Aufteilung in vier thematisch jeweils etwas unterschiedlich akzentuierte Kapitel oft einer klaren Einordnung: Lyrik und Prosa (so in Alexander Schnickmanns was hier passiert ist glaubt mir wieder keiner), Deutsch und Fremdsprachen (etwa in Patrik Peyns bog people oder in den Namen des Moors von Lee Fu) und manchmal sogar Sprache und bildende Kunst (wie in Merlin Wassermanns fäden, einem Text, der eher durch seine Druckgestalt als durch seinen fragmentierten und kaum entzifferbaren Inhalt wirkt) gehen nahtlos ineinander über. Gemein haben alle jedoch miteinander, dass emotionale Zugänge zum Moor gesucht werden.

Diese Ebene der persönlichen Auseinandersetzung behalten auch die beiden Essays bei, die den Band beschließen. Amelie Hünnebeck-Wells, Luca Räther und die für ihre Moorforschungen preisgekrönte Franziska Tanneberger nehmen dabei eine naturwissenschaftliche Einordnung vor, die nicht nur interessante Sachinformationen vermittelt, sondern mit ihrer direkten Ansprache des Lesepublikums und ihren Schilderungen eigenen Erlebens die Ebene des subjektiven Eingehens auf das Phänomen Moor konsequent beibehält.

Swantje Furtak dagegen, eigentlich ebenfalls Naturwissenschaftlerin, sucht in ihrem Beitrag, der die Texte des Buchs in Beziehung zum kulturhistorischen Kontext des Themas Moor setzt, magisch-realistisch Moorgeister, und das nicht ohne Grund, greift ihre Sicht doch einen Gedanken auf, der einem schon im Gedicht nutzland von Dirk Röse früher im Band begegnet ist: Auch das allmählich an Kraft gewinnende neue Bild des Moors als schützenswerter Lebensraum, CO2-Speicher und möglicher Retter aus der Klimakrise entspricht immer noch in hohem Maße der seit der Aufklärung vorherrschenden, von Nützlichkeitserwägungen und einem menschlichen Überlegenheitsgestus geprägten Herangehensweise an die Natur. Ein wirkliches Umdenken, so beginnt man hier zu ahnen, würde bedeuten, wieder einen anderen Respekt vor dem Moor zu entwickeln, mithin den als Versinnbildlichung vom Menschen nicht durchschau- und beherrschbarer Kräfte zu verstehenden Moorgeistern wieder Raum zu geben.

So hat man am Ende seiner Lektüre im besten Fall nicht nur einen neuen Blick auf das Moor selbst entwickelt, sondern sieht auch die vermeintlichen Schauergeschichten darüber mit anderen Augen: nicht mehr als reine Verdammung des Moores, sondern auch als Ausdruck einer gewissen und durchaus notwendigen Ehrfurcht vor dem, was die Menschheit zu lange nur ihrem Willen zu unterwerfen versucht hat.

Joana van de Löcht, Niels Penke, Jonas Stuck (Hrsg.): Moorgeflüster. Ein lyrischer Bildband. München, oekom verlag, 2026, 240 Seiten.
ISBN: 978-3-98726-512-9


Genre: Anthologie, Kunst und Kultur

Wir haben das Dasein geübt

Gedichtbände gibt es viele, ebenso Kunstbücher und selbstverständlich auch Kombinationen aus beidem, aber selten gehen Texte und Bilder solch eine organische, zwingend anmutende Verbindung ein wie in Wir haben das Dasein geübt. Aus einem künstlerischen Dialog zwischen der Schriftstellerin Andrea Drumbl und dem Maler Paul Sägesser entstanden, ist das Buch nicht nur äußerlich ein wahres Schmuckstück, sondern auch in seinen vielfältigen Bezügen zwischen der Poesie der Worte und der, die in den um Collage-Elemente ergänzten und teils abstrakten, teils mit figürlichen Darstellungen arbeitenden Gemälden liegt, eine Kostbarkeit und etwas ganz Besonderes.

Foto: Auf beigefarbenem Hintergrund liegt das Buch "Wir haben das Dasein geübt" von Andrea Drumbl und Paul Sägewerk. Das hellgraue Leinencover zeigt neben Titel, Autorennamen und der Verlagsangabe "Scheidegger & Spiess" ein eingeprägt Leitermotiv in Schwarz, eine um die Mitte des Buchs verlaufende Schutzbanderole ein abstraktes Gemälde in Blau- und Grautönen.

Worum geht es nun in diesem in Paaren aus jeweils einem Gedicht und einem ihm gegenübergestellten Bild getanzten Reigen aus Sprache und Farbe? Gewiss auch um Begegnungen, wie der Untertitel verspricht, aber eigentlich schier um alles. Der Auftakt ist nach zwei bildlosen Fragen ein einleitendes Gedicht, das in seinem Sinnieren über Sprechen ohne Sprache und den Ort, den ein Gegensatz im Verhältnis zum Satz einnehmen mag, schon viel über Drumbls kluge Technik des Wörtlichnehmens von Ausdrücken und des dann doch wieder folgenden Abstrahierens oder Wendens ins Ungewöhnliche, Unerwartete verrät. Gegenübergestellt ist dem das eindringliche Bild einer dunklen, hell gerahmten Gestalt, in dem man wie hingeworfen auch Teile des zugehörigen Gedichts geschrieben finden kann – eine erste Mahnung, bei Sägessers Bildern immer gut hinzusehen und unter dem ersten Anschein auch die Feinheiten zu suchen, in denen sich oft die Rückbezüge auf die Texte verbergen.

Was folgt, sind in drei Kapiteln (Der Mond ist ein TierFische küssenUndine schreit nicht) angeordnete Gedicht- und Bildpaare, in denen bisweilen eben auch die Gemälde Textausschnitte enthalten oder umgekehrt die Lyrik durch typographische Kunstgriffe zur bildenden Kunst wird (wenn etwa die Form des Gedichts der einer Träne, die sein Thema ist, entspricht). Grenzen verschwimmen in diesem Buch aber nicht nur formal, sondern durchaus auch thematisch, einerseits durch die zahlreichen Verflechtungen der Gedichte untereinander, andererseits aber auch dadurch, dass die gebrauchten sprachlichen Bilder immer wieder jäh ins Unerwartete kippen und Menschliches, Phantastisches, der Natur Entnommenes, Mythisches und Gegenwärtiges eine unlösbare Verbindung eingehen.

Es geht um Kindheit, Liebe und Tod, die Härte aber auch die Zartheit des Daseins, das sich, wie immer deutlicher wird, anders, als der Titel suggeriert, gar nicht so gut üben und auch keinesfalls vollständig erlernen oder durchschauen lässt, sondern immer nur in behutsamen bis schonungslosen Annäherungen umkreist wird, ohne je seine Unberechenbarkeit und auch sein ebenso Wunderbares wie Verwunderliches zu verlieren. So findet man hier einen Lichtstrahl, der sich das Genick bricht, einen Februar, der unendlich sein kann, oder den drohenden Karfreitagstod, und Adam und Eva haben ebenso ihren Auftritt wie Sagen- und Märchengestalten, bevor in diese flirrende Welt des Fabulierens jäh das Zeitgeschehen in Form des Ukrainekriegs einbricht.

Gleichermaßen reich und tief sind Paul Sägessers Bilder, in denen etwa ein zerknitterter Nachtfalter, ein angebissener Apfel, eine warm gekleidete Frau oder ein verzerrtes Gitter deutlich umrissen ist, dann aber wieder ein unvollständiges Gesicht die nur begrenzte Erfassbarkeit von Welt und Leben empfindbar macht oder Linien und Farbfelder eher eine Stimmung, ein Gefühl, einen flüchtigen Gedanken evozieren, als einem klare Vorgaben beim Betrachten zu machen.

Auf bloße Gefälligkeit, dekorative Effekte oder ein leichtes Dahinlesen, respektive Dahinbetrachten, ist nichts davon angelegt, und so kommt zu der Zwiesprache zwischen Gedichten und Bildern noch eine weitere hinzu, die man selbst mit dem Buch hält, fragend, fordernd und anregend. Es lohnt sich.

Andrea Drumbl, Paul Sägesser: Wir haben das Dasein geübt. Begegnungen. Zürich, Scheidegger & Spiess, 2025, 144 Seiten.
ISBN: 978-3-03942-256-2


Genre: Anthologie, Kunst und Kultur
Illustrated by Paul Sägesser

Here Be Dragons

Wird die Formulierung Here Be Dragons im Englischen in Anspielung auf alte Landkarten, auf denen man unbekanntes Terrain oft mit Fabelwesen auffüllte, gern als Metapher für Unbekanntes und Bedrohliches verwendet, ist sie als Titel von Hannah Steenbocks Geschichtensammlung ganz wörtlich zu nehmen, denn die acht hier versammelten, jeweils mit einem Vorwort versehenen Texte, von denen zwei zusammen mit dem Co-Autor Andrew Modro verfasst sind, bieten verschiedene Spielarten der Fantasy, und in einigen treten tatsächlich auch Drachen auf.

Minkus, the Masterful Magic Mender bekommt es allerdings nicht mit ihnen zu tun: Der alternde Zauberer, der, von einer geheimnisvollen inneren Stimme geleitet, durch die Lande zieht und magische Reparaturen anbietet, könnte auf den ersten Blick mit seinen Alltagserlebnissen ins Subgenre der Cozy Fantasy passen, aber im weiteren Verlauf seines kleinen Abenteuers wird es deutlich mystischer, und sowohl die gemäß Sagen und Legenden besondere Beziehung zwischen Jungfrauen und Einhörnern als auch die Tatsache, dass man Menschen (und Tieren!) nicht immer auf den ersten Blick ansehen kann, was genau sie sind, werden hier geschickt genutzt, um alles eine überraschende Wendung nehmen zu lassen.

The Evil Wizard (eine der Geschichten unter Beteiligung von Andrew Modro) führt in eine märchenhaft anmutende Welt, in der ein Geschwisterpaar sich mit dem Verlust des magischen Kartenspiels, dem Bruder und Schwester ihr Leben widmen, auseinandersetzen muss. Die Spur des dreisten Diebstahls führt zu dem titelgebenden, in der Gegend verrufenen Zauberer, aber um zu ihm vordringen und ihn zur Rede stellen zu können, sind einige übernatürliche Hürden zu überwinden, was mit viel Humor geschildert ist (und letzten Endes zu einer unerwarteten Entwicklung führt).

Deutlich düsterer und trotz aller Fantasyelemente im Grundton realistischer erscheint Black Wings. Die drohende Versklavung einer afrikanisch inspirierten Gemeinschaft durch weiße Invasoren, deren schonungsloses Vorgehen eindringlich geschildert wird, ist hier nur eines der ernsten Themen, denn anhand der einst als Findelkind ins Dorf gekommenen Protagonistin Jakeshi wird auch einfühlsam ausgelotet, ob und wie man dazugehören kann, wenn man sehr anders als alle anderen ist und auch eine Krisensituation für einen noch einmal heftigere Konsequenzen als für die Übrigen hat.

Wesentlich kürzer und ganz anders gestaltet ist Something New Under the Sun, denn hier besteht die gesamte Geschichte aus einem Dialog zwischen einem gewissen Ben und seiner Bekannten Marge, bei der er nicht zum ersten Mal ein gefundenes, hilfsbedürftiges Tier abliefert. Alle notwendigen Informationen, um ein Bild der Situation zu gewinnen, sind geschickt in das Gespräch eingeflochten, und angesichts der Schlusspointe würde man gern noch mehr über alle Beteiligten und ihre weiteren Erlebnisse erfahren.

The Last Ballad war laut Vorwort bei ihrer Erstveröffentlichung zunächst Teil einer Anthologie, deren verbindendes Element ein Drachenei mit beträchtlichen Auswirkungen auf die Figuren, in deren Besitz es sich jeweils befindet, bildet, aber die Geschichte ist auch ohne diesen Kontext verständlich. Der Zentaur Lirandal ist als königlicher Barde längst über den Höhepunkt seines Ruhms und seiner Sangeskünste hinaus, aber für eine heranwachsende Prinzessin, die an ihm hängt, möchte er noch einmal so glänzen wie zu seinen besten Zeiten. Das Grundthema des Alterns und des schleichenden Verlusts von Fähigkeiten bildet dabei eine kleine Parallele zu Minkus, the Masterful Magic Mender, allerdings ist der Ausgang in Lirandals Fall ein ganz anderer.

Die zweite mit Andrew Modro verfasste Geschichte, Fireworks, scheint eingangs ebenfalls eine entsprechende Problematik anklingen zu lassen, wenn der Zwerg Darios, ein gewiefter Pyrotechniker, erkennen muss, dass sein Freund und Geschäftspartner, der Alchemist Lester, wohl nicht wieder gesund werden wird. Auf die Reise zur Hochzeit eines Prinzen, dem die beiden in der Vergangenheit schon einmal begegnet sind und der zur Feier des Tages nun ein spektakuläres Feuerwerk bekommen soll, muss daher Lesters Sohn Milton Darios begleiten, aber was so bittersüß beginnt, wächst sich zu einem handfesten und mit viel Humor geschilderten Abenteuer aus und nimmt nicht ganz das Ende, mit dem Darios gerechnet haben dürfte.

Etwas Ähnliches trifft auch auf die Protagonistin von The Enchantment zu. Selene, Absolventin einer renommierten Magieschule, sieht sich auf einem Maskenball plötzlich selbst mit einem hartnäckigen Zauber belegt, und noch dazu von einem der verachteten freien Magier, deren Treiben sie bestenfalls kritisch sieht. Ein Gegenzauber muss also her, doch die nötigen Zutaten zu beschaffen, führt Selene auf eine kleine Queste, die zunächst einmal alles nur noch schlimmer macht … Beim Lesen ahnt man zwar früher als die Heldin, worin das eigentliche Problem bestehen könnte, aber das stört nicht weiter, weil Selenes missgelaunte Sichtweise die Geschichte ungeheuer amüsant macht und alles bis hin zur Auflösung so nett und liebevoll geschildert ist.

Ernsthafter in Schwierigkeiten als Selene ist der Dragon in the Jar in der letzten Geschichte der Sammlung, auch wenn Ich-Erzähler Konrad Tsaretsky, ein Detektiv der besonderen Art, der sich gegenüber seiner Kundschaft eher bedeckt hält, wie genau er verlorene Gegenstände für sie aufspürt, erst einmal nur glaubt, für eine reiche Unsympathin ein abhanden gekommenes Dekorationsobjekt wiederfinden zu sollen. Das aber hat es im wahrsten Sinne des Wortes in sich, und so geht es hier bei allem Witz auch um Ausbeutung und unfair erworbene Reichtümer, so dass die Wendung, die alles ganz zum Schluss nimmt, äußerst befriedigend ist.

Sind Ton und Setting der Geschichten auch unterschiedlich, zeichnen sie sich doch alle trotz ihrer Kürze durch einen ausgefeilten Weltenbau und pointierte Charakterisierungen aus. So ist eine spannende, unterhaltsame und abwechslungsreiche Lektüre garantiert, die sich ebenso gut abschnittsweise lesen wie schnell verschlingen lässt.

Hannah Steenbock: Here Be Dragons. Kiel, Buehsteppe Verlag, 2014 (E-Book). 
ISBN: 978-1-5001-8802-3


Genre: Anthologie, Erzählung

Das öde Land und andere Geschichten vom Ende der Welt

Apokalyptisches ist der Phantastik nicht fremd, ganz gleich, ob es nun um den allumfassenden Weltuntergang geht oder der Mikrokosmos vielleicht nur einer einzigen Person der Vernichtung anheimfällt. So sind es auch ganz verschiedene Enden, die Oliver Plaschka in seiner Kurzgeschichtensammlung Das öde Land und andere Geschichten vom Ende der Welt vereint, wobei dieses Ende in manchen Fällen auch räumlich statt zeitlich zu verstehen ist, wenn es um entlegene Gebiete oder Berührungspunkte zwischen alltäglicher Realität und Übernatürlichem geht. Melancholie und Tod sind aber auch dann nie sonderlich weit entfernt. Vom Märchen bis zur Science Fiction sind alle möglichen Genres abgedeckt, und enthalten sind sowohl Texte, die schon im Rahmen anderer Anthologien erschienen sind, als auch Erstveröffentlichungen. Teilweise knüpfen sie an frühere Werke des Autors an, aber Vorkenntnisse sind nicht notwendig, da er in einem ausführlichen Vorwort sowohl diese Querverbindungen erläutert als auch seinen literarischen Werdegang und einige der Einflüsse, die sein Schaffen prägen, skizziert.

Den Einstieg bildet mit Der Heimkehrer eine Geschichte, die vordergründig nur von der Anreise eines etwas eigenen älteren Mannes mit Tochter und Schwiegersohn zu einer Hochzeit handelt, diese Ausgangssituation aber nutzt, um schrittweise auf eine traumatisierende Vergangenheit und ihre bis in die erzählte Gegenwart reichenden Folgen hinzuführen, gleichwohl mit für die Maßstäbe dieser Sammlung relativ tröstlichem Ausgang.

Drachenschwingen hat ein besonderer Wasserspeier, ohne sie allerdings, auf seiner Kirche fest verankert, nutzen zu können, so dass er die Welt nur in Gesprächen mit allerlei Besuchern an seinem luftigen Aufstellungsort entdecken und dabei zu mancherlei erstaunlichen Erkenntnissen gelangen kann, während er selbst zunächst eine Konstante in sich wandelnden Zeiten bleibt.

Der Fall des verwunschenen Schädels sollte eigentlich von dem berühmten Detektiv Sherlock Holmes gelöst werden, der inkognito auf Haiti auf der Suche nach dem titelgebenden gestohlenen Museumsstück ist, doch als nur noch Voodoo weiterhelfen kann, haben weder er noch sein alter Freund Dr. Watson mehr die Zügel in der Hand – was also hat eine ungewöhnliche Frau, die der Ermittler um Unterstützung bittet, über die Ereignisse zu erzählen?

Deprimierender kommt Ruthie daher, kreuzen sich hier doch die Wege zweier auf jeweils ganz eigene Art dem Untergang geweihten Personen, eines herumirrenden Kranken und eines Obdachlosen, der vielleicht nicht ganz so abgeklärt ist, wie er sich gibt.

Die Insel erzählt – ohne übernatürlichen Einschlag, aber sehr differenziert und menschlich – von einer ersten Liebe, einem klassischen Aufbruch ins Abenteuer und einer Rückkehr, allerdings, und das macht den Reiz aus, nicht wie üblich aus der Perspektive der in die Ferne ziehenden Gestalt sondern aus dem Blickwinkel einer mehr oder minder am Ende der Welt zurückbleibenden. Schön ist hier, dass die Erzählsituation, in der die Ich-Erzählerin berichtet, greifbar wird, etwas, das bei Geschichten in der Ich-Perspektive beileibe keine Selbstverständlichkeit ist.

Verstörender wird es in Solis’ Stimme, denn hier mischt sich ein guter Schuss Horror in das Science-Fiction-Setting, wenn die Titelgestalt auf einmal eine sonderbare Stimme hört, die vielleicht nicht gar so sehr Einbildung ist, wie es Außenstehenden erscheinen könnte, und das ungeahnte Folgen hat.

Die Frau, der Magier, seine Katze und ihr Geheimnis entführen nach Paris zur Zeit der Weltausstellung, und man erfährt nicht nur, dass es mit dem Eiffelturm mehr auf sich hat, als man ihm zutrauen würde, sondern bekommt auch ein tiefgründiges Ausloten von Fragen der Identität in verschiedenen Lebensphasen und -situationen geboten.

Hat das noch seine tröstlichen Elemente, ist Die kreisende Schwärze, die als Einsatzbericht einer Raumschiffbesatzung abgefasst ist, ungefähr so schaurig, wie der Titel suggeriert, denn wenn ein seelenverschlingendes Schwarzes Loch mit im Spiel ist, kann die Sache ja nicht gut ausgehen.

Solomons Märchen bietet dagegen trotz aller ernsten Themen, die darin mit anklingen, einen hochwillkommenen Schuss Humor, wenn zwei recht unterschiedliche Charaktere sich zusammentun, um den letzten Wunsch eines Verstorbenen zu erfüllen und einen sehr speziellen Einbruch zu begehen, um an ein anders nicht zu erhaltendes Dokument zu gelangen.

Einen krassen Gegensatz dazu bildet atmosphärisch Die Grenze, denn alle Grenzen, auf die es ankommt, hat ein geiselnehmender Guerillatrupp, der sich unter einem recht dämonisch anmutendem Anführer durch die Wildnis kämpft, wohl schon längst überschritten, so dass auch die Erzählergestalt, ein Mitglied der kleinen Schar, nicht unbedingt sympathisch daherkommt. Der Verlauf der Ereignisse ist zwar zwingend und überzeugend geschildert, aber alles andere als ersprießlich.

Jenseits der Mauer des Morgens mutet nur auf den ersten Blick harmloser an, denn die Anzeichen, dass das vermeintlich traute Beisammensein eines Paars in einem Wohnzimmer vor malerischer Bergkulisse nicht das ist, was es zu sein scheint, sind von Anfang an clever in den Text eingestreut und führen auf einen ernüchternden Schluss hin.

In Jimberlyne, Jimberlyne wird es märchenhaft, allerdings nicht auf friedlich-zauberhafte Art, sondern wieder mit deutlichen Abstechern in den Horror, wenn ein Holzfäller und seine Frau Drastisches (und drastisch Geschildertes) in einem Grauen Wald, dessen Name wohl nicht umsonst das „Grauen“ suggeriert, am Ende der Welt erleben und nicht unbedingt unbeschadet daraus hervorgehen.

Der blinde Passagier dagegen ist im Orient-Express unterwegs und greift das schon in der Sherlock-Holmes-Episode genutzte Motiv von Diebstählen einiger Objekte mit nicht ganz astreiner Provenienz aus dem British Museum wieder auf. Die Titelfigur hat angeblich eine kostbare Krone im Gepäck und einem Mitreisenden darüber eine schier unglaubliche Geschichte zu erzählen, die, kaum dass sich die Wege der beiden wieder getrennt haben, auf ein effektvoll genutztes offenes Ende zusteuert.

Von Anfang an düsterer ist die Stimmung, wenn ein Wissenschaftler sich durch Das öde Land, in diesem Fall die Antarktis, zu einer Forschungsstation nach der anderen durchkämpft und nicht nur grausige Entdeckungen macht, sondern auch mit sich selbst und dem, was er in mehr als einer Hinsicht getan hat, fertigwerden muss – ein Schlusspunkt für die Geschichtensammlung, der einem einen Schauer über den Rücken jagt.

So vielfältig und unterschiedlich die hier versammelten Texte auch sind, einige Motive kehren wieder und prägen den Grundton: das des Verlusts des Partners oder der Partnerin in einer Liebesbeziehung, die Frage nach Wandlungen des eigenen Ichs im Laufe eines Lebens (von unterschiedlichen eingenommenen Rollen über Wiedergeburtsvorstellungen bis hin zur drohenden oder tatsächlichen Fremdbestimmung durch andere Individuen oder unabwendbare Umstände wie Krankheiten) und das des Ausgeliefertseins an eine Welt, in der die eigenen Spielräume oft geringer sind, als man es sich vielleicht wünscht oder ausmalt. Trotz aller Abenteuerelemente und mancher Auflockerung ist das emotional keine ganz leichte Kost.

Ein „schönes“ Buch in dem Sinne, dass man auf ein ausgesprochen wohliges Lektüreerlebnis hoffen dürfte, ist die vorliegende Anthologie also nicht, aber doch ein sehr lesenswertes, und das aus zwei Gründen nicht nur für Fans des Düsteren und Beängstigenden. Zum einen ist man unweigerlich angetan von einer Erzählkunst, die sprachliches Geschick (etwa in Form klug genutzter Tempuswechsel) mit einem exakten Gespür für den stimmigen Aufbau einer Geschichte verbindet. Zum anderen verfügt Oliver Plaschka über die seltene Fähigkeit, auch Figuren, die sehr traurige Schicksale erleiden, einfühlsam und ohne Voyeurismus zu schildern (wie es etwa auch sein Rustichello da Pisa in Marco Polo beweist). Dadurch sind auch Grundideen zu ertragen, die in anderen Händen vielleicht schnell zu viel des Guten hätten werden können. So ist der Ausflug ans Ende der Welt (in welcher Bedeutung auch immer) auf alle Fälle zu empfehlen.

Oliver Plaschka: Das öde Land und andere Geschichten vom Ende der Welt. Meitingen/Erlingen, Verlag Torsten Low, 2016 (E-Book; auch als Taschenbuch erhältlich).
ISBN: 978-3-940036-58-2


Genre: Anthologie

wildwechsel ins nichts

Das Ländliche als Kontrast zum Städtischen und als Hort des Ursprünglichen und Naturnahen, aber auch immer wieder Erschreckenden ist seit langem ein bewährtes Thema in der Literatur, doch es gibt dazu durchaus noch Neues zu sagen, wie Charline Winter in ihrem gelungenen Gedichtband wildwechsel ins nichts beweist. Laut Nachwort unter anderem von eigenen Erfahrungen der Autorin mit der besonderen Atmosphäre einer brandenburgischen Kleinstadt während des ersten Corona-Lockdowns inspiriert, soll die hier präsentierte Lyrik, so das Versprechen des Klappentexts, „das unterschwellige Grauen, das im Ländlichen wohnt“, einfangen – und dieser Plan geht auf.

Die Gedichtsammlung, durch die Wölfe streifen und in der Menschen mit sich selbst ebenso sehr zu ringen haben wie mit den Eigenheiten einer fabelwesendurchdrungenen, heimatbietenden und doch stets unterschwellig krisenhaften ländlichen Welt, vereint sensible Naturschilderungen, Nachdenkliches und unendlich viel Abgründiges (das im mehrfach wiederkehrenden, Grenzerfahrungen und „liminal spaces“ evozierenden Begriff der kante schon anklingt).

wildwechsel ins nichts ist dabei ein Buch, das man nicht nur deshalb konzentriert lesen muss, weil es darin keine Halt und Anhalt bietende Großschreibung gibt. Dafür wird der Blick oft auf andere Art durch Spielereien mit der Textanordnung gelenkt, etwa im Gedicht spätjanuar., in dem die Verse der ersten Strophe Zeile für Zeile immer weiter zusammenschrumpfen, so dass der letzte nur noch aus einem einzigen Buchstaben besteht. Jähe Worttrennungen nutzt Charline Winter gleichermaßen zielgerichtet, um die jeweilige Aussage zu verstärken (wenn beispielsweise gesprächspau sen genau so auf zwei Verse aufgeteilt sind) oder schlicht das Publikum beim Lesen zu irritieren und zum aufmerksamen Hinschauen zu zwingen.

Auch abseits der so virtuos genutzten Form stößt man inmitten subtiler Anspielungen (ob auf Münchhausen oder auf die Sagenwelt in Form eines Gegenbilds zur Mittagsfrau) immer wieder auf viel Überraschendes und Unerwartetes, sowohl inhaltlich (wenn etwa unversehens auf dem Acker eine Kosmonautin auftaucht) als auch in den oft herrlich bildhaften und einprägsamen Formulierungen (ob nun ein ausgefranster Geist oder gar ein hinterhältiger sommer lauert, ein braches gleis ins Nirgendwo läuft oder noch ein nachhall von regen zu spüren ist). Gerade das Trostlose und Finstere wird so in Sprache gegossen, und der beteuernd mehrfach wiederholten Versicherung es wohnt nichts böses hier sollte man auf keinen Fall trauen.

Manchmal ist das Unheimliche ganz klassischer Spuk, wenn etwa die ratschläge einer maklerin. zu einer ganz besonderen Behandlung eines Hauses mahnen, in dem man sonst Unschönes erleben könnte. Dann wieder sind wie in ich fühl’s nicht., der Schilderung eines Suizids und der Reaktionen der Überlebenden darauf, die Untiefen und ihre tödlichen Folgen alltäglicher und gerade darum umso verstörender. Das alles kann in der Schilderung recht drastisch geraten (so die wohl im übertragenen Sinne zu begreifende, aber intensiv in körperlichen Bildern ausgemalte Selbstverstümmelung bis -zerlegung in nackt.).

Vor diesem Hintergrund ist es ganz gut, dass es bisweilen doch einen unerwarteten Anflug von Trost inmitten all der Düsternis gibt, damit die welt nicht zu scharfkantig ist, und so stiehlt sich bei der Lektüre dann manchmal doch noch ein kleines Lächeln zwischen Schaudern und Nicken. Auf alle Fälle ist diese Poesie voller Horror, aber nicht ohne einen Hauch von Hoffnung eine Entdeckung für alle, die sich einmal abseits der Hauptstraßen auch auf die Wildwechsel der Literatur wagen möchten.

Charline Winter: wildwechsel ins nichts. Gedichte. Norderstedt, Books on Demand, 2024, E-Book (auch als Taschenbuch erhältlich).
ISBN: 978-3-7693-7979-2


Genre: Anthologie

Haiku experimentell

Ein Haiku ist ein Gedicht mit 17 Silben, die sich im Schema 5 – 7 – 5 auf drei Verse verteilen? Nicht immer und nicht ganz, denn auch, wenn das die Form ist, die sich im Westen als gängigste Haiku-Variante etabliert hat, wird sie dem japanischen Vorbild nicht unbedingt gerecht, wie Heike Baller im ausführlichen Vorwort zu ihrem neuen Gedichtband Haiku experimentell angeregt durch einen Artikel des Literaturwissenschaftlers Arata Takeda erläutert. Denn aufgrund der ganz unterschiedlichen Struktur der Sprachen rechnet man bei japanischen Gedichten nicht nur eher in Moren als in Silben, sondern muss auch den jeweiligen Informationsgehalt einer Silbe oder Mora in Betracht ziehen, der in indogermanischen Sprachen wesentlich höher sein kann. Westliche Übersetzungen japanischer Haiku erscheinen Takeda daher überladen, so dass er für eine sparsamere Form zu nur 10 Silben plädiert. Auch weitere Spielregeln des japanischen Vorbilds, so die klare Verortung in einer Jahreszeit durch einen entsprechend konnotierten Begriff oder das Einfügen einer überraschenden Wendung auf knappstem Raum, werden in westlichen Nachdichtungen oder Neukreationen nicht immer beherzigt.

Sind also alle vermeintlich typischen Haiku, mithin auch die aus Heike Ballers früheren Gedichtbänden,1 eigentlich falsch? Mitnichten, denn eine literarische Form lässt sich eben nicht exakt in einer ganz anders strukturierten Sprache nachbauen, sondern muss adaptiert werden, und das auch gern, wie der Titel verspricht, experimentell.

So finden sich in diesem neuen Band, der wieder kürzer als der sehr umfangreiche vierte ist, durchaus noch Haiku im gewohnten Schema:

Auch sonst ist vieles geblieben, was man an Heike Ballers Texten kennt und schätzt, seien es nun kleine Anspielungen (so hat Mein Freund, der Baum einen Auftritt) oder die Freude daran, einen aufs Glatteis zu führen (programmatisch über der ganzen Sammlung könnte auch der Vers Ich seh es gleiten … ! stehen) und mit ungeahnten Wendungen zum Lachen oder zum Nachdenken zu bringen.  Deutet ein Windiger Gefährder erst einmal auf terroristische Umtriebe hin, hat es mit ihm etwas ganz anderes auf sich, während umgekehrt manches, was erst einmal als lyrisches Schwelgen in der Natur anmutet, sehr unromantische Ursachen in menschlichem Wirken hat. So kann man sich im Voraus nie ganz sicher sein, ob es poetisch, melancholisch und zu Herzen gehend wird, wie im kleinen Gedicht vom Nachtigallruf, das eine ganze Welt aufschließt, oder ob man mit viel Humor (von trocken bis schwarz) gezwungen wird, den Blickwinkel schlagartig zu ändern.

Aber stärker als jemals vorher spielt die Dichterin mit der Form, bricht Erwartungen und verlangt einem ein wenig mehr ab, als sich in den vertrauen Rhythmus fallen zu lassen und den Inhalt bis zu einem gewissen Grade losgelöst von der sprachlichen Gestaltung zu betrachten. Hier kann auch schon einmal ein Punkt allein den dritten Gedichtvers bilden, während er anderswo als schließendes Satzzeichen gezielt weggelassen ist und den eingefangenen Eindruck ohne klares Ende offen schweben lässt. Apropos schweben: Neben den Natureindrücken aus Flora und Fauna spielen diesmal Wolken eine große Rolle, ob ihnen nun ein (somit im Ursprung nicht allzu phantastisch-märchenhaftes) Drachenbaby entschlüpft oder ein ganzes Wolkenmaskenspiel den Blick in der Dämmerung bannt.

Ohnehin sind es die ganz eigenen Wortkreationen, die den Hang des Deutschen zu zusammengesetzten Substantiven voll ausnutzen, die Heike Ballers Sprache ihren besonderen Charme verleihen. Von den Waldgesprächsfetzen über den Angstlustjuchzer bis zum Wolkenwandelbild lässt sich hier einiges entdecken. Aber ganz der Zielsetzung getreu, hier mit Haiku zu experimentieren, gibt es auch Abstecher in Fremdsprachen (neben Englisch diesmal auch Französisch).

Fotos, die Gedichte illustrieren und Stimmungen unterstreichen, fehlen in diesem Band; stattdessen sind als Gliederungselemente drei Liedanfänge mit Noten eingefügt (das Kirchenlied Nun ruhen alle Wälder, ein Alle Vögel sind schon da mit augenzwinkernd angepasstem Text und We shall overcome), die deutlich machen, dass die Themen Naturbeobachtung, Spiritualität und menschliches Zusammenleben, die teils offen, teils subtil immer in Heike Ballers Haiku mitschwingen, auch in diesem Fall mit von der Partie sind.

So bietet Haiku experimentell eine lohnende, unterhaltsame und durchaus auch fordernde Lektüre, die eines zeigt: Ganz gleich, welchen Gestaltungsprinzipien sie folgen mögen und in was für einer Sprache sie verfasst sind, Haiku sind auch und vor allem Gedichte, die zum Mitdenken einladen und gerade in ihrer Knappheit Raum für eigene Assoziationen und Überlegungen lassen.

Heike Baller: Haiku experimentell. Norderstedt, Books on Demand, 2024, 86 Seiten.
ISBN: 978-3-7693-0936-2

 

  1. Meine Besprechungen der 4 älteren Gedichtbände von Heike Baller sind hinter den folgenden Links zu finden:
    Mein Jahr in Haiku
    Stadt – Natur
    17-Silben-Krimis
    111 Feld-, Wald- und Stadt-Haiku

Genre: Anthologie

111 Feld-, Wald- und Stadt-Haiku

Erst Anfang des Jahres ist mit den 17-Silben-Krimis Heike Ballers dritter Haiku-Band erschienen. Schon jetzt meldet sie sich mit einer vierten Gedichtsammlung zurück, den 111 Feld-, Wald- und Stadt-Haiku, die mit 128 Seiten den bisher umfangreichsten Teil ihrer Reihe bilden und auch inhaltlich noch mehr zu bieten haben als die bisherigen Einträge.

Eine aufgeschlagene Seite aus dem Buch "111 Feld-, Wald- und Stadt-Haiku" von Heike Baller mit dem Haiku "Die grauen Wolken / Bleiben heut' leere Versprechen - / Sol invictus".

Ein Blick ins Buch …

Zugegeben: Die beiden ersten Bände mit ihren überwiegend Natur und städtischer Umwelt gewidmeten Haiku und der dritte mit seinen genial komponierten Miniaturkrimis sind eigentlich schon so stark, dass eine Steigerung kaum noch möglich scheint, aber hier weiß Heike Baller noch einmal besonders zu überraschen: durch verstärkte aktuelle Bezüge, die zu den bewährten Momentaufnahmen treten, durch einzelne Haiku in Fremdsprachen und immer wieder auch durch augenzwinkernde literarische und (kultur-)historische Anspielungen.

So wird etwa in dem oben im Bild gezeigten Gedicht der Name der römischen Sonnengottheit Sol invictus in seiner ganz wörtlichen Bedeutung – „unbesiegte Sonne“ – gebraucht, um dem ausbleibenden Regen nicht nur eine mythologische Aura zu verleihen, sondern auch unterschwellig die Frage aufzuwerfen, ob Regen immer „schlechtes“ und Sonne „gutes“ (und nicht etwa durchaus „besiegenswertes“) Wetter bedeutet. Denn der Klimawandel, dessen Auswirkungen heutzutage auch in Mitteleuropa schon in beiläufigen Naturbeobachtungen offen zutage treten, kann einem scharfen Blick wie dem Heike Ballers natürlich nicht entgehen und ist ein wiederkehrendes Motiv in ihren Haiku.

Auch abseits davon darf man aber nicht damit rechnen, sich behaglich in Schönheit einrichten zu dürfen: Eine Dichterin, die mutig genug ist, Schmetterling und Hundekot zu kombinieren bzw. zu kontrastieren und ohnehin oft mit ironischen Brechungen zu arbeiten, scheut sich auch nicht, die ernstesten Themen anzupacken. So schlagen etwa die brutalen Bombardements im Ukrainekrieg in die scheinbar friedliche Atmosphäre eines mit einer Himmelsschilderung einsetzenden Haiku ein und reißen einen gnadenlos aus dem, was zunächst eine angenehme Naturträumerei zu sein scheint.

In die vielen Wald-, Feld- und Stadtimpressionen stehlen sich neben solch dramatischen Bezügen aber auch immer wieder Beobachtungen, die viel über die Unzulänglichkeiten und Grausamkeiten des scheinbar ganz normalen Alltags verraten, ganz gleich, ob es nun um vergessenes Kinderspielzeug, im Tierheim zurückgelassene Hunde oder verrottende Infrastruktur geht. Dass der Schlusssatz doppeldeutig – Tageszeit der geschilderten Beobachtung oder Einschätzung der Gesamtsituation? – Es ist 5 vor 12 lautet, passt daher sehr gut.

Neben Pointiertem und Verstörendem steht aber auch Zartes, Poetisches und ungeheuer sensibel Eingefangenes, wenn etwa der November als Goldschmied den Wald mit Gold-Blatt-Gold schmücken darf, Blütenduft sich unverdrossen gegen das Märzhimmelgrau (eine von vielen einprägsamen Wortschöpfungen) behauptet oder die Natur sich einen Weg zurück ins Menschengemachte sucht (z. B. in einen Blechbriefkasten, der mitsamt dem neuen Leben in ihm ebenso im Foto präsent ist wie die Inhalte einzelner anderer Haiku). Der Humor kommt auch nicht zu kurz, denn was es mit einer unversehens fern der Küste auftauchenden Kegelrobbe letzten Endes auf sich hat, bringt einen genauso zum Schmunzeln wie eine vergnüglich geschilderte Froschbegegnung.

In all seiner Vielschichtigkeit ist der Band also eine Aufforderung, Gedanken spazieren zu lassen, sei es nun durch die äußere Welt samt Tod und Leben oder auch durch die Literatur, die etwa in einem Aufgreifen des berühmten Lindenlieds Walthers von der Vogelweide oder einer Anspielung auf das oft Martin Luther zugeschriebene Zitat über das Pflanzen eines Apfelbäumchens präsent ist.

Wer schon länger bei Heike Baller mitliest, kann zudem neue Bezüge innerhalb ihres lyrischen Werks entdecken (die crisply cold air eines ihrer frühesten englischen Haiku bekommt hier noch einmal einen Auftritt zusammen mit einem aufgeplusterten Rotkehlchen).

Allen, die sich gern von Sprache und ihren Möglichkeiten faszinieren lassen und keine Angst haben, sich dabei auch in unbekannte und bisweilen unbequeme Richtungen führen zu lassen, seien die 111 Feld-, Wald- und Stadt-Haiku, die absolut nicht so gewöhnlich sind, wie der Titel suggerieren könnte, daher wärmstens ans Herz gelegt.

Heike Baller: 111 Feld-, Wald- und Stadt-Haiku. Norderstedt, Books on Demand, 2023, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-7583-1027-0


Genre: Anthologie

Märchensagas

Unter dem Begriff der Märchensagas wird ein recht heterogenes Korpus von zumeist spätmittelalterlichen Prosatexten zusammengefasst, die gewisse Überschneidungen mit den Vorzeitsagas, Isländersagas, Rittersagas und Königssagas aufweisen, sich aber durch eine besondere Dominanz übernatürlicher, fabulierfreudiger und in der Tat märchenhafter Elemente auszeichnen. Rudolf Simek und sein Team ergänzen mit ihrem Buch unter diesem Titel die vor einigen Jahren erschienenen drei Bände der Sagas aus der Vorzeit  und beweisen einmal mehr, wie vielfältig, überraschend und auch heute noch lesenswert altnordische Literatur sein kann.

Die Saga von Bard, dem Schutzgeist des Snaefell, die den Band eröffnet, hat viel mit den Isländersagas gemein, handelt es sich bei dem titelgebenden Bard doch um einen frühen Siedler auf Island. Allerdings wird ihm eine Abstammung von Riesen und Trollen nachgesagt, und wie diese ist er eine bestenfalls ambivalente Gestalt: Mag er auch, nachdem er sich nach einem blutigen Racheakt an seinen minderjährigen Neffen, die das Abtreiben seiner Tochter auf einer Eisscholle zu verantworten haben, aus der menschlichen Gesellschaft zurückgezogen hat, zu einer Art oft rettend eingreifendem „Schutzgeist“ für die Bewohner der Gegend werden, neigt er auch weiterhin zu Fehlverhalten, wenn er etwa die blutjunge Tochter von Gastfreunden schwängert. Die Grenze zwischen mystischem Wesen und mit Vorsicht zu genießendem Gesetzlosen ist hier bestenfalls verschwommen, wenn überhaupt vorhanden.

Auch die darauf folgende Saga von Gold-Thorir könnte eigentlich fast eine klassische Isländersaga sein, handelt sie doch über weite Strecken von mehr oder minder realistischen Nachbarschaftskonflikten um Land und Vieh und den daraus resultierenden wilden Kämpfen. Aber der Protagonist Thorir gewinnt als junger Mann auf einer Reise nach Norwegen auf den Rat eines untoten Verwandten hin im Drachenkampf nicht nur einen Schatz, sondern auch magische Handschuhe, die gegen Kampfwunden feien. Das Ende der Geschichte ist leider nur unvollständig überliefert, so dass man nicht erfährt, wie es mit Thorir ausgeht.

Wirklich märchenhaft wird es dann in der Saga vom schönen Samson. Dieser, ein Sohn von König Artus, ist zwar kampfstark, aber sehr unbedarft. Kein Wunder also, dass er und die ähnlich naive irische Prinzessin Valentina, um die er wirbt, immer wieder in allerlei missliche Situationen geraten und es, nachdem es sie auf getrennten Wegen in die Bretagne verschlagen hat, mit üblem Trollzauber und einem finsteren Räuber, der es vor allem auf adlige Jungfrauen abgesehen hat, zu tun bekommen.

Noch abenteuerlicher und für die Begriffe der Zeit auch exotischer wird es in der spätmittelalterlichen Saga von Vilhjalm Sjod, auch wenn die Hauptfigur ebenfalls ein englischer Königssohn ist. Da er sich zu mehreren Schachpartien gegen einen Troll verleiten lässt und die entscheidende verliert, muss er, um seine Spielschulden zu begleichen und daneben seinen von Trollen entführten Vater zu finden, bis ins Innere von Afrika vordringen. Da er zudem um eine byzantinische Prinzessin wirbt und am Ende bis nach Babylon gelangt, ist der geographische Rahmen weit gespannt, und selbstredend braucht ein Held wie Vilhjalm auch den passenden Gefährten in Gestalt eines Löwen (ein Motiv, das man aus dem Iwein kennt). All das könnte in seiner Fülle etwas grotesk wirken, aber glücklicherweise nimmt die Saga von Vilhjalm Sjod sich selbst nicht allzu ernst und verrät durch viele augenzwinkernde Wendungen ans Publikum, dem abschließend sogar der Segen der Trolle gewünscht wird, dass es hier vor allem um den Spaß geht.

Spielte Byzanz schon in der letzten Geschichte eine Rolle, ist Die Saga von Damusti ganz dort angesiedelt und hat mit Damusti einen handfesten Antihelden zu bieten, der ohne Zögern eine Verschwörung anzettelt, um einen untadeligen Rivalen um die Gunst seiner Angebeteten umzubringen. Nicht nur die Tatsache, dass er diese sodann vor einem andersweltlichen Schurken rettet, sondern auch und vor allem seine intensive Marienfrömmigkeit bewahrt ihn davor, dauerhaft ein Schurke zu bleiben, und nach einer kurzen Zeit ehelichen Glücks beschließen seine Frau und er ihr Leben als christliche Büßer (eine Wendung, die auch aus realistischeren Sagas bekannt ist, wie etwa bei Thorstein und Spes in der Saga von Grettir dem Starken, hier aber besonders betont wird).

Die Saga von Vilmund Einzelgänger bringt den Titelhelden, einen Bauernsohn, in Kontakt mit zwei von ihrem Vater sehr ungleich behandelten Prinzessinnen, befasst sich daneben mit den Umtrieben eines finsteren Sklaven, der sich als böswilliger Zauberkundiger entpuppt, und weist zudem eine so ordinäre Schlussformel auf, dass diese in der Handschrift schamhaft gelöscht wurde und nur noch mittels moderner Technik lesbar ist.

Die Saga von Ali Fleck lässt ihre Titelfigur, einen als Säugling ausgesetzten Prinzen, oft in Situationen großer Hilflosigkeit geraten, da er bösartigen Verfluchungen zum Opfer fällt. Glücklicherweise findet er in Thornbjörg, der Königin der Tartarei, eine Frau, die entschlossen alles unternimmt, um ihn zu retten.

Einen ganz anderen Helden, der sich vor allem durch Gerissenheit und technisches Geschick auszeichnet, präsentiert Die Saga von Feilen-Jon, die allerdings leider auch einige innere Widersprüche aufweist und recht sonderbare geographische Vorstellungen zugrunde zu legen scheint (begonnen mit dem von einem öden Hochgebirge umgebenen ersten Handlungsort: Rouen in der Normandie). Nach der heimtückischen Tötung seines Vaters durch den finsteren Rodbert in die Obhut von Zwergen gelangt, findet Jon in dem ihm zunächst nicht allzu freundlich gesonnenen Königssohn Eirek einen Verbündeten und kann daran gehen, seine weiblichen Angehörigen aus Rodberts Gewalt zu retten und Rache zu nehmen.

Stärker um Verortung in der historischen Realität bemüht ist Die Geschichte von Thorstein Haushoch, wird doch Thorstein als Gefolgsmann einer historischen Gestalt, des Königs Olaf Tryggvason, eingeführt. Seine Abenteuer sind aber nicht weniger phantastisch als die der Helden der anderen Märchensagas, von einem Tischtuchraub aus der Unterwelt über eine Zwergenkindrettung und einen durch einen Unsichtbarkeitszauber sehr erleichterten Besuch im Riesenreich bis hin zur Konfrontation mit einem als Wiedergänger aus seinem Grabhügel zurückkehrenden Schwiegervater.

In derselben Epoche ist auch Die Geschichte von Helgi, Thorirs Sohn angesiedelt, doch in diesem kurzen Text verläuft der Kontakt mit dem andersweltlichen Reich des auch schon in der vorherigen Saga erwähnten Herrschers Gudmund weitaus unersprießlicher für den menschlichen Protagonisten, der sein Abenteuer mit seinen Augen bezahlt und kein hohes Alter erreicht.

Ebenfalls im Umfeld von Olaf Tryggvason spielt Die Geschichte von Thorstein Ochsenbein, deren Held zunächst als uneheliches Kind auf Island ausgesetzt, nach seiner Rettung aber doch noch mit einigen Jahren Verspätung von der Familie seiner Mutter angenommen wird. Als junger Mann gelangt er nach Norwegen in die Heimat seines Vaters und übersteht dort mit einem Gefährten nur deshalb mit knapper Not einen Kampf gegen eine gefährliche Trollfamilie, weil er im richtigen Augenblick zum christlichen Glauben findet. Unter Androhung roher Gewalt kann er nun endlich doch noch erreichen, dass sein Vater ihn anerkennt, ist aber gegen Missgunst im Gefolge des Königs nicht gefeit.

Am Hofe Olaf Tryggvasons verortet ist auch Die Geschichte von Thorstein Schreck und stellt das christliche Element noch stärker in den Vordergrund als die bisher erwähnten Sagas, aber auf äußerst bizarre Art: Hier wird dem Helden fast ein nächtlicher Gang zum Abort zum Verhängnis, begegnet er doch dort einem Dämon aus der Hölle, mit dem er ein sehr schwarzhumoriges Gespräch über das Schicksal der ewigen Verdammnis anheimgefallener heidnischer Helden führt, bevor er durch einen Trick seine indirekte Rettung durch den König bewirken kann.

Ähnlich kurz ist Die Geschichte von Toki, Tokis Sohn, der als uralter Mann zu Olaf dem Heiligen gelangt und ihn, nachdem er ihm von seinen Erlebnissen mit Helden der Vorzeitsagas berichtet hat, um die Taufe bittet.

Historisch weiter zurück führt, nur fragmentarisch erhalten, Die Saga von Harald Kampfzahn, in der eher legendäre als historisch wirklich fassbare Könige des schwedischen und dänischen Frühmittelalters im Mittelpunkt stehen. Nach dem frühen Verlust seines Vaters durch die Ränke seines Großvaters mütterlicherseits wird Harald Kampfzahn schon mit fünfzehn Jahren König und herrscht bis ins unwahrscheinlich hohe Alter von hundertfünfzig Jahren, in dem er dann die von zahlreichen auch aus anderen Sagas bekannten Helden bestrittene Schlacht von Bravellir gegen seinen Neffen anzettelt, um ehrenvoll zu fallen und der Ermordung durch seine eigenen Gefolgsleute, denen er zu greisenhaft geworden ist, zu entgehen.

Den Abschluss der Sammlung bilden drei sehr kurze Texte (Wie Norwegen besiedelt wurde, Die Entdeckung Norwegens und Über die Könige der Upländer), die in einer Mischung aus ätiologischen Sagen und pseudohistorischen Genealogien eine sagenhafte Vor- und Frühgeschichte Skandinaviens schildern – einschließlich so mancher Merkwürdigkeiten (wie der als Strafe für die Bewohner gedachten Einsetzung eines Hundes zum Unterkönig eines bestimmten Gebiets oder eines ausführlichen Stammbaums, der die Abstammung des historischen Königs Harald Schönhaar über die altnordischen Götter und König Priamos von Troja auf Adam als ersten Menschen zurückführt).

Jeder Saga ist eine kurze Einführung vorangestellt (den letzten dreien eine gemeinsame), die nicht nur Angaben über die Entstehungszeit macht, sondern oft auch bestimmte inhaltliche Motive und Verbindungen zu anderen literarischen Texten knapp erläutert. Zusätzlich runden einzelne Stammtafeln, eine Karte des nordeuropäischen bis -atlantischen Teils des Handlungsraums, ein Glossar und umfangreiche Register den Band ab.

Da die Übersetzungen sich wie gewohnt flüssig und eingängig lesen, ist auch für alle, die eher am Unterhaltungswert als an der literaturhistorischen Bedeutung der Sagas interessiert sind, eine vergnügliche Lektüre möglich. Allerdings muss man darauf gefasst sein, es eben nicht nur mit den im landläufigen Sinne „typischen“ Sagas nach dem Muster der Isländer- und Vorzeitsagas zu tun zu bekommen, sondern auch mit Texten, die in bestimmten Elementen eher der west- und mitteleuropäischen Literatur des Hoch- und Spätmittelalters nahestehen. Das allerdings schmälert den Lesegenuss keineswegs, sondern macht nur deutlich, wie variabel die Gattung „Saga“ ist.

Rudolf Simek, Jonas Zeit-Altpeter, Valerie Broustin (Hrsg.): Märchensagas. Von Trollen, Rittern, Prinzessinnen und Königen. Unter Mitwirkung von Maike Hanneck und Benedikt Hufnagel. Stuttgart, Kröner, 2022, 496 Seiten.
ISBN: 978-3-520-61801-6

 


Genre: Anthologie, Erzählung, Märchen und Mythen

Sehnsucht

Das Wesen der Sehnsucht ist wohl, dass sie keine mehr ist, sobald sie gestillt werden kann – kein Wunder also, dass dies oft um einen selbstzerstörerischen Preis geschieht. In all ihrer Widersprüchlichkeit ist sie das titelgebende Phänomen für einen Reigen von acht Geschichten, die Annette van den Bergh nicht nur durch das übergreifende Thema, sondern auch durch vielfältige Beziehungen der jeweiligen Ich-Erzählerfiguren untereinander und wiederkehrende Motive eng miteinander verknüpft. Neben den Personen ist ein zentrales verbindendes Element der oft erfolgende Blick in den Spiegel, literarisch von jeher ein Bild der Selbsterkenntnis, die sicher auch das Eingeständnis oft durchaus fataler Sehnsüchte mit einschließt.

Den zutiefst verstörenden Einstieg bildet Klaras Gedanke: Die Titelfigur – die mit klarem, analytischem Blick ihre Umgebung und sich selbst zu sezieren weiß und doch eine Getriebene ist – wird zum Opfer eines schockierend intensiv geschilderten sexuellen Übergriffs und meint, ihn selbst durch einen am ungestraften eigenen Glück zweifelnden Gedanken ausgelöst zu haben.

Golo, der Maler kann nicht nur auf ein Verhältnis mit Klara zurückblicken, sondern hat und hatte auch Beziehungen zu mehreren weiteren Erzählerfiguren, von denen eine, Annalena, Mutter seines Sohnes wurde, zu dem er jedoch keinen Kontakt pflegt, weil ihn das nicht von ihm selbst auf der Leinwand kontrollierte Leben in all seiner Dreckigkeit und Prallheit überfordert. Kein Wunder, dass er am besten mit Kunstfiguren, die sich jeweils selbst erschaffen haben, wie seinem Lieblingsmodell, dem Transvestiten Bella, und seiner aktuellen Geliebten, der einäugigen Journalistin Carlotta, zurechtkommt.

Anders als in Golos Geschichte tritt Annalena Bergengruen in ihrer eigenen nicht primär als Mutter, sondern als Tochter auf, die sich selbst als gescheiterte Existenz begreift und deren Abschied von ihrer eigenen todkranken Mutter, der sie attestiert, auch vermeintlich liebevolle Gesten nur als Werkzeug von Dominanz und Kälte zu gebrauchen, seine Tücken hat. Ob Annalena die von Anfang an unbedingt angestrebte Abnabelung und Distanzierung wirklich gelingt, darf jedoch gegen Schluss bezweifelt werden, denn hier ist der wiederkehrende Blick in den Spiegel noch entlarvender als in den meisten anderen Fällen.

Bella dagegen hat in Green Eyes das Gesuchte gefunden (oder will und muss sich das zumindest selbst einreden) – genderfluid und etwas esoterisch angehaucht, weht die schrillbunte Erzählerfigur (begleitet von Mops Odin) einmal wie eine Windböe durchs Buch und scheint einen für sie selbst besser funktionierenden Umgang mit dem allgemeinen Elend erreicht zu haben als manch ein vermeintlich normalerer Zeitgenosse.

Nicht weniger als Bella zur Selbststilisierung neigt One-Eyed Carlotta, aber mit weitaus düstereren Untertönen, hat die erfolgreiche Journalistin ihre Einäugigkeit doch sich selbst zu verdanken und schreibt ihrem Hang, sich in großen Auftritten selbst zu verwirklichen, sogar den Tod ihres Bruders zu. Die Funktion, die der Spiegel hier übernimmt (der dann auch, gewiss nicht ohne Symbolkraft, zerschmettert wird), lässt schaudern.

Auch Lehrer und Literat Felix im Glück, den man bei Golo schon kurz als Anhängsel von Bella kennengelernt hat, ist nicht gar so glücklich, wie der Titel seiner Geschichte suggerieren könnte. Zwar ist ihm die ersehnte Vollendung seines Buches geglückt, aber ausgerechnet in diesem Augenblick des Triumphs kehrt die Erinnerung an den Selbstmord seiner Freundin, der Sängerin Juliana, mit aller Macht zurück. Dass er sich selbst für so viel klüger als sie hält, wirkt dann doch ein wenig wie das Pfeifen im Dunkeln.

Das Haus rückt ebenfalls in einer Nebenrolle in Golos Geschichte aufgetretene Figuren in den Mittelpunkt und bildet über dieses Buch hinweg eine Klammer zu Annette van den Berghs zweitem Sammelband Lost Paradise, in dem auch ein Beitrag den Titel Das Haus trägt und aus anderer Perspektive und mit einigen inhaltlichen Abweichungen ganz ähnlich vom Scheitern einer Ehe und vom beiderseitigen Festhalten am gemeinsamen Haus erzählt, als handele es sich um unterschiedliche Varianten ein- und derselben Geschichte.

Den Abschluss bildet Sehnsucht, die atemlos-poetische Schilderung eines gefährlichen Hinauswagens ins Meer, die nicht allein durch ihre Anklänge an Andersens Kleine Meerjungfrau einen symbolischen Charakter gewinnt und die Risiken von (Todes-)Sehnsucht angesichts eines als grau empfundenen Lebens offenbart.

Die nicht nur diese eine Geschichte durchstreifende Meerjungfrau ist nicht die einzige Entlehnung aus Kunst und Kultur. Der Wegweiser aus Schuberts Winterreise hat ebenso wiederkehrende Auftritte wie die antike Mythologie, und so ist es eine an Anspielungen und Sprachkunst reiche Welt, in der Annette van den Berghs einsame und doch verbundene Protagonisten ihr innerlich oft erschreckend armes Leben führen. Auf leichte Art vergnügliche Lektüre, die es ihrem Publikum und ihren Figuren einfach macht, darf man hier nicht erwarten, aber doch zahlreiche Denkanstöße, ob das vermeintlich Ersehnte – ob im Buch oder im eigenen Leben – wahrhaftig so erstrebenswert ist und ob man nicht mit der letzten Geschichte doch lieber den Rückweg aus dem verführerischen Sehnsuchtsblau ins tragfähige Grau des Alltags mit all seinen Fehlern und Schwächen antreten sollte.

Annette van den Bergh: Sehnsucht. Norderstedt, Books on Demand, 2021, 116 Seiten (E-Book, auch als Taschenbuch erhältlich).
ISBN: 978-3-7322-5982-3


Genre: Anthologie, Erzählung