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Theoderich der Große

Der ostgotische König Theoderich (†  526) war ein Mann voller Widersprüche: Als Sohn eines germanischen Herrschers wuchs er als Geisel am oströmischen Kaiserhof zwischen den Kulturen auf. Im weiteren Verlauf seines Lebens jahrelang als Kriegsherr aktiv und dabei brutal genug, seinen größten Widersacher Odoaker eigenhändig zu erschlagen, etablierte er, nachdem er die Macht in Italien errungen hatte, eine im Innern jahrzehntelang größtenteils friedliche Herrschaft. Darüber hinaus war er bestrebt, durch Heiratsbündnisse und diplomatische Interventionen auch eine Art Friedensordnung unter den Nachfolgestaaten des weströmischen Reichs zu schaffen – ein Projekt, das nicht zuletzt an der Eroberungslust der Merowinger scheiterte. Sein zweiter großer Misserfolg war der, dass er – wie übrigens viele völkerwanderungszeitliche Könige – keine Dynastie zu begründen vermochte, die ihn lange überdauert hätte: Ein als Nachfolger ausersehener Schwiegersohn starb noch vor ihm, auch der am Ende tatsächlich nachrückende Enkel fand einen frühen Tod, und weder Theoderichs Tochter Amalasvintha noch sein Neffe Theodahad, der seine Cousine stürzte, konnte sich lange halten. Unter rasch wechselnden Herrschern steuerte das Ostgotenreich dem Untergang entgegen und blieb letztlich eine kurze Episode der Weltgeschichte.
Theoderichs quellenmäßig für eine Person der Spätantike außergewöhnlich gut fassbares, aber doch mit manch einem Fragezeichen aufwartendes Leben zeichnet Hans-Ulrich Wiemer in seiner packenden Biographie Theoderich der Große. König der Goten – Herrscher der Römer nach. Sein besonderes Augenmerk gilt dabei Theoderichs Ansatz einer „Integration durch Separation“: Die Goten, die mit ihm nach Italien gelangt waren, dienten auch dort weiterhin als militärische Funktionselite und sollten sich ihre religiösen und kulturellen Eigenheiten bewahren, während der noch bestehende spätrömische Verwaltungsapparat ebenso unangetastet blieb wie die katholische Kirche, obwohl der selbst homöische (arianische) König dieser eigentlich als Ketzer galt.
Die Koexistenz bekam wohl erst gegen Ende von Theoderichs Herrschaft merkliche Risse, als in einem spektakulären Hochverratsprozess mehrere römische Senatoren, darunter der berühmte Philosoph Boethius, vermutlich unschuldig zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden. Neben solchen Demonstrationen kompromissloser Härte lässt die Überlieferung hier und da aber auch unerwartet sympathische Züge des Königs erahnen (so z.B. seine Ablehnung der als Volksbelustigung veranstalteten Tierhetzen, seine für die Zeit ungewöhnliche Toleranz den Juden gegenüber oder sein Interesse an der Gartenarbeit).
Trotz der Fülle des in eingängigen Übersetzungen präsentierten Quellenmaterials fällt es daher schwer, sich nach modernen Maßstäben ein klares Urteil über Theoderich zu bilden, und ähnlich scheint es auch Wiemer selbst zu gehen. Als wie gelungen und sinnvoll er Politik und Lebensleistung seines Protagonisten bewertet, bleibt vage, fast so, als würde er sich in dem Wissen um die historische Bedingtheit jeder Einschätzung geschichtlicher Vorgänge eine eindeutige Position versagen. Umso ausführlicher kommen dafür in einem ans Ende des Buchs gestellten Forschungsüberblick andere zu Wort, die seit der Renaissance über Theoderich schrieben und ihn auf ganz verschiedene Art deuteten, ob nun aus der Perspektive der Aufklärung oder der eines dumpfen Nationalismus. Dieser Spaziergang durch das Nachleben Theoderichs bis in die heutige Zeit liest sich spannend und regt auch zur Reflexion darüber an, ob man nicht bisweilen selbst dazu neigt, vergangene Epochen und Persönlichkeiten im Sinne der eigenen Sichtweise zu vereinnahmen. Recht knapp geraten ist dagegen leider der Abschnitt über die mittelalterliche Theoderich-Rezeption, also insbesondere der Dietrichepik (aber vielleicht verrät der Wunsch nach mehr Detailfreude hier auch nur die Germanistinnenperspektive der Rezensentin).
Alles in allem wird so schnell jedoch niemand, der sich für Theoderich interessiert, an Wiemers auch üppig mit Bild- und Kartenmaterial ausgestatteter Biographie vorbeikommen. Die umfangreiche Untersuchung hat beste Chancen, zu einem der Standardwerke auf dem Gebiet zu werden.

Hans-Ulrich Wiemer: Theoderich der Große. König der Goten – Herrscher der Römer. Eine Biographie. München, C. H. Beck, 2018, 782 Seiten. 9783406719080

 


Genre: Biographie

Jesus und seine Welt

Cay Rademacher ist eigentlich vor allem als Journalist und Krimiautor bekannt, doch als studierter Historiker legt er mit Jesus und seine Welt ein geschichtliches Sachbuch für einen breiten Leserkreis vor, das für Christen wie Nichtchristen gleichermaßen interessant ist. Denn auch wenn Rademacher sich dem Menschen Jesus und seiner Umgebung aus historischer Perspektive nähert und deutlich macht, wo die Trennlinien zwischen dem wissenschaftlich Plausiblen und reinen Glaubensinhalten verlaufen, behandelt er die Religion durchaus mit Respekt.
Ein Problem bei vielen Persönlichkeiten der Antike – und zumal bei jemandem, zu dessen Lebzeiten noch nichts von dem Nachruhm zu ahnen war, den er einmal genießen würde – ist die relative Quellenarmut, die das Schreiben einer echten Biographie im neuzeitlichen Sinne erschwert bis unmöglich macht. Auch im Falle Jesu geben die Evangelien und wenige außerbiblische Texte nur einige Eckdaten vor. Rademachers Hauptaugenmerk gilt daher über weite Strecken der Schilderung des Umfelds, in dem Jesus wirkte und vor dessen Hintergrund seine radikalen religiösen Lehren zu verstehen sind.
Zum einen ist dies das antike Judentum, in dem mit Sadduzäern, Pharisäern, Essenern und Zeloten unterschiedliche Strömungen um Einfluss und Deutungshoheit konkurrierten, zum anderen das römische Reich mit seinen Provinzen und Klientelstaaten. Unter Rückgriff auf archäologische Funde und schriftliche Überlieferung beschwört Rademacher Licht- und Schattenseiten beider Kulturen plastisch herauf. Wer trockene historische Sachbücher eigentlich immer zu langweilig findet, sieht hier, dass es auch anders geht, denn Rademacher liefert eine packende Reportage aus einer vergangenen Welt und spielt dabei seine ganze journalistische Schreiberfahrung aus. Die Sachinformationen sind zutreffend und gut recherchiert. Nur in der Bewertung der paganen römischen Kulte als abergläubisch und innerlich nicht erfüllend scheint etwas zu deutlich die Sicht des späteren Beobachters durch, der schon um den Triumph monotheistischer Religionen weiß.
Notwendigerweise spekulativ müssen manche Überlegungen bleiben, die sich auf Jesus selbst beziehen – so etwa die Frage, ob dieser im nicht weit entfernt von Nazareth gelegenen Sepphoris schon früh mit hellenistischer Weltläufigkeit und vielleicht gar mit griechischen Theateraufführungen in Berührung gekommen sein mag, die seine spätere Predigttätigkeit ebenso beeinflusst haben könnten wie das dörfliche Leben seiner Jugend. Auch bei der Interpretation derjenigen biblischen Berichte über Jesus, die historisch zwar nicht extern Belegbares, aber doch zumindest Glaubhaftes schildern, bezieht Rademacher immer wieder die Epoche und ihre Besonderheiten mit ein, um deutlich zu machen, dass das gängige moderne Verständnis manchmal zu kurz greift (z.B. betont er bei der Geschichte über Jesu Tempelreinigung, dass die Vertreibung der Händler aus dem Tempel von der damaligen Öffentlichkeit nicht allein als Versuch der Trennung von Kommerz und Religion, sondern auch als Angriff auf den etablierten Opferkult an sich begriffen worden sein dürfte). Hier ergeben sich viele spannende Denkanstöße.
Eine knappe Liste von Buchempfehlungen zum Thema, ein Orts- und Personenregister sowie Kartenmaterial runden den kleinen Band ab. Im Prinzip sind diese Zusätze nützlich, aber bei der Karte von Judäa und angrenzenden Gebieten wünscht man sich, sie wäre etwas größer abgedruckt – wer hier die Ortsnamen entziffern will, braucht entweder sehr gute Augen oder eine Lupe.
Insgesamt ist das Buch jedoch ein lesenswerter Einstieg in die historisch-kritische Jesusforschung. Für alle, die sich schon etwas näher mit dem Thema befasst haben, lohnt sich die Lektüre immerhin zur Auffrischung von Kenntnissen, da hier der Forschungsstand auf sehr zugängliche Weise präsentiert wird.

Cay Rademacher: Jesus und seine Welt. Eine historische Spurensuche. Hamburg, Ellert & Richter, 2013, 160 Seiten.
ISBN: 978381905133


Genre: Biographie, Geschichte

Ramses der Große

Eine über sechsundsechzig Jahre dauernde Herrschaft, zahlreiche Ehefrauen (darunter seine Schwester und drei seiner eigenen Töchter), um die hundert Kinder und ein Bauprogramm, das seinesgleichen sucht – Ramses II. (um 1303 bis 1213 v. Chr.) war ein Pharao der Superlative und wurde für spätere ägyptische Könige zum unerreichten Vorbild. Dennoch überdauerte seine 19. Dynastie seinen Tod nur um gut zwei Jahrzehnte, und trotz des relativen Quellenreichtums seiner Zeit (etwa in Form von Inschriften und diplomatischer Korrespondenz) ist eine objektive Wertung kaum möglich, ist doch nur die offizielle und damit nicht selten propagandistisch gefärbte Version der Ereignisse erhalten.
Noch schwerer fällt eine Annäherung an den Menschen Ramses, da es keine Selbstzeugnisse außerhalb seiner Rolle als Pharao von ihm gibt und auch ein privates Schrifttum Dritter fehlt. Eine Biographie des legendären Herrschers zu verfassen, ist also weitaus schwieriger, als sein Bekanntheitsgrad es ahnen lässt.
Der Althistoriker Manfred Clauss nimmt sich der Aufgabe dennoch mit viel Schwung und Erzählfreude an und schlägt den Tücken der Quellenlage gerade dadurch ein Schnippchen, dass er sie anerkennt, unter diesem Vorbehalt aber konsequent eng dem Vorhandenen folgt. Einen Großteil des Buchs nimmt daher eine chronologisch Jahr für Jahr angelegte Schilderung von Ramses‘ Leben ganz im Stile der ägyptischen Annalistik ein; sind für ein spezifisches Jahr keine Ereignisse überliefert, ist es mit der Segensformel „Der Pharao lebe, sei heil und gesund!“ ausgefüllt. So begegnet man Ramses nach einem kurzen Überblick über diejenigen seiner Vorgänger, die sein Vater Sethos I. und er im Osiris-Heiligtum von Abydos auf Ahnentafeln auflisteten (was zu einigen interessanten Auslassungen führt – Echnaton oder Tutanchamun sucht man etwa vergebens), zunächst in seiner Rolle als Kronprinz, um ihn dann durch seine lange Regierungszeit zu begleiten. Dabei steht nicht allein Ereignishistorisches im Mittelpunkt (wie etwa die Schlacht von Kadesch, die Clauss auf 1275 v. Chr. datiert). Vielmehr erfährt man an Ramses‘ Beispiel auch so manches über Aufgaben und Selbstdarstellung eines Pharaos allgemein, so dass der Band auch gut als Einführung in altägyptisches Herrschafts- und Religionsverständnis dienen kann.
Ausführliche eigene Kapitel sind Ramses‘ Umfeld und seiner regen Bautätigkeit gewidmet. Hier finden sich, soweit möglich, Detailinformationen über einzelne Personen in der Umgebung des Pharaos (wie seine Mutter Mut-Tuja, seine Gemahlinnen, seine Kinder oder seine Beamten), aber auch über seine heute größtenteils verschwundene Hauptstadt Pi-Ramesse und bedeutende Einzelbauwerke wie den Tempel von Abu Simbel.
Auch abgesehen von der Nähe zu den Quellen lässt Clauss dabei einen sensiblen Zugang zur ägyptischen Kultur erkennen, der die damaligen Überzeugungen bei aller kritischen Distanz mit Respekt behandelt und sich dadurch positiv etwa vom Zynismus eines Toby Wilkinson abhebt. So deutet Clauss etwa an, dass bei allem Wert der Untersuchungen an der 1870 wiederentdeckten Mumie des Ramses die Wünsche des Pharaos selbst für den Umgang mit seinem Leichnam sicher anders ausgesehen hätten, und schärft so den Blick für die angesichts des heutigen Primats der Naturwissenschaften oft unterrepräsentierte Perspektive, dass Forschungsdrang bei der Beschäftigung mit lange verstorbenen Mitmenschen nicht alles ist oder sein sollte.
Das Staunen über das in vielen Zügen fremdartige Leben des Ramses, das gewöhnliches Menschenmaß zu sprengen scheint, wird durch ein spannendes Fazit zurechtgerückt, das Ramses als Pharao schlechthin mit Augustus als dem römischen Kaiser vergleicht und kontrastiert. Während beide von der Nachwelt zu idealtypischen Herrschergestalten stilisiert wurden, die nach kriegerischen Anfängen ihren Untertanen zu Friedensgaranten wurden, war der Römer bereits mit einer etablierten Geschichtsschreibung konfrontiert, die dafür sorgte, dass seine antiken Biographen auch Fehler und Missetaten nicht in Vergessenheit geraten ließen. Ein solches Korrektiv fehlt bei Ramses – aber dass man sich denken kann, dass man aus den erhaltenen Inschriften und Briefen nicht die ganze Wahrheit erfährt, macht den Teil davon, den Manfred Clauss einzufangen versucht, nicht weniger lesenswert.

Manfred Clauss: Ramses der Große. Darmstadt, Primus Verlag (WBG), 2010, 214 Seiten.
ISBN: 9783896786760


Genre: Biographie

Augustinus

Augustinus von Hippo (354 – 430) prägt bis heute das Christentum wie kaum ein anderer Denker. Der renommierte Althistoriker Robin Lane Fox nähert sich ihm aus der interessanten Perspektive eines modernen Betrachters, der Augustinus‘ Glauben ausdrücklich nicht teilt, aber von seiner Klugheit, Wortgewalt und schriftstellerischen Produktivität zutiefst beeindruckt ist.
Augustinus. Bekenntnisse und Bekehrungen im Leben eines antiken Menschen ist dabei keine Biographie in ganz klassischem Sinne, sondern eher eine intensive Auseinandersetzung mit Augustinus‘ autobiographischen Confessiones. Das Werk wird allerdings nicht isoliert betrachtet, sondern umfassend in seinen (geistes-)geschichtlichen Kontext eingebettet und auch immer wieder mit den Selbstaussagen zweier Zeitgenossen aus dem Ostteil des römischen Reichs verglichen und kontrastiert. Einer von ihnen, der Heide Libanios, hatte mit Augustinus den Beruf als Rhetor gemein, der andere, der Christ Synesios, wurde wie Augustinus Bischof, entstammte aber anders als er der Oberschicht. Vor der Folie ihrer geradlinigeren und in vielerlei Hinsicht konventionelleren Lebenswege wird deutlich, was das Besondere an Augustinus und seiner Sinnsuche ausmacht.
In eine Familie mittelständischer Landbesitzer im nordafrikanischen Thagaste hineingeboren, kam Augustinus durch seine fromme Mutter Monnica zwar schon früh mit dem Christentum in Berührung, schloss sich aber als junger Mann für längere Zeit den Manichäern an und führte ein sinnenfrohes Leben mit einer Geliebten. Erst in seiner Heimat, später in Italien war er als Rhetor tätig. In Mailand entschloss er sich unter dem Einfluss seiner Mutter und des dortigen Bischofs Ambrosius nicht nur zur Taufe, sondern hatte auch ein Bekehrungserlebnis, das ihn fortan ein keusches und asketisches Leben führen ließ. Nach Nordafrika zurückgekehrt gründete er eine klösterliche Gemeinschaft, der auch sein unehelicher Sohn bis zu dessen frühem Tod angehörte, wurde nolens volens zum Priester geweiht und schließlich zum Bischof von Hippo erhoben. Dieses Amt übte er bis an sein Lebensende aus.
In Erinnerung geblieben ist Augustinus vor allem durch eine Fülle religiöser Schriften, zu denen auch die in Form einer Art autobiographischen Gebets komponierten Confessiones zählen, in denen er seinen Werdegang schildert.
Ausgehend von ihnen entwirft Robin Lane Fox das Psychogramm eines hochintelligenten, aber emotional fragilen Menschen, der gerade im privaten Bereich immer wieder fragwürdige Entscheidungen traf (so wirkt z.B. sein Umgang mit seiner langjährigen Geliebten, die er in der Hoffnung auf eine vorteilhafte Heirat verstieß, äußerst schäbig).
Auf Jahrhunderte hinaus vorbildhaft wurden jedoch seine theologischen Gedankengänge, auch wenn nicht alle von ihnen eine erfolgreiche Wahrheitsfindung ihres Urhebers darstellten. Charakteristisch für sie ist aus Lane Fox‘ Sicht vielmehr sehr häufig das „kreative Missverständnis“: Da die lateinischen Übersetzungen, in denen Augustinus biblische Texte las, oft fehlerhaft waren, basierten seine Interpretationen mehr als einmal auf Irrtümern und falschen Begriffen, sind aber bis heute prägend für beide große Konfessionen des christlichen Westens, ob es nun um die Erbsünde, die Gnadenlehre oder die Überhöhung der vita contemplativa geht. Gerade in diesem Zusammenhang ist auch bemerkenswert, dass Augustinus seine Überlegungen nicht etwa aus der Bibel allein entwickelte, sondern in hohem Maße von der neuplatonischen Philosophie beeinflusst war.
Die Herausbildung dieser speziellen Kombination aus antikem Erbe und Christentum war bei Augustinus zum Zeitpunkt der Abfassung der Confessiones überwiegend abgeschlossen, so dass die Beschränkung auf seinen Weg bis dorthin verständlich ist. Der Nachteil dieser Schwerpunktsetzung besteht allerdings darin, dass bestimmte problematische Aspekte von Augustinus‘ Verhalten, die in seinem späteren Leben prononcierter waren (so etwa seine wiederholten Versuche, die Staatsgewalt gegen Andersdenkende zu mobilisieren), nur am Rande gestreift werden. Hier hätte man dem Buch noch einen etwas ausführlicheren Ausblick auf die letzten Jahre seines Protagonisten gewünscht.
Als Charakterstudie, aber auch als Panorama einer bunten und vielfältigen Spätantike ist es dennoch ein herausragendes Werk, das auch von Robin Lane Fox‘ sehr lesbarem und zugänglichem Stil lebt, der in der Übersetzung von Karin Schuler und Heike Schlatterer kongenial eingefangen ist. Allen, die mehr über eine faszinierende Epoche und einen ihrer wirkmächtigsten Akteure erfahren wollen, ist die Lektüre also nur zu empfehlen.

Robin Lane Fox: Augustinus. Bekenntnisse und Bekehrungen im Leben eines antiken Menschen. Stuttgart, Klett-Cotta 2017, 752 Seiten.
ISBN: 9783608981155


Genre: Biographie, Geschichte

Mrs. Tsenhor. A Female Entrepreneur in Ancient Egypt

Obwohl Frauen im Alten Ägypten Männern gegenüber in manchen Bereichen benachteiligt waren (z.B. durch rituelle Tabus bezüglich der Menstruation), hatten sie doch insgesamt sozial und wirtschaftlich eine wesentlich stärkere Stellung inne als viele ihrer Zeitgenossinnen in anderen Kulturen rings um das Mittelmeer. In ihrer Geschäftsfähigkeit waren sie nicht eingeschränkt, sondern konnten Vermögen besitzen, erben und vererben, sich scheiden lassen, unterschiedlichsten Berufen nachgehen und unternehmerisch tätig sein. Obwohl es hier also auf allen gesellschaftlichen Ebenen viel Interessantes zu entdecken gibt, stehen als Einzelpersönlichkeiten meist nur Herrscherinnen oder andere Angehörige der Elite im Fokus der Forschung. Koenraad Donker van Heels vergnüglich zu lesende Quellenstudie Mrs. Tsenhor gewinnt ihren Reiz gerade daraus, dass er stattdessen die Biographie einer Durchschnittsfrau aus der ägyptischen Mittelschicht aus in Form von Papyri überlieferten Dokumenten rekonstruiert.
Tsenhor, deren Name „Schwester des Horus“ bedeutet, wurde um 550 v. Chr. in eine Familie in Theben hineingeboren, die dem Berufsstand der Choachyten angehörte – Personen, die professionell den Totenkult ausübten. Mit Einbalsamierung und Bestattung allein war in der jenseitsverliebten Kultur des alten Ägypten noch nicht genug für das ewige Leben vorgesorgt. Den Verstorbenen mussten dauerhaft Trank- und Speiseopfer dargebracht werden, eine Tätigkeit, für die man die Choachyten engagierte und gut bezahlte (etwa durch die Übereignung von Feldern, denn eine Geldwirtschaft war noch nicht gebräuchlich).
Auch Tsenhor übte als Erwachsene diesen Beruf aus und erbte von ihrem Vater ein Viertel des Familienunternehmens (die restlichen Anteile entfielen auf ihre drei Brüder). Nach einer ersten Ehe, der ihr vermutlich relativ jung verstorbener Sohn Peteamunhotep entstammte, heiratete sie spätestens 517 den Choachyten Psenese, mit dem sie die Tochter Ruru und den Sohn Ituru hatte, die nach Pseneses Tod (zwischen 498 und 494) als seine Erben zu gleichen Teilen bezeugt sind. Tsenhor überlebte ihren Mann und erscheint bis ins vorgerückte Alter weiter in verschiedensten Urkunden. Sie starb nach 490.
Aus den erhaltenen Dokumenten, die wohl entweder von Tsenhor selbst oder von einem ihrer Nachkommen gesammelt und verwahrt wurden, ergibt sich eine erstaunliche Fülle von Details über Rechtsgeschäfte aller Art, von Erbschaftsregelungen über den Kauf eines Sklaven oder Tsenhors und Pseneses gemeinsamen Hausbau (praktischerweise direkt neben der Werkstatt eines Balsamierers) bis hin zur Miete eines Rinds zum Pflügen der Ackerlands der Familie. Auf diese Weise entsteht ein detailliertes Bild des Alltagslebens in Ägypten zur Zeit der persischen Herrschaft.
Bei aller Quellennähe schreibt Donker van Heel in einem humorvollen, bisweilen sprachlich etwas flapsigen Stil, der einem allgemeinen Publikum sehr entgegenkommt. Inhaltlich bleiben seine Angaben aber seriös, und er weist stets darauf hin, wenn es in der Ägyptologie noch andere Deutungen als die jeweils von ihm vertretene gibt.
Zur Stützung seiner Argumentation und zum Vergleich zieht der Autor neben den Urkunden, die sich auf Tsenhor und ihr Umfeld beziehen, auch eine Fülle von anderen Quellen aus verschiedensten Epochen vom Alten Reich bis zur koptischen Zeit heran. Manche Traditionen waren, wie sich zeigt, über Jahrhunderte wenn nicht gar Jahrtausende sehr beharrlich, etwa bestimmte Formen der Erbschaftsaufteilung – und leider auch die entsprechenden Erbstreitigkeiten. So erfährt man im Zuge der Lektüre sehr viel über das alte Ägypten abseits von Pyramiden und Pharaonen, beispielsweise über verwickelte Familienverhältnisse (die durch Adoptionen noch zusätzlich verkompliziert werden konnten), den Hang eines Schreibers zu angeberischen Titeln, mit denen er seine Urkunden signierte, Pannen im Berufsalltag von Bestattern, die auch schon einmal vergaßen, eine Mumie in ihr Grab zu transportieren, und dergleichen mehr.
Wer sich für Alltagsgeschichte interessiert, wird an Mrs. Tsenhor auf alle Fälle seine Freude haben, und findet in der Titelfigur eine ansprechende Protagonistin, an deren Seite er ihre ferne und fremde, aber in bestimmten Belangen zeitlos wirkende Welt erkunden kann.

Koenraad Donker van Heel: Mrs. Tsenhor. A Female Entrepreneur in Ancient Egypt. Kairo, New York, The American University in Cairo Press, 2015, 229 Seiten.
ISBN: 9789774166778


Genre: Biographie, Geschichte

Maria Sibylla Merian. Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau

Am 13. Januar 1717 starb in Amsterdam Maria Sibylla Merian, und ihr 300. Todestag mag mit ein Anlass für die versierte Biographin Barbara Beuys gewesen sein, sich in einem lesenswerten, reich bebilderten Buch mit der – so der Untertitel – Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau zu befassen.
Als Tochter des berühmten Kupferstechers Matthäus Merian des Älteren wurde Maria Sibylla Merian 1646 in Frankfurt am Main geboren. Früh Halbwaise wurde sie durch ihren Stiefvater im Zeichnen und Malen ausgebildet und heiratete 1665 dessen Schüler Johann Andreas Graff. Wenige Jahre später zog sie mit ihm nach Nürnberg, wo sie sich nicht nur als Kunstlehrerin und durch die Veröffentlichung von Blumendarstellungen einen Namen machte, sondern auch ihrem Hauptinteresse nachging: der Erforschung von Raupen und ihrer Metamorphose zu Schmetterlingen. Mit ihren ab 1679 publizierten Illustrationen und Forschungsberichten leistete sie auf diesem Gebiet Pionierarbeit.
Nach dem Tod ihres Stiefvaters mit ihrer Familie nach Frankfurt zurückgekehrt, schloss sie sich 1685 zusammen mit ihrer verwitweten Mutter und ihren beiden Töchtern in den Niederlanden der Sekte der Labadisten an – ein Schritt, der zur Trennung und schließlich zur Scheidung von ihrem Mann führte. Nachdem ihre Mutter gestorben war, löste Merian sich 1691 wieder von den religiösen Gemeinschaft und zog mit ihren Töchtern nach Amsterdam, wo sie als Künstlerin und Händlerin für Malerbedarf und Insektenpräparate neue Erfolge feierte. 1699 reiste sie mit ihrer jüngeren Tochter nach Surinam, um auch die dortige Insektenwelt zu erforschen. Eine Malariaerkrankung zwang sie, 1701 früher als geplant zurückzukehren, und sollte sich für den Rest ihres Lebens negativ auf ihre Gesundheit auswirken. Dennoch setzte sie ihre Arbeit bis zu einem Schlaganfall, dessen Folgen ihre letzten Lebensjahre prägten, unermüdlich fort und fand über ihren Tod hinaus Anerkennung als Künstlerin und Wissenschaftlerin.
Dieses bewegte und erfüllte Leben und seine Stationen bettet Barbara Beuys in ein Panorama seines Umfelds ein. Man erfährt nicht nur viel über die Menschen, mit denen Merian an den unterschiedlichsten Orten in Kontakt stand, sondern auch über das späte 17. und frühe 18. Jahrhundert allgemein. Interessant ist in diesem Zusammenhang etwa die Information, dass Merian zwar außerordentlich begabt war, als berufstätige Frau in ihrer Epoche aber keine Ausnahme darstellte, da es in Künstlerfamilien durchaus nicht unüblich war, auch Töchter auszubilden. Ungewöhnlich bleibt dagegen, dass Merian sich als Autodidaktin mit der Insektenforschung ein Gebiet erschloss, das damals noch in den Kinderschuhen steckte und durch sie entscheidend vorangebracht wurde.
Beuys schreibt mit erkennbarer Sympathie für ihre Heldin. Einerseits gelingt ihr so eine ansprechende und mitreißende Annäherung, andererseits hat man aber das Gefühl, dass bisweilen etwas mehr Distanz gutgetan hätte. Denn die Schattenseiten von Merians Persönlichkeit und Lebensweg werden kaum hinterfragt, wenn nicht gar etwas beschönigt. So wird ihre neutrale bis gleichgültige Haltung der Sklaverei in Surinam gegenüber eher entschuldigt als erklärt, und an ihrer Hinwendung zu den Labadisten wird vor allem die selbstbewusste Trennung von ihrem Ehemann herausgestrichen. Abgesehen von dieser manchmal etwas zu unkritischen Perspektive fallen auch einige Flüchtigkeitsfehler negativ auf (so wird im Fließtext etwa der dänische König Christian V. durchgängig falsch als Christian IV. bezeichnet, im Register dagegen richtig als Christian V.).
Trotz dieser Einschränkungen lohnt es sich aber, der flüssig und angenehm zu lesenden Biographie eine Chance zu geben, gerade auch, wenn man das Genre sonst aus Angst vor zu trockener Wissenschaftlichkeit eher meidet. Denn anregend und niemals langweilig ist die Lektüre allemal, und als Ausgangspunkt für eine genauere Beschäftigung mit Maria Sibylla Merian und ihrer Zeit unbedingt geeignet.

Barbara Beuys: Maria Sibylla Merian. Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau. Berlin, Insel, 2016, 285 Seiten.
ISBN: 978-3458361800


Genre: Biographie

Bach. Musik für die Himmelsburg

Die Zahl 14 spielte eine große Rolle für Johann Sebastian Bach (1685-1750), betrachtete er sie doch als Quersumme aus seinem Nachnamen (B=2, A=1 etc.). Die Spielereien, die der Komponist damit in seinen Stücken betrieb, greift John Eliot Gardiner subtil auf, indem er Bach. Musik für die Himmelsburg in 14 Kapitel unterteilt. Diese Mischung aus wacher Beobachtungsgabe und tiefem Verständnis prägt den Ton der gesamten anspruchsvollen Biographie, der es bei aller Detailverliebtheit nie an Humor und Menschlichkeit fehlt.
Die durchweg überzeugende Qualität des Buchs ist sicher auch der Tatsache zu verdanken, dass Gardiner nicht nur einer der profiliertesten Bach-Interpreten ist, sondern vor seiner endgültigen Hinwendung zu einer Musikkarriere auch mehrere Semester Geschichte studiert hat. Neben der musikwissenschaftlichen Perspektive, die sich in liebevollen Werkanalysen insbesondere der Johannes- und Matthäuspassion und der h-Moll-Messe niederschlägt, ist immer auch die Sicht des Historikers präsent, der seinen Protagonisten gekonnt in den kulturgeschichtlichen Kontext einzuordnen weiß.
In eine weitverzweigte Musikerfamilie hineingeboren, aber früh verwaist, erhielt Bach zunächst von seinem älteren Bruder Johann Christoph und danach als Chorschüler in Lüneburg eine gründliche musikalische Ausbildung. Nach wechselnden Organistenstellen und einer Zeit des Wirkens in Adelsdiensten in Weimar und Köthen hatte er von 1723 bis zu seinem Tode den Posten des Thomaskantors in Leipzig inne, das Amt, mit dem er heute wohl am stärksten assoziiert wird.
Während trotz beträchtlicher Verluste umfangreiche Teile seines kompositorischen Schaffens überliefert sind, ist der Mensch Bach, der bei privater Korrespondenz eher schreibfaul war, weit schwieriger zu fassen, wie Gardiner gerade im Vergleich mit anderen ungefähr gleichaltrigen Musikern (z.B. Georg Friedrich Händel, Georg Philipp Telemann, Jean-Philippe Rameau oder Domenico Scarlatti) zu belegen weiß. Die Persönlichkeit, die sich beim genauen Hinsehen aus den Quellen herausschält, ist nicht ohne Widersprüche: Einem bisweilen jähzornigen und arroganten Mann, der gerade in jungen Jahren mehrfach in Tätlichkeiten verwickelt war, später mit Arbeitgebern und Kollegen im Dauerstreit lag und wohl auch nicht davor zurückschreckte, die Haushaltsbücher zu fälschen, um die eigene Frau über kostspielige Buchkäufe zu täuschen, steht ein tiefreligiöser und berückend sensibler Künstler gegenüber, der äußerst einfühlsam Worte, Gefühle und Musik zu verbinden verstand.
Obwohl auch weltliche Stücke zur Sprache kommen, deren Aufführung oft genug nicht etwa an Fürstenhöfen, sondern in Leipziger Kaffeehäusern stattfand, gilt Gardiners Hauptaugenmerk Bachs geistlichen Werken, insbesondere auch seinen Kantaten. Interesse an der Musik selbst und an den mit ihr verbundenen Glaubensinhalten sollte man bei der Lektüre durchaus mitbringen, denn beide Aspekten werden gerade in den späteren Kapiteln bis in alle Einzelheiten beleuchtet (wobei im Zweifelsfalle ein Glossar beim Verständnis musikalischer Fachbegriffe hilft). Die Himmelsburg des Untertitels bezieht sich nicht ausschließlich auf eine von Bachs Wirkungsstätten (eine heute zerstörte Weimarer Schlosskirche gleichen Namens); zentraler ist die  übertragene Bedeutung.
Dabei gibt es manch Unerwartetes und Erstaunliches zu erfahren, so etwa, dass Bach aufgrund bestimmter theologischer Aussagen, die in seinen Stücken mitschwangen, in Konflikt mit der eher konservativen Leipziger Geistlichkeit geriet, der sein Blickwinkel zu originell und radikal war. Deutlich wird aber zugleich, dass dennoch gerade Leipzig Bach Freiräume und Entfaltungsmöglichkeiten bot, die er anderswo vermutlich nicht gehabt hätte, so dass sein Werk nicht losgelöst von seiner beruflichen Laufbahn betrachtet werden kann.
Dass sich dies alles wunderbar flüssig und anregend liest, ist in der deutschen Fassung auch der Übersetzung von Richard Barth zu verdanken, die einen über weite Strecken vergessen lässt, dass man es mit einem im Original auf Englisch verfassten Buch zu tun hat.
Abgerundet wird der Band durch eine Fülle von Abbildungen, die nicht immer nur rein illustrierende Funktion haben, sondern teilweise selbst zum Objekt spannender Interpretationen werden. Eines der wiedergegebenen Kunstwerke – ein Aquarell der Thomaskantorei von Felix Mendelssohn Bartholdy – bringt den Autor zu dem Urteil, Mendelssohn sei „auf jedem Gebiet (…), dem er sich zuwandte“, begabt gewesen. Das möchte man nach der Lektüre auch Gardiner selbst bescheinigen, denn eine so brillante Annäherung an Bach, wie er sie hier vorlegt, ist vielleicht noch niemandem sonst gelungen.

John Eliot Gardiner: Bach. Musik für die Himmelsburg. München, Hanser, 2016, 735 Seiten.
ISBN: 9783446246195

 


Genre: Biographie, Kunst und Kultur

Cicero

Über Cicero (106-43 v.Chr.) ist viel geschrieben worden – auch und vor allem, weil er selbst außergewöhnlich viel geschrieben hat. Neben seinen Reden und philosophischen Texten sind auch unzählige seiner Briefe überliefert, so dass wir heute besser über ihn informiert sind als über die meisten anderen Menschen der Römischen Republik. Nicht nur über seine Karriere als Anwalt, seine politische Laufbahn mit allen Höhepunkten und Niederlagen (bis hin zur Verbannung) und über seine Ermordung lassen sich Aussagen treffen, sondern auch über sein Privatleben, von seinen beiden gescheiterten Ehen über das Verhältnis zu seinen Kindern bis hin zu seinen Freundschaften, Vorlieben und Abneigungen. So entsteht das Bild eines Mannes, der sich zwar einerseits durch ein unverhohlenes Geltungsbedürfnis auszeichnete und nach öffentlicher Anerkennung gierte, andererseits aber auch unerwartet tiefgründig, sensibel und humorvoll sein konnte.
Diese Persönlichkeit in all ihren Facetten auf nur gut 170 Seiten einzufangen und in den historischen Kontext einzubetten, erscheint auf den ersten Blick wie eine fast unlösbare Aufgabe. Der Altphilologin Marion Giebel ist das Kunststück dennoch bravourös geglückt, so dass es nicht überrascht, dass ihr Cicero über 30 Jahre nach seinem Erscheinen in einer überarbeiteten Neuauflage noch einmal herausgebracht worden ist. Kenntnisreich stellt sie nicht nur den Lebensweg ihres Protagonisten und sein literarisches Œuvre vor, sondern schlaglichtartig auch die Cicero-Rezeption von der Antike bis in die heutige Zeit. Ihre Lebendigkeit und Unmittelbarkeit gewinnt die Darstellung dabei vor allem aus der Fülle klug ausgewählter Zitate, die überwiegend in der modernen Übersetzung der Verfasserin, in besonders wichtigen Fällen aber auch zweisprachig einschließlich des lateinischen Originals wiedergegeben sind.
So entfaltet sich ein um Cicero als zentrale Person herumkomponiertes knappes Panorama der Geistesgeschichte und politischen Entwicklung der späten Römischen Republik. In ihrer Interpretation der historischen Vorgänge entwickelt Giebel dabei originelle, aber schlüssig begründete Thesen, so z.B. bei ihrer Deutung der Catilinarischen Verschwörung, an der sie Caesar und Crassus aktiver beteiligt sieht, als sonst zumeist angenommen wird.
Ciceros Eintreten für die Hinrichtung prominenter Catilinarier ist sicher einer der dunkelsten Aspekte seines Wirkens. Giebel warnt dennoch davor, diesen drastischen Schritt als Indiz für einen heillos konservativen Cicero zu sehen, der sich mit allen Mitteln an sein politisches Ideal der concordia ordinum – des einträchtigen Zusammenwirkens unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten zum Wohle des Staates – klammerte und sozialreformerischen Tendenzen einen Riegel vorschieben wollte. Vielmehr unterstreicht sie, dass die wahrscheinliche Alternative zum bestehenden System nicht etwa eine gerechtere und freiere Staatsform gewesen wäre, sondern die Dominanz eines machtbewussten Einzelnen, wie sie bald darauf unter Caesar und endgültig unter Augustus durchgesetzt wurde.
Vor diesem Hintergrund erscheint Cicero plötzlich nicht mehr als unkritischer Befürworter einer veralteten Senatsherrschaft, sondern als Kämpfer für den Erhalt einer Republik, die zwar mängelbehaftet, aber immerhin nach den Maßstäben der damaligen Zeit demokratisch war – eine Bewertung, wie sie unter etwas anderer Schwerpunktsetzung auch Wolfgang Schuller in seinem Cicero oder der letzte Kampf um die Republik vorschlägt. Gerade angesichts der heutigen weltpolitischen Situation, in der vielerorts wieder der kurzsichtige Ruf nach einem starken Mann laut wird, der die Verhältnisse ändern soll, ist dieser Aspekt sehr bedenkenswert.
Abgerundet wird das Bändchen durch zahlreiche Abbildungen. Neben einzelnen Schauplätzen von Ciceros Leben und antiken Porträts ist auch die Rezeptionsgeschichte reich vertreten, wobei manch eine ahistorische Cicero-Darstellung aus Mittelalter und früher Neuzeit einen zum Schmunzeln bringen kann (insbesondere der sich den langen Bart raufende Cicero aus dem Chorgestühl des Ulmer Münsters).
Doch Cicero ist eben nicht nur spannend und unterhaltsam geschrieben, sondern auch voller Denkanstöße, und so kann die Lektüre uneingeschränkt allen empfohlen werden, die einen ersten Zugang zu dem berühmten Redner suchen oder vorhandene Kenntnisse auffrischen wollen.

Marion Giebel: Cicero. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, überarbeitete Neuausgabe 2013 (Original: 1977), 174 Seiten.
ISBN: 9783499507274


Genre: Biographie

Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos

Eine Annäherung an einen Mythos verspricht Petra van Cronenburg im Untertitel ihres Buchs über den berühmten Balletttänzer Vaslav Nijinsky (1889-1950), und in der Tat ist das, was sie vorlegt, keine klassische Biographie. Wer mit streng chronologisch organisierter Wissenschaftsprosa rechnet, die den Werdegang ihres Protagonisten von der Wiege bis zur Bahre nachzeichnet, erlebt hier eine Überraschung. Denn was mit Nijinskys skandalumwitterter erster Choreographie L’Après-midi d’un faune (1912) einsetzt, macht das Schreiben über die Kunst selbst zum Kunstwerk.
In drei „Hefte“ aufgeteilt und mit Zitaten von Zeitgenossen durchflochten bietet der auch typographisch liebevoll gestaltete Band zunächst ein Lebensbild Nijinskys, um dann in ausführlichen Interviews mit dem Ballettdirektor Ralf Rossa und dem Kunsthistoriker Michael Braunsteiner Nijinsky als Tänzer und als bildenden Künstler in den Blick zu nehmen (Abbildungen von Nijinskys eigenem zeichnerischen Schaffen sind übrigens das Einzige, was man in dem mit einer Fülle von Fotos des Tänzers und der Privatperson illustrierten Buch ein wenig vermisst).
Kaleidoskopartig entwickelt sich aus vielen Einzelbeobachtungen und unterschiedlichen Perspektiven das sensible Porträt eines Menschen, der zwar als Ausnahmekünstler das Ballett revolutionierte, aber seinen eigentlichen Wunsch nie erfüllt sah, nicht primär intellektuell verstanden, sondern emotional angenommen zu werden. Umso passender und berührender sind die intensiven Schilderungen im biographischen Teil, die über weite Strecken zum Mitempfinden anregen.
Mitempfinden heißt in diesem Fall auch und vor allem Mitleiden, denn ein glückliches Leben führte Nijinsky nicht, und das nicht nur, weil er den Starrummel um seine Person schlecht verkraftete und es sich und seinem Umfeld als Perfektionist mit ambitionierter künstlerischer Vision oft alles andere als leicht machte. Schon als junger Ballettschüler in Russland aufgrund seiner außergewöhnlichen Begabung Neid und Anfeindungen ausgesetzt, geriet er in seinem Privatleben immer wieder in zwiespältige Liebesbeziehungen. So förderte zwar der wesentlich ältere Sergej Diaghilew als Impresario der Ballets Russes die Karriere seines jungen Geliebten, dominierte ihn aber auch und nutzte ihn aus. Auch Nijinskys überstürzt geschlossene Ehe mit seiner zudringlichen Verehrerin Romola de Pulszky, die wohl eher ihr Idealbild von ihm als den realen Menschen liebte, war auf die Dauer kein Glücksgriff, sondern begünstigte seine als Schizophrenie fehldiagnostizierten Depressionen. Durch eine Gefangenschaft im Ersten Weltkrieg noch zusätzlich gebeutelt, glitt er ab 1919 immer tiefer in seine psychische Erkrankung ab und war jahrzehntelang fragwürdigen Therapien ausgesetzt, die ihn auch körperlich zugrunde richteten.
Während seiner kurzen aktiven Zeit jedoch faszinierte er sein Publikum als Tänzer nicht nur durch seine überragende Körperbeherrschung und seine androgyne erotische Ausstrahlung, sondern ging auch das Risiko ein, das Ballett mit provokanten Darbietungen aus dem Bereich der gefälligen Unterhaltung zu lösen und als eigenständige Kunstform in die Moderne zu führen.
Petra van Cronenburgs großes Verdienst ist es in diesem Zusammenhang, Nijinsky nicht etwa isoliert zu betrachten, sondern ihn in den Kontext der grenzübergreifenden europäischen Kulturszene einzufügen, der der Erste Weltkrieg schon einen entscheidenden Schlag versetzte und die mit dem Zweiten Weltkrieg endgültig unterging (wie von Volker Weidermann in Ostende eingefangen). Anhand herausragender Einzelwerke wie Thomas Manns Tod in Venedig und ganzer Strömungen wie der erwachenden Begeisterung für vor- und frühgeschichtliche Kunst wird der geistige Kosmos, in dem Nijinsky sich bewegte, feinfühlig umrissen. Gelegentlich geht der Blick sogar über den Atlantik, denn selbst Charlie Chaplin blieb von Nijinsky nicht unbeeinflusst.
So ist die Lektüre nicht nur für Ballettinteressierte eine große Bereicherung, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf eine Epoche, der die brutalen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts den Todesstoß versetzten, die aber immer noch immensen Einfluss auf unser heutiges Kunst- und Kulturverständnis hat. Nijinskys Tragik verweist damit über sein individuelles Schicksal hinaus auf größere Zusammenhänge, deren Kenntnis gerade angesichts unserer unruhigen Gegenwart lehrreicher und wichtiger denn je ist.

Petra van Cronenburg: Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos. Münster, Edition Octopus (Monsenstein und Vannerdat), 2011, 128 Seiten.
ISBN: 9783869913629


Genre: Biographie, Kunst und Kultur

Attila. Der Schrecken der Welt

Von allen Herrschergestalten der Völkerwanderungszeit hat sich Attila bis heute den größten Bekanntheitsgrad bewahrt. Ob als Etzel des Nibelungenlieds oder als archetypischer barbarischer Eroberer, mit dessen Schandtaten die moderner Politiker und Militärs verglichen werden – in irgendeiner Gestalt ist er wohl jedem schon einmal begegnet. Mit diesen heutigen Erinnerungen an Attila und seine Hunnen setzt Klaus Rosen dementsprechend auch ein, um sich erst dann der historischen Persönlichkeit und ihrem Umfeld zuzuwenden.
Obwohl das Buch auf dem Umschlag als „Biographie“ beworben wird, sollte man den Begriff nicht allzu eng auslegen. Für den einer schriftlosen Kultur entstammenden Attila ist die Quellenbasis naturgemäß schmaler als für Zeitgenossen wie etwa Augustinus, die auch umfangreiche Selbstzeugnisse hinterlassen konnten, und zudem durch die Perspektive seiner Gegner geprägt. So wäre es vielleicht treffender, hier von einer Geschichte der Hunnen unter besonderer Berücksichtigung ihres berühmtesten Königs zu sprechen.
Über dessen Kindheit und Jugend ist kaum etwas bekannt. Aus dem Dunkel der Geschichte trat er erst hervor, als er gemeinsam mit seinem älteren Bruder Bleda im Jahre 434 als Nachfolger seines Onkels Rua die Herrschaft über die Hunnen übernahm und durch die Hinrichtung missliebiger Verwandter gleich bewies, dass mit ihm nicht zu spaßen war.
Diese Skrupellosigkeit sollte auch weiterhin für ihn charakteristisch bleiben: Durch die Ermordung Bledas zum Alleinherrscher aufgestiegen, vermochte er die hunnische Vorherrschaft im Karpatenbecken dank militärischer Erfolge, ungleicher Bündnisse und einer polygamen Heiratspolitik zu einem wahren Vielvölkerreich auszubauen, dem er allerdings nie eine über die Gefolgschaftsbindung an seine Person hinausgehende Struktur verleihen konnte oder wollte. Lange Zeit als Anführer von Raubzügen gegen das in Ost und West zerfallene Römische Reich gefürchtet, agierte er ausgerechnet bei den Unternehmungen, die seinen Ruf als „Schrecken der Welt“ zementieren sollten, eher glücklos: dem Einfall nach Gallien, der in der berühmten Schlacht auf den Katalaunischen Feldern 451 mit einer Niederlage für ihn endete, und dem nach anfänglichen Siegen abgebrochenen Angriff auf Italien unmittelbar danach.
Diese Misserfolge durch einen Feldzug gegen Ostrom wieder wettzumachen, gelang ihm nicht mehr, da er in seiner letzten Hochzeitsnacht 453 eines plötzlichen, wenn auch natürlichen Todes starb. Seinen Söhnen war es nicht vergönnt, sich die von ihm angehäufte Machtfülle zu erhalten, so dass sein Ende zugleich auch den Beginn des Absinkens der Hunnen in die politische Bedeutungslosigkeit einläutete.
Eingebettet ist diese Lebensschilderung in überzeugende Analysen der spätantiken Welt und ihrer Gesetzmäßigkeiten. Vom Römischen Reich, das – so der Autor pointiert – den an seiner Peripherie Lebenden als „Vorratskammer mit Selbstbedienung“ erschien, versuchten viele in irgendeiner Form zu profitieren, doch für diejenigen, die z.B. als Foederaten eine Einbindung in seine Ordnungssysteme erfuhren, waren die Aussichten auf langfristig stabile Verhältnisse deutlich größer als für einen extrem durch personale Herrschaft und das Charisma Einzelner geprägten Verband wie die Hunnen.
Es ist ein Glücksfall, dass dieses so spannende Thema hier eine besonders mitreißende und angenehm zu lesende Umsetzung erfährt. Klaus Rosen verfügt bei aller Quellenkritik und gebotenen Distanz zum Gegenstand über eine Fähigkeit, die vielen anderen Historikern leider fehlt: Er ist ein hervorragender Erzähler, der aus Geschichte zugleich eine Geschichte zu machen versteht. Gerade an den Stellen, an denen er dem Bericht des Priscus über eine oströmische Gesandtschaft zu Attila folgt, ist man fast wie bei einem Roman mitten im Geschehen. Auch wenn man – bei bekannten historischen Ereignissen unvermeidlich – im Voraus weiß, wie sich alles entwickeln wird, ertappt man sich oft dabei, gebannt weiterzulesen und die schöne Lektüre nicht aus der Hand legen zu wollen.
So ist Attila. Der Schrecken der Welt am Ende vor allem eines: ein Buch, das einem ins Gedächtnis ruft, was für ein wunderbares Abenteuer Geschichte sein kann.

Klaus Rosen: Attila. Der Schrecken der Welt. München, C. H. Beck, 2016, 320 Seiten.
ISBN: 9783406690303


Genre: Biographie, Geschichte