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Die Welt in ihren Händen

Schon früh entdeckt die einer Industriellenfamilie entstammende Gertrude Bell ihre Liebe zum Orient. Was sich erst nur in Sprachenlernen, Privatreisen, Gedichtübersetzungen und archäologischem Interesse niederschlägt, gewinnt bald eine politische Dimension: Denn die eigenwillige Wandlerin zwischen den Welten ist auch für den britischen Geheimdienst von Interesse, und spätestens mit dem Ersten Weltkrieg, der zur Zertrümmerung des Osmanischen Reichs und einer bis heute nachwirkenden Umformung des Nahen Ostens führen wird, spielt Bell auf der ganz großen Bühne mit, ohne allerdings privat so etwas wie Glück finden zu können …

Die Welt in ihren Händen Ist eine Mischung aus Roman und Biographie, in der der französische Journalist Olivier Guez das Leben der Gertrude Bell schildert, nicht linear, sondern einerseits in einer episodenhaft mehr oder minder fortlaufenden Handlung, die mit Bells Ankunft in Basra 1916 einsetzt und sich auf ihr Mitwirken an der britischen Kriegführung in Mesopotamien und der Entstehung des Iraks konzentriert, und andererseits in allerlei Rückblenden, in denen man von ihrer Kindheit mit dem frühen Verlust der Mutter, ihrem Studium in Oxford, ihrer Freude am Bergsteigen, ihren unglücklichen Liebesgeschichten (diese teilweise etwas breiter ausgemalt, als man es bräuchte) und ihrem prägenden ersten Iran-Aufenthalt als junge Frau erfährt.

Olivier Guez weiß dabei packend und zugänglich zu schreiben und seine Protagonistin in ihrer Widersprüchlichkeit greifbar zu machen: von Haus aus privilegiert, aber zugleich auch einengenden gesellschaftlichen Zwängen unterworfen, wissbegierig und zu großen geistigen und körperlichen Leistungen in der Lage, dann aber wieder auch zu engstirnig, um aus den Vorurteilen ihrer Zeit auszubrechen, sei es nun aus der kolonialen Arroganz, die das britische Empire prägte, oder auch aus der traditionellen Sicht auf die Rollen von Mann und Frau (so war Bell trotz ihres eigenen emanzipierten Lebensstils gegen das Frauenwahlrecht). Sowohl als Panorama einer bewegten Epoche, die in vielerlei Hinsicht den Boden auch für heutige Krisen bereitete, als auch als Portrait einer in mancherlei Hinsicht unangepassten, in anderen Punkten aber wiederum erschreckend typischen Vertreterin der englischen Oberschicht des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts liest sich das in der Übersetzung von Nicola Denis interessant und flüssig und hat für einen Text, der kein Sachbuch sein will, sondern ausdrücklich als Roman vermarktet wird, einiges an Detailinformationen zu bieten.

Ausbaufähig gewesen wäre allerdings das Lektorat, nicht nur, weil hier und da Flüchtigkeitsfehler stehen geblieben sind (so wird etwa die Stiefmutter der lebenslang unverheirateten Gertrude Bell hier schon einmal zur „Schwiegermutter“ [S. 368] – auf Französisch heißt beides „belle-mère“, aber in diesem Fall hätte spätestens im Lektorat aus dem Kontext klar werden müssen, dass nur Ersteres gemeint sein kann). An einzelnen Stellen fragt man sich auch, ob entweder schon bei den Recherchen des Autors oder im Zuge der Übersetzung Missverständnisse aufgetreten sind, denn anders ist es kaum zu erklären, dass in Karkemisch angeblich altorientalische Reliefs mit Darstellungen von „Maiskolben“ (S. 38) gefunden worden sein sollen – eine verfrühte Entdeckung Amerikas? Etwas verwirrend ist auch, wenn einem Briten die Lektüre eines Buchs mit dem Titel „Le Premier Navigateur“ (S. 74) von Kipling zugeschrieben wird. Es mag durchaus sein, dass dies der französische Titel eines Werks von Kipling ist, aber wenn es ein Buch von ihm gibt, das auch im englischen Original oder in deutscher Übersetzung so heißt, ist es mir unbekannt (allerdings bin ich keine Kipling-Expertin). Auch bei dem Schiffsnamen „Impératrice de Chine“ (S. 179) ist man sich unsicher, ob Getrude Bell tatsächlich auf einem Schiff mit diesem französischen Namen unterwegs war oder nicht doch eher die historisch nachweisbare Empress of China gemeint ist und der ins Französische übersetzte Eigenname unverändert ins Deutsche übernommen worden ist.

Zusammengenommen mit der Tatsache, dass als Cover ein KI-generiertes Bild verwendet wurde, obwohl von Gertrude Bell als Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts durchaus Fotos existieren, trüben diese Auffälligkeiten das Lesevergnügen doch ein wenig. Mit mehr Liebe zum Detail hätte Die Welt in ihren Händen ein noch besseres Buch werden können.

Olivier Guez: Die Welt in ihren Händen. Die Abenteuer der Gertrude Bell in Mesopotamien. Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2026. 
976-3-462-00835-7


Genre: Biographie, Roman

Lucullus

Lucullus – war das nicht der Gourmet, der die Süßkirschen nach Italien brachte? Unter anderem auch das, aber dass es zu kurz greift, das bewegte Leben des Lucius Licinius Lucullus auf den Aspekt des Genussmenschen zu reduzieren, möchte Peter Scholz in seiner Biographie Lucullus. Herrschen und genießen in der späten römischen Republik zeigen.

Der 118 v. Chr. geborene Lucullus ist für ihn vielmehr ein Musterbeispiel eines Aristokraten der späten römischen Republik, der im Rahmen des Ethos, in dem er aufgewachsen war, durchaus nach einem fairen Verhalten in der Politik wie im Krieg strebte, dessen Bildung und Kultiviertheit Zeitgenossen in Rom wie im griechischen Osten beeindruckten und dessen Prachtentfaltung (einschließlich exquisiter Speisen) weniger persönlichem Schwelgen im Luxus als einem ständischen Repräsentationsbedürfnis geschuldet war. Als enger Weggefährte Sullas früh den Optimaten zuzurechnen, bemühte sich Lucullus mit anderen wie Cicero und Cato dem Jüngeren um eine Bewahrung des althergebrachten politischen System, fand sich aber trotz militärischer Erfolge insbesondere gegen Mithridates immer weiter politisch ins Abseits gedrängt und starb Ende 57 oder Anfang 56 v. Chr. nach zwei gescheiterten Ehen an Gift (wobei unklar ist, ob der Mord tatsächlich von der Hand des Freigelassenen Kallisthenes im Zuge einer Beziehungstat geschah oder die Skandalgeschichte nur zur Verschleierung eines in Wirklichkeit politisch motivierten Anschlags diente). Da das literarische Werk des Lucullus, anders als das seiner Zeitgenossen Caesar und Cicero, nicht überliefert ist, sind Selbstzeugnisse von ihm heute nicht mehr greifbar, so dass die Einschätzung seines Charakters nur mittelbar über die Aussagen Dritter möglich ist.

Das Lucullus übergestülpte Bild des dekadenten Prassers, dem kulinarische Genüsse wichtiger gewesen seien als politische Fragen, sieht Scholz dabei in der Propaganda seiner Gegner aus dem Lager der Popularen schon zu Lebzeiten angelegt, bei dem im Umfeld Caesars wirkenden Historiker Sallust einflussreich ausgearbeitet und durch die spätere Rezeption zementiert. Gegen diese und nicht zuletzt gegen die seiner Meinung nach zu negative Einschätzung vieler moderner Historiker (begonnen mit Theodor Mommsen) schreibt Scholz dezidiert an und versucht nichts weniger als eine Ehrenrettung seines Protagonisten und letztlich auch der Optimaten allgemein. Die heutige Forschung – so seine Einschätzung – lasse sich zu stark vom modernen Demokratie- und Werteverständnis einerseits und von charismatischen und dementsprechend glorifizierten Gestalten wie Caesar aufseiten der Popularen andererseits blenden, um zu einem gerechten Urteil zu kommen.

Die Popularen wertet Scholz, begonnen mit den Gracchen, negativ und billigt ihnen, anders als etwa Charlotte Schubert, kein ernsthaftes Reformstreben zu. Vielmehr sieht er in ihrem Vorgehen die Folgen einer unheiligen Allianz zwischen geldgierigen Geschäftsleuten und zunehmend skrupellos agierenden Politikern, die das unvollkommene, aber immerhin auf Ausgleich bedachte republikanische System gezielt aus Macht- und Geldgier zu Fall brachten und durch autokratische Strukturen ersetzten. Es hätte aber eben auch durchaus anders kommen können, und wäre das geschehen, wäre möglicherweise auch das historische Urteil über einen Mann wie Lucullus anders ausgefallen.

Über eine reine Biographie hinaus bietet Lucullus daher eine Gesamtschau des einsetzenden Untergangs der römischen Republik. In vielen Punkten erlaubt dies bei allen Unterschieden der historischen Situation durchaus, Parallelen zu heute zu ziehen, gerade hinsichtlich der Verquickung wirtschaftlicher und politischer Interessen oder der Frage, ob jede Neuerung auch automatisch eine Verbesserung bedeutet und das Festhalten an Bewährtem notwendigerweise zu verdammen ist.

Gründlicher hätte an manchen Stellen das Lektorat sein können, denn bei den Angaben über die Lebensdaten einiger erwähnter Personen scheint etwas durcheinandergegangen zu sein. So soll etwa Cornelia Fausta, die Tochter Sullas, bei ihrer Heirat um 72 v. Chr. 15 Jahre alt gewesen sein (S. 191), allerdings schon 83 v. Chr. eine Villa, die Lucullus ihr später abkaufte, ersteigert haben (S. 214) – wenn sie das als Vierjährige im Alleingang geschafft hat, gebührt ihr höchster Respekt! Ebenso können die für Titus Pomponius Atticus angegebenen Lebensdaten „162–110 v. Chr.“ (S. 75) schwerlich zutreffen (wie schon bei dieser seiner ersten Erwähnung im Buch leicht daraus ersichtlich ist, dass gleich darauf erläutert wird, dass er ein literarisches Werk des Lucullus über den Bundesgenossenkrieg gelobt haben soll).

Angenehm dagegen ist der Stil der Biographie zu lesen, da Scholz flüssig schreibt, aber dabei dankenswerterweise auf gewollt umgangssprachliche Wendungen verzichtet, wie sie in letzter Zeit doch immer wieder manche Bücher zu verschiedenen historischen Themen durchziehen. Insgesamt lohnt sich daher die Lektüre, nicht nur, um Näheres über einen Römer der späten Republik zu erfahren, der, anders als seine noch berühmteren Zeitgenossen, der Nachwelt zu Unrecht nur für eines seiner Interessengebiete unter vielen in Erinnerung geblieben ist.

Peter Scholz: Lucullus. Herrschen und Genießen in der späten römischen Republik. Stuttgart, Klett-Cotta, 2024, 416 Seiten. 
ISBN: 978-3-608-98778-2


Genre: Biographie, Geschichte

Karl Marx in Algier

Ob nun verehrt oder verhasst, Karl Marx ist heute im öffentlichen Bewusstsein oft eher als Symbolfigur präsent denn als reale historische Gestalt mit allen Licht- und Schattenseiten. Es ist aber gerade der Mensch Karl Marx, dem sich Uwe Wittstock in Karl Marx in Algier auf originelle Art zu nähern versucht. Bedauerlich ist dabei, dass das bereits 2018 zum ersten Mal erschienene Buch in seiner überarbeiteten Neuauflage seinen Originaltitel Karl Marx beim Barbier eingebüßt hat, denn ein wenig zurechtgestutzt wird Marx dieser Mischung aus Biographie und Reiseerzählung durchaus.

Zum Ausgangspunkt nimmt Wittstock dabei die Monate, die Karl Marx im Frühjahr 1882, ein Jahr vor seinem Tod und bereits schwer lungenkrank, in Algier verbrachte, das damals bei Europäern als klimatisch geeigneter Kurort für solche Leiden galt, eine Zeit, die er eigentlich zu einer Überarbeitung des Kapitals nutzen wollte, die dann gesundheitsbedingt doch nicht zustande kam. In wechselnden Kapiteln werden detailliert dieser Algerienaufenthalt und überblicksartiger Marx’ Leben und die Genese seines Werks geschildert. In der Auseinandersetzung mit seinem Denken ist Wittstock dabei nicht unkritisch, obwohl er Marx auch abseits der politischen Wirkmacht, die seine Ideen entfalten sollten, das unbestreitbare Verdienst zubilligt, die Geschichtswissenschaft für die Bedeutung ökonomischer Zusammenhänge sensibilisiert und die daraus resultierenden sozialen Probleme klar erkannt zu haben.

Wie auch in seinen die jüngere Vergangenheit behandelnden Büchern Februar 33 und Marseille 1940 erweist Wittstock sich dabei als großer Verlebendiger, der Wetter und Topographie Algiers ebenso greifbar heraufzubeschwören weiß wie die unter anderem durch seine regen Briefwechsel gut nachzuvollziehende innere Welt seines Protagonisten. Ein Heldenbild wird bei allem Einfühlungsvermögen aber aus seiner Darstellung von Marx wahrlich nicht, denn dieser hatte auch über verzeihliche menschliche Fehler und Schwächen hinaus widersprüchliche und negative Züge, sei es nun, dass er, ganz nach Herrenart, mit seinem Hausmädchen einen unehelichen Sohn zeugte, um den er sich dann nicht weiter kümmerte, oder dass er, obwohl selbst jüdischer Abstammung, einen auch für die Verhältnisse des diesbezüglich nicht gerade zimperlichen 19. Jahrhunderts extremen Antisemitismus pflegte und auch gegen Schwarze (übrigens einschließlich eines seiner eigenen Schwiegersöhne, der teilweise kubanischer Abstammung war) Vorurteile hegte, die aus heutiger Sicht fassungslos machen. Selbst wenn man sich schon mit Marx beschäftigt hat, erfährt man auf dieser persönlichen Ebene hier noch neue Details, da Wittstock als Quellen unter anderem auch noch unveröffentlichte Briefe nutzen konnte.

Während in den biographisch orientierten Kapiteln also immer wieder auch unangenehme Überraschungen warten, zeigen die den Wochen in Algier gewidmeten Teile einen nachdenklicheren, verletzlicheren Marx, der sich ebenso mit dem nicht lange zurückliegenden Tod seiner Frau wie mit den eigenen Gebrechen auseinandersetzen musste und wohl auf manches noch einmal eine andere Perspektive entwickelte als in jüngeren, arroganteren Jahren. Sinnbildlich dafür lässt Wittstock nicht zuletzt auch die Episode stehen, der das Buch seinen ursprünglichen Titel verdankt: Nachdem er sich ein letztes Mal mit seinem charakteristischen Rauschebart hatte fotografieren lassen, begab Marx sich kurz vor seinem Aufbruch aus Algier zu einem Barbier, um sich rasieren und die Haare schneiden zu lassen, und war so auf der Rückreise nach Europa zumindest äußerlich ein stark veränderter Mensch. Das passt recht gut dazu, das auch das Bild, das man sich von ihm macht, sich mit der Lektüre von Karl Marx in Algier wandelt und immer mehr von den vertrauten Klischees und Assoziationen löst.

Uwe Wittstock: Karl Marx in Algier. Leben und letzte Reise eines Revolutionärs. München, C. H. Beck, 2025, 256 Seiten.
ISBN: 978-3-406-83072-3

 


Genre: Biographie, Geschichte

Plutarch: Caesar

Der griechische Schriftsteller Plutarch ist heute vor allem für seine Parallelviten bekannt, in denen er jeweils die Biographie eines Griechen der eines Römers gegenüberstellte. Die handliche Reclamausgabe Caesar bietet die als Parallele zu Alexander dem Großen gedachten, Julius Caesar gewidmete Lebensschilderung in der flüssig zu lesenden Übersetzung von Marion Giebel, ergänzt um erläuternde Anmerkungen, eine Zeittafel und ein knappes Nachwort, das nicht nur den Text selbst behandelt, sondern auch einige Informationen zu Plutarchs Leben bereithält.

Vollständig erhalten ist Caesar leider nicht; die Jugendjahre des Protagonisten fehlen, und die behandelte Zeit umfasst Infolgedessen nur die Spanne von Caesars erster Ehe mit Cornelia bis zum Tod seiner Mörder Cassius und Brutus. Damit ist natürlich die Phase, in der Caesar politisch und militärisch aktiv war, abgedeckt, und so zählt die Biographie heute zu den wichtigsten historischen Quellen über ihn, auch wenn Plutarch sich, wie er selbst in der hier beigegeben Einleitung zu seinem Alexander erläutert, gar nicht als Geschichtsschreiber sah, sondern vorrangig das Ziel hatte, ein möglichst treffendes Charakterbild der Personen, die er jeweils in den Mittelpunkt stellte, zu entwerfen.

Im Falle Caesars ist dies kein unkritisches, denn obwohl Plutarch ihm für seine militärischen Fähigkeiten, seine Intelligenz und das Durchhaltevermögen, mit dem er trotz seiner Epilepsie alle möglichen Härten auf sich nahm, Respekt zollt, sieht er in Caesar doch vor allem einen Mann, der von übersteigertem Ehrgeiz getrieben war und von der Kompromisslosigkeit, mit der er seine hochgesteckten Ziele verfolgte, am Ende nicht viel mehr hatte, als sich unbeliebt genug zu machen, um von seinen Mitbürgern ermordet zu werden. Alles andere als ein panegyrisches Portrait also, dafür aber ein durchaus glaubhaftes und scharfsichtiges, an dem auch ein modernes Lesepublikum viel Freude haben kann, da Plutarch abwechslungsreich, unterhaltsam und mit viel Sinn für gute Anekdoten schreibt.

Zahlreiche Details, die man landläufig mit Caesar assoziiert, wie sein Veni, vidi, vici oder sein Ausspruch beim Überschreiten des Rubikon, finden sich bei Plutarch, aber umso interessanter ist, was in seiner Darstellung fehlt, so etwa das berühmte, angeblich an Brutus gerichtete Tu quoque, mi fili (bzw. griechisch καὶ σὺ τέκνον, wie bei Sueton überliefert) bei Caesars Ermordung: Denn laut Plutarch ist Caesar zwar betroffen, Brutus zu erkennen, verhüllt aber nur schweigend sein Gesicht, bevor er stirbt – wenn man es recht bedenkt, wohl die wahrscheinlichere Variante als hochdramatische letzte Worte.

Gerade weil also der Text nicht immer den modernen Erwartungen dessen, was man über Caesar zu wissen meint, entspricht, liest er sich verblüffend frisch und weiß an manchen Stellen zu überraschen. Auch unabhängig von seinem konkreten Thema eignet er sich deshalb gut dazu, zu entdecken (oder bei bestehendem Interesse bestätigt zu finden), wie viel Spaß literarische Werke aus der Antike auch heute noch machen können.

Marion Giebel (Hrsg. u. Übers.): Plutarch: Caesar. Stuttgart, Reclam, 1980/2015 (RUB 19292), 110 Seiten.
ISBN: 978-3-15-019292-4


Genre: Biographie

Mordsache Caesar

Kann man einen historischen Mord analysieren wie einen modernen Kriminalfall? Einen Versuch, ebendas zu tun, unternimmt Michael Sommer in Mordsache Caesar. Die letzten Tage des Diktators. Den Untertitel darf man dabei nicht allzu wörtlich nehmen, denn obwohl dem unmittelbaren Vorfeld von Caesars Ermordung besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird, zeichnet das Buch im Prinzip Caesars kompletten Werdegang und die Entwicklung seines Verhältnisses zu den Personen, die sich am Ende gegen ihn verschworen, nach.

Im Aufbau erinnert die Darstellung dabei noch am ehesten an mit Spielszenen aufgelockerte populäre Fernsehdokumentationen zu historischen Themen: Den einzelnen Kapiteln sind kurze, mehr oder minder quellennah gestaltete fiktive Szenen, die jeweils eine bestimmte Person in den Vordergrund rücken, vorangestellt, und den Fließtext selbst unterbricht hier und da ein „Aktenvermerk des Historikers“, um bestimmte Fragestellungen und spekulative Überlegungen hervorzuheben.

Die Grundthese, die Sommer dabei im Abwägen der verschiedenen Quellen, aber auch in Auseinandersetzung mit dem Caesarbild bei William Shakespeare, Martin Jehne und Christian Meier entwickelt, lässt sich in etwa wie folgt zusammenfassen: Das ständige Wetteifern der Nobilität um Ämter und Ruhm, das die römische Republik entscheidend prägte, bildete einerseits den Nährboden, auf dem ein ehrgeiziger Einzelner wie Caesar es aus der relativen Bedeutungslosigkeit bis zur Alleinherrschaft bringen konnte, barg aber andererseits auch den Keim für seinen Untergang, da seinen Standesgenossen durch seinen dauerhaften Verbleib an der Spitze die Möglichkeit genommen war, jemals höher als bis an die zweite Stelle im Staat aufzusteigen.

Den Hauptgrund für das politische Scheitern der Caesarmörder, die durch ihre Tat letztlich nur dem späteren Augustus eine bessere Ausgangsposition im anschließenden Machtkampf verschafften und damit den Weg zur dauerhaften Etablierung einer Monarchie ebneten, sieht Sommer denn auch in der Tatsache, dass bei vielen der Verschwörer eher egoistische Motive in Spiel waren und die wenigen beteiligten Idealisten (zu denen er etwa Marcus Iunius Brutus zählt) allein keinen Entwurf für einen Neubeginn der Republik zu entwickeln vermochten, der breitere Kreise überzeugt und mitgerissen hätte.

Das alles schildert Sommer mit viel Verve und Gespür für Dramaturgie, vor allem aber in dem Bemühen um eine Verlebendigung seiner Protagonisten. Packend ist die Lektüre also ohne jede Frage, aber inwieweit man den gewählten Sprachstil als angenehm lässig oder doch eher als manchmal zu gewollt flapsig empfindet, hängt wohl vom persönlichen Geschmack ab: Das Rad der Geschichte kann man hier „mit Schmackes“ (S. 15) drehen, damit, dass es im Senat „Stunk“ (S. 260) gibt, ist zu rechnen, nach der Schlacht von Pharsalos ist für die Republikaner „der Drops gelutscht“ (S. 194), und später stellen Brutus und Cassius ihr „Team Tyrannenmord“ (S. 224) zusammen. Auch abseits davon wirkt mancher Ausdruck einfach zu modern für das, was gemeint sein könnte (denn verschickte man Briefe in der römischen Antike wirklich schon in einem „Kuvert“, so S. 190 in einer der imaginären Szenen?).

Etwas gründlicher hätte das Lektorat sein können, denn leider sind einige missverständliche oder schlicht falsche Formulierungen stehen geblieben. Unter anderem erfährt man so, dass Caesar eine Leichenrede „auf seine Witwe“ (S. 142) hielt – eine stramme Leistung, aber einem so entschlossenen Mann sollte man wohl zutrauen, zu dem Zweck aus dem Jenseits zurückzukehren (oder realistischer, aber deutlich langweiliger annehmen, dass mit der „Witwe“ eigentlich Caesars verstorbene erste Frau gemeint ist).

Nur partiell gelungen ist auch die digitale Rekonstruktion des Forum Romanum im hinteren Vorsatz, denn so nett der Gesamteindruck der Architektur auch sein mag, ist doch arg offensichtlich, dass in der Menschenmenge im Vordergrund dieselben Figuren immer wieder an verschiedenen Stellen und in unterschiedlichen Größen auftreten und offensichtlich nur per Kopieren und Einfügen über das Bild verteilt wurden. Eine klassische zeichnerische Rekonstruktion hätte deutlich mehr Charme gehabt.

So bleibt der Gesamteindruck am Ende durchwachsen. Unterhaltsam und spannend schreibt Sommer allemal, und seine Analyse des Zustandekommens von Caesars Ermordung ist durchaus gelungen und interessant, ganz gleich, ob man ihm nun in jedem Detail zustimmen möchte oder nicht. Wie sehr einem die äußere Verpackung dieser Forschungsergebnisse liegt, wird sich aber je nach individueller Disposition unterscheiden.

Michael Sommer: Mordsache Caesar. Die letzten Tage des Diktators. München, C.H. Beck, 2024, 320 Seiten.
ISBN: 978-3-406-82133-2


Genre: Biographie, Geschichte

Triumvirat

Im Jahr 60 v. Chr. zählten Caesar, Pompeius und Crassus zu den ehrgeizigsten römischen Politikern, doch allein oder gar gegeneinander konnten sie ihre jeweiligen Ziele nicht erreichen. Unter Federführung Caesars schlossen sie sich daher zu einem Zweckbündnis zusammen, das als erstes Triumvirat in die Geschichte eingehen sollte. Der Altphilologe Markus Schauer zeichnet in seinem lesenswerten Buch Triumvirat nach, wie es zu dieser bemerkenswerten Konstellation kommen konnte und wie letztlich dennoch jeder Einzelne der drei mit seinen Ambitionen scheiterte (wenn auch Caesar immerhin der postumen Triumph vergönnt war, sich mit Augustus einen Erben ausgesucht zu haben, der auf lange Sicht erfolgreicher agierte).

Eingebettet sind die drei ineinander verflochtenen Biographien in eine Geschichte der späten römischen Republik, die der Bezugsrahmen war, in dem Karrieren wie die der Triumvirn sich abspielen konnten, obwohl sie letztlich dazu beitrugen, das bestehende System in den Untergang zu treiben und den Boden für die Kaiserzeit zu bereiten. Schauer sieht als treibende Kraft hinter dieser Entwicklung neben dem individuellen Machtstreben, das sich nicht nur aus einem aristokratischen Selbstverständnis, sondern durchaus auch aus der Orientierung an literarischen und historischen Vorbildern wie den homerischen Helden und Alexander dem Großen speiste, nicht zuletzt auch die Tatsache, dass der ohnehin nicht im modernen Sinne demokratischen Gesellschaft Roms spätestens seit den Gracchen der Konsens darüber verloren gegangen war, wie politische Entscheidungen gefällt werden sollten. Diese Unsicherheit nur auf den bekannten Gegensatz zwischen Popularen und Optimaten zu reduzieren, würde zu kurz greifen, da neben die althergebrachte Legitimation durch Volksversammlung und Senat auch immer stärker die durch militärische Macht drängte, erfolgreiche Feldherren mithin auch abseits der oder zusätzlich zur gängigen Ämterlaufbahn Einfluss anhäufen konnten.

Könnte man diese Informationen noch so oder so ähnlich auch in anderen Darstellungen finden, ist die Art, wie hier die Geschichte des Triumvirats und seiner drei Mitglieder erzählt wird, bemerkenswert und vielleicht nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass der Autor eben kein typischer Historiker ist, sondern von Haus aus Literaturwissenschaftler, der als Deutender wie als Verfasser sehr bewusst mit Texten und ihren Feinheiten umgeht. Denn Schauer nimmt nicht nur die antiken Historiker und ihre Einschätzungen des Geschehens ernst, sondern bedient sich auch selbst eines in gewisser Weise bei ihnen entlehnten Kunstgriffs: Legten sie ihren Protagonisten oft fiktive Reden in den Mund, die so nie gehalten wurden, aber doch treffend Persönlichkeiten zu charakterisieren und Situationen zu verlebendigen vermochten, ist es bei Schauer an exponierter Stelle fiktive erlebte Rede, die einen Blick in die Gedankenwelt von Pompeius, Crassus und vor allem Caesar – nicht wie sie war, aber wie sie sehr wohl hätte sein können – gestattet. Ist man eher trockene historische Darstellungen gewohnt, mag das Stilmittel zunächst irritieren, aber gerade dadurch kann es als interessanter Denkanstoß dienen, der einem zudem bewusst macht, dass alle historische Forschung, auch wenn sie es nicht notwendigerweise so offen deutlich macht wie Schauer hier, immer auch Interpretation beinhaltet.

Es lohnt sich also, sich auf diese auf den ersten Blick ungewohnte, aber zugleich auch packende Art des Erzählens vom Ende der römischen Republik einzulassen. Die Lektüre ist auf jeden Fall ein Gewinn.

Markus Schauer: Triumvirat. Der Kampf um das Imperium Romanum. München. C.H. Beck, 2023, 432 Seiten.
ISBN: 978-3-406-80645-2

 


Genre: Biographie, Geschichte

Caspar David Friedrich und der weite Horizont

Caspar David Friedrich wurde 1774 geboren, und so ist 2024 ein Jubiläumsjahr, in dem zahlreiche Ausstellungen und Publikationen den berühmten Maler würdigen, darunter auch das äußerlich besonders ansprechend gestaltete Büchlein Caspar David Friedrich und der weite Horizont.

Die Kunsthistorikerin Kia Vahland legt damit keine Biographie im klassischen Sinne vor, sondern eher einen bisweilen philosophischen Streifzug durch Bild- und Lebenswelten des Künstlers und die Beschäftigung der Nachgeborenen mit ihm, von der unverdienten Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten bis zu den neuesten Perspektiven der modernen Forschung.

Vahland zeichnet Friedrich als durchaus widersprüchlichen Menschen: Einerseits war er frommer Protestant, experimentierfreudiger Kreativer, begeisterter Wanderer und neugieriger Erkunder von Außenwelt und Seelenleben, andererseits aber auch früh durch den Verlust von Mutter und Bruder traumatisiert, unglücklich bis hin zum (glücklicherweise gerade noch vereitelten) Suizidversuch und in späteren Jahren in seiner launischen Art für sein Umfeld, insbesondere auch seine Frau Caroline Bommer, nicht immer leicht zu ertragen.

Dass die in diesem Buch erfreulicherweise in Farbe wiedergegebenen (Landschafts-)Bilder, die solch ein sperriger Charakter malt, alles andere als rein dekorativ und gefällig sind und mancherlei Untiefen aufweisen, versteht sich fast schon von selbst. Vahland nähert sich ihnen einfühlsam und mit viel Scharfblick, ob nun den ganz berühmten wie dem Mönch am Meer und dem Wanderer über dem Nebelmeer oder eher unbekannten Skizzen wie der Flachlandschaft auf Rügen, die viel über Friedrichs Umgang mit dem Horizont verrät, der für Vahland „sein bester Freund“ (S. 35) ist und seine Gemälde wie kaum ein anderes Element prägt.

Doch die Horizonterweiterung, die Friedrich durch besonders weite Blickwinkel vornimmt, ist eben nicht nur eine rein wörtliche, sondern auch eine im übertragenen Sinne zu sehende, die den Menschen zum Nachdenken anregen soll und will. Welche Rolle dabei auch seine oft nur in Rückenansicht auftretenden Figuren spielen, die mehr als bloße Staffage sind und nicht nur auf den Kontrast zwischen (Stadt-)Leben und vermeintlich urwüchsiger Natur, sondern oft genug auch auf spirituelle Inhalte und auf die politischen Diskurse seiner Zeit verweisen, arbeitet Vahland mit einer angesichts des begrenzten Raums von nur 110 Seiten erstaunlichen Tiefe heraus.

Ihr auf ihrem Streifzug durch Friedrichs Welt zu folgen, macht daher nicht nur viel Vergnügen, sondern ist auch lehrreich und regt dazu an, sich vielleicht selbst noch genauer mit dem ein oder anderen Gemälde zu befassen.

Kia Vahland: Caspar David Friedrich und der weite Horizont. Berlin, Insel Verlag, 2024 (Insel-Bücherei Nr. 1535), 110 Seiten.
ISBN: 978-3-458-19535-1

 


Genre: Biographie, Kunst und Kultur

Ich, Helene Kottannerin

Elisabeth von Luxemburg, Tochter Kaiser Sigismunds und mit dessen Nachfolger, dem Habsburger Albrecht II., verheiratet, war schwanger, als ihr Mann 1439 einer Krankheit erlag, und hoffte darauf, einen männlichen Erben zur Welt zu bringen und so bald wie möglich zum König von Ungarn krönen lassen zu können. Dazu war die auf der Plintenburg in Visegrád verwahrte ungarische Königskrone unabdingbar notwendig, die Aussicht allerdings, dass man sie Elisabeth einfach aushändigen würde, gering: Der ungarische Adel pochte auf seinen Einfluss, wollte das dynastische Prinzip bei der Nachfolge nicht gelten lassen und hätte einen Erwachsenen gegenüber einem Kindkönig bevorzugt. In dieser Situation beauftragte Elisabeth die loyal zu ihr stehende Kammerfrau Helene Kottannerin, die Krone heimlich zu stehlen und zu ihr zu bringen – ein Vorgang, über den wir im Detail nur deshalb so gut unterrichtet sind, weil die Diebin wider Willen in späteren Jahren einen ausführlichen autobiographischen Bericht darüber und über die weiteren Geschehnisse noch über die tatsächlich erfolgte Krönung von Elisabeths Sohn Ladislaus Postumus hinaus verfasste.

Es ist dieser ungewöhnliche, leider nur unvollständig überlieferte Text aus einer an Memoiren zumal von Frauen noch sehr armen Zeit, den die Historikerinnen Julia Burkhardt und Christina Lutter in ihrem lesenswerten Buch in neuhochdeutscher Übersetzung präsentieren (und durch hilfreiche Unterüberschriften gliedern), um dann eine umfassende historische Einordnung vorzunehmen, die ein tiefes Eintauchen in die Welt des späten Mittelalters ermöglicht.

Schon geographisch in einer Kontaktzone zwischen verschiedenen Kultur- und Sprachräumen angesiedelt, ist der Bericht der Helene Kottannerin (die sich übrigens selbst darin „Helena“ oder „Elena“ nennt, während die Forschung ihr die Namensform „Helene“ gegeben hat) auch deshalb so interessant, weil er zwar in einem höfischen Umfeld spielt, aber aus der Perspektive einer Person bürgerlichen Standes geschrieben ist, die Kontakt zu Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten hatte und diesbezüglich auch oft eine Vermittlerinnenrolle einnahm. Neben der politischen Geschichte der Durchsetzung der erwünschten Nachfolge durch die Königin spielt daher auch viel Alltagshistorisches eine Rolle, von beschwerlichen Reisen des Hofs über Schlafarrangements und Kinderpflege bis hin zu Religiosität und Aberglauben (so liest man hier von wundertätigen Erbsenschoten und davon, dass aus Sicht der Kammerfrau entweder ein Gespenst oder der Teufel höchstpersönlich den Kronendiebstahl zu hintertreiben versuchte).

Wer das Vorurteil hat, dass ein mittelalterlicher Text notwendigerweise trocken und schwierig zu lesen sein muss, wird hier eines Besseren belehrt, denn Helene Kottannerin schreibt nicht nur anschaulich, sondern auch sehr lebensnah und in manchen Punkten ehrlicher, als man es vielleicht im Voraus erwartet (so führt die Krönung eines wenige Monate alten Babys trotz aller Feierlichkeit eben auch und vor allem zu einem wie am Spieß brüllenden kleinen König). Diese erfrischende Offenheit macht die Quelle zu einer, die über ihre historische Bedeutung hinaus auch einen hohen Unterhaltungswert hat und nebenbei mit dem Klischee aufräumt, Frauen im Mittelalter seien bestenfalls passive Schachfiguren in männlichen Machtspielen gewesen. Sowohl die Königin als auch ihre Kammerfrau wissen sehr genau, was sie wollen, und finden Mittel und Wege, es auch zu erreichen.

Zahlreiche Abbildungen und nützliche Hilfsmittel (wie Kartenmaterial, eine Konkordanz der deutschen und ungarischen Formen von Ortsnamen und eine Stammtafel, aus der sich die teilweise verwirrenden familiären Verflechtungen zwischen Luxemburgern, Habsburgern, Cilliern und Jagiellonen entnehmen lassen) runden den ebenso kompakten wie gelungenen Band ab, der hiermit allen ans Herz gelegt sei, die sich für das späte Mittelalter interessieren.

Julia Burkhardt, Christina Lutter: Ich, Helene Kottannerin. Die Kammerfrau, die Ungarns Krone stahl. Darmstadt, wbg Theiss, 2023, 192 Seiten.


Genre: Biographie, Geschichte

Michelangelo

Michelangelo Buonarroti zählt auch heute, fünfhundert Jahre nach seiner Zeit, zu den bekanntesten Künstlern überhaupt. Wer eine eingängig lesbare Einführung in Leben und Werk des Mannes sucht, dessen Gemälde und Skulpturen immer noch unmittelbar anzusprechen vermögen, wird bei Claudia Echinger-Maurach fündig, der es in Michelangelo gelingt, auf nur 128 Seiten anschaulich das Wichtigste zusammenzufassen, was man über die vielschichtige Persönlichkeit wissen muss.

In eine geachtete, aber nicht übertrieben reiche Florentiner Familie hineingeboren, setzte Michelangelo seine Ausbildung zum Künstler gegen den Willen seines Vaters durch und war, bis er mit fast 89 Jahren starb, über Jahrzehnte ununterbrochen auf vielen Gebieten aktiv und erfolgreich, ob nun als Bildhauer, Maler, Architekt oder Dichter. Seinem allein schon in seinem Umfang, aber auch und vor allem natürlich in seiner Qualität eindrucksvollen Schaffen widmet Echinger-Maurach sich mit großem Einfühlungsvermögen und mit einer spürbaren Begeisterung für ihr Thema, die umso ansteckender ist, weil sie in den letzten Jahren insbesondere in den Geisteswissenschaften selten geworden und, wenn überhaupt, allenfalls noch im Nature Writing, aber kaum bei kunsthistorischen Gegenständen zu finden ist. Weltbekanntes wie die Fresken in der Sixtinischen Kapelle oder den David, aber auch Kleineres und dem allgemeinen Publikum nicht so Vertrautes, wie etwa Zeichnungen oder einzelne Gedichte Michelangelos, stellt sie liebevoll und, soweit im Rahmen der Buchlänge möglich, durchaus ausführlich vor.

Neben den in zahlreichen Abbildungen (einschließlich zweier farbiger Tafelteile) präsenten Kunstwerken wird aber immer wieder auch der Mensch Michelangelo, der durch Selbst- und Fremdzeugnisse für jemanden seiner Epoche außergewöhnlich gut fassbar ist, in den Mittelpunkt gerückt: Voller Schaffensdrang, aber ebenso voller Bereitschaft, Begonnenes auch einfach abzubrechen, wohlhabend, aber ohne großen Hang zum Materiellen, mit viel gelegentlich beißendem Humor gesegnet, auch schon einmal unglücklich in einen etwa 40 Jahre Jüngeren verliebt und mit seinen immer wieder auf finanzielle Unterstützung hoffenden Brüdern nicht jederzeit auf bestem Fuß, tritt er einem sehr lebendig entgegen. Um ihn als zentrale Gestalt herum entsteht dabei ganz nebenbei das Panorama einer bewegten Epoche voll kriegerischer Päpste, politischer Intrigen und großer Kunst nicht nur von Michelangelos Hand.

So hat man nach der Lektüre das Gefühl, einen unterhaltsamen und zugleich lehrreichen Streifzug durch die italienische Renaissance unternommen zu haben, und fühlt sich ermuntert, sich vielleicht noch tiefer mit einzelnen Werken Michelangelos zu befassen.

Claudia Echinger-Maurach: Michelangelo. München, C.H. Beck, 2023, 128 Seiten.
ISBN: 978-3-406-80703-9


Genre: Biographie, Kunst und Kultur

Mann vom Meer

Das Meer spielt nicht nur in den Werken Thomas Manns eine große Rolle, sondern war für den Schriftsteller auch sein Leben lang ein immer wieder gern aufgesuchter Ort von einer gewissen Ambivalenz: Stand es für ihn einerseits, begonnen mit der schon in seiner Kindheit kennengelernten Ostsee, für Ruhe, Erholung und Entspannung fern aller Zwänge, war es ihm andererseits auch ein Bild für dunkle und zerstörerische Strömungen, ob nun in der eigenen Psyche oder auf politischer und gesellschaftlicher Ebene.

So ist es ein komplexer Gegenstand, dessen sich Volker Weidermann in seinem herrlich mehrdeutig (oder vielleicht eher „meerdeutig“?) betitelten Mann vom Meer nicht ohne Anspruch, aber doch mit leichter Hand annimmt. Mit der Beziehung zum Meer als rotem Faden bietet er eine schlaglichtartige Biographie und eine zitatreiche Werkschau Thomas Manns, allerdings ergänzt um biographische Grundzüge von Manns in ihren ersten Lebensjahren an der brasilianischen Küste aufgewachsenen Mutter Julia da Silva-Bruhns und seiner als Seerechtsexpertin bekannt gewordenen Tochter Elisabeth Mann Borgese, deren jeweiliger Bezug zum Meer von dem des berühmten Sohnes bzw. Vaters für Weidermann nicht zu trennen ist.

Diese Entscheidung hat ihren tieferen Sinn, denn die Auseinandersetzung mit dem Meer ist bei Mann – literarisch wie real – immer auch mit dem Ringen mit und oft zugleich Scheitern an familiären wie gesellschaftlichen Erwartungen verknüpft. Ironischerweise ist in der Familie Mann die Freiheitssuche am Strand und im Wasser von einem über die Generationen immer wieder erlittenen und doch in unterschiedlicher Weise gnadenlos weitergegebenen Anpassungsdruck nicht zu trennen. Besonders in Thomas Manns Fall nimmt es wunder, dass er es zwar selbst als quälend empfand, Neigungen wie die seinerzeit noch verpönte Homosexualität unterdrücken zu müssen, und sich, etwa in den Buddenbrooks oder in Tonio Kröger, als hellsichtiger Schilderer der geistigen Enge einer individuellen Wünschen gegenüber kaum aufgeschlossenen städtischen Oberschicht zeigt, es aber seinen eigenen Kindern auch nicht unbedingt leicht machte, so dass selbst seine erklärte Lieblingstochter Elisabeth in der Angst leben musste, ihn zu enttäuschen.

Eingedenk dessen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier neben großer literarischer Schönheit oft ebenso große menschliche Hässlichkeit steht, auch wenn Mann auf einigen Gebieten in späteren Jahren noch umschwenkte (so beispielsweise in politischer Hinsicht, als er sich gegen das Naziregime wandte). Manns Weg, der von der Ostsee über Nordsee,  Mittelmeer und Atlantik bis ins Exil am Pazifik führt und mit dem Bodensee, dem „Schwäbischen Meer“, auch noch einen meerartigen Binnensee von einiger Bedeutung zu bieten hat, ist daher auch einer, der immer wieder Untiefen bereithält (und ob man mit Weidermanns Einschätzung mitgehen möchte, dass zumindest in der Literatur das Düstere und Tragische stets das Wahrere und daher dem Idyllischen überlegen sei, ist wohl in hohem Maße eine Frage des eigenen Temperaments und Charakters).

Die selbst phasenweise romanhaft erzählte Synthese aus Biographischem, Literarischem und klug Beobachtetem ist aber insgesamt gelungen, und gerade, wenn man selbst schon einige von Thomas Manns Texten gelesen hat, macht es Vergnügen, sie hier noch einmal ganz neu aus Weidermanns Sicht unter dem Meeresaspekt mitzubetrachten.

Volker Weidermann: Mann vom Meer. Thomas Mann und die Liebe seines Lebens. 2. Aufl. Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2023, 240 Seiten.
ISBN: 978-3-4620-0231-7

 

 


Genre: Biographie, Kunst und Kultur