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Religion und Mythologie der Germanen

Mit Religion und Mythologie der Germanen holt Rudolf Simek weit aus, um einen Überblick über die Entwicklung religiöser Vorstellungen der verschiedensten germanischen Gruppen von den ersten greifbaren Anfängen bis zur Christianisierung zu geben. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem skandinavischen Kulturraum, der archäologisch und quellenmäßig gut erschlossen ist. Dient als Einstieg noch der schlaglichtartige Blick auf die Rezeption durch uns Heutige, geht es gleich darauf weit zurück bis ins Neolithikum, um ein Panorama der longue durée bestimmter Ideen und Kulthandlungen zu entwerfen. Von Bedeutung ist dabei ist dabei beispielsweise die kontinuierliche religiöse Nutzung mancher Orte über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende hinweg, auch wenn die konkreten Glaubensinhalte der frühesten Zeiten natürlich nicht überliefert sind.

Das ändert sich selbstverständlich, sobald Schriftquellen – seien sie nun inschriftlicher oder literarischer Art – ins Spiel kommen. Etwas Vorwissen schadet bei der Lektüre der ihnen gewidmeten Passagen sicher nicht, denn Simek hinterfragt viele scheinbare Gewissheiten. Insbesondere den Quellenwert der landläufig oft mit der nordischen Mythologie assoziierten isländischen Texte, die erst im christlichen Hochmittelalter entstanden, und dabei vor allem der Prosa-Edda des Snorri Sturluson setzt er nicht hoch an. Hier ist für ihn primär ein gelehrt mythografisches Interesse, wenn nicht gar eine von christlicher und antiker Literatur beeinflusste Fabulierfreude am Werk. So kommt es zu der sonderbaren Situation, dass sich über die frühe germanische Religiosität (etwa im Rahmen des Matronenkults im römischen Reich) teilweise stichhaltigere Aussagen treffen lassen als über die der uns historisch um einiges näheren Wikingerzeit. Neben der demnach nur bruchstückhaft zu rekonstruierenden Götterwelt und den Vorstellungen über Jenseits, Seele und Schöpfung rückt Simek deshalb immer wieder auch die Aspekte germanischer Religion in den Vordergrund, die durch archäologische Funde ganz konkret zu erkunden sind, etwa Opferhandlungen und Bestattungssitten.

Als Konstante in allen behandelten Epochen erweist sich letzten Endes die Tatsache, dass es so etwas wie ein einheitliches germanisches Heidentum zu keinem Zeitpunkt gab: Regionale und individuelle Unterschiede werden nicht nur an nicht miteinander in Deckung zu bringenden Mythenversionen deutlich, sondern auch z.B. daran, dass unterschiedliche Formen des Grabbrauchs (wie Brand- und Körperbestattung) in denselben Gegenden durchaus gleichzeitig praktiziert werden konnten. Im Fehlen einer klaren und einheitlichen Glaubensgrundlage sieht Simek auch einen wichtigen Faktor für das letztendliche Unterliegen der paganen Vorstellungen gegen das Christentum, das zwar weniger Raum für Variationen, dafür aber dank seiner schriftlichen Grundlage Verbindlichkeit und eine straffere Organisation zu bieten hatte.

Trotz aller unvermeidlichen Fragezeichen und Leerstellen ergibt sich so ein durchaus eindrucksvolles Gesamtbild. Was man dem Band allerdings gewünscht hätte, ist ein gründlicheres Lektorat, denn es sind viele Widersprüche stehengeblieben, die sich nicht aus dem disparaten Material an sich, sondern aus Simeks eigenen Interpretationen ergeben. So widerspricht er etwa bei der Behandlung der sogenannten Goldgubber – wohl kultisch genutzter Goldplättchen mit reliefartigen Darstellungen u.a. von unbekleideten Tänzern – der Deutung, hier könne der Gott Freyr gezeigt sein, da „man kaum den Gott selbst als nackt und tanzend dargestellt haben“ werde (S. 77); eine kleine vollplastische Figur, die einen bis auf die Kopfbedeckung nackten Mann zeigt, deutet er aber selbst als Freyr (S. 145 f.) und sieht auch nackte Pfahlidole als Götterdarstellungen (S. 103 f.), so dass sich beim besten Willen nicht erschließt, warum ein Gott zwar als Statue nackt gezeigt werden darf, auf einem Goldplättchen aber nicht. Auch Simeks Einschätzungen zum Bild, das man sich geistig von den Göttern machte, sind nicht in Deckung zu bringen: Ist nun „Odin (…) überhaupt der einzige wikingerzeitliche Gott, der als Reiter vorgestellt wird“ (S. 142), oder wird auch Thor nach Ausweis der mit ihm assoziierten Kenningar (dichterischen Umschreibungen) „offenbar als Reiter“ betrachtet (S. 136)? Noch deutlicher ist die absolute Gegensätzlichkeit der Aussagen bei der Meeresgottheit Ran: Ist sie zunächst eine „ganz zweifellos schon recht alte Göttin“ (S. 155), verkündet Simek wenig später genauso überzeugt: „Es dürfte sich also bei Ran nur um eine recht späte, im Heidentum auch kaum recht verbreitete Personifizierung der sinistren Seite des Meeres handeln, (…) und somit dürfte die Vorstellung einer Göttin des Reiches der Ertrunkenen mit diesem Namen recht jung sein“ (S. 212). Hier weiß man nun überhaupt nicht mehr, welcher Wertung des Autors man trauen soll.

Demensprechend zwiespältig muss auch das Gesamturteil ausfallen. Als quellenerschließendes Handbuch, das aufzeigt, welche Texte und archäologischen Funde Hinweise auf Glaubenswelten und -praktiken bieten, ist Religion und Mythologie der Germanen unbestreitbar von hohem Wert. Bei der Interpretation hingegen sollte man  Simeks Äußerungen sorgfältig hinterfragen, um nicht am Ende Deutungen, die sogar den Autor selbst schon nach ein paar Seiten nicht mehr überzeugen, für gesicherte Erkenntnisse zu halten.

Rudolf Simek: Religion und Mythologie der Germanen. 2., bibliographisch aktualisierte und überarbeitete Aufl. Darmstadt, Theiss (WBG), 2014, 336 Seiten.
ISBN: 978-3806229387


Genre: Geschichte, Märchen und Mythen

Die Kormorane von Ut-Röst

Zugegeben: Dem Klappentext und dem Vorwort dieser Märchenausgabe merkt man an, dass sie in erster Auflage schon 1965 erschienen ist, denn manche Formulierung wirkt aus heutiger Sicht hoffnungslos blumig und die ein oder andere inhaltliche Tendenz überholt. Blendet man diesen Rahmen jedoch aus, bieten Die Kormorane von Ut-Röst eine lesenswerte und vielfältige Auswahl aus den bekannten, im 19. Jahrhundert entstandenen norwegischen Märchensammlungen von Asbjørnsen und Moe.
Viele Motive wirken für mit der deutschsprachigen Märchentradition aufgewachsene Leserinnen und Leser sofort vertraut, aber gerade die Geschichten, von denen es auch mitteleuropäische Versionen gibt, lassen an einzelnen Elementen erkennen, dass die skandinavische Märchenwelt eben doch ein bisschen anders ist. So basiert z.B. das Märchen Die Tochter des Mannes und die Tochter der Frau offenkundig auf dem gleichen Grundgerüst wie Frau Holle, doch statt zu dieser gelangen die Äquivalente von Goldmarie und Pechmarie zu zwei Trollfrauen, mit denen nicht zu spaßen ist.
Ohnehin gehören Trolle in jeglicher Ausprägung zu den wiederkehrenden Figuren. Oft übernehmen sie die Rolle des bedrohlichen, wenn auch leicht zu überlistenden Monsters, gelegentlich aber erweisen sie sich auch als hilfsbereite und im Einzelfall sogar recht niedliche Zeitgenossen (etwa wenn eine magische Flöte gleich eine ganze Schar purzelnder kleiner Trolle heraufbeschwört, die den Helden unterstützen). Wie die Trolle länderübergreifend im skandinavischen Kulturraum zu finden ist übrigens auch die hier nur in einem Märchen erscheinende Gestalt des bösen Röd, der als übelwollender Ritter mit List und Tücke einem Königssohn Ruhm und Braut streitig macht, in isländischen Märchen dagegen häufig als finsterer Ratgeber Raud erscheint, der den Helden ebenfalls nicht wohlgesonnen ist.
Die märchentypische Brutalität ist in manchen Geschichten recht ausgeprägt, zumal sie nicht immer nur der Überwindung und Bestrafung des Bösen gilt. Häufig fallen ihr auch Unschuldige zum Opfer. Auch manches Ende bietet nicht den klassischen glücklichen Ausgang, den man vielleicht zu erwarten gewohnt ist: Ein Held bringt es fertig, in der Suppe zu ertrinken, während ein anderer zwei Prinzessinnen schwängert und nach der Eliminierung des restlichen Königshauses offenbar mit ihnen zusammenlebt. Umgekehrt erpresst eine hässliche Heldin einen Prinzen gnadenlos zur Heirat, indem sie droht, seinem verwitweten Vater sonst ihre schöne Schwester vorzuenthalten, in die der König sehr verliebt ist.
Neben typischen Märchen sind auch einige Texte enthalten, die man eher als Sagen kategorisieren möchte, so z.B. Gullfebla, eine Erzählung über einen Tauschhandel mit andersweltlichen Mächten, oder die titelgebenden Kormorane von Ut-Röst, in denen ein Fischer von den Lofoten drei Exemplaren dieser Vogelart begegnet, mit denen es eine ganz besondere Bewandtnis hat.
All dies fasst Käthe Wolf-Feurer in ihrer Übersetzung in eine zeitlose Sprache, in der auch die formelhaften Wendungen und die Übertragungen kurzer Gedichtstrophen überzeugend wirken. Wer Lust auf einen Ausflug in Märchenwelten abseits der Gebrüder Grimm hat, findet hier also unterhaltsame und manchmal durchaus überraschende Lektüre.

Käthe Wolf-Feurer (Hrsg.): Die Kormorane von Ut-Röst. Norwegische Märchen. Übersetzt von Käthe Wolf-Feurer. Stuttgart, J. Chr. Mellinger, 2. Aufl. 1981, 168 Seiten.
ISBN: 3880690952


Genre: Märchen und Mythen

Das Tal der Könige

Das Tal der Könige zählt zweifelsohne zu den wichtigsten Fundstätten, die einen Zugang zu Kultur und Religion des altägyptischen Neuen Reichs ermöglichen. Von der 18. bis zur 20. Dynastie diente es vor allem den Pharaonen, aber auch wenigen ausgewählten Personen ihres nächsten Umfelds (wie etwa bestimmten Prinzen und Wesiren) als Bestattungsort. Erik Hornung bietet in seiner kompakten Einführung Das Tal der Könige einen Überblick über die wichtigsten Felsgräber und ihr Bildprogramm.
Einleitend zeigt ein Abriss der Entdeckungs- und Forschungsgeschichte die wechselvolle Entwicklung, die das Tal der Könige seit der Entdeckung durchlaufen hat. Einzelne Gräber waren schon früh bekannt und zugänglich, wie etwa Graffiti aus hellenistischer und römischer Zeit, aber auch die Nutzung als Kirche und Unterkunft durch spätantike und frühmittelalterliche Christen belegen. Auf diese erste Phase der Schaulust und Umfunktionierung folgte ein langer Dornröschenschlaf, der mit dem Beginn der wissenschaftlichen Erforschung im 18. Jahrhundert endete. Einerseits glückten von dieser Epoche an bis ins 20. Jahrhundert spannende Entdeckungen (wie das berühmte, 1922 gefundene Grab Tutanchamuns), andererseits erwies sich das gesteigerte Interesse jedoch als fatal. Hatte man zunächst keine Hemmungen, rabiat mit den Funden umzugehen und z.B. besonders schöne Reliefs einfach aus den Wänden zu schlagen, trug ab dem 20. Jahrhundert vor allem der immer weiter anwachsende Massentourismus zur Schädigung der Gräber bei. Dieses Problem ist bis heute ungelöst, doch was überdauert hat, ist noch immer spektakulär genug.
Hornung stellt zunächst sachkundig und in ebenso detaillierten wie anschaulichen Beschreibungen die bedeutendsten Grabanlagen in chronologischer Folge vor und zeichnet die historische Entwicklung des Grundrissplans ebenso nach wie die des Bildprogramms, das in Königsgräbern anders als z.B. in Beamtengräbern nicht Alltagsszenen, sondern ausgefeilte Illustrationen religiöser Texte umfasste.
Diese werden im zweiten Hauptkapitel des Buchs ausführlich präsentiert. Auch wenn der Textbestand im Laufe der Zeit schwankte, war zentral stets die Einbindung des verstorbenen Königs in die allnächtliche Unterweltsreise und morgendliche Wiederauferstehung der Sonne. Auch für Laien gut verständlich werden die Glaubenszusammenhänge und ihre bestimmten Konventionen unterworfene bildliche Wiedergabe erläutert, so dass man am Ende das Gefühl hat, sich in der aus der Außenperspektive bisweilen verwirrenden altägyptischen Götter- und Mythenfülle ein wenig besser zurechtzufinden als bisher. Nur eines dieser Unterweltsbücher, das sogenannte Amduat, ist dabei in einer vollständigen schematischen Umzeichnung all seiner zwölf Szenen auch als Bildmaterial beigegeben. Hornung beschreibt allerdings alles so präzise, dass man das Fehlen eines in anderen Bänden der Reihe C.H. Beck Wissen durchaus vorhandenen Tafelteils allenfalls kurz bedauert. Ungünstig ist dagegen, dass die einzige Karte im Buch sich auf den Ostteil des Tals der Könige beschränkt, während die Legende auch Gräber erfasst, die im Westteil liegen (wie das des Pharaos Aja / Eje), so dass man hier in die Situation geraten kann, auf der Karte vergeblich nach einer in der Legende genannten Nummer zu suchen.
Auf den Hauptteil des Buchs folgen kurze Abschnitte zu Götterdarstellungen abseits der religiösen Bücher, Sarkophagen, Grabbeigaben und Grabraub, Königsmumien und dem eigentlichen Bau der Gräber. Wer sich allerdings speziell für eines dieser Themen interessiert, muss zu ausführlicheren und tiefergehenden Werken greifen, denn hier sind sie erkennbar nur als knappe Ergänzung zu den hauptsächlichen Untersuchungsgegenständen behandelt.
Bei den Schwerpunkten, die er setzt, ist Hornung jedoch ein kenntnisreicher und anregend formulierender Reisebegleiter in eine fremde Welt, der vor allem die Kunst, Bilder nur aus Worten entstehen zu lassen, sehr gut beherrscht. Als Einstieg in Jenseitsvorstellungen und Grabarchitektur des Alten Ägypten ist Das Tal der Könige daher auf jeden Fall zu empfehlen.

Erik Hornung: Das Tal der Könige. 2., durchges. Aufl. München. C.H. Beck, 2010, 125 Seiten.
ISBN: 9783406479953


Genre: Geschichte, Märchen und Mythen

Das Stuttgarter Hutzelmännlein

Im frühen 14. Jahrhundert will der nicht gerade mit überragenden Geistesgaben ausgestattete Schustergeselle Seppe von Stuttgart aus in die Welt ziehen. Vom geheimnisvollen Hutzelmännlein erhält er vor seinem Aufbruch nicht nur den Auftrag, nach einem ganz bestimmten Bleiklötzchen zu suchen, sondern auch mehrere magische Geschenke, darunter zwei Paar Schuhe, von denen er eines tragen, das andere aber am Wegrand zurücklassen soll, um zu seinem Glück zu gelangen. Dummerweise vertauscht Seppe jedoch jeweils einen Schuh des Paars, so dass ihm und der Finderin der zurückgelassenen Schuhe, der jungen Vrone, allerlei gefährliche Missgeschicke zustoßen. Daraus ergeben sich zahlreiche Abenteuer, in denen zwei ungesühnte Gattenmorde, ein Krakenzahn und das angeblich von der Titelfigur erfundene Hutzelbrot (eine Art Früchtebrot) eine nicht unwesentliche Rolle spielen, bis am Ende die ursprüngliche zusammengehörigen Schuhpaare auf ebenso unerwartete wie spektakuläre Art wieder zusammenfinden und damit auch Seppes und Vrones weiteres Leben bestimmen …
Eduard Mörikes 1853 zum ersten Mal erschienenes Stuttgarter Hutzelmännlein ist ein ebenso charmanter wie fabulierfreudiger Text, der rein formal auf halbem Weg zwischen Kunstmärchen und Novelle steht, aber trotz seiner so harmlosen Anmutung einige ziemlich subversive und ironische Elemente enthält. Der bekannteste Teil des Werks ist heute vermutlich die als eine von mehreren Binnenerzählungen eingefügte, aber auch als Vorgeschichte der Haupthandlung zentrale Historie von der schönen Lau um das Schicksal einer Wasserfrau im Blautopf bei Blaubeuren, aber auch der Rest der Geschichte ist sehr lesenswert und vergnüglich. Unverzichtbar bei der Lektüre ist allerdings das schon von Mörike selbst begonnene und von den modernen Herausgebern noch ergänzte Glossar, denn der Autor gibt der Sprache seiner Erzählung durch teils regionale, teils schon zu seiner Zeit überholte und archaische Begriffe ein ganz besonderes Gepräge. Selbst mit halbwegs soliden Kenntnissen früherer Sprachstufen des Deutschen stößt man hier deshalb garantiert auf einige Wörter, die einem noch nie begegnet sind, doch das ist, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, so amüsant wie die Geschichte selbst.
Denn so naiv sie in den Grundzügen anmuten mag, gewisse Untiefen fehlen eigentlich nie. Manchmal wird es verblüffend frech und doppeldeutig (so etwa im Traum der schönen Lau von der Wirtin und dem Abt), dann wiederum wird die Illusion eines fernen ursprünglichen Mittelalters gekonnt torpediert, wenn eine Figur im Suff lamentieren darf, dass ja leider das Schießpulver noch nicht erfunden ist. Der sich daraus ergebene Scherz wird sogar zu einer ganzen kleinen Nebenhandlung ausgestaltet. Trotz aller Ironisierung kommt auch immer wieder Mörikes spürbare Freude an poetischen Stadt- und Landschaftsschilderungen und an Sagen- und Märchenhaftem aller Art zum Tragen. Sympathisch ist, dass, anders als im typischen Märchen, auch die Antagonisten relativ gut davonkommen. Die Vergeltung, die sie für ihre Taten erleiden müssen, übersteigt ein gewisses Maß nicht und lässt die Aussicht auf Besserung.
Natürlich gäbe es noch mancherlei zu Entstehungszeittypischem und -untypischem, den entworfenen Geschlechterrollenbildern, literarischen Techniken und Mörikes immer wieder durchschimmernder gelehrter Bildung zu bemerken, aber ein literaturwissenschaftlicher Aufsatz soll diese Rezension ja nicht werden, sondern nur eine Leseempfehlung. Denn wer Lust auf ein liebenswertes Beispiel von Fantasy avant la lettre hat, sollte bedenkenlos zu diesem Klassiker greifen und sich ein paar unterhaltsame Lektürestunden gönnen.

Eduard Mörike: Das Stuttgarter Hutzelmännlein. Stuttgart, Reclam, 1970 (RUB 4755), 112 Seiten.
ISBN: 9783150047552


Genre: Märchen und Mythen, Roman

Loreley und Schlangenfrau

Es ist nicht den Nibelungen allein zu verdanken, dass der Rhein und seine Umgebung als „sagenhafte“ Gegend par excellence gelten. Burgenromantik, geschichtsträchtige Stätten und nicht zuletzt die Funktion des Flusses als Verkehrsweg und Schnittstelle zwischen verschiedenen Ländern und Kulturen sorgen dafür, dass sich alle möglichen Geschichten mit der Region verbinden. Aus Sagensammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts hat Tilman Spreckelsen für Loreley und Schlangenfrau eine bunte Auswahl zusammengestellt, die dem Lauf des Rheins von der Schweiz bis in die Niederlande folgt.
Die abgedeckte Bandbreite ist dabei groß, von der Form wie vom Inhalt her: Von längeren Erzählungen bis zu lakonisch auf zwei Sätze beschränkten Texten ist alles dabei. Einige Geschichten überformen tatsächliche oder vermeintliche historische Begebenheiten literarisch, während andere mit einer Fülle von märchenhaften und phantastischen Elementen aufwarten (wie der im Titel erwähnten, auf Erlösung hoffenden Schlangenfrau). Berühmtes steht neben eher Ungewohntem: Von der Loreley oder vom Binger Mäuseturm haben wahrscheinlich viele schon  einmal etwas gehört, vom Friesenherrscher Radbod oder von Einhard und Emma zumindest Geschichtsinteressierte. Andere Sagen drehen sich eher um Lokalheroen (wie etwa einen Wilderer aus dem Frankfurter Raum) oder um Motive, die man auch aus anderen Gebieten kennt, wie Teufelsspuk, bestraftes menschliches Fehlverhalten oder böse Vorzeichen. Gerade die Heterogenität der Mischung sorgt für Abwechslung und hält die Neugier wach, und so liest man sich mit Vergnügen durch die drei geographischen Räume, nach denen die Sammlung geordnet ist („Der junge Rhein und seine Zuflüsse“, „Von Basel bis zum Niederrhein“, „Das Rheindelta in den Niederlanden“).
Allein – die Sagen selbst sind auch so gut wie alles, was man bekommt, denn das Beiwerk fällt mager aus. In seinem Nachwort legt Spreckelsen zwar pauschal offen, auf welche vier Bücher er sich hauptsächlich gestützt hat (neben den Sagensammlungen Ludwig Bechsteins und der Brüder Grimm auch Johann Wilhelm Wolfs Niederländische Sagen und Meinrad Lienerts Schweizer Sagen und Heldengeschichten). Der sonst in Anthologien dieser Art übliche Einzelnachweis der Quellen für die jeweiligen Sagen fehlt jedoch leider. Auch die an gleicher Stelle angestellten Betrachtungen zur Stoffgeschichte und Flexibilität der Textgattung, die gerade vom Weitererzählen und zeitbedingten Umformen lebt, bleiben recht kurz und knapp.
Deshalb ist der Eindruck, den man von Loreley und Schlangenfrau hat, am Ende etwas gemischt. Zur kurzweiligen Lektüre taugt der Band auf jeden Fall, aber man hätte sich doch ein paar zusätzliche Ansatzpunkte für einen tieferen Einstieg ins Thema gewünscht.

Tilman Spreckelsen (Hrsg.): Loreley und Schlangenfrau. Rheinsagen von der Quelle bis zur Mündung. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch, 2018, 240 Seiten.
ISBN: 9783596906772


Genre: Märchen und Mythen

Ungeheuerlich

Alte Karten und Beschreibungen von Küsten und Meeren sind voller Fabelwesen, die mit der realen Fauna der dargestellten Region allenfalls bedingt etwas zu tun haben. Der Historiker Erling Sandmo nimmt sich in Ungeheuerlich. Seemonster in Karten und Literatur 1491 – 1895 der verblüffenden, unheimlichen und oft auch sehr amüsanten Kreaturen an, die durch die Bestände der norwegischen Nationalbibliothek geistern. In kurzen Kapiteln, die sich auch sehr gut unabhängig voneinander lesen lassen, wird jeweils ein wundersames Tier oder Phänomen vorgestellt, um dann in einer meist doppelseitigen historischen Illustration auch im Bild präsentiert zu werden. Die Übersetzung von Sylvia Kall wirkt elegant und flüssig, so dass die Lektüre zur genüsslichen Entdeckungstour werden kann.
Während Seeschlangen, Meermenschen oder schiffeversenkende Riesenkraken fast schon zum Standardinventar phantasievoller Seefahrergeschichten zählen, begegnet man in Sandmos kleinem Kompendium der bizarren Meeresbewohner auch originelleren Geschöpfen, so etwa dem ebenso gierigen wie ängstlichen swamfisk, der sich im Notfall sogar selbst auffrisst.
Neben Ungeheuern im eigentlichen Sinne bevölkern auch reale Tiere, über die man Merkwürdiges berichtete, die Seiten. Vermeintliche Wunderzeichen (wie eine im 17. Jahrhundert gefangene Scholle, deren Haut ein Kreuzeszeichen aufwies, so dass man sogleich den Bischof von Bergen informierte) stehen neben ungewöhnlichen Verhaltensweisen, die man bei Walross, Rochen oder Wal beobachtet haben wollte. Darüber hinaus spielen immer wieder auch andere erstaunliche Geschichten eine Rolle. So vertrat ein Geistlicher im frühen 18. Jahrhundert etwa die Theorie, Odysseus habe nicht nur die Lofoten bereist, sondern sei überdies mit Odin gleichzusetzen.
Wie vieles in dem Buch regt diese These aus heutiger Sicht natürlich zum Schmunzeln an, aber all das Witzige, Abstruse und Unterhaltsame trägt letztlich dazu bei, eine durchaus ernsthafte Geschichte zu erzählen – die nämlich von einem Wandel des Weltbilds, das in der hier im Zentrum stehenden Frühen Neuzeit einen allmählichen Übergang von Wundergläubigkeit und mythischer Zeichenhaftigkeit zu naturwissenschaftlichen Erklärungen erlebte. Stand erst noch die Frage im Vordergrund, was Erscheinen und Verhalten eines monströsen Wesens im wahrsten Sinne des Wortes zu bedeuten hätten, überwog später der Aspekt der Erforschung. Sandmo weiß mit leichter Hand deutlich zu machen, dass die Welt im Zuge ihrer Entzauberung zwar viel von ihrem Schrecken, aber in gewisser Weise auch etwas von ihrem Charme einbüßte.
Umso schöner ist es, den heute größtenteils vergessenen Bewohnern eines mit Magie und Legenden aufgeladenen Meeres in Ungeheuerlich begegnen zu können und sich auch an der liebevollen Gestaltung zu freuen: Beispielsweise ist im vorderen Buchdeckel der Innenteil einer Windrose ausgespart, so dass einen vom Vorsatzblatt aus ein Ungeheuerauge aus dem geschlossenen Buch anblickt. Ein rundum gelungenes kleines Werk also, dem man viele begeisterte Leserinnen und Leser (sowie Betrachterinnen und Betrachter) wünscht!

Erling Sandmo: Ungeheuerlich. Seemonster in Karten und Literatur 1491 – 1895. München, Nagel & Kimche, 2018, 100 Seiten.
ISBN: 9783312010943


Genre: Kunst und Kultur, Märchen und Mythen, Sachbuch allgemein

Sonnenhymnen

Der Große und der Kleine Sonnenhymnus (um 1345 v. Chr.), die dem Pharao Echnaton zugeschrieben werden, der in ihnen als Sprecher erscheint, gehören zweifelsohne zu den bekanntesten und eindrucksvollsten Zeugnissen der altägyptischen Literatur. In Gräbern hochrangiger Ägypter als Wandinschriften überliefert, preisen die beiden Hymnen den Sonnengott nicht nur als Schöpfer, sondern auch als Lebensspender, der seine Welterschaffung täglich erneuert, und betonen sein besonderes Verhältnis zum Pharao. Die heraufbeschworenen Bilder aus Natur und Alltagsleben haben sich über die Jahrtausende hinweg ihre Frische bewahrt und wirken auch heute noch unmittelbar ansprechend.
Christian Bayers zweisprachige Ausgabe der Sonnenhymnen, die dem Originaltext in Hieroglyphen eine zeitgemäße deutsche Übersetzung gegenüberstellt, ist zum einen eine gelungene Textedition, die in minutiösen Kommentaren Interpretationsansätze liefert, aber auch sehr offen mit Überlieferungs- und Übersetzungsproblemen umgeht und Unsicherheiten nicht zu überspielen versucht. Zum anderen kann das kleine Bändchen jedoch auch wunderbar als Einführung in die Amarna-Zeit allgemein dienen und Echnaton ein wenig fassbarer machen, der hier weder als großer Visionär des Monotheismus gefeiert, noch als engstirniger Tyrann verteufelt wird. Bayer weiß vielmehr aufzuzeigen, dass der Pharao im Prinzip zunächst nur konsequent die Politik seines Vaters Amenophis III. fortsetzte, Sonnenkult und Königtum enger als je zuvor aufeinander zu beziehen, dabei aber wohl unterschätzte, wie sehr die Einengung der Sonnenverehrung auf Aton (den in der sichtbaren Sonne gegenwärtigen Aspekt der Gottheit) zuungunsten des traditionell als Götterkönig verehrten Amun als Sakrileg empfunden werden würde. Obwohl die neue Religion daher unter seinen Nachfolgern keinen Bestand hatte und es auch rasch zur Aufgabe seiner neugegründeten Residenz Achet-Iten (Achet-Aton, heute Amarna) kam, war Echnatons Wirken laut Bayer indirekt folgenreich: Der Gott Amun erlangte seine religionsbeherrschende Stellung nicht zurück, sondern blieb einer unter mehreren, und die bis zu Echnaton unangefochtene religiöse und politische Dominanz der Stadt Theben war gebrochen.
Über diese historischen Schlaglichter hinaus nimmt Bayer die Sonnenhymnen jedoch auch unter der religions- und literaturhistorisch interessanten Perspektive ihrer Ähnlichkeit zum Psalm 104 der Bibel (der in der Lutherübersetzung im Buch abgedruckt ist) in den Blick. Während sich die Hymnen in den theologischen Nuancen und in ihrer Entstehungszeit selbstverständlich von dem wesentlich jüngeren Psalm unterscheiden, dessen Verfasser wohl auch keine direkte Kenntnis der ägyptischen Texte hatte, gleichen sich manche der heraufbeschworenen Bilder und der genutzten sprachlichen Wendungen frappierend. So ist wohl davon auszugehen, dass sich bestimmte Arten des Redens über den Schöpfergott und eine Vielfalt literarischer Motive in der Welt Ägyptens und des Alten Orients über die engeren Kulturgrenzen hinaus ausbreiteten und so durch zahlreiche Glaubenstransformationen ihren Weg bis in die Moderne fanden.
Kartenmaterial und Umzeichnungen von Kunstwerken runden den empfehlenswerten kleinen Band ab, der eigentlich für alle an Ägypten Interessierten ein Muss ist.

Echnaton: Sonnenhymnen. Ägyptisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Christian Bayer. Stuttgart, Reclam, 2007 (RUB 18492), 126 Seiten.
ISBN: 9783150184929


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur, Märchen und Mythen

Trolle

Dämonische Unholde des Mittelalters, tumbe Bösewichter des neuzeitlichen Märchens, niedliche Gesellen im modernen Kinderbuch, Standardinventar der Fantasy und kitschiges Souvenir – Trolle haben schon vielen Rollen übernehmen müssen. Wie genau sich die Trollvorstellung in Mythologie, Literatur und bildender Kunst von der Wikingerzeit bis heute immer wieder gewandelt hat, zeichnet der Mediävist Rudolf Simek in seiner äußerst lesenswerten neuen Studie Trolle nach. Das üppig bebilderte Buch geht dabei gerade in seiner detailreichen Deutung literaturgeschichtlicher Zusammenhänge noch über John Lindows thematisch ähnlich konzipiertes Werk Trolls hinaus und bietet nicht nur einen glänzenden Überblick über das, was in verschiedenen Epochen den typischen Troll ausmacht, sondern auch über sprachlich mit Trollen assoziierte Ortsnamen und Begriffsfelder (historisch in Skandinavien die Zauberei, heutzutage vor allem unliebsames Verhalten im Internet).
Die Anfänge des Trollglaubens vor über 1000 Jahren liegen im Dunkeln, und die frühesten Erwähnungen erlauben noch kein allzu klares Trollbild. Trolle – so kann man nur ahnen – waren ursprünglich mit Tod und Anderswelt assoziierte Wesen, denen Gefährlichkeit für die Menschen, aber auch magische Fähigkeiten zugeschrieben wurden. Erst ab der Sagaliteratur des Hoch- und Spätmittelalters treten sie deutlicher hervor: Den Naturgewalten und der alten heidnischen Welt verbunden, sind sie oft grobschlächtige und hässliche Gegner der Helden, die gleichwohl durchaus in Trollfrauen Ziehmütter oder Geliebte finden können. In diesem Punkt ähneln sie den Waldmenschen oder wilden Frauen der mitteleuropäischen Literatur, wie überhaupt die Übergänge zu Untoten und Riesen zunächst noch fließend bleiben.
Riesengleiche Züge legen Trolle auch in vielen Märchen der Neuzeit an den Tag: Als böse, einzelgängerische Menschenfresser wahren sie ihre Bedrohlichkeit, sind jedoch aufgrund ihrer Dummheit leicht zu überlisten und haben so oft das Nachsehen. Parallel dazu entstehen im südlichen und östlichen Skandinavien jedoch Geschichten, die anstelle der gewaltigen Unholde von einst wichtel- oder elfenartig in Gemeinschaften lebende kleine Trolle in den Vordergrund rücken.
Beide Sorten von Trollen finden ihren Niederschlag auch in der modernen Literatur. Während die für Erwachsene und Jugendliche gedachte Fantasy den großen und gefährlichen Troll als Antagonisten (seltener auch als positiv besetzte Figur) kennt, sind in der Kinderliteratur seit Mitte des 20. Jahrhunderts verstärkt putzige und soziale Trolle unterwegs.
Bei der Beschäftigung damit gewinnen die Trolle teilweise den Charakter einer Streitschrift, da es dem Autor sehr wichtig zu sein scheint, gegen eine solche Verniedlichung und Verharmlosung ins Feld zu ziehen. Hier wünscht man Simek dann doch etwas mehr Toleranz und Verständnis dafür, dass gerade im Kinderbuch die Schilderung freundlicher Varianten ursprünglich bedrohlicher Gestalten aus dem Volksglauben erstens nicht verwerflich und zweitens kein auf Trolle beschränktes Phänomen ist (man denke etwa an Die kleine Hexe oder Das kleine Gespenst bei Otfried Preußler). Allerdings muss die Rezensentin zugeben, als Verfasserin von Geschichten, in denen gelegentlich hilfreiche, wenn auch nicht notwendigerweise harmlose Trolle auftauchen, eindeutig parteiisch zu sein, was die Zuschreibung sympathischer Eigenschaften an diese Wesen betrifft.
Doch ganz gleich, ob man Simeks Wertungen nun in allen Punkten unterschreiben mag oder nicht, bleibt die Qualität seines Buchs unbestritten. Positiv fällt vor allem der große Raum auf, der Primärtexten eingeräumt wird, damit sie für sich selbst sprechen können (neben kurzen Zitaten sind ein längerer Auszug aus Þorsteins Þáttr uxafóts und drei norwegische Volkserzählungen über Trolle enthalten). Auch die schiere Fülle des in die Analyse einbezogenen Materials – vom archäologischen Fund bis hin zu Film und Fernsehen – ist bemerkenswert und trägt zu dem Eindruck bei, dass wirklich so gut wie alle wichtigen Aspekte des Gegenstands zumindest angesprochen, oft aber auch ausführlich erörtert werden. Ein Glossar mit literaturwissenschaftlichen und historischen Fachbegriffen erleichtert Laien den Zugang zur Lektüre, die sich für jeden Interessierten unbedingt lohnt.
Den Wunsch, dieses Buch mögen die Trolle holen (im Altnordischen laut Simek eine sehr üble Verfluchung), hat man also nach dem Lesen gewiss nicht; damit, dabei von den Trollen auf die bestmögliche Art gefangen genommen zu werden, sollte man aber durchaus rechnen.

Rudolf Simek: Trolle. Ihre Geschichte von der nordischen Mythologie bis zum Internet. Köln u.a., Böhlau, 2018, 256 Seiten.
ISBN: 9783412507435


Genre: Kunst und Kultur, Märchen und Mythen

Die geheime Welt der Gartendrachen

Es gibt Bücher, die sich den gewohnten Genrezuordnungen entziehen, einen aber auf den ersten Blick verzaubern – und Eleanor Bicks Die geheime Welt der Gartendrachen gehört ganz eindeutig dazu. Vordergründig fiktive Naturkunde über sieben ausgesprochen niedliche Drachenarten bietet es zugleich eine Sammlung nützlicher Tipps, um in der realen Welt Gärten und Balkons naturnah und bienenfreundlich zu gestalten, und enthält nebenbei auch mit leichter Hand eingestreute Informationen über Drachenmythen aus aller Welt. Seinen Charme gewinnt das Buch dabei vor allem aus den liebenswerten Illustrationen, die von der Autorin stammen und anschaulich die im Titel versprochene „geheime Welt“ heraufbeschwören, die sich zwischen ganz normalen Pflanzen wie Lavendel, Klee oder Schneeglöckchen verbirgt.
Denn wenn man genau hinsieht – so erfährt man hier-, kann man in Beeten und auf verwilderten Grundstücken kleine freundliche Drachen erspähen, die gut getarnt auf ihren Wirtspflanzen sitzen und das Unkraut sprießen lassen, um Verstecke für ihre Jungen zu schaffen oder den Bienen zu helfen. Denn mit dem in den letzten Jahren immer stärker spürbaren Insektensterben hat das Buch eigentlich ein ernstes Grundthema, das jedoch so liebevoll und warmherzig verpackt ist, dass zu keinem Zeitpunkt der Gedanke an einen bemühten Problemtext aufkommt.
Vielmehr versinkt man bald glücklich in der Lektüre der Kurzporträts der einzelnen Drachenarten, die alle in Wort und Bild ihren ganz eigenen Charakter verliehen bekommen, von den putzigen und geselligen kleinen Kleedrachen über elegante Jäger wie die Ringelblumendrachen bis hin zum schelmischen Sonnenblumendrachen, der es sich gut getarnt auf den großen Blüten bequem zu machen weiß. Auf jede Drachenvorstellung folgen realistische Sachinformationen zur jeweiligen Wirtspflanze. Neben einem eigenen Kapitel über Bienen gibt es zu guter Letzt auch noch recht umfassende praktische Hinweise, die einen ersten Einstieg ins Gärtnern erleichtern und vor allem Berührungsängste abbauen – denn um mit der Auswahl der richtigen Pflanzen der Natur etwas zurückzugeben (und selbstverständlich viele kleine Drachen anzulocken), muss man, so wird deutlich, kein Profi sein.
Eingebettet ist dies alles in die amüsante Geschichte der Entdeckung der Gartendrachen und ihrer Erforschung, die, wie immer wieder betont wird, noch ganz an ihrem Anfang steht und viel Raum für neue Erkenntnisse lässt. Vielleicht darf man also auf eine Fortsetzung hoffen, in der noch mehr drollige kleine Fabelwesen Blumenbeete und Wiesen bevölkern.
Die geheime Welt der Gartendrachen ist übrigens durchaus kindertauglich, aber keineswegs ein typisches Kinderbuch, sondern ein phantasievoller literarischer Ausflug für alle Altersklassen, der die Magie im Alltäglichen fassbar macht.

Eleanor Bick: Die geheime Welt der Gartendrachen. Unter Mitwirkung von Eva-Christiane Wetterer. Hamburg, KJM, 2017, 80 Seiten.
ISBN: 9783945465578


Genre: Kinderbuch, Märchen und Mythen, Sachbuch allgemein

Europa und Herr Stier

Die antiken griechischen Mythen sind auch nach Jahrtausenden noch bekannt und beliebt, aber für Tatsachenberichte dürften sie heutzutage nur noch die wenigsten Menschen halten. Doch auch im Altertum war nicht jeder bereit, die phantastischen Erzählungen voller Magie und Mischwesen für bare Münze zu nehmen, wie die Unglaublichen Geschichten des Palaiphatos belegen, ein leider nur teilweise überliefertes Werk, in dem der Zeitgenosse Alexanders des Großen sich bemüht, rationale Erklärungen für die allzu weit hergeholten Elemente von Sagen zu finden. Kai Brodersen gibt die erhaltenen Abschnitte zweisprachig unter dem humorvollen Titel Europa und Herr Stier heraus.
Was auf den ersten Blick nur wie ein launiges Wortspiel wirken könnte, umreißt auf den zweiten recht gut Palaiphatos‘ Vorgehensweise, denn in der Regel spricht er dem jeweiligen Mythos einen wahren Kern nicht ab, interpretiert aber die verfügbaren Informationen so um, dass sie ein mehr oder minder realistisches Szenario ergeben. So wird denn auch Europa nicht von einem Stier (bzw. Zeus in Stiergestalt) entführt, sondern von einem Kreter mit dem sprechenden Namen Tauros (= „Stier“) als Kriegsgefangene verschleppt.
Ist diese Erklärung noch relativ schlicht und geradlinig, wird es in anderen Fällen kreativer und nicht minder bunt als in den ursprünglichen Geschichten. So begegnen einem Medea als Wellnessanbieterin und Erfinderin des Haarefärbens, der Minotauros als Viehräuber, die Sphinx als skrupellose Bandenchefin, Skylla als etruskisches Piratenschiff und die Kentauren als die ersten Reiterkrieger. In bestimmten Fällen geht es dabei in Palaiphatos‘ Umdeutung für die Protagonisten etwas glimpflicher aus als im Mythos. Beispielsweise wird Niobe nicht versteinert, sondern ist nur als Bildnisstatue – mithin in Stein – am Grab ihrer Kinder präsent. Andere dagegen trifft es umso härter: Die arme Kallisto wird nicht in eine Bärin verwandelt, sondern von einer aufgefressen, so dass ihre Begleiterinnen fälschlich den Schluss ziehen, sie hätte selbst Tiergestalt angenommen.
Wie die Beispiele zeigen, geht es Palaiphatos häufig darum, durch den Verweis auf bildhafte Sprache oder Missverständnisse Behauptungen aufzulösen, die physisch Unmögliches beschreiben. In manchen Fällen interpretiert er jedoch auch Sachverhalte um, die durchaus nicht undenkbar, in seinen Augen aber sozial unangebracht sind: So sind die Amazonen für ihn keine kämpfenden Frauen (wo käme man denn da hin?), sondern Männer, deren Haartracht und Kleidung von ihren Gegnern als feminin empfunden wird, und Herakles kann selbstverständlich nicht Omphales Sklave sein, sondern ist nur so verliebt in sie, dass er ihr jeden Wunsch von den Augen abliest. Neben dem sehr modern wirkenden Bedürfnis, liebgewonnene alte Geschichten so gut wie möglich an ein im weitesten Sinne naturwissenschaftliches Weltbild anzupassen, um sie nicht ganz verwerfen zu müssen, verraten die Sagenumbauten also auch viel über Wertvorstellungen und Vorlieben eines Menschen des 4. Jahrhunderts v. Chr.
Kai Brodersens Übersetzung liest sich angenehm und flüssig, und die erhellende Einleitung erleichtert den Einstieg in das Werk ebenso wie die Beigabe einer „normalen“ Version der von Palaiphatos bearbeiteten Mythen in der Fassung des Apollodor. Obwohl also die wissenschaftliche Perspektive durchaus gewahrt bleibt, ist Europa und Herr Stier vor allem eines: Ein Buch von unglaublich hohem Unterhaltungswert, das in seinem sturen Bemühen um Rationalisierung mindestens so fabulierfreudige Blüten treibt wie jedes Märchen.

Kai Brodersen (Hrsg.): Europa und Herr Stier. Palaiphatos‘ Wahrheit über die griechischen Mythen. Stuttgart, Reclam, Neuausgabe 2017 (Original: 2002), 149 Seiten.
ISBN: 978315019458


Genre: Märchen und Mythen