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Dornröschen, wir müssen reden!

Mit unseren Erzählungen weben wir die Welt – dieses Motto stellt Nina Bodenlosz ihrem Buch moderner Märchenumdichtungen voran und macht damit deutlich, wie sehr Geschichten neben ihrem Unterhaltungswert auch die Funktion haben, Weltsichten zu vermitteln und zu prägen. Das manches traditionelle Märchen unter diesem Aspekt nicht sonderlich gut wegkommt, wenn man heutige Wertmaßstäbe anlegt, versteht sich von selbst, und so stellt die Autorin humorvoll allerlei vertraute Geschichten von Rumpelstilzchen bis zur Gänsemagd auf den Kopf (wobei das titelgebende Dornröschen gleich zweimal vertreten ist).

Dem typischen Märchentonfall bleibt sie dabei über weite Strecken relativ treu, bricht ihn aber bewusst, sei es durch eine gezielt moderne Ausdrucksweise in den Dialogen oder punktuelle inhaltliche Aktualisierungen (so betreibt die Mutter der insbesondere für alternde Wölfe mit Vorsicht zu genießenden sieben Geißlein erfolgreich eine Molkerei, während Rapunzels Hexe auf dem Fahrrad anrückt und eines der beiden Dornröschen lieber Krimis liest, als ein anstrengendes Prinzessinnenleben zu führen).

Gelegentlich ist die komplette Geschichte in die Gegenwart versetzt, etwa bei Hänsel und Gretel, die, als planlose Dauerstudenten von ihren Eltern auf rüde Art ausquartiert, einer drogenmischenden Hippie-Hexe in die Falle gehen. Manchmal wirkt auch schon ein Perspektivwechsel wahre Wunder: Die Geschichte Vom Fischer un syner Fru hat nicht nur einen modernen Angler und dessen Freundin zu Hauptfiguren (die gegenüber den Protagonisten des klassischen Märchens auch noch in gewissem Maße die Rollen tauschen), sondern wird zudem aus der Sicht des bedauernswerten Butts erzählt.

Einige der Märchen dienen darüber hinaus als Vehikel für politische Satire. So sind bei dem Herrscher in Bodenlosz‘ Version von Des Kaisers neue Kleider, der die Meinung des Volks mit per Papiervogel versandten Botschaften zu beeinflussen versucht, Ähnlichkeiten zu einem bekannten, eifrig twitternden Staatschef nicht von der Hand zu weisen, und auch der Umgang von Schneewittchens böser Stiefmutter mit ihrem Spiegel erlaubt es, Parallelen zum Verhältnis bestimmter Politiker zu den Medien zu ziehen.

Vor allem aber haben viele Texte eine unverkennbar feministische Stoßrichtung, wenn gnadenlos die aus heutiger Sicht fragwürdige und nicht selten latent bis offen misogyne Moral der ursprünglichen Märchenfassungen bloßgelegt wird. Bei Nina Bodenlosz sind es nicht die Braven und Biederen, die triumphieren, sondern die stillen wie lauten Rebellinnen, ganz gleich, ob sie nun durch einen langen Atem und überlegene juristische Kenntnisse punkten wie die Prinzessin in der Geschichte vom glücklicherweise Doch-nicht-ganz-König Drosselbart, offensiv für ihre Rechte kämpfen wie die Pechmarie oder wie Rapunzel zu der Erkenntnis gelangen, dass es nie zu spät ist, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Aber nicht nur Frauen haben unter restriktiven gesellschaftlichen Spielregeln zu leiden: So hat es in Fröschelein der Froschkönig auch nicht leichter als die Prinzessin, und wer sich schon immer gefragt hat, warum der eiserne Heinrich – pardon, der Diener Willi! – von allen am unglücklichsten über die Verwandlung seines Herrn war, findet hier eine plausible Erklärung.

Das alles liest sich leicht, locker und vergnüglich weg und schärft dabei den Blick dafür, dass man auch Geschichten, die man schon lange kennt (und womöglich schätzt), nicht unhinterfragt lassen sollte.

Wer Märchen übrigens lieber hört, als sie zu lesen, hat bei diesem Buch Glück: Nina Bodenlosz trägt auf ihrem Youtube-Kanal, unterstützt von Heike Baller von der Kölner Leselust, Auszüge aus Dornröschen, wir müssen reden! mit viel Verve und Begeisterung vor.

Nina Bodenlosz: Dornröschen, wir müssen reden! Märchen, die sich neu erfunden haben. Hamburg, Tredition, 2018, 252 Seiten.
978-3-7469-6539-0 (e-Book; auch als Taschenbuch und gebundenes Buch erhältlich)


Genre: Märchen und Mythen

Von den Fischen in der Ostsee

Märchen, Sagen und andere Geschichten aus der volkstümlichen Überlieferung sind oft stark regional geprägt. Was Mecklenburg-Vorpommern in dieser Hinsicht zu bieten hat, präsentiert Albert Burkhardt in der vielseitigen Sammlung Von den Fischen in der Ostsee.

Die titelgebenden Meerestiere, die in einer der hier erzählten Sagen den Hering zu ihrem König machen, sind allerdings nicht die einzigen Figuren, denen Leserinnen und Leser in der Fülle zumeist eher kurzer Texte begegnen: Neben historischen Gestalten wie Störtebeker oder Wallenstein geben sich auch Geister, Raubritter, Riesen, Zwerge, Kobolde, Lindwürmer, die Wilde Jagd, Prinzessinnen und der Teufel höchstpersönlich ein Stelldichein.

Auch die Vielfalt an Handlungszeitpunkten ist recht groß, von diffus weit entfernten, wahrhaft sagenhaften Epochen bis ins 19. Jahrhundert. Dementsprechend unterschiedlich sind auch Tonfall und Art der Geschichten, die vom archaisch anmutenden Ungeheuerkampf über Schildbürgerstreiche bis hin zur augenzwinkernd dargebotenen Anekdote eine große Bandbreite abdecken und neben bekannten Stoffen wie z.B. der Vinetasage oft auch lokalen Besonderheiten gewidmet sind. Interessant ist, dass einige Erzählmotive dabei in recht ähnlicher Form von verschiedenen Orten überliefert sind. So gibt es etwa mehrere den mittelalterlichen Konflikt zwischen dem Landadel und den aufstrebenden Städten thematisierende Sagen, in denen jeweils ein Ritter von gerissenen Bürgern übertöpelt wird, sich aber letzten Endes friedlich mit seiner Niederlage abfindet.

Die einprägsamen Illustrationen von Werner Schinko ergänzen die Texte humorvoll und verleihen nicht nur Heldinnen, Schurken und Spukgestalten ein Gesicht, sondern auch den bemerkenswert vielen Tieren, die sich in den Geschichten tummeln, vom Krebs über die Krähen bis hin zu gespenstischen Hunden. Auch dort, wo sie nicht in den Sagen und Märchen erwähnt sind, tauchen in den Bildern Möwen oder Eulen als amüsantes Detail am Rande auf.

Was man sich zusätzlich gewünscht hätte, wäre allerdings eine Liste mit Quellenangaben oder zumindest ein Nachwort. Wann und wie genau die Geschichten zusammengetragen worden sind, bleibt nämlich leider genauso offen wie die Frage, ob die vorliegenden Textfassungen alle von dem hier nur als Sammler identifizierten Albert Burkhardt stammen oder ob er auf ältere Versionen zurückgegriffen hat. Einzelne Details (so z.B. der Hinweis auf im Zweiten Weltkrieg erfolgte Zerstörungen von Gebäuden) verweisen zwar auf einen Erzählzeitpunkt nach 1945, während die Erwähnung des inzwischen geschlossenen Museums für Ur- und Frühgeschichte in Schwerin als noch bestehend auf ein Alter der Geschichten von zumindest ein paar Jahrzehnten hindeutet, aber einordnende Zusatzinformationen hätten einem doch sehr weitergeholfen.

Insgesamt jedoch ist das auch äußerlich gelungen gestaltete Buch eine nette Lektüre für Märchen- und Sagenfans ebenso wie für Ostseereisende und eignet sich zweifelsohne dazu, mehr als einmal zur Hand genommen zu werden.

Albert Burkhardt (Hrsg.): Von den Fischen in der Ostsee. Sagen, Märchen udn Geschichten aus Mecklenburg-Vorpommern. Illustrationen von Werner Schinko. 2. Aufl. Berlin, Steffen Verlag, 2018, 168 Seiten.
ISBN: 978-3941683945


Genre: Märchen und Mythen

Ovids Metamorphosen

Seit der Antike zählen Ovids Metamorphosen zu den meistrezipierten Dichtungen und dienen nicht nur als Schul- und Studienlektüre, sondern auch als Inspirationsquelle für Kunst und Literatur. Niklas Holzberg bietet eine kompakte Einführung in das Werk, das er sachkundig in das Wenige einbettet, was über das Leben seines Autors bekannt ist. Insbesondere die Frage, ob Ovid die Metamorphosen schon in Rom vollendete oder noch daran arbeitete, nachdem er von Augustus ans Schwarze Meer verbannt worden war, wird dabei mehrfach aufgeworfen, ohne dass Holzberg zu einer letztgültigen Antwort darauf gelangt.

Der Aufbau seiner Einführung folgt dabei dem der Metamorphosen selbst, die sich in drei elegant miteinander verbundene Fünfergruppen (Pentaden) von Büchern gliedern, deren episodische Handlung einen Zeitraum von der Erschaffung der Welt bis zum Tod Caesars im Jahr vor Ovids Geburt abdeckt. Erzählt werden die bekanntesten Verwandlungsgeschichten der antiken Mythologie. Holzberg zeichnet interpretierend den Inhalt der einzelnen Abschnitte nach und würdigt pro Pentade jeweils eine Geschichte einer eingehenderen Analyse: die Sage um Apollo und Daphne in der ersten, die um Dädalus und Ikarus in der zweiten und die Apotheose Caesars in der dritten Pentade.

Im Zentrum von Holzbergs Deutung steht dabei der Blick auf Ovid als Meister des literarischen Spiels, der in seinem epischen Werk nicht nur augenzwinkernd die zuvor in der elegischen Liebesdichtung gewonnenen Schreiberfahrungen mit anbringt, sondern bei seiner Leser- oder Hörerschaft auch solide Kenntnisse anderer antiker Autoren (vor allem Homer und Vergil) voraussetzt. Ovids oft spöttische Aufbereitung von Mythen und Sagen erweist sich als anspielungsreich und sprachlich brillant, inhaltlich aber oft irritierend, so etwa, wenn er Vergewaltigungen oder brutale Strafen, die nicht immer nur die eigentlich Schuldigen treffen, eher mit voyeuristischem Verve und boshaftem Humor ausmalt, als Empathie für die Opfer erkennen zu lassen. Insbesondere in diesem Kontext weiß Holzberg das Spannungsverhältnis zwischen dem bis heute ungebrochenen ästhetischen Reiz der Verse und der unseren moralischen Vorstellungen doch in manchen Belangen fremden Weltanschauung der Antike kenntnisreich auszuloten.

Etwas schade ist, dass Holzberg Ovid und andere Primärtexte überwiegend nur in deutscher Übersetzung zitiert, und das nicht nur an Stellen, an denen er inhaltlich argumentiert, sondern auch dann, wenn er z.B. auf die Metrik eingeht. Hier mag man vielleicht die gelungenen Nachschöpfungen der deutschen Version bewundern, hätte aber doch lieber (auch) das lateinische Original gesehen.

Ungeachtet dieser kleinen Schwäche bieten Ovids Metamorphosen einen lehrreichen und zugleich durchaus humorvoll und unterhaltsam geschriebenen Einstieg in die Welt des augusteischen Dichters. Neben der Auseinandersetzung mit den Metamorphosen selbst kann der kurze Band übrigens auch recht gut dazu dienen, ein paar grundlegende Mythologiekenntnisse zu gewinnen oder aufzufrischen, denn in Holzbergs knappen Zusammenfassungen treten die wichtigsten Züge vieler beliebter Sagen prägnant hervor.

Niklas Holzberg: Ovids Metamorphosen. 2., durchges. Aufl. München, C.H. Beck, 2016 ,128 Seiten.
ISBN: 978-3406536212


Genre: Kunst und Kultur, Märchen und Mythen

Im Reich der Wünsche

Das 19. Jahrhundert war im deutschsprachigen Raum die große Zeit der Märchensammler und -dichter. Bei denen von ihnen, die heute noch einem breiten Publikum geläufig sind, handelt es sich in aller Regel um Männer, allen voran natürlich die Gebrüder Grimm, aber auch Autoren wie Wilhelm Hauff, Clemens Brentano oder Ludwig Tieck. Dass diese Auswahl nicht das tatsächliche Veröffentlichungsspektrum der Epoche widerspiegelt, zeigt die Germanistin Shawn C. Jarvis eindrucksvoll in ihrer Anthologie Im Reich der Wünsche. Die schönsten Märchen deutscher Dichterinnen. Auch Frauen sammelten und verfassten damals Märchen und waren in vielen Fällen beliebte und durchaus auch kommerziell erfolgreiche Schriftstellerinnen. Nur eines gelang ihnen weitaus seltener als Männern, wie Jarvis in ihrem aufschlussreichen Nachwort erläutert: die Aufnahme ihrer Werke in die Schullektüre und damit auch in den allgemeinen Bildungskanon. Hier sahen die zumeist männlichen Entscheider Frauen lange nur als Autorinnen reiner Unterhaltungs- oder Kinderliteratur, während vergleichbaren von Männern geschriebenen Texten ein höherer Anspruch und damit auch die Tauglichkeit für Lehrzwecke zugebilligt wurde.

Bis in die Gegenwart als Schriftstellerinnen berühmt sind daher nur einige der Märchenautorinnen, die in diesem Band versammelt sind, darunter Bettine von Arnim, Marie von Ebner-Eschenbach oder Ricarda Huch. Viele andere sind dagegen heutzutage vergessen oder primär für andere Dinge bekannt. So überrascht es z.B., dass die Reihe der Autorinnen von Katharina der Großen angeführt wird. Doch die Zarin schrieb im späten 18. Jahrhundert tatsächlich Märchen für ihre Enkel und war eindeutig nicht ohne literarische Begabung, auch wenn in ihrem Märchen vom Zarewitsch Chlor der erhobene pädagogische Zeigefinger zumindest aus der Erwachsenenperspektive beim Lesen fast schon zum Fremdschämen offensichtlich ist.

Die einzige Geschichte mit einer klar didaktischen Ausrichtung ist dieses Märchen allerdings nicht. Ganz den Weiblichkeits- und Erziehungsidealen ihrer Zeit verpflichtet scheint z.B. Agnes Franz, in deren Prinzessin Rosalieb Gehorsam, Handarbeitsfleiß und Bescheidenheit der Titelfigur von einer recht brutalen Fee geradezu erfoltert werden. Für moderne Leserinnen und Leser nachvollziehbarer und in manchem subversiver geht dagegen Friederike Helene Unger an das Thema heran, deren Prinzessin Gräcula in einer von bissigem Humor geprägten Entwicklungsromanparodie lernen muss, dass Intelligenz und Schönheit allein nicht genug sind, wenn menschlicher Anstand fehlt. Hier wird eher das Versagen der Eltern bei der Erziehung als das Fehlverhalten der Tochter betont, und immerhin: Die eigentlich als uneheliches Kind geborene Prinzessin steigt nach ihrer Läuterung zur Herrscherin auf.

Noch deutlicher treten feministische Elemente in anderen Geschichten hervor. Fanny Lewalds Modernes Märchen – trotz des Titels eigentlich eher eine Erzählung mit phantastischen Zügen als ein Märchen im klassischen Sinn – hat nicht nur eine Ich-Erzählerin, die sich selbst als „heute emanzipiert“ bezeichnet, sondern schildert auch eindringlich, wie deren nicht unbedingt dem Frauenideal des mittleren 19. Jahrhunderts entsprechende unverheiratete Tante die Heldin davor bewahrt, auf nur äußerlich attraktive Männer hereinzufallen, die das Mädchen zu ihren eigenen Zwecken ausnutzen wollen.

Auch andere bis heute aktuelle Probleme werden in verblüffend moderner Form aufgegriffen. Elisabeth Ebelings Schwarz und Weiß mag zwar aus jetziger Sicht sprachlich in einigen Punkten antiquiert sein, doch die märchenhafte Geschichte um den ritterlichen schwarzen Prinzen Almansor, der erkennen muss, dass seine weiße Angebetete ihn aufgrund ihrer Arroganz und ihrer Vorurteile nie respektieren wird, obwohl er sich auf ihren Wunsch in einen Weißen zu verwandeln versucht, ist als Blick auf eingefleischten Rassismus, den selbst alle Anpassungsbemühungen der Opfer nicht überwinden können, leider immer noch nicht überholt.

Einen interessanten Fall stellen die Geschichten Die Nymphe des Rheins von Charlotte von Ahlefeldt und Libelle von Benedikte Naubert da, denn Naubert schrieb in diesem Fall quasi das, was man heute unter dem Begriff der Fanfiction einordnen würde: Geht es in Ahlefeldts Märchen um die Rache einer Rheinnymphe an ihrem untreuen Geliebten, bietet Naubert eine Fortsetzung dazu, in der die im Original nur ganz am Rande erwähnte menschliche Verlobte des Mannes die Hauptrolle spielt und herauszufinden versucht, was ihrem verschwundenen Bräutigam geworden ist. Dieser selbst bleibt in beiden Texten übrigens so blass und in seinem Verhalten seinen Partnerinnen gegenüber zweifelhaft, dass man sich insgeheim fragt, warum gleich zwei Damen derart verliebt in ihn sind – aber zu tief sollte man hier wohl nicht zu psychologisieren versuchen.

Zusätzlichen Reiz gewinnt der Band durch die Illustrationen von Isabel Große Holtforth, die mit ihren stilisierten, in Blau, Gold und Weiß gehaltenen Bildern eine zeitlose Begleitung zu den Geschichten schafft.

Wer nun übrigens neugierig geworden ist und gern noch mehr Märchen von oder über Frauen lesen möchte, findet hier eine kleine Auflistung von Buchtipps zum Thema.

Shawn C. Jarvis (Hrsg., unter Mitwirkung von Roland Specht Jarvis): Im Reich der Wünsche. Die schönsten Märchen deutscher Dichterinnen. München, C.H. Beck, 2012, 368 Seiten.
ISBN: 978-3406640247


Genre: Anthologie, Märchen und Mythen

Religion und Mythologie der Germanen

Mit Religion und Mythologie der Germanen holt Rudolf Simek weit aus, um einen Überblick über die Entwicklung religiöser Vorstellungen der verschiedensten germanischen Gruppen von den ersten greifbaren Anfängen bis zur Christianisierung zu geben. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem skandinavischen Kulturraum, der archäologisch und quellenmäßig gut erschlossen ist. Dient als Einstieg noch der schlaglichtartige Blick auf die Rezeption durch uns Heutige, geht es gleich darauf weit zurück bis ins Neolithikum, um ein Panorama der longue durée bestimmter Ideen und Kulthandlungen zu entwerfen. Von Bedeutung ist dabei ist dabei beispielsweise die kontinuierliche religiöse Nutzung mancher Orte über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende hinweg, auch wenn die konkreten Glaubensinhalte der frühesten Zeiten natürlich nicht überliefert sind.

Das ändert sich selbstverständlich, sobald Schriftquellen – seien sie nun inschriftlicher oder literarischer Art – ins Spiel kommen. Etwas Vorwissen schadet bei der Lektüre der ihnen gewidmeten Passagen sicher nicht, denn Simek hinterfragt viele scheinbare Gewissheiten. Insbesondere den Quellenwert der landläufig oft mit der nordischen Mythologie assoziierten isländischen Texte, die erst im christlichen Hochmittelalter entstanden, und dabei vor allem der Prosa-Edda des Snorri Sturluson setzt er nicht hoch an. Hier ist für ihn primär ein gelehrt mythografisches Interesse, wenn nicht gar eine von christlicher und antiker Literatur beeinflusste Fabulierfreude am Werk. So kommt es zu der sonderbaren Situation, dass sich über die frühe germanische Religiosität (etwa im Rahmen des Matronenkults im römischen Reich) teilweise stichhaltigere Aussagen treffen lassen als über die der uns historisch um einiges näheren Wikingerzeit. Neben der demnach nur bruchstückhaft zu rekonstruierenden Götterwelt und den Vorstellungen über Jenseits, Seele und Schöpfung rückt Simek deshalb immer wieder auch die Aspekte germanischer Religion in den Vordergrund, die durch archäologische Funde ganz konkret zu erkunden sind, etwa Opferhandlungen und Bestattungssitten.

Als Konstante in allen behandelten Epochen erweist sich letzten Endes die Tatsache, dass es so etwas wie ein einheitliches germanisches Heidentum zu keinem Zeitpunkt gab: Regionale und individuelle Unterschiede werden nicht nur an nicht miteinander in Deckung zu bringenden Mythenversionen deutlich, sondern auch z.B. daran, dass unterschiedliche Formen des Grabbrauchs (wie Brand- und Körperbestattung) in denselben Gegenden durchaus gleichzeitig praktiziert werden konnten. Im Fehlen einer klaren und einheitlichen Glaubensgrundlage sieht Simek auch einen wichtigen Faktor für das letztendliche Unterliegen der paganen Vorstellungen gegen das Christentum, das zwar weniger Raum für Variationen, dafür aber dank seiner schriftlichen Grundlage Verbindlichkeit und eine straffere Organisation zu bieten hatte.

Trotz aller unvermeidlichen Fragezeichen und Leerstellen ergibt sich so ein durchaus eindrucksvolles Gesamtbild. Was man dem Band allerdings gewünscht hätte, ist ein gründlicheres Lektorat, denn es sind viele Widersprüche stehengeblieben, die sich nicht aus dem disparaten Material an sich, sondern aus Simeks eigenen Interpretationen ergeben. So widerspricht er etwa bei der Behandlung der sogenannten Goldgubber – wohl kultisch genutzter Goldplättchen mit reliefartigen Darstellungen u.a. von unbekleideten Tänzern – der Deutung, hier könne der Gott Freyr gezeigt sein, da „man kaum den Gott selbst als nackt und tanzend dargestellt haben“ werde (S. 77); eine kleine vollplastische Figur, die einen bis auf die Kopfbedeckung nackten Mann zeigt, deutet er aber selbst als Freyr (S. 145 f.) und sieht auch nackte Pfahlidole als Götterdarstellungen (S. 103 f.), so dass sich beim besten Willen nicht erschließt, warum ein Gott zwar als Statue nackt gezeigt werden darf, auf einem Goldplättchen aber nicht. Auch Simeks Einschätzungen zum Bild, das man sich geistig von den Göttern machte, sind nicht in Deckung zu bringen: Ist nun „Odin (…) überhaupt der einzige wikingerzeitliche Gott, der als Reiter vorgestellt wird“ (S. 142), oder wird auch Thor nach Ausweis der mit ihm assoziierten Kenningar (dichterischen Umschreibungen) „offenbar als Reiter“ betrachtet (S. 136)? Noch deutlicher ist die absolute Gegensätzlichkeit der Aussagen bei der Meeresgottheit Ran: Ist sie zunächst eine „ganz zweifellos schon recht alte Göttin“ (S. 155), verkündet Simek wenig später genauso überzeugt: „Es dürfte sich also bei Ran nur um eine recht späte, im Heidentum auch kaum recht verbreitete Personifizierung der sinistren Seite des Meeres handeln, (…) und somit dürfte die Vorstellung einer Göttin des Reiches der Ertrunkenen mit diesem Namen recht jung sein“ (S. 212). Hier weiß man nun überhaupt nicht mehr, welcher Wertung des Autors man trauen soll.

Demensprechend zwiespältig muss auch das Gesamturteil ausfallen. Als quellenerschließendes Handbuch, das aufzeigt, welche Texte und archäologischen Funde Hinweise auf Glaubenswelten und -praktiken bieten, ist Religion und Mythologie der Germanen unbestreitbar von hohem Wert. Bei der Interpretation hingegen sollte man  Simeks Äußerungen sorgfältig hinterfragen, um nicht am Ende Deutungen, die sogar den Autor selbst schon nach ein paar Seiten nicht mehr überzeugen, für gesicherte Erkenntnisse zu halten.

Rudolf Simek: Religion und Mythologie der Germanen. 2., bibliographisch aktualisierte und überarbeitete Aufl. Darmstadt, Theiss (WBG), 2014, 336 Seiten.
ISBN: 978-3806229387


Genre: Geschichte, Märchen und Mythen

Die Kormorane von Ut-Röst

Zugegeben: Dem Klappentext und dem Vorwort dieser Märchenausgabe merkt man an, dass sie in erster Auflage schon 1965 erschienen ist, denn manche Formulierung wirkt aus heutiger Sicht hoffnungslos blumig und die ein oder andere inhaltliche Tendenz überholt. Blendet man diesen Rahmen jedoch aus, bieten Die Kormorane von Ut-Röst eine lesenswerte und vielfältige Auswahl aus den bekannten, im 19. Jahrhundert entstandenen norwegischen Märchensammlungen von Asbjørnsen und Moe.
Viele Motive wirken für mit der deutschsprachigen Märchentradition aufgewachsene Leserinnen und Leser sofort vertraut, aber gerade die Geschichten, von denen es auch mitteleuropäische Versionen gibt, lassen an einzelnen Elementen erkennen, dass die skandinavische Märchenwelt eben doch ein bisschen anders ist. So basiert z.B. das Märchen Die Tochter des Mannes und die Tochter der Frau offenkundig auf dem gleichen Grundgerüst wie Frau Holle, doch statt zu dieser gelangen die Äquivalente von Goldmarie und Pechmarie zu zwei Trollfrauen, mit denen nicht zu spaßen ist.
Ohnehin gehören Trolle in jeglicher Ausprägung zu den wiederkehrenden Figuren. Oft übernehmen sie die Rolle des bedrohlichen, wenn auch leicht zu überlistenden Monsters, gelegentlich aber erweisen sie sich auch als hilfsbereite und im Einzelfall sogar recht niedliche Zeitgenossen (etwa wenn eine magische Flöte gleich eine ganze Schar purzelnder kleiner Trolle heraufbeschwört, die den Helden unterstützen). Wie die Trolle länderübergreifend im skandinavischen Kulturraum zu finden ist übrigens auch die hier nur in einem Märchen erscheinende Gestalt des bösen Röd, der als übelwollender Ritter mit List und Tücke einem Königssohn Ruhm und Braut streitig macht, in isländischen Märchen dagegen häufig als finsterer Ratgeber Raud erscheint, der den Helden ebenfalls nicht wohlgesonnen ist.
Die märchentypische Brutalität ist in manchen Geschichten recht ausgeprägt, zumal sie nicht immer nur der Überwindung und Bestrafung des Bösen gilt. Häufig fallen ihr auch Unschuldige zum Opfer. Auch manches Ende bietet nicht den klassischen glücklichen Ausgang, den man vielleicht zu erwarten gewohnt ist: Ein Held bringt es fertig, in der Suppe zu ertrinken, während ein anderer zwei Prinzessinnen schwängert und nach der Eliminierung des restlichen Königshauses offenbar mit ihnen zusammenlebt. Umgekehrt erpresst eine hässliche Heldin einen Prinzen gnadenlos zur Heirat, indem sie droht, seinem verwitweten Vater sonst ihre schöne Schwester vorzuenthalten, in die der König sehr verliebt ist.
Neben typischen Märchen sind auch einige Texte enthalten, die man eher als Sagen kategorisieren möchte, so z.B. Gullfebla, eine Erzählung über einen Tauschhandel mit andersweltlichen Mächten, oder die titelgebenden Kormorane von Ut-Röst, in denen ein Fischer von den Lofoten drei Exemplaren dieser Vogelart begegnet, mit denen es eine ganz besondere Bewandtnis hat.
All dies fasst Käthe Wolf-Feurer in ihrer Übersetzung in eine zeitlose Sprache, in der auch die formelhaften Wendungen und die Übertragungen kurzer Gedichtstrophen überzeugend wirken. Wer Lust auf einen Ausflug in Märchenwelten abseits der Gebrüder Grimm hat, findet hier also unterhaltsame und manchmal durchaus überraschende Lektüre.

Käthe Wolf-Feurer (Hrsg.): Die Kormorane von Ut-Röst. Norwegische Märchen. Übersetzt von Käthe Wolf-Feurer. Stuttgart, J. Chr. Mellinger, 2. Aufl. 1981, 168 Seiten.
ISBN: 3880690952


Genre: Märchen und Mythen

Das Tal der Könige

Das Tal der Könige zählt zweifelsohne zu den wichtigsten Fundstätten, die einen Zugang zu Kultur und Religion des altägyptischen Neuen Reichs ermöglichen. Von der 18. bis zur 20. Dynastie diente es vor allem den Pharaonen, aber auch wenigen ausgewählten Personen ihres nächsten Umfelds (wie etwa bestimmten Prinzen und Wesiren) als Bestattungsort. Erik Hornung bietet in seiner kompakten Einführung Das Tal der Könige einen Überblick über die wichtigsten Felsgräber und ihr Bildprogramm.
Einleitend zeigt ein Abriss der Entdeckungs- und Forschungsgeschichte die wechselvolle Entwicklung, die das Tal der Könige seit der Entdeckung durchlaufen hat. Einzelne Gräber waren schon früh bekannt und zugänglich, wie etwa Graffiti aus hellenistischer und römischer Zeit, aber auch die Nutzung als Kirche und Unterkunft durch spätantike und frühmittelalterliche Christen belegen. Auf diese erste Phase der Schaulust und Umfunktionierung folgte ein langer Dornröschenschlaf, der mit dem Beginn der wissenschaftlichen Erforschung im 18. Jahrhundert endete. Einerseits glückten von dieser Epoche an bis ins 20. Jahrhundert spannende Entdeckungen (wie das berühmte, 1922 gefundene Grab Tutanchamuns), andererseits erwies sich das gesteigerte Interesse jedoch als fatal. Hatte man zunächst keine Hemmungen, rabiat mit den Funden umzugehen und z.B. besonders schöne Reliefs einfach aus den Wänden zu schlagen, trug ab dem 20. Jahrhundert vor allem der immer weiter anwachsende Massentourismus zur Schädigung der Gräber bei. Dieses Problem ist bis heute ungelöst, doch was überdauert hat, ist noch immer spektakulär genug.
Hornung stellt zunächst sachkundig und in ebenso detaillierten wie anschaulichen Beschreibungen die bedeutendsten Grabanlagen in chronologischer Folge vor und zeichnet die historische Entwicklung des Grundrissplans ebenso nach wie die des Bildprogramms, das in Königsgräbern anders als z.B. in Beamtengräbern nicht Alltagsszenen, sondern ausgefeilte Illustrationen religiöser Texte umfasste.
Diese werden im zweiten Hauptkapitel des Buchs ausführlich präsentiert. Auch wenn der Textbestand im Laufe der Zeit schwankte, war zentral stets die Einbindung des verstorbenen Königs in die allnächtliche Unterweltsreise und morgendliche Wiederauferstehung der Sonne. Auch für Laien gut verständlich werden die Glaubenszusammenhänge und ihre bestimmten Konventionen unterworfene bildliche Wiedergabe erläutert, so dass man am Ende das Gefühl hat, sich in der aus der Außenperspektive bisweilen verwirrenden altägyptischen Götter- und Mythenfülle ein wenig besser zurechtzufinden als bisher. Nur eines dieser Unterweltsbücher, das sogenannte Amduat, ist dabei in einer vollständigen schematischen Umzeichnung all seiner zwölf Szenen auch als Bildmaterial beigegeben. Hornung beschreibt allerdings alles so präzise, dass man das Fehlen eines in anderen Bänden der Reihe C.H. Beck Wissen durchaus vorhandenen Tafelteils allenfalls kurz bedauert. Ungünstig ist dagegen, dass die einzige Karte im Buch sich auf den Ostteil des Tals der Könige beschränkt, während die Legende auch Gräber erfasst, die im Westteil liegen (wie das des Pharaos Aja / Eje), so dass man hier in die Situation geraten kann, auf der Karte vergeblich nach einer in der Legende genannten Nummer zu suchen.
Auf den Hauptteil des Buchs folgen kurze Abschnitte zu Götterdarstellungen abseits der religiösen Bücher, Sarkophagen, Grabbeigaben und Grabraub, Königsmumien und dem eigentlichen Bau der Gräber. Wer sich allerdings speziell für eines dieser Themen interessiert, muss zu ausführlicheren und tiefergehenden Werken greifen, denn hier sind sie erkennbar nur als knappe Ergänzung zu den hauptsächlichen Untersuchungsgegenständen behandelt.
Bei den Schwerpunkten, die er setzt, ist Hornung jedoch ein kenntnisreicher und anregend formulierender Reisebegleiter in eine fremde Welt, der vor allem die Kunst, Bilder nur aus Worten entstehen zu lassen, sehr gut beherrscht. Als Einstieg in Jenseitsvorstellungen und Grabarchitektur des Alten Ägypten ist Das Tal der Könige daher auf jeden Fall zu empfehlen.

Erik Hornung: Das Tal der Könige. 2., durchges. Aufl. München. C.H. Beck, 2010, 125 Seiten.
ISBN: 9783406479953


Genre: Geschichte, Märchen und Mythen

Das Stuttgarter Hutzelmännlein

Im frühen 14. Jahrhundert will der nicht gerade mit überragenden Geistesgaben ausgestattete Schustergeselle Seppe von Stuttgart aus in die Welt ziehen. Vom geheimnisvollen Hutzelmännlein erhält er vor seinem Aufbruch nicht nur den Auftrag, nach einem ganz bestimmten Bleiklötzchen zu suchen, sondern auch mehrere magische Geschenke, darunter zwei Paar Schuhe, von denen er eines tragen, das andere aber am Wegrand zurücklassen soll, um zu seinem Glück zu gelangen. Dummerweise vertauscht Seppe jedoch jeweils einen Schuh des Paars, so dass ihm und der Finderin der zurückgelassenen Schuhe, der jungen Vrone, allerlei gefährliche Missgeschicke zustoßen. Daraus ergeben sich zahlreiche Abenteuer, in denen zwei ungesühnte Gattenmorde, ein Krakenzahn und das angeblich von der Titelfigur erfundene Hutzelbrot (eine Art Früchtebrot) eine nicht unwesentliche Rolle spielen, bis am Ende die ursprüngliche zusammengehörigen Schuhpaare auf ebenso unerwartete wie spektakuläre Art wieder zusammenfinden und damit auch Seppes und Vrones weiteres Leben bestimmen …
Eduard Mörikes 1853 zum ersten Mal erschienenes Stuttgarter Hutzelmännlein ist ein ebenso charmanter wie fabulierfreudiger Text, der rein formal auf halbem Weg zwischen Kunstmärchen und Novelle steht, aber trotz seiner so harmlosen Anmutung einige ziemlich subversive und ironische Elemente enthält. Der bekannteste Teil des Werks ist heute vermutlich die als eine von mehreren Binnenerzählungen eingefügte, aber auch als Vorgeschichte der Haupthandlung zentrale Historie von der schönen Lau um das Schicksal einer Wasserfrau im Blautopf bei Blaubeuren, aber auch der Rest der Geschichte ist sehr lesenswert und vergnüglich. Unverzichtbar bei der Lektüre ist allerdings das schon von Mörike selbst begonnene und von den modernen Herausgebern noch ergänzte Glossar, denn der Autor gibt der Sprache seiner Erzählung durch teils regionale, teils schon zu seiner Zeit überholte und archaische Begriffe ein ganz besonderes Gepräge. Selbst mit halbwegs soliden Kenntnissen früherer Sprachstufen des Deutschen stößt man hier deshalb garantiert auf einige Wörter, die einem noch nie begegnet sind, doch das ist, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, so amüsant wie die Geschichte selbst.
Denn so naiv sie in den Grundzügen anmuten mag, gewisse Untiefen fehlen eigentlich nie. Manchmal wird es verblüffend frech und doppeldeutig (so etwa im Traum der schönen Lau von der Wirtin und dem Abt), dann wiederum wird die Illusion eines fernen ursprünglichen Mittelalters gekonnt torpediert, wenn eine Figur im Suff lamentieren darf, dass ja leider das Schießpulver noch nicht erfunden ist. Der sich daraus ergebene Scherz wird sogar zu einer ganzen kleinen Nebenhandlung ausgestaltet. Trotz aller Ironisierung kommt auch immer wieder Mörikes spürbare Freude an poetischen Stadt- und Landschaftsschilderungen und an Sagen- und Märchenhaftem aller Art zum Tragen. Sympathisch ist, dass, anders als im typischen Märchen, auch die Antagonisten relativ gut davonkommen. Die Vergeltung, die sie für ihre Taten erleiden müssen, übersteigt ein gewisses Maß nicht und lässt die Aussicht auf Besserung.
Natürlich gäbe es noch mancherlei zu Entstehungszeittypischem und -untypischem, den entworfenen Geschlechterrollenbildern, literarischen Techniken und Mörikes immer wieder durchschimmernder gelehrter Bildung zu bemerken, aber ein literaturwissenschaftlicher Aufsatz soll diese Rezension ja nicht werden, sondern nur eine Leseempfehlung. Denn wer Lust auf ein liebenswertes Beispiel von Fantasy avant la lettre hat, sollte bedenkenlos zu diesem Klassiker greifen und sich ein paar unterhaltsame Lektürestunden gönnen.

Eduard Mörike: Das Stuttgarter Hutzelmännlein. Stuttgart, Reclam, 1970 (RUB 4755), 112 Seiten.
ISBN: 9783150047552


Genre: Märchen und Mythen, Roman

Loreley und Schlangenfrau

Es ist nicht den Nibelungen allein zu verdanken, dass der Rhein und seine Umgebung als „sagenhafte“ Gegend par excellence gelten. Burgenromantik, geschichtsträchtige Stätten und nicht zuletzt die Funktion des Flusses als Verkehrsweg und Schnittstelle zwischen verschiedenen Ländern und Kulturen sorgen dafür, dass sich alle möglichen Geschichten mit der Region verbinden. Aus Sagensammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts hat Tilman Spreckelsen für Loreley und Schlangenfrau eine bunte Auswahl zusammengestellt, die dem Lauf des Rheins von der Schweiz bis in die Niederlande folgt.
Die abgedeckte Bandbreite ist dabei groß, von der Form wie vom Inhalt her: Von längeren Erzählungen bis zu lakonisch auf zwei Sätze beschränkten Texten ist alles dabei. Einige Geschichten überformen tatsächliche oder vermeintliche historische Begebenheiten literarisch, während andere mit einer Fülle von märchenhaften und phantastischen Elementen aufwarten (wie der im Titel erwähnten, auf Erlösung hoffenden Schlangenfrau). Berühmtes steht neben eher Ungewohntem: Von der Loreley oder vom Binger Mäuseturm haben wahrscheinlich viele schon  einmal etwas gehört, vom Friesenherrscher Radbod oder von Einhard und Emma zumindest Geschichtsinteressierte. Andere Sagen drehen sich eher um Lokalheroen (wie etwa einen Wilderer aus dem Frankfurter Raum) oder um Motive, die man auch aus anderen Gebieten kennt, wie Teufelsspuk, bestraftes menschliches Fehlverhalten oder böse Vorzeichen. Gerade die Heterogenität der Mischung sorgt für Abwechslung und hält die Neugier wach, und so liest man sich mit Vergnügen durch die drei geographischen Räume, nach denen die Sammlung geordnet ist („Der junge Rhein und seine Zuflüsse“, „Von Basel bis zum Niederrhein“, „Das Rheindelta in den Niederlanden“).
Allein – die Sagen selbst sind auch so gut wie alles, was man bekommt, denn das Beiwerk fällt mager aus. In seinem Nachwort legt Spreckelsen zwar pauschal offen, auf welche vier Bücher er sich hauptsächlich gestützt hat (neben den Sagensammlungen Ludwig Bechsteins und der Brüder Grimm auch Johann Wilhelm Wolfs Niederländische Sagen und Meinrad Lienerts Schweizer Sagen und Heldengeschichten). Der sonst in Anthologien dieser Art übliche Einzelnachweis der Quellen für die jeweiligen Sagen fehlt jedoch leider. Auch die an gleicher Stelle angestellten Betrachtungen zur Stoffgeschichte und Flexibilität der Textgattung, die gerade vom Weitererzählen und zeitbedingten Umformen lebt, bleiben recht kurz und knapp.
Deshalb ist der Eindruck, den man von Loreley und Schlangenfrau hat, am Ende etwas gemischt. Zur kurzweiligen Lektüre taugt der Band auf jeden Fall, aber man hätte sich doch ein paar zusätzliche Ansatzpunkte für einen tieferen Einstieg ins Thema gewünscht.

Tilman Spreckelsen (Hrsg.): Loreley und Schlangenfrau. Rheinsagen von der Quelle bis zur Mündung. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch, 2018, 240 Seiten.
ISBN: 9783596906772


Genre: Märchen und Mythen

Ungeheuerlich

Alte Karten und Beschreibungen von Küsten und Meeren sind voller Fabelwesen, die mit der realen Fauna der dargestellten Region allenfalls bedingt etwas zu tun haben. Der Historiker Erling Sandmo nimmt sich in Ungeheuerlich. Seemonster in Karten und Literatur 1491 – 1895 der verblüffenden, unheimlichen und oft auch sehr amüsanten Kreaturen an, die durch die Bestände der norwegischen Nationalbibliothek geistern. In kurzen Kapiteln, die sich auch sehr gut unabhängig voneinander lesen lassen, wird jeweils ein wundersames Tier oder Phänomen vorgestellt, um dann in einer meist doppelseitigen historischen Illustration auch im Bild präsentiert zu werden. Die Übersetzung von Sylvia Kall wirkt elegant und flüssig, so dass die Lektüre zur genüsslichen Entdeckungstour werden kann.
Während Seeschlangen, Meermenschen oder schiffeversenkende Riesenkraken fast schon zum Standardinventar phantasievoller Seefahrergeschichten zählen, begegnet man in Sandmos kleinem Kompendium der bizarren Meeresbewohner auch originelleren Geschöpfen, so etwa dem ebenso gierigen wie ängstlichen swamfisk, der sich im Notfall sogar selbst auffrisst.
Neben Ungeheuern im eigentlichen Sinne bevölkern auch reale Tiere, über die man Merkwürdiges berichtete, die Seiten. Vermeintliche Wunderzeichen (wie eine im 17. Jahrhundert gefangene Scholle, deren Haut ein Kreuzeszeichen aufwies, so dass man sogleich den Bischof von Bergen informierte) stehen neben ungewöhnlichen Verhaltensweisen, die man bei Walross, Rochen oder Wal beobachtet haben wollte. Darüber hinaus spielen immer wieder auch andere erstaunliche Geschichten eine Rolle. So vertrat ein Geistlicher im frühen 18. Jahrhundert etwa die Theorie, Odysseus habe nicht nur die Lofoten bereist, sondern sei überdies mit Odin gleichzusetzen.
Wie vieles in dem Buch regt diese These aus heutiger Sicht natürlich zum Schmunzeln an, aber all das Witzige, Abstruse und Unterhaltsame trägt letztlich dazu bei, eine durchaus ernsthafte Geschichte zu erzählen – die nämlich von einem Wandel des Weltbilds, das in der hier im Zentrum stehenden Frühen Neuzeit einen allmählichen Übergang von Wundergläubigkeit und mythischer Zeichenhaftigkeit zu naturwissenschaftlichen Erklärungen erlebte. Stand erst noch die Frage im Vordergrund, was Erscheinen und Verhalten eines monströsen Wesens im wahrsten Sinne des Wortes zu bedeuten hätten, überwog später der Aspekt der Erforschung. Sandmo weiß mit leichter Hand deutlich zu machen, dass die Welt im Zuge ihrer Entzauberung zwar viel von ihrem Schrecken, aber in gewisser Weise auch etwas von ihrem Charme einbüßte.
Umso schöner ist es, den heute größtenteils vergessenen Bewohnern eines mit Magie und Legenden aufgeladenen Meeres in Ungeheuerlich begegnen zu können und sich auch an der liebevollen Gestaltung zu freuen: Beispielsweise ist im vorderen Buchdeckel der Innenteil einer Windrose ausgespart, so dass einen vom Vorsatzblatt aus ein Ungeheuerauge aus dem geschlossenen Buch anblickt. Ein rundum gelungenes kleines Werk also, dem man viele begeisterte Leserinnen und Leser (sowie Betrachterinnen und Betrachter) wünscht!

Erling Sandmo: Ungeheuerlich. Seemonster in Karten und Literatur 1491 – 1895. München, Nagel & Kimche, 2018, 100 Seiten.
ISBN: 9783312010943


Genre: Kunst und Kultur, Märchen und Mythen, Sachbuch allgemein