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Märchen von Raben

Raben haben von jeher in vielen Kulturen einen festen Platz in Mythologie, Sagen und Märchen. Dabei ist ihre Rolle so ambivalent wie ihr Ruf im wahren Leben: Während einerseits ihre Klugheit Bewunderung hervorruft, werden sie andererseits als Aasfresser auch immer wieder mit Tod und Ungemach in Verbindung gebracht. Ein buntes Potpourri von Rabengeschichten aller Art tragen Christel und Thomas Bücksteeg in ihrer Anthologie Märchen von Raben zusammen.

Gerahmt von zwei Rabengedichten von Heinz-Albert Heindrichs präsentieren vier Kapitel die Märchen und anderen Texte grob nach Themen geordnet. Unter der Überschrift Aitiologisches – oder: Wie manches begann trifft man zunächst in überwiegend aus Nordamerika und Sibirien stammenden Geschichten auf Raben als mächtige Schöpferwesen, aber auch als tricksterhafte Gestalten, die es nicht immer gut mit den Menschen meinen.

Anders ist das im zweiten Kapitel, Von helfenden, machtvollen und weisen Raben: Hier werden Raben überwiegend als unterstützende, manchmal aber auch erziehende Instanz tätig, um den Protagonisten der Märchen zu ihrem Glück zu verhelfen. Bisweilen treten sie jedoch auch als Gegner auf, so etwa der zunächst in einen Raben verwandelte böse Zauberer im Märchen Die Prinzessin auf dem Baum.

Dieser Schurke nimmt in gewisser Weise schon das Thema des dritten Kapitels, Von Verwandlungen, vorweg. Hier zeigt sich nämlich, dass Menschen leicht in Raben verwandelt werden können, wenn auch nicht immer freiwillig. Glücklicherweise lässt sich dieses Schicksal aber gegebenenfalls auch rückgängig machen, sei es durch die Hilfe einer mutigen Schwester (wie in den Sieben Raben der Brüder Grimm) oder durch das Herausfinden eines bestimmten Verwandelten unter vielen Raben – ein Motiv, das hier in Der Teufel und die hundert Raben aufscheint, einem aber vielleicht eher aus Otfried Preußlers Roman Krabat bekannt vorkommt.

Im vierten und letzten Kapitel, Verschiedenes mit Raben und Krähen, ist schließlich ohne besondere inhaltliche Klammer allerlei zusammengetragen, was sich um Raben dreht, aber nicht unbedingt als typisches Märchen einordnen lässt. So ist hier die Kyffhäuser-Sage um Friedrich Barbarossa enthalten, aber auch eine traurige, von Plinius überlieferte Geschichte aus dem alten Rom um die Tötung eines Raben durch einen Schuster, der daraufhin prompt selbst gelyncht wird, während man dem Raben feierlich die letzte Ehre erweist.

Gerade angesichts dieser doch sehr heterogenen Mischung von Textmaterial hätte man sich eine etwas ausführlichere Einordnung gewünscht, aber das Herausgeberpaar beschränkt sich in seinem knappen Vorwort auf die allerwesentlichsten Hinweise. Dieser Minimalismus in Sachen Beiwerk mindert jedoch das Vergnügen an der Lektüre der Geschichten selbst keineswegs, die viel Interessantes und Amüsantes enthalten (so etwa die der Sage Der Rabe und die Fischgräten zu verdankende Erkenntnis, dass es grätenfreien Hering gäbe, wenn die Rache eines von den Menschen verspotteten Raben nicht gewesen wäre). Nicht nur Rabenfans sollten also einmal einen Blick in die Märchen von Raben werfen.

Christel und Thomas Bücksteeg (Hrsg.): Märchen von Raben. 3. Aufl. Krummwisch bei Kiel, Königsfurt-Urania, 2020, 192 Seiten.
ISBN: 978-3-86826-080-9


Genre: Märchen und Mythen

Märchen aus der Provence

Heutzutage ist die Provence im Süden Frankreichs vor allem als Urlaubsregion bekannt und beliebt, aber sie zeichnet sich auch durch einen reichen Schatz volkstümlicher Überlieferung aus. Eine Sammlung von Märchen aus der Provence hat Marlies Hörger zusammengetragen und dabei nicht nur auf ältere Märchenbücher zurückgegriffen, sondern auch auf größtenteils in den 1980er Jahren aufgezeichnete mündliche Erzählungen von Menschen aus Südfrankreich. Gerade hier trifft die griffige Bezeichnung „Provence“ im Titel geographisch nicht in jedem Fall zu, denn offenbar haben auch Personen aus dem Languedoc einzelne Märchen beigesteuert.

Dem Lesevergnügen tut das keinen Abbruch, und es macht viel Spaß, gerade dort, wo Parallelen zu in Deutschland bekannten Märchen deutlich werden, auch das Abweichende und Unerwartete zu entdecken. So enthält das Buch etwa eine Variante des Sieben-Geißlein-Stoffes – Der Wolf und die Ziegen – , in der auch noch ein hinterlistiger Fuchs mit Appetit auf Käse mitmischt und die Zicklein sich als weitaus wehrhafter erweisen als in der vertrauten Version.

Auffällig ist die religiöse Färbung mancher Texte. Während Märchen sonst oft eher säkular daherkommen, muss man hier damit rechnen, eine Ziege auf Pilgerfahrt gehen zu sehen oder auch schon einmal den heiligen Petrus in der Rolle der wegweisenden Instanz zu erleben, wenn nicht ein irdischer Religionsvertreter wie der Erzbischof von Auch um Rat gefragt wird. Vollends verschwimmen die Grenzen zur Heiligenlegende im Märchen Vom wilden Wassermann, wenn der heilige Caesarius von Arles eine von der Titelfigur entführte junge Frau rettet.

Andere Geschichten stehen in ihrer Ortsgebundenheit dagegen eher der Sage nahe. Die Hexe von Le Grep etwa treibt ihr Unwesen in der Nähe von Cabrolles (bei Menton), während in der Klosterruine von Montmajour Die goldene Ziege haust, um Schätze im nahen Mont de Cordes zu hüten.

Ein ausführliches Nachwort schildert liebevoll die historischen und kulturellen Besonderheiten der Region und hilft, die Eigenarten der hier versammelten Märchen einzuordnen. Sowohl Märchenfans als auch Südfrankreichbegeisterte dürften daran ihre Freude haben.

Marlies Hörger (Hrsg.): Märchen aus der Provence. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch, 2014 (Nachdruck der Ausgabe von 1991), 156 Seiten.
ISBN: 978-3-596-37025-2


Genre: Märchen und Mythen

Märchen von Füchsen

Füchse sind so gut wie weltweit verbreitet. Aus menschlicher Sicht erscheinen sie ambivalent: Einerseits als kluge und schöne Tiere bewundert, sind sie doch andererseits als Geflügeldiebe verschrien und nicht unbedingt bei jedem beliebt. So ist es nicht verwunderlich, dass auch aus der Darstellung des Fuchses im Märchen teils Sympathie, teils handfeste Abneigung spricht. Sabine Lutkat und Wolfgang Schultze bemühen sich als Herausgeber des Buchs Märchen von Füchsen jedoch, in der Mehrzahl Geschichten zu präsentieren, die ein eher positives Fuchsbild vermitteln.

Die aus älteren Sammlungen zusammengetragenen und teilweise von Sabine Lutkat neu bearbeiteten Märchen sind in sieben Abschnitten nach Themen geordnet. Während Der Fuchs in der Welt der Tiere den Fuchs in einem eher fabelähnlichen Umfeld zeigt, in dem er primär mit seinesgleichen oder anderen Tierarten interagiert, unterstützt Der hilfreiche Fuchs Menschen. Der listige Fuchs entspricht noch am ehesten dem allgemein bekannten Klischee vom schlauen Fuchs. Dagegen zeigt das Kapitel Der überlistete Fuchs, dass es auch einmal anders ausgehen kann und der hier vielleicht nur vermeintlich Kluge nicht immer die Oberhand behält. Der dankbare Fuchs revanchiert sich für erwiesene Wohltaten. Der gestaltwandelnde Fuchs müsste eigentlich den Titel „Die gestaltwandelnde Füchsin“ tragen, da die hier versammelten, vielfach aus Ostasien stammenden Märchen meist von einer Beziehung zwischen einem Mann und einer Fuchsfrau in Menschengestalt handeln, wohingegen heiratswillige Fuchsmänner es offenbar seltener auf Menschenfrauen abgesehen haben. Der unsterbliche Fuchs schließlich ist eher eine Art Coda als ein vollgültiges Kapitel, ist hier doch nur eine einzige Geschichte um einen zauberkundigen Fuchs enthalten, der zunächst von einem Menschen seiner Magie beraubt wird, am Ende aber doch triumphiert. Ein Quellenverzeichnis mit Hinweisen auf die Fälle, in denen Texte überarbeitet worden sind, rundet den Band ab. In ihrem Vorwort bieten die Herausgeber einen knappen Überblick über Kultur- und Literaturgeschichte des Fuchses, um dann die Gliederung ihrer Märchensammlung zu erläutern und mit wenigen Worten die einzelnen Texte vorzustellen.

Deutlich wird dabei sowohl im kurzen Sachteil als auch in den Märchen selbst, dass der Fuchs unabhängig davon, ob man ihm nun mit Wertschätzung oder mit Misstrauen begegnet, vor allem ein Tier ist, dem im volkstümlichen Erzählen über seine Listigkeit hinaus magische Kräfte zugeschrieben werden. Manche davon – so etwa die Fähigkeit, sich in einen Menschen zu verwandeln – tauchen sogar kulturübergreifend in Geschichten aus verschiedensten Weltgegenden auf. Genauso unabhängig von der geographischen Herkunft eines Märchens ist offensichtlich auch die Moral, sich tunlichst mit Füchsen gutzustellen, denn abgesehen von den seltenen Fällen, in denen ein Mensch sich als noch schlauer als ein Fuchs erweist, bedeutet es Ärger, es sich mit den Tieren zu verscherzen, während ihre Dankbarkeit, Freundschaft oder gar Liebe sich als sehr nützlich erweisen kann.

Doch auch wenn man keine Motivstudien betreiben möchte, liest sich die bunte Mischung von Fuchsgeschichten aus aller Herren Länder unterhaltsam und vergnüglich. Allen Fuchsfans und Märchenbegeisterten sei sie hiermit also ans Herz gelegt.

Sabine Lutkat, Wolfgang Schultze (Hrsg.): Märchen von Füchsen. Krummwisch bei Kiel, Königsfurt-Urania, 2017, 192 Seiten.
ISBN: 978-3-86926-071-7


Genre: Märchen und Mythen

Sagen aus Skandinavien

Zu den in den letzten Jahren vom Fischer Verlag neu aufgelegten älteren Märchen- und Sagenausgaben zählen auch die Sagen aus Skandinavien von Berndt Schulz. Anders als bei vielen neueren Sagenbüchern finden sich hier erfreulicherweise noch Vor- und Nachwort. Während einleitend die genutzten Quellen und unterschiedliche Sagentypen vorgestellt werden, wird abschließend der Troll als besonders häufig auftretende Figur der skandinavischen Sagen in seinen wechselnden Ausprägungen analysiert.

Das eigentliche Textkorpus bietet eine recht eklektische Zusammenstellung: Auszüge aus den Gesta Danorum des Saxo Grammaticus sind hier ebenso vertreten wie Geschichten, die man sonst eher in Märchenbüchern findet, etwa die norwegischen Trolle im Hedalwald. Berühmte Sagen wie die um Peer Gynt oder die um den Prinzen Amleth, auf der Shakespeares Hamlet basiert, stehen neben kürzeren und unbekannteren mit stark regionalem Bezug. Dabei entsteht leider ein gewisses Ungleichgewicht, denn Dänemark ist eben nur durch die bei Saxo Grammaticus überlieferten historischen Heldensagen repräsentiert, während die Schweden und Norwegen gewidmeten Abschnitte thematisch weniger einseitig daherkommen und eine buntere Fülle unterschiedlicher Inhalte zu bieten haben.

Obwohl die drei geographisch geordneten Buchteile also nicht wirklich vergleichbar sind, gestaltet sich die Lektüre insgesamt interessant und vergnüglich. Trolle, Hausgeister, Lindwürmer und Werwölfe sind hier ebenso unterwegs wie literarisch überformte historische Gestalten, und in manch einer neuzeitlichen Sage kann man auch gut Parallelen zu älteren Stoffen erkennen. Wer z.B. die schwedische Sage Die weiße Schlange liest, in der man durch den Genuss von Schlangenfleisch besondere Klugheit gewinnt, wird sich an diejenigen Varianten der Sigurd- bzw. Siegfriedsage erinnert fühlen, in denen der Held die Sprache der Tiere verstehen lernt, indem er Drachenblut zu sich nimmt.

Zum Charme des Bands tragen in erheblichem Maße auch die liebevoll gestalteten Illustrationen von Ingeborg Haun bei, die Szenen aus den im Buch enthaltenen Sagen mit verspielt umgesetzten Knotenmuster- und Tierstilmotiven der Wikingerzeit vereinen. Einen netten Ausflug in ein sagenhaftes Skandinavien kann man so allemal unternehmen.

Berndt Schulz (Hrsg.): Sagen aus Skandinavien. Frankfurt am Main, Fischer, 2016 (unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1981), 160 Seiten.
ISBN: 978-3-596-31319-8


Genre: Märchen und Mythen

Die schönsten Liebesmärchen der Welt

Liebe ist ein Thema in zahlreichen Märchen aus aller Welt. Eine Hochzeit gehört fast schon zu den unverzichtbaren Komponenten eines glücklichen Endes, und oft genug ist der Wunsch, Partner oder Partnerin zu retten oder überhaupt erst einmal von sich zu überzeugen, das Hauptmotiv für Held oder Heldin, ins Abenteuer auszuziehen. Doch es gibt auch Abweichungen vom klassischen Schema, die einen beim Lesen überrascht oder amüsiert zurücklassen. Eine abwechslungsreiche Auswahl aus der reichen Fülle von Liebesmärchen hat Clara Paul in Die schönsten Liebesmärchen der Welt zusammengestellt.

Einige Texte sind dabei garantiert nicht nur Märchenfans vertraut: Rapunzel oder das französische Märchen Die Schöne und das Tier begegnen einem vermutlich oft schon in der Kindheit. Doch viele der hier versammelten Märchen richten sich eindeutig eher an ein erwachsenes Lesepublikum, und das nicht nur, weil es manchmal durchaus derb erotisch zugehen kann (wie in der dänischen Geschichte Der Wahrsager). Vielmehr werden auch die Schattenseiten der Liebe verhandelt, wenn bespielsweise in dem italienischen Märchen Meine Frau, die Sirene ein eifersüchtiger Seemann seine untreue Frau zu ertränken versucht und dann bei einem Wiedersehen unter Wasser wesentlich mehr Glück hat, als er verdient. Ohnehin überdauert die Liebe im Märchen so manches, ob nun Ehekrisen, Anschläge von Neidern und Feinden, schieres Pech oder sogar den Tod.

Nicht immer ist es jedoch die Zweierbeziehung allein, die im Mittelpunkt steht. Mehrfach wird z.B. auch die Frage nach der Geschlechtsidentität gestellt. Während es im georgischen Märchen Wie das Mädchen zum Mann wurde die Tochter eines Wesirs gezielt darauf anlegt, in einen Mann verwandelt zu werden, ist es in der Geschichte Der Zauberbrunnen aus Afghanistan für einen Prinzen ein eher unschönes Erlebnis, sich unversehens als Frau wiederzufinden.

Zeitlich ist das abgedeckte Spektrum größer als bei den meisten Märchenbüchern, die sich oft auf neuzeitliche Volks- und Kunstmärchen konzentrieren: Mit Apuleius (Amor und Psyche) und Nizami (Die Geschichte von den Heimsuchungen der Liebenden) sind auch Antike und Mittelalter vertreten. Geographisch ist der Rahmen ebenfalls relativ weit gesteckt, von Europa über den nahen und mittleren Osten bis hin nach Japan und Tahiti. Fast schon überrepräsentiert wirkt dabei Italien, und ein Blick ins Quellenverzeichnis lässt ahnen, woran das liegen könnte: Sämtliche Märchen sind älteren Sammlungen entnommen, und besonders häufig ist eine mit Märchennacherzählungen von Italo Calvino als Fundgrube genutzt worden.

Was dem Buch leider fehlt, ist ein Vor- oder Nachwort, das die Auswahlkriterien offenlegen und vielleicht auch eine Einordnung der kulturübergreifend zu beobachtenden Motive, aber auch etwaiger Unterschiede vornehmen könnte. So bieten Die schönsten Liebesmärchen der Welt zwar unterhaltsame Lektüre, aber wer sich etwas tiefergehend mit ihnen befassen möchte, erhält keinerlei Hilfestellung.

Clara Paul (Hrsg.): Die schönsten Liebesmärchen der Welt. Berlin, Insel Verlag, 2017, 240 Seiten.
ISBN: 9783458363002


Genre: Anthologie, Märchen und Mythen

Homers Odyssee

Die Odyssee zählt zu den bekanntesten und wirkmächtigsten Texten der Weltliteratur. In seiner kompakten Einführung Homers Odyssee bietet der Altphilologe Bernhard Zimmermann eine lebendig geschriebene und kluge Annäherung an das Epos, dessen Faszination bis heute ungebrochen ist.

Zimmermann datiert die Odysee auf etwa Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. und beginnt seine Darstellung, indem er dem schwer fassbaren Dichter Homer nachspürt, über den bei allem Ruhm schon in der Antike mehr Legendarisches als historisch wirklich Belastbares berichtet wurde. So undeutlich die Person des Autors also gezwungenermaßen bleibt, lässt sich doch viel zu Sprache und Versmaß sagen, und Zimmermann bietet in diesem Kontext eine der klarsten Erläuterungen der Funktionsweise des daktylischen Hexameters, die man in der Literatur finden kann. Selbst wer sich sonst nicht gern mit dem Metrum von Dichtungen auseinandersetzt, wird hier garantiert das Wesentliche nachvollziehen können.

Nach einem kurzen Forschungsabriss zur Homerphilologie seit dem Altertum steht im nächsten großen Abschnitt der Inhalt der Odyssee selbst im Mittelpunkt, die nicht nur ausführlich nacherzählt, sondern auch gut in ihren Sagenkontext (welche Ereignisse sind vorher, welche nachher zu denken?) eingeordnet wird. Nachdem so eine Verständnisbasis auch für diejenigen, die den Primärtext (noch) nicht kennen, geschaffen worden ist, folgt ein Analyseteil, in dem Struktur, Erzähltechnik, Motive und Poetik des Epos gründlich unter die Lupe genommen werden. Besonderen Wert legt Zimmermann dabei auf die Zeichnung der Figuren, denen noch einmal ein eigenes Kapitel gewidmet ist.

Deutlich wird in Zimmermanns Untersuchung insbesondere die Verknüpfung von Phantasie und heldenhafter, zeitlich unbestimmter Vorzeit einerseits mit der realen Lebenswelt von Mittelmeeranrainern des 7. Jahrhunderts andererseits, in der die Seefahrt ebenso sehr Wirtschaftsfaktor und verheißungsvolles Abenteuer wie lebensgefährliches Risiko ist und selbst sozial hochgestellte Persönlichkeiten nicht davor gefeit sind, unversehens als Sklaven zu enden. Dauerhaft bestehen kann in einer solchen Gesellschaft nur, wer tragfähige Bindungen hat – zu Eltern und Kindern, zum Ehepartner und zu Gefolgsleuten, aber nicht zuletzt auch zu den Göttern, deren Wohlwollen es sich zu erhalten gilt. In diesem Zusammenhang sieht Zimmermann nicht zuletzt auch das Schicksal der Atriden um Agamemnon, dessen Familie auf grausige Art zerbricht, als immer im Hintergrund mitzudenkende Folie für die trotz aller Gefahren für sämtliche Beteiligte erfolgreichere Heimkehr des Odysseus zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Telemach.

Ganz generell kann die Odyssee also auch unabhängig von ihrer Entstehungsepoche als Geschichte des Überstehens schwerer Zeiten mithilfe von Klugheit und Durchhaltevermögen gelesen werden (ob nun auf Odysseus selbst bezogen oder z.B. auch auf Penelope, die sich mit List und Tücke der zudringlichen Freier erwehren muss, um ihrem Mann treu zu bleiben). Auch diese Thematik trug dazu bei, ihr im Laufe der Jahrhunderte eine eifrige Rezeption zu sichern, über die Zimmermann in einem letzten Kapitel einen kurzen Überblick gibt, der den Schwerpunkt allerdings stark auf die Antike legt. Knappe Literaturhinweise und ein Register runden den Band ab.

Wer einen ersten Einstieg in die Odyssee sucht, ist mit dem kurzen Buch auf alle Fälle gut beraten, aber auch alle, die den Text selbst schon kennen, können Zimmermanns frische Deutungsansätze und insbesondere seine Einordnung in den historischen Entstehungszusammenhang mit Gewinn lesen.

Bernhard Zimmermann: Homers Odysee. Dichter, Helden und Geschichte. München, C.H. Beck, 2020, 128 Seiten.
ISBN: 978-3406750229


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur, Märchen und Mythen

Dornröschen, wir müssen reden!

Mit unseren Erzählungen weben wir die Welt – dieses Motto stellt Nina Bodenlosz ihrem Buch moderner Märchenumdichtungen voran und macht damit deutlich, wie sehr Geschichten neben ihrem Unterhaltungswert auch die Funktion haben, Weltsichten zu vermitteln und zu prägen. Das manches traditionelle Märchen unter diesem Aspekt nicht sonderlich gut wegkommt, wenn man heutige Wertmaßstäbe anlegt, versteht sich von selbst, und so stellt die Autorin humorvoll allerlei vertraute Geschichten von Rumpelstilzchen bis zur Gänsemagd auf den Kopf (wobei das titelgebende Dornröschen gleich zweimal vertreten ist).

Dem typischen Märchentonfall bleibt sie dabei über weite Strecken relativ treu, bricht ihn aber bewusst, sei es durch eine gezielt moderne Ausdrucksweise in den Dialogen oder punktuelle inhaltliche Aktualisierungen (so betreibt die Mutter der insbesondere für alternde Wölfe mit Vorsicht zu genießenden sieben Geißlein erfolgreich eine Molkerei, während Rapunzels Hexe auf dem Fahrrad anrückt und eines der beiden Dornröschen lieber Krimis liest, als ein anstrengendes Prinzessinnenleben zu führen).

Gelegentlich ist die komplette Geschichte in die Gegenwart versetzt, etwa bei Hänsel und Gretel, die, als planlose Dauerstudenten von ihren Eltern auf rüde Art ausquartiert, einer drogenmischenden Hippie-Hexe in die Falle gehen. Manchmal wirkt auch schon ein Perspektivwechsel wahre Wunder: Die Geschichte Vom Fischer un syner Fru hat nicht nur einen modernen Angler und dessen Freundin zu Hauptfiguren (die gegenüber den Protagonisten des klassischen Märchens auch noch in gewissem Maße die Rollen tauschen), sondern wird zudem aus der Sicht des bedauernswerten Butts erzählt.

Einige der Märchen dienen darüber hinaus als Vehikel für politische Satire. So sind bei dem Herrscher in Bodenlosz‘ Version von Des Kaisers neue Kleider, der die Meinung des Volks mit per Papiervogel versandten Botschaften zu beeinflussen versucht, Ähnlichkeiten zu einem bekannten, eifrig twitternden Staatschef nicht von der Hand zu weisen, und auch der Umgang von Schneewittchens böser Stiefmutter mit ihrem Spiegel erlaubt es, Parallelen zum Verhältnis bestimmter Politiker zu den Medien zu ziehen.

Vor allem aber haben viele Texte eine unverkennbar feministische Stoßrichtung, wenn gnadenlos die aus heutiger Sicht fragwürdige und nicht selten latent bis offen misogyne Moral der ursprünglichen Märchenfassungen bloßgelegt wird. Bei Nina Bodenlosz sind es nicht die Braven und Biederen, die triumphieren, sondern die stillen wie lauten Rebellinnen, ganz gleich, ob sie nun durch einen langen Atem und überlegene juristische Kenntnisse punkten wie die Prinzessin in der Geschichte vom glücklicherweise Doch-nicht-ganz-König Drosselbart, offensiv für ihre Rechte kämpfen wie die Pechmarie oder wie Rapunzel zu der Erkenntnis gelangen, dass es nie zu spät ist, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Aber nicht nur Frauen haben unter restriktiven gesellschaftlichen Spielregeln zu leiden: So hat es in Fröschelein der Froschkönig auch nicht leichter als die Prinzessin, und wer sich schon immer gefragt hat, warum der eiserne Heinrich – pardon, der Diener Willi! – von allen am unglücklichsten über die Verwandlung seines Herrn war, findet hier eine plausible Erklärung.

Das alles liest sich leicht, locker und vergnüglich weg und schärft dabei den Blick dafür, dass man auch Geschichten, die man schon lange kennt (und womöglich schätzt), nicht unhinterfragt lassen sollte.

Wer Märchen übrigens lieber hört, als sie zu lesen, hat bei diesem Buch Glück: Nina Bodenlosz trägt auf ihrem Youtube-Kanal, unterstützt von Heike Baller von der Kölner Leselust, Auszüge aus Dornröschen, wir müssen reden! mit viel Verve und Begeisterung vor.

Nina Bodenlosz: Dornröschen, wir müssen reden! Märchen, die sich neu erfunden haben. Hamburg, Tredition, 2018, 252 Seiten.
978-3-7469-6539-0 (e-Book; auch als Taschenbuch und gebundenes Buch erhältlich)


Genre: Märchen und Mythen

Von den Fischen in der Ostsee

Märchen, Sagen und andere Geschichten aus der volkstümlichen Überlieferung sind oft stark regional geprägt. Was Mecklenburg-Vorpommern in dieser Hinsicht zu bieten hat, präsentiert Albert Burkhardt in der vielseitigen Sammlung Von den Fischen in der Ostsee.

Die titelgebenden Meerestiere, die in einer der hier erzählten Sagen den Hering zu ihrem König machen, sind allerdings nicht die einzigen Figuren, denen Leserinnen und Leser in der Fülle zumeist eher kurzer Texte begegnen: Neben historischen Gestalten wie Störtebeker oder Wallenstein geben sich auch Geister, Raubritter, Riesen, Zwerge, Kobolde, Lindwürmer, die Wilde Jagd, Prinzessinnen und der Teufel höchstpersönlich ein Stelldichein.

Auch die Vielfalt an Handlungszeitpunkten ist recht groß, von diffus weit entfernten, wahrhaft sagenhaften Epochen bis ins 19. Jahrhundert. Dementsprechend unterschiedlich sind auch Tonfall und Art der Geschichten, die vom archaisch anmutenden Ungeheuerkampf über Schildbürgerstreiche bis hin zur augenzwinkernd dargebotenen Anekdote eine große Bandbreite abdecken und neben bekannten Stoffen wie z.B. der Vinetasage oft auch lokalen Besonderheiten gewidmet sind. Interessant ist, dass einige Erzählmotive dabei in recht ähnlicher Form von verschiedenen Orten überliefert sind. So gibt es etwa mehrere den mittelalterlichen Konflikt zwischen dem Landadel und den aufstrebenden Städten thematisierende Sagen, in denen jeweils ein Ritter von gerissenen Bürgern übertöpelt wird, sich aber letzten Endes friedlich mit seiner Niederlage abfindet.

Die einprägsamen Illustrationen von Werner Schinko ergänzen die Texte humorvoll und verleihen nicht nur Heldinnen, Schurken und Spukgestalten ein Gesicht, sondern auch den bemerkenswert vielen Tieren, die sich in den Geschichten tummeln, vom Krebs über die Krähen bis hin zu gespenstischen Hunden. Auch dort, wo sie nicht in den Sagen und Märchen erwähnt sind, tauchen in den Bildern Möwen oder Eulen als amüsantes Detail am Rande auf.

Was man sich zusätzlich gewünscht hätte, wäre allerdings eine Liste mit Quellenangaben oder zumindest ein Nachwort. Wann und wie genau die Geschichten zusammengetragen worden sind, bleibt nämlich leider genauso offen wie die Frage, ob die vorliegenden Textfassungen alle von dem hier nur als Sammler identifizierten Albert Burkhardt stammen oder ob er auf ältere Versionen zurückgegriffen hat. Einzelne Details (so z.B. der Hinweis auf im Zweiten Weltkrieg erfolgte Zerstörungen von Gebäuden) verweisen zwar auf einen Erzählzeitpunkt nach 1945, während die Erwähnung des inzwischen geschlossenen Museums für Ur- und Frühgeschichte in Schwerin als noch bestehend auf ein Alter der Geschichten von zumindest ein paar Jahrzehnten hindeutet, aber einordnende Zusatzinformationen hätten einem doch sehr weitergeholfen.

Insgesamt jedoch ist das auch äußerlich gelungen gestaltete Buch eine nette Lektüre für Märchen- und Sagenfans ebenso wie für Ostseereisende und eignet sich zweifelsohne dazu, mehr als einmal zur Hand genommen zu werden.

Albert Burkhardt (Hrsg.): Von den Fischen in der Ostsee. Sagen, Märchen udn Geschichten aus Mecklenburg-Vorpommern. Illustrationen von Werner Schinko. 2. Aufl. Berlin, Steffen Verlag, 2018, 168 Seiten.
ISBN: 978-3941683945


Genre: Märchen und Mythen

Ovids Metamorphosen

Seit der Antike zählen Ovids Metamorphosen zu den meistrezipierten Dichtungen und dienen nicht nur als Schul- und Studienlektüre, sondern auch als Inspirationsquelle für Kunst und Literatur. Niklas Holzberg bietet eine kompakte Einführung in das Werk, das er sachkundig in das Wenige einbettet, was über das Leben seines Autors bekannt ist. Insbesondere die Frage, ob Ovid die Metamorphosen schon in Rom vollendete oder noch daran arbeitete, nachdem er von Augustus ans Schwarze Meer verbannt worden war, wird dabei mehrfach aufgeworfen, ohne dass Holzberg zu einer letztgültigen Antwort darauf gelangt.

Der Aufbau seiner Einführung folgt dabei dem der Metamorphosen selbst, die sich in drei elegant miteinander verbundene Fünfergruppen (Pentaden) von Büchern gliedern, deren episodische Handlung einen Zeitraum von der Erschaffung der Welt bis zum Tod Caesars im Jahr vor Ovids Geburt abdeckt. Erzählt werden die bekanntesten Verwandlungsgeschichten der antiken Mythologie. Holzberg zeichnet interpretierend den Inhalt der einzelnen Abschnitte nach und würdigt pro Pentade jeweils eine Geschichte einer eingehenderen Analyse: die Sage um Apollo und Daphne in der ersten, die um Dädalus und Ikarus in der zweiten und die Apotheose Caesars in der dritten Pentade.

Im Zentrum von Holzbergs Deutung steht dabei der Blick auf Ovid als Meister des literarischen Spiels, der in seinem epischen Werk nicht nur augenzwinkernd die zuvor in der elegischen Liebesdichtung gewonnenen Schreiberfahrungen mit anbringt, sondern bei seiner Leser- oder Hörerschaft auch solide Kenntnisse anderer antiker Autoren (vor allem Homer und Vergil) voraussetzt. Ovids oft spöttische Aufbereitung von Mythen und Sagen erweist sich als anspielungsreich und sprachlich brillant, inhaltlich aber oft irritierend, so etwa, wenn er Vergewaltigungen oder brutale Strafen, die nicht immer nur die eigentlich Schuldigen treffen, eher mit voyeuristischem Verve und boshaftem Humor ausmalt, als Empathie für die Opfer erkennen zu lassen. Insbesondere in diesem Kontext weiß Holzberg das Spannungsverhältnis zwischen dem bis heute ungebrochenen ästhetischen Reiz der Verse und der unseren moralischen Vorstellungen doch in manchen Belangen fremden Weltanschauung der Antike kenntnisreich auszuloten.

Etwas schade ist, dass Holzberg Ovid und andere Primärtexte überwiegend nur in deutscher Übersetzung zitiert, und das nicht nur an Stellen, an denen er inhaltlich argumentiert, sondern auch dann, wenn er z.B. auf die Metrik eingeht. Hier mag man vielleicht die gelungenen Nachschöpfungen der deutschen Version bewundern, hätte aber doch lieber (auch) das lateinische Original gesehen.

Ungeachtet dieser kleinen Schwäche bieten Ovids Metamorphosen einen lehrreichen und zugleich durchaus humorvoll und unterhaltsam geschriebenen Einstieg in die Welt des augusteischen Dichters. Neben der Auseinandersetzung mit den Metamorphosen selbst kann der kurze Band übrigens auch recht gut dazu dienen, ein paar grundlegende Mythologiekenntnisse zu gewinnen oder aufzufrischen, denn in Holzbergs knappen Zusammenfassungen treten die wichtigsten Züge vieler beliebter Sagen prägnant hervor.

Niklas Holzberg: Ovids Metamorphosen. 2., durchges. Aufl. München, C.H. Beck, 2016 ,128 Seiten.
ISBN: 978-3406536212


Genre: Kunst und Kultur, Märchen und Mythen

Im Reich der Wünsche

Das 19. Jahrhundert war im deutschsprachigen Raum die große Zeit der Märchensammler und -dichter. Bei denen von ihnen, die heute noch einem breiten Publikum geläufig sind, handelt es sich in aller Regel um Männer, allen voran natürlich die Gebrüder Grimm, aber auch Autoren wie Wilhelm Hauff, Clemens Brentano oder Ludwig Tieck. Dass diese Auswahl nicht das tatsächliche Veröffentlichungsspektrum der Epoche widerspiegelt, zeigt die Germanistin Shawn C. Jarvis eindrucksvoll in ihrer Anthologie Im Reich der Wünsche. Die schönsten Märchen deutscher Dichterinnen. Auch Frauen sammelten und verfassten damals Märchen und waren in vielen Fällen beliebte und durchaus auch kommerziell erfolgreiche Schriftstellerinnen. Nur eines gelang ihnen weitaus seltener als Männern, wie Jarvis in ihrem aufschlussreichen Nachwort erläutert: die Aufnahme ihrer Werke in die Schullektüre und damit auch in den allgemeinen Bildungskanon. Hier sahen die zumeist männlichen Entscheider Frauen lange nur als Autorinnen reiner Unterhaltungs- oder Kinderliteratur, während vergleichbaren von Männern geschriebenen Texten ein höherer Anspruch und damit auch die Tauglichkeit für Lehrzwecke zugebilligt wurde.

Bis in die Gegenwart als Schriftstellerinnen berühmt sind daher nur einige der Märchenautorinnen, die in diesem Band versammelt sind, darunter Bettine von Arnim, Marie von Ebner-Eschenbach oder Ricarda Huch. Viele andere sind dagegen heutzutage vergessen oder primär für andere Dinge bekannt. So überrascht es z.B., dass die Reihe der Autorinnen von Katharina der Großen angeführt wird. Doch die Zarin schrieb im späten 18. Jahrhundert tatsächlich Märchen für ihre Enkel und war eindeutig nicht ohne literarische Begabung, auch wenn in ihrem Märchen vom Zarewitsch Chlor der erhobene pädagogische Zeigefinger zumindest aus der Erwachsenenperspektive beim Lesen fast schon zum Fremdschämen offensichtlich ist.

Die einzige Geschichte mit einer klar didaktischen Ausrichtung ist dieses Märchen allerdings nicht. Ganz den Weiblichkeits- und Erziehungsidealen ihrer Zeit verpflichtet scheint z.B. Agnes Franz, in deren Prinzessin Rosalieb Gehorsam, Handarbeitsfleiß und Bescheidenheit der Titelfigur von einer recht brutalen Fee geradezu erfoltert werden. Für moderne Leserinnen und Leser nachvollziehbarer und in manchem subversiver geht dagegen Friederike Helene Unger an das Thema heran, deren Prinzessin Gräcula in einer von bissigem Humor geprägten Entwicklungsromanparodie lernen muss, dass Intelligenz und Schönheit allein nicht genug sind, wenn menschlicher Anstand fehlt. Hier wird eher das Versagen der Eltern bei der Erziehung als das Fehlverhalten der Tochter betont, und immerhin: Die eigentlich als uneheliches Kind geborene Prinzessin steigt nach ihrer Läuterung zur Herrscherin auf.

Noch deutlicher treten feministische Elemente in anderen Geschichten hervor. Fanny Lewalds Modernes Märchen – trotz des Titels eigentlich eher eine Erzählung mit phantastischen Zügen als ein Märchen im klassischen Sinn – hat nicht nur eine Ich-Erzählerin, die sich selbst als „heute emanzipiert“ bezeichnet, sondern schildert auch eindringlich, wie deren nicht unbedingt dem Frauenideal des mittleren 19. Jahrhunderts entsprechende unverheiratete Tante die Heldin davor bewahrt, auf nur äußerlich attraktive Männer hereinzufallen, die das Mädchen zu ihren eigenen Zwecken ausnutzen wollen.

Auch andere bis heute aktuelle Probleme werden in verblüffend moderner Form aufgegriffen. Elisabeth Ebelings Schwarz und Weiß mag zwar aus jetziger Sicht sprachlich in einigen Punkten antiquiert sein, doch die märchenhafte Geschichte um den ritterlichen schwarzen Prinzen Almansor, der erkennen muss, dass seine weiße Angebetete ihn aufgrund ihrer Arroganz und ihrer Vorurteile nie respektieren wird, obwohl er sich auf ihren Wunsch in einen Weißen zu verwandeln versucht, ist als Blick auf eingefleischten Rassismus, den selbst alle Anpassungsbemühungen der Opfer nicht überwinden können, leider immer noch nicht überholt.

Einen interessanten Fall stellen die Geschichten Die Nymphe des Rheins von Charlotte von Ahlefeldt und Libelle von Benedikte Naubert da, denn Naubert schrieb in diesem Fall quasi das, was man heute unter dem Begriff der Fanfiction einordnen würde: Geht es in Ahlefeldts Märchen um die Rache einer Rheinnymphe an ihrem untreuen Geliebten, bietet Naubert eine Fortsetzung dazu, in der die im Original nur ganz am Rande erwähnte menschliche Verlobte des Mannes die Hauptrolle spielt und herauszufinden versucht, was ihrem verschwundenen Bräutigam geworden ist. Dieser selbst bleibt in beiden Texten übrigens so blass und in seinem Verhalten seinen Partnerinnen gegenüber zweifelhaft, dass man sich insgeheim fragt, warum gleich zwei Damen derart verliebt in ihn sind – aber zu tief sollte man hier wohl nicht zu psychologisieren versuchen.

Zusätzlichen Reiz gewinnt der Band durch die Illustrationen von Isabel Große Holtforth, die mit ihren stilisierten, in Blau, Gold und Weiß gehaltenen Bildern eine zeitlose Begleitung zu den Geschichten schafft.

Wer nun übrigens neugierig geworden ist und gern noch mehr Märchen von oder über Frauen lesen möchte, findet hier eine kleine Auflistung von Buchtipps zum Thema.

Shawn C. Jarvis (Hrsg., unter Mitwirkung von Roland Specht Jarvis): Im Reich der Wünsche. Die schönsten Märchen deutscher Dichterinnen. München, C.H. Beck, 2012, 368 Seiten.
ISBN: 978-3406640247


Genre: Anthologie, Märchen und Mythen