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Das Stuttgarter Hutzelmännlein

Im frühen 14. Jahrhundert will der nicht gerade mit überragenden Geistesgaben ausgestattete Schustergeselle Seppe von Stuttgart aus in die Welt ziehen. Vom geheimnisvollen Hutzelmännlein erhält er vor seinem Aufbruch nicht nur den Auftrag, nach einem ganz bestimmten Bleiklötzchen zu suchen, sondern auch mehrere magische Geschenke, darunter zwei Paar Schuhe, von denen er eines tragen, das andere aber am Wegrand zurücklassen soll, um zu seinem Glück zu gelangen. Dummerweise vertauscht Seppe jedoch jeweils einen Schuh des Paars, so dass ihm und der Finderin der zurückgelassenen Schuhe, der jungen Vrone, allerlei gefährliche Missgeschicke zustoßen. Daraus ergeben sich zahlreiche Abenteuer, in denen zwei ungesühnte Gattenmorde, ein Krakenzahn und das angeblich von der Titelfigur erfundene Hutzelbrot (eine Art Früchtebrot) eine nicht unwesentliche Rolle spielen, bis am Ende die ursprüngliche zusammengehörigen Schuhpaare auf ebenso unerwartete wie spektakuläre Art wieder zusammenfinden und damit auch Seppes und Vrones weiteres Leben bestimmen …
Eduard Mörikes 1853 zum ersten Mal erschienenes Stuttgarter Hutzelmännlein ist ein ebenso charmanter wie fabulierfreudiger Text, der rein formal auf halbem Weg zwischen Kunstmärchen und Novelle steht, aber trotz seiner so harmlosen Anmutung einige ziemlich subversive und ironische Elemente enthält. Der bekannteste Teil des Werks ist heute vermutlich die als eine von mehreren Binnenerzählungen eingefügte, aber auch als Vorgeschichte der Haupthandlung zentrale Historie von der schönen Lau um das Schicksal einer Wasserfrau im Blautopf bei Blaubeuren, aber auch der Rest der Geschichte ist sehr lesenswert und vergnüglich. Unverzichtbar bei der Lektüre ist allerdings das schon von Mörike selbst begonnene und von den modernen Herausgebern noch ergänzte Glossar, denn der Autor gibt der Sprache seiner Erzählung durch teils regionale, teils schon zu seiner Zeit überholte und archaische Begriffe ein ganz besonderes Gepräge. Selbst mit halbwegs soliden Kenntnissen früherer Sprachstufen des Deutschen stößt man hier deshalb garantiert auf einige Wörter, die einem noch nie begegnet sind, doch das ist, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, so amüsant wie die Geschichte selbst.
Denn so naiv sie in den Grundzügen anmuten mag, gewisse Untiefen fehlen eigentlich nie. Manchmal wird es verblüffend frech und doppeldeutig (so etwa im Traum der schönen Lau von der Wirtin und dem Abt), dann wiederum wird die Illusion eines fernen ursprünglichen Mittelalters gekonnt torpediert, wenn eine Figur im Suff lamentieren darf, dass ja leider das Schießpulver noch nicht erfunden ist. Der sich daraus ergebene Scherz wird sogar zu einer ganzen kleinen Nebenhandlung ausgestaltet. Trotz aller Ironisierung kommt auch immer wieder Mörikes spürbare Freude an poetischen Stadt- und Landschaftsschilderungen und an Sagen- und Märchenhaftem aller Art zum Tragen. Sympathisch ist, dass, anders als im typischen Märchen, auch die Antagonisten relativ gut davonkommen. Die Vergeltung, die sie für ihre Taten erleiden müssen, übersteigt ein gewisses Maß nicht und lässt die Aussicht auf Besserung.
Natürlich gäbe es noch mancherlei zu Entstehungszeittypischem und -untypischem, den entworfenen Geschlechterrollenbildern, literarischen Techniken und Mörikes immer wieder durchschimmernder gelehrter Bildung zu bemerken, aber ein literaturwissenschaftlicher Aufsatz soll diese Rezension ja nicht werden, sondern nur eine Leseempfehlung. Denn wer Lust auf ein liebenswertes Beispiel von Fantasy avant la lettre hat, sollte bedenkenlos zu diesem Klassiker greifen und sich ein paar unterhaltsame Lektürestunden gönnen.

Eduard Mörike: Das Stuttgarter Hutzelmännlein. Stuttgart, Reclam, 1970 (RUB 4755), 112 Seiten.
ISBN: 9783150047552


Genre: Märchen und Mythen, Roman

Loreley und Schlangenfrau

Es ist nicht den Nibelungen allein zu verdanken, dass der Rhein und seine Umgebung als „sagenhafte“ Gegend par excellence gelten. Burgenromantik, geschichtsträchtige Stätten und nicht zuletzt die Funktion des Flusses als Verkehrsweg und Schnittstelle zwischen verschiedenen Ländern und Kulturen sorgen dafür, dass sich alle möglichen Geschichten mit der Region verbinden. Aus Sagensammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts hat Tilman Spreckelsen für Loreley und Schlangenfrau eine bunte Auswahl zusammengestellt, die dem Lauf des Rheins von der Schweiz bis in die Niederlande folgt.
Die abgedeckte Bandbreite ist dabei groß, von der Form wie vom Inhalt her: Von längeren Erzählungen bis zu lakonisch auf zwei Sätze beschränkten Texten ist alles dabei. Einige Geschichten überformen tatsächliche oder vermeintliche historische Begebenheiten literarisch, während andere mit einer Fülle von märchenhaften und phantastischen Elementen aufwarten (wie der im Titel erwähnten, auf Erlösung hoffenden Schlangenfrau). Berühmtes steht neben eher Ungewohntem: Von der Loreley oder vom Binger Mäuseturm haben wahrscheinlich viele schon  einmal etwas gehört, vom Friesenherrscher Radbod oder von Einhard und Emma zumindest Geschichtsinteressierte. Andere Sagen drehen sich eher um Lokalheroen (wie etwa einen Wilderer aus dem Frankfurter Raum) oder um Motive, die man auch aus anderen Gebieten kennt, wie Teufelsspuk, bestraftes menschliches Fehlverhalten oder böse Vorzeichen. Gerade die Heterogenität der Mischung sorgt für Abwechslung und hält die Neugier wach, und so liest man sich mit Vergnügen durch die drei geographischen Räume, nach denen die Sammlung geordnet ist („Der junge Rhein und seine Zuflüsse“, „Von Basel bis zum Niederrhein“, „Das Rheindelta in den Niederlanden“).
Allein – die Sagen selbst sind auch so gut wie alles, was man bekommt, denn das Beiwerk fällt mager aus. In seinem Nachwort legt Spreckelsen zwar pauschal offen, auf welche vier Bücher er sich hauptsächlich gestützt hat (neben den Sagensammlungen Ludwig Bechsteins und der Brüder Grimm auch Johann Wilhelm Wolfs Niederländische Sagen und Meinrad Lienerts Schweizer Sagen und Heldengeschichten). Der sonst in Anthologien dieser Art übliche Einzelnachweis der Quellen für die jeweiligen Sagen fehlt jedoch leider. Auch die an gleicher Stelle angestellten Betrachtungen zur Stoffgeschichte und Flexibilität der Textgattung, die gerade vom Weitererzählen und zeitbedingten Umformen lebt, bleiben recht kurz und knapp.
Deshalb ist der Eindruck, den man von Loreley und Schlangenfrau hat, am Ende etwas gemischt. Zur kurzweiligen Lektüre taugt der Band auf jeden Fall, aber man hätte sich doch ein paar zusätzliche Ansatzpunkte für einen tieferen Einstieg ins Thema gewünscht.

Tilman Spreckelsen (Hrsg.): Loreley und Schlangenfrau. Rheinsagen von der Quelle bis zur Mündung. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch, 2018, 240 Seiten.
ISBN: 9783596906772


Genre: Märchen und Mythen

Ungeheuerlich

Alte Karten und Beschreibungen von Küsten und Meeren sind voller Fabelwesen, die mit der realen Fauna der dargestellten Region allenfalls bedingt etwas zu tun haben. Der Historiker Erling Sandmo nimmt sich in Ungeheuerlich. Seemonster in Karten und Literatur 1491 – 1895 der verblüffenden, unheimlichen und oft auch sehr amüsanten Kreaturen an, die durch die Bestände der norwegischen Nationalbibliothek geistern. In kurzen Kapiteln, die sich auch sehr gut unabhängig voneinander lesen lassen wird jeweils ein wundersames Tier oder Phänomen vorgestellt, um dann in einer meist doppelseitigen historischen Illustration auch im Bild präsentiert zu werden. Die Übersetzung von Sylvia Kall wirkt elegant und flüssig, so dass die Lektüre zur genüsslichen Entdeckungstour werden kann.
Während Seeschlangen, Meermenschen oder schiffeversenkende Riesenkraken fast schon zum Standardinventar phantasievoller Seefahrergeschichten zählen, begegnet man in Sandmos kleinem Kompendium der bizarren Meeresbewohner auch originelleren Geschöpfen, so etwa dem ebenso gierigen wie ängstlichen swamfisk, der sich im Notfall sogar selbst auffrisst.
Neben Ungeheuern im eigentlichen Sinne bevölkern auch reale Tiere, über die man Merkwürdiges berichtete, die Seiten. Vermeintliche Wunderzeichen (wie eine im 17. Jahrhundert gefangene Scholle, deren Haut ein Kreuzeszeichen aufwies, so dass man sogleich den Bischof von Bergen informierte) stehen neben ungewöhnlichen Verhaltensweisen, die man bei Walross, Rochen oder Wal beobachtet haben wollte. Darüber hinaus spielen immer wieder auch andere erstaunliche Geschichten eine Rolle. So vertrat ein Geistlicher im frühen 18. Jahrhundert etwa die Theorie, Odysseus habe nicht nur die Lofoten bereist, sondern sei überdies mit Odin gleichzusetzen.
Wie vieles in dem Buch regt diese These aus heutiger Sicht natürlich zum Schmunzeln an, aber all das Witzige, Abstruse und Unterhaltsame trägt letztlich dazu bei, eine durchaus ernsthafte Geschichte zu erzählen – die nämlich von einem Wandel des Weltbilds, das in der hier im Zentrum stehenden Frühen Neuzeit einen allmählichen Übergang von Wundergläubigkeit und mythischer Zeichenhaftigkeit zu naturwissenschaftlichen Erklärungen erlebte. Stand erst noch die Frage im Vordergrund, was Erscheinen und Verhalten eines monströsen Wesens im wahrsten Sinne des Wortes zu bedeuten hätten, überwog später der Aspekt der Erforschung. Sandmo weiß mit leichter Hand deutlich zu machen, dass die Welt im Zuge ihrer Entzauberung zwar viel von ihrem Schrecken, aber in gewisser Weise auch etwas von ihrem Charme einbüßte.
Umso schöner ist es, den heute größtenteils vergessenen Bewohnern eines mit Magie und Legenden aufgeladenen Meeres in Ungeheuerlich begegnen zu können und sich auch an der liebevollen Gestaltung zu freuen: Beispielsweise ist im vorderen Buchdeckel der Innenteil einer Windrose ausgespart, so dass einen vom Vorsatzblatt aus ein Ungeheuerauge aus dem geschlossenen Buch anblickt. Ein rundum gelungenes kleines Werk also, dem man viele begeisterte Leserinnen und Leser (sowie Betrachterinnen und Betrachter) wünscht!

Erling Sandmo: Ungeheuerlich. Seemonster in Karten und Literatur 1491 – 1895. München, Nagel & Kimche, 2018, 100 Seiten.
ISBN: 9783312010943


Genre: Kunst und Kultur, Märchen und Mythen, Sachbuch allgemein

Sonnenhymnen

Der Große und der Kleine Sonnenhymnus (um 1345 v. Chr.), die dem Pharao Echnaton zugeschrieben werden, der in ihnen als Sprecher erscheint, gehören zweifelsohne zu den bekanntesten und eindrucksvollsten Zeugnissen der altägyptischen Literatur. In Gräbern hochrangiger Ägypter als Wandinschriften überliefert, preisen die beiden Hymnen den Sonnengott nicht nur als Schöpfer, sondern auch als Lebensspender, der seine Welterschaffung täglich erneuert, und betonen sein besonderes Verhältnis zum Pharao. Die heraufbeschworenen Bilder aus Natur und Alltagsleben haben sich über die Jahrtausende hinweg ihre Frische bewahrt und wirken auch heute noch unmittelbar ansprechend.
Christian Bayers zweisprachige Ausgabe der Sonnenhymnen, die dem Originaltext in Hieroglyphen eine zeitgemäße deutsche Übersetzung gegenüberstellt, ist zum einen eine gelungene Textedition, die in minutiösen Kommentaren Interpretationsansätze liefert, aber auch sehr offen mit Überlieferungs- und Übersetzungsproblemen umgeht und Unsicherheiten nicht zu überspielen versucht. Zum anderen kann das kleine Bändchen jedoch auch wunderbar als Einführung in die Amarna-Zeit allgemein dienen und Echnaton ein wenig fassbarer machen, der hier weder als großer Visionär des Monotheismus gefeiert, noch als engstirniger Tyrann verteufelt wird. Bayer weiß vielmehr aufzuzeigen, dass der Pharao im Prinzip zunächst nur konsequent die Politik seines Vaters Amenophis III. fortsetzte, Sonnenkult und Königtum enger als je zuvor aufeinander zu beziehen, dabei aber wohl unterschätzte, wie sehr die Einengung der Sonnenverehrung auf Aton (den in der sichtbaren Sonne gegenwärtigen Aspekt der Gottheit) zuungunsten des traditionell als Götterkönig verehrten Amun als Sakrileg empfunden werden würde. Obwohl die neue Religion daher unter seinen Nachfolgern keinen Bestand hatte und es auch rasch zur Aufgabe seiner neugegründeten Residenz Achet-Iten (Achet-Aton, heute Amarna) kam, war Echnatons Wirken laut Bayer indirekt folgenreich: Der Gott Amun erlangte seine religionsbeherrschende Stellung nicht zurück, sondern blieb einer unter mehreren, und die bis zu Echnaton unangefochtene religiöse und politische Dominanz der Stadt Theben war gebrochen.
Über diese historischen Schlaglichter hinaus nimmt Bayer die Sonnenhymnen jedoch auch unter der religions- und literaturhistorisch interessanten Perspektive ihrer Ähnlichkeit zum Psalm 104 der Bibel (der in der Lutherübersetzung im Buch abgedruckt ist) in den Blick. Während sich die Hymnen in den theologischen Nuancen und in ihrer Entstehungszeit selbstverständlich von dem wesentlich jüngeren Psalm unterscheiden, dessen Verfasser wohl auch keine direkte Kenntnis der ägyptischen Texte hatte, gleichen sich manche der heraufbeschworenen Bilder und der genutzten sprachlichen Wendungen frappierend. So ist wohl davon auszugehen, dass sich bestimmte Arten des Redens über den Schöpfergott und eine Vielfalt literarischer Motive in der Welt Ägyptens und des Alten Orients über die engeren Kulturgrenzen hinaus ausbreiteten und so durch zahlreiche Glaubenstransformationen ihren Weg bis in die Moderne fanden.
Kartenmaterial und Umzeichnungen von Kunstwerken runden den empfehlenswerten kleinen Band ab, der eigentlich für alle an Ägypten Interessierten ein Muss ist.

Echnaton: Sonnenhymnen. Ägyptisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Christian Bayer. Stuttgart, Reclam, 2007 (RUB 18492), 126 Seiten.
ISBN: 9783150184929


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur, Märchen und Mythen

Trolle

Dämonische Unholde des Mittelalters, tumbe Bösewichter des neuzeitlichen Märchens, niedliche Gesellen im modernen Kinderbuch, Standardinventar der Fantasy und kitschiges Souvenir – Trolle haben schon vielen Rollen übernehmen müssen. Wie genau sich die Trollvorstellung in Mythologie, Literatur und bildender Kunst von der Wikingerzeit bis heute immer wieder gewandelt hat, zeichnet der Mediävist Rudolf Simek in seiner äußerst lesenswerten neuen Studie Trolle nach. Das üppig bebilderte Buch geht dabei gerade in seiner detailreichen Deutung literaturgeschichtlicher Zusammenhänge noch über John Lindows thematisch ähnlich konzipiertes Werk Trolls hinaus und bietet nicht nur einen glänzenden Überblick über das, was in verschiedenen Epochen den typischen Troll ausmacht, sondern auch über sprachlich mit Trollen assoziierte Ortsnamen und Begriffsfelder (historisch in Skandinavien die Zauberei, heutzutage vor allem unliebsames Verhalten im Internet).
Die Anfänge des Trollglaubens vor über 1000 Jahren liegen im Dunkeln, und die frühesten Erwähnungen erlauben noch kein allzu klares Trollbild. Trolle – so kann man nur ahnen – waren ursprünglich mit Tod und Anderswelt assoziierte Wesen, denen Gefährlichkeit für die Menschen, aber auch magische Fähigkeiten zugeschrieben wurden. Erst ab der Sagaliteratur des Hoch- und Spätmittelalters treten sie deutlicher hervor: Den Naturgewalten und der alten heidnischen Welt verbunden, sind sie oft grobschlächtige und hässliche Gegner der Helden, die gleichwohl durchaus in Trollfrauen Ziehmütter oder Geliebte finden können. In diesem Punkt ähneln sie den Waldmenschen oder wilden Frauen der mitteleuropäischen Literatur, wie überhaupt die Übergänge zu Untoten und Riesen zunächst noch fließend bleiben.
Riesengleiche Züge legen Trolle auch in vielen Märchen der Neuzeit an den Tag: Als böse, einzelgängerische Menschenfresser wahren sie ihre Bedrohlichkeit, sind jedoch aufgrund ihrer Dummheit leicht zu überlisten und haben so oft das Nachsehen. Parallel dazu entstehen im südlichen und östlichen Skandinavien jedoch Geschichten, die anstelle der gewaltigen Unholde von einst wichtel- oder elfenartig in Gemeinschaften lebende kleine Trolle in den Vordergrund rücken.
Beide Sorten von Trollen finden ihren Niederschlag auch in der modernen Literatur. Während die für Erwachsene und Jugendliche gedachte Fantasy den großen und gefährlichen Troll als Antagonisten (seltener auch als positiv besetzte Figur) kennt, sind in der Kinderliteratur seit Mitte des 20. Jahrhunderts verstärkt putzige und soziale Trolle unterwegs.
Bei der Beschäftigung damit gewinnen die Trolle teilweise den Charakter einer Streitschrift, da es dem Autor sehr wichtig zu sein scheint, gegen eine solche Verniedlichung und Verharmlosung ins Feld zu ziehen. Hier wünscht man Simek dann doch etwas mehr Toleranz und Verständnis dafür, dass gerade im Kinderbuch die Schilderung freundlicher Varianten ursprünglich bedrohlicher Gestalten aus dem Volksglauben erstens nicht verwerflich und zweitens kein auf Trolle beschränktes Phänomen ist (man denke etwa an Die kleine Hexe oder Das kleine Gespenst bei Otfried Preußler). Allerdings muss die Rezensentin zugeben, als Verfasserin von Geschichten, in denen gelegentlich hilfreiche, wenn auch nicht notwendigerweise harmlose Trolle auftauchen, eindeutig parteiisch zu sein, was die Zuschreibung sympathischer Eigenschaften an diese Wesen betrifft.
Doch ganz gleich, ob man Simeks Wertungen nun in allen Punkten unterschreiben mag oder nicht, bleibt die Qualität seines Buchs unbestritten. Positiv fällt vor allem der große Raum auf, der Primärtexten eingeräumt wird, damit sie für sich selbst sprechen können (neben kurzen Zitaten sind ein längerer Auszug aus Þorsteins Þáttr uxafóts und drei norwegische Volkserzählungen über Trolle enthalten). Auch die schiere Fülle des in die Analyse einbezogenen Materials – vom archäologischen Fund bis hin zu Film und Fernsehen – ist bemerkenswert und trägt zu dem Eindruck bei, dass wirklich so gut wie alle wichtigen Aspekte des Gegenstands zumindest angesprochen, oft aber auch ausführlich erörtert werden. Ein Glossar mit literaturwissenschaftlichen und historischen Fachbegriffen erleichtert Laien den Zugang zur Lektüre, die sich für jeden Interessierten unbedingt lohnt.
Den Wunsch, dieses Buch mögen die Trolle holen (im Altnordischen laut Simek eine sehr üble Verfluchung), hat man also nach dem Lesen gewiss nicht; damit, dabei von den Trollen auf die bestmögliche Art gefangen genommen zu werden, sollte man aber durchaus rechnen.

Rudolf Simek: Trolle. Ihre Geschichte von der nordischen Mythologie bis zum Internet. Köln u.a., Böhlau, 2018, 256 Seiten.
ISBN: 9783412507435


Genre: Kunst und Kultur, Märchen und Mythen

Die geheime Welt der Gartendrachen

Es gibt Bücher, die sich den gewohnten Genrezuordnungen entziehen, einen aber auf den ersten Blick verzaubern – und Eleanor Bicks Die geheime Welt der Gartendrachen gehört ganz eindeutig dazu. Vordergründig fiktive Naturkunde über sieben ausgesprochen niedliche Drachenarten bietet es zugleich eine Sammlung nützlicher Tipps, um in der realen Welt Gärten und Balkons naturnah und bienenfreundlich zu gestalten, und enthält nebenbei auch mit leichter Hand eingestreute Informationen über Drachenmythen aus aller Welt. Seinen Charme gewinnt das Buch dabei vor allem aus den liebenswerten Illustrationen, die von der Autorin stammen und anschaulich die im Titel versprochene „geheime Welt“ heraufbeschwören, die sich zwischen ganz normalen Pflanzen wie Lavendel, Klee oder Schneeglöckchen verbirgt.
Denn wenn man genau hinsieht – so erfährt man hier-, kann man in Beeten und auf verwilderten Grundstücken kleine freundliche Drachen erspähen, die gut getarnt auf ihren Wirtspflanzen sitzen und das Unkraut sprießen lassen, um Verstecke für ihre Jungen zu schaffen oder den Bienen zu helfen. Denn mit dem in den letzten Jahren immer stärker spürbaren Insektensterben hat das Buch eigentlich ein ernstes Grundthema, das jedoch so liebevoll und warmherzig verpackt ist, dass zu keinem Zeitpunkt der Gedanke an einen bemühten Problemtext aufkommt.
Vielmehr versinkt man bald glücklich in der Lektüre der Kurzporträts der einzelnen Drachenarten, die alle in Wort und Bild ihren ganz eigenen Charakter verliehen bekommen, von den putzigen und geselligen kleinen Kleedrachen über elegante Jäger wie die Ringelblumendrachen bis hin zum schelmischen Sonnenblumendrachen, der es sich gut getarnt auf den großen Blüten bequem zu machen weiß. Auf jede Drachenvorstellung folgen realistische Sachinformationen zur jeweiligen Wirtspflanze. Neben einem eigenen Kapitel über Bienen gibt es zu guter Letzt auch noch recht umfassende praktische Hinweise, die einen ersten Einstieg ins Gärtnern erleichtern und vor allem Berührungsängste abbauen – denn um mit der Auswahl der richtigen Pflanzen der Natur etwas zurückzugeben (und selbstverständlich viele kleine Drachen anzulocken), muss man, so wird deutlich, kein Profi sein.
Eingebettet ist dies alles in die amüsante Geschichte der Entdeckung der Gartendrachen und ihrer Erforschung, die, wie immer wieder betont wird, noch ganz an ihrem Anfang steht und viel Raum für neue Erkenntnisse lässt. Vielleicht darf man also auf eine Fortsetzung hoffen, in der noch mehr drollige kleine Fabelwesen Blumenbeete und Wiesen bevölkern.
Die geheime Welt der Gartendrachen ist übrigens durchaus kindertauglich, aber keineswegs ein typisches Kinderbuch, sondern ein phantasievoller literarischer Ausflug für alle Altersklassen, der die Magie im Alltäglichen fassbar macht.

Eleanor Bick: Die geheime Welt der Gartendrachen. Unter Mitwirkung von Eva-Christiane Wetterer. Hamburg, KJM, 2017, 80 Seiten.
ISBN: 9783945465578


Genre: Kinderbuch, Märchen und Mythen, Sachbuch allgemein

Europa und Herr Stier

Die antiken griechischen Mythen sind auch nach Jahrtausenden noch bekannt und beliebt, aber für Tatsachenberichte dürften sie heutzutage nur noch die wenigsten Menschen halten. Doch auch im Altertum war nicht jeder bereit, die phantastischen Erzählungen voller Magie und Mischwesen für bare Münze zu nehmen, wie die Unglaublichen Geschichten des Palaiphatos belegen, ein leider nur teilweise überliefertes Werk, in dem der Zeitgenosse Alexanders des Großen sich bemüht, rationale Erklärungen für die allzu weit hergeholten Elemente von Sagen zu finden. Kai Brodersen gibt die erhaltenen Abschnitte zweisprachig unter dem humorvollen Titel Europa und Herr Stier heraus.
Was auf den ersten Blick nur wie ein launiges Wortspiel wirken könnte, umreißt auf den zweiten recht gut Palaiphatos‘ Vorgehensweise, denn in der Regel spricht er dem jeweiligen Mythos einen wahren Kern nicht ab, interpretiert aber die verfügbaren Informationen so um, dass sie ein mehr oder minder realistisches Szenario ergeben. So wird denn auch Europa nicht von einem Stier (bzw. Zeus in Stiergestalt) entführt, sondern von einem Kreter mit dem sprechenden Namen Tauros (= „Stier“) als Kriegsgefangene verschleppt.
Ist diese Erklärung noch relativ schlicht und geradlinig, wird es in anderen Fällen kreativer und nicht minder bunt als in den ursprünglichen Geschichten. So begegnen einem Medea als Wellnessanbieterin und Erfinderin des Haarefärbens, der Minotauros als Viehräuber, die Sphinx als skrupellose Bandenchefin, Skylla als etruskisches Piratenschiff und die Kentauren als die ersten Reiterkrieger. In bestimmten Fällen geht es dabei in Palaiphatos‘ Umdeutung für die Protagonisten etwas glimpflicher aus als im Mythos. Beispielsweise wird Niobe nicht versteinert, sondern ist nur als Bildnisstatue – mithin in Stein – am Grab ihrer Kinder präsent. Andere dagegen trifft es umso härter: Die arme Kallisto wird nicht in eine Bärin verwandelt, sondern von einer aufgefressen, so dass ihre Begleiterinnen fälschlich den Schluss ziehen, sie hätte selbst Tiergestalt angenommen.
Wie die Beispiele zeigen, geht es Palaiphatos häufig darum, durch den Verweis auf bildhafte Sprache oder Missverständnisse Behauptungen aufzulösen, die physisch Unmögliches beschreiben. In manchen Fällen interpretiert er jedoch auch Sachverhalte um, die durchaus nicht undenkbar, in seinen Augen aber sozial unangebracht sind: So sind die Amazonen für ihn keine kämpfenden Frauen (wo käme man denn da hin?), sondern Männer, deren Haartracht und Kleidung von ihren Gegnern als feminin empfunden wird, und Herakles kann selbstverständlich nicht Omphales Sklave sein, sondern ist nur so verliebt in sie, dass er ihr jeden Wunsch von den Augen abliest. Neben dem sehr modern wirkenden Bedürfnis, liebgewonnene alte Geschichten so gut wie möglich an ein im weitesten Sinne naturwissenschaftliches Weltbild anzupassen, um sie nicht ganz verwerfen zu müssen, verraten die Sagenumbauten also auch viel über Wertvorstellungen und Vorlieben eines Menschen des 4. Jahrhunderts v. Chr.
Kai Brodersens Übersetzung liest sich angenehm und flüssig, und die erhellende Einleitung erleichtert den Einstieg in das Werk ebenso wie die Beigabe einer „normalen“ Version der von Palaiphatos bearbeiteten Mythen in der Fassung des Apollodor. Obwohl also die wissenschaftliche Perspektive durchaus gewahrt bleibt, ist Europa und Herr Stier vor allem eines: Ein Buch von unglaublich hohem Unterhaltungswert, das in seinem sturen Bemühen um Rationalisierung mindestens so fabulierfreudige Blüten treibt wie jedes Märchen.

Kai Brodersen (Hrsg.): Europa und Herr Stier. Palaiphatos‘ Wahrheit über die griechischen Mythen. Stuttgart, Reclam, Neuausgabe 2017 (Original: 2002), 149 Seiten.
ISBN: 978315019458


Genre: Märchen und Mythen

La Dame et la licorne

Die unter der Bezeichnung La Dame à la licorne bekannte spätmittelalterliche Wandteppichserie aus dem Pariser Musée de Cluny zählt ohne Zweifel zu den eindrucksvollsten und bekanntesten textilen Kunstwerken der Epoche. Um auch Kinder schon an diese Darstellungen einer vornehmen Dame und eines Einhorns heranzuführen, spinnen Jean-Baptiste Baronian (Text) und Laurence Henno (Illustrationen) in ihrem Bilderbuch La Dame et la licorne eine reizende kleine Geschichte um die beiden Figuren.
Ein Einhorn entsteigt dem Meer und versucht, an Land Freunde zu finden. Das erweist sich allerdings als gar nicht so einfach, denn alle Tiere, denen es begegnet, fürchten sich entweder vor dem vermeintlichen Monster oder wollen aufgrund seiner Andersartigkeit und angeblichen Hässlichkeit nichts mit ihm zu tun haben. Erst eine freundliche Burgherrin, der es durch Zufall begegnet, kann ihm anhand verschiedener Sinneseindrücke deutlich machen, dass Individualität in Wirklichkeit gar nichts Schlechtes ist und Außenseiter sich nicht die Schuld daran geben müssen, dass sie Zurückweisung erfahren.
Sprache und Erzählduktus sind eher schlicht, so dass die vom Verlag gewählte Altersempfehlung ab 6 Jahren fast schon ein wenig zu hoch gegriffen wirkt; an der einfachen Erzählung kann man sicher auch schon im Kindergartenalter seine Freude haben. Die Botschaft, dass man sich seiner Eigenarten nicht schämen muss und vielleicht nur noch nicht die Richtigen getroffen hat, die einen zu schätzen wissen, ist recht nett verpackt. Nur das Ende wirkt etwas zu gewollt (irgendwie mussten die berühmten Wandteppiche wohl noch in der Geschichte selbst Erwähnung finden).
Wirklich lebendig und dadurch auch für Erwachsene sehr betrachtenswert wird das Buch jedoch durch die wunderschönen Illustrationen, die sich erkennbar an den mittelalterlichen Bildvorlagen orientieren, sie aber zu einer weicheren und sanfteren Märchenwelt in zarten Farben auflösen. Während die Darstellungen auf den Teppichen oft statisch wirken, arbeitet Henno viel mit Bewegung und Schwung, die eher eine spontane Momentaufnahme als eine gestellte Szene suggerieren. Die jeweils dominierenden Farben kommentieren dabei das Geschehen: Während der schwierige Weg des kleinen Einhorns mit recht kühlen Tönen (dem Blau des Meeres und dem Grün der Landschaft) beginnt, werden sie im Verlauf seiner Erlebnisse Stück für Stück wärmer, bis Gelb, Orange und Rot des Abendlichts und Feuerscheins auf der Burg der Dame dann Geborgenheit empfinden lassen. Auch im Detail sind die Illustrationen sehr liebenswert und ergänzen Einzelheiten, die im Text gar nicht vorkommen (so flüchtet auf den Bildern z.B. der kleine Schoßhund der Dame erst einmal vor dem Einhorn und wartet im Kreise anderer Tiere versteckt ab, um sich dann einige Seiten später mit misstrauischer Miene wieder aus der Deckung zu wagen und sich am Schluss offenbar doch ein wenig mit dem neuen Mitbewohner anzufreunden). So liegt hier wirklich ein Beispiel für ein Bilderbuch vor, das nur in den Kombination aus Wort und Bild seinen ganzen Charme entfaltet.
Ein kindgerechter kurzer Sachtext über die Inspirationsquelle und eine Abbildung eines der Originalteppiche runden den vergnüglichen Ausflug in ein märchenhaftes Mittelalter ab.

Jean-Baptiste Baronian, Laurence Henno: La Dame et la licorne. Paris, Éditions de la Réunion des musées nationaux, 2001, 28 Seiten.
ISBN: 9782711842988


Genre: Kinderbuch, Kunst und Kultur, Märchen und Mythen

50 sagenhafte Naturdenkmale der Metropolregion Hamburg

Hamburg ist als Stadt mit zahlreichen Grünflächen und Bäumen bekannt, und auch Gewässer, Findlinge und dergleichen mehr bringen unübersehbar ein bisschen Natur in die Metropole. Weniger bekannt ist dagegen, dass einige dieser Wildnistupfer im Großstadtdschungel und auch in der ländlichen Umgebung der Stadt besonders geschützte Naturdenkmale sind. An fünfzig Stellen in und um Hamburg hat Annette Huber einzelne oder gleich mehrere davon aufgespürt und stellt sie kenntnisreich und humorvoll allen vor, die Lust auf eine Entdeckungstour in einem Dreieck zwischen Dithmarschen, Ostholstein und Uelzen haben.
Manche der aufgeführten Naturdenkmale sind überregional bekannt, zum Beispiel der Alte Schwede an der Elbe oder die Bräutigamseiche von Eutin. Andere, wie etwa versteckt wachsende Sumpfporstvorkommen, dürften selbst vielen Einheimischen nicht vertraut sein. Unterschiede gibt es auch bei der jeweiligen Entstehungsgeschichte des Naturdenkmals, das sich nur in manchen Fällen als wirklich hundertprozentig „natürlich“ entpuppt: Oft hat in gewissem Maße der Mensch eingegriffen und ganze Biotope oder einzelne Kuriositäten (wie etwa die Doppeleichen in Schleswig-Holstein) gezielt oder zufällig geschaffen.
Nicht nur deshalb verbinden sich mit vielen der kleinen und großen Sehenswürdigkeiten Geschichten. Was sich historisch über die Naturdenkmale sagen lässt, ist zwar auch in vielen Fällen interessant, aber noch spannender sind oft die Sagen, zu denen ungewöhnliche Pflanzen, Steine, Quellen oder Hügel die Phantasie zu allen Zeiten angeregt haben.
Neben historischen Persönlichkeiten und ihren wahren oder hinzuerfundenen Abenteuern begegnen einem deshalb in den kurzen Kapiteln auch Göttinnen, Riesen, Spukgestalten und mehr als einmal sogar der Teufel höchstpersönlich (wurde er doch der Überlieferung nach nur allzu gern landschaftsgestalterisch tätig). Als wären die verheerenden Sturmfluten und bewaffneten Konflikte, die sich tatsächlich immer wieder in der Gegend abspielten, noch nicht aufregend genug, liest man hier von gefährlichen Liebesnächten, grausigen Bauopfern, unter der Erde schlafenden Rittern und zu Stein gewordenen Menschen. Selbst in die schaurigste Erzählung weiß Annette Huber jedoch sympathisch ein kleines Augenzwinkern einfließen zu lassen.
Als Arroganz gegenüber den alten Sagen sollte man das jedoch nicht missverstehen. Denn dass man heute in seiner Deutung von Auffälligkeiten nicht unbedingt viel treffsicherer geworden ist, sondern die Fehlinterpretationen nur andere Wege einschlagen, beweist die Geschichte einer Steinsetzung im Kreis Pinneberg. Hier glaubte man in den 1960er Jahren, auf ein bis dahin unbekanntes Hünengrab der Jungsteinzeit gestoßen zu sein, nur um später ernüchtert feststellen zu müssen, dass man es in Wirklichkeit mit einer privaten Gedenkstätte für einen im Ersten Weltkrieg gefallenen Förstersohn zu tun hatte.
Zahlreiche oft stimmungsvolle Fotos illustrieren den gelungenen Band und regen dazu an, selbst einmal einige der hier vorgestellten Stätten zu besuchen. Wer das nicht möchte oder kann, sollte sich aber zumindest mit der Lektüre trösten – denn unterhaltsam sind die 50 sagenhaften Naturdenkmale der Metropolregion Hamburg auf jeden Fall.

Annette Huber: 50 sagenhafte Naturdenkmale der Metropolregion Hamburg. Bäume, Findlinge, Moore, Wiesen, Bracks. Berlin, Steffen, 2017, 224 Seiten.
ISBN: 9783957990303


Genre: Märchen und Mythen, Sachbuch allgemein

Girls, Goddesses & Giants

Als sie einer Gruppe von Neunjährigen einmal eine Geschichte erzählte – so die Autorin Lari Don in ihrem Nachwort -, machte sie aus einem Drachentöter spontan eine Drachentöterin, um dem ewigen Klischee der passiven Frau zu entkommen, die nur als Siegespreis für den Helden taugt, aber selbst wenig unternehmen darf.
Bei den Kindern war die abgewandelte Version ein voller Erfolg, für Don aber letzlich unbefriedigend, weil sie ihr Quellenmaterial massiv hatte verändern müssen. Inspiriert von der Erfahrung ging sie daher auf die Suche nach alten Mythen, Sagen und Märchen, bei denen schon im Original eine Frau oder ein Mädchen die Heldenrolle einnimmt. Das Ergebnis liegt in dem handlichen Bändchen Girls, Goddesses & Giants vor, in dem Heldinnen aus aller Welt durchaus kindgerecht, aber nicht verniedlicht präsentiert werden.
Gottheiten wie Inanna und Durga sind ebenso vertreten wie zahlreiche Sagen- und Märchenfiguren (z.B. ein patentes Rotkäppchen aus einer frühen Fassung der Geschichte); mit Telesilla kommt sogar eine legendenumwobene historische Gestalt zum Zuge. Ebenso weit gespannt wie der Jahrtausende umfassende zeitliche Bogen ist der geographische Rahmen, der Europa, Asien, Afrika und Amerika abdeckt.
Don erzählt ihre Variante von zwölf ganz unterschiedlichen Geschichten, deren Quellen jeweils im Nachwort offengelegt werden, mit viel Verve und Humor und verleiht so selbst den ältesten Sagen einen Hauch moderner Leichtigkeit. Bei allem Respekt vor der Tradition ironisiert sie treffsicher problematische Aspekte: So wird die klassische böse Stiefmutter als nicht mit den viel netteren Exemplaren aus dem wahren Leben vergleichbar eingeführt, und dass Inanna sich als Göttin zu gut ist, sich die Hände schmutzig zu machen, und daher eine menschliche Begleiterin fürs Grobe benötigt, ist ebenfalls ein paar Spitzen wert.
Abgesehen von dieser Vorliebe für augenzwinkernde Seitenhiebe auf fragwürdige Elemente der Überlieferung ist das Vergnügen der Autorin an schwungvollen Actionszenen und gekonnt geschilderten Monstern unverkennbar. Ob nun Seeschlange, Drache oder Dämon, geheimnisvolle sumerische Ungeheuer oder der gestaltwandelnde Wolf, dem Rotkäppchen begegnet, die Antagonisten werden so liebevoll in Szene gesetzt wie die Heldinnen, die ihnen unweigerlich das Handwerk legen.
Zur charmanten Atmosphäre des Buchs tragen in hohem Maße auch Francesca Greenwoods scherenschnittartige Illustrationen bei, die charakteristische Elemente der einzelnen Geschichten aufgreifen, durch ihre Silhouettenhaftigkeit aber der Phantasie breiten Raum lassen.
Girls, Goddesses & Giants bietet übrigens nicht nur für eine junge Leserschaft einen amüsanten und einfachen Zugang zu sonst weitverstreuten Überlieferungen. Erwachsene werden das Büchlein zwar schnell verschlungen haben, aber um einen ersten Eindruck davon zu gewinnen, dass die traditionellen Erzählungen der verschiedensten Kulturen mehr starke und kämpferische Frauen als vielleicht erwartet zu bieten haben, eignet es sich allemal.

Lari Don: Girls, Goddesses & Giants. Stories of Heroines from around the World. London, A & C Black (Bloomsbury), 2013, 126 Seiten.
ISBN: 9781408188224

 


Genre: Kinderbuch, Märchen und Mythen