Bei vorrömischen Grabmalereien aus Italien denkt man oft zuerst an die Etrusker, aber auch im Süden der Halbinsel haben zahlreiche Kunstschätze überdauert, die nach ihrer Entstehung oft nur kurz zu betrachten waren und dann für viele Jahrhunderte verschwanden. Sie stehen im Mittelpunkt des mit zahlreichen Fotos ausgestatteten und als Sonderheft der Zeitschrift Antike Welt erschienenen Bandes Bilder für die Ewigkeit, in dem Stephan Steingräber Süditaliens vorrömische Grabmalereien (so der Untertitel) und ihre Erforschung vorstellt.
Laut Vorwort wird dabei von „einem größeren Leserkreis“ als Zielgruppe ausgegangen. Der Komparativ ist allerdings Programm, denn eine gewisse Vorbildung (auch hinsichtlich der verwendeten Fachbegriffe, etwa, was verschiedene Gefäßformen der Antike angeht) setzt Steingräber bei seinem Publikum eindeutig voraus. Wer kein allzu niedrigschwelliges populärwissenschaftliches Buch erwartet, kann dem Autor aber mit Gewinn und Vergnügen auf einen Rundgang durch die für uns heute fremde, aber faszinierende Welt der Lukaner, Osker, Messapier, Samniten und unteritalischen Griechen folgen, wobei der zeitliche Rahmen vom 6. bis zum 2. Jh. v. Chr. reicht.
Aus moderner Sicht überraschend ist dabei, dass als Ort der Malereien nicht etwa, wie bei den Etruskern üblich, eine mehrfach genutzte Grabkammer diente, sondern meist ein nur für eine einzige Person bestimmtes Grab (etwa in Form eines Sarkophags). Bei der Bestattung oft noch nicht ganz getrocknet, wie verschmierte Partien belegen, waren die Bilder also allenfalls für sehr begrenzte Zeit für ein lebendes Publikum bestimmt. Vor dem Hintergrund überrascht es kaum, dass es einen je nach Region und Epoche etwas unterschiedlichen Bildmotivkatalog gab, aus dem bestimmte formelhafte Darstellungen immer wieder erscheinen, aber umso eindrucksvoller ist, dass dennoch teilweise sehr qualitätvolle Gemälde darunter sind.
Ornamente, mythologische Szenen, aber auch häufig Sujets aus dem Leben (von Naturdarstellungen über Kämpfe, Gastmähler, häusliche Tätigkeiten oder Theateraufführungen bis hin zu religiösen Zeremonien) begegnen wiederholt. Von besonderem Interesse ist, wie Figuren, die als die jeweiligen Verstorbenen selbst interpretiert werden können, gezeigt werden: gelegentlich so, wie sie wohl zu Lebzeiten erschienen (als junger Reiterkrieger, als älterer Magistrat oder als Hausfrau), bei Frauen auch als aufgebahrte Tote, aber häufig auch, assistiert von übernatürlichen Wesen, auf dem Weg in die Unterwelt oder bei ihrer Ankunft im Jenseits und ihrem Empfang durch dort schon weilende Ahnen. Steingräber beschränkt sich jedoch nicht auf inhaltliche und ikonographische Betrachtungen, sondern liefert auch Informationen etwa zu den Maltechniken, die diejenigen einsetzten, die die Bilder schufen, so wenig sie auch als Personen fassbar sind (immerhin: Im daunischen Arpi taucht einmal die Signatur eines Malers namens Artos auf).
Darüber hinaus bettet Steingräber die Grabmalereien in einen größeren Kontext ein, einerseits, indem er sie in Beziehung zu weiteren zeitgleich entstandenen Formen von Kunst (ob nun Vasenmalerei, Wandgemälde, Mosaiken oder Skulpturen) setzt, andererseits aber auch, indem er Querverbindungen bis nach Kleinasien, Thrakien und Makedonien zieht, um das Bild einer nicht zuletzt stark durch die griechische Kultur geprägten Mittelmeerwelt zu entwerfen. Künstlerisches Schaffen, so wird hier deutlich, war nie ein isoliertes Phänomen, sondern immer sowohl in die lokalen Lebensumstände und Vorstellungen eingebunden als auch von äußeren Einflüssen geprägt.
Dank der üppigen Bebilderung durchgehend in Farbe macht das Buch auch beim Betrachten viel Freude, und selbst diejenigen, die nicht gern etwas über Kunstwerke lesen, sondern sich einfach nur an ihrem Anblick erfreuen wollen, dürften hier voll auf ihre Kosten kommen.
Stephan Steingräber: Bilder für die Ewigkeit. Süditaliens vorrömische Grabmalereien. Freiburg, Philipp von Zabern (wbg / Herder), 2025 (Sonderheft Antike Welt, 24/25), 112 Seiten.
ISBN: 978-3-534-69503-4