Die Zeit der Gaben

Als Schulabbrecher und von einer militärischen Ausbildung als Alternative nur halb überzeugter Achtzehnjähriger fasst Patrick Leigh Fermor im Jahr 1933 einen Entschluss: Um Erfahrungen und Material für eine schriftstellerische Karriere zu sammeln, will er von den Niederlanden bis nach Konstantinopel wandern. Es ist der erste Teil dieser Reise – von Hoek van Holland durchs Deutschland der beginnenden Nazizeit, Österreich und die Tschechoslowakei bis an die ungarische Grenze – die er 1977 in Die Zeit der Gaben schildert, teilweise, aber nicht in allen Abschnitten auch unter Rückgriff auf unterwegs gemachte Tagebuchaufzeichnungen.

Die mehrere Jahrzehnte umfassende Distanz zwischen Abfassungszeit und zugrundeliegenden Ereignissen bringt es mit sich, dass man sich hier noch stärker als bei jedem anderen Reisebericht fragt, in welchem Verhältnis mehr oder minder zutreffende Erinnerungen mit Hinzuerfundenem oder zumindest stark von der veränderten Perspektive des Autors Überformtem stehen mögen. Denn natürlich schreibt hier ein nicht mehr junger Mann in der Zeit des Kalten Krieges über die vergangene, in manchem für ihn sicher auch mit einer gewissen Nostalgie behaftete Welt seiner Jugend.

Gelingt es einem, diesen eher quellenkritischen Blick bei der Lektüre nicht zu sehr dominieren zu lassen, ist Die Zeit der Gaben aber ein sowohl unterhaltsames als auch aufschlussreiches Buch, in dem einem so unterschiedliche Gestalten wie verarmte Adlige, ein über Hitler witzelnder Binnenschiffer, ein feinsinniger Wirtssohn, feierfreudige Studentinnen, ein angehender Schmuggler und ein zum strammen Nazi mutierter ehemaliger Kommunist begegnen. Einerseits zeigt dieses Panorama eindringlich, wie sehr in der Anfangsphase der Nazidiktatur noch durch alle Gesellschaftsschichten hindurch versucht wurde, Normalität zu leben (obwohl Bedachtsameren schon klar zu werden begann, dass noch Schlimmeres drohte), andererseits feiert es aber auch generell die europäische Kultur- und Bildungstradition und ihrer verbindende Wirkung über Grenzen hinweg. Denn Patrick Leigh Fermor beschreibt nicht nur Land und Leute an seinem Reiseweg, sondern setzt das Beobachtete auch immer wieder in Beziehung zu Literatur und Kunst, ob ihn nun Landschaften an Gemälde (von Altdorfer bis Hobbema) erinnern, Texte unterschiedlichster Epochen seine Wanderung begleiten oder Historisches auch abseits der Zeitgeschichte in seine Überlegungen mit einfließt.

Einige Irrtümer unterlaufen ihm dabei allerdings hier und da, wenn er etwa „Stille Nacht“ für ein protestantisches Weihnachtslied hält oder die Schlacht von Adrianopel ins Jahr 476 verlegt, das man gemeinhin eher mit einem anderen Ereignis assoziiert. In anderen Punkten ist das Buch schlicht ein Kind seiner Zeit, respektive seiner Zeiten: Die doch eher exotisierende Schilderung der Roma in Osteuropa würde wohl heute kein Lektorat mehr unverändert passieren.

Lassen einen solche Details erkennen, was sich in der Literatur in den letzten Jahrzehnten im Großen und Ganzen inhaltlich zum Besseren geändert hat, zeigt Die Zeit der Gaben aber auch, was ihr heute leider manchmal fehlt: So prägt den Reisebericht eine auch in der Übersetzung von Manfred Allié sehr abwechslungsreiche und schöne Sprache, deren Variantenreichtum und Anspruch wohl heutzutage eher geglättet werden würden, um dem Lesepublikum ja nicht zu viel abzuverlangen, ebenso, wie man ihm vermutlich die ausführlichen Beschreibungen von Landschaften und Städten, aber auch Menschen nicht in dieser Detailfreude zumuten wollte. Doch was das Fordern seiner Leserschaft betrifft, hat Leigh Fermor generell keine Hemmungen: Nicht jedes lateinische Zitat wird übersetzt, und auch sonst wird ein gewisses Maß an Vorwissen (etwa über bekannte Gemälde) schlicht vorausgesetzt. Das kann beim Lesen großen Spaß machen, ist aber vielleicht für all diejenigen, deren eigener Bildungsgang weit entfernt von Leigh Fermors eher klassischem war, auf die Dauer frustrierend, da es zur Erschließung des Texts zwar ein Orts- und Personenregister, aber keinen Kommentar gibt, der nicht allgemein Bekanntes erläutern würde.

Wer allerdings Freude an der reichen Gedankenwelt dieser Bildungstradition hat, deren Wirkung als Brücke zwischen Leuten aus den verschiedensten Ländern und Regionen in der Zeit der Gaben immer wieder beschworen wird, liest das Buch sicher mit viel Vergnügen und taucht gern tief in die Schilderungen eines alten Europa ein, das den Keim zu seinem Untergang hier schon in sich trägt.

Patrick Leigh Fermor: Die Zeit der Gaben. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag, 2022 (Original: 1977), 420 Seiten.
ISBN: 978-3-596-16956-6

 


Genre: Erzählung