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Snöfrid aus dem Wiesental. Die ganz und gar unglaubliche Rettung von Nordland

Lesern dieses Blogs ist es nicht neu, dass ich der Meinung bin, dass Kinderbücher auch für erwachsene Leser einen hohen Unterhaltungswert haben können, wenn sie liebevoll gestaltet sind und eine charmante Geschichte erzählen. Beides trifft auf Andreas H. Schmachtls Snöfrid aus dem Wiesental zu, der darüber hinaus noch einen herrlich humorvollen Stil zu bieten hat, der viel mit augenzwinkernder Leseransprache arbeitet und schon in der einleitenden Quellenfiktion zum Tragen kommt, die ironisch mit der (Un-)Glaubwürdigkeit mündlicher Überlieferung spielt.
Der Titelheld Snöfrid – was für das pelzige Kerlchen Name und Artbezeichnung zugleich ist – führt im bukolischen Wiesental ein zufriedenes Leben zwischen Haferbrei und Schlafkörbchen und sehnt sich auch nicht sehr nach Gesellschaft, reicht dem Eigenbrötler doch meist ein ausdrucksvolles „Hm“ zur Kommunikation. Dann aber rettet er eher zufällig ein im wahrsten Sinne des Wortes in die Klemme geratenes Feenmännlein und gilt dessen Volk künftig als der ideale Held, um die entführte Prinzessin Gunilla aus der Gewalt des schurkischen Asgrimur zu befreien, der mithilfe abstoßender Trolle im hohen Norden eine Schreckensherrschaft errichtet hat. Snöfrid ist von der Aufgabe zunächst alles andere als begeistert, lässt sich dann aber doch breitschlagen, auf die beschwerliche Reise zu gehen, die einige Gefahren bereithält, ihm in Gestalt des hermelinähnlichen Teutwart aber auch einen Freund beschert, mit dem es mehr auf sich hat, als Snöfrid ahnen kann …
Eine ganz klassische Questengeschichte also, die auf kindgerechtes Niveau heruntergebrochen ist und vor allem von ihrem wunderbar unwilligen Helden lebt, in ihrem Verlauf aber keine großen Überraschungen bietet – bis auf ihr Ende, das mit leichter Hand deutlich macht, dass die Rolle des „Bösen“ ebenso wenig bewusst und freiwillig gewählt sein muss wie die des „Guten“.
Sprachlich hätte manche Stelle noch etwas poliert werden können. Möglicherweise bin ich hier aber auch überkritisch, weil mit „Sie hieß Frau Lundby“ einer meiner Lieblingsfehler begangen und eine Anrede als Namensbestandteil behandelt wird (sollte sich allerdings in etwaigen Folgebänden herausstellen, dass die gute Frau mit Vornamen tatsächlich „Frau“ heißt, nehme ich selbstverständlich alles zurück).
Apropos Frau: In der Hinsicht hätte man sich von Snöfrid etwas mehr Vielfalt gewünscht, denn weibliche Gestalten sind entweder Rettungsobjekte oder treusorgende Köchinnen und entwickeln kaum Eigeninitiative. Fairerweise muss man allerdings betonen, dass ohnehin Snöfrid selbst die am besten ausgearbeitete Figur ist und Gefährten, Helfer und Feinde in den Schatten stellt, so dass auch einige männlich besetzte Nebenrollen eher blass bleiben.
Zwei Qualitäten des Buchs lassen einen die leise Enttäuschung darüber allerdings schnell wieder vergessen: Der Weltenbau und die reizenden Illustrationen. Das im Untertitel beschworene „Nordland“ ist stark an Norwegen angelehnt und wartet mit einer Fülle von witzigen Details auf, von runensteinhütenden Moschusochsen über findige Wurzelmännchen bis hin zu einer ganz speziellen Form von Erosion, bei der das Land bei mangelndem Festtreten durch Schafe einfach davonschwebt. Diese überschäumende Fabulierfreude setzt sich in den vom Autor selbst stammenden Bildern fort, die den Text rahmen und begleiten und das märchenhafte Skandinavien mit seinen kleinen und großen Bewohnern zum Leben erwecken. Vor allem Snöfrids niedliche und dabei sehr abwechslungsreiche Mimik lässt einen immer wieder schmunzeln.
Obwohl der Roman in sich abgeschlossen ist, stolpert man gegen Ende über einige Elemente, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob sie das Tor zu einer möglichen Fortsetzung offenhalten sollen (z.B. relativ unvermittelt eingeführte Flugechsen, deren Fehlen der Geschichte nicht sehr geschadet hätte). Dringend notwendig wäre solch ein hypothetischer zweiter Band nicht, aber dank Schmachtls teilweise kreativer Nutzung überkommener Erzählmuster vielleicht durchaus amüsant.
Vorerst nimmt man jedoch in dem Bewusstsein Abschied von Snöfrid, dass der kleine Geselle einem einige unterhaltsame Stunden Lektüre beschert hat, die auch gut für sich bestehen können.

Andreas H. Schmachtl: Snöfrid aus dem Wiesental. Die ganz und gar unglaubliche Rettung von Nordland. Würzburg, Arena, 2015, 235 Seiten.
ISBN: 978-3401705811


Genre: Kinderbuch

Die Muskeltiere

Gelegentlich stößt man auf ein Kinderbuch, das auch Erwachsenen großen Spaß machen kann, wie etwa auf Ute Krauses Die Muskeltiere. Einer für alle, alle für einen, eine vergnügliche Geschichte um vier tierische Freunde, die miteinander durch dick und dünn gehen.
Sehr menschliche Nagetiere, insbesondere Mäuse, als Kinderbuchhelden sind im Prinzip nichts Neues: Seien es nun die Bewohner von Jill Barklems Brombeerhag, die New Yorker Mäuse in Jean van Leeuwens Die große Käseverschwörung, die in einem ländlichen Milieu agierenden Mäuse und Ratten aus Erwin Mosers Der Mond hinter den Scheunen oder Bernhard und Bianca, die einem breiten Publikum wohl eher durch die Disneyfilme als durch die Buchvorlage von Margery Sharp bekannt sind, an anthropomorphen Nagern mangelt es nicht.
Ute Krause leistet mit Die Muskeltiere einen sehr amüsanten und warmherzigen Beitrag zu dieser literarischen Tradition.
Mäuserich Picandou hat es wahrlich nicht leicht: Nicht genug damit, dass das Hamburger Feinkostgeschäft, in dem er bisher ein geruhsames Leben geführt hat, von der Schließung bedroht ist, durch eine Verkettung unglücklicher Umstände sieht er sich auch noch gezwungen, der an Amnesie leidenden Ratte Gruyère und dem gerade noch dem Kammerjäger entkommenen Kneipenmäuserich Ernie alias Pomme de Terre Unterschlupf zu gewähren. Bald hat sich das ungleiche Trio genug zusammengerauft, um auf die Suche nach einem Kreuzfahrtschiff zu gehen, zu dem Gruyère in einer geheimnisvollen Beziehung zu stehen scheint. Unterwegs gabeln die drei noch den Hamster Bertram auf, der seinem öden Käfigdasein bisher nur in der Phantasie entfliehen konnte – und die hat bei ihm vor allem ein Hörbuch über d’Artagnan und die drei (wie er es versteht) „Muskeltiere“ beflügelt, denen er nun nachzueifern gedenkt. Aber angesichts gewaltbereiter Hafenratten, hungriger Möwen und nicht zuletzt krimineller Menschen wird die Sache dann doch ein wenig abenteuerlicher, als selbst er es sich vorgestellt hat …
Die turbulente Questenhandlung, von der man insbesondere hinsichtlich der Interaktion von Nager- und Menschenwelt nicht unbedingt großen Realismus erwarten sollte, lebt dabei vor allem von den liebevoll ausgearbeiteten, durchaus vielschichtigen Figuren, die einen immer wieder zum Schmunzeln bringen und nicht nur durch ihre mit viel Sprachwitz charakterisierte unterschiedliche Sprechweise jeweils eine ganz eigene Stimme erhalten. So oft sie einen in ihrer Gegensätzlichkeit auch zum Lachen reizen, werden doch an ihren Schicksalen durchaus auch ernste Themen kindgerecht abgehandelt, von Tierversuchen über Obdachlosigkeit bis hin zur geistigen Flucht in fiktive Welten als Bewältigungsstrategie, um mit einer belastenden Lebenssituation zurechtzukommen.
Darüber hinaus trägt zum Reiz des Romans natürlich nicht unerheblich bei, dass die vertraute Topographie Hamburgs such aus Nagetierperspektive ganz anders ausnimmt als aus Menschensicht: Hier lauern für kleine Wesen zahlreiche Gefahren, aber eben auch ungeahnte Möglichkeiten. Die Lebenswelt der winzigen Helden ist mit vielen reizenden Details ausgestattet: Stibitzte Briefmarken dienen als Wanddekoration im Mauseloch, ein Müllsack mit Lebensmittelresten erweist sich als höchst attraktives Bestechungsgut, und der arge Fluch „Katzenkleister“ reizt immer wieder zum Lächeln.
Dieser charmanten Humor zieht sich bis in die Ausspracheerklärungen für französische Namen und Begriffe – so transkribiert man d’Artagnan für deutsche Leser laut Ute Krause z.B. am besten als Dartanjo, denn das „o“ ist in Wirklichkeit ein Nasal, aber den kann man nicht schreiben.  Auch die detailfreudigen Illustrationen, die von der Autorin selbst stammen, sind so lustig und liebenswert gestaltet, dass sie Betrachtern aller Altersklassen viel Vergnügen bereiten.
Für jeden vom Grundschulalter an aufwärts, der Freude an witzigen Abenteuergeschichten mit einem Schuss Selbstironie hat, ist die Lektüre also nur zu empfehlen!

Ute Krause: Die Muskeltiere. Einer für alle, alle für einen. Mit Illustrationen von Ute Krause. cbj, 2014, 208 Seiten.
ISBN: 978-3570159033


Genre: Kinderbuch