Das geheimnisvolle Leben der Pilze

Das geheimnisvolle Leben der Pilze

Populärwissenschaftliche Sachbücher zu Naturthemen liegen im Trend, und so ist es kein Wunder, dass auf dieser Bühne nun endlich auch Wesen mit eindrucksvollen Namen wie Spitzbuckliger Riesenschirmling, Runzelverpel, Totenfinger oder Teufelszahn ihren Auftritt bekommen. Das geheimnisvolle Leben der Pilze, das die eben Aufgezählten und noch viele weitere Verwandte führen, erkundet der Biologe Robert Hofrichter mit spürbarer Begeisterung in Wort und Bild. Dabei geht es nicht etwa nur ums Pilzesammeln in heimischen Wäldern, obwohl Hofrichter auch die Freuden und Gefahren dieses Zeitvertreibs ausführlich beschreibt, sondern vielmehr vor allem darum, die ganze Wunderwelt der Pilze und ihre Bedeutung für die Menschen fassbar zu machen.
In handlichen Abschnitten und munterem, oft humorvollem Stil nimmt einen der Autor mit auf eine Entdeckungsreise, die nicht nur zu alten Bekannten wie Champignons, Fliegenpilzen oder Trüffelschweinen führt, sondern auch zum vermutlich größten Lebewesen der Welt (einem Hallimasch in Nordamerika), zu unheimlichen Parasiten, die Ameisen gewissermaßen zu Zombies machen oder Raupen zum Verhängnis werden, zu natürlichen Frostschutzmitteln und zu viel zu wenig bekannten Unterwasserpilzen. Man erfährt, welche Speisepilze sich züchten lassen und welche nicht (oder nur schlecht), und auch die Forschungsgeschichte kommt nicht zu kurz.
Daneben werden zahlreiche kuriose Details mit eingeflochten (so etwa, dass Giftmorde durch Pilze laut englischer Kriminalstatistik des 19. Jahrhunderts eher selten sind), und die Schilderung persönlicher Erlebnisse des Verfassers mit Pilzen, bis hin zur Verlobung auf Pilzsuche, lockert den Text zusätzlich auf. Überdeutlich wird aber vor allem, dass noch längst nicht alles über Pilze bekannt ist und immer wieder neue Erkenntnisse warten, die sicher geglaubtes Wissen infrage stellen – sei es nun, dass inzwischen erforscht ist, dass Flechten nicht aus zwei, sondern aus drei Symbionten bestehen, oder dass man die Giftigkeit bestimmter vermeintlicher Speisepilze womöglich bisher unterschätzt hat.
So gut sich das Buch insgesamt liest, unfreiwillig komisch wird es, wenn Hofrichter sich in die Steinzeit zurückzuversetzen versucht, in der Pilze nicht nur als Nahrung eine wichtige Rolle spielten. Liest man von dem geistig anscheinend eher schlichten Jäger-und-Sammler-Clan, der wohlig schmatzend in seiner Höhle hockt und vor lauter Fresslust nur halb mitbekommt, wie der Schamane plant, mithilfe von Fliegenpilzen Kontakt zum „Großen Geist“ aufzunehmen, stellt sich doch schnell der Eindruck ein, dass hier eher populäre Klischees in eine ferne Vergangenheit zurückprojiziert werden, als dass es um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der damaligen Lebenswirklichkeit geht. Da versteht es sich schon fast von selbst, dass in Hofrichters Steinzeit auch äußerst patriarchalische Verhältnisse herrschen und man „die Frauen und Kinder hinaustrieb“, um Rauschmittel für die Herren der Schöpfung zu beschaffen, die nur „in ihrer Verzweiflung (…) dabei mitmachten“, um genug zusammenzutragen …
Es lohnt sich aber trotzdem, nach etwas Kopfschütteln und Augenrollen weiterzulesen, denn wann immer es um Pilze und nicht um Geschichte geht, liefert Hofrichter wirklich eine Fülle spannender und aktueller Informationen. Mit kleinen Abstrichen ist Das geheimnisvolle Leben der Pilze also durchaus zu empfehlen und macht Lust darauf, sich noch genauer mit dem Thema zu beschäftigen.

Robert Hofrichter: Das geheimnisvolle Leben der Pilze. Die faszinierenden Wunder einer verborgenen Welt. Gütersloh, Gütersloher Verlagshaus, 2017, 240 Seiten.
ISBN: 9783579086767


Genre: Sachbuch allgemein