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Das kleine Buch der Pinguine

Amüsanterweise war in dem für sein Pinguin-Logo bekannten Verlag Penguin bis vor kurzem in all den Jahrzehnten seines Bestehens noch kein Buch über Pinguine erschienen. Das kleine Buch der Pinguine (im Original: The Penguin Book of Penguins) ist daher eine Auftragsarbeit, um diesem Mangel abzuhelfen, aber da der Pinguinforscher Peter Fretwell damit betraut wurde und seine Frau, die Künstlerin Lisa Fretwell, die Illustrationen beisteuerte, ist das Ergebnis mehr als gelungen.

Denn über Pinguine gibt es einiges zu erzählen, nicht nur, weil es, wie man früh im Buch erfährt, vermutlich achtzehn verschiedene Arten gibt (über die genaue Zählung bestehen gewisse Forschungskontroversen), die alle ihre Besonderheiten und durchaus liebenswerten Eigenheiten haben und nach einigen allgemeinen Kapiteln über Evolution und Lebensweise der Pinguine auch jeweils noch einmal einzeln porträtiert werden. Statt nüchtern und trocken aus wissenschaftlicher Distanz zu berichten, macht Fretwell keinen Hehl daraus, dass er Pinguine – und zwar insbesondere die großen Kaiserpinguine, die er seit Jahren beobachtet – sehr gern mag und niedlich findet, so dass er gar nicht anders kann, als voller Sympathie über sie zu schreiben, obwohl er weiß, dass solch ein Eingeständnis der Liebe zum eigenen Forschungsobjekt eigentlich verpönt ist. Die Leserschaft dürfte sich allerdings darüber freuen, denn so entsteht ein sehr menschlicher, einfühlsamer Zugang zum Thema, der in seiner Begeisterung mitreißend ist. Neben biologischen Aspekten fehlt daher auch der Blick auf Pinguine in der Popkultur nicht, und es gibt sogar ein kleines Unterkapitel mit Pinguinwitzen (von denen manche, die eher in die Kategorie Flachwitz fallen, allerdings verzichtbar gewesen wären). Das Übersetzerduo Monika Niehaus und Bernd Schuh liefert im Bereich der kulturellen Bedeutung der Pinguine noch ein paar hilfreiche Ergänzungen für ein deutschsprachiges Publikum und legt ohnehin eine sehr gut lesbare, angenehme Übersetzung vor.

Doch bei allem Vergnügen, das man an realen wie an erfundenen Pinguinen finden kann, stimmt die Lektüre an vielen Stellen auch wehmütig oder empört sogar, da Menschen mit den Pinguinen seit Jahrhunderten nicht so pfleglich umgehen, wie sie es verdient hätten. Wurden die Vögel in früheren Zeiten gejagt und verspeist (was im Fall des Chatham-Pinguins wohl zur Ausrottung führte und die Bestände anderer Arten dezimierte), ihrer Eier beraubt oder sogar zur Gewinnung von Maschinenöl ausgekocht, sind sie heute mittelbar durch menschliche Aktivitäten mehr denn je gefährdet, sei es, dass sie als Beifang in Fischernetzen enden, Ölkatastrophen zum Opfer fallen, durch Überfischung nicht mehr genug Nahrung finden oder unter Störungen durch den Tourismus zu leiden haben. Vor allem aber sind es die gefährlichen Veränderungen ihres Lebensraums durch den Klimawandel, die Pinguinen heute zu schaffen machen und auch und gerade in der relativ menschenleeren Antarktis fürchterliche Folgen haben. Fretwell versteht sein Buch daher auch als Mahnung, endlich weltweit umzudenken und nicht nur durch lokale Naturschutzaktionen, sondern durch politische Änderungen gegenzusteuern. Daran, dass eine Welt ohne Pinguine ärmer wäre, lässt Das kleine Buch der Pinguine auf alle Fälle keinen Zweifel.

Ist der Tenor des Inhalts demensprechend aus gutem Grund bittersüß, bereitet die Buchgestaltung ausschließlich Freude. Gerade in Zeiten, in denen zu viele Verlage unreflektiert auf KI-generierte Bilder setzen, sind die sehr schönen, detailfreudigen Illustrationen von Lisa Fretwell eine Wohltat, und witzige Einzelheiten wie die Vor- und Nachsatzgestaltung mit verschiedensten Versionen des Penguin-Logos bringen einen zum Schmunzeln. Statt nur bloße Fakten zu vermitteln, ist Das kleine Buch der Pinguine daher als Gesamtpaket so ansprechend wie die Pinguine selbst und unbedingt eine empfehlenswerte Lektüre.

Peter Fretwell: Das kleine Buch der Pinguine. Alles über die beliebtesten Vögel der Welt. Mit Illustrationen von Lisa Fretwell. München, Penguin, 2026, 304 Seiten.
ISBN: 978-3-328-60482-2


Genre: Sachbuch allgemein
Illustrated by Lisa Fretwell

Frühstück, Snack & Co.

Klein, aber fein – so lässt sich das Koch- und Backbuch Frühstück, Snack & Co. charakterisieren. Die als Foodbloggerin bekannte Shermin Arif beschränkt sich auf – so der Untertitel – 14 einfache & gute Meal-Prep-Rezepte, aber die lohnen sich auch wirklich und zählen nicht zu denen, die man in umfangreicheren Rezeptsammlungen dann doch überblättert. Aus eigener Erfahrung von der Beobachtung ausgehend, dass zahlreiche Widrigkeiten des Alltags, von Stress bis zu chronischen Krankheiten, einer komplizierten Essenszubereitung oft im Weg stehen, stellt sie hier, aufgeteilt in die Kategorien Süß und Salzig, die verschiedensten Leckereien vor, die sich als Frühstück oder Pausensnack eignen und problemlos vorbereiten, im Kühlschrank lagern und vielfach sogar einfrieren lassen.

Gesund wird es dabei durchaus (sehr zur Freude der Rezensentin kommt unter anderem viel leckerer Hafer zum Einsatz), aber nicht aus einer abgehobenen, perfektionistischen Perspektive heraus: Arif setzt hier und da auch Fertigprodukte ein und zeigt viel Verständnis dafür, dass man bei der Abwägung zwischen idealer Ernährung einerseits und Zeit- und Arbeitsersparnis andererseits in einem normalen Leben Kompromisse eingehen muss. Zu diesem sympathischen und realistischen Blick auf Möglichkeiten und Bedürfnisse gehört auch, dass sich alles mit einer Grundausstattung an Küchengeräten zubereiten lässt.

Die aber werden clever eingesetzt, um einem die Arbeit zu erleichtern: Die wirklich guten Pancakes aus dem Backofen werden, wie der Rezepttitel schon verrät, auf dem Backblech statt in der Pfanne zubereitet, während der Himbeer-Vanille-Käsekuchen aus dem Glas sich direkt im Einmachglas backen (und dann darin gut im Kühlschrank aufbewahren) lässt. Hilfreich ist auch, dass vieles, wie etwa die verschiedenen Muffin-Varianten, darauf ausgelegt ist, sich zum Mitnehmen zu eignen, während anderes einen einfach aus alten Gewohnheiten reißt und auf neue Ideen bringt: Was z. B. spricht eigentlich gegen Pizza zum Frühstück? Ohnehin ist wortwörtlich für jeden Geschmack, von omnivor bis vegan, etwas dabei (wobei im Inhaltsverzeichnis vegane bzw. veganisierbare und glutenfreie Gerichte speziell gekennzeichnet sind).

Abgesehen von seinem praktischen Nutzen aber ist das Buch schlicht eine Augenweide: Jedes Rezept hat seine eigene Doppelseite, auf dem der Text einem liebevoll arrangierten Foto gegenübersteht, das Lust auf das jeweilige Gericht macht und meist auch über die reine Präsentation der Speisen hinaus nette Details enthält (so empfiehlt sich der Warme Schoko-Hafer-Smoothie als ideale Begleitung zum Schreiben, wenn Notizbuch und Füller wunderschön neben dem Glas arrangiert sind). So macht einem nicht nur das Ausprobieren der Rezepte, sondern auch schon das Betrachten viel Spaß. Für alle, die gern alltagstauglich kochen und backen oder einfach nur Spaß an schönen Büchern zum Thema haben, ist Frühstück, Snack & Co. also nur zu empfehlen.

Shermin Arif: Frühstück, Snack & Co. 14 einfache & gute Meal-Prep-Rezepte. Berlin 2025. 
ISBN: 979-8-277-63575-9

 

 

 


Genre: Sachbuch allgemein

Denisova

In der Altsteinzeit durchstreiften Neandertaler und frühe moderne Menschen die Welt, Erstere starben aber irgendwann aus, so dass nur noch wir übrig blieben – so lässt sich vereinfacht das Bild zusammenfassen, das man lange landläufig von der Urgeschichte hatte. Erst 2010 erkannte man, dass mit den sogenannten Denisova-Menschen oder Denisovanern noch eine dritte Menschenart zur selben Zeit lebte. Anders als für prähistorische Funde typisch, waren für die Bestimmung der neuen Art keine morphologischen Beobachtungen an Fossilien ausschlaggebend: Vielmehr war es die genetische Analyse eines optisch nicht weiter auffälligen Fingerknochens aus der namensgebenden Denisova-Höhle durch das Leipziger Forschungsteam des vor allem für die Entschlüsselung des Neandertaler-Genoms berühmt gewordenen Svante Pääbo. Damit nicht genug: Ebenso, wie sich in heutigen Europäern einige Neandertalergene nachweisen lassen, haben Denisovaner-Gene in Asiaten überdauert. Ganz verschwunden ist auch der Denisova-Mensch also nicht, obwohl er so lange vergessen war.

Die Paläoanthropologin Silvana Condemi und der Journalist François Savatier schildern in Denisova. Die Entdeckung einer neuen Menschenart nicht nur diesen wissenschaftlichen Erfolg, sondern zeichnen auch ganz allgemein die urzeitliche Besiedlung Asiens durch mehrere Wellen früher Menschen und die durch die insbesondere in den tropischen Regionen des Kontinents schwierigen Erhaltungsbedingungen für Fossilien alles andere als einfache Erforschung dieser prähistorischen Vorgänge nach, um dann schließlich ein Bild des Denisova-Menschen selbst und seiner Umgebung (die sich beileibe nicht nur auf den Altai, wo die ersten Funde gemacht wurden, beschränkte) zu entwerfen und Überlegungen anzustellen, welche bisher noch nicht genetisch untersuchten Fossilien womöglich ebenfalls Denisovanern zuzuordnen sind und so die eher schmale Fundbasis, die von dieser Menschenart zeugt, beträchtlich erweitern könnten.

Apropos Menschenart: Den beiden gelingt es in ihrem von Anna und Wolf Heinrich Leube angenehm übersetzten Buch dabei auch, Kompliziertes und aus Laiensicht erst einmal ziemlich Widersprüchliches allgemeinverständlich zu erläutern, so etwa, dass zwar heute meist das von Ernst Mayr geprägte Artkonzept der biologischen Art als Gemeinschaft, die sich untereinander fortpflanzen und fruchtbare Nachkommen zeugen kann, zur Abgrenzung einer Spezies angewandt wird, Homo sapiens, Neandertaler und Denisovaner, die genetisch nachweisbar in der Lage waren, miteinander fruchtbare Nachkommen zu zeugen, aber dennoch nicht als Unterarten einer einzigen Menschenart (wie sie es eigentlich nach dieser Definition sein müssten), sondern als drei getrennte Menschenarten gelten, weil bei der Bestimmung prähistorischer Arten eine rein morphologische Artdefinition zur Anwendung kommt – nicht zuletzt auch, weil bis zu den Fortschritten der Genetik in den letzten Jahrzehnten  ja überhaupt keine Möglichkeit bestand, bei ausgestorbenen Arten nach anderen Kriterien als dem äußeren Anschein zu entscheiden.

Auch sonst erfährt man viel Interessantes, manchmal sogar Amüsantes über die Tücken der Forschung, mag es nun um die verheerende Wirkung von Hyänen auf Knochen und deren spätere Untersuchbarkeit gehen oder um chinesische Bemühungen, zum Ruhm des eigenen Landes eine Entstehung des Menschen in China, nicht in Afrika, nachzuweisen.

Zusätzlichen Reiz gewinnt das Buch durch die sehr schönen Rekonstruktionszeichnungen von Benoit Clarys, die, teilweise als „Porträts“ konkreter Funde, Lebensbilder von Denisovanern und anderen frühen Menschen präsentieren und dabei dankenswerterweise auf das leider bis heute verbreitete Klischee der Urgeschichte als Musterbeispiel einer brutalen, ausschließlich von Jagd und Kampf geprägten Männerwelt verzichten. So zeigt eine Illustration, die alle drei Menschenarten darstellen soll, eine friedliche Runde aus drei Frauen (jeweils eine Neandertalerin, eine Homo-Sapiens-Frau und eine Denisovanerin), den von zweien von ihnen auf dem Rücken getragenen Babys und einem etwas größeren Kind, begleitet von der Bildunterschrift, die drei Menschenarten hätten „sich bestimmt gefreut, einander kennenzulernen“ (S. 66) – ein sympathisch positiver und optimistischer Blick darauf, dass zwischenmenschliche Kontakte eben nicht immer gleich identisch mit Konflikten sein müssen, sondern auch freundliche Szenarien denkbar sind.

Dementsprechend viel Freude macht dieser Ausflug in ferne Zeiten, obwohl oder gerade weil noch viele Fragen über die Denisova-Menschen offen sind.

Silvana Condemi, François Savatier: Denisova. Die Entdeckung einer neuen Menschenart. München, C. H. Beck, 2025, 256 Seiten.
ISBN: 978-3-406-82697-9


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

Die wahre Geschichte der Germanen

Die „wahre“ Geschichte über irgendein historisches Thema zu erzählen, ist eine unlösbare Aufgabe, und so gibt auch Karl Banghard schon in seinem Vorwort zu, dass Die wahre Geschichte der Germanen trotz dieses plakativen Titels natürlich nicht genau das, sondern eben nur eine Annäherung unter den Bedingungen unserer Zeit ist. Zumindest ist dieses populärwissenschaftliche Buch aber eine wahrere Geschichte als manch eine andere, die über die Germanen erzählt wird, denn gegen deren ideologische Vereinnahmung von rechts und ihre Stilisierung zu vermeintlichen ersten Deutschen positioniert Banghard sich mit Nachdruck, nicht zuletzt, weil er als Leiter des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen immer wieder selbst mit entsprechenden Vorstellungen konfrontiert ist.

In der Sache gelingt es ihm auch glänzend, auf Basis seiner unverkennbar umfassenden Kenntnisse der Epoche solchen Fehlannahmen (oder bewussten Verfälschungen) ein dem heutigen Stand der Forschung entsprechendes Bild entgegenzusetzen und dabei auch immer wieder ehrlich aufzuzeigen, wenn in der Wissenschaft keine Einigkeit über bestimmte Themen herrscht. Eines allerdings steht fest: Die Germanen als einheitliche Entität gab es nicht, aber kulturell und sprachlich lässt sich eben doch vieles über die Menschen rekonstruieren, die unter diesem Begriff zusammengefasst werden.

Banghards Ansatz ist dabei oft praktischer Natur (und manchmal auch von einem gewissen Überlegenheitsgefühl der in dieser Hinsicht „handfesteren“ archäologischen Herangehensweise gegenüber der germanistischen oder althistorischen Textarbeit geprägt). So erfährt man viel über im Experiment Erprobtes, das in anderen Darstellungen eher zu kurz kommt, etwa, wie genau eine bei den frühen Germanen übliche Leichenverbrennung funktionierte oder warum es sich lohnen kann, Pferdehaar zusammen mit Wolle zu verweben. Vor allem aber lernt man anhand verschiedenster Fundorte und der dort gemachten Entdeckungen einiges über Alltagsthemen, ob nun Hausbau, Landwirtschaft, Ernährung, Verkehrswesen, Runenschrift, Begräbnissitten, Kleidung, Frisuren, Töpferei, Eisenverhüttung oder Mobilität (bis hin zu offenbar höchst erfolgreichen Einwanderern wie einem Mann aus dem Nahen Osten, der im 3. Jahrhundert in einem Prunkgrab in Thüringen beigesetzt wurde). Berühmtes (so die Siedlung von Feddersen Wierde, die Fibel von Meldorf, der Schatzfund von Neupotz oder die als „Roter Franz“ bezeichnete niedersächsische Moorleiche) steht dabei neben Unbekannterem und aus heutiger Sicht kurios Anmutendem wie etwa einem im Polen gefundenen Grab, in dem unter anderem 16 Gänse eine Frau ins Jenseits begleiteten.

Eingebettet ist all dies in eine skizzenhafte Ereignisgeschichte der Germanen von den ersten als germanisch anzusprechenden Zeugnissen in Süddeutschland (wo aufgrund ihres Erscheinens zu einem spezifischen Zeitpunkt eine Eingrenzung leichter fällt als in dem Kontinuum weiter nördlich, bei dem unklar bleiben muss, ab wann genau es als „germanisch“ gelten kann) über verschiedene militärische Konflikte des Römischen Reichs mit germanischen Gruppen bis hin zum Übergang der antiken Welt ins Frühmittelalter. Abschließend richtet ein Kapitel noch einmal gezielt den Blick auf die Germanenrezeption der Rechten von der Nazizeit bis heute – eine Begeisterung, der ironischerweise auch das Freilichtmuseum Oerlinghausen überhaupt erst seine Existenz verdankt, auch wenn es heute dankenswerterweise zu den Institutionen gehört, die sich um eine andere Sichtweise bemühen.

Ein hochinteressantes und gelungenes Buch also? Ja – aber mit einer Einschränkung, denn ob man mit Banghards Erzählweise warm wird oder nicht, ist eine Frage des individuellen Geschmacks. Wer sich mit reichlich Umgangssprache (vom „Kulturwissenschafts-Klingonisch“, S. 191, bis zum „Scheißlegatus“, S. 54) und auch immer wieder mit etwas gewollt anmutendem Humor abfinden kann, wird es bei der Lektüre leichter haben als alle anderen. Zahlreiche Scherze wie der Kalauer, man könne den bis heute in der Forschung umstrittenen Ort der Varusschlacht vielleicht in Dissen am Teutoburger Wald vermuten, weil Varus ja lange nach seinem Tod von römischen Schriftstellern „gedisst“ worden sei (S. 58), bleiben einem nicht erspart, auch wenn ihre Dichte glücklicherweise im Verlauf des Buchs abnimmt.

Dabei kann Banghard eigentlich sehr gut schreiben und tut das oft auch über mehrere Seiten hinweg, ganz gleich, ob es nun um sachliche Angaben oder poetische Naturschilderungen (siehe etwa S. 119) geht, bis er dann wieder die nächste deftige umgangssprachliche Wendung, noch eine Popkultur-Anspielung oder einen eher platten Witz bringen zu müssen meint. So sehr das wissenschaftliche Trockenheit oder übertriebene Ehrfurcht zu vermeiden hilft, alles in allem ist es doch etwas zu viel des Guten. Aber vielleicht spricht dieser Stil ja manche Leute an, und möglicherweise auch gerade diejenigen, die besonders von diesem Buch profitieren können, weil es ihre Vorurteile so entschlossen geraderückt.

Angesichts des bemüht launigen Tonfalls wirkt es übrigens unfreiwillig komisch, dass im Bildtafelteil ausschließlich Fotos von Reenactment-Germanen enthalten sind, die so vollkommen todernst dreinsehen, als hätten sie nicht viel zu lachen (ob das nun eher eine Aussage über das Posieren für solche Aufnahmen oder über das Leben der historischen Germanen beinhalten soll, sei einmal dahingestellt). Andere Illustrationen fehlen leider bis auf eine Karte der erwähnten Fundorte komplett: Es gibt weder Bilder von archäologischen Funden noch Rekonstruktionszeichnungen. Gerade weil sich das Buch nicht primär an ein Fachpublikum richtet, wäre es schön gewesen, hieran nicht zu sparen.

Ein Gesamturteil über Die wahre Geschichte der Germanen fällt nicht leicht. Einerseits hat sie ohne Zweifel eine Fülle an Wissen und Aufklärungsarbeit zu bieten, und die Intention dahinter ist einem grundsympathisch. Andererseits wäre ein weniger effekthascherischer Ton angenehmer zu lesen gewesen als die forcierte Lockerheit. Eindeutig zu- oder abraten kann man also nicht; der Inhalt ist die Lektüre auf jeden Fall wert, aber inwieweit die Darreichungsform einem behagt, kann nur jeder selbst entscheiden.

Karl Banghard: Die wahre Geschichte der Germanen. 2. Aufl. Berlin, Propyläen (Ullstein), 2025, 272 Seiten.
ISBN: 978-3-549-10090-5


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

An der Quelle

Quellen sind für die Natur und nicht zuletzt auch für die Versorgung der Menschen mit Wasser entscheidend, bekommen aber oft weniger Aufmerksamkeit als die Bäche und Flüsse, die aus ihnen entstehen können. Das möchte Martin Rasper mit seinem Buch An der Quelle ändern. Im Rahmen der schön gestalteten Reihe European Essays on Nature and Landscape erschienen, befasst es sich nicht nur mit den unterschiedlichsten Formen von Quellen an sich, sondern auch mit dem, was sie für Lebewesen aller Art (von sehr kleinen bis hin zum Menschen) bedeuten. Geographisch liegt der Schwerpunkt dabei auf Westdeutschland und insbesondere dessen südlicher Hälfte.

Quellen – so erfährt man hier – nehmen nicht immer die sicher von den meisten mit ihnen assoziierte Form der Sturz- oder Fließquelle (also munter hervorsprudelnden Wassers) oder von Teichen (Quelltümpeln oder -töpfen) an, sondern sind in vielen Fällen deutlich unspektakulärere Sickerquellen, die einfach nur als feuchte Stellen in der Landschaft zutage treten. Alle Quelltypen sind jedoch wichtige Biotope, denen menschliche Aktivitäten oft zum Verhängnis werden, ob nun unmittelbar (wenn das Fassen einer Quelle in einer steinernen Ummauerung ihr die Natürlichkeit und ihre Rolle als Lebensraum raubt) oder indirekt (wenn durch den Klimawandel beförderte Dürrejahre eine Quelle austrocknen lassen).

Obwohl der Mensch also nicht immer pfleglich mit Quellen umgeht, braucht er sie, und das schlägt sich nicht nur im praktischen Umgang mit ihnen nieder, wenn sie etwa zur Trinkwasserbeschaffung oder für das Kur- und Badewesen genutzt werden. Vielmehr sind Quellen auch seit jeher von Geschichten umgeben und aus Kunst, Religion, Mythologie und Literatur nicht wegzudenken. So liest man hier auch einiges über Gottheiten, Nymphen, Nixen und Quellheiligtümer, immer wieder wunderhübsch mit historischen Darstellungen in Farbe illustriert (allerdings gibt es natürlich daneben auch Kartenmaterial und Fotos). Hinzu kommen kuriose Geschichten wie die um den Streit um die wahre Donauquelle, für deren Lokalisierung nicht nur streng erdkundliche Kriterien eine Rolle spielen, sondern vielmehr politische Erwägungen, Lokalpatriotismus und tief verwurzelte Vorstellungen vom angemessenen Aussehen des Ursprungs eines so wichtigen Flusses.

Allerdings wirken all diese kulturhistorischen Informationen vor allem dann verlässlich, wenn sie sich auf jüngere Zeiten beziehen. Bei Antike und Mittelalter ist hier und da vielleicht doch ein Fragezeichen angebracht. Was soll man etwa von der Aussage über „die keltischen Göttinnen Rosmerta, die dem Merkur entsprach, sowie Sirona, die als Heilgöttin dem Apollon gleichgesetzt war“ (S. 49), halten? Soweit ich weiß, wurden die jeweiligen Göttinnen zwar an der Seite der genannten männlichen Götter kultisch verehrt und als deren Gefährtinnen dargestellt, aber nicht eins zu eins mit ihnen identifiziert, wie man aus der Angabe hier schließen könnte. Ähnlich eigenartig ist die gewählte Übersetzung einer Passage aus Einhards Vita Caroli Magni (vgl. S. 70), da sie in den Formulierungen derart altertümlich ist, dass man gern wüsste, wo Rasper sie ausgegraben hat und weshalb sie ihm für einen modernen Text passend erschien (vielleicht, weil sie mit ziemlicher Sicherheit gemeinfrei sein dürfte?). Gerade in solchen Fällen bedauert man, dass Quellenangaben (!) jedweder Art dem Buch fehlen, man also an keiner Stelle nachvollziehen kann, nach welchen Editionen historische und literarische Texte zitiert werden (da ein anderer Band der Reihe durchaus über eine Literaturliste verfügt, wäre einer entsprechenden Auflistung wahrscheinlich von Verlagsseite aus keine Steine in den Weg gelegt worden).

Wie von den Bänden der Reihe gewohnt, kann man im Anhang per QR-Code weitere Informationen aufrufen, in diesem Fall zu verschiedenen empfehlenswerten Wanderungen zu Quellen und zu Forschungsprojekten, die sich mit dem Thema Quelle befassen. Denn so umfassend wissenschaftlich bearbeitet, wie man bei solch einem allgegenwärtigen Phänomen denken könnte, sind – so eine weitere Erkenntnis, die man aus dem Buch mitnimmt – Quellen auch heutzutage noch nicht, obwohl sich in ihnen und um sie herum von winzigen Schnecken bis hin zu Moos so manches entdecken lässt und auch ihre Verteilung in der Landschaft interessant (und oft nicht einmal ansatzweise kartiert) ist. Lust darauf, sich mit dem Thema noch ein wenig mehr zu befassen, macht An der Quelle aber auf jeden Fall.

Martin Rasper: An der Quelle. Hamburg, KJM Buchverlag, 2024 (European Essays on Nature and Landscape), 140 Seiten.
ISBN: 978-3-96194-237-4

 


Genre: Kunst und Kultur, Sachbuch allgemein

Fabulöse Fakten

Versteckspiel-Experimente mit Ratten, die Geheimnisse des Weltraums, die Funktionsweise von mRNA-Impfstoffen oder das erstaunliche Leben der Nacktmulle: Die Naturwissenschaften halten einiges an nicht unbedingt zum Allgemeinwissen zählenden, faszinierenden bis kuriosen Details bereit, eben Fabulöse Fakten, wie Daniela Schreiter ihr Buch betitelt, das in Wort und Bild genau solche Wissenshappen zu kleinen Leckerbissen aufbereitet.

Die Comickünstlerin  ist vor allem für ihre Arbeiten zum Thema Autismus bekannt, aber wie die Fabulösen Fakten beweisen, eignet ihr von viel Witz und Charme geprägter Stil sich ganz unabhängig vom spezifischen Gegenstand wunderbar dazu, Wissen aller Art zu vermitteln. Nicht ohne Grund betonen beide Vorworte (eines der Autorin selbst und eines des Chemikers und Wissenschaftsjournalisten Lars Fischer, der auch an dem Beitrag über den m-RNA-Impfstoff mitarbeitete) die immense Bedeutung von Bildern für die Weitergabe und Aufnahme von Informationen.

Ist man es sonst aber eher gewohnt, naturalistische oder abstrahierende Darstellungen als Verständnishilfe an die Hand zu bekommen, zielen Daniela Schreiters Comics kein bisschen auf Realismus ab, sondern fahren von dem auf zwei Beinen gehenden Fuchs, der als cleverer kleiner Begleiter durchs Buch führt, über einen schneemannbauenden Zitronenfalter bis hin zu einem gitarrespielenden Wal so manches auf, was einem in freier Natur eher selten begegnen dürfte, aber dafür umso witziger und einprägsamer ist.

Das gilt auch für die vielen, vielen Popkulturanspielungen, die, obwohl man das Buch mit seinen zugänglichen Erklärungen unbedenklich auch schon einem Kind in die Hand geben kann, die Lektüre gerade auch für Erwachsene über die ohnehin interessanten Sachinhalte hinaus lohnend und amüsant machen (ob Super Mario, Cthulhu oder Game of Thrones, man stößt auf viel Bekanntes und in diesem Kontext dann doch eher Unerwartetes).

Auf sehr lockere und leichte Art erfährt man so, was eine Blauwalzunge wiegt, wie viele noch unerforschte Pilzarten es vermutlich gibt oder was genau eigentlich im Körper abläuft, wenn man sich seine COVID-19-Impfung abholt. Natürlich geht das alles nicht so sehr in die Tiefe wie bei einem klassischen Sachbuch, aber gerade durch den Spaß, den alles macht, bleiben beim Lesen doch erstaunlich viele Einzelheiten hängen, die Lust und Neugier darauf wecken, sich noch genauer über die einzelnen Themen zu informieren. Ob man das Buch in einem Rutsch liest oder sich nach und nach die einzelnen Comics vornimmt, kann man sich dabei aussuchen, so dass auch alle, die nur eine kurze Ablenkung für zwischendurch oder die passenden drei Seiten zum Entspannen vor dem Einschlafen brauchen, hier auf ihre Kosten kommen.

Wenn eines an den Fabulösen Fakten schade ist, dann, dass es mit ihnen nach 96 Seiten leider nicht mehr weitergeht. Dabei würde man gerade nach dem gelungenen letzten Kapitel Pilzpower! den kleinen Fuchs gern weiter begleiten, um auf unterhaltsame Art noch ein bisschen mehr über unsere Welt herauszufinden – aber vielleicht kommt ja irgendwann einmal ein zweiter Band?

Daniela Schreiter: Fabulöse Fakten. Stuttgart, Panini, 2. Aufl. 2025, 96 Seiten.
ISBN: 978-3-7367-8303-4

 


Genre: Comic, Sachbuch allgemein
Illustrated by Daniela Schreiter

Moor

Schweden gehört zu den moorreichsten Ländern der Welt, und so ist es kein Wunder, dass im Rahmen der Reihe European Essays on Nature and Landscape ein Schwede den dem Moor gewidmeten Beitrag übernehmen darf. Mattias Eliasson schildert in seinem schlicht Moor betitelten, von Gabriele Haefs wunderbar ins Deutsche übersetzten Buch nicht nur seine eigenen Naturerfahrungen in verschiedenen Moorgebieten Nord- und Mittelschwedens, sondern auch viel (Kultur-)Historisches, unter anderem auch immer wieder schlaglichtartig eine Reise, die Carl von Linné 1732 durch dieselben Gegenden unternahm. Dass dem Band Karten beigegeben sind, um die erwähnten Aufenthaltsorte beider Männer auffinden zu können, ist sehr nützlich, denn Eliasson erzählt nicht linear, sondern beschreibt fast impressionistisch eine Vielzahl kleiner und großer Eindrücke, so dass man sich von Kapitel zu Kapitel immer wieder auf geographische Sprünge, die keinem besonderen Muster folgen, einstellen muss.

Ausgangspunkt der Betrachtung ist im Sinne des essayistischen nature writing die persönliche Naturerfahrung. Das kann durchaus sehr sympathische Züge annehmen (etwa bei einer nächtlichen Wühlmausrettung aus dem Hundenapf in der eher rustikalen Ferienhütte), manchmal aber auch mehr Informationen beinhalten, als man sie unbedingt gebraucht hätte: Wenn der Autor auf die Schilderung verzichtet hätte, wie er an einen Baum uriniert, hätte ich sie nicht vermisst. Vom Beerensuchen oder von der Wirkung des Gehens über schwingenden Moorboden auf lädierte Gelenke zu lesen, ist da schon interessanter, und die feinen Beobachtungen zu Schwarzspechten (die laut schwedischer Sage übrigens von einer geizigen Bäuerin abstammen, die Gott und Petrus, die bei ihr einkehrten, Brot verweigerte), Elchen und Moosglöckchen, aber auch zu Begegnungen mit allen möglichen Menschen lassen die Welt der schwedischen Moore lebendig werden.

Viel erfährt man auch über das harte bäuerliche Leben in Zeiten, in denen jedes dritte Mädchen Anna hieß, junge Hirtinnen einsame Sommer verbrachten, im Moor Heu gemacht und Wollgras als Kissenfüllung geerntet wurde – eine Wirtschaftsweise, die heute Vergangenheit ist und von der nur noch allerlei verlassene Hütten im Moor zeugen. Daneben sind durchaus schaurige Geschichten vertreten, wie die von den Soldaten, die auf einem winterlichen Rückzug aus Norwegen nach Schweden in der letzten Phase des Großen Nordischen Krieges zu Tausenden erfroren. Aber auch die Bedeutung des Moores für den Klimaschutz und die sich daraus ergebenden Bemühungen um die Wiedervernässung trockengelegter Moore werden angerissen. Wirklich tiefgehende Analysen darf man angesichts der Kürze des Buchs und der Betonung des individuellen Naturerlebnisses natürlich zu keinem dieser Themen erwarten, aber die Neugier, sich noch einmal selbständig im Detail damit zu beschäftigen, wird auf alle Fälle geweckt.

Positiv fällt die wirklich wunderschöne Gestaltung des Buchs auf, das wie alle Bände der von Klaas Jarchow herausgegebenen Reihe nicht nur reich mit Fotos illustriert, sondern auch mit Federzeichnungen von Rüdiger Tillmann in Vor- und Nachsatz ausgestattet ist, während dieser Künstler und der Autor wiederum in weiteren Zeichnungen von Anika Takagi porträtiert sind – Kunstwerke über Kunstwerke im Kunstwerk. Ein ausführlicher Anhang bietet nicht nur ein Glossar, sondern auch Listen von relevanten Reisezielen, Museen und Websites mit Zusatzinformationen (per QR-Code aufzurufen). Durch diese gelungene Aufmachung bekommt man auch Lust darauf, über das vorliegende Buch hinaus zu weiteren Bänden der Reihe zu greifen, die einen hoffentlich ähnlich gut in Landschaft und Natur eintauchen lassen.

Mattias Eliasson: Moor. Hamburg, KJM Buchverlag, 2024 (European Essays on Nature and Landscape), 140 Seiten. 
ISBN: 978-3-96194-234-3

 


Genre: Sachbuch allgemein

Exil im Paradies

Die Geschichte des deutschsprachigen Exils während der Nazizeit wird nicht selten vor allem als eine Geschichte von Männern erzählt. Ursel Braun wählt gezielt eine andere Perspektive: In Exil im Paradies stellt sie sechs Frauen in den Mittelpunkt, die in Los Angeles und seinen Vororten, sei es für immer oder nur auf Zeit, eine neue Heimat fanden, und schildert ihr Leben in den Jahren 1940 bis 1945.

Salka Viertel, Katia Mann, ihre Schwippschwägerin Nelly Kröger-Mann, Marta Feuchtwanger, Alma Mahler-Werfel und Helene Weigel hatten vor ihrer jeweiligen Emigration sehr unterschiedliche, nicht zuletzt durch ihre jeweilige soziale Herkunft bestimmte Lebenswege, waren aber alle mit bekannten deutschsprachigen Autoren verheiratet und ab einem bestimmten Zeitpunkt Teil derselben Exilgemeinschaft, die für einige Jahre unter dem Spitznamen „New Weimar“ zahlreiche Größen aus Kunst, Literatur, Musik und Schauspiel an der Pazifikküste versammelte.

Neben dem Ort, an den ihre Flucht (bzw. in Viertels Fall eine gerade noch rechtzeitige Auswanderung vor dem völligen Entgleisen der Verhältnisse in Europa) sie geführt hatte, einte die sechs aber noch etwas: Leicht hatten sie es alle nicht, ganz gleich, ob sie ein materiell komfortables Leben führen konnten, wie die finanziell gut ausgestattete Katia Mann, oder vielmehr wie Helene Weigel, die in ihrem Beruf als Schauspielerin in den USA nicht Fuß zu fassen vermochte, von Geldsorgen geplagt waren. Als Geflüchtete spätestens seit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten immer wieder mit Vorurteilen, rechtlichen Einschränkungen oder gar Bespitzelung konfrontiert, mussten sie um in Europa zurückgebliebene Angehörige und Bekannte bangen. Zumeist blieb es auch allein an den Frauen hängen, sämtliche praktische Seiten des Ehe- und Familienalltags zu organisieren und ihren teilweise mit der neuen Lebenssituation fremdelnden bis überforderten Männern den Rücken für ihre literarische Arbeit freizuhalten, ohne unbedingt viel Dank und Anerkennung dafür zu bekommen.

Denn eines wird bei den Schilderungen von Alltag, Gesellschaftsleben und kleinen Freuden inmitten schwerer Zeiten leider auch deutlich: Trotz ihres fürchterlichen und unverdienten Schicksals waren nicht alle von den Nazis in Exil Getriebenen unbedingt durch und durch sympathische Gestalten. Die ihre Frauen oft munter rechts und links betrügenden und ein beträchtliches Anspruchsdenken an den Tag legenden Schriftsteller sind allerdings nicht die Einzigen, die nicht gerade als moralische Vorbilder taugen. Auch über die ungeachtet ihrer Ehe mit dem Juden Franz Werfel an antisemitischen Vorurteilen festhaltende und ohnehin in fast schon grotesker Überheblichkeit schwelgende Alma Mahler-Werfel schüttelt man bei der Lektüre mehr als einmal den Kopf.

Von solchen Merkwürdigkeiten, der über allem schwebenden Ungewissheit um Kriegsausgang und eigene Zukunftsaussichten, aber auch von Amüsantem wie einer Heimatgefühle weckenden Sachertorte nach Spezialrezept, einer am Wegesrand aufgelesenen Schildkröte und dem Kulturschock aus Europa in das ihnen sehr fremde Amerika Verpflanzter erzählt Ursel Braun in einem gut lesbaren, flüssigen Stil, vor allem aber auch mit viel Sachkenntnis und Einfühlungsvermögen. Fotos von ihren Protagonistinnen und deren Angehörigen (teilweise in der Zeit des Exils, manchmal auch schon in früheren Jahren aufgenommen) lockern den Text auf und illustrieren bestimmte Detailbeobachtungen. Vorn und hinten im Einband bietet darüber hinaus ein Stadtplan, in dem die jeweiligen Frauen ihren Wohnorten zugeordnet sind, Zusatzinformationen (ein Manko an diesem Plan ist allerdings die leider etwas kontrastarm geratene Farbgebung von Karte und Schrift; man braucht schon sehr gute Beleuchtung am Leseplatz, um die Straßen- und Ortsnamen entziffern zu können)

Ein Epilog skizziert den weiteren Weg der fünf Frauen, die über die im Detail geschilderte Zeit hinaus noch am Leben blieben (die von ihrer Situation sehr belastete und von den Verwandten ihres Mannes Heinrich Mann immer abgelehnte Nelly Kröger-Mann hatte 1944 Suizid begangen), und eine kurze Bibliographie gibt eine nach den jeweiligen Frauen geordnete Übersicht über die Literatur zu ihnen, so dass man, wenn man durch Exil im Paradies neugierig geworden ist, noch tiefer in die Lektüre über sie einsteigen kann.

Hervorhebenswert ist darüber hinaus auch die hübsche äußere Gestaltung des in der Reihe blue notes erschienenen Buchs, das ein kleine Schmuckstück im Regal ist und es verdient hat, mehr als einmal daraus hervorgezogen zu werden, und das nicht nur aus historischem Interesse. Gerade angesichts der Tatsache, dass das titelgebende Paradies derzeit eher als von den Waldbränden um Los Angeles schwer gezeichnete Flammenhölle Schlagzeilen macht und es nicht nur in Europa, sondern auch in Amerika zu politischen Verwerfungen kommt, drängen sich Kontraste und Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf, die dem Buch eine besondere Aktualität verleihen und es auch abseits jedes speziellen Interesses an den Porträtierten und ihrem Umfeld lesenswert machen.

Ursel Braun: Exil im Paradies. Von Marta Feuchtwanger bis Helene Weigel. Berlin, ebersbach & simon, 2025, 144 Seiten.
ISBN: 978-3-86915-311-7


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur, Sachbuch allgemein

Das Moor

Fragt man nach der Klimakrise und den Landschaftstypen, die CO₂ zu speichern vermögen, stehen im allgemeinen Bewusstsein oft Wälder im Vordergrund. Dass Moore diesbezüglich noch weitaus wichtiger sind, geht dabei oft unter, und genau das ist es, was die Moorökologin Franziska Tanneberger in ihrem gemeinsam mit der Journalistin Vera Schroeder verfassten Buch Das Moor zu ändern gedenkt. Zwar mag man sich als archäologiebegeisterte Germanistin nicht vorstellen, dass sie mit ihrer Einschätzung Recht hat, viele Leute ließen sich besonders davon abschrecken, dass ihnen beim Stichwort Moor zuerst Moorleichen und das schaurige Gedicht vom Knaben im Moor einfielen (beides macht Moore doch wohl gerade interessant?), aber wahr ist natürlich, dass Moore mehr Aufmerksamkeit verdient haben, nicht nur, aber eben auch aufgrund ihres Einflusses auf das Klima.

Wer nun allerdings damit rechnet, eine detailverliebte Vorstellung von Flora und Fauna in Moorgebieten geliefert zu bekommen, wird hier nicht das Richtige finden. Einzelne Arten werden zwar durchaus erwähnt (so etwa der Seggenrohrsänger, dessen Schutz Tanneberger besonders am Herzen liegt), aber der einleitende Abschnitt über Moore als Naturraum ist relativ kurz. Im Fokus steht eher die Bedeutung des Moores für die Klimaforschung und -rettung. So erfährt man einiges über die weltweite Verbreitung von Mooren (mit den Schwerpunkten Sibirien, Indonesien und Kongobecken) und noch mehr über den Umgang des Menschen mit dem Moor und wünschenswerte Veränderungen. Denn so segensreich nasse Moore für das Klima sind, so fatal sind in Sachen Treibhausgasausstoß nicht nur der Torfabbau, sondern auch die inzwischen zumindest in Deutschland dominierende Nutzung trockengelegter Moore für Land- und Viehwirtschaft.

Tanneberger schreibt mit viel Verständnis für die Gründe hinter der Moorkultivierung, die in vergangenen Jahrhunderten, als die schlimmen Konsequenzen noch nicht (oder doch immerhin nicht in vollem Umfang) absehbar waren, oft wie die einzige Möglichkeit erschien, armen Landstrichen zu bescheidenem Wohlstand zu verhelfen. Besonders die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg, sowohl in der BRD am Beispiel des Bourtanger Moors als auch in der DDR am Beispiel der Friedländer Großen Wiese, wird dabei in den Blick genommen und bei den Empfehlungen für die Zukunft auch bedacht, dass man die Menschen, die auf und von trockengelegten Moorflächen leben, nicht einfach ersatzlos um ihre Existenzgrundlage bringen kann. Ein wichtiges Stichwort in diesem Zusammenhang lautet  Paludikultur, also ein Bewirtschaftung wiedervernässter Moore, die eine Chance bieten kann, ökologische Notwendigkeiten und ökonomische Interessen unter einen Hut zu bringen.

Aufgelockert wird der Text nicht nur durch Abbildungen (z. T. in Farbe in einem recht umfangreichen Tafelteil) und durch Schilderungen von Tannebergers eigenen Moorerfahrungen (von ersten Abenteuern in ihrer Kindheit bis hin zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit einschließlich ihrer Forschungsreisen), sondern auch durch immer wieder eingefügte Interviews mit „Moormenschen“ aller Art, ob sie nun in Umweltschutz, Forschung oder Moorbewirtschaftung aktiv sind. Nicht nur in diesen Einschüben wird deutlich, dass Moorschutz alles andere als unpolitisch ist (sei es nun, dass ein Moorschützer in Belarus seit Jahren im Gefängnis sitzt oder dass die aktuelle Weltlage eine weitere deutsch-russische Zusammenarbeit in der Moorforschung vorerst unmöglich macht). Eine Alternative zur Rettung und – wenn irgend möglich – Wiederherstellung von Mooren sieht Tanneberger aber nicht, so dass sie abschließend noch einmal Acht Schritte (so in der Überschrift des entsprechenden Kapitels), die dazu nötig sind, aufzählt, die man vielleicht eher acht Appelle an ihre Leserschaft (und an die Politik) nennen könnte.

Trotz des gewichtigen Themas liest sich das Buch auch ohne Vorkenntnisse in Sachen Moor leicht, allgemeinverständlich und flüssig; vielleicht ist hier die journalistisch erfahrene Hand der Mitautorin spürbar. Empfehlenswert ist die Lektüre auf alle Fälle, denn man lernt garantiert etwas dazu, ob man nun aus Neugier auf das Moor an sich oder unter der Perspektive des Interesses am Klimaschutz zu dem auch äußerlich ansprechend gestalteten Band greift.

Franziska Tanneberger mit Vera Schroeder: Das Moor. Über eine faszinierende Welt zwischen Wasser und Land und warum sie für unser Klima so wichtig ist. München, dtv, 2023, 240 Seiten.
ISBN: 978-3-423-28324-3


Genre: Sachbuch allgemein

Großartige Giganten

Dinosaurier aller Art zählen zu den populärsten ausgestorbenen Tieren und werden vom Film bis zum Kinderspielzeug in jeder nur erdenklichen Hinsicht von der Populärkultur aufgegriffen. Aber auch ihre wissenschaftliche Erforschung entwickelt sich rasant: Immer neue Fossilienfunde verhelfen zu ungeahnten Erkenntnissen über ferne Epochen der Erdgeschichte.

Armin Schmitt verbindet in Großartige Giganten einen chronologischen Abriss der Naturgeschichte der Dinosaurier von der Trias bis zur Oberkreide mit Schlaglichtern auf ihre Erforschung in historischer Zeit und teils ernsten, teils humorvollen Berichten über seine eigene wissenschaftliche Arbeit bei paläontologischen Ausgrabungen und Wissensvermittlung. Durch das Ineinandergreifen der verschiedenen Bereiche ist eine abwechslungsreiche Lektüre garantiert, bei der man nicht nur über die Dinosaurier, sondern auch über unsere heutige Welt einiges lernen kann (z. B., dass Fossilienfunde, anders als etwa archäologisch bedeutsame Stücke, keinen besonderen Schutz genießen und oft ohne Weiteres in Privatbesitz übergehen oder gar ins Ausland verkauft werden können).

Der Stil, in dem die Inhalte präsentiert werden, ist locker, unterhaltsam und allgemeinverständlich, bisweilen vielleicht auch etwas zu launig (spätestens bei der Unterkapitelüberschrift Die Kloake: Wie machen Dinosaurier Pipi? fühlt man sich eher an ein äußerst simpel gestricktes Kinderbuch erinnert, als das Gefühl zu haben, dass hier ein erwachsenes Lesepublikum ernst genommen wird). Immer wieder gelingt es Schmitt aber auch, eigentlich Unvorstellbares zumindest im Ansatz greifbar zu machen. So verdeutlicht er etwa die langen Zeitspannen, mit denen man es bei der Beschäftigung mit Dinosauriern zu tun hat, indem er darauf hinweist, dass die Kreidezeit, in der der berühmte Tyrannosaurus Rex lebte, vom Millionen Jahre älteren Jura, in dem z. B. der Stegosaurus vorkam, weiter entfernt ist als von der Jetztzeit, wir also vom zeitlichen Abstand her der jüngeren Dinosaurierart näher sind, als es für die beiden Arten untereinander gilt.

Auch warum die jahrmillionenlange Erfolgsgeschichte der Dinosaurier so jäh endete, wird plausibel gemacht: Da Eier mit Kalkschale, wie sie auch die Dinosaurier legten, nur eine begrenzte Größe haben können, damit die Schale nicht so dick wird, dass der Nachwuchs darunter erstickt, waren bei vielen bekannten Arten die Jungen im Vergleich zu ihren Eltern extrem klein und besetzten darum im Lauf ihres Wachstums ganz unterschiedliche ökologische Nischen. Solange ein Ökosystem stabil blieb, war das kein Problem, sobald auch nur eine der benötigten Komponenten ausfiel, aber sehr wohl. Die Vorfahren der heutigen Vögel, in denen die Dinosaurier weiterleben (und, ja – man erfährt auch, welche der heutigen Arten ihren Vorfahren noch ganz besonders nahe sind), hatten dank der weniger stark betroffenen Nischen, die sie besetzten, und dank ihrer Flexibilität mehr Glück und konnten die Folgen des im wahrsten Sinne des Wortes welterschütternden Asteroideneinschlags, der vor 66 Millionen Jahren das Ende vieler Arten und einer Epoche besiegelte, besser verkraften.

Die Erkenntnis, dass selbst so lange die Erde dominierende Lebewesen wie die Dinosaurier nicht vor einer Katastrophe gefeit waren, sieht Schmitt auch als Mahnung für uns Menschen, mit Klimakrise und Artensterben nicht arrogant im Vertrauen auf die vermeintliche eigene Unverwundbarkeit umzugehen, sondern sich seine Verantwortung und die daraus resultierenden Notwendigkeiten bewusst zu machen.

Auch abseits dieser aktuellen Bezüge sind die Großartigen Giganten informativ und unterhaltsam, so dass einen das Angebot des Autors, er könne über die paläontologische Forschung bei einem Erfolg seines Buchs später gern mehr berichten (S. 322), sehr neugierig macht. Immer her mit der Fortsetzung!

Armin Schmitt: Großartige Giganten. Den letzten Geheimnissen der Dinosaurier auf der Spur. München, dtv, 2023, 352 Seiten.
ISBN: 978-3-423-35207-9


Genre: Sachbuch allgemein