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Die wahre Geschichte der Germanen

Die „wahre“ Geschichte über irgendein historisches Thema zu erzählen, ist eine unlösbare Aufgabe, und so gibt auch Karl Banghard schon in seinem Vorwort zu, dass Die wahre Geschichte der Germanen trotz dieses plakativen Titels natürlich nicht genau das, sondern eben nur eine Annäherung unter den Bedingungen unserer Zeit ist. Zumindest ist dieses populärwissenschaftliche Buch aber eine wahrere Geschichte als manch eine andere, die über die Germanen erzählt wird, denn gegen deren ideologische Vereinnahmung von rechts und ihre Stilisierung zu vermeintlichen ersten Deutschen positioniert Banghard sich mit Nachdruck, nicht zuletzt, weil er als Leiter des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen immer wieder selbst mit entsprechenden Vorstellungen konfrontiert ist.

In der Sache gelingt es ihm auch glänzend, auf Basis seiner unverkennbar umfassenden Kenntnisse der Epoche solchen Fehlannahmen (oder bewussten Verfälschungen) ein dem heutigen Stand der Forschung entsprechendes Bild entgegenzusetzen und dabei auch immer wieder ehrlich aufzuzeigen, wenn in der Wissenschaft keine Einigkeit über bestimmte Themen herrscht. Eines allerdings steht fest: Die Germanen als einheitliche Entität gab es nicht, aber kulturell und sprachlich lässt sich eben doch vieles über die Menschen rekonstruieren, die unter diesem Begriff zusammengefasst werden.

Banghards Ansatz ist dabei oft praktischer Natur (und manchmal auch von einem gewissen Überlegenheitsgefühl der in dieser Hinsicht „handfesteren“ archäologischen Herangehensweise gegenüber der germanistischen oder althistorischen Textarbeit geprägt). So erfährt man viel über im Experiment Erprobtes, das in anderen Darstellungen eher zu kurz kommt, etwa, wie genau eine bei den frühen Germanen übliche Leichenverbrennung funktionierte oder warum es sich lohnen kann, Pferdehaar zusammen mit Wolle zu verweben. Vor allem aber lernt man anhand verschiedenster Fundorte und der dort gemachten Entdeckungen einiges über Alltagsthemen, ob nun Hausbau, Landwirtschaft, Ernährung, Verkehrswesen, Runenschrift, Begräbnissitten, Kleidung, Frisuren, Töpferei, Eisenverhüttung oder Mobilität (bis hin zu offenbar höchst erfolgreichen Einwanderern wie einem Mann aus dem Nahen Osten, der im 3. Jahrhundert in einem Prunkgrab in Thüringen beigesetzt wurde). Berühmtes (so die Siedlung von Feddersen Wierde, die Fibel von Meldorf, der Schatzfund von Neupotz oder die als „Roter Franz“ bezeichnete niedersächsische Moorleiche) steht dabei neben Unbekannterem und aus heutiger Sicht kurios Anmutendem wie etwa einem im Polen gefundenen Grab, in dem unter anderem 16 Gänse eine Frau ins Jenseits begleiteten.

Eingebettet ist all dies in eine skizzenhafte Ereignisgeschichte der Germanen von den ersten als germanisch anzusprechenden Zeugnissen in Süddeutschland (wo aufgrund ihres Erscheinens zu einem spezifischen Zeitpunkt eine Eingrenzung leichter fällt als in dem Kontinuum weiter nördlich, bei dem unklar bleiben muss, ab wann genau es als „germanisch“ gelten kann) über verschiedene militärische Konflikte des Römischen Reichs mit germanischen Gruppen bis hin zum Übergang der antiken Welt ins Frühmittelalter. Abschließend richtet ein Kapitel noch einmal gezielt den Blick auf die Germanenrezeption der Rechten von der Nazizeit bis heute – eine Begeisterung, der ironischerweise auch das Freilichtmuseum Oerlinghausen überhaupt erst seine Existenz verdankt, auch wenn es heute dankenswerterweise zu den Institutionen gehört, die sich um eine andere Sichtweise bemühen.

Ein hochinteressantes und gelungenes Buch also? Ja – aber mit einer Einschränkung, denn ob man mit Banghards Erzählweise warm wird oder nicht, ist eine Frage des individuellen Geschmacks. Wer sich mit reichlich Umgangssprache (vom „Kulturwissenschafts-Klingonisch“, S. 191, bis zum „Scheißlegatus“, S. 54) und auch immer wieder mit etwas gewollt anmutendem Humor abfinden kann, wird es bei der Lektüre leichter haben als alle anderen. Zahlreiche Scherze wie der Kalauer, man könne den bis heute in der Forschung umstrittenen Ort der Varusschlacht vielleicht in Dissen am Teutoburger Wald vermuten, weil Varus ja lange nach seinem Tod von römischen Schriftstellern „gedisst“ worden sei (S. 58), bleiben einem nicht erspart, auch wenn ihre Dichte glücklicherweise im Verlauf des Buchs abnimmt.

Dabei kann Banghard eigentlich sehr gut schreiben und tut das oft auch über mehrere Seiten hinweg, ganz gleich, ob es nun um sachliche Angaben oder poetische Naturschilderungen (siehe etwa S. 119) geht, bis er dann wieder die nächste deftige umgangssprachliche Wendung, noch eine Popkultur-Anspielung oder einen eher platten Witz bringen zu müssen meint. So sehr das wissenschaftliche Trockenheit oder übertriebene Ehrfurcht zu vermeiden hilft, alles in allem ist es doch etwas zu viel des Guten. Aber vielleicht spricht dieser Stil ja manche Leute an, und möglicherweise auch gerade diejenigen, die besonders von diesem Buch profitieren können, weil es ihre Vorurteile so entschlossen geraderückt.

Angesichts des bemüht launigen Tonfalls wirkt es übrigens unfreiwillig komisch, dass im Bildtafelteil ausschließlich Fotos von Reenactment-Germanen enthalten sind, die so vollkommen todernst dreinsehen, als hätten sie nicht viel zu lachen (ob das nun eher eine Aussage über das Posieren für solche Aufnahmen oder über das Leben der historischen Germanen beinhalten soll, sei einmal dahingestellt). Andere Illustrationen fehlen leider bis auf eine Karte der erwähnten Fundorte komplett: Es gibt weder Bilder von archäologischen Funden noch Rekonstruktionszeichnungen. Gerade weil sich das Buch nicht primär an ein Fachpublikum richtet, wäre es schön gewesen, hieran nicht zu sparen.

Ein Gesamturteil über Die wahre Geschichte der Germanen fällt nicht leicht. Einerseits hat sie ohne Zweifel eine Fülle an Wissen und Aufklärungsarbeit zu bieten, und die Intention dahinter ist einem grundsympathisch. Andererseits wäre ein weniger effekthascherischer Ton angenehmer zu lesen gewesen als die forcierte Lockerheit. Eindeutig zu- oder abraten kann man also nicht; der Inhalt ist die Lektüre auf jeden Fall wert, aber inwieweit die Darreichungsform einem behagt, kann nur jeder selbst entscheiden.

Karl Banghard: Die wahre Geschichte der Germanen. 2. Aufl. Berlin, Propyläen (Ullstein), 2025, 272 Seiten.
ISBN: 978-3-549-10090-5


Genre: Geschichte, Sachbuch allgemein

An der Quelle

Quellen sind für die Natur und nicht zuletzt auch für die Versorgung der Menschen mit Wasser entscheidend, bekommen aber oft weniger Aufmerksamkeit als die Bäche und Flüsse, die aus ihnen entstehen können. Das möchte Martin Rasper mit seinem Buch An der Quelle ändern. Im Rahmen der schön gestalteten Reihe European Essays on Nature and Landscape erschienen, befasst es sich nicht nur mit den unterschiedlichsten Formen von Quellen an sich, sondern auch mit dem, was sie für Lebewesen aller Art (von sehr kleinen bis hin zum Menschen) bedeuten. Geographisch liegt der Schwerpunkt dabei auf Westdeutschland und insbesondere dessen südlicher Hälfte.

Quellen – so erfährt man hier – nehmen nicht immer die sicher von den meisten mit ihnen assoziierte Form der Sturz- oder Fließquelle (also munter hervorsprudelnden Wassers) oder von Teichen (Quelltümpeln oder -töpfen) an, sondern sind in vielen Fällen deutlich unspektakulärere Sickerquellen, die einfach nur als feuchte Stellen in der Landschaft zutage treten. Alle Quelltypen sind jedoch wichtige Biotope, denen menschliche Aktivitäten oft zum Verhängnis werden, ob nun unmittelbar (wenn das Fassen einer Quelle in einer steinernen Ummauerung ihr die Natürlichkeit und ihre Rolle als Lebensraum raubt) oder indirekt (wenn durch den Klimawandel beförderte Dürrejahre eine Quelle austrocknen lassen).

Obwohl der Mensch also nicht immer pfleglich mit Quellen umgeht, braucht er sie, und das schlägt sich nicht nur im praktischen Umgang mit ihnen nieder, wenn sie etwa zur Trinkwasserbeschaffung oder für das Kur- und Badewesen genutzt werden. Vielmehr sind Quellen auch seit jeher von Geschichten umgeben und aus Kunst, Religion, Mythologie und Literatur nicht wegzudenken. So liest man hier auch einiges über Gottheiten, Nymphen, Nixen und Quellheiligtümer, immer wieder wunderhübsch mit historischen Darstellungen in Farbe illustriert (allerdings gibt es natürlich daneben auch Kartenmaterial und Fotos). Hinzu kommen kuriose Geschichten wie die um den Streit um die wahre Donauquelle, für deren Lokalisierung nicht nur streng erdkundliche Kriterien eine Rolle spielen, sondern vielmehr politische Erwägungen, Lokalpatriotismus und tief verwurzelte Vorstellungen vom angemessenen Aussehen des Ursprungs eines so wichtigen Flusses.

Allerdings wirken all diese kulturhistorischen Informationen vor allem dann verlässlich, wenn sie sich auf jüngere Zeiten beziehen. Bei Antike und Mittelalter ist hier und da vielleicht doch ein Fragezeichen angebracht. Was soll man etwa von der Aussage über „die keltischen Göttinnen Rosmerta, die dem Merkur entsprach, sowie Sirona, die als Heilgöttin dem Apollon gleichgesetzt war“ (S. 49), halten? Soweit ich weiß, wurden die jeweiligen Göttinnen zwar an der Seite der genannten männlichen Götter kultisch verehrt und als deren Gefährtinnen dargestellt, aber nicht eins zu eins mit ihnen identifiziert, wie man aus der Angabe hier schließen könnte. Ähnlich eigenartig ist die gewählte Übersetzung einer Passage aus Einhards Vita Caroli Magni (vgl. S. 70), da sie in den Formulierungen derart altertümlich ist, dass man gern wüsste, wo Rasper sie ausgegraben hat und weshalb sie ihm für einen modernen Text passend erschien (vielleicht, weil sie mit ziemlicher Sicherheit gemeinfrei sein dürfte?). Gerade in solchen Fällen bedauert man, dass Quellenangaben (!) jedweder Art dem Buch fehlen, man also an keiner Stelle nachvollziehen kann, nach welchen Editionen historische und literarische Texte zitiert werden (da ein anderer Band der Reihe durchaus über eine Literaturliste verfügt, wäre einer entsprechenden Auflistung wahrscheinlich von Verlagsseite aus keine Steine in den Weg gelegt worden).

Wie von den Bänden der Reihe gewohnt, kann man im Anhang per QR-Code weitere Informationen aufrufen, in diesem Fall zu verschiedenen empfehlenswerten Wanderungen zu Quellen und zu Forschungsprojekten, die sich mit dem Thema Quelle befassen. Denn so umfassend wissenschaftlich bearbeitet, wie man bei solch einem allgegenwärtigen Phänomen denken könnte, sind – so eine weitere Erkenntnis, die man aus dem Buch mitnimmt – Quellen auch heutzutage noch nicht, obwohl sich in ihnen und um sie herum von winzigen Schnecken bis hin zu Moos so manches entdecken lässt und auch ihre Verteilung in der Landschaft interessant (und oft nicht einmal ansatzweise kartiert) ist. Lust darauf, sich mit dem Thema noch ein wenig mehr zu befassen, macht An der Quelle aber auf jeden Fall.

Martin Rasper: An der Quelle. Hamburg, KJM Buchverlag, 2024 (European Essays on Nature and Landscape), 140 Seiten.
ISBN: 978-3-96194-237-4

 


Genre: Kunst und Kultur, Sachbuch allgemein

Fabulöse Fakten

Versteckspiel-Experimente mit Ratten, die Geheimnisse des Weltraums, die Funktionsweise von mRNA-Impfstoffen oder das erstaunliche Leben der Nacktmulle: Die Naturwissenschaften halten einiges an nicht unbedingt zum Allgemeinwissen zählenden, faszinierenden bis kuriosen Details bereit, eben Fabulöse Fakten, wie Daniela Schreiter ihr Buch betitelt, das in Wort und Bild genau solche Wissenshappen zu kleinen Leckerbissen aufbereitet.

Die Comickünstlerin  ist vor allem für ihre Arbeiten zum Thema Autismus bekannt, aber wie die Fabulösen Fakten beweisen, eignet ihr von viel Witz und Charme geprägter Stil sich ganz unabhängig vom spezifischen Gegenstand wunderbar dazu, Wissen aller Art zu vermitteln. Nicht ohne Grund betonen beide Vorworte (eines der Autorin selbst und eines des Chemikers und Wissenschaftsjournalisten Lars Fischer, der auch an dem Beitrag über den m-RNA-Impfstoff mitarbeitete) die immense Bedeutung von Bildern für die Weitergabe und Aufnahme von Informationen.

Ist man es sonst aber eher gewohnt, naturalistische oder abstrahierende Darstellungen als Verständnishilfe an die Hand zu bekommen, zielen Daniela Schreiters Comics kein bisschen auf Realismus ab, sondern fahren von dem auf zwei Beinen gehenden Fuchs, der als cleverer kleiner Begleiter durchs Buch führt, über einen schneemannbauenden Zitronenfalter bis hin zu einem gitarrespielenden Wal so manches auf, was einem in freier Natur eher selten begegnen dürfte, aber dafür umso witziger und einprägsamer ist.

Das gilt auch für die vielen, vielen Popkulturanspielungen, die, obwohl man das Buch mit seinen zugänglichen Erklärungen unbedenklich auch schon einem Kind in die Hand geben kann, die Lektüre gerade auch für Erwachsene über die ohnehin interessanten Sachinhalte hinaus lohnend und amüsant machen (ob Super Mario, Cthulhu oder Game of Thrones, man stößt auf viel Bekanntes und in diesem Kontext dann doch eher Unerwartetes).

Auf sehr lockere und leichte Art erfährt man so, was eine Blauwalzunge wiegt, wie viele noch unerforschte Pilzarten es vermutlich gibt oder was genau eigentlich im Körper abläuft, wenn man sich seine COVID-19-Impfung abholt. Natürlich geht das alles nicht so sehr in die Tiefe wie bei einem klassischen Sachbuch, aber gerade durch den Spaß, den alles macht, bleiben beim Lesen doch erstaunlich viele Einzelheiten hängen, die Lust und Neugier darauf wecken, sich noch genauer über die einzelnen Themen zu informieren. Ob man das Buch in einem Rutsch liest oder sich nach und nach die einzelnen Comics vornimmt, kann man sich dabei aussuchen, so dass auch alle, die nur eine kurze Ablenkung für zwischendurch oder die passenden drei Seiten zum Entspannen vor dem Einschlafen brauchen, hier auf ihre Kosten kommen.

Wenn eines an den Fabulösen Fakten schade ist, dann, dass es mit ihnen nach 96 Seiten leider nicht mehr weitergeht. Dabei würde man gerade nach dem gelungenen letzten Kapitel Pilzpower! den kleinen Fuchs gern weiter begleiten, um auf unterhaltsame Art noch ein bisschen mehr über unsere Welt herauszufinden – aber vielleicht kommt ja irgendwann einmal ein zweiter Band?

Daniela Schreiter: Fabulöse Fakten. Stuttgart, Panini, 2. Aufl. 2025, 96 Seiten.
ISBN: 978-3-7367-8303-4

 


Genre: Comic, Sachbuch allgemein
Illustrated by Daniela Schreiter

Moor

Schweden gehört zu den moorreichsten Ländern der Welt, und so ist es kein Wunder, dass im Rahmen der Reihe European Essays on Nature and Landscape ein Schwede den dem Moor gewidmeten Beitrag übernehmen darf. Mattias Eliasson schildert in seinem schlicht Moor betitelten, von Gabriele Haefs wunderbar ins Deutsche übersetzten Buch nicht nur seine eigenen Naturerfahrungen in verschiedenen Moorgebieten Nord- und Mittelschwedens, sondern auch viel (Kultur-)Historisches, unter anderem auch immer wieder schlaglichtartig eine Reise, die Carl von Linné 1732 durch dieselben Gegenden unternahm. Dass dem Band Karten beigegeben sind, um die erwähnten Aufenthaltsorte beider Männer auffinden zu können, ist sehr nützlich, denn Eliasson erzählt nicht linear, sondern beschreibt fast impressionistisch eine Vielzahl kleiner und großer Eindrücke, so dass man sich von Kapitel zu Kapitel immer wieder auf geographische Sprünge, die keinem besonderen Muster folgen, einstellen muss.

Ausgangspunkt der Betrachtung ist im Sinne des essayistischen nature writing die persönliche Naturerfahrung. Das kann durchaus sehr sympathische Züge annehmen (etwa bei einer nächtlichen Wühlmausrettung aus dem Hundenapf in der eher rustikalen Ferienhütte), manchmal aber auch mehr Informationen beinhalten, als man sie unbedingt gebraucht hätte: Wenn der Autor auf die Schilderung verzichtet hätte, wie er an einen Baum uriniert, hätte ich sie nicht vermisst. Vom Beerensuchen oder von der Wirkung des Gehens über schwingenden Moorboden auf lädierte Gelenke zu lesen, ist da schon interessanter, und die feinen Beobachtungen zu Schwarzspechten (die laut schwedischer Sage übrigens von einer geizigen Bäuerin abstammen, die Gott und Petrus, die bei ihr einkehrten, Brot verweigerte), Elchen und Moosglöckchen, aber auch zu Begegnungen mit allen möglichen Menschen lassen die Welt der schwedischen Moore lebendig werden.

Viel erfährt man auch über das harte bäuerliche Leben in Zeiten, in denen jedes dritte Mädchen Anna hieß, junge Hirtinnen einsame Sommer verbrachten, im Moor Heu gemacht und Wollgras als Kissenfüllung geerntet wurde – eine Wirtschaftsweise, die heute Vergangenheit ist und von der nur noch allerlei verlassene Hütten im Moor zeugen. Daneben sind durchaus schaurige Geschichten vertreten, wie die von den Soldaten, die auf einem winterlichen Rückzug aus Norwegen nach Schweden in der letzten Phase des Großen Nordischen Krieges zu Tausenden erfroren. Aber auch die Bedeutung des Moores für den Klimaschutz und die sich daraus ergebenden Bemühungen um die Wiedervernässung trockengelegter Moore werden angerissen. Wirklich tiefgehende Analysen darf man angesichts der Kürze des Buchs und der Betonung des individuellen Naturerlebnisses natürlich zu keinem dieser Themen erwarten, aber die Neugier, sich noch einmal selbständig im Detail damit zu beschäftigen, wird auf alle Fälle geweckt.

Positiv fällt die wirklich wunderschöne Gestaltung des Buchs auf, das wie alle Bände der von Klaas Jarchow herausgegebenen Reihe nicht nur reich mit Fotos illustriert, sondern auch mit Federzeichnungen von Rüdiger Tillmann in Vor- und Nachsatz ausgestattet ist, während dieser Künstler und der Autor wiederum in weiteren Zeichnungen von Anika Takagi porträtiert sind – Kunstwerke über Kunstwerke im Kunstwerk. Ein ausführlicher Anhang bietet nicht nur ein Glossar, sondern auch Listen von relevanten Reisezielen, Museen und Websites mit Zusatzinformationen (per QR-Code aufzurufen). Durch diese gelungene Aufmachung bekommt man auch Lust darauf, über das vorliegende Buch hinaus zu weiteren Bänden der Reihe zu greifen, die einen hoffentlich ähnlich gut in Landschaft und Natur eintauchen lassen.

Mattias Eliasson: Moor. Hamburg, KJM Buchverlag, 2024 (European Essays on Nature and Landscape), 140 Seiten. 
ISBN: 978-3-96194-234-3

 


Genre: Sachbuch allgemein

Exil im Paradies

Die Geschichte des deutschsprachigen Exils während der Nazizeit wird nicht selten vor allem als eine Geschichte von Männern erzählt. Ursel Braun wählt gezielt eine andere Perspektive: In Exil im Paradies stellt sie sechs Frauen in den Mittelpunkt, die in Los Angeles und seinen Vororten, sei es für immer oder nur auf Zeit, eine neue Heimat fanden, und schildert ihr Leben in den Jahren 1940 bis 1945.

Salka Viertel, Katia Mann, ihre Schwippschwägerin Nelly Kröger-Mann, Marta Feuchtwanger, Alma Mahler-Werfel und Helene Weigel hatten vor ihrer jeweiligen Emigration sehr unterschiedliche, nicht zuletzt durch ihre jeweilige soziale Herkunft bestimmte Lebenswege, waren aber alle mit bekannten deutschsprachigen Autoren verheiratet und ab einem bestimmten Zeitpunkt Teil derselben Exilgemeinschaft, die für einige Jahre unter dem Spitznamen „New Weimar“ zahlreiche Größen aus Kunst, Literatur, Musik und Schauspiel an der Pazifikküste versammelte.

Neben dem Ort, an den ihre Flucht (bzw. in Viertels Fall eine gerade noch rechtzeitige Auswanderung vor dem völligen Entgleisen der Verhältnisse in Europa) sie geführt hatte, einte die sechs aber noch etwas: Leicht hatten sie es alle nicht, ganz gleich, ob sie ein materiell komfortables Leben führen konnten, wie die finanziell gut ausgestattete Katia Mann, oder vielmehr wie Helene Weigel, die in ihrem Beruf als Schauspielerin in den USA nicht Fuß zu fassen vermochte, von Geldsorgen geplagt waren. Als Geflüchtete spätestens seit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten immer wieder mit Vorurteilen, rechtlichen Einschränkungen oder gar Bespitzelung konfrontiert, mussten sie um in Europa zurückgebliebene Angehörige und Bekannte bangen. Zumeist blieb es auch allein an den Frauen hängen, sämtliche praktische Seiten des Ehe- und Familienalltags zu organisieren und ihren teilweise mit der neuen Lebenssituation fremdelnden bis überforderten Männern den Rücken für ihre literarische Arbeit freizuhalten, ohne unbedingt viel Dank und Anerkennung dafür zu bekommen.

Denn eines wird bei den Schilderungen von Alltag, Gesellschaftsleben und kleinen Freuden inmitten schwerer Zeiten leider auch deutlich: Trotz ihres fürchterlichen und unverdienten Schicksals waren nicht alle von den Nazis in Exil Getriebenen unbedingt durch und durch sympathische Gestalten. Die ihre Frauen oft munter rechts und links betrügenden und ein beträchtliches Anspruchsdenken an den Tag legenden Schriftsteller sind allerdings nicht die Einzigen, die nicht gerade als moralische Vorbilder taugen. Auch über die ungeachtet ihrer Ehe mit dem Juden Franz Werfel an antisemitischen Vorurteilen festhaltende und ohnehin in fast schon grotesker Überheblichkeit schwelgende Alma Mahler-Werfel schüttelt man bei der Lektüre mehr als einmal den Kopf.

Von solchen Merkwürdigkeiten, der über allem schwebenden Ungewissheit um Kriegsausgang und eigene Zukunftsaussichten, aber auch von Amüsantem wie einer Heimatgefühle weckenden Sachertorte nach Spezialrezept, einer am Wegesrand aufgelesenen Schildkröte und dem Kulturschock aus Europa in das ihnen sehr fremde Amerika Verpflanzter erzählt Ursel Braun in einem gut lesbaren, flüssigen Stil, vor allem aber auch mit viel Sachkenntnis und Einfühlungsvermögen. Fotos von ihren Protagonistinnen und deren Angehörigen (teilweise in der Zeit des Exils, manchmal auch schon in früheren Jahren aufgenommen) lockern den Text auf und illustrieren bestimmte Detailbeobachtungen. Vorn und hinten im Einband bietet darüber hinaus ein Stadtplan, in dem die jeweiligen Frauen ihren Wohnorten zugeordnet sind, Zusatzinformationen (ein Manko an diesem Plan ist allerdings die leider etwas kontrastarm geratene Farbgebung von Karte und Schrift; man braucht schon sehr gute Beleuchtung am Leseplatz, um die Straßen- und Ortsnamen entziffern zu können)

Ein Epilog skizziert den weiteren Weg der fünf Frauen, die über die im Detail geschilderte Zeit hinaus noch am Leben blieben (die von ihrer Situation sehr belastete und von den Verwandten ihres Mannes Heinrich Mann immer abgelehnte Nelly Kröger-Mann hatte 1944 Suizid begangen), und eine kurze Bibliographie gibt eine nach den jeweiligen Frauen geordnete Übersicht über die Literatur zu ihnen, so dass man, wenn man durch Exil im Paradies neugierig geworden ist, noch tiefer in die Lektüre über sie einsteigen kann.

Hervorhebenswert ist darüber hinaus auch die hübsche äußere Gestaltung des in der Reihe blue notes erschienenen Buchs, das ein kleine Schmuckstück im Regal ist und es verdient hat, mehr als einmal daraus hervorgezogen zu werden, und das nicht nur aus historischem Interesse. Gerade angesichts der Tatsache, dass das titelgebende Paradies derzeit eher als von den Waldbränden um Los Angeles schwer gezeichnete Flammenhölle Schlagzeilen macht und es nicht nur in Europa, sondern auch in Amerika zu politischen Verwerfungen kommt, drängen sich Kontraste und Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf, die dem Buch eine besondere Aktualität verleihen und es auch abseits jedes speziellen Interesses an den Porträtierten und ihrem Umfeld lesenswert machen.

Ursel Braun: Exil im Paradies. Von Marta Feuchtwanger bis Helene Weigel. Berlin, ebersbach & simon, 2025, 144 Seiten.
ISBN: 978-3-86915-311-7


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur, Sachbuch allgemein

Das Moor

Fragt man nach der Klimakrise und den Landschaftstypen, die CO₂ zu speichern vermögen, stehen im allgemeinen Bewusstsein oft Wälder im Vordergrund. Dass Moore diesbezüglich noch weitaus wichtiger sind, geht dabei oft unter, und genau das ist es, was die Moorökologin Franziska Tanneberger in ihrem gemeinsam mit der Journalistin Vera Schroeder verfassten Buch Das Moor zu ändern gedenkt. Zwar mag man sich als archäologiebegeisterte Germanistin nicht vorstellen, dass sie mit ihrer Einschätzung Recht hat, viele Leute ließen sich besonders davon abschrecken, dass ihnen beim Stichwort Moor zuerst Moorleichen und das schaurige Gedicht vom Knaben im Moor einfielen (beides macht Moore doch wohl gerade interessant?), aber wahr ist natürlich, dass Moore mehr Aufmerksamkeit verdient haben, nicht nur, aber eben auch aufgrund ihres Einflusses auf das Klima.

Wer nun allerdings damit rechnet, eine detailverliebte Vorstellung von Flora und Fauna in Moorgebieten geliefert zu bekommen, wird hier nicht das Richtige finden. Einzelne Arten werden zwar durchaus erwähnt (so etwa der Seggenrohrsänger, dessen Schutz Tanneberger besonders am Herzen liegt), aber der einleitende Abschnitt über Moore als Naturraum ist relativ kurz. Im Fokus steht eher die Bedeutung des Moores für die Klimaforschung und -rettung. So erfährt man einiges über die weltweite Verbreitung von Mooren (mit den Schwerpunkten Sibirien, Indonesien und Kongobecken) und noch mehr über den Umgang des Menschen mit dem Moor und wünschenswerte Veränderungen. Denn so segensreich nasse Moore für das Klima sind, so fatal sind in Sachen Treibhausgasausstoß nicht nur der Torfabbau, sondern auch die inzwischen zumindest in Deutschland dominierende Nutzung trockengelegter Moore für Land- und Viehwirtschaft.

Tanneberger schreibt mit viel Verständnis für die Gründe hinter der Moorkultivierung, die in vergangenen Jahrhunderten, als die schlimmen Konsequenzen noch nicht (oder doch immerhin nicht in vollem Umfang) absehbar waren, oft wie die einzige Möglichkeit erschien, armen Landstrichen zu bescheidenem Wohlstand zu verhelfen. Besonders die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg, sowohl in der BRD am Beispiel des Bourtanger Moors als auch in der DDR am Beispiel der Friedländer Großen Wiese, wird dabei in den Blick genommen und bei den Empfehlungen für die Zukunft auch bedacht, dass man die Menschen, die auf und von trockengelegten Moorflächen leben, nicht einfach ersatzlos um ihre Existenzgrundlage bringen kann. Ein wichtiges Stichwort in diesem Zusammenhang lautet  Paludikultur, also ein Bewirtschaftung wiedervernässter Moore, die eine Chance bieten kann, ökologische Notwendigkeiten und ökonomische Interessen unter einen Hut zu bringen.

Aufgelockert wird der Text nicht nur durch Abbildungen (z. T. in Farbe in einem recht umfangreichen Tafelteil) und durch Schilderungen von Tannebergers eigenen Moorerfahrungen (von ersten Abenteuern in ihrer Kindheit bis hin zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit einschließlich ihrer Forschungsreisen), sondern auch durch immer wieder eingefügte Interviews mit „Moormenschen“ aller Art, ob sie nun in Umweltschutz, Forschung oder Moorbewirtschaftung aktiv sind. Nicht nur in diesen Einschüben wird deutlich, dass Moorschutz alles andere als unpolitisch ist (sei es nun, dass ein Moorschützer in Belarus seit Jahren im Gefängnis sitzt oder dass die aktuelle Weltlage eine weitere deutsch-russische Zusammenarbeit in der Moorforschung vorerst unmöglich macht). Eine Alternative zur Rettung und – wenn irgend möglich – Wiederherstellung von Mooren sieht Tanneberger aber nicht, so dass sie abschließend noch einmal Acht Schritte (so in der Überschrift des entsprechenden Kapitels), die dazu nötig sind, aufzählt, die man vielleicht eher acht Appelle an ihre Leserschaft (und an die Politik) nennen könnte.

Trotz des gewichtigen Themas liest sich das Buch auch ohne Vorkenntnisse in Sachen Moor leicht, allgemeinverständlich und flüssig; vielleicht ist hier die journalistisch erfahrene Hand der Mitautorin spürbar. Empfehlenswert ist die Lektüre auf alle Fälle, denn man lernt garantiert etwas dazu, ob man nun aus Neugier auf das Moor an sich oder unter der Perspektive des Interesses am Klimaschutz zu dem auch äußerlich ansprechend gestalteten Band greift.

Franziska Tanneberger mit Vera Schroeder: Das Moor. Über eine faszinierende Welt zwischen Wasser und Land und warum sie für unser Klima so wichtig ist. München, dtv, 2023, 240 Seiten.
ISBN: 978-3-423-28324-3


Genre: Sachbuch allgemein

Großartige Giganten

Dinosaurier aller Art zählen zu den populärsten ausgestorbenen Tieren und werden vom Film bis zum Kinderspielzeug in jeder nur erdenklichen Hinsicht von der Populärkultur aufgegriffen. Aber auch ihre wissenschaftliche Erforschung entwickelt sich rasant: Immer neue Fossilienfunde verhelfen zu ungeahnten Erkenntnissen über ferne Epochen der Erdgeschichte.

Armin Schmitt verbindet in Großartige Giganten einen chronologischen Abriss der Naturgeschichte der Dinosaurier von der Trias bis zur Oberkreide mit Schlaglichtern auf ihre Erforschung in historischer Zeit und teils ernsten, teils humorvollen Berichten über seine eigene wissenschaftliche Arbeit bei paläontologischen Ausgrabungen und Wissensvermittlung. Durch das Ineinandergreifen der verschiedenen Bereiche ist eine abwechslungsreiche Lektüre garantiert, bei der man nicht nur über die Dinosaurier, sondern auch über unsere heutige Welt einiges lernen kann (z. B., dass Fossilienfunde, anders als etwa archäologisch bedeutsame Stücke, keinen besonderen Schutz genießen und oft ohne Weiteres in Privatbesitz übergehen oder gar ins Ausland verkauft werden können).

Der Stil, in dem die Inhalte präsentiert werden, ist locker, unterhaltsam und allgemeinverständlich, bisweilen vielleicht auch etwas zu launig (spätestens bei der Unterkapitelüberschrift Die Kloake: Wie machen Dinosaurier Pipi? fühlt man sich eher an ein äußerst simpel gestricktes Kinderbuch erinnert, als das Gefühl zu haben, dass hier ein erwachsenes Lesepublikum ernst genommen wird). Immer wieder gelingt es Schmitt aber auch, eigentlich Unvorstellbares zumindest im Ansatz greifbar zu machen. So verdeutlicht er etwa die langen Zeitspannen, mit denen man es bei der Beschäftigung mit Dinosauriern zu tun hat, indem er darauf hinweist, dass die Kreidezeit, in der der berühmte Tyrannosaurus Rex lebte, vom Millionen Jahre älteren Jura, in dem z. B. der Stegosaurus vorkam, weiter entfernt ist als von der Jetztzeit, wir also vom zeitlichen Abstand her der jüngeren Dinosaurierart näher sind, als es für die beiden Arten untereinander gilt.

Auch warum die jahrmillionenlange Erfolgsgeschichte der Dinosaurier so jäh endete, wird plausibel gemacht: Da Eier mit Kalkschale, wie sie auch die Dinosaurier legten, nur eine begrenzte Größe haben können, damit die Schale nicht so dick wird, dass der Nachwuchs darunter erstickt, waren bei vielen bekannten Arten die Jungen im Vergleich zu ihren Eltern extrem klein und besetzten darum im Lauf ihres Wachstums ganz unterschiedliche ökologische Nischen. Solange ein Ökosystem stabil blieb, war das kein Problem, sobald auch nur eine der benötigten Komponenten ausfiel, aber sehr wohl. Die Vorfahren der heutigen Vögel, in denen die Dinosaurier weiterleben (und, ja – man erfährt auch, welche der heutigen Arten ihren Vorfahren noch ganz besonders nahe sind), hatten dank der weniger stark betroffenen Nischen, die sie besetzten, und dank ihrer Flexibilität mehr Glück und konnten die Folgen des im wahrsten Sinne des Wortes welterschütternden Asteroideneinschlags, der vor 66 Millionen Jahren das Ende vieler Arten und einer Epoche besiegelte, besser verkraften.

Die Erkenntnis, dass selbst so lange die Erde dominierende Lebewesen wie die Dinosaurier nicht vor einer Katastrophe gefeit waren, sieht Schmitt auch als Mahnung für uns Menschen, mit Klimakrise und Artensterben nicht arrogant im Vertrauen auf die vermeintliche eigene Unverwundbarkeit umzugehen, sondern sich seine Verantwortung und die daraus resultierenden Notwendigkeiten bewusst zu machen.

Auch abseits dieser aktuellen Bezüge sind die Großartigen Giganten informativ und unterhaltsam, so dass einen das Angebot des Autors, er könne über die paläontologische Forschung bei einem Erfolg seines Buchs später gern mehr berichten (S. 322), sehr neugierig macht. Immer her mit der Fortsetzung!

Armin Schmitt: Großartige Giganten. Den letzten Geheimnissen der Dinosaurier auf der Spur. München, dtv, 2023, 352 Seiten.
ISBN: 978-3-423-35207-9


Genre: Sachbuch allgemein

So gut schmeckt Klimaschutz

Ernährung und Klimaschutz – bei dieser Stichwortkombination fällt vielen wohl zuerst die nicht allzu umweltfreundliche Rinderhaltung ein, die es nicht gerade wie eine gute Idee erscheinen lässt, jeden Tag ein Steak auf den Tisch zu bringen. Aber zu klimafreundlicher(er) Ernährung gibt es noch viel mehr zu sagen, wie die Ernährungswissenschaftlerin Melanie Kirk-Mechtel in ihrem Buch So gut schmeckt Klimaschutz. Kochen, genießen, Umwelt schonen beweist.

Obwohl mit 79 Rezepten (die zum Teil durch appetitanregende Fotos der Speisen von Dirk Przibylla und – in einem Fall – Christian Hacker illustriert sind) ein umfangreicher Kochbuchteil enthalten ist, handelt es sich um einen umfassenderen Ratgeber, der eben nicht nur die praktischen Zubereitungsanleitungen für einzelne Gerichte zur Verfügung stellt, sondern eingangs erst einmal ausführlich erläutert, was unter einer klimaschonenden Ernährung überhaupt zu verstehen ist.

Mit der Auswahl der richtigen Lebensmittel, unter denen Obst und Gemüse dominieren sollten, ist es nämlich nicht getan: Abgesehen davon, dass man am besten so oft wie möglich auf regionale und saisonale Produkte zurückgreift, kann man auch noch an anderen Punkten ansetzen, indem man etwa Lebensmittelverschwendung vermeidet oder bei der Zubereitung von Speisen Energie spart. Manche der hier gegebenen Haushaltstipps (z. B. den, die Restwärme der Herdplatte zum Kochen auszunutzen, statt den Herd bis zum Garwerden einer Speise immer weiter laufen zu lassen) kennt man vielleicht schon, aber es ist praktisch, sie hier kompakt in einem einzigen Buch zusammengestellt zu finden. Daneben bekommt man eine Fülle von Informationen, die es einem erleichtern, Angaben zum ökologischen Fußabdruck eines Nahrungsmittels (der sich nicht allein auf den zu seiner Produktion notwendigen CO2-Ausstoß beschränkt) besser einzuordnen, die Wertigkeit von Tierwohl-Siegeln abzuschätzen oder sich mit der Klimabilanz von Südfrüchten und von Reis differenzierter auseinanderzusetzen.

Das alles ist nicht nur durch Verweise auf Onlineangebote zur Vertiefung, sondern unmittelbar anschaulich auch durch zahlreiche Illustrationen und Grafiken unterstützt, zu denen auch bunt nach einem Ampelsystem gestaltete Saisonkalender für Gemüse, Salate und Obst gehören (einziger Wermutstropfen: Da die Tabelle für den Gemüse-Saisonkalender doppelseitig abgedruckt ist, kann man die Angaben für die Monate Juli und August im Knick nur mit Mühe erkennen, sofern man nicht bereit ist, rabiat mit dem Buchrücken umzugehen).

Die Ratschläge sind immer wieder auch von Melanie Kirk-Mechtels Bemühen getragen, deutlich zu machen, dass man bei seiner Umstellung auf eine klimafreundlichere Ernährungsweise nicht gleich perfekt sein muss, sondern schon viel damit bewirkt, dass man erste Änderungen vornimmt und etwas bedachter wird. Entsprechend zeichnen sich auch die Rezepte, die erfreulicherweise keine ellenlangen Zutatenlisten haben, durch Alltagstauglichkeit und oft eher kleine und damit praktikable Änderungen gegenüber dem Gewohnten aus (wenn z. B. beim Rezept für einen klassischen Vanillepudding die Zuckermenge um etwa ein Viertel gegenüber herkömmlichen Rezepten reduziert wird oder bei einem Rösti ein Teil der Kartoffeln durch Wurzelgemüse ersetzt wird). Auch ist es nicht verboten, sich für bequeme Lösungen zu entscheiden und beispielsweise die vorgefertigten Gnocchi aus dem Kühlregal oder vorgekochte Hülsenfrüchte aus der Packung zu nutzen, statt sofort mit ganz arbeitsintensiven Zubereitungsvarianten einzusteigen. Ohnehin wird zum Ausprobieren ermuntert und darauf hingewiesen, dass sich manche Zutaten (wie Milchprodukte und ihre veganen Alternativen) auch einfach nach Lust und Laune austauschen lassen.

Geordnet sind die Rezepte nach Jahreszeiten, beginnend mit dem Frühling, so dass die Suche nach saisonal passenden Gerichten einem erleichtert wird; darauf folgt noch ein Abschnitt mit für alle Jahreszeiten geeigneten Rezepten (enthalten sind hier unter anderem mehrere Brotaufstriche und Grundrezepte für vegane Alternativen etwa zu Parmesan, aber auch Varianten beliebter Gerichte wie Nudelsalat oder Bolognese-Sauce – in diesem Fall mit deutlich reduziertem Hackanteil und reichlich Gemüse).

Alles in allem würden die Rezepte auch ohne den Klimaschutzbezug Lust aufs Nachkochen machen, aber durch die allgemeinverständlich aufbereiteten Zusatzinformationen bietet So gut schmeckt Klimaschutz eben noch ein wenig mehr.

Melanie Kirk-Mechtel: So gut schmeckt Klimaschutz. Kochen, genießen, Umwelt schonen.   Hrsg. von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen e. V. Düsseldorf, Verbraucherzentrale NRW, 2023, 192 Seiten.
ISBN: 978-3-86336-177-8


Genre: Sachbuch allgemein

Das verborgene Leben der Füchse

Füchse sind keine seltenen Tiere, führen aber doch aus Menschensicht oft ein eher zurückgezogenes und heimliches Leben. Das verborgene Leben der Füchse stellt Andreas Tjernshaugen daher in den Mittelpunkt seines Buchs. Gemeint ist hier vor allem der Rotfuchs (nur in einem gesonderten Kapitel tritt auch der Polarfuchs auf), und der geographische Schwerpunkt liegt in der Heimat des Autors, am Oslofjord in Norwegen.

Tjernshaugen ist kein Biologe, und so ist seine Perspektive die eines naturbegeisterten Beobachters, der vor allem bei Waldspaziergängen mit oder ohne Hund, aber auch bei Tierparkbesuchen in die Nähe von Füchsen kommt. Daneben befasst er sich mit der Kulturgeschichte des menschlichen Blicks auf den Fuchs und mit den unschönen Seiten des Fuchsdaseins wie der oft intensiven Bejagung oder der Pelztierzucht.

Die Informationen, die zur Lebensweise des Fuchses allgemein und zur Fuchsforschung geboten werden, bilden einen netten und gefällig zu lesenden Einstieg ins Thema für Neugierige, bieten aber für alle, die sich schon näher mit Füchsen befasst haben und auch direkt aus der wissenschaftlichen Beschäftigung mit ihnen entstandene Bücher wie etwa das von Sophia Kimmig kennen, nur wenig Neues.

Anders ist das mit den Abschnitten, die sich mit kulturhistorischen Aspekten befassen, denn hier erfährt man, wie die vor allem durch die Rezeption des französischen Roman de Renart in der Literatur vieler europäischer Länder bekannte, im Deutschen als Reineke Fuchs geläufige Gestalt nach Skandinavien gelangte und welche mögliche Erklärung es dafür gibt, dass sie dort, abweichend von der übrigen Tradition, den Namen „Mikkel“ erhielt (dahinter könnte sich – ganz sicher ist es nicht – eine Anspielung auf eine reale Person verbergen, die in den politischen Wirren um Christian II. von Dänemark eine Rolle spielte). In Norwegen gelangte dieser Mikkel Rev dann im 20. Jahrhundert als am Ende geläuterter Antagonist eines Kinderhörspiels mit Mäusehelden zu neuen Ehren – ein Beispiel dafür, wie sehr das schon früh in Literatur und Kunst belegte Bild des listigen, mit Vorsicht zu genießenden, aber in manchen Zügen dann doch wieder sympathischen Fuchses bis in die Moderne bestehen geblieben ist.

Wie wirkmächtig solche Vorstellungen auch in der Sicht der Menschen auf das reale Tier bis heute sind, wird von Tjernshaugen immer wieder reflektiert. Er schreibt dabei mit viel Zuneigung zu seinen kleinen Protagonisten und plädiert dafür, sie lieber als intelligent und anpassungsfähig denn als verschlagen zu sehen. Charmant und mit Humor sind seine eigenen Erlebnisse mit den oft überraschend handelnden Füchsen geschildert, ganz gleich, ob im Tierpark ein Kinderhandschuh entwendet wird oder der vermeintlich von der im Wald angebrachten Wildkamera „beobachtete“ Fuchs diese bemerkt und selbst zu einer gründlichen Inspektion schreitet.

Damit verbunden ist aber auch die aus den Erfahrungen des Autors resultierende Warnung, nicht aus lauter Begeisterung und Neugier zum Störfaktor für Wildtiere zu werden, sondern sich lieber etwas zurückzunehmen. Wer das beherzigen, sich aber trotzdem mit Füchsen beschäftigen will, kann Andreas Tjernshaugen auf seinem mit vielen Abbildungen angereicherten Streifzug durch Das verborgene Leben der Füchse begleiten und sich so leicht und unterhaltsam den Tieren annähern, die in freier Wildbahn vielleicht doch lieber unbelästigt bleiben.

Andreas Tjernshaugen: Das verborgene Leben der Füchse. Eine Spurensuche. Berlin, Insel Verlag, 2023, 216 Seiten.
ISBN: 978-3-458-64371-5


Genre: Sachbuch allgemein

Lebendige Nacht

Ungeachtet aller Nachtschwärmer und Schlaflosen ist der Mensch im Großen und Ganzen ein tagaktives Wesen. Viele Tiere dagegen sind hervorragend an die Nacht angepasst. Eine Auswahl dieser speziellen Fauna stellt die für ihre Forschungen über Füchse bekannte Sophia Kimmig locker und unterhaltsam in ihrem neuen Buch Lebendige Nacht vor.

Bilchen, Eulen, Fledermäusen, Waschbären und Nachtfaltern ist dabei jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet, während alternierend damit allgemeine Aspekte der Nacht (wie z. B. die Evolution nachtaktiver Tiere, aber auch die heute für viele Arten problematische Lichtverschmutzung durch die immer stärkere Beleuchtung menschlicher Siedlungen) abgehandelt werden. Den Abschluss jedes Kapitels bietet ein mit einer oft etwas augenzwinkernden Zeichnung der Autorin illustrierter „Fun Fact“, also eine kleine, interessante Information, die anderswo im Text keinen Platz mehr gefunden hat (etwa zu den besonderen Eigenschaften der Milche, die Kühe nachts geben).

Die abgehandelte Themenfülle ist dabei beachtlich, bringt es aber auch mit sich, dass nirgendwo allzu tief ins Detail gegangen wird, sondern am Ende eher ein buntes Potpourri biologischer Fakten und persönlicher Erlebnisse Sophia Kimmigs (ob nun im Zuge ihrer Forschungsarbeit oder privat) entsteht. So liest man von Nachtfaltern, die Fledermausrufe nachahmen können, unter der Erde hausenden Eulen und den Tücken des Fledermausfangs für wissenschaftliche Zwecke, aber auch vom Umgang der Autorin mit ihren Depressionen.

Wie schon in Sophia Kimmigs Fuchsbuch muss man sich an die streckenweise für Sachbuchverhältnisse doch recht umgangssprachliche Ausdrucksweise gewöhnen, und mit Popkulturanspielungen auf so manches zwischen Star Wars und Game of Thrones wird nicht gespart. Leicht „weglesen“ lässt sich die Lebendige Nacht daher ohne Probleme, aber man hat doch das Gefühl, aufgrund des weiter gefassten Themenspektrums und der loseren Gliederung nicht so tief in den Gegenstand einzusteigen wie in Von Füchsen und Menschen, sondern sich eher hier und da kleine Wissenshäppchen einprägen zu können. Eine vergnügliche Lektüre für Naturinteressierte bildet das Buch aber dennoch.

Sophia Kimmig: Lebendige Nacht. Vom verborgenen Leben der Tiere. München, Hanser, 2023, 272 Seiten.
ISBN: 978-3-446-27611-6


Genre: Sachbuch allgemein