Der Maler des Verborgenen

Der Maler des Verborgenen

Für beide Eltern unerwünscht kommt Leonardo da Vinci als uneheliches Kind zur Welt. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, soll ihn lebenslang begleiten. Nicht genug damit, dass seine künstlerische Hochbegabung schon in seiner Lehrzeit in Florenz Neider und Feinde auf den Plan ruft – auch seine Homosexualität, seine unangepasste Weltsicht und die Tatsache, dass er seiner Umgebung geistig meist mehr als einen Schritt voraus ist, sorgen dafür, dass er sich trotz aller Geselligkeit einsam fühlt. Trost findet er in der Kunst, die ihm gestattet, auszudrücken, was anderen nicht offensichtlich erscheint, und in seinem Traum vom Fliegen …
Wer sich ein wenig mit Leonardo da Vinci befasst hat, wird anhand dieser Inhaltszusammenfassung vielleicht schon bemerkt haben, dass John Vermeulens Buch über das Leben des berühmten Künstlers sich in der Auswahl seiner Leitmotive stark an der in seinem Quellenverzeichnis aufgeführten Leonardo-Biographie von Charles Nicholl orientiert.
Obwohl Vermeulen also erkennbar um gute Recherche bemüht war, hat Der Maler des Verborgenen als historischer Roman seine Schwächen. Manches erscheint zu modern, nicht nur sprachlich, sondern auch, was die Darstellung der materiellen Kultur betrifft (so sind hier etwa Pflanzen amerikanischen Ursprungs wie Sonnenblumen oder Tomaten schon vor oder unrealistisch kurz nach der Entdeckung der Neuen Welt in Italien verbreitet). Zudem gerät die Darstellung ereignisgeschichtlicher Vorgänge, die Leonardo tangieren, oft so verkürzend und andeutend, dass Leser, die kein Hintergrundwissen über die Epoche mitbringen, rätseln dürften, was genau sich abgespielt hat (z.B. bei Aufstieg und Fall von Ludovico „il Moro“ Sforza).
Gelungen, ja bisweilen brillant hingegen ist das Buch als im Grunde genommen zeitlose Charakterstudie eines ebenso genialen wie komplizierten Menschen, der Großes leistet, aber immer wieder auch an seiner Umwelt oder an seinen eigenen Ansprüchen und Unzulänglichkeiten scheitert.
Vermeulen glückt das Kunststück, seinen Leonardo zu einer sympathischen Gestalt zu machen, mit der man durch alle Höhen und Tiefen mitfiebert, obwohl die Handlung naturgemäß vorgezeichnet ist und sich Überraschungen nur im Kleinen ergeben können. Mitunter sarkastischer Humor vor allem in den Dialogen kontrastiert mit ausgesprochen anrührenden Momenten. Da Vermeulen vielfach auch auf Leonardos eigene Schriften zurückgreift, entsteht dabei durchaus der Eindruck, dass ihm eine glaubhafte Annäherung an seinen Protagonisten gelingt. Wie Leonardo wirklich war, kann man in der historischen Rückschau selbstverständlich nur ansatzweise beurteilen, aber man möchte gern glauben, dass er zumindest teilweise dem Bild entsprochen haben könnte, das hier so liebevoll von ihm entworfen wird.
Wenngleich der Titelheld die Bühne unangefochten dominiert, sind auch die übrigen Figuren sensibel und interessant gezeichnet. Bei manchen historischen Persönlichkeiten wird man Vermeulens Interpretation vielleicht mit einem kleinen Fragezeichen versehen wollen, aber immer dort, wo er freier fabulieren kann, weil wenig über das reale Vorbild bekannt ist (wie etwa im Falle von Lisa del Giocondo, dem wahrscheinlichen Modell für die Mona Lisa), fügen sich seine Hinzuerfindungen schlüssig in den Kontext ein.
Neben den Charakteren überzeugen auch die stimmungsvollen Beschreibungen der toskanischen Landschaft um Leonardos heimatliches Vinci oder seines Alterssitzes bei Amboise. Nicht zuletzt wirkt die rastlose Atmosphäre der Renaissance als Umbruchszeit, in der viele mittelalterliche Gewissheiten hinterfragt werden, überzeugend und mitreißend eingefangen.
Für jeden, der Lust hat, für einige unterhaltsame Lesestunden ins Italien und Frankreich des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts zu reisen und nähere Bekanntschaft mit einem faszinierenden Künstler zu schließen, bietet Der Maler des Verborgenen also eine anregende Lektüre, sofern man über die oben skizzierten Kritikpunkte hinwegsehen kann.

John Vermeulen: Der Maler des Verborgenen. Roman über Leonardo da Vinci. Zürich, Diogenes, 2012 (Taschenbuchausgabe; Erstausgabe 2011), 581 Seiten.
ISBN: 9783257241761


Genre: Roman