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Das Lied der letzten Reise

Seit vielen Jahren zieht Garelun als Abenteurer durch die Lande, doch mitten in einem Drachenkampf überkommt ihn die Erkenntnis, dass es so mit seinem Leben nicht weitergehen kann. So beschließt er, mit seinem magischen Begleittier, dem oft in Fuchsgestalt erscheinenden Beregaun, und einem ganzen Wagen voller Schätze zu einer letzten Reise aufzubrechen und sich in der Küstenstadt Nerumath niederlassen. Doch die Vergangenheit reist dabei mit, denn die Gefährten, von denen Garelun nun Abschied nimmt, waren nicht seine ersten: Vor langer Zeit, im schrecklichen „Winter der Verluste“, kam ein Großteil von Gareluns damaliger Freundesgruppe ums Leben, und Melriku, die einzige Überlebende außer ihm, für die er seither tiefere Gefühle hegt, will ihn nicht wiedersehen. Bald sind es allerdings nicht mehr Erinnerungen allein, mit denen Garelun sich auseinandersetzen muss: Sein Ruhm als Schwertkämpfer sorgt dafür, dass er schnell einen duellwütigen jungen Mann am Hals hat, der sich unbedingt mit ihm messen will, eine hartnäckige Bande von Auftragsdieben hat es auf ein ganz bestimmtes Stück in seinem Besitz abgesehen, und auch Angehörige vermeintlich seriöser Institutionen entwickeln einige kriminelle Energie, um von ihm zu bekommen, was sie wollen … Und dann taucht auch noch Melriku wieder auf. Ob es Garelun wohl trotz allem noch glückt, sich in den friedlichen Ruhestand zurückzuziehen, der ihm vorschwebt?

James A. Sullivans neuer Roman Das Lied der letzten Reise wird als cozy fantasy beworben, und in gewisser Hinsicht trifft das auch zu: Ungeachtet aller Schwierigkeiten, mit denen Garelun sich konfrontiert sieht, passiert – so viel sei verraten – in der Jetztzeit der Handlung nichts allzu Scheußliches, und dank der warmherzigen und liebevollen Art, in der Sullivan mit viel Nachsicht für (nicht nur) menschliche Schwächen von seinen Figuren erzählt, strahlt das Buch eine positive Grundstimmung aus. Es wird ihm aber nicht gerecht, es mit den bei allem Charme doch oft etwas oberflächlichen typischen Vertretern des Genres in einen Topf zu werfen, die meist eine formelhafte Geschichte darüber erzählen, wie eine Abenteurergestalt an einem idyllischen Ort ein Lokal oder einen Laden eröffnet und nach einigen kleinen Hindernissen und vielleicht noch einem letzten großen Kampf ihr Glück findet. Die Möglichkeit, eine Taverne zu eröffnen, wird von Garelun zwar anfangs einmal in augenzwinkernder Anspielung auf solche Konstellationen erwähnt, aber so simpel wird es nicht. Denn Das Lied der letzten Reise ist auch ein anspielungsreicher Roman mit Tiefgang, der nicht naiv die Welt eigentlich doch ganz schön sein lässt, sondern vielmehr zeigt, wie sich Einzelpersonen oder Gemeinschaften trotz bedenklicher gesellschaftlicher Tendenzen im Kleinen behaupten können.

Garelun, der zu den schon in Sullivans Chroniken von Beskadur auftretenden Belraunen gehört, teilweise aber auch menschlicher Abstammung ist und brutal der für sein Volk charakteristischen Flügel beraubt wurde, entspricht dabei geradezu idealtypisch dem bei Sullivan schon seit seinem Nuramon immer wieder in wechselnden Ausprägungen erscheinenden Protagonisten, der, magisch hochbegabt, wissensdurstig und kämpferisch, zwischen den Kulturen steht und trotz seiner vielseitigen Talente dementsprechend eine Außenseiterrolle einnimmt, diesmal allerdings in herangereifter Form und nicht mit einem überlangen Elfenleben gesegnet. Was an Garelun ungeheures Vergnügen macht, ist, dass ihn nach allem, was er schon erlebt hat, so leicht nichts mehr erschüttern kann und er sich gesellschaftlichen Erwartungen ebenso konsequent entzieht wie denen eines Lesepublikums, das zumindest unbewusst gewisse Vorstellungen an einen alternden Fantasykämpen herantragen und hier doch so manches Mal von ihm überrascht werden dürfte.

Einen Teil seiner Weisheit verdankt er dabei eindeutig Wolframs von Eschenbach Parzival, auf den immer wieder angespielt wird, vom vielfach evozierten Elsterngleichnis über Gareluns Rat, Leute, die einem auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sind, zu animieren, sich in den Dienst anderer zu stellen, bis hin zu der Tatsache, dass Beregauns Erscheinungsform als schwarzweiß gescheckter Fuchs die Bezeichnung „Feirefuchs“ trägt, mithin also nach der ebenfalls zwischen Schwarz und Weiß stehenden Figur Feirefiz benannt ist. Apropos Beregaun: Der ist nicht nur ein niedlicher Sidekick, sondern hat seine eigene, durchaus tragische Hintergrundgeschichte unabhängig von der Gareluns, wie auch Melriku alles andere als ein austauschbares love interest ist, sondern trotz der ebenso zarten wie realistischen und unsentimentalen Liebesgeschichte, die sich zwischen ihr und ihrem alten Freund entwickelt, eigene Ziele und Interessen verfolgt.

Seinen wichtigsten Schuss Tiefe gewinnt Das Lied der letzten Reise aber vielleicht dadurch, dass es nicht in einer verklärten heilen Welt spielt, sondern aufzeigt, dass auch in den besten Absichten und in Abgrenzung zu tyrannischen Herrschaften gegründete Demokratien (in diesem Fall eine aus den Nachfahren der Knechtschaft entflohener Gefangener bestehende Gesellschaft) nicht vor Gier, Macht und Geltungsdrang und der damit einhergehenden Herausbildung eines neuen (Geld-)Adels gefeit sind, ebenso wenig übrigens, wie respektierte Institutionen der Wissensweitergabe – hier Kämpfergilden und eine Art magischer Universität – alles richtig machen. Dass sich daran vielleicht nicht im Handumdrehen etwas ändern lässt, aber Individuen und kleine Gruppen, die es anders und besser machen wollen, dennoch nicht ganz machtlos sind, weil sie durch ihr Vorbild, durch persönliche Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit, aber auch durch clevere Tricks dem allgemeinen Trend etwas entgegensetzen können, ist eine der wichtigsten Botschaften des Romans, verbunden mit der, dass man alles Schlimme der Vergangenheit zwar nicht ungeschehen machen, aber doch für Gegenwart und Zukunft durchaus seinen Frieden finden und nach vorn schauen kann.

Vor allem aber ist Das Lied der letzten Reise die Art von Fantasy, die einen beim Lesen wohlig in einer detailreich heraufbeschworenen Umgebung mit eindrucksvollen Landschaften, außergewöhnlichen Gebäuden, kulinarischen Genüssen und originellen Fabelwesen versinken lässt, während man den Wegen der Hauptfiguren folgt. Ganz gleich, wie sehr man sich auf die philosophische Ebene des Romans einlassen möchte, eine spannende und schöne Lektüre ist er also auf alle Fälle.

James A. Sullivan: Das Lied der letzten Reise. München, Piper, 2026, 416 Seiten.
ISBN: 978-3-492-70674-2


Genre: Roman

Ich, Freya, Göttin der Liebe, Göttin des Todes

Der Weltuntergang steht unmittelbar bevor, und die Göttin Freya schmiedet einen Plan, um zumindest ihre Tochter Hnoss vor dem Schlimmsten zu bewahren. Die jugendliche Hnoss hat allerdings ein eher schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter und fordert vor dem unvermeidlichen Abschied die Wahrhaftigkeit, Nähe und Zuneigung ein, die sie oft entbehren musste. So erzählt Freya, obwohl die Zeit drängt, ihrem Kind ihre eigene Lebensgeschichte: Als junge, unerfahrene Göttin im Rahmen eines Geiselaustausches von Wanaheim nach Asgard gelangt und dort in die Obhut der strengen Frigg gegeben, muss sie sich sowohl den Umgang mit ihren eigenen Kräften als auch ihre Stellung unter den Asen hart erarbeiten, vor allem auch im ständigen Konflikt mit deren Anführer Odin. Hilfreich ist dabei nicht nur ihre Freundschaft mit der zupackenden Idun, sondern auch das besondere Band, das sich zwischen Freya und einigen menschlichen Bewohnerinnen Midgards entwickelt. Doch trotz aller Erfolge, die Freya im Kleinen erzielt, rückt das schicksalhafte Ende der Götter unaufhaltsam näher …

Martha Sophie Marcus erzählt in ihrem Roman Ich, Freya, Göttin der Liebe, Göttin des Todes relativ nahe an der Überlieferung insbesondere bei Snorri Sturluson Begebenheiten der altnordischen Mythologie nach und verknüpft damit die mehrere Generationen umspannende Geschichte einer mit Freya eng verbundenen Menschenfamilie, die unter anderem im dänischen Lejre ansässig ist. Wer sich mit den entsprechenden Göttersagen auskennt, weiß daher in groben Zügen im Voraus, was geschehen wird. Es kommt allerdings auf das Wie an, denn Marcus macht mit Freya als im Präsens berichtender Ich-Erzählerin die vertrauten Mythen zu der Geschichte einer aus einer im wahrsten Sinne des Wortes naturverbundenen Daseinsweise in eine unbarmherzige Männerwelt geworfenen Frau, die sich unter den Verhältnissen eines kriegerischen Patriarchats durchbeißen muss.

Dementsprechend sind die männlichen Asen, die sonst oft im Zentrum von Nacherzählungen stehen, auch durch die Bank alles andere als strahlende Helden. Insbesondere Freyas hauptsächlicher Gegenspieler Odin ist hier nicht die ambivalente, aber durchaus reizvolle Gestalt, als die er bei vielen anderen seiner literarischen Auftritte erscheint, sondern in seiner Machtgier, Brutalität, Lüsternheit und letztlich auch Selbstüberschätzung äußerst abstoßend dargestellt. Bei aller Schurkerei hat der verschlagene Loki, der oft genug selbst zum Opfer der gnadenlosen Spielregeln der Götterwelt wird, schon eher Momente, in denen er menschlich wirken darf, wie überhaupt die traditionell „Bösen“, Unheimlichen und Monströsen in diesem Roman ihre sympathischen Züge haben, etwa die Riesin Angrboda oder ihre Tochter Hel.

Ohnehin ist das Buch eben, durchaus in der Tradition der in den letzten Jahren immer häufigeren feministischen Um- und Neudeutung von Mythen in der Fantasyliteratur, primär eine Geschichte über Frauen und ihren Umgang nicht nur mit einem oft feindlichen Umfeld, sondern auch miteinander, und Gutes ergibt sich meist gerade nicht aus dem Nachahmen typisch männlich konnotierter Verhaltensweisen, sondern aus weiblicher Solidarität auch über kulturelle Grenzen und den Tod hinaus. Damit geht einher, dass der Blick nicht vollständig auf die altnordische Welt beschränkt bleibt. So kann man z. B. im Totenreich auch Begegnungen haben, die auf andere historische Zusammenhänge verweisen. Daneben wird das vorhandene Material durch eigene Hinzufügungen ausgebaut, wenn etwa eine Erklärung dafür gefunden wird, warum die Überlieferung eine weibliche Gottheit Nerthus und dann später den männlichen Njörd kennt, oder die nebulöse Gestalt des Odur, der als Gemahl Freyas gilt, klarere Konturen gewinnt. Apropos Ehepartner: Eine typische Liebesgeschichte ist ironischerweise ausgerechnet der Liebesgöttin nicht beschieden, obwohl sie immer wieder mit wechselnden Partnern intim wird.

Vor heiklen Aspekten scheut Marcus in ihrem Roman nicht zurück, sowohl in Bezug auf die Mythologie (wenn etwa der Lokasenna-Vorwurf des Inzests zwischen Freya und ihrem Bruder Freyr aufgegriffen und als nicht völlig unzutreffend, wenn auch wiederum nicht als auf unkomplizierte Weise wahr geschildert wird) als auch bei der Beschreibung des historischen Umfelds, in dem nicht nur kriegerische Gewalt allgegenwärtig ist, sondern auch Sklaverei und eine hohe Kindersterblichkeit das Leben prägen. Da schadet es nicht, dass inmitten all der Düsternis gelegentlich auch ein Hauch Humor aufblitzt („Jormungard, lass das!“) und dass es Passagen gibt, die sich eher wie Abenteuerfantasy lesen, etwa wenn die noch junge Freya durch eine riskante Kletterpartie in der Weltenesche Antworten auf die Frage nach ihren eigenen Kräften sucht.

Ganz gleich, ob man nun allen Wertungen und Interpretationen folgen mag, eine spannende Lektüre, die manche altbekannte Geschichte gegen den Strich bürstet, ist Ich, Freya, Göttin der Liebe, Göttin des Todes also allemal.

Martha Sophie Marcus: Ich, Freya, Göttin der Liebe, Göttin des Todes, o.O. 2026, 392 Seiten.
ISBN: 979-8-258-56461-0


Genre: Roman

Finderlohn

Konrad Zarezky verfügt über eine besondere Fähigkeit: Auf übernatürlichem Weg kann er Verlorenes aufspüren und verdient so als Ermittler, der abhandengekommene Haustiere oder Eheringe wiederfindet, seinen Lebensunterhalt. Eine eiserne Regel hat er seit einem üblen Erlebnis allerdings: Menschen sucht er nur unter der Bedingung, dass jemand sie unter harmlosen Umständen aus den Augen verloren hat, denn in eine Tragödie möchte er nun wahrlich nicht wieder hineinstolpern. Als sich jedoch die verzweifelte Judith Jäger an ihn wendet, weil ihre Tochter Laura verschwunden ist, lässt er sich doch auf die Suche ein, auch wenn die Umstände seltsam sind: Judith weigert sich, die Polizei hinzuzuziehen, und verschweigt Konrad offensichtlich Entscheidendes. Allen widrigen Umstände zum Trotz gelingt es ihm zwar, Lauras Aufenthaltsort zu ermitteln, aber damit beginnt das eigentliche Abenteuer erst, denn das junge Mädchen ist in Begleitung des Rasnog Ksirl – einer Art Geisterwesen – und hat unter seinesgleichen mächtige Feinde, die bald nicht nur Konrads dementen Vater in Gefahr bringen, sondern noch viel mehr anrichten könnten …

Finderlohn ist ein in Göttingen und Umgebung angesiedelter Urban-Fantasy-Roman um einen eigenwilligen Helden, der für die Rolle auf den ersten Blick gar nicht taugt: Ich-Erzähler Konrad Zarezky (der für alle, die Here Be Dragons gelesen haben, übrigens ein alter Bekannter ist) hat seine festen Meinungen, was alles von Pferden über Blut bis hin zu ihn bemutternden Frauen angeht, wählt gern den Weg des geringsten Widerstands und weigert sich zunächst einmal strikt, seine magischen Fähigkeiten auch nur als solche zu benennen. Aber wie so oft bei Hannah Steenbock ist seine Geschichte auch eine der Selbstfindung, denn dadurch, dass Konrad aus seiner bevorzugten Bequemlichkeit in ein wildes Abenteuer geworfen wird, in dem nicht nur dämonische Gestalten, sondern auch ein Weltenportal und reichlich körperliche Gewalt eine Rolle spielen, ist er gezwungen, sich tiefer auf seine besonderen Fähigkeiten einzulassen und sich mit manchem auseinanderzusetzen, was er bislang eher gemieden hat.

Ohnehin ist das Überwinden eingefahrener Überzeugungen eines der Grundthemen der Geschichte, die Problemfelder wie Vorurteile, ideologische Verblendung, Manipulation, Rassismus und Ausbeutung in die Fantasy transponiert und am Ende zumindest Hoffnung macht, dass es Auswege geben kann, auch wenn sich zum Schluss beileibe noch nicht alle Schwierigkeiten in Wohlgefallen aufgelöst haben. Denn auch wenn Finderlohn eine in sich abgeschlossene Geschichte erzählt, bleiben noch genügend Fragen offen (oder werden nur andeutend beantwortet), um eine Fortsetzung nicht nur möglich, sondern wünschenswert erscheinen zu lassen.

Der kammerspielartig kleinen, aber einprägsamen Figurenriege wäre das zu gönnen, denn wie es mit dem Rasnog Ksirl, der zupackenden Laura (die eigentlich mehr Heldenpotenzial als Konrad selbst hat), ihrem Umfeld und Konrads Eltern, von denen zumindest die Mutter mehr zu wissen und zu können scheint, als sie ihm bereitwillig anvertraut, weitergeht, würde man gern lesen. Zur Sogwirkung des Buchs trägt auch der immer wieder aufscheinende Humor bei, denn auch wenn das Abenteuer durchaus lebensgefährlich wird, viel Ernstes abgehandelt wird und insbesondere Tierfreunde tapfer sein müssen, hat die Geschichte Witz, ganz gleich, ob eine Fahrradpumpe kreativ zum Einsatz kommt oder Konrad immer wieder reichlich Kaffee (oder gegebenenfalls auch Rührei) braucht, um zu überstehen, in was er da hineingeraten ist. Wer Lust auf ein spannendes und geradliniges Urban-Fantasy-Abenteuer mit dramatischem Showdown und ganz eigener Erzählstimme hat, kann also mit Finderlohn nicht viel falsch machen.

Hannah Steenbock: Finderlohn. Ein Konrad-Zarezky-Roman. Kiel, Bühsteppe Verlag, 2017 (E-Book). 
ISBN: 978-1-386-75182-3


Genre: Roman

Funkenflug

Das hier besprochene Buch ist der zweite Teil einer Serie. Die Rezension des ersten Bandes ist hier zu finden.

Beschwörerin Jule hat endlich die notwendige Prüfung bestanden, um die nächste Karrierestufe im Staatsdienst zu erklimmen, aber davon, so sicher über ihre Magie zu gebieten, dass sie Kestrel und Mika, die beiden Männer, die sie liebt, aus ihrem goldenen Käfig befreien kann, in dem sie den Launen der Mächtigen ausgesetzt sind, ist sie noch weit entfernt. Denn dazu müsste sie in die Caela vordringen, die oberste Stadtebene von Arges, die Menschen wie ihr zumeist verschlossen bleibt. Dass sie sich zu ihrer neuen Mentorin Tonya, bei der sie ihre Ausbildung fortsetzt, ebenfalls hingezogen fühlt und zugleich noch so etwas wie Hassliebe zu der sinnlichen Merry, die zu den göttlich verehrten Avataren der Stadt zählt, empfindet, macht ihr das Leben nicht leichter, ganz zu schweigen davon, dass sie neben ihren altbekannten Albträumen nun auch noch mit einer geheimnisvollen Krähenplage zu kämpfen hat. Als Jule im Zuge eines unbedachten Versuchs, sich Zugang zu den Caela zu verschaffen, in eine Notlage gerät, erweist sich, dass zu ihren magischen Kräften auch eine verbotene und eigentlich schon für ausgerottet gehaltene gehört, die ebenso nützlich wie gefährlich für sie sein könnte. Aber ohne Hilfe kann sie ihre mutigen Pläne kaum in die Tat umsetzen, und als potenzielle Verbündete bieten sich ausgerechnet die Rebellen an, als deren Gefangene Jule im letzten Band Schlimmes erlebt hat …

Marie Meiers Funkenflug ist wie der Vorgängerband Seelengrube spannende Science Fantasy voller Action, Magie und Gesellschaftskritik, stellt aber zugleich einiges von dem auf den Kopf, was man aus dem ersten Buch der Serie über die Verhältnisse in Arges im Allgemeinen und über Jule und ihr engstes Umfeld im Besonderen zu wissen meint. Für die Protagonistin selbst sind die Enthüllungen dabei mindestens so überraschend wie für das Lesepublikum, und in gewisser Weise wiederholt sich hier in gesteigerter Form die schon für Seelengrube prägende Mischung aus Trainingssequenzen, kleinen Fluchten und immer neuen Schockmomenten ganz unterschiedlicher Natur.

Da in Funkenflug erkundet wird, wer die Macht in Arges wirklich in den Händen hält und wie genau ihre Ausübung funktioniert, spielt hier die menschenverachtende Dekadenz der reichen Oberschicht, die sich an Misshandlungen, Vergewaltigungen und tödlichen Gladiatorenkämpfen ergötzt, eine noch größere Rolle als zuvor, und einige der geschilderten Vorgänge sind belastend zu lesen. Umgekehrt werden auch die Reaktionen auf dieses enthemmte Gebaren brutaler und blutiger. Ohnehin begeht Marie Meier nicht den Fehler, den Widerstand gegen die Führungsschicht von Arges zu verklären: Aktionen der Rebellen ziehen immer wieder auch die einfache Bevölkerung in Mitleidenschaft, und dass nicht alle, die sich gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit auflehnen, von hehren Idealen beseelt sind, sondern vielfach eher schiere Unzufriedenheit und die ganz persönliche Sorge um die eigenen Lieben ein Antrieb sein können, wird an Jule selbst deutlich gemacht, die bei allem Zugewinn an Kenntnissen und Fertigkeiten immer noch keine strahlende Heldin abgibt, sondern weiterhin sehr menschlich, voller Fehler und Schwächen, zwischen den kleinen Freuden, die scharfe Pizza, Zimmerpflanzen und Popkultur selbst in einem an allen Ecken und Enden krankenden System noch zu bieten haben, ihren Weg geht.

Wie sehr dieser vorgezeichnet sein könnte, erweist sich, als sie durch ihre Mutter einen mysteriösen Comic aus der Feder ihres Vaters erhält, in dem ein Exemplar einer ausgestorbenen Vogelart die Hauptrolle spielt, wobei sich immer mehr Parallelen zu Jules eigener Situation aufdrängen (und man zu ahnen beginnt, was es mit dem Serientitel Der letzte Schlüssel auf sich haben könnte). Dies ist übrigens nicht der einzige Fall, in dem ein erzählendes Werk im Roman auf dessen Welt ausgedeutet wird – ein hübscher literarischer Trick, der einen daran erinnert, dass die Zustände in Jules fiktiver Heimat, die gekonnt die Balance zwischen Fremdartig-Futuristischem und für uns Vertrautem wahrt, viel über unsere Gegenwart aussagen und Analogien sich förmlich aufdrängen.

Am Ende sind einige der Fragen, die der erste Band aufgeworfen hat, beantwortet oder als falsch gestellt entlarvt, aber mindestens ebenso viele neue haben sich ergeben. Das hält, gemeinsam mit der feinen Ironie, dass Jule zwar eines ihrer selbstgesteckten Ziele durchaus in gewisser Weise erreicht, damit aber nicht ganz die erhoffte Wirkung erzielt, die Neugier auf den Fortgang ihrer Abenteuer wach. Denn dass die Autorin es ihrer Hauptfigur und ihrem Lesepublikum so leicht machen wird, die Vorgehensweise die sich Jule für die Zukunft zurechtlegt, tatsächlich geradewegs zum glorreichen Umsturz führen zu lassen, ist nach allem bisher Gelesenen eigentlich kaum anzunehmen, und so darf man gespannt bleiben, was sich in Arges noch ergeben wird.

Marie Meier: Funkenflug. Der letzte Schlüssel 2. Ahrensburg, tredition, 2026, 376 Seiten.
ISBN: 978-3-912037-02-9


Genre: Roman

Lias Wahrheit

Die Welt der jungen Lehrerin Lia aus der Stadt Or ist in Auflösung begriffen: Nicht genug damit, dass Mikail, der Mann, in den sie verliebt ist, als sogenannter „Abartiger“ – wie Menschen mit misstrauisch beäugten besonderen Fähigkeiten bezeichnet werden – kürzlich verbannt worden ist, nun hat man auch noch ihren Bruder Loris als mutmaßlichen Mörder ins Gefängnis geworfen. Als im Zuge eines Brandes weitere Menschen ums Leben kommen und Loris die Flucht glückt, gibt der fremde Prediger Sandor, der Lias säkulare Heimat, in der eher lockere Sitten herrschen, zu seiner strengen und ziemlich misogynen Religion zu bekehren versucht, Loris auch an diesen neuen Todesfällen die Schuld. Lia kann daran nicht glauben und hat allen Anlass, Sandor selbst für den Schuldigen zu halten. Aber ihm das nachzuweisen, ist eine gefährliche Angelegenheit, zumal Lia sich dafür in den inneren Kreis seiner Anhängerschaft vorwagen muss. Ihr neuer Kollege Miro scheint interessiert daran, sie zu unterstützen, aber wem sie vertrauen kann und wem nicht, weiß Lia bald nicht mehr genau  …

Lias Wahrheit ist ein Spin-off von Sascha Raubals Fantasyserie Die Abartigen, aber auch ohne Kenntnis der anderen Bücher problemlos zu lesen. In einem Prolog als offizieller Bericht der Ich-Erzählerin Lia über ihre Erlebnisse eingeführt, schildert das Buch schnörkellos und geradlinig, wie ursprünglich als Mordermittlungen angelegte Nachforschungen die junge Frau immer weiter in den Dunstkreis des religiösen Fanatikers Sandor geraten lassen, bis sie am Ende eigene Überzeugungen zunehmend infrage stellt – und beileibe nicht nur die, dass ihr Bruder kein Mörder ist.

An Religionskritik wird dabei nicht gespart, aber deutlich wird zugleich, dass auch abseits frommer Überzeugungen Vorurteile wirkmächtig sein können (in diesem Fall gegen die vermeintlichen „Abartigen“, die rigide aus der Gemeinschaft entfernt werden, was für viele von ihnen den sicheren Tod bedeutet) und dass nicht zuletzt der Leidensdruck, der aus Ungerechtigkeiten, gesellschaftlichen Missständen und familiären Konflikten entsteht, Menschen für eher zweifelhafte Lehren empfänglich machen kann. Wie Lia, zunehmend von ihrem bisherigen Umfeld isoliert, sich durch zur Schau getragene Fürsorge und Freundlichkeit der Gläubigen verleiten lässt, ihr gesundes Misstrauen nach und nach aufzugeben, ist beklemmend geschildert.

Daneben ist Lias Wahrheit jedoch auch ein handfester Krimi, in dem nicht alles so ist wie auf den ersten Blick vermutet und die Gefahren für Lia sich nicht darauf beschränken, in weltanschauliche Verirrungen abzugleiten. Gegen Ende des Buchs wartet dementsprechend noch einmal reichlich Action zum Mitfiebern, bevor sich aufklärt, wer genau die mittlerweile doch recht stattliche Anzahl von Mordopfern auf dem Gewissen hat und warum. Zugegeben, ein wenig Glück ist hier für Lia dabei, weil die Schuldigen sich sehr gesprächig zeigen und so nett sind, manche bis dahin im Dunkeln gebliebenen Zusammenhänge zu erläutern, statt erst einmal die Ermittlerin aus dem Weg zu räumen, aber spannend liest sich diese Auflösung auf alle Fälle, und auch nachdem die Morde aufgeklärt sind, warten noch einige Überraschungen auf Lia wie auf das Lesepublikum.

So bietet Lias Wahrheit neben allen ernsten Themen, die ausgelotet werden, vor allem auch gute, flott zu lesende Unterhaltung, die neugierig auf weitere Geschichten aus Sascha Raubals Feder macht.

Sascha Raubal: Lias Wahrheit. Ein Krimi aus der fernen Welt der Abartigen. Eberfing 2025 (E-Book). 
ISBN: 978-3-384-73931-5

 


Genre: Roman

Die Welt in ihren Händen

Schon früh entdeckt die einer Industriellenfamilie entstammende Gertrude Bell ihre Liebe zum Orient. Was sich erst nur in Sprachenlernen, Privatreisen, Gedichtübersetzungen und archäologischem Interesse niederschlägt, gewinnt bald eine politische Dimension: Denn die eigenwillige Wandlerin zwischen den Welten ist auch für den britischen Geheimdienst von Interesse, und spätestens mit dem Ersten Weltkrieg, der zur Zertrümmerung des Osmanischen Reichs und einer bis heute nachwirkenden Umformung des Nahen Ostens führen wird, spielt Bell auf der ganz großen Bühne mit, ohne allerdings privat so etwas wie Glück finden zu können …

Die Welt in ihren Händen Ist eine Mischung aus Roman und Biographie, in der der französische Journalist Olivier Guez das Leben der Gertrude Bell schildert, nicht linear, sondern einerseits in einer episodenhaft mehr oder minder fortlaufenden Handlung, die mit Bells Ankunft in Basra 1916 einsetzt und sich auf ihr Mitwirken an der britischen Kriegführung in Mesopotamien und der Entstehung des Iraks konzentriert, und andererseits in allerlei Rückblenden, in denen man von ihrer Kindheit mit dem frühen Verlust der Mutter, ihrem Studium in Oxford, ihrer Freude am Bergsteigen, ihren unglücklichen Liebesgeschichten (diese teilweise etwas breiter ausgemalt, als man es bräuchte) und ihrem prägenden ersten Iran-Aufenthalt als junge Frau erfährt.

Olivier Guez weiß dabei packend und zugänglich zu schreiben und seine Protagonistin in ihrer Widersprüchlichkeit greifbar zu machen: von Haus aus privilegiert, aber zugleich auch einengenden gesellschaftlichen Zwängen unterworfen, wissbegierig und zu großen geistigen und körperlichen Leistungen in der Lage, dann aber wieder auch zu engstirnig, um aus den Vorurteilen ihrer Zeit auszubrechen, sei es nun aus der kolonialen Arroganz, die das britische Empire prägte, oder auch aus der traditionellen Sicht auf die Rollen von Mann und Frau (so war Bell trotz ihres eigenen emanzipierten Lebensstils gegen das Frauenwahlrecht). Sowohl als Panorama einer bewegten Epoche, die in vielerlei Hinsicht den Boden auch für heutige Krisen bereitete, als auch als Portrait einer in mancherlei Hinsicht unangepassten, in anderen Punkten aber wiederum erschreckend typischen Vertreterin der englischen Oberschicht des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts liest sich das in der Übersetzung von Nicola Denis interessant und flüssig und hat für einen Text, der kein Sachbuch sein will, sondern ausdrücklich als Roman vermarktet wird, einiges an Detailinformationen zu bieten.

Ausbaufähig gewesen wäre allerdings das Lektorat, nicht nur, weil hier und da Flüchtigkeitsfehler stehen geblieben sind (so wird etwa die Stiefmutter der lebenslang unverheirateten Gertrude Bell hier schon einmal zur „Schwiegermutter“ [S. 368] – auf Französisch heißt beides „belle-mère“, aber in diesem Fall hätte spätestens im Lektorat aus dem Kontext klar werden müssen, dass nur Ersteres gemeint sein kann). An einzelnen Stellen fragt man sich auch, ob entweder schon bei den Recherchen des Autors oder im Zuge der Übersetzung Missverständnisse aufgetreten sind, denn anders ist es kaum zu erklären, dass in Karkemisch angeblich altorientalische Reliefs mit Darstellungen von „Maiskolben“ (S. 38) gefunden worden sein sollen – eine verfrühte Entdeckung Amerikas? Etwas verwirrend ist auch, wenn einem Briten die Lektüre eines Buchs mit dem Titel „Le Premier Navigateur“ (S. 74) von Kipling zugeschrieben wird. Es mag durchaus sein, dass dies der französische Titel eines Werks von Kipling ist, aber wenn es ein Buch von ihm gibt, das auch im englischen Original oder in deutscher Übersetzung so heißt, ist es mir unbekannt (allerdings bin ich keine Kipling-Expertin). Auch bei dem Schiffsnamen „Impératrice de Chine“ (S. 179) ist man sich unsicher, ob Getrude Bell tatsächlich auf einem Schiff mit diesem französischen Namen unterwegs war oder nicht doch eher die historisch nachweisbare Empress of China gemeint ist und der ins Französische übersetzte Eigenname unverändert ins Deutsche übernommen worden ist.

Zusammengenommen mit der Tatsache, dass als Cover ein KI-generiertes Bild verwendet wurde, obwohl von Gertrude Bell als Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts durchaus Fotos existieren, trüben diese Auffälligkeiten das Lesevergnügen doch ein wenig. Mit mehr Liebe zum Detail hätte Die Welt in ihren Händen ein noch besseres Buch werden können.

Olivier Guez: Die Welt in ihren Händen. Die Abenteuer der Gertrude Bell in Mesopotamien. Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2026. 
976-3-462-00835-7


Genre: Biographie, Roman

Die Geister von La Spezia

1822 stirbt Percy Bysshe Shelley beim Segeln vor der italienischen Küste. Aber war sein Tod wirklich ein tragischer Unfall infolge schlechten Wetters, wie zunächst angenommen wird? Angeblich hat Shelleys Vater daran seine Zweifel – so zumindest erzählt es die Ermittlerin Pat Colombari Monate später der Witwe Mary Shelley. Pat verfügt über die Fähigkeit, mittels einer speziellen Technik in die Erinnerungen anderer Menschen einzusteigen und so deren Blick auf die Vergangenheit nachzuerleben. Nach anfänglichem Zögern willigt Mary ein, Pat Zugang zu ihren Erinnerungen und damit vielleicht auch zu Hinweisen auf Percys wahres Schicksal zu gewähren. So taucht Pat tief in das Leben der kleinen Künstlerkolonie ein, die sich in Italien um den mit den Shelleys befreundeten Lord Byron gebildet hat, und wird Zeugin von allerlei zwischenmenschlichen Verwicklungen und törichten Eskapaden. Mehr und mehr zeichnet sich dabei ab, dass es ein düsteres Geheimnis in der Vergangenheit der Shelleys gibt, das in ihre Zeit in der Schweiz zurückführt, und dass Mary nicht daran gelegen ist, alles darüber preiszugeben. Doch auch Pat selbst ist vielleicht nicht ganz ehrlich, was den eigentlichen Zweck ihrer Erinnerungsreise betrifft …

Zugegeben, ein wenig führt der Titel von Oliver Plaschkas neuem Fantasyroman in die Irre: Die Geister von La Spezia sind keine klassische Spukgeschichte, sondern verbinden einen hervorragend recherchierten historischen Roman mit verschiedenen Fantasyelementen, die teilweise an Mary Shelleys Frankenstein angelehnt sind, daneben aber auch noch eine vielschichtige Zeitreisethematik einführen, die sich nicht einfach nur auf den Einstieg in fremde Erinnerungen beschränkt, wie man zunächst annehmen könnte, sondern sich zu einem zusätzlichen Handlungsstrang um Pat entwickelt, der alles am Ende noch einmal in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt.

Ohnehin ist das subtile Verschieben von Wahrnehmungen und Sichtweisen eine der großen Stärken der Geister von La Spezia. Hat man anfangs noch den Eindruck, dass die Erinnerungssequenzen sich so ähnlich auch in einem historischen Roman abspielen könnten, der, um eine fiktive Perspektivfigur ergänzt, das Leben der Shelleys und ihres Umfelds schildert, wird es im weiteren Verlauf zunehmend phantastisch, und das nicht nur, weil die finsteren Geheimnisse der Shelleys selbstverständlich in übernatürlicher Weise über das, was über ihre realen Vorbilder bekannt ist, hinausgehen, oder weil dank des Grundprinzips der Erinnerungsreise recht drastische Wendungen möglich werden (so etwa, wenn ein körperlicher Vergewaltigungsversuch mit einer Art geistiger Vergewaltigung gekontert wird). Vielmehr wird immer stärker deutlich, dass die bereisten Erinnerungen nicht unbedingt die reine Wahrheit widerspiegeln, sondern von Gefühlen und Gedanken der jeweils Zugang gewährenden Person geprägt sind, so dass der Aufenthalt an ein- und demselben Ort in der Rückschau einer Figur zur eisigen Albtraumvision mit bewusst verfälschten Details werden kann, während er für eine andere ein mildes Idyll war.

So erstaunt es nicht, dass sich als eine der zentralen Fragen des Romans herauskristallisiert, wie genau das Verhältnis zwischen Gedächtnis und Wirklichkeit beschaffen ist und inwieweit die jeweiligen Erinnerungen einen Menschen ausmachen (und somit zu einer, wenn auch nicht der Wahrheit werden). Damit geht einher, dass dieselben Personen von unterschiedlichen Zeitgenossen als „gut“ oder „schlecht“ wahrgenommen werden, und diesen Widerspruch löst Oliver Plaschka in seiner Schilderung des Kreises um Byron und die Shelleys auch bewusst nicht auf. Ihm gelingt der Balanceakt, einerseits durchaus Mitleid mit ihrem jeweiligen Schicksal zu erregen (allein schon die horrende Kindersterblichkeit der Epoche gibt allen Grund dazu), andererseits aber auch nicht darüber hinwegzutäuschen, dass auch Menschen, die zu Ikonen einer literarischen Bewegung werden und zumindest nominell für ihre Zeit progressive Ideen vertreten, nicht unbedingt moralische Vorbilder sein müssen. Die Hauptfiguren gehen teilweise grässlich miteinander und mit sich selbst um, und wie wenig alle Freiheits- und Fortschrittsideale nützen, wenn man in seinem persönlichen Leben schlicht kein anständiger Mensch ist, sondern sich von romantisch verbrämtem Egoismus und Ehrgeiz leiten lässt, wird in aller Härte deutlich.

Ein düsteres und philosophisches Buch also? Ja, aber nicht nur, denn daneben sind Die Geister von La Spezia ein gelungenes Spiel mit der (insbesondere englischen) Literatur, und das nicht allein, weil mit Zitaten daraus nicht gespart wird (hier ist der Anglist Plaschka merklich voll in seinem Element). Vielmehr ist auch der Erzähltext selbst je nach Bedarf äußerst wandelbar und dementsprechend eine Schau stilistischen Könnens, ganz gleich, ob eine bis daher eher schemenhaft im Hintergrund agierende Gestalt sich plötzlich briefromanhaft schriftlich zu Wort melden darf oder in den Erinnerungen des zur übersteigerten Selbststilisierung neigenden Edward John Trelawny auf einmal Figurenrede in Blankversen statt in normaler Umgangssprache auftaucht. Nicht nur diese klugen Einfälle machen den Roman trotz des Ernsts seiner Thematik an vielen Stellen auch witzig: Immer wieder gibt es durchaus Situationskomik, teilweise in Form ziemlich schwarzen Humors (so etwa bei Shelleys ansonsten recht scheußlich geschilderter Leichenverbrennung).

Auch wenn Die Geister von La Spezia also anspruchsvolle und in vielerlei Hinsicht sehr literarische Fantasy bieten, sind sie damit zugleich eine unterhaltsame und obendrein auch spannende Lektüre, mithin ein großartiges Gesamtpaket, dass neben Fantasyfans auch allgemein historisch Interessierte  ansprechen dürfte.

Oliver Plaschka: Die Geister von La Spezia. Stuttgart, Klett-Cotta, 2026, 416 Seiten.
ISBN: 978-3-608-98885-7


Genre: Roman

South Breaks

Alljährlich werden auf den Spitzen der Pyramiden acht von Kindheit an dazu herangezogene Menschen geopfert, um das Heilige Reich zu erhalten und zu stärken. Auch der jungen South ist dieses Schicksal bestimmt, und nachdem sie schon einige Mitglieder der eingeschworenen Gemeinschaft, in der sie herangewachsen ist, einschließlich ihres Geliebten Moon hat sterben sehen, will sie eigentlich nur noch rasch hinter sich haben, was ihr droht. Doch auf dem Weg zu der Pyramide, auf der ihr Leben enden soll, lässt ein Felssturz alles ganz anders kommen, und mitsamt Reitmaultier von dem Mann gerettet, der sie und ihre Begleiter durch den Dschungel führen sollte, findet South sich auf einmal außerhalb des Reichs und in einer völlig fremden Umgebung wieder. Hier erhält sie nicht nur einen anderen Namen, Saya, sondern findet bald auch heraus, dass sie nicht nur über ihre eigene Herkunft, sondern auch über Sinn und Zweck der Opfer belogen worden ist, ganz zu schweigen davon, dass sie über unvermutete magische Kräfte verfügt. Wenn es nach ihr ginge, würde Saya den ihr innewohnenden Zauber von nun an nur zu Heilzwecken einsetzen und ein unauffälliges, friedliches Leben führen – doch die Priester des Heiligen Reichs ruhen nicht …

Blutige Menschenopfer, Vergewaltigung, Kindesentführung und -entziehung – einige Elemente von Hannah Steenbocks South Breaks, dem Eingangsband ihrer englischsprachigen Fantasybuchreihe um die sogenannten „Winds“ und „Pillars“, sind ziemlich starker Tobak, und von der falschen Feder geschildert, hätten diese Inhalte leicht einen ausgesprochen unangenehmen Roman ergeben können. Dass es anders kommt, ist der Tatsache zu verdanken, dass Hannah Steenbock vor allem eine Geschichte der Selbstfindung und Heilung erzählt. Für den Handlungsverlauf spielt es zwar eine entscheidende Rolle, dass South alias Saya Unsagbares angetan worden ist (und sie, zu Fügsamkeit und Passivität erzogen, erst einmal selbst erkennen muss, dass es eben unverzeihlich und nicht schlicht Normalität ist), doch je mehr sie eigene Entscheidungen zu treffen und auch auf sich selbst zu vertrauen beginnt, desto stärker erschließt sich ihr auch viel Gutes.

Die mittelamerikanischen Kulturen, an die sich im Weltenbau zahlreiche Anklänge finden, dienen in der Fantasy immer noch relativ selten als Inspirationsquelle, aber die behandelten Themen weisen ohnehin über diesen spezifischen Kontext hinaus. Denn auf den Machterhalt einer bestimmten Personengruppe ausgerichtete Reichsbildungen, deren Eliten wortwörtlich über Leichen gehen, um ihre Herrschaft abzusichern, und egalitärere Gemeinschaften, die eher auf Ausgleich bedacht sind und sich als Teil des großen Ganzen der Natur begreifen, sind als kontrastierende Entwürfe in vielen Epochen und Gegenden zu finden. Wie die mit der Ideologie des Heiligen Reichs großgewordene Saya Schritt für Schritt einen eher schamanistisch-animistisch geprägten Blick auf die Welt entwickelt, ist einfühlsam geschildert. Eine zarte Liebesgeschichte und ein zahmes Äffchen, das für gute Laune sorgt, lockern das thematische Gewicht dabei immer wieder auf, und am Ende steht neben der buchübergreifenden Reihenhandlung (auf deren Fortgang im nächsten Band ein im Epilog gemachter ganz spezieller Fund vorausverweist) nicht zuletzt auch die Aussicht auf persönliche Erfüllung ungeachtet aller Widrigkeiten im Vordergrund.

So hat man nach der Lektüre durchaus das Gefühl, dass die Widmung an those who are different ebenfalls zwei Stoßrichtungen beinhaltet: Anders ist einerseits sicher, wer es zu sein wagt und Konventionen und scheinbar unerschütterliche bestehende Verhältnisse hinterfragt – andererseits aber auch, wer unfreiwillig in irgendeiner Form „nicht normal“ ist und sich ein selbstbestimmtes Leben erst erkämpfen muss. In beiden Fällen, so der Tenor des Romans, gibt es Hoffnung, und das gewiss auch ohne die welterschütternde Magie, die hier so phantasievoll in Szene gesetzt wird.

Hannah Steenbock: South Breaks. Winds of Destiny, Book 1. Kiel, Buehsteppe Verlag, 2022 (E-Book; ISBN der Printausgabe: 979-8839187474). 

 

 

 


Genre: Roman

Der Mord in der Schlange

Das hier besprochene Buch ist Teil einer Reihe. Ein weiterer Band daraus ist auf Ardeija.de hier rezensiert worden.

London in den 1920er Jahren. Vor der letzten Vorstellung eines beliebten Stücks steht eine wahre Menschenmenge vor einem Theater an, doch plötzlich bricht ein junger Mann, ein auffälliges Messer im Rücken, zusammen. Trotz der Überfülle von Anwesenden hat angeblich niemand etwas von dem Mord mitbekommen, und Inspector Alan Grant steht vor einem Rätsel. Schon die Identität des Toten festzustellen, dauert eine ganze Weile, und selbst als sein Name endlich bekannt ist, wirft das mehr Fragen auf, als es beantwortet. Denn eigentlich, so scheint es, hatte niemand einen Grund, den eher unauffälligen Albert Sorrell, der sein Geld als Buchmacher verdient hatte, nun aber nach Amerika gehen wollte, aus dem Weg zu schaffen. Könnte er also ungeahnte Verbindungen zum organisierten Verbrechen gehabt haben, oder haben seine frühere Vermieterin und sein ehemaliger Mitbewohner, die sich höchst verdächtig verhalten, etwas zu verbergen? Als Grant endlich eine heiße Spur zu haben meint, die er bis nach Schottland verfolgt, erweist sich doch noch einmal alles als ganz anders als erwartet …

Der Mord in der Schlange, Josephine Teys erster Roman um Alan Grant, erschien im Original 1929, und bis zu einem gewissen Grade merkt man dem Buch seine Entstehungszeit und die Tatsache, dass es das Krimidebüt seiner Verfasserin war, an: Einige der Ermittlungsmethoden und der Verhaltensweisen der Polizei in Zeugenbefragungen wirken aus heutiger Sicht heillos naiv, und auch wenn es sich für die Auflösung des Falls später als hilfreich erweist, dass Grant früh in der Geschichte in einem Gespräch unbedacht Täterwissen preisgibt, ist es doch nicht das Vorgehen, das man von einem erfahrenen Inspector erwarten würde. Auch kommen Teys Stärken – die präzise Schilderung teilweise herrlich schräger Figuren und der Umgebung, in der sie sich bewegen – eigentlich erst in der zweiten Hälfte des Buchs richtig zum Tragen, während am Anfang alles noch etwas zu gerafft und geradlinig vorwärts geht und man mancher Szene ein, zwei Seiten mehr Platz wünscht, um sich zu entfalten.

In anderer Hinsicht dagegen ist die Geschichte ziemlich gut gealtert, denn die Vorurteile des Ermittlers und die Bedeutung, die er aus ihnen heraus bestimmten Indizien zumisst, werden im Laufe des Buchs Stück für Stück dekonstruiert, bis am Ende kaum noch etwas von der Einschätzung übrig ist, die er sich auf den ersten Blick von dem Fall gemacht hat. Ob nun Annahmen über Fähigkeiten und typische Eigenarten von Männern und Frauen oder die Einordnung „ausländisch“ anmutender Personen als prinzipiell wenig vertrauenerweckende Gestalten, Grant wird damit konfrontiert, dass er sich zu sehr von eingefahrenen Überzeugungen hat leiten lassen, und man darf wohl mit Fug und Recht vermuten, dass seine ironische Reaktion ganz am Schluss auf die Frage nach dem „Schurken“ in dem Fall auch ein wenig Selbsterkenntnis widerspiegeln soll. Denn dass der Polizist hier nicht der durch und durch „Gute“ und Klügere ist, sondern in bester Absicht einen folgenschweren Fehler begeht, ist sicher eines der zeitlosesten und aktuellsten Elemente dieses Krimis.

Teys bisweilen etwas bissiger Humor kommt im Mord in der Schlange noch nicht so sehr zum Vorschein wie in ihren späteren Büchern, aber Ansätze sind schon vorhanden, vor allem in einigen Szenen von hoher Situationskomik (als es etwa zu einer perfiden Attacke per … Pfefferstreuer kommt). Insgesamt liest sich die Geschichte in der Übersetzung von Alfred Dunkel, die von 1972 stammt, aber an die moderne Rechtschreibung angepasst wurde, dennoch leicht und unterhaltsam weg und bietet einen interessanten Einblick in die Anfänge einer Autorin, die mit wachsender Routine und Erfahrung noch besser wurde, aber auch hier schon keinesfalls schlecht schreibt.

Josephine Tey: Der Mord in der Schlange. Inspector Grants erster Fall. Anaconda (Penguin Random House), München, 2024 (Original: 1929), 192 Seiten.
ISBN: 978-3-7306-1408-2


Genre: Roman

Der graue Wolf

Der hier besprochene Roman ist Teil einer Reihe, aus der schon mehrere Bände auf Ardeija.de rezensiert worden sind, zuletzt dieser hier.

Als Chief Inspector Armand Gamache einen Anruf von Jeanne Caron erhält, die ihm in der Vergangenheit übel mitgespielt hat, bricht er das Gespräch so schnell wie möglich ab. Bald darauf dämmert ihm jedoch, dass die Angelegenheit damit nicht erledigt ist: Ein junger Biologe arrangiert ein geheimes Treffen mit ihm, um ihn auf eine ernste Bedrohung für die Wasserversorgung von Montréal aufmerksam zu machen, und wird gleich darauf ermordet, der Täter wenig später selbst umgebracht. Sind die genauen Hintergründe auch vorerst ein Rätsel, wird eines bald überdeutlich: Wenn jemand tief in den Fall verstrickt ist, dann ausgerechnet die kürzlich von Gamache so rüde abgewimmelte Caron. Doch um aufzudecken, was wirklich vorgeht, sind umfangreiche Ermittlungen notwendig, die Mitglieder des Teams um Gamache nicht nur in ein abgelegenes Kloster in der kanadischen Wildnis, sondern sogar nach Washington, nach Frankreich und in den Vatikan führen …

Louise Pennys neunzehnter Gamache-Roman Der graue Wolf ist beileibe kein schlechtes Buch, aber eines muss man sich von Anfang an bewusst machen: Es handelt sich nicht um einen typischen Krimi, sondern eher um eine Art Thriller, in dem die Autorin sich Themen von trauriger Aktualität widmet, dem oft rücksichtslosen Umgang von Industrie und Politik mit der Umwelt ebenso wie dem mittlerweile weltweit drohenden Kippen von Demokratien in Autokratien. Eine Aufklärung der verschiedenen Morde (es sind, man ahnt es, mehr als die oben erwähnten) findet durchaus bis zu einem gewissen Grade statt – wer wen getötet hat, ist am Ende aufgedeckt, und zumindest in Ansätzen auch, warum. Doch diese Krimielemente geraten gegenüber der Weltrettung rasch ins Hintertreffen. Relativ schnell ist klar, welches Verhängnis droht und dass wieder einmal nur Gamache und seine engsten Vertrauten etwas dagegen unternehmen können, weil die kanadischen Behörden nach wie vor durch und durch korrupt sind.

So resultiert die Spannung eher daraus, ob es dem Chief Inspector gelingen wird, rechtzeitig die Katastrophe zu verhindern und herauszufinden, auf welcher Seite einzelne Personen stehen, zu denen ein paar alte Bekannte gehören. Wer, wie die Rezensentin, im stillen drei Kreuze gemacht hat, als vor mehreren Bänden der bizarre Klosterfall vorbei war, wird nicht überglücklich sein, dass einige Mönche hier abermals eine Rolle spielen, da dem Orden die Fanatiker anscheinend immer noch nicht ausgegangen sind. Nebenbei mischt auch noch die Mafia in etwas unklarer Absicht mit. Das ist durchaus mitreißend, von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck angenehm übersetzt und in weiten Teilen sehr filmisch geschrieben (die raschen Szenenwechsel erinnern oft an schnelle Schnitte). Hier und da gibt es auch etwas Humor, ob nun ein Buch in einem der besuchten Klöster einen sehr handfesten Einsatz erfährt oder Gamaches Wohnort Three Pines samt seiner exzentrischen Bewohner seinen skurrilen Charme spielen lassen darf.

Insgesamt tritt jedoch Louise Pennys Talent für das feine Ausloten zwischenmenschlicher Beziehungen hinter der schieren Tragweite des zu verhindernden Verbrechens zurück, und das dürfte in dem inzwischen erschienenen Folgeband Der schwarze Wolf wohl nicht anders sein, endet doch Der graue Wolf mit einem Cliffhanger, der signalisiert, dass die hier geschilderten Ereignisse nur der Auftakt zu noch Schlimmerem sind. Gespannt bleiben darf man also, aber höchstwahrscheinlich nicht darauf hoffen, dass die Reihe irgendwann dauerhaft zu Fällen ohne welterschütternde Dimension zurückfindet.

Louise Penny: Der graue Wolf. Der 19. Fall für Gamache. Zürich, Kampa, 2024 (544 Seiten). 
ISBN: 978-3-311-12105-3

 


Genre: Roman