Lostage

Lostage

Ein Ingenieur beißt sich beim U-Bahn-Bau an uralten Steinen buchstäblich die Zähne aus.
Mit dieser surrealen Szene von verstörender Intensität setzt Tina Pruschmanns Debütroman Lostage ein. Es ist – so viel sei vorab verraten – die Art von Erstlingswerk, die einen wünschen lässt, noch viel aus der Feder dieser Autorin lesen zu dürfen.
Die Lostage des Titels kennt man eigentlich eher aus der volkstümlichen Wettervorhersage, doch bei Pruschmann beziehen sie sich auf schicksalhafte Wendungen, die das Menschenlos beeinflussen und Lebenswege dauerhaft um- und ablenken. Passend zu dieser Fokussierung auf den einen entscheidenden Augenblick entfaltet sich die Romanhandlung auch nicht als kontinuierliche chronologische Erzählung, sondern als episodenhafter Reigen eines komplizierten Beziehungsgeflechts von Figuren kreuz und quer durch alle Zeiten zwischen den 1960er Jahren und der Gegenwart. Das Reigenbild ist übrigens ganz wörtlich zu nehmen. Denn die auf den ersten Blick jeweils in sich abgeschlossenen Szenen sind zu einer langen Kette verknüpft, die am Ende sogar den Bogen zurück zum U-Bahn-Bau des Anfangs schlägt. Oft, wenn auch nicht immer ist das verbindende Element eine aus dem vorherigen Kapitel bereits bekannte Person, und diese Figuren haben es in sich.
Die alte Elena blickt auf ein eigentlich ganz generationentypisches, aber mit ungeahnten Untiefen bestücktes Leben zurück. Ihre Tochter Martina wird nicht erst seit dem Unfalltod einer ungeliebten Freundin von Ängsten geplagt, während Enkel Daniel vordergründig auf der Suche nach einer neuen Arbeit ist, in Wirklichkeit aber nach ganz anderen Dingen. Seine intersexuelle Partnerin Sasha flüchtet nicht nur vor den Mobbingerfahrungen ihrer Jugend in ein Dasein als Abenteurerin und Kriegsfotografin, die davon besessen ist, den einen Moment zwischen dem Zünden einer Sprengladung und der Explosion im Bild festzuhalten. Sie ist nicht die Einzige, die ihren Ex-Freund Jan, den Sohn einer tschechischen Schriftstellerin, im Laufe seines Lebens verlassen hat, doch die Erinnerung an sie schwingt selbst noch in seiner Beziehung zu Anja mit, ihrer einstigen Schulkameradin, die immer wieder die Erwartungen ihres Umfelds und am meisten wohl sich selbst enttäuscht. Jans Vater Malte wiederum gilt als geisteskrank – und doch fragt man sich unwillkürlich, ob er neben einem namenlosen Jungen nicht derjenige ist, der durch das, was Halluzination, Traumphantasie oder schlicht sehr individueller Realitätsbezug sein mag, noch den sinnvollsten Umgang mit der trostlosen Welt eines ostdeutschen Tagebaureviers findet, aus der die Handlung mehrfach Abstecher in andere, stets ähnlich greifbar geschilderte Gegenden unternimmt.
Dem geographischen Schwerpunkt angemessen beeinflussen DDR-Unrecht, die Schatten der Nazizeit und der kurzlebige Hoffnungsschimmer des Prager Frühlings so manche Protagonistenbiographie. Doch auch die Moderne wird unbestechlich seziert, nicht nur, was erschütternde Belange wie Krieg, Selbstmordattentate, bewusst provozierte Krawalle und häusliche Gewalt betrifft. Die präzise Beobachtungsgabe der Autorin spricht auch aus dem boshaft-satirischen Blick auf Freiberuflerprekariat und Unternehmensunkultur manch einer Internetfirma, der die ganze Oberflächlichkeit von Erfolgs- und Selbstoptimierungswahn ebenso bloßlegt wie die Gefahren der Unterwerfung unter ihr Diktat.
Vor allem aber beschwört Pruschmann in lyrischer Sprache sinnlich und fast körperlich spürbar Alltägliches herauf und enthüllt, was ihm innewohnt: ebenso oft Grauen wie Magie. In all die kleinen Bosheiten, Gleichgültigkeiten und Egoismen, die für den Einzelnen nicht minder verheerend sein können als weltbewegende Verwerfungen, stiehlt sich durch diesen magischen Realismus zunächst fast unbemerkt, aber gegen Ende immer stärker eine tröstliche und versöhnliche Note. Die Ahnung, dass so etwas wie Glück und Zufriedenheit im unendlich verletzlichen Menschendasein eine Sache des Aufgehens im Augenblick sein könnten, wird im Roman, der nicht zuletzt auch von geschickt offen gelassenen Fragen geprägt ist, zwar nicht explizit bestätigt, klingt aber nach der Lektüre noch lange in einem nach.
Kein Buch wie alle anderen also, sondern ein Erlebnis!

Tina Pruschmann: Lostage. Salzburg/Wien, Residenz Verlag, 2017, 218 Seiten.
ISBN: 9783701716807


Genre: Roman