Zeit. Eine Kulturgeschichte

Zeit. Eine Kulturgeschichte

Die Zeit ist für uns alle naturgemäß eine Selbstverständlichkeit, aber wenn es sie und den mit ihr einhergehenden stetigen Wandel nicht gäbe, würde sich auch die Geschichte und mit ihr jegliche Geschichtsschreibung erübrigen. So ist es vielleicht kein Wunder, dass mit Alexander Demandt ein renommierter Historiker das Phänomen Zeit in den Blick nimmt und unter kulturgeschichtlicher Perspektive der Genese unserer Zeitrechnung und unseres Zeitverständnisses nachspürt. Geographisch liegt der Schwerpunkt dabei auf Europa und dem vorderen Orient, während andere bedeutende Hochkulturen (wie etwa in China oder Altamerika) allenfalls flüchtig behandelt werden.
Der gewählte Einstieg mit dem Kapitel Zeitbegriffe und Zeitmetaphern ist thematisch nachvollziehbar, bietet aber vielleicht nicht den leserfreundlichsten Zugang, sind die ersten vierzig Seiten so doch relativ zähe philosophische Kost. Hat man sich jedoch erfolgreich durch diesen etwas verschlungenen theoretischen Unterbau gearbeitet, entfaltet sich ein ebenso informatives wie spannendes Panorama des Umgangs mit der Zeit von der Antike bis heute, das sich weit flüssiger und unterhaltsamer liest.
Demandt weiß die komplizierten Verflechtung von natürlichen und menschengemachten Zeiteinteilungen genau so einleuchtend zu schildern wie das Ineinandergreifen linearer und zyklischer Zeitmodelle, für die es ebenfalls in der Natur Vorbilder gibt (so etwa das unumkehrbar fortschreitende Lebensalter eines Menschen oder die sich immer wiederholende Abfolge von Jahreszeiten). Die Erkenntnis, dass der von uns noch heute genutzte Kalender und viele andere Besonderheiten der Zeitrechnung und -messung vor allem von römischen Traditionen geprägt sind, die vom Christentum übernommen und weiterentwickelt wurden, ist zwar an sich nicht neu, aber die verschwenderische Informationsfülle, mit der Demandt diesen Weg nachzeichnet, birgt doch so manche Überraschung und Entdeckung.
Gerade in den Abschnitten, die sich nicht mit Stunden, Tagen, Monaten, Jahren und Jahreszählung im strikten Sinne befassen, sondern Randgebiete wie z.B. Geplante Erinnerung aufgreifen, verstecken sich bisweilen interessante und unerwartete Details. So kann man hier etwa erfahren, dass im 2. Jahrhundert n. Chr. ein Mann namens Diogenes, der sich sehr für Epikur begeisterte, dessen Philosophie an die Nachwelt weitergeben wollte, indem er sie auf einer kleinasiatischen Stadtmauer niederschreiben ließ (wobei er die spätere Zerstörung der Mauer anscheinend nicht vorausahnte). Umgekehrt verdankt manch heute noch bekanntes Werk aus der Antike sein Überdauern eher dem Zufall als planvoller Erhaltung – Grund genug, sich die Frage nach der tatsächlichen Wirksamkeit von gezielter Überlieferung zu stellen.
Demandts Kenntnisreichtum und seine Freude auch an scheinbar entlegenen Einzelheiten stehen also außer Zweifel. Angesichts des schier unüberschaubaren Materials ist es allerdings kein Wunder, dass sich hier und da kleinere Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen haben (z.B. kann eine Uhr, die 1585 entstand, nicht, wie hier behauptet, „wahrscheinlich als Tafelaufsatz für August den Starken geschaffen“ worden sein, der erst 1670 geboren wurde). Solche Versehen fallen jedoch insgesamt kaum ins Gewicht und schmälern den positiven Gesamteindruck nur unbeträchtlich.
Geschmackssache ist dagegen, wie es einem gefällt, dass Demandt als Autor nicht hinter seinem Thema zurücktritt, sondern sich immer wieder stark selbst einbringt: Von persönlichen Anekdoten über dezidiert vorgetragene Meinungen (die man vielleicht nicht in jedem Fall unterschreiben möchte) bis hin zum wiederholten Kokettieren mit dem eigenen vorgerückten Alter ist er immer auch als Mensch überaus präsent. Ein objektiver Qualitätsmangel ist das gewiss nicht, aber doch eine Tatsache, die je nach Lesevorliebe die eigene Reaktion auf das Buch in hohem Maße mitbestimmen wird.
Verschwendet jedoch ist die Zeit, die man der Lektüre von Zeit. Eine Kulturgeschichte widmet, auf keinen Fall.

Alexander Demandt: Zeit. Eine Kulturgeschichte. Berlin, Propyläen (Ullstein), 2015, 588 Seiten.
ISBN: 978-3549074299


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur