Zwei Schwestern

Zwei Schwestern

Im Jahre 1530 ist Hamburg eine protestantische Stadt – zumindest offiziell. Nur die Nonnen des Zisterzienserinnenkonvents Harvestehude sperren sich gegen den neuen Glauben und werden erst durch die Zerstörung des Klosters gefügig gemacht. Während viele sich ganz auf die Reformation einlassen und heiraten oder in ihre Familien zurückkehren, bleibt eine kleine Schar zwangsbekehrter Stiftsdamen beisammen. Unter ihnen ist auch Reimare Hogenstraat, die intensiv mit ihren religiösen Überzeugungen ringt und es dadurch noch schwerer als manch andere hat, sich mit der radikal veränderten Welt zu arrangieren. Ihre Schwester Anna, eine reiche Witwe, würde sie gern mit ihrem Arzt verkuppeln – doch Jahrzehnte des Klosterlebens lassen sich nicht so einfach abschütteln …
Um Enttäuschungen vorzubeugen, sei eines gleich vorab verraten: Oberflächlich betrachtet ist die nachdenkliche kleine Erzählung, die Petra Oelker pünktlich zum Reformationsjubiläum 2017 vorlegt, nicht unbedingt typisch für die Autorin. Der an Abenteuern und Krimielementen reiche Plot und die lebenslustigen Gestalten, die man sonst von ihr gewohnt ist, fehlen hier größtenteils, und auch der unterschwellige Humor ist sehr zurückgenommen und blitzt nur in wenigen Passagen auf.
Vielmehr bieten die Zwei Schwestern eine lose Reihung von präzise beobachteten, melancholischen Vignetten um die beiden nur selten direkt interagierenden Titelfiguren, die sich über ihre Spiritualität und Lebensführung Gedanken machen und exemplarisch für einen sehr unterschiedlichen Umgang mit dem noch jungen Protestantismus stehen können. Das Ende ist dementsprechend auch eher bittersüß als restlos glücklich, und man ertappt sich bei dem Wunsch, die etwas unterhaltsameren und zugänglicheren Nebenfiguren hätten breiteren Raum bekommen. So hat etwa der quirlige Neffe der beiden Schwestern große Pläne, die auf einen weiteren Wandel verweisen, der sich quasi zeitgleich zur Reformation vollzieht (die Entdeckung und Erkundung fremder Kontinente), und auch über die rührend schüchterne Liebesgeschichte, die sich zwischen einer von Reimares Mitschwestern und einem ehemaligen Franziskaner entspinnt, hätte man gern mehr gelesen als die wenigen Andeutungen, die ihr hier gegönnt werden.
Typisch für Petra Oelker ist dagegen auch in diesem Buch das überzeugende, von sorgfältiger Recherche getragene Heraufbeschwören einer vergangenen Epoche in all ihrer Fremdheit, aber auch in ihren zeitlos menschlichen Zügen. Licht- und Schattenseiten der Reformation werden dabei gleichermaßen in den Blick genommen. Einerseits erscheint sie zwar als wichtiger Schritt in die Moderne, da durch das Nebeneinander zweier Konfessionen für Einzelpersonen nun plötzlich eine – wenn auch begrenzte – Wahlmöglichkeit in Glaubensdingen besteht. Andererseits wird jedoch auch deutlich, dass der radikale Bruch mit gewachsenen Institutionen und Lebensformen ein hohes Maß an sozialen Verwerfungen nach sich zieht und insbesondere Frauen noch stärker als im Mittelalter auf Ehe und Familie beschränkt.
Dementsprechend wird am Nonnenkloster vor allem seine positive Funktion als wirtschaftlich unabhängige und männlichem Einfluss nur begrenzt unterworfene Frauengemeinschaft hervorgehoben. Als Bild dafür steht der Chorgesang der Nonnen, der leitmotivisch an zentralen Stellen der Handlung auftaucht und in seiner schwankenden Qualität viel über den Zustand der Schwesternschaft und über Reimares individuelle Entwicklung aussagt.
Eine ähnlich wichtige symbolische Rolle spielt auch Hinrik Funhofs den Nonnen abgenommene Maria im Ährenkleid (heute eines der Prunkstücke der Hamburger Kunsthalle), und vielleicht ist es kein Zufall, dass Reimare in den wie immer liebevollen und detaillierten Illustrationen von Andrea Offermann ein wenig der Stifterfigur auf dem Gemälde ähnelt.
Die auch daraus sprechende Dominanz von Innerlichkeit und religiöser Thematik wird nicht unbedingt jedermanns Sache sein, doch sie passt zur geschilderten Epoche, und wer einen angenehm lesbaren ersten Zugang zur Reformationszeit sucht, wird ihn hier finden.

Petra Oelker: Zwei Schwestern. Eine Geschichte aus unruhiger Zeit. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, 2017, 176 Seiten.
ISBN: 9783499290459


Genre: Roman