Moorgeflüster

Moorgeflüster – das klingt geheimnisvoll und poetisch, und Ein lyrischer Bildband soll das von Joana van de Löcht, Niels Penke und Jonas Stuck herausgegebene Buch seinem Untertitel nach auch sein. Die Anthologie, die neben ihrem literarischen und künstlerischen Wert zugleich als von der Andrea von Braun Stiftung angestoßenes Charity-Projekt zugunsten des Sinswanger Moors dient, vereint Gedicht- und Illustrationsbeiträge, die unter den Einsendungen zu einer Ausschreibung speziell für diesen Band ausgewählt wurden, mit aus anderen Zusammenhängen stammenden Texten und Bildern zum Thema Moor. Ziel ist es, so van de Löcht und Penke in ihrem Vorwort, ein neues Bild vom Moor zu entwerfen und über seine lange dominierende Charakterisierung als Schauerort voller Moorleichen, Geister, Armut und Gefahren hinauszugehen. Denn heute ist es das Moor selbst, das, vielfach längst entwässert und umgenutzt, bedroht und hilfsbedürftig ist.

Einige Klassiker der Moorliteratur sind dennoch ganz oder auszugsweise vertreten, ob nun Gedichte von Klaus Groth (auf Niederdeutsch mit hochdeutscher Übersetzung) und Annette von Droste-Hülshoff, die nicht nur mit dem Knaben im Moor das Gespenstische der Landschaftsform einzufangen wusste, Auszüge aus Arthur Conan Doyles Hund der Baskervilles und der in Sachen Moor sehr voreingenommenen Germania des Tacitus oder auch das in düsterer Zeit unter üblen Umständen entstandene Lied Die Moorsoldaten. Die bekannten künstlerischen Moordarstellungen aus Worpswede, etwa von Paula Modersohn-Becker, dürfen natürlich unter den schon im Inhaltsverzeichnis geschickt den Texten gegenübergestellten Illustrationen auch nicht fehlen.

Daneben aber kann man viel Neues und Unbekanntes entdecken, das teilweise geistreich Traditionelles aufgreift, wenn etwa Madeline von Foerster in ihrer Gouache Hohes Venn Pflanzen und Tiere der titelgebenden Landschaft in der Art eines barocken Blumenstilllebens (bis hin zu Details wie einer Fensterspiegelung in der Vase) anordnet und, kunst- und wunderkammergleich in einem Regalfach rahmt. Neben Malerei und Zeichnungen sind auch Fotos in reicher Fülle vertreten. Muten manche demonstrativ gestellt-künstlerisch an (so zeigt etwa Das unsichtbare Gesicht der Natur von Leonard Mohr und Ole Kamperschroer einen Sensenmann, der so von einem im Moor platzierten Spiegel reflektiert wird, dass ausgerechnet sein Gesicht von der fensterartigen Rahmung verdeckt ist), suggerieren andere (ob nun aus den 1930er Jahren oder von heute) einen eher dokumentarischen, freilich ebenfalls bewusst gewählten Blickwinkel.

Genauso bunt ist auch die Fülle der modernen Texte, die sich unter anderem Birken, Fröschen und Torfmoos widmen, sich aber trotz des im Vorwort angemahnten neuen Moorbilds dem Schaurigen und Unheimlichen nicht immer zu entziehen trachten. So sind Moorleichen mehrfach vertreten und zählen auch zu den Aufhängern für die in den Gedichten gar nicht einmal seltene Gesellschaftskritik, etwa in Thomas Klings Retina Scans, in denen Voyeurismus und male gaze eine zentrale Rolle spielen. Weiter geht noch Simone Weisenberger, die schon durch den Titel Moortoo, der auf die #MeToo-Bewegung verweist, Frau und Moor in Parallele setzt. Dagegen schickt Romana Ganzoni in ihrem (leider im Inhaltsverzeichnis nicht aufgeführten) Prosatext Als ich noch eine Riesin war einen Moor-Mann ins Rennen, der die verstörende Verwandlung der Ich-Erzählerin nicht verwinden kann.

Ganz wie im Moor selbst die Grenzen zwischen Land und Wasser fließend sind, entziehen sich auch die versammelten Beiträge trotz einer Aufteilung in vier thematisch jeweils etwas unterschiedlich akzentuierte Kapitel oft einer klaren Einordnung: Lyrik und Prosa (so in Alexander Schnickmanns was hier passiert ist glaubt mir wieder keiner), Deutsch und Fremdsprachen (etwa in Patrik Peyns bog people oder in den Namen des Moors von Lee Fu) und manchmal sogar Sprache und bildende Kunst (wie in Merlin Wassermanns fäden, einem Text, der eher durch seine Druckgestalt als durch seinen fragmentierten und kaum entzifferbaren Inhalt wirkt) gehen nahtlos ineinander über. Gemein haben alle jedoch miteinander, dass emotionale Zugänge zum Moor gesucht werden.

Diese Ebene der persönlichen Auseinandersetzung behalten auch die beiden Essays bei, die den Band beschließen. Amelie Hünnebeck-Wells, Luca Räther und die für ihre Moorforschungen preisgekrönte Franziska Tanneberger nehmen dabei eine naturwissenschaftliche Einordnung vor, die nicht nur interessante Sachinformationen vermittelt, sondern mit ihrer direkten Ansprache des Lesepublikums und ihren Schilderungen eigenen Erlebens die Ebene des subjektiven Eingehens auf das Phänomen Moor konsequent beibehält.

Swantje Furtak dagegen, eigentlich ebenfalls Naturwissenschaftlerin, sucht in ihrem Beitrag, der die Texte des Buchs in Beziehung zum kulturhistorischen Kontext des Themas Moor setzt, magisch-realistisch Moorgeister, und das nicht ohne Grund, greift ihre Sicht doch einen Gedanken auf, der einem schon im Gedicht nutzland von Dirk Röse früher im Band begegnet ist: Auch das allmählich an Kraft gewinnende neue Bild des Moors als schützenswerter Lebensraum, CO2-Speicher und möglicher Retter aus der Klimakrise entspricht immer noch in hohem Maße der seit der Aufklärung vorherrschenden, von Nützlichkeitserwägungen und einem menschlichen Überlegenheitsgestus geprägten Herangehensweise an die Natur. Ein wirkliches Umdenken, so beginnt man hier zu ahnen, würde bedeuten, wieder einen anderen Respekt vor dem Moor zu entwickeln, mithin den als Versinnbildlichung vom Menschen nicht durchschau- und beherrschbarer Kräfte zu verstehenden Moorgeistern wieder Raum zu geben.

So hat man am Ende seiner Lektüre im besten Fall nicht nur einen neuen Blick auf das Moor selbst entwickelt, sondern sieht auch die vermeintlichen Schauergeschichten darüber mit anderen Augen: nicht mehr als reine Verdammung des Moores, sondern auch als Ausdruck einer gewissen und durchaus notwendigen Ehrfurcht vor dem, was die Menschheit zu lange nur ihrem Willen zu unterwerfen versucht hat.

Joana van de Löcht, Niels Penke, Jonas Stuck (Hrsg.): Moorgeflüster. Ein lyrischer Bildband. München, oekom verlag, 2026, 240 Seiten.
ISBN: 978-3-98726-512-9


Genre: Anthologie, Kunst und Kultur