Die Zisterzienser

Zugegeben, der Titel von Ulrich Köpfs ebenso kompakter wie lesenswerter Einführung in die Geschichte der Zisterzienser verwirrt auf den ersten Blick ein wenig: Die Zisterzienser. Der erste christliche Orden. Sind denn die Benediktiner nicht viel älter als die Ende des 11. Jahrhunderts entstandenen Zisterzienser? Aber natürlich möchte Köpf nicht behaupten, dass mit den Zisterziensern überhaupt erst das christliche Mönchtum begonnen habe; vielmehr geht es ihm darum, dass sie die Ersten waren, die eine echte Ordensstruktur etablierten und damit gegenüber anderen Gemeinschaften eine Vorreiterrolle einnahmen.

Doch nicht nur die allgemeine Geschichte des Ordens von den Anfängen im Mittelalter über die erheblichen Einschnitte, die Reformation und Französische Revolution bedeuteten, bis in die Gegenwart wird thematisiert: Vielmehr geht es auch um zisterziensische Theologie (bei der auffällt, dass es trotz des für zisterziensische Klosterkirchen üblichen Marienpatroziniums bei den Zisterziensern keine ausgeprägtere Marienfrömmigkeit gab als in der jeweiligen Epoche insgesamt üblich), den Klosterbau mit seiner besonderen Berücksichtigung des Wassers, Architektur und Kunst, die sehr mühsame und vergleichsweise späte Entwicklung auch von Gemeinschaften von Zisterzienserinnen, die Entstehung der noch strengeren Richtung der Trappisten und vieles mehr.

Trotz (oder vielleicht gerade wegen?) der extrem hohen Ansprüche, die die Mönche in Bezug auf christlichen Lebenswandel und Askese an sich selbst stellten, herrschten nicht immer Frieden und Nächstenliebe in den Klöstern, sondern es durchaus Aufstände von Laienbrüdern oder Morde an Äbten vor, ganz abgesehen davon, dass, etwas harmloser, Ärger und Eifersucht auch nicht besser als unter anderen Menschen gezügelt wurden (so scheint z. B. Bernhard von Clairvaux es den Cluniazensern sehr übel genommen zu haben, dass sie seinen Cousin aus seinem Kloster abgeworben hatten, wobei die Tatsache, dass er in der Beziehung offenbar kein Heiliger war, seiner späteren Heiligsprechung nicht im Wege stand).

Auch in anderer Hinsicht klafften Ideal und Wirklichkeit immer wieder auseinander, so etwa, wenn man als rein kontemplativer Orden Seelsorge für Außenstehende und intensive Kontakte zu ihnen eigentlich strikt ablehnte, ironischerweise aber immer wieder nur gerade dadurch überdauern konnte, ob nun durch die Beziehungen zu Stiftern in der mittelalterlichen Entstehungs- und Hochphase des Ordens oder durch den Nachweis der eigenen „Nützlichkeit“ als Seelsorger in Zeiten der Säkularisierung.

Neben dem Orden als Gemeinschaft erfahren auch einzelne bedeutende Persönlichkeiten ihre Würdigung, vor allem natürlich der schon erwähnte Bernhard von Clairvaux, der sicher bis heute einer der bekanntesten Zisterzienser ist, aber auch etwa der für die Frühzeit des Ordens wichtige Stephan Harding oder Aelred von Rievaulx.

Ulrich Köpf versteht es, all diese Themen trotz der Kürze der Darstellung in einem angenehm lesbaren Stil gut aufzubereiten und neben der historischen Entwicklung auch die heutige Situation mit all ihren Problemen (von Nachwuchssorgen bis hin zu immer noch sehr zögerlichen Schritten zu mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern) knapp anzureißen. Die Zisterzienser, so verdeutlicht er damit, mögen zwar nicht mehr das gleiche Maß an Einfluss, Zulauf und Interesse genießen wie in früheren Jahrhunderten, aber vorüber ist ihre Geschichte noch nicht.  So wirft die kleine Einführung nicht nur ein Schlaglicht auf die Vergangenheit, sondern regt auch zu eigenen Überlegungen an, welche Transformationen bis in unsere Zeit Tradiertes durchgemacht hat und noch durchmacht und was vielleicht allen widrigen Umständen zum Trotz von überzeitlicher Bedeutung sein könnte.

Ulrich Köpf: Die Zisterzienser. Der erste christliche Orden. München, C.H. Beck, 2025, 128 Seiten. 
ISBN: 978-3-406-82957-4

 

 


Genre: Geschichte, Kunst und Kultur