Häufig steht in der Science-Fiction die Technik als prägendes Element der Zukunft im Vordergrund; Pflanzen spielen, wenn sie überhaupt vorkommen, bestenfalls eine Nebenrolle. Anders sieht es im Subgenre des Plantpunk aus, das (oft recht hoffnungsvolle) Zukunftsentwürfe mit den Themen Pflanzen und Gärtnern verbindet. Dementsprechend untertiteln Ingrid Pointecker und Birgit Schwäbe die von ihnen herausgegebene Anthologie Zu den Wurzeln, die sich dieser literarischen Strömung zuordnen lässt, auch augenzwinkernd mit Eine Planthologie und versammeln darin sechzehn ganz unterschiedliche Geschichten, die, meist in Form von Science-Fiction, in einigen Fällen aber auch eher fantasynah, einen Blick auf künftige Zeiten voller Pflanzen werfen.
In Alfie lässt Sabine Frambach die Forscherin Lexa tief in die Geheimnisse der Pflanzenkommunikation eintauchen. Ihre Erkenntnisse könnten den Ackerbau revolutionieren, doch als ihr Versuchsfeld durch Lieferroboter bedroht wird, die sich nicht um irgendetwas anderes als den kürzesten Weg scheren, sieht die Lage zunächst düster aus. Neben der Schilderung einer alles andere als utopischen, aber nicht hoffnungslosen Zukunft macht an dieser Geschichte vor allem der clevere Einfall Spaß, den Lexa zur Lösung ihres Problems findet und der sich überzeugend aus dem, was man über sie und ihre Experimente erfahren hat, ergibt.
An Brenach wirft in 347 Sprossen einen Blick auf eine Raumstation, auf der Pflanzen zunächst nur vom Hörensagen bekannt sind, bis Jay – auf der Station aufgewachsen und beileibe nicht von Haus aus mit Gartenwissen gesegnet – gegen alle Widerstände ein mutiges Experiment mit archiviertem Saatgut wagt. Den Hauptreiz dabei macht nicht zuletzt die Verfremdung des Blickwinkels aus, die das staunende Erkunden für irdische Verhältnisse ganz normaler Aspekte des Pflanzenwachstums gut einfängt und vielleicht anregt, selbst einmal genauer hinzusehen.
Mit dem nicht gerade mit einem grünen Daumen gesegneten Dex schickt auch Dominique Goreßen in Mimulus Fortuna jemanden ins Rennen, der von der Norm in seiner Gesellschaft abweicht, darunter aufgrund zahlreicher Hänseleien aber sehr leidet. Als ausgerechnet er von seiner heimlichen Angebeteten Jasmin zum Pflanzensitter auserkoren wird, scheint eine Tragödie vorprogrammiert zu sein. Die große Stärke des Texts sind die sympathischen Figuren und der sehr menschliche Blick auf (vermeintliche) Unzulänglichkeiten, der einem auch abseits vom Thema Pflanzen Hoffnung machen kann.
Waren die ersten drei Geschichten eher ruhig, wird es in Nemus Novum von dem Autorenduo Chaoseule und LiaSchattenfell dramatisch und gefährlich: Ein Sandsturm droht nicht nur die Ernte, sondern auch ein wichtiges Familienerbstück der Hauptfigur Malu zu vernichten. Neben deutlicher Kritik am heutigen Umgang mit der Klimakrise zeichnet diese Geschichte vor allem die Schilderung der kleinen Freuden aus, die einem das Durchhalten in einer eigentlich schwer erträglichen Situation ermöglichen, ob nun beim Gärtnern oder im Umgang mit einem geliebten Haustier, und es gibt eine nette Wendung am Ende, die einige zuvor geschilderte Einzelheiten noch einmal in ganz neuem Licht erscheinen lässt.
Wieder abseits der Erde bewegt sich M. R. Seiberts Beitrag Die Blüten der Mars-Katastrophe. Die junge Wissenschaftlerin Hana reist auf den Mars, um dort an Pflanzen zu forschen, doch so recht wollen die kreativen Kreuzungen aus verschiedenen Gemüsearten nicht gedeihen. Als endlich der Grund dafür gefunden wird, scheint die Situation aussichtslos – aber gibt es nicht vielleicht doch noch Hoffnung? Aus dieser Geschichte spricht viel Begeisterung für die Naturwissenschaften mit all ihren Fehlversuchen und Irrwegen, aber eben auch überraschenden Zufallsentdeckungen.
In Per Terrena ad Astra von Chris Balz wird Hauptfigur Neom durch den Besuch einer neuen Vorgesetzten auf dem Raumschiff, das Dienstort und Lebensraum zugleich ist, jäh wieder mit traurigen Erinnerungen an dramatische Ereignisse und einen großen Verlust konfrontiert. Der Text besticht vor allem durch seine kreativen Einfälle (wie ein Raumschiff aus Pilzgeflecht oder eine Person aus einer Spezies mit auberginenfarbener Haut) und die daraus resultierende schiere Fremdartigkeit der geschilderten Welt.
Mina Schüttmanns Epiphyten spielen dagegen wieder auf der Erde, die hier allerdings schon derart zerstört ist, dass schon ein Aufenthalt im Freien riskant ist. Die alte Narine und die junge Hurik ziehen in einem Hochhauslabor Pflanzen, die dank spezieller Genveränderungen mithelfen sollen, die verwüstete Welt wieder bewohnbar zu machen. Wenn sie nicht bald Ergebnisse vorzuweisen haben, könnte ihr Job in Gefahr sein, und so muss Narine, als eine handfeste Katastrophe für ihr vielversprechendstes Experiment droht, über sich hinauswachsen – mit ungeahnten Folgen. Ähnlich wie schon in den Blüten der Mars-Katastrophe kommt auch hier der Zufall der Wissenschaft zu Hilfe, aber abgesehen davon lebt die Geschichte auch von der sensiblen Schilderung des Eingehens aufeinander und des Zusammenhaltens unter widrigen Bedingungen.
Abermals auf den Mars geht es in Britta Redweiks Seelenverwandt, diesmal zu der eifersüchtigen Jahel, der es nicht so recht passt, dass ihre Frau Svea so an einem alten Apfelbaum hängt, mit dem es eine besondere Bewandtnis hat. Als Jahel sich deshalb zu einem ungewöhnlichen Schritt hinreißen lässt, bereut sie es bald darauf – doch das Ergebnis ihres Handelns eröffnet einen ganz neuen Blickwinkel … Anders als die vorherigen Geschichten des Bandes, die das Problem, in lebensfeindlicher Umgebung Pflanzenanbau und damit ein von äußerer Versorgung unabhängiges menschliches Leben möglich zu machen, eher von der (labor-)wissenschaftlichen Seite angehen, beleuchtet diese hier die emotionale Komponente des menschlichen Verhältnisses zu Pflanzen mit viel Sympathie und Verständnis für beide Hauptfiguren und ihre Perspektiven.
Um eine besondere seelische Verbindung zur Pflanzenwelt geht es auch in der nächsten Geschichte: Charline Winter, bisher besonders als Lyrikerin hervorgetreten, beweist in ihrem Beitrag Das Gewächshaus am Rande der Realität, dass sich auch ihre Prosa nicht verstecken muss, die hier eine virtuelle Gartenwelt als Rückzugsort aus einer Realität heraufbeschwört, in der für viele heutige Menschen positiv besetzte Dinge wie Gemeinschaft und Gärtnern zum strikt regulierten Zwang geworden sind und das Anderssein nicht unbedingt einfacher ist. Gerade das Hinterfragen in utopischen Texten oft hochgehaltener Motive und der geschickt in die skizzierten Verhältnisse eingewobene Hauch von Unbehagen machen hier die Intensität aus.
Gleich darauf ist man mit Fenja Harbke im Internet of Plants unterwegs. Influencerin Mila bekommt eine neue Werbepartnerschaft angeboten; bei ihren Pflanzen soll sie ein KI-Gerät testen, das deren Pflege angeblich optimiert. Trotz leiser Zweifel lässt sie sich darauf ein, und das hat Folgen, aber auf die Katastrophe, die bald darauf droht, kann sie auch die modernste Technik nicht vorbereiten … Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte ist die eigentlich auf heutige Verhältnisse abzielende Kritik am unreflektierten Umgang mit KI und am Influencerdasein; der Zukunftsaspekt tritt dem gegenüber fast in den Hintergrund.
Schon formal wählt Carina Zacharias in Fürchtet uns, denn wir gebären Wälder einen originellen Ansatz: Ihre Geschichte setzt sich aus einer Reihe von Tagebucheinträgen zusammen. Auch inhaltlich kommt es hier anders als gewohnt, denn was zunächst noch wie eine alltägliche Geschichte wirken mag, in der die Hauptfigur das von der Patentante ererbte Haus mit Garten in Besitz nimmt, schildert, wie sich schrittweise erweist, etwas viel Merkwürdigeres und Verstörenderes, das eher in den Bereich der Fantasy als den der Science-Fiction fällt. Ansprechend ist, wie viel Gartenwissen hier mitschwingt.
Katrin Biasis Um Haarwurzelbreite lässt einzelne Menschen in Symbiose mit Pflanzen leben – im Fall von Hauptfigur Ela sehr zum Unverständnis ihrer Familie. So geht es hier denn auch weniger um Pflanzen an sich als um das Durchsetzen eigener Lebensentwürfe gegen elterliche Bevormundung und gesellschaftliche Vorurteile, aber auch um die mögliche Überwindung von Intoleranz und die Freude daran, den für sich richtigen Weg gefunden zu haben. Parallelen zu sehr realen Konflikten, mit denen Menschen auch in unserer Welt zu kämpfen haben, drängen sich da natürlich auf.
Auch Saskia Dreßlers Vergessen und Erinnern hüllt Probleme unserer Wirklichkeit in ein phantastisches Gewand: Was in der Realität die Situation pflegender Angehöriger angesichts von Altern und Demenz ist, erlebt die Hauptfigur hier angesichts der „Pflanzwerdung“ einer geliebten Person – trotz liebevoller Hexenunterstützung und eines letztendlichen Abfindens mit der Situation kein leichter Weg, und so liest sich der Text alles in allem ziemlich bedrückend.
Eindeutig bessere Laune hinterlässt Martina Johns Tagewerk, eine sehr kurze, aber darum nicht minder einprägsame und gelungene Geschichte über magisches Guerilla Gardening in einer mit allen Sinnen heraufbeschworenen städtischen Umgebung, in der schon ein bisschen Moos ein kleines Wunder und einen Schritt in die richtige Richtung bedeutet.
Kiàn KoWananga spielt mit dem Titel Ribbeck natürlich auf ein berühmtes literarisches Werk an, erzählt dann aber doch eine ganz eigene postapokalyptische Geschichte über die Rückkehr von Menschen in ein verwüstetes Gebiet. Unversehens werden sie zu Forschungsobjekten eines ethnologisch interessierten Aliens, und ebenso unerwartet erfolgt dann tatsächlich ganz direkt der Schlenker zurück zu Fontanes Ballade, die sich in mehr als einer Hinsicht als Inspirationsquelle erweist.
Johanna Brenne erzählt in Die Dalonie eine zarte Geschichte von der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen der Ich-Erzählerin – einer gestressten Bäckerin, die ihren Zufluchtsort, einen Garten, zunächst eifersüchtig hütet – und einem umherstreifenden Flüchtlingsjungen, der ihr ein besonderes Geschenk macht, das am Ende auch über den privaten Rahmen hinaus seine Wirkung entfaltet. Die Problematik illegaler Einwanderung wird hier sehr hübsch mit der fremder, misstrauisch als womöglich invasiv beäugter Pflanzenarten verknüpft, und der Text lädt dazu ein, beides in einem anderen und positiveren Licht zu sehen.
Bei allen stilistischen und inhaltlichen Unterschieden haben sämtliche Texte der Anthologie eine dezidiert progressive Grundtendenz gemein, die sich nicht in der Hoffnung auf eine klima- und umweltfreundlichere Zukunft erschöpft, sondern auch gesellschaftliche Veränderungen in den Blick nimmt (so sind z. B. in mehreren Geschichten nichtbinäre Figuren in prominenter Rolle vertreten und Neopronomen nichts Ungewöhnliches mehr, ebenso, wie in manchen Szenarien auch Ableismus und Rassismus überwunden scheinen; in weniger durchgängig optimistischen Ansätzen werden entsprechende Vorurteile zumindest thematisiert und mögliche Verbesserungen aufgezeigt). Obwohl einen, wie es bei einer Sammlung von Texten aus unterschiedlicher Feder eigentlich immer der Fall ist, natürlich nicht jede Schwerpunktsetzung gleichermaßen überzeugt, bietet Zu den Wurzeln dementsprechend eine vielfältige Auswahl interessanter Stimmen der modernen Science-Fiction und Phantastik, so dass es sich lohnt, sich auf die Anthologie einzulassen.
Ingrid Pointecker, Birgit Schwäbe (Hrsg.): Zu den Wurzeln. Wien, Verlag ohneohren, 2026 (E-Book; auch als Printausgabe erhältlich).
ISBN: 978-3-903296-97-8