Die Welt in ihren Händen

Schon früh entdeckt die einer Industriellenfamilie entstammende Gertrude Bell ihre Liebe zum Orient. Was sich erst nur in Sprachenlernen, Privatreisen, Gedichtübersetzungen und archäologischem Interesse niederschlägt, gewinnt bald eine politische Dimension: Denn die eigenwillige Wandlerin zwischen den Welten ist auch für den britischen Geheimdienst von Interesse, und spätestens mit dem Ersten Weltkrieg, der zur Zertrümmerung des Osmanischen Reichs und einer bis heute nachwirkenden Umformung des Nahen Ostens führen wird, spielt Bell auf der ganz großen Bühne mit, ohne allerdings privat so etwas wie Glück finden zu können …

Die Welt in ihren Händen Ist eine Mischung aus Roman und Biographie, in der der französische Journalist Olivier Guez das Leben der Gertrude Bell schildert, nicht linear, sondern einerseits in einer episodenhaft mehr oder minder fortlaufenden Handlung, die mit Bells Ankunft in Basra 1916 einsetzt und sich auf ihr Mitwirken an der britischen Kriegführung in Mesopotamien und der Entstehung des Iraks konzentriert, und andererseits in allerlei Rückblenden, in denen man von ihrer Kindheit mit dem frühen Verlust der Mutter, ihrem Studium in Oxford, ihrer Freude am Bergsteigen, ihren unglücklichen Liebesgeschichten (diese teilweise etwas breiter ausgemalt, als man es bräuchte) und ihrem prägenden ersten Iran-Aufenthalt als junge Frau erfährt.

Olivier Guez weiß dabei packend und zugänglich zu schreiben und seine Protagonistin in ihrer Widersprüchlichkeit greifbar zu machen: von Haus aus privilegiert, aber zugleich auch einengenden gesellschaftlichen Zwängen unterworfen, wissbegierig und zu großen geistigen und körperlichen Leistungen in der Lage, dann aber wieder auch zu engstirnig, um aus den Vorurteilen ihrer Zeit auszubrechen, sei es nun aus der kolonialen Arroganz, die das britische Empire prägte, oder auch aus der traditionellen Sicht auf die Rollen von Mann und Frau (so war Bell trotz ihres eigenen emanzipierten Lebensstils gegen das Frauenwahlrecht). Sowohl als Panorama einer bewegten Epoche, die in vielerlei Hinsicht den Boden auch für heutige Krisen bereitete, als auch als Portrait einer in mancherlei Hinsicht unangepassten, in anderen Punkten aber wiederum erschreckend typischen Vertreterin der englischen Oberschicht des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts liest sich das in der Übersetzung von Nicola Denis interessant und flüssig und hat für einen Text, der kein Sachbuch sein will, sondern ausdrücklich als Roman vermarktet wird, einiges an Detailinformationen zu bieten.

Ausbaufähig gewesen wäre allerdings das Lektorat, nicht nur, weil hier und da Flüchtigkeitsfehler stehen geblieben sind (so wird etwa die Stiefmutter der lebenslang unverheirateten Gertrude Bell hier schon einmal zur „Schwiegermutter“ [S. 368] – auf Französisch heißt beides „belle-mère“, aber in diesem Fall hätte spätestens im Lektorat aus dem Kontext klar werden müssen, dass nur Ersteres gemeint sein kann). An einzelnen Stellen fragt man sich auch, ob entweder schon bei den Recherchen des Autors oder im Zuge der Übersetzung Missverständnisse aufgetreten sind, denn anders ist es kaum zu erklären, dass in Karkemisch angeblich altorientalische Reliefs mit Darstellungen von „Maiskolben“ (S. 38) gefunden worden sein sollen – eine verfrühte Entdeckung Amerikas? Etwas verwirrend ist auch, wenn einem Briten die Lektüre eines Buchs mit dem Titel „Le Premier Navigateur“ (S. 74) von Kipling zugeschrieben wird. Es mag durchaus sein, dass dies der französische Titel eines Werks von Kipling ist, aber wenn es ein Buch von ihm gibt, das auch im englischen Original oder in deutscher Übersetzung so heißt, ist es mir unbekannt (allerdings bin ich keine Kipling-Expertin). Auch bei dem Schiffsnamen „Impératrice de Chine“ (S. 179) ist man sich unsicher, ob Getrude Bell tatsächlich auf einem Schiff mit diesem französischen Namen unterwegs war oder nicht doch eher die historisch nachweisbare Empress of China gemeint ist und der ins Französische übersetzte Eigenname unverändert ins Deutsche übernommen worden ist.

Zusammengenommen mit der Tatsache, dass als Cover ein KI-generiertes Bild verwendet wurde, obwohl von Gertrude Bell als Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts durchaus Fotos existieren, trüben diese Auffälligkeiten das Lesevergnügen doch ein wenig. Mit mehr Liebe zum Detail hätte Die Welt in ihren Händen ein noch besseres Buch werden können.

Olivier Guez: Die Welt in ihren Händen. Die Abenteuer der Gertrude Bell in Mesopotamien. Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2026. 
976-3-462-00835-7


Genre: Biographie, Roman