Lias Wahrheit

Die Welt der jungen Lehrerin Lia aus der Stadt Or ist in Auflösung begriffen: Nicht genug damit, dass Mikail, der Mann, in den sie verliebt ist, als sogenannter „Abartiger“ – wie Menschen mit misstrauisch beäugten besonderen Fähigkeiten bezeichnet werden – kürzlich verbannt worden ist, nun hat man auch noch ihren Bruder Loris als mutmaßlichen Mörder ins Gefängnis geworfen. Als im Zuge eines Brandes weitere Menschen ums Leben kommen und Loris die Flucht glückt, gibt der fremde Prediger Sandor, der Lias säkulare Heimat, in der eher lockere Sitten herrschen, zu seiner strengen und ziemlich misogynen Religion zu bekehren versucht, Loris auch an diesen neuen Todesfällen die Schuld. Lia kann daran nicht glauben und hat allen Anlass, Sandor selbst für den Schuldigen zu halten. Aber ihm das nachzuweisen, ist eine gefährliche Angelegenheit, zumal Lia sich dafür in den inneren Kreis seiner Anhängerschaft vorwagen muss. Ihr neuer Kollege Miro scheint interessiert daran, sie zu unterstützen, aber wem sie vertrauen kann und wem nicht, weiß Lia bald nicht mehr genau  …

Lias Wahrheit ist ein Spin-off von Sascha Raubals Fantasyserie Die Abartigen, aber auch ohne Kenntnis der anderen Bücher problemlos zu lesen. In einem Prolog als offizieller Bericht der Ich-Erzählerin Lia über ihre Erlebnisse eingeführt, schildert das Buch schnörkellos und geradlinig, wie ursprünglich als Mordermittlungen angelegte Nachforschungen die junge Frau immer weiter in den Dunstkreis des religiösen Fanatikers Sandor geraten lassen, bis sie am Ende eigene Überzeugungen zunehmend infrage stellt – und beileibe nicht nur die, dass ihr Bruder kein Mörder ist.

An Religionskritik wird dabei nicht gespart, aber deutlich wird zugleich, dass auch abseits frommer Überzeugungen Vorurteile wirkmächtig sein können (in diesem Fall gegen die vermeintlichen „Abartigen“, die rigide aus der Gemeinschaft entfernt werden, was für viele von ihnen den sicheren Tod bedeutet) und dass nicht zuletzt der Leidensdruck, der aus Ungerechtigkeiten, gesellschaftlichen Missständen und familiären Konflikten entsteht, Menschen für eher zweifelhafte Lehren empfänglich machen kann. Wie Lia, zunehmend von ihrem bisherigen Umfeld isoliert, sich durch zur Schau getragene Fürsorge und Freundlichkeit der Gläubigen verleiten lässt, ihr gesundes Misstrauen nach und nach aufzugeben, ist beklemmend geschildert.

Daneben ist Lias Wahrheit jedoch auch ein handfester Krimi, in dem nicht alles so ist wie auf den ersten Blick vermutet und die Gefahren für Lia sich nicht darauf beschränken, in weltanschauliche Verirrungen abzugleiten. Gegen Ende des Buchs wartet dementsprechend noch einmal reichlich Action zum Mitfiebern, bevor sich aufklärt, wer genau die mittlerweile doch recht stattliche Anzahl von Mordopfern auf dem Gewissen hat und warum. Zugegeben, ein wenig Glück ist hier für Lia dabei, weil die Schuldigen sich sehr gesprächig zeigen und so nett sind, manche bis dahin im Dunkeln gebliebenen Zusammenhänge zu erläutern, statt erst einmal die Ermittlerin aus dem Weg zu räumen, aber spannend liest sich diese Auflösung auf alle Fälle, und auch nachdem die Morde aufgeklärt sind, warten noch einige Überraschungen auf Lia wie auf das Lesepublikum.

So bietet Lias Wahrheit neben allen ernsten Themen, die ausgelotet werden, vor allem auch gute, flott zu lesende Unterhaltung, die neugierig auf weitere Geschichten aus Sascha Raubals Feder macht.

Sascha Raubal: Lias Wahrheit. Ein Krimi aus der fernen Welt der Abartigen. Eberfing 2025 (E-Book). 
ISBN: 978-3-384-73931-5

 


Genre: Roman