Zurück

Zurück – phantastische Geschichten: So lautet der Titel einer neuen, von Petra Hartmann und Andrea Tillmanns herausgegebenen Anthologie, und er ist Programm. Denn was die zwölf Geschichten der acht beteiligten Autorinnen gemeinsam haben, ist jeweils das Motiv der Rückkehr (ob nun der Hauptfigur selbst oder anderer Gestalten), das aber so vielfältig umgesetzt ist, wie die Texte es auch in Stil, Tonfall, Länge und Inhalt sind. Düsteres und Bedrückendes steht neben Hoffnungsvollem, und sehr schwarzen Humor gibt es ebenso wie leichtfüßigeren und augenzwinkernden.

Den Auftakt macht lyrisch und nicht ohne Pathos Linda Budinger mit Im Reich der Bilder und stellt die aus Tennysons Ballade bekannte Lady of Shalott in den Mittelpunkt: Die zu ewigem Weben verdammte, einsam in einem Turm eingesperrte Elaine erkennt, dass sie sich ihr Schicksal selbst zuzuschreiben hat – aber gibt es nicht vielleicht doch Hoffnung auf eine Rückkehr in die Außenwelt und eine ganz reale Begegnung mit dem Artusritter Lancelot, den sie aus der Ferne verehrt und für den ein Produkt ihrer Handarbeitskunst ungeahnt wichtig wird? Ihren Reiz gewinnt die Geschichte daraus, dass neben der von Tennyson entlehnten Grundhandlung auch noch Elemente keltischer Feenmythen und unglückliche Dreiecksbeziehungen – typisch Artusroman gleich in doppelter Ausführung – eine Rolle spielen.

Ein völlig anderer Ton prägt Ulrike Reinekes Rückkehr eines Vampirs: Vampir Leopold – kein sonderlich netter Vertreter seiner Art, der zur Stillung seiner Begierden munter über Leichen geht – ist nicht erfreut, nach sechshundertjährigem Schlaf zu erwachen und sein Schloss in den Händen einer Filmcrew vorzufinden. Von den Tücken des modernen Lebens will er sich freilich dennoch nicht aufhalten lassen, um seinen Willen zu bekommen, hat aber vielleicht nicht alles vorausbedacht … Bei diesem Text darf man nicht zu sehr über die Stimmigkeit im Detail nachdenken (etwa ob Leopolds Vorgeschichte tatsächlich auf halbwegs realistische spätmittelalterliche Verhältnisse passen würde); im Vordergrund steht schwarzhumoriger Grusel, bei dem es für alle Seiten recht erbarmungslos zugeht.

Nachdenklicher, melancholischer und literarischer wird es in Von Lehm zu Lehm von Andrea Tillmanns: Ein Golem sucht nach dem Verlust seines Herrn auf ganz eigene Art seinen Platz im Leben und tritt durch eine besondere Entscheidung, die er trifft, aus der ihm vorherbestimmten Rolle heraus – freilich nur für eine gewisse Zeit mit Erfolg, den am Ende schließt sich auf ebenso traurige wie stimmige Weise der Kreis zum Anfang.

Gabriele Behrend setzt mit Susi Stichling auf der Suche nach sich selbst auf Humor und unerwartete Perspektivverschiebungen: Ein Kaktusmädchen mit ungewöhnlicher Freundin gelangt nur schrittweise zu einer unerwarteten Selbsterkenntnis, die aber vielleicht doch gar nicht so hilfreich ist wie erst erhofft. Warum alles Spitze und Stechende in dieser Geschichte ein zentrales Element bildet, wird erst relativ spät enthüllt, aber die Wendung ist unterschwellig gut vorbereitet.

Der blutrote Möwenschild von Petra Hartmann dagegen führt, ebenso ausgefeilt im Weltenbau wie düster und atmosphärisch dicht, nicht das Lesepublikum aufs Glatteis, sondern den Prinzen Ardua in eine kalte Tundra, in der er, begleitet von einer Hexe und einer Söldnerschar, auf der Suche nach seinem vor langer Zeit verschollenen Großvater ist. Doch die unwirtliche Landschaft ist nicht das einzige Problem: In bester Beowulf-Manier beginnt ein allnächtlich umgehendes Ungeheuer, die Ponys des kleinen Trupps nach und nach blutig niederzumetzeln, und wenn man dem gehörlosen Jäger Umkarhu, dem die Reisenden begegnen, glauben kann, muss das Monster ein Frysboern sein, ein besonders gefährliches Wesen, gegen das nur rohe Gewalt hilft. Aber da Umkarhu zugleich auch den titelgebenden Möwenschild zu erkennen scheint und damit etwas über den Verbleib von Arduas Großvater wissen könnte, wird der einmal begonnene Weg fortgesetzt, und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf …

Mehrere Generationen einer Familie sind auch in Christel Schejas Beitrag Die Schatten alter Zeit von Bedeutung. Das junge Paar Kyrsthin und Denain muss aus seiner Heimat fliehen und gelangt in die von Kyrsthins Ahnen, deren stattliches Herrenhaus nur noch als Ruine erhalten und in der Gegend als Spukort verrufen ist. Kyrsthin erkennt, dass sie ein einst von ihrer Urgroßmutter gegebenes Versprechen einlösen muss, um die dort umgehenden Seelen Frieden finden zu lassen. Aber damit ist es nicht getan, denn zumindest einer der Geister erweist sich als auf ungute Art anhänglich, und so gerät Jahre später, als auf dem wiederhergestellten Anwesen eine Hochzeit bevorsteht, Duvac, der Sohn von Kyrsthin und Denain, in eine bedrohliche Lage, als er Interesse an der zur Feier angereisten Alorien zeigt … Der Hinweis, dass die Geschichte schon 1994 zum ersten Mal erschienen ist, vergegenwärtigt einem, dass die Fantasy in den letzten drei Jahrzehnten trotz aller vielversprechenden neuen Wege auch, zumindest in ihrem Mainstream und gerade dort, wo es um Liebesgeschichten geht, viel verloren hat: Die Schatten alter Zeit entziehen sich jeglichem Herunterbrechen auf eine einfache Formel, und die schiere Erzählfreude, mit der hier eine Welt, die auch als Kulisse für einen Roman reichen würde, entworfen und erkundet wird, tut beim Lesen wohl.

Kürzer und verstörender ist Großmutters Spieluhr von Andrea Tillmanns, auch wenn hier ebenfalls das Thema eines mehrere Generationen treffenden Unheils aufgegriffen wird. Die Ich-Erzählerfigur erbt nach dem Tod ihrer Mutter die noch von deren eigener Mutter, die in der Psychiatrie endete, stammende Spieluhr, zu der es eine besondere Gebrauchsanweisung gibt, die man tunlichst nicht ignorieren sollte … Natürlich kommt es so übel, wie es kommen muss, und das macht ganz am Schluss die zu imaginierende Erzählsituation etwas verwirrend (denn wem wird die Geschichte eigentlich erzählt?).

Unheimlich, aber auf ganz andere Art, geht es auch in Linda Budingers Mönchsborn zu. Den Namen trägt ein altes Freibad, da ein bei seinem Bau gefundener Matronenstein fälschlich zunächst als Mönchsdarstellung gedeutet wird, und die Ich-Erzählerfigur, tief im Masterarbeitsstress, möchte glückliche Kindheitserinnerungen wieder aufleben lassen, indem sie sich einen nicht ganz legalen, aber umso vergnüglicheren nächtlichen Freibadbesuch gönnt. Doch nicht nur der Gedanke an den früher so gefürchteten Bademeister und seine Trillerpfeife macht ihr dabei einen gehörigen Strich durch die Rechnung … Spaß an dieser Geschichte macht vor allem, dass der mysteriöse Vorfall, der sich ergibt, nicht bis ins letzte Detail erklärt wird und dadurch die Qualität des Gruseligen, außerhalb der Normalität Stehenden bis zum Schluss bewahren kann.

Alexandra Balzer lässt in ihrer keltisch inspirierten Geschichte Im Nebel die junge Morna auftreten, die – kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen – nicht nur mit ihrem lästigen Bruder und ihren Alltagspflichten hadert, sondern auch im Stillen an ihrer Eignung zu einem typischen Frauenleben mit Ehe und Mutterrolle zweifelt. Lieber würde sie in die Fußstapfen des örtlichen Druiden Kerut treten, aber um diesen Weg zu beschreiten, müsste sie sich Prüfungen unterziehen, vor denen sie Respekt hat. Ein Angriff auf ihr Heimatdorf scheint ihr die Entscheidung abzunehmen, und auf einmal findet sie sich mit einer Verantwortung belastet wieder, mit der sie niemals gerechnet hätte … An diesem Text funktioniert besonders gut, wie er schleichend und in nicht nur durch den titelgebenden Nebel verhüllter Form Themen wie die Rolle von Spezialisten für das Übernatürliche für vor- und frühgeschichtliche Gemeinschaften, aber auch die Bedeutung von (Menschen-)Opfern auslotet.

Sind die bisherigen Geschichten allesamt der Fantasy im weitesten Sinne zuzuordnen, führt Gabriele Behrends zweiter Anthologiebeitrag Der Kuss in die Science-Fiction. Ein Biologe, der sich als Freiberufler durch den Weltraum schlägt, ist auf der Suche nach einem Heilmittel für seinen kranken Sohn und ergeht sich in Erinnerungen an die Frühzeit von dessen Kindheit und seiner Ehe, während sich Stück für Stück erweist, dass die Situation, in der er sich befindet, weitaus verstörender ist, als es zunächst den Anschein haben könnte … Aber was ohnehin schon schlimm genug wäre, nimmt mit bitterer Ironie noch eine Wendung, die trotz eines hoffnungsvollen Elements eigentlich doppelt tragisch ist.

In Fernreiseabkommen von Andrea Tillmanns ist die junge Julia auf der Suche nach einem Probenraum für ihre Band und hat wenig Verständnis dafür, dass ihr Großvater ihr dafür nicht seine alte Gartenhütte zur Verfügung stellen will und seltsame Ausflüchte macht. Kein Wunder, dass sie und ihre Freundinnen nun erst recht neugierig werden und das Geheimnis um die Hütte zu lüften versuchen. Doch was sie entdecken, wirft nur noch mehr Fragen auf und führt dazu, dass Julia sich auf einen riskanten Selbstversuch einlässt … Die Wendung, die alles dann nimmt, sieht man nicht unbedingt kommen, und sie lässt einen dank viel Charme und Witz sehr amüsiert zurück.

Den Abschluss bildet, weitaus düsterer, Das Lied der Black Raven von Fabienne Siegmund. Auf einem seelenfangenden Schiff erzählt eine einstige Piratenkapitänin ihre Geschichte, die mystisch und finster daherkommt, aber jäh von einem unerwarteten Besuch durchbrochen wird: Ein kleines Mädchen ist auf der Suche nach seiner Mutter … Was den intensiven Text ausmacht, ist in hohem Maße seine sprachliche Gestaltung, die ihm tatsächlich fast eher einen balladenhaften Charakter verleiht.

Alles in allem bietet die Anthologie so für fast jeden Geschmack etwas, und verschiedene der Geschichten machten Lust auf mehr aus der Feder ihrer jeweiligen Verfasserin. Dass man, dem Titel getreu, irgendwann noch einmal den Weg zurück ins Buch sucht und einzelne Lieblingstexte noch einmal liest, kann man sich ebenfalls sehr gut vorstellen.

Petra Hartmann, Andrea Tillmanns (Hrsg.): Zurück – phantastische Geschichten. Hamburg, BoD, 2026, 268 Seiten. 
ISBN: 978-3-6963-5181-6

 

 

 


Genre: Anthologie, Erzählung