Mit fremden Augen

Im ländlichen Andergast haust der Halbork Vargas als Jäger mit seiner Wildsau Rosi in einer verfallenen Burgruine. Damit, bei den Menschen in der nahen Ortschaft bestenfalls geduldet, aber nicht wirklich willkommen zu sein, hat er sich abgefunden, und so halbwegs auch damit, dass aus seiner stillen Liebe zu der Wirtin Mahia vermutlich nie mehr werden wird als ein großer Traum. Doch als unversehens ein geflügeltes Auge in einer seiner Fallen landet und Mahia ihn an den jüngst in die Gegend gezogenen Gelehrten Salbei verweist, ist das der Auftakt zu einem Abenteuer, das für Vargas alles auf den Kopf stellt. Denn was als noch halbwegs harmlose Suche nach einer Höhle voller alter Bilder, die Antworten auf so manche Fragen bieten könnten, beginnt, bringt ihn nicht nur in Kontakt mit einer Dämonenbündlerin, sondern führt ihn auch in die Hafenstadt Havena, wo er unter Mordverdacht gerät und bald auch noch vor ganz anderen Schwierigkeiten steht  …

Zugegeben, auf den ersten Blick scheint Mit fremden Augen von Jasper Nicolaisen ein ganz typischer DSA-Roman zu sein: Ein relativ begrenztes Hauptfigurenensemble wird in eine Reihe von wilden Erlebnissen verwickelt, die von krachender Action, Blutvergießen, magischen Artefakten aller Art, gelegentlichen Anzüglichkeiten und Monstern (darunter einige, die fast schon eher in die Horrorliteratur passen würden) geprägt sind. Man kann das episodenhaft aufgebaute Buch auch zweifelsohne bloß als flotte Unterhaltung weglesen, aber zwei Aspekte lassen einen bei der Lektüre dann doch aufmerksamer und nachdenklicher werden, als man es bei einer üblichen Rollenspielgeschichte vielleicht wäre.

Der eine ist das Maß an Selbstironie, mit dem Nicolaisen nicht nur den von jeher recht wüsten und heterogenen Weltenbau des Settings Aventurien ausnutzt und hervorhebt (wenn Vargas etwa in der Kanalisation auf Graffiti mit sprachlichen Anklängen an alles von der Antike über das Arabische bis hin in den altnordischen Bereich stößt), sondern auch ganz wörtlich eskapistisches Lesen und Schreiben zum tragenden Element der Handlung macht und ganz am Ende sogar eine augenzwinkernde Anspielung auf den Reiz des Rollenspiels im Vergleich zum rein passiven Konsum einer Erzählung unterbringt. Denn Vargas ist nicht nur Jäger und nolens volens auch Abenteurer, sondern zugleich durchaus ein Mann mit literarischen Interessen. Mögen sie auch in seiner Jugend ihren Ausgang mit seiner Begeisterung für einen reißerisch illustrierten Abenteuerroman genommen haben (dessen mehrfach erwähnte barbusige Sphinx man sich gar nicht anders als in bester Pulp-Manier gezeichnet vorstellen kann), später wird ihm auch das Sammeln und Aufschreiben nicht nur eigener Geschichten wichtig, und die Gefahren, denen er sich stellen muss, lauern teilweise auch in Texten aller Art.

Die andere und vielleicht entscheidendere tiefere Ebene ist jedoch das Thema, das sich in dem Titel Mit fremden Augen bereits andeutet (auch wenn man in ihm, wenn man unbedingt möchte, sicher auch einen Hinweis auf die im Dienste finsterer Wesenheiten spionierenden geflügelten Augen sehen kann). Fast leitmotivisch kommt immer wieder zur Sprache, wie sehr gerade die von der Gesellschaft an den Rand Gedrängten dazu neigen, sich selbst mit den Augen anderer zu sehen und sich bei allem Leid unter ihrer Außenseiterrolle doch  auch auf das einzulassen, was die dominante Gruppe ihnen einreden will. Mahia etwa (die parallel zu den Unternehmungen des sie überwiegend aus der Ferne verehrenden Vargas ein eigenes Abenteuer erlebt) kann zwar wenig mit den klassisch an eine Frau herangetragenen Erwartungen der Anpassung an, wenn nicht gar Unterwerfung unter einen Mann und der Mutterschaft anfangen, glaubt aber, sich ihnen schlicht nicht auf die Dauer entziehen zu können, und auch diejenigen, die es wagen, gewisse Spielräume zu nutzen (und etwa in einer langjährigen lesbischen Beziehung zu leben, ohne es mit der Treue ganz so genau zu nehmen), sind zumindest bestrebt, den äußeren Schein zu wahren.

Gelegentlich erwächst aus der geteilten Erfahrung des Nicht-Dazugehörens Hilfsbereitschaft untereinander, wenn nicht gar Freundschaft. Doch nicht alle, die zu Opfern von Diskriminierung, Mobbing und Missbrauch geworden sind, erweisen sich als so im Grunde liebenswerte Underdogs wie Vargas selbst. Das Gefühl, im Leben zu kurz gekommen oder schlecht behandelt worden zu sein, führt, auch wenn es noch so berechtigt ist, bei manchen Figuren nicht zu Mitgefühl, sondern zu Egoismus, Machtstreben und nicht zuletzt auch der Bereitschaft, sich auf Pakte mit dämonischen Mächten einzulassen. Parallelen zum realen Leben drängen sich angesichts dieser Beobachtung natürlich auf, und es finden sich auch weitere Seitenhiebe auf die Gegenwart, etwa auf die sogenannte Künstliche Intelligenz (wenn der aufkommende Buchdruck Vargas überlegen lässt, ob eine Maschine denn jemals einen Schreiber ersetzen könne).

So ist Mit fremden Augen am Ende zweierlei: Einerseits ein schwungvolles Abenteuer, das seiner Leserschaft den Spaß an Kämpfen und Chaos gönnt, andererseits aber auch unterschwellige Mahnung, sich zwar nicht zu sehr von anderen bestimmen zu lassen, aber über die Selbstbehauptung auch nicht Mitmenschlichkeit und Anstand zu vergessen. Zu guter Letzt übrigens noch eine kleine Warnung: Bärenfans müssen beim Lesen von Mit fremden Augen mindestens so tapfer sein wie weiland bei der Karl-May-Lektüre.

Jasper Nicolaisen: Mit fremden Augen. Ein Roman aus der Welt von Das Schwarze Auge. Erkrath 2026.
ISBN: 978-3-946502-74-6


Genre: Roman