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Der Schatten des Todes

Sidney Chambers ist anglikanischer Pfarrer im Dorf Grantchester in der Nähe von Cambridge und könnte dort eigentlich ein beschauliches Leben führen, um sich – man schreibt das Jahr 1953 – von seinen Kriegserlebnissen zu erholen. Doch nach der Beerdigung eines Anwalts sucht ihn die heimliche Geliebte des Verstorbenen auf und vertraut ihm an, dass sie überzeugt ist, dass der Mann ermordet wurde. Und ein Pfarrer, mit dem man offen reden kann, ist doch wohl der ideale Ermittler, um ihrem Verdacht nachzugehen? Sidney zieht dann doch lieber seinen Freund von der Polizei, Inspector Geordie Keating, zurate, der erst nicht an ein Verbrechen glauben will – nur, um bald eines Besseren belehrt zu werden. Das ist für den jungen Geistlichen der Auftakt zu einer ungeahnten Detektivkarriere …

Der Schatten des Todes enthält sechs Kurzkrimis, nimmt aber in gewisser Weise eine Zwischenstellung zwischen Roman und Geschichtensammlung ein, da die einzelnen kleinen Erzählungen, chronologisch angeordnet und auch über den Protagonisten hinaus durch wiederkehrende Figuren eng miteinander verflochten, eine übergreifende Hintergrundhandlung haben. Durch die im Buch schon angelegte Serienstruktur waren Sidney Chambers‘ Abenteuer natürlich für eine Fernsehverfilmung prädestiniert. Wer – wie die Rezensentin – erst durch die TV-Serie Grantchester überhaupt auf James Runcies Geschichten um den neugierigen Pfarrer aufmerksam geworden ist, wird allerdings eine Überraschung erleben, denn abgesehen vom ersten Fall, der denselben Titel wie das ganze Buch trägt, sind die Abweichungen zwischen dem Original und der Adaptation nicht nur inhaltlich beträchtlich.

Während in Grantchester bei allem immer wieder aufblitzenden Humor Dramatik und sozialkritische Aspekte betont werden, fehlen diese zwar auch im Buch nicht, wirken aber weniger plakativ. Runcie schreibt eher im Tonfall eines klassischen englischen Krimis irgendwo zwischen Agatha Christie und Dorothy L. Sayers, aber mit viel Augenzwinkern, Selbstironie und auch Nachdenklichkeit. Nicht jede Episode handelt dabei von einem Todesfall (auch wenn selbstverständlich mehrere Mörder ihr Unwesen treiben): Manchmal verschwindet auch nur etwas Wertvolles wie etwa ein Verlobungsring oder ein Gemälde und muss wieder aufgespürt werden. Gelegentlich führt ein Ausflug nach London auch einmal aus dem – wenn auch nicht ungetrübten – dörflichen Idyll fort.

Wie es sich für einen anständigen Detektiv gehört, hat Sidney Chambers natürlich auch ein Umfeld aus mehr oder minder schrägen Typen (vom Hilfsgeistlichen mit Faible für Philosophie und russische Literatur bis hin zur resoluten Haushälterin, die ihren verschollenen Ehemann noch am Leben wähnt, weil er sich in spiritistischen Sitzungen partout nicht kontaktieren lassen will). Zwei recht gegensätzliche Damenbekanntschaften garantieren dem Pfarrer ein interessantes Privatleben, und wie er zwischen Liebeswirren und Verbrechensaufklärung auch noch zu einem Hund kommt, liest sich vergnüglich und sympathisch.

Wer bei seiner Lektüre ständig atemlose Aufregung braucht, wird sie hier eher nicht finden (obwohl es durchaus sehr spannende Passagen gibt), aber alle, die Freude an Krimiunterhaltung in bester Genretradition haben und beim Lesen gern auch etwas ins Schmunzeln kommen, können sich hier ein paar entspannte Stunden in der englischen Nachkriegszeit gönnen.

James Runcie: Der Schatten des Todes. Sidney Chambers ermittelt. Hamburg, Atlantik (Hoffmann & Campe), 2. Aufl. 2017, 416 Seiten.
ISBN: 978-3-455-00045-0


Genre: Anthologie, Roman