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Der letzte Zug nach Schottland

Inspector Alan Grant ist überarbeitet und einem Nervenzusammenbruch nahe. Ein paar Wochen Angelurlaub bei seiner Cousine Laura und deren Familie in Schottland sollen ihm helfen, wieder zu sich selbst zu finden. Doch als er, am Ziel angekommen, den Nachtzug verlässt, beobachtet er, wie der Schaffner in einem Abteil einen Toten findet, und sammelt aus alter Gewohnheit eine herumliegende Zeitung auf. Natürlich ist Grant nicht für den Fall zuständig, und der scheint rasch geklärt: Offenbar hat der Verstorbene nur zu viel getrunken und ist dann unglücklich gestürzt. Ein bedauerlicher, aber nicht weiter weltbewegender Unfall also – wäre da nicht die von Grant stibitzte Zeitung, auf der jemand ein unvollständiges, geheimnisvoll anmutendes Gedicht notiert hat, in dem singender Sand und der Weg ins Paradies von zentraler Bedeutung zu sein scheinen. Eine letzte Botschaft des Toten? Die Frage lässt Grant nicht los, und statt sich zu erholen, beginnt der kranke Polizist privat zu ermitteln. Bald ahnt er, dass er es in Wahrheit mit einem perfiden Mord zu tun hat, dessen abenteuerliche Hintergründe sich erst nach und nach herauskristallisieren  …

Die 1952 verstorbene Schriftstellerin Josephine Tey ist im deutschen Sprachraum wahrscheinlich vor allem für Alibi für einen König bekannt, ein Buch, in dem der nach einem Beinbruch bettlägerige Grant vom Krankenhaus aus und mit knapp 500 Jahren Abstand herauszufinden versucht, ob der englische König Richard III. tatsächlich seine Neffen auf dem Gewissen hatte. Neben weiteren Romanen, Dramen und Erzählungen hat sie jedoch auch noch andere Krimis um Inspector Grant verfasst, von denen Der letzte Zug nach Schottland (im Original: The Singing Sands) tatsächlich auch der letzte ist. Bei Kampa ist er unter dem Imprint Oktopus nun in der Übersetzung von Manfred Allié mit einem Nachwort der bekannten Krimiautorin Val McDermid wiederveröffentlicht worden.

Im direkten Vergleich ist Alibi für einen König dabei das bessere Buch, denn – so viel sei vorab verraten – im Letzten Zug nach Schottland führt Tey in die Ereignisse, die sich als ursächlich für das Mordmotiv entpuppen, ein absolut verzichtbares spezielles Element ein, das so unwahrscheinlich wirkt, dass es in einem phantasievollen Abenteuerroman des 19. Jahrhunderts besser aufgehoben wäre als in einem ansonsten mehr oder minder realistischen Krimi. Sieht man von diesem speziellen Detail jedoch ab, ist Der letzte Zug nach Schottland ein sehr spannender und unterhaltsamer Roman, der nicht nur durch stimmungsvolle Beschreibungen von Landschaft und Atmosphäre besticht, sondern auch durch seine gekonnt gezeichneten, teilweise herrlich verschrobenen Charaktere, unter denen Pat, der kleine Sohn von Grants Cousine, mit seinem Berufswunsch „Revolutionär“ und seinen liebevoll porträtierten kindlichen Eigenarten besondere Erwähnung verdient.

Aber auch Grant selbst ist eine besondere, für die Entstehungszeit des Romans ungewöhnliche Figur. Modern ausgedrückt leidet er an einem Burnout, der mit Angstzuständen und Attacken von Klaustrophobie einhergeht, und wie er sich mit seinen psychischen Problemen auseinandersetzt, ist durchaus mitfühlend und sensibel geschildert. Auch in anderen Punkten war Teys Blick auf die Welt ihrer Zeit wohl voraus, wie McDermid in ihrem Nachwort im Hinblick auf die androgyne Figur Zoë Kentallen – eine Grant nicht ganz gleichgültige Schulfreundin von Laura – und auf latent anklingende homoerotische Motive herausarbeitet.

In manchen Punkten dagegen ist Der letzte Zug nach Schottland ein Produkt seiner Epoche, etwa in seinen pauschalen Aussagen über den angeblichen Charakter bestimmter Nationen und den aus heutiger Sicht rassistisch anmutenden, wenngleich nur im Nebensatz geäußerten Bedenken gegen die Vermischung unterschiedlicher Ethnien. Anderes wirkt allerdings immer noch frisch und zeitlos, so zum Beispiel der bissige Humor, mit dem Esoterisches, Geltungsdrang aller Art und literarisch hochgelobte, aber real enttäuschende Reiseziele aufs Korn genommen werden. Alles ist allem ist der Roman so auch noch über 70 Jahre nach seinem ersten Erscheinen durchaus lesenswert und eine lohnende Entdeckung für alle Krimifans.

Josephine Tey: Der letzte Zug nach Schottland. Zürich, Oktopus (Kampa), 2023 (Original: 1952), 336 Seiten.
ISBN: 978-3-311-30032-8


Genre: Roman