Das hier besprochene Buch ist Teil einer Reihe. Ein weiterer Band daraus ist auf Ardeija.de hier rezensiert worden.
London in den 1920er Jahren. Vor der letzten Vorstellung eines beliebten Stücks steht eine wahre Menschenmenge vor einem Theater an, doch plötzlich bricht ein junger Mann, ein auffälliges Messer im Rücken, zusammen. Trotz der Überfülle von Anwesenden hat angeblich niemand etwas von dem Mord mitbekommen, und Inspector Alan Grant steht vor einem Rätsel. Schon die Identität des Toten festzustellen, dauert eine ganze Weile, und selbst als sein Name endlich bekannt ist, wirft das mehr Fragen auf, als es beantwortet. Denn eigentlich, so scheint es, hatte niemand einen Grund, den eher unauffälligen Albert Sorrell, der sein Geld als Buchmacher verdient hatte, nun aber nach Amerika gehen wollte, aus dem Weg zu schaffen. Könnte er also ungeahnte Verbindungen zum organisierten Verbrechen gehabt haben, oder haben seine frühere Vermieterin und sein ehemaliger Mitbewohner, die sich höchst verdächtig verhalten, etwas zu verbergen? Als Grant endlich eine heiße Spur zu haben meint, die er bis nach Schottland verfolgt, erweist sich doch noch einmal alles als ganz anders als erwartet …
Der Mord in der Schlange, Josephine Teys erster Roman um Alan Grant, erschien im Original 1929, und bis zu einem gewissen Grade merkt man dem Buch seine Entstehungszeit und die Tatsache, dass es das Krimidebüt seiner Verfasserin war, an: Einige der Ermittlungsmethoden und der Verhaltensweisen der Polizei in Zeugenbefragungen wirken aus heutiger Sicht heillos naiv, und auch wenn es sich für die Auflösung des Falls später als hilfreich erweist, dass Grant früh in der Geschichte in einem Gespräch unbedacht Täterwissen preisgibt, ist es doch nicht das Vorgehen, das man von einem erfahrenen Inspector erwarten würde. Auch kommen Teys Stärken – die präzise Schilderung teilweise herrlich schräger Figuren und der Umgebung, in der sie sich bewegen – eigentlich erst in der zweiten Hälfte des Buchs richtig zum Tragen, während am Anfang alles noch etwas zu gerafft und geradlinig vorwärts geht und man mancher Szene ein, zwei Seiten mehr Platz wünscht, um sich zu entfalten.
In anderer Hinsicht dagegen ist die Geschichte ziemlich gut gealtert, denn die Vorurteile des Ermittlers und die Bedeutung, die er aus ihnen heraus bestimmten Indizien zumisst, werden im Laufe des Buchs Stück für Stück dekonstruiert, bis am Ende kaum noch etwas von der Einschätzung übrig ist, die er sich auf den ersten Blick von dem Fall gemacht hat. Ob nun Annahmen über Fähigkeiten und typische Eigenarten von Männern und Frauen oder die Einordnung „ausländisch“ anmutender Personen als prinzipiell wenig vertrauenerweckende Gestalten, Grant wird damit konfrontiert, dass er sich zu sehr von eingefahrenen Überzeugungen hat leiten lassen, und man darf wohl mit Fug und Recht vermuten, dass seine ironische Reaktion ganz am Schluss auf die Frage nach dem „Schurken“ in dem Fall auch ein wenig Selbsterkenntnis widerspiegeln soll. Denn dass der Polizist hier nicht der durch und durch „Gute“ und Klügere ist, sondern in bester Absicht einen folgenschweren Fehler begeht, ist sicher eines der zeitlosesten und aktuellsten Elemente dieses Krimis.
Teys bisweilen etwas bissiger Humor kommt im Mord in der Schlange noch nicht so sehr zum Vorschein wie in ihren späteren Büchern, aber Ansätze sind schon vorhanden, vor allem in einigen Szenen von hoher Situationskomik (als es etwa zu einer perfiden Attacke per … Pfefferstreuer kommt). Insgesamt liest sich die Geschichte in der Übersetzung von Alfred Dunkel, die von 1972 stammt, aber an die moderne Rechtschreibung angepasst wurde, dennoch leicht und unterhaltsam weg und bietet einen interessanten Einblick in die Anfänge einer Autorin, die mit wachsender Routine und Erfahrung noch besser wurde, aber auch hier schon keinesfalls schlecht schreibt.
Josephine Tey: Der Mord in der Schlange. Inspector Grants erster Fall. Anaconda (Penguin Random House), München, 2024 (Original: 1929), 192 Seiten.
ISBN: 978-3-7306-1408-2